Nr. 66 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Dienstag, 9. März 1929
Turnen, Sport und Spiel.
Fechten fm Turngau Hessen D. T.
Die Mannschaft des Turngaues Hessen besteht ehrenvoll im Kamps gegen den Gau Arank.urt a. M.
bpto. Bad-Rau heim. 18. März. Ein hochstehendes tnrnsportliches Ereignis war der Gau- mannschostskampf im Florett, den die Gaue Frankfurt und Hessen gestern vor einem zahlreichen, lebhaft interessierten Publikum in der Turnhalle des Turnvereins 1860 hier aus- trugen. Da die Aufstellung der beiden Parteien gegenüber den Angaben in der Vorschau sich etwas geändert hatte, seien hier nochmals die besten Altmanncn beider Gaue genannt, die auf der Kampfstätte erschienen. Es fochten vom Gau Hessen: L. Gerhardt, Tv. 1846 (Ziehen; Karl Kühn, Tgm. Friedberg; Karl Mulch, Tv. Wetzlar; Gg. S ch u ch a r d t, T.» u. Spv. Marburg; Karl Hahn, Tv. 1860 Bad-Rauheim; Peter Pfeffer, Tv. 1860 Bad- Rauheim. Die gegnerische Mannschaft setzte sich wie folgt zusammen: A o t f u h, Tgm. Dornheim; Le st i, T.- u. Fechtklub Frankfurt a. M.; G l ü ck, Tgm. Eintracht Frankfurt a. M.; Doti, Tgm. Dockenheim, Pieper, Tv. Vorwärts Docken- Heim; Frisch, Tv. 1860 Frankfurt a. M.
' Der unter der Leitung von Gaufechtwart Mahl (Frankfurt a. M.), Rietzsch (Bad-Rauheim) und G r o o s (Marburg) stehende Kampf bestand aus 36 Einzelgefechten, die mit äusserster Schärfe geführt wurden, einen ganz vorzüglichen Sport boten und fast ohne Ausnahme spannend verliefen. Das Lieber rasch ende für beide Parteien war die Ausgeglichenheit des Kampfes, bedingt durch die fast gleichwertigen Mannschaften, in deren Reihe nicht ein einziger Kämpe war, der ungeschlagen blieb.
Zu Deginn des Waffengangs lagen Frankfurt Und Hessen abwechselnd in Führung. Rach dem 7. Gefecht schaffte sich Frankfurt aber etwas vor, und mit dem Stand von 10:8 Siegen ging es nach dem 18. Treffen in die Pause. In der zweiten Hälfte des Kampfes behaupteten die Frankfurter zunächst noch ihren Vorsprung. Bei dem Stand 17:13 durften sie sogar bestimmt mit dem Endsieg rechnen. Aber Hessen holte zum Schluss ganz überraschend auf. Allein von den fünf letzten Gängen konnte es vier für sich entscheiden. Das letzte Gefecht sah den Frankfurter R o t f u h und den Hessen Pfeffer, zwei gefürchtete Linkshänder, gegenüber. Roch hatte Frankfurt die Möglichkeit des Sieges. Doch mit 3:2 Treffern kann der Hesse siegen und so das Gesamtergebnis mit 18:18 Siegen auf älnentschieden stellen.
Der Gau Hessen darf auf diesen moralischen Erfolg stolz sein, der ihn ebenbürtig neben die Llltmannen Frankfurts, der Hochburg des deutschen Fechtens, stellte. Im Gau Hessen hat wohl kaum jemand mit diesem Ausgang gerechnet, noch weniger im Gau Frankfurt, dessen Vorschauen mit Testlmmtheit einen vollen Sieg erwarteten.
Die Desten des Gaues Frankfurt waren Rot- f u ss und Glück mit je 5 Siegen und einer Riederlage. Ganz unter Form war L e st i (zwei Siege). In der Hessenmannschaft gefielen besonders Schuchardt (Marburg) und Kühn (Friedberg) mit je vier Siegen. Tapfer hielten sich auch der Wetzlarer Mulch (drei Siege) und der Bad-Rauheim-: r Pfeffer (dreiSiege), wahrend der mehrmalige Gaumeister Hahn, Dad-Rauheim (zwei Siege) und der Giessener Gerhardt (zwei Siege), in denen die Frank
furter ihre stärksten Gegner sahen, nicht in Form 1 waren und mehr oder weniger enttäuschten.
Das Treffen der Turnerfechter verlief in vorbildlicher Harmonie. Der Rückkampf wird im Spätsommer in Frankfurt a. HL ausgewogen. Schwimmen im Gau Hessen D. T.
Beim Tv. 1846 Gießen.
-o- Im Rahmen eines grohangelegten Schauschwimmens gab die Stzwimmobteilung des Tv. 18 4 6 Giessen am Sonntagnachmittag Rechenschaft über den Ertrag ihrer Jahresarbeit. Der Abteilungsleiter des Vereins, zugleich auch Gauschwünmwart im Gau Hessen, Franz Sauer (Giessen), konnte trotz des schönen Frühlingstages nahezu 200 Freunde der Schwimm- sacye und auswärtige Gäste in der Städtischen Schwimmhalle begrüssen, darunter den Gau- schwimmwart des Gaues Frankfurt, Max K i e s ch n i ck , und eine Anzahl hervorragender Schwimmer und Schwimmerinnen aus Frankfurter und O.fenbacher Turnvereinen. Die Er- öffnungs staffel mit 4x4 Dahnen machte als Wettkampf zwischen der Turngemeinde Eintracht 1861 Frankfurt und dem Tv. 1846 Giessen sofort die allgemeine Anteilnahme rege irnd brachte den Giessener Schwimmern den Sieg mit 3,42 Min. Im Laufe der Vor^ührungsfolge zeigte fich Giessen noch einmal dem gleichen Gegner überlegen in einer B u st st a f f e l 4x4 Dahnen mit 4 Min. und gewann das abschliessende Wasserballspiel mit 5:1. In den Leistungen der einzelnen Gruppen der Giessener Abteilung trat eine gute Schulung zutage, so in den Staffeln der Iugendturner, der Turnerinnen, in ihrem fein ausgeprägten Reigen in Verbindung mit mannigfaltigen Formen des Figu- renlegcns, und ganz besonders im Springen. Unter Leitung des Vorschwimmers Hans Geismar nahmen die Jüngsten in flottem Zeitmass immer wieder den Weg über das l-Meter- bzw. 3-Meter-Brett ins Wasser und lösten zum Teil durch ihren kecken Ueber- mut heiteren Deifall aus, während die Turnerinnen und Turner eine reife Uebersicht über einfache, schwierige und schöne Sprünge darboten. Den Höhepunkt im K u n st s p r i n g e n sowohl in ernster Form, als auch in humorvollen Abwandlungen, brachte eine Riege unter der Leitung des mehrfachen- DT.-Meisters bdr Altersklasse, Ludwig Hemmer vom Turn- und Fechtllub Frankfurt a. M. zur Darstellung. Von der Turngem. Eintracht 1861 Frankfurt a. M. nahmen daran teil Herbert Weil und Wilhelmine V e r h e u l, eine frühere DT.-Meisterin, vom Frankfurter Turnv. 1860 Kurt Link, Kurt Bern hold, Anni Kapp, DT.-Meisterin vom Deutschen Turnfest zu Köln und Hermann Storck, DT.-Meister, Jugend von der Turnges. Offenbach a. M., Heinrich Schmidt und Willi R o s s i n , 3. Sieger im Jahnschwimmen zu Halle 1929. Uebersprudelnde Freude am Wasserturnen und besonders am Springen kam in der humoristischen Nachbildung einer großen Olympiade mit entsprechender Preisverteilung zum Ausdruck, bei * der sich die Frankfurter Gäste als Vertreter fremder, z. T. exotischer Nationen, in wirkungsvoller Weise einführten. Als letzte Neuheit fehlte auch der , Raketensprung" nicht, bei dem sich unter großer Heiterkeit ein Springer durch einen Raketenabschuß ins Wasser schießen ließ. Alles in allem war es eine Schau, die durch Ernst und Scherz wohl geeignet war, werbend für die schöne Schwimmsache weiter- zu wirk en.
Zußba'l-Lokattresferr in Gießen.
Am Sonntagnachmittag fand auf dem Platz der Spielvereinigung 1900 der Fußballolalkomps zwischen Spielvereinigung 19 0 0 und V. f. B.- Liga statt. Bei Halbzeit stand das Spiel 3:1 für B. f. V., am Schlüsse 6:2 für V. f.B., Eckcnverbälk nis 5:1 für Spielvereinigung 1900. Näherer 'bericht folgt noch.
Fußball in Großen-Luseck.
Bei günstigem Wetter und unter normalen Plahverhältnissen nahm der F. E. 1 9 2 6 G r o - Hen-Duseck am Sonntag nach längerer Ruhepause die sportliche (Betätigung auf dem früheren Sportplc» wieder auf. Der Sportplatz an der Giessener Stxasse durfte nicht benützt werden, da gegenwärtig die Umarbeiten zur Besserung der Pmtzverhältnifse im Gange sind. Als Gegner war die junge Mannschaft des Fuhballvereins „Teutonia" Steinberg verpflichtet. Die Spieler des Gastvereins zeigten wohl den besten Willen, ein gutes Resultat herauszuholen, doch gelang es nicht, den Halbzeit-Vorsprung der ersten Mannschaft mit 3:0 Toren auszugleichen. Das Spiel wurde mit 5:2 für den Platzverein beendet. Defonders anerkennenswert war diesmal die Ruhe und Feinheit der Spielweife der Platzmannschaft. Die zweite Elf des F. C. hatte sich der ersten Mannschaft von Garbenteich gegenübergestellt. Auch hier war die Mannschaft von Grotzen-Dufeck mit 3:0 Toren beim Schlusspfiff Sieger.
Fußballverein Teutonia 1914,Laubach.
1. Jugend F. C. 1926 Grünberg—1. Jugend F. D. „Teutonia 1914" Laubach 0:5 (0:3). Die weitaus bessere Mannschaft gewann verdient.
2. F D „Tmlcnia 1914" Laub.ch-1. F.C. 1927 Queckborn 3:0 (1:0). Erste HaVzeit gleichmässiges Spiel. Eine schöne Flanke wurde vom Laubacher Halblinken zum ersten Tor gebucht. Rach der Pause überlegenes Spiel Laubachs, bas noch zwei weitere Tore erzielte. Queckborn kam selten an den gegnerischen S.rafraum.
1. F. V. Ettingshausen—1. F. D. „Teutonia 1914“ Laubach 1:1 (0:0). Laubach liess in der ersten Halbzeit einen Elfmeter aus, so gings tor- los - in die Pause. Ettingshausen verwandelte gleich nach Wiederantritt einen Elfmeter wegen Foul und führte nun 1:0, Laubach konnte von den vielen Torchancen nur eine verwandeln und somit den Ausgleich erzielen.
Arbeiter Turn- und Sporibund.
wieseck l — Mainz-Kostheim I 4:0.
Zum dritten Aufstiegspiel hatte Wieseck am Sonntag auf eigenem Platze Mainz-Kostheim zu Gast. Die Platzverhältnisse waren, ausgenommen ein kleiner, vereister Streifen, vorzüglich. Der Anstoss Kostheims wurde abgefangen, und sofort entwickelte sich ein flottes Spiel. Wieseck, gegen die Sonne spielend, wurde trotzdem mehr und mehr überlegen. Die sehr gute Arbeit des jugendlichen Sturmes verdiente hohe Anerkennung, aber auch die Gegenseite war nicht müssig. In der 30. Minute konnte der Mittelstürmer der Einheimischen durch Flachschuss seinen Farben die Führung geben. Wenige Minuten darnach jagte Halbrechts aus kurzer Entfernung das Leder aufs Tor, wo es am Tormann ab- prallte und ins Retz ging. Kurz darnach Halbzeit. Rach Seitenwechsel lag Wieseck wieder im Angriff, doch die sichersten Sachen wurden jetzt
vermasselt. Dann liess Wieseck etwa« nach. Kostheim brachte nun öfters das Tor der Einheimischen in gefährliche (Bedrängnis, doch alle Angriffe wurden abgewehrt. Allmählich drückte Wieseck wieder mit dem Erfolg, dass noch zweimal das Leder zwischen die P,osten kam. Dann machte der sehr gute Schiedsrichter dem spannenden Spiele mit obigem Resultat, Ecken 5:3 für Wieseck, durch Schlusspfiff ein Ende.
Lollar l — Giessen l 6:4»
Eine ilcbcrrcf-jung brachte das Freundschaftsrückspiel obiger Mannschaften, das in Lollar zum Austrag kam. Rachdem Giessen l (Kreisklasse) am Vorsonntag Heuchelheim auf eigenem Platze mit 5:0 abfertigte, hatte man auch in diesem Spiele mit einer Riederlage Lollars, wenn auch nicht in dieser Höhe, gerechnet. (Beide Mannschaften traten komplett an. Es entwickelte sich nach Anstoss sofort ein flottes Spiel, in dem Giessen etwas im Vorteil war. Lollar kam aber allmählich auf. Dis Halbzeit stand die Partie 3:3. Rach Seitenwechsel ging Lollar mastig aus sich heraus und war zeitweise überlegen. DiS Schluss konnte es noch drei Tore erzielen, dem Giessen nur noch eins entgegensetzen konnte. Auch dieses Spiel zeigte, dass es in der ersten Dezirks- ktasse Mannschaften gibt, die mit Willen einen ansprechenden Fussball spielen können.
Heuchelheim I — Siegen I 2:1.
Heuchelheim hatte Gäste aus Dera sechsten Kreise auf eigenem Platze zum Gegner. Siegen (Schwarz- weiss) stellte eine gute Mannschaft, gegen die Heuchelheim alles aufbieten musste, um nicht zu unterliegen. Rach flottem fairen Spiele stand das Resultat 2:1 für Heuchelheim.
{jungen — Raunheim 4:7.
Hungen hatte sich zu einem Freundschaftsspiel Raunheim verpflichte.. (Bei völlig aufgeweichtem Dvden brachte der Anstoss ein flottes Spiel, in dem Hungen in kurzer Zeit zwei Tore erzielen konnte. Run kam Raunheim in Fluss, und in gleichmässigen Abständen sandte es bis Halbzeit viermal ein. Rach Seitenwechsel blieb es noch weiter überlegen und erhöhte seine Torzahl auf sieben. Kurz vor Schluss kam jungen noch einmal auf und konnte zwei Tore aufholen, um sich beim Schlusspfiff mit 7:4 geschlagen zu bekennen. ,
Oppenrod — Burkhardsfelden 2:3.
Auf dem Sportplatz Annerods trafen sich zwei Rachbarn: Oppenrod und Burkhards- f e l d e n , zwei gleichwertige Mannschaften, die sich hier ein flottes, faires Spiel lieferten. (Beim Schlusspfiff des älnparteüschen konnte Burkhardsfelden mit 2:3 als glücklicher Sieger daS Feld verlassen.
Raunheim Jugend — Wieseck Jugend 1:2.
Vor dem Ausstiegspiel trafen sich auf dem Wiesecker Platz Raunheim Jugend — Wieseck Jugend zu einem Freundschaftsspiel. (Bei Halbzeit stand das Spiel 1:1. Rach Seitenwechsel drückte Wieseck etwas mehr und stellte das Resultat bis Schluss auf 2:1 zu seinen Gunsten.
Handball 2. Kompagnie IS Inf.-Reg.
2. Kompagnie 15. I.-R. — D. f. L. Wetzlar 7:5.
Die 2. Kompagnie hatte sich am Sonntag den Lahngau-Meister, V. f. L. Wetzlar, verpflichtet. . V. f. L. trat mit seinem bewährten Mittelstürmer P a u l u s an. Es war für Giessen ein wirk- | liches Propagandaspiel. Beide Mannschaften lie-
Oie Liebe derBrigitta Hollermann (Roman von Elisabeth 7!ey.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
10 Fortsetzung Nachvruck verboten
Keuchend, mit begehrlichen Qlujen, starrte (Bellinger auf (Brigitta, die ihm in ihrem Zorn unendlich reizvoll erschien, und plötzlich stürzte er sich wie ein Ra.ender auf fie, und verbuchte, sie an sich zu pres en. .
Brigitta aber schlug ihn mitten In fein brutales, vertiertes Gesicht, so dass er vor Schmerz nut einem Wutschrei zurücktaumelte.
Roch ehe er sich zu fassen vermochte, war Brigitta aus der Dordiele entflohen.
Rasch hastete sie die mit Teppichen belegte Treppe zu ihrem Zimmer empor, und verschloss, au atmend, hinter sich die Tür. Sie weinte nicht.
Kalt und ernst, mit festem, unabänderlichem Entschluss in dem bleichen, schönen Antlitz, starrte sie einen Moment nachdenklich vor sich hin; dann ging sie sicheren Schrittes zu ihrem Schreibtisch, und warf mit energischer Bewegung einige Zeilen auf einen Briefbogen.
Roch einmal über,log sie bann den Bries, dessen Inhalt an ihre Mutter bestimmt war. Er lautete^tt ich kann dich nicht mehr
Mutter nennen. Du und Isa müssen auf ewig tot für mich fein. Ich verlasse noch in freier Stunde von Ekel und t c stein Ab.cheu gepackt, das Haus. Ihr sollt alles haben, was mir gehört. Ich vermag nicht mehr mit Euch zu teilen. , (Brigitta.
Diesen in flammender Empörung eines unschuldigen, keuschen Mädchenherzens geschriebenen Brief fuDertie.te Brigitta, unb übergab ihn der alten Hanna, die ihr im Vestibül begegnete.
„Gnädiges Friiulein, I c3e3 Sraiuein (Brtgitta, um Gottes willen, wohin gehen S.e? rief Die Alte weinerlich, als sie den t.einen §anbtr>,fer erblickte, Lc.i die junge Herrin für einen Moment vor fich niederge etzt hatte. _
„Weine nicht, Lebe, alte Hanna , sagte -ört- gitta, für einen Moment weich werdend. „Ich kann nicht mehr bleiben, und nun lebe wohl und sorge dich nicht. Ich werde dir schreiben, wo ich zu finden bin. Habe Dank für deine Pflege, du treue Seele."
Bei blc'cn Worten bückte sich (Brigitta Hollermann schnell, unb küsste b e Dienerin auf ble runzlieen Wangen.
Mit" dump em Ton fiel g'eich darauf die Tur ihres Vaterhaufes hinter ihr ins Schloss.
Für immer.
Sie würde nie wieder dahin -uruckkehren.
Seit acht Tagen weilte Brigitta HoNermann nun schon im Hause des alten Sanitätsrat Lühr- mann.
Der alte Herr kannte die Geschichte ihres grossen Leides, denn Brigitta hatte sich ihm völlig anvert.aut, so dass er sie mit offenen Armen aufna nn und eins ah, dass sie unter diesen Umständen nicht im Hause ihrer Mutter bleiben konnte.
(Brigitta Hollermann war sich ihrer Lage vollkommen bewusst, und richtete sich ihr Leben ganz danach ein.
Schon nach zwei Tagen schaltete sie In der Wirtschaft des alten Herrn, als fei dies nie anders getreten.
Zwischen ihr und der ältlichen Haushälterin Jürgens, die seit Jahren dem Iunggesellen- haushalt Vorstand, hatte fich sofort eine besondere Zuneigung herausgebildet. Diese entsprang wohl auch dem Umstand, dass Brigitta dem alten Haus aktotum soviel wie möglich die Arbeit abnahm, so dass die Alte jejt gute Tage hatte.
Oft wehrte jedoch Frau Jürgens Brigittas ilebereifer ab. Diese aber machte ihr allen Ernstes llar, dass sie doch so schnell wie möglich alles erlernen müsse, denn da draussen würde wohl niemand mehr fragen, ob chre Hand zu zart und fein für die Hausarbeit wäre.
War die Arbeit getan, so sah Brigitta Hollermann stundenlang über Ze hingen und Zeitschriften gebeugt, um sie nach Stellungsangeboten zu durchsuwen. Leider hatte |ie mit ihren Bewerbungsschreiben bisher noch fein Glück gehabt.
Manchmal befiel sie Angst, wenn wieder eine Absage ins Haus flatterte, denn schliesslich konnte sie doch des alten Arztes Gastfreundschaft nicht zu lange in Anspruch nehmen.
Wenn sie bei der Heimkehr des Sanitätsrats diesem mit trübem Lächeln einen neuen Absagebrief vorlegte, schmunzelte dieser meist stillvergnügt, denn osfen gestanden gefiel ihm (Brigitta Hollermanns liebe Gesellscha t in feinem Ein- siedlerheim recht gut, und insgeheim wünschte er sich wohl, dass sie noch recht lange bei ihm bleiben möchte.
Er hatte sich von ihr das Prädikat Onkel aus- gebeten, und fie hatte ihm dafür das Fräulein geschenkt.
Somit war ihr Zusammenleben vertraulicher, zwangloser geworden. Gern sieh sich Onlel Lühr- mann gefallen, wenn (Brigitta ihm alltäglich zum Morgenka fce die Frühstücksbrötchen höchst appetitlich herrschte c.
So war bas junge Mädchen auch beute wieder emsig beschäftigt, ihm die leckeren Semmeln, so wie es es liebte, dick mit Honig zu bestreichen, als Frau Jürgens mit der Morgenpost ins Zimmer trat
Sie legt« auch für (Brigitta drei Briefe hin.
„Leider wieder Absagen," erklärte das junge Mädchen nach einer Weile seufzend, zu ihrem Beschützer aufsehend.
Dieser war jedoch völlig in die Lektüre eines Briefes vertieft, unb schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben.
Endlich, nach langer Zeit, liess Sanitätsrat Lührmann das Schreiben sinken, und sah grübelnd auf Brigitta. Diese merkte es nicht, da sie nochmals ihre (Briefe überflog.
Plötzlich legte er feine Hand auf die ihre, und sagte:
„Kindchen, verzeihen Sie, ich war da wohl soeben recht in Gedanken. Ja, ja, wenn man da nun so plötzlich ein kleines Richtchen zu behüten hat, so muss man sich alles reiflich überlegen, ehe man für fie handelt. Habe ich Ihnen schon einmal von meiner Schwester erzählt, der alten Kindermuhme, wie ich fie immer scherzweise nenne?“
„Meinen Sie die alte Dame, die auf Sylt das grosse Kinderheim besitzt?"
„Dieselbe, Brigitta. Meine Schwester schreibt mir selten, höchstens zum Geburtstag oder auch einmal zu Weihnachten. Flattert aber von der Insel da drüben auf einmal zu aussergewöhnlicher Zeit ein Brief ins Haus, so ist da meistens Holland in Röten, unb Schwester Christiane besinnt sich bann jebesmal auf bie Existenz ihres Bruders, und beglückt ihn mit irgendeiner (Bitte.
So ist es natürlich auch heute, denn dieser (Brief hier, der mir erst einiges Kopfzerbrechen Ihretwegen, kleine Brigitta, machte, stammt von meiner Schwester. Christiane weiss sich wieder einmal nicht zu helfen, unb dann muss es schon besonders schlimm stehen. Diesmal ist bie schwesterliche Rot vielleicht eine Hilfe für uns, bas heisst für Sie, liebes Kinb, unb bies war es auch, worüber ich erst mit mir selbst ins reine kommen mutzte. Schniafchnack, wozu langes Reben. Da, Brigitta, lesen Sie den (Brief gleich selbst, und geben Sie mir dann Antwort, ob Sie vielleicht ebenfalls Lust zur Kindermuhme ober meinetwegen auch Kinderschwester hätten. Vielleicht könnten Sie dann schon morgen früh nach Sylt abdampfen. Offen gestanden, mir wäre ein Stein vom Herzen, wenn ich Sie im Schuhe meiner alten Christiane wüßte. Es war mir oft übel genug zumute, wenn ich Sie in Gedanken in die unbekannte Fremde ziehen sah. Die Seeluft kann Ihnen nichts schaden."
Brigitta neigte sich, ernst blickend, über das dargcreichte Scyreiben.
Ein seltsames Gefühl überkam sie dabei. Es war ihr, als verknüpfe sich mit diesen Zeilen irgendwie ihre Zukunft, ihr Leben.
Schwester Christiane schrieb in der ihr eigenen kurzen, etwas derben Art folgende Zeilen an ihren Bruder:
„Liebes altes Bruderherz!
Merkst Du etwas? Ratürlich! Wie könnte eS auch anders fein; denn Geburtstag ist doch noch lange nicht, und das Weihnachtsfest feiern wir erst in vier Wochen. Demnach ist der Grund meines Schreibens ein aussergewöhnlicher. Ich bin wohl und gesund, bis auf etwas Gicht. Ra, und Du fühlst Dich schliesslich auch ganz wohl, wie ich zu Gott hoffen will. Demnach können wir über einander beruhigt fein. Kurz und bündig nun zur Sache. Ich brauche umgehend eine junge Hilfe. Denke Dir, ausgerechnet jetzt bekommen zehn von den drei Dutzend (Bälgern, die ich zu hüten habe, den Scharlach, und zum Lleberfluh legt sich auch noch meine erprobteste, zuverlässigste Kinderschwester. Du könntest also so schnell wie möglich eines Deiner Fühlhörner nach etwas Brauchbarem für mich ausstrecken. Keine moderne Dame, auch nicht zu zart und jung darf fie sein. Hier in die Einsamkeit patzt nur ein ernstes, verständiges Mädchen. Ratürlich muss sie aus guter Familie fein. Wohnung, Beköstigung frei, dazu hundert Mark Monatsgehalt. Ein Jahr feste Verpflichtung. Telephoniere, wenn Du helfen kannst, denn die Sache eilt. Ich hoffe, Du läßt mich nicht im Stich; Verbindungen hast Du ja genug. Schicke mir aber um Himmels willen nicht vor lauter Angst die alte Jürgens.
Gott befohlen
Seine alte Schwester Christiane."
„Run?" Sanitätsrat Lührmann konnte sich dieser kurzen Frage nicht länger enthalten.
Brigitta sah ganz versunken von dem (Brief- blatt auf; bann lächelte sie leise und nickte.
„Ich will, lieber Onkel," sagte sie dabei entschlossen.
„Das freut mich, liebes Kind, aber eS wird nicht leicht für Sie fein. Meine alte Christiane ist eine derbe Frau, jedoch mit einem weichen Herzen. Erst wird sie denken, daß ich nun doch an Altersschwäche leide, wenn ich ihr ein so zartes Persönchen schicke. Erschrecken Sie also nicht gleich, wenn fie erst ein wenig poltert, und so tut, als wenn sie Sie postwendend zurückschicken wollte. Aber werden Sie nicht gleich mutlos. Ich kenne doch meine alte Schwester. Erst recht müssen Sie dann bableiben. Wen Sie erst einmal ins Herz geschlossen hat, der behält darin für immer feinen Platz. Also Kind, sind Sie noch entschlossen? Soll ich telegraphieren?"
„Ja, lieber Onkel, ich will. Ich freue mich ja so, daß sich endlich für mich etwas gefunden hat."
„Recht so Kind; dann d-inpfen Sie elso mo gen mutig und mit Goltvertrauen zu meiner Christiane. Ha, ha, bet dem Empfang möchte ich dabei sein!"
Brigitta Hollermann stimmte fröhlich in fein Lachen ein.
(Fortsetzung folgt.)


