Ausgabe 
18.12.1929
 
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Durch diese Anlage sollten die öffentlichen älhren uni) könnten auch elektrische Llhren in den Pri- vathäuscrn und betrieben an eine Zentraluhr an­geschlossen werden, wodurch dann endlich in un- ' serer Stadt eine einheitliche Zeitangabe geschaffen werde. Die Anlage selbst werde von der Firma Magner kostenlos hergestellt, d. h. die für die Zentraluhranlage notwendige Stammleitung. Etwas anderes sei von der Stadtverwaltung nie behauptet worden, gegenteilige Behauptungen Kien völlig unzutreffend. An die Stammleitung könne sich dann anschlieszen, wer wolle, jedoch sei niemand dazu gezwungen. Die Stadtverwaltung habe auch öffentliche Llhren, z. B. in den Schu­len, den Werken usw., und sie habe ein Inter- e.se daran, das; diese älhren an die Zentraluhr angeschlossen würden, damit überall eine einheit­liche Zeitangabe herbeigeführt werde. Die Stadt sci aber nach dem Vertrag nicht zu diesem An­schluß verpflichtet. Wahrend die Stammleitung ion der Firma Wagner kostenlos hergestellt werde, belaufen sich die Kosten für den Anschluß der städtischen Ähren maximal auf rund 8500 TRatl. Für diesen Betrag würden die Leitungen lott der Stammleitung zu den einzelnen Uhren gelegt und deren Anschluß hergestellt. Die Summe für die Ähren, die angeschlossen würden, sei in diesem Betrage mit enthalten. Es sei unverständ­lich, ja an den Haaren herbeigezogen, wenn ge­genüber Stadtratsmitgliedern die Behauptung ge­macht werde, durch die Zentraluhranlage werde das bete. Gewerbe ruiniert. Die hiesigen Uhr­macher bekämen von der Firma Wagner gewisse Vergütungen, die Belange der Uhrmacher seien jedenfalls vollständig gewahrt worden. Keiner hiesigen Firma sei ein Monopol zur Lieferung der Uhren eingeräumt worden, die Privatan­schlüsse an diese Anlage könnten von jedem Uhr­macher geworben werden, der dafür eine Ver­gütung von der Firma Wagner erhalte. Die Ausführung der elektrischen Installation werde von hiesigen Elektrikern besorgt. Der Verkauf der elektrischen Uhren erfolge nicht von der Firma Wagner, sondern durch die hier ansässigen Ge­schäfte. Auch die zu der Schaffung der Anlage erforderlichen Hilfskräfte würden in Gießen ge­worben. Was seitens der Stadtverwaltung im Interesse der hiesigen Geschäftswelt habe getan werden können, sei geschehen. Die Verwaltung sei nach einer Besprechung mit den Uhrmachern mit diesen durchaus zufbieden auseinandergegangen. Sicher sei, daß wir durch diese Anlage eine einheitliche Uhrzeit in Gießen bekämen. Werde heute die Vorlage obgelehnt, obwohl der Stadtrat dieser Einrichtung früher schon zugestimmt habe, so werde eine einheitliche Uhrzeit noch lange auf sich warten lassen.

Aach diesen Darlegungen wird der Antrag auf Zurückverweisung an den Aus­schuß mit Mehrheit gegen 16 Stimmen aus den Mittelparteien abgelehnt.

Stadtratsmitgl. Horn (Dt. Vp.) erklärt, daß er sich nach diesen Darlegungen von verantwort­licher Verwaltungsseite nicht mehr gegen die Vorlage wenden könne, da ja den Uhrmachern die Möglichkeit gegeben sei. hier mitzuwirken und zu verdienen, ihre Klagen über Schädigun­gen also nicht mehr begründet seien, außerdem die 8500 Mk. nur für den Anschluß der städtischen Uhren gegeben werden sollten. Stadtratsmitgl. Fischer (Dem.) stimmt nun gleichfalls der Vorlage zu, da sich die Organisation der Uhr­macher ja mit der Verwaltung verständigt habe. Stadtratsmitgl. Nicolaus (Wirtsch. Vgg.) spricht sich gegen die Vorlage aus, da die Mittel im Etat nicht vorgesehen seien und nur eine neue steuerliche Last werden würden. Für die Vorlage treten noch nachdrücklich ein die Stadt­ratsmitgl. Prof. Dr. Borgmann (Fr. Vgg.) und Sch Wied er (Dt. Vp.). Beigeordneter Dr. Hamm erklärt noch, der angeforderte Kredit könne in der Verausgabung auf zwei Iahre verteilt werden, die Mittel würden zu Lasten d?r einzelnen Betriebe bzw. Neubauten ver­rechnet werden.

Die Abstimmung ergibt die Annahme der Vorlage mit allen Stimmen gegen die der Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung, eines Demokraten und des Kommunisten.

Wasserversorgung der Gemeinde Heuchelheim.

Der zwischen der Stadt Gießen und der Ge­meinde H'uchelhe.m abzuschlie'ende Vertrag über die Wasserversorgung der Gemeinde Heuchelheim dura; die Stadt Gießen wird genehmigt. Die Kosten der Wasserzufüh­rungsleitung nach Heuchelheim einschl. Wasser­

messeranlage in Höhe von 37 000 Mark werten bewilligt und die Verrechnung zu Lasten des Erneuerungsstocks 1929 genehmigt.

kredilerweilerungen.

Einstimmig werden so'gende Krediterweiterun­gen beschloßen: Betrieb: Müllabfuhr 5500 Mark, Steinbruchbetrieb 8000 Mk., Kra,twagen- betrieb 15 000 Mark, Betrieb der Des'.n.eftions- anstalt 1000 Mark; Vermögen: Herstellung von Hausanschlüssen 10 000 Mark, Lager Sief- bauamt 150 000 Mark. Als Gegenwert sind grö­ßere Einnahmen bzw. umfangreichere Material­bestände vorhanden.

Beschaffung von elektrischen Heizkörpern für die Straßenbahn.

Betriebs- und "Finanzausschuß beantragen fol­gende Beschlußfassung: Für die zur Ein ührung ter elektrischen Beheizung d . rStra - ßenbahnwagen zu beschaffenden Heizkörper wird ein Kredit in Höhe von 5500 Mark zur Verfügung gestellt. Die Betriebs-Deputation wird zur Vergebung der Lieferung der erforder­lichen Heizkörper usw. ermächtigt.

Dazu beantragt die Stadtverwaltung folgendes: Falls der Stavtrat vorstehenden Antrag des Betriebs-Ausschusses zustimmt, werden die Be­schlüsse beider Ausschüsse erst wirksam, nachdem der neugewählte Finanzausschuß und Stadtrat anfangs Januar den Sondervoranschlag für die städt. Straßenbahn für das Rj. 1930 vorweg ver­abschiedet hat.

Der Berichterstatter Stadtratsmitglied Horn weist darauf hin daß die Heizung der Straßenbahnwagen schon seit Jahren gefordert wird. Durch die Heizung, deren Kosten auf 6300 Mark veranschlagt sind, solle keine Erhöhung der Straßenbahnsahrpreise eintreten, die finanzielle Auswirkung solle vielmehr abgewartet werden.

In der Aussprache wird von mehreren Rednern nerügt, daß trotz eines früheren Beschlusses des Hau­ses diese Einrichtung, aus die die Bürgerschaft schon lange warte, noch immer nicht gescl)affen sei. Es wird weiter gefordert, daß bei der Einrichtung der Heizung auch der Stand der Wagenführer mit be­rücksichtigt werde, damit diese Leute nicht in der Kälte stehen müßten. Der Antrag der Berwaltung begegnet überall der Ablehnung, da er als Mittel zur Verschleppung der Einrichtung bezeichnet wird.

Bei der A d st i m m u n g wird der Ausschuß- antrag einstimmig angenommen, der Antrag der Verwaltung ebenso e i n st i m m i g a d - gelehnt.

Winter- und Weihnachtsbeihilfe.

Der Finanzausschuß beantragt folgende Beschluß- sassima:

1. Zur Beschaffung von Winterbedarf und als Weihnachtsbeihilfe erhalten die Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen, Kriegselterngeld-Emp­fänger, Kapitalrentner, Sozialrentner, Empfänger der Arbeitslosen- und Krisenunterstützung, sowie solche Bedürftige, die nicht in lausender Fürsorge des Wohlfahrtsamtes stehen, eine besondere Unter­stützung, die beträgt: für den Alleinstehenden 16 Mk., für das Ehepaar ohne Kinder 23,60 Mk., für das Ehepaar mit 1 Kind 28,40 Mk., für jedes weitere Kind bis zu 6 Kindern je Kind 4,80 Mk., für Voll­waisen 12 Mk., für Halbwaisen 6 Mark.

2. Von den Kriegsbeschädigten, Kriegerhinterblie- benen und Kriegselterngeldempfänger erhalten nur solche die Beihilfe, die wegen Bedürftigkeit Anspruch auf Zusatzrente durch das Reich haben.

3. Diese Kriegsbeschädigten und Kriegerhinter- bliebeiien erhalten nur die Hälfte der bei Pos. 1 an­gegebenen Sätze.

4. Empfänger der Arbeitslosen- und Krisenunter­stützung erhalten die Beihilfe nur dann, wenn ihr Gesamteinkommen den Richtsatz der gehobenen Für­sorge nicht übersteigt und sie Anspruch auf den Er­laß der Mietzinssteuer nach den ministeriellen Be­stimmungen haben.

5. Bezugsberechtigten, die im haushalt ihrer El­tern oder anderer leben, kann die Beihilfe nach Lage der Verhältnisse bis auf die Hälfte des Vollsatzes ermäßigt werden.

6. Die Beihilfe ist in mehreren Raten an die Empfangsberechtigten auszuschütten.

7. Der für die Durchführung der Maßnahme er­forderliche Kredit von 35 000 Mark wird zu Lasten des Wohlfahrtsamts bewilligt.

Bürgermeister Dr. S e i b begründet den An­trag. der angesichts der ganzm Sachlage be­rechtigt sei, und bemerkt, daß Der hessische Staat 30 Prozent der Aufwendungen der Gemeinden wieder ersetze. Weiter sei gestern ein Antrag der Sozialdemokratischen Partei eingegangen,

über den der Finanzausschuß heute vor der Sitzung verhandelt habe. Der Finanzaus­schuß habe einstimmig beschlossen:

Außerhalb der Winterversorgung soN be­stimmten P:rsonen, die nicht unter d e Winter­versorgung der Stadtverwaltung fallen, eine be­sondere einmalige Beihilfe vor Weihnachten gewährt werden. Diese' Per­sonen müssen erwerbslos oder kriegsunterstüht sein. Ats obere Cinlommensgrenze sind maß­gebend die Richtsätze für die gehobene Fürsorge zuzüglich 30 Prozent Zuschlag. Für diese Sonder­beihilfe wird ein Gesamtkredit von 2300 Mark zur Verfügung gestellt. Dieser Betrag soll nicht schematisch verteilt werden, sondern die Gesuche werden geprüft von einer Kommission, die aus zwei Stadträtsmitgliedern und einem Vertreter des Wohlfahrtsausschusses besteht. Dorgeschla- gen für diese Kommission werden aus dem Stadt­rat die Mitglieder L a u n s p a ch (Wirtsch. Vgg.) und Beckmann (Scz.). Diese Kommission ist s.,vjs6unün;sas;uz7. aig uv uagungeß rchiu der Stadtverwaltung, sie soll individuell prüfen und kann je nachdem eine höhere oder geringere Beihilfe bewilligen.

Nachdem die Stadtratsmitgl. Mann (Soz.), Horn (Dt. Vp.), Frau N e h (So;.) und Fischer (Dem.) ihre Zustimmung zu dieser Regelung be­kundet und Stadtratsmitgl. Kästner (Komm.) weiterg2her.de Forderungen giltend macht, wer­den die beiden Anträge des Finanzausschusses einstimmig angenommen.

verschiedenes.

Für die Vergrößerung des Wagenabstell- plahes für Viehtransportwagen, so­wie zur Errichtung eines Parkplatzes für Perso­nenkraftwagen auf dem Viehmarktplatz am Gü­terbahnhof wird ein Kredit von 1800 Mk. be­willigt. Stadtratsmitgl. Schwieder weist bei dieser Vorlage erneut auf die Dringlichkeit des V i e h h o f e s hin und bittet um die Inan­griffnahme des Projektes, sobald dies, nur ir­gendwie möglich zu machen sei.

Dem vom Minister für Arbeit und Wirtschaft abgeänderten Entwurf zum Erlaß einer Orts- sahung über die Erhebung des Marktstand­geldes auf den Vieh- und Krämer­märkten der Stadt Gießen wird zugestimmt.

Der Entwurf einer Polizeiverordnung über die Schlachtungen und N o t s ch l a ch t u n g e n in der Gemarkung Gießen wird gutgeheißen.

Einige kleine Aenderungen der am 23. August 1929 vom Stadtrat beschlossenen Satzung für das Kuratorium werden gutgeheißen.

Der durch Beschluß des Stadtrates vom 27. Iuni 1929 für die Herstellung von Kabelgräben zur Verfügung gestellte Kre­dit in Höhe von 31 196,28 Mk. wird um 5894,77 Mark auf 37 091,05 Mk. erhöht.

Für die Instandsetzung der Hofreite Marburger Straße 66 und die Entfer­nung einer Halle im Verkehrsinteresse wird ein Kredit von 1500 Mk. bewilligt.

Der im Voranschlag 1929 für die zweijäh­rige Handelsschule vorgesehene Zuschuß­betrag von 500 Mk. wird auf 1 053,60 Mk. erhöht.

03 a u ge suche werden antragsgemäß befür­wortet für Ludwig Keil, Weidengasse 1; Allge­meiner Ver:in für Armen- und Kran'enpflege; Provinzialdireition Oberhessen zur Errichtung einer Gerätehalte Shi,'fenb:rger Weg 12).

Schankkonzessionsgesuche to.rOen be­fürwortet für Ludw. Becker, Wiesecker Weg 44; Dora Buschmann, Neuenweg 31; K. Pfeil, Stadttheater; Karl Scherer. Steinst.aße 23; Qliinna Schreiner. Walltorstraße 6; Heinrich Binz, Anirer.itä s-F.rftg irten. 'Ab gelehnt wird ein Gesuch von Heinrich N a a f, Walltor­straße 34.

Der Abschied.

Am Schlüsse der öffentlichen Sitzung verab­schiedet Bürgermeister Dr. Seid das nun am Ende seines Mandats angelangte Haus. Der jetzt abtretenöe Stadtrat habe in den vier Iah- ren seines Mandats eine Fülle von Arbeit geleistet. Dieser Stadtrat sei der erste nach der Stabilisierung der Mark und der damit ver­bundenen außerordentlichen Wirtschaftskrisis gewesen. Das Gesamtergebnis der Arbeit in dieser vierjährigen Zeitspanne dürfe wohl dahin zusammengesaht werden, daß es im großen und ganzen, wie in Deutschland, auch in Gießen wieder aufwärts gehe. Das verdanke unsere Stadt mit in erster Linie der kommunalen Weit­sicht und der ArbeitZsreud'.gkeit sämtlicher Mit­glieder des Stadtrats. Dafür sage die Stadtver-

Das Grbe des Herrn v on Anstetten.

Vornan von 3- Schneider-Foerstl.

Urheber-Rechtsschutz durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

29 Fortsetzung. Rachdruck verboten.

Löhen hatte sich erhoben und nickte der Tochter zu. Das Lächeln, das dabei um seinen Mund spielte, verriet seine Gedanken. Brunhilde fühlte eine heiße, sengeno-fiebrige Welle durch ihren Leib gehen und drückte das Gesicht tiefer in das Haar des Gatten. Ihr Mund schmeichelte darüber hin.

Er verspürte den Hauch und hob den Blick. Bat« will, daß ich für einige Wochen nach dem Süden gehe."

Ihre Arme glitten von ihm herab. Und das feine Rot ihrer Wangen verblaßte zu blüten- hafter Weiße.Allein?"

Ich kann nicht verlangen, daß du mit mir kommst."

Sie atmete auf. Er sah das Lächeln, mit dem sie zu ihm herabblickte.Wir wollen wieder nach Capri gehen! Weißt du noch? Vielleicht be'ommen wir auch die gleichen Zimmer wieder!"

Anstetten vermochte sich in der Wirrnis seiner Gedanken nicht mehr zurechtzu.inden. Hans Peter hatte von der Zeit seiner Flitterwochen nur eine kurze Notiz verbucht: Zwischen Sonne und Blü­ten auf Capri Hotel Hidigeigei Zimmer Nr. 13.

Die Dreizehn war ein böses Ohmen," sagte er und gewahrte, wie sie zusammenschrak.

Du weißt noch? Welch glänzendes Ge­dächtnis du hast. Wir wollen diesmal woanders wohnen."

Er bog das Gesicht nach der Seite, wo ihre Hand lag und drückte seinen Mund aus die weißen Finger. Als er sich erhob, schob sie den Arm als Stühe durch den seinen:Wann wol­len wir fahren?"

Ich muß erst Antwort aus Benares ab­warten."

Du hast an Günther geschrieben?'

3a!"

Wegen eines Darlehens?"

Er nickte gequält. Da er dabei von ihr weg- sah, gewahrte er das dunkle Rot nicht, das ihre Wangen hinaufrannte.Dje zwanzigtausend Schilling, diqdu damals an Oerhens Frau gabst, gehen natürlich auf meine Rechnung."

Brunhilde! Ich habe dich schon einmal gebeten, nicht mehr darüber zu sprechen."

Nur dieses einemal noch, Hans Peter! Ich will nicht, daß du dich immer mit Geldsorgen quälst. Auch die Hypothek, die ich auf Anstetten liegen habe, ist gelöscht."

Dann bin ich ja eigentlich überflüssig geworden," stieß er hervor.Alles ist über­flüssig geworden!"

Hans Peter!"

Ich wollte dich halten, wie ich Anstetten halten wollte. Bis zu Bernds achtzehntem Ge­burtstag. Aber wenn du nun schon alles zu seinen Gunsten geregelt hast habe ich nur noch die Pflicht,

Welche Pflicht, Hans Peter?" Ihr Gesicht war vollk miren entfärbt.

Dich freizugebenI"

Die Farbe auf ihren Wangen kehrte zurück. Du willst mich also durchaus los fein? Sie schmiegte die Wange an seinen Arm und strei­chelte die Hand, die unter seiner Liebkosung zitterte.Ich will aber nicht mehr frei sein! Auch wenn du die Scheidung betreiben wolltest, würde ich Mittel und Wege finden, dies zu ver­hindern. Vor dem Gesetze berechtigt nur der Ehebruch zu dieser Maßnahme. Hnö ich habe nicht die Che gebrochen!"

Brunhilde!" stöhnte er auf.

Schweig jetzt!" raunte sie ihm zu.

Bernd kam quer über den Rasen und schwang seinen Strohhut.Großpapa sagte eben, du wür­dest verreisen, Vater? Kommst du mit, Mama?"

Brunhilde gewahrte die fragende Angst in seinen Augen und befreite ihn mit einem hellen 3a" von seiner Sorge. Er hing sich an ihren Arm und drückte ihn, daß es sie schmerzte.

Sein Geplauder ließ Anstetten Zeit, sich zu- rechtzusinden. Er und Hans Peters Witwe als regelrechtes Ehepaar in den Hotels das Zimmer teilend

»Was machst du )ür ein verzweifeltes Ge­

sicht?" Die schöne Frau strich ihm den Aermel herab.Es wird alles gut werden, mein Lieber! Du sollst dich überhaupt nicht mit Dingen quä­len, die so weit zurückliegen."

Es liegen noch schwerere vor mir, Brun- hilde!"

Gott, daß ihr Männer alles so tragisch nehmen müßt!" klag e sie.Wir wollen jetzt zuin Aoend- tisch gehen, dann sprechen wir weiter."

Es wurde sehr kurzweilig, obwohl Anstetten fast gar nicht, die anderen umsomehr für die Unterhaltung Sorge trugen. Die Abreise wurde für Den nächsten Samstag festgesetzt. Der Gene­ral wollte bis zur Rückkehr des Paares auf Anstetten bleiben, damit Bernd nicht allein war.

Gegen zehn Ahr erhob sich Anstetten. Er hatte plötzlich das Empfinden. als müßte e'r auf- springen und in kurzer Rede etwa folgendes sagen:Verzeihen Sie, meine Herrschaften ich gehöre gar nicht in Ihren Kreis. Ich bin ein völlig Außenstehender, nur durch ein Ver­hängnis in ihr Leben getreten. Brunhilde,' Sie sind Witwe und als solche frei. Bernd, du hast Deinen Vater schon vor einem Iahre ver­loren. Exzellenz, Ihr Schwiegersohn meiert in Indien - und der vor Ihnen steht, ist ein Betrüger!"

Der schwere Portwein hatte fein gesamtes Denken in Aufruhr gebracht. Als er sich erhob, taumelte er in den Stuhl zurück und fuhr sich über die Stirne. Brunhilde stand schon an seiner Seite.Der Wein war noch etwas zu schwer, ja? Bleib, Papa! Ich gehe mit Hans Peter auf sein Zimmer und mische ihm noch ein Glas Selters mit Eis."

Danke nein!" Er duldete es trotzdem, daß sie ihren Arm durch Den feinen steckte und mit ihm den Raum verlieh.

Tja, mein Iunge!" Der General horchte Dem Schritte nach, Der Draußen verklang.Du bist nun schon ein großer, erfahrener Mensch! Wenn Die Eltern aus Italien zurücklommen, wird alles wieder im Geleise fein."

Bernd erwiderte nichts. Nur ein Strahlen stand in feinen Augen und machte fein schmales Gesicht knabenhaft weich und vertrauend.

Oben in Anstettens Räumen flammten die Lichter auf. Er >Kief nach w>? vor im West'

1 Hügel, auch während der Wochen seiner Krank-

toaltung allen StadtratZmitgliedern herzlichen Dank. Wenn es auch manchmal bei Den Beratun­gen etwas lebhafter zugegangen fei. so habe doch immer wieder Die anständige Form des Kampfes und die Achtung vor Der Uebergeugung des Gegners versöhnt. Die vertrauensvolle Zusam­menarbeit sämtlicher Mitglieder des Stadtrates fei heute dringender notwendig als je zuvor. Aus Dem Gedanken heraus, daß dies auch in Zukunft die Richtschnur fein solle, danke er noch­mals Dem Stadtrat von Herzen für seine wert­volle Mitarbeit. Ferner danke er aber auch den Herren von Der Presse, Die stets bis zum Schluß mit ausgehalten hätten. Den Stadtrats- mitglieDem und Den Pressevertretern wünsche er ein frohes Weihnacht-fest.

Als Dienstältestes Stadtratsmitglied dankt Frau Oberst Naumann im Namen des Hauses dem Vorredner herzlich für die freundlichen Worte des Dankes und Der Verabschiedung. Die Mit­glieder des Hauses hätten immer gerne mit­gearbeitet. Gerade Die Frauen habe weder Ehr­geiz noch Eitelkeit zu dieser Arbeit getrieben, 'onbern nur der Wunfch, daß auch die Frauen Mitarbeiten möchten an den Aufgaben der All­gemeinheit. Diese Iahre der Stadtratsarbeit seien für die Frauen eine innere Bereicherung gewesen. Die Rednerin gibt am Schlüsse Dem Wunsche Ausdruck, daß es unserer Stadt auch fernerhin gut gehen möchte.

Stadtratsmitgl. K r a i I i n g betont, daß er immer gerne für die Allgemeinheit und auch zum Besten des Handwerks tätig gewesen sei, und er bittet die Verwaltung, auch in Zukunft dem Mittelstand und dem Handwerk helfend bei­zustehen. Insbesondere möge nach Mitteln und Wegen gesucht werden, daß die ftillgelegtcn Bau­ten bald wieder in Angriff genommen werden könnten und dort dem Handwerk und seinen Helfern wieder Arbeit geboten werde. Dem kom­menden Stadtrat wünsche er für seine Arbeit alles Gute.

Frau P/of. Kramer bittet in dieser Stunde, auch in Zukunft im Stadtrat die Helden des Weltkrieges nicht zu vergessen. Bisher fei es noch nicht möglich gewesen, für diese teuren Toten eine würdige Gedenkstätte zu schassen, da die Zeiten bisher zu kritisch waren. Vielleicht könne aber der neue Stadtrat Den Heldenfriedhof aus- bauen und zu einer Weihestätte für die Helden des Weltkrieges gestalten lassen.

Schluß der öffentlichen Sitzung; nach Beendi­gung Der geheimen Beratung Schluß der Legis­laturperiode.

Zeitschriften.

Die Kunst. Dezemberheft 1929. Verlag F. Bruckmann A.-G., München.Das Plakat als Kunstwerk", eines der den Besuchern Der Interna­tionalen Plakat-Ausstellung in München vorgesetz­ten Schlagworte, gibt im neuen Heft derKunst' Anlaß zu einer Betrachtung, Die sich mit der künst­lerischen Bedeutung der Plakatkunst auseinander setzt. Wir finden eine Anzahl Entwürfe bedeutender deutscher und ausländischer Plakatkünstler, die auf der vorerwähnten Ausstellung vertreten waren und eine lehrreiche Anschauung zu den durcl)aus einleuch­tenden kritischen Worten geben.

In der neuesten Nummer 4421 Der Illu­strierten Zeitung (Verlag 3. I. Weber, Leipzig) schildert u. a. eine PlaudereiAus tau­send Mikrophonen" von Hans Natonek das Wun­der des Rundfunks und des Grammophons. Die Hausmusik heute und einst wird in zwei lebens' vollen Bildern zur Darstellung gebracht. Wesen und Zweck Der Karikatur erläutert Dr. Fritz Ne­mitz in einem interessanten Aufsatz, und Die vi:r farbigen Pastelle von Garetto sind treffen De Beispiele Der künstlerischen Karikatur. Von kultur­geschichtlichem Interesse sind zwei bebilderte D:i- träge, Die unter dem TitelLeben mit den Lappen' zusammengefaht sind.

Kunst und Wissenschaft.

Dunle Reihe."

Die volkstümliche Orchester-SuiteBunte Reihe", ein Werk des Gießener Komponisten Willi von Mo eilen Dorf, wird am 25. De­zember im Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig, dem das Werk gewidmet ist, zur Urauffüh­rung gelangen und gleichzeitig auch von den Sendern in Berlin, Königsberg, Breslau, Ham­burg, Frankfurt, Köln und Stuttgart ge­brächt werden. _______________

heit hatte er keinen Wechsel gewollt. Friedrich hatte das Bett bereits zurechtge.nacht und em paar Bücher auf Den Nachttisch gelegt. Da Der Baron noch so wenig schlief. BrunhilDe griff danach und legte sie ohne weiteres auf Den kleinen Tisch in Der Fensternische.

Laß!" bat er.Die Nächte sinD so furchtbar lang." ,

Du sollst aber nicht lesen!' warnte sie. Dr. Röhl hat es verboten." Sie schlug Den Deckel Des einen Buches zurück unD sah nach ihm hin.Die Sachen finD wohl Günthers Eigen­tum?"

3a! Er hatte Den Rock abgelegt unD hängte ihn über Den brocatbezogenen Stuhl, der am Fußende des Dettcs stand.

Weißt du. was ich mir schon ab und zu gedacht habe?"

..Was hast Du gedacht." stieß er hervor und fühlte sein Blut in Den Adern rauschen.

Wie ähnlich Du ihm gctoorDen bist."

Das war ich Doch schon immer! Sein Kopf hämmerte. Er ging nach Der offenen Balkontüre. Damit sie fein Gesicht für Den Moment nicht zu sehen vermochte.

«Aeußerlich, hörte sie sagen.UnD da bis an Die Nagelränder. Aber jetzt ähnelst du ihm auch sonst. Warum erzählst du eigentlich nie etwas von ihm?"

Ich wußte nicht, daß du dich für ihn inter­essierst."

Mein Gott. Hans Peter! Ich hoffe nicht, daß Du so kleinlich bist. Ich will natürlich nicht Damit gesagt haben, daß ich etwas für ihn empfinde. Dazu steht er mir viel zu fern. Aber willst du ihn nicht einmal einladen, zu uns zu kommen? Ich wollte Dir das schon einmal Vorschlägen."

Ich glaube nicht, daß er von Indien wegzu- bringen ist."

Vielleicht doch," lächelte sie zu ihm hin.Aber du sollst jetzt schlafen!" Sie kniete schon am Boden und löste ihm Die Bänder feiner Schuhe. Sei gut. Hans Pet r!" Drängte sie. als er den Fuß nicht hob. von Dem sie bereits den Seiden­socken zur Hälfte abgestreift hatte. Als sie das Gesicht hob. sah sie ein Flimmern in seinen Augen.Ich hole dir nur noch das Selters­wasser," sprach sie und war schon aus seinem Zimmer gehuscht. (Fortsetzung folgt.)