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Aus der Provinzialhauptstadt.

Drehen, den 18. Oktober 1929.

Begegnung auf dem Bahnsteig.

Im Schalterraum schlängelten sich hintereinander- gereihte Menschen zu den Fahrkartenausgaben. Einige reckten bald rechts> bald links, den Kopf über ihre Vordermänner hinweg, wechselten nervös ihre Fußstellung, zückten die Taschenuhr und suchten auf jede nur erdenkliche Weise ihre Unruhe und Eile zu bekunden. Aber die den Platz vor ihnen behaupteten, stellten sich dickfellig und taub. Sie hatten Zeit. Was lag ihnen daran, wenn andere ihren Zug versäum­ten?!

Der aber zeigte sich rücksichtsvoller wie die Men­schen und wartete, bis die letzten die Unterführungs- trcppe Heraufhetzenden in seinen Abteilen geborgen waren. Mit etlichen kurz aufeinanderfolgenden Rauchauswürfen stieß er dann aus der Halle hinaus und entschwand rasch in einer Kurve. Niemand auf dem Bahnsteig sah ihm noch. Er trug wohl nur Menschen davon, denen der Abschied eine alltägliche und darum überlebte Sache geworden war

Auf einer unbesetzten Bank, an der ich vorüber- kam, ließ sich ein junges Paar nieder. Als sie ihre Koffer Dorjid) hinstellten, sah man, daß es mit einer Geste der Erleichterung geschah. Beide hatten schwer getragen.

Ihre Blicke gingen starr geradeaus, durch Men­schen und Dinge wie durch Glas. Mit einem nicht zu verleugnenden Ausdruck der Wehmut. Er sprach in langen hastigen Sähen. Sie setzte nur ab und zu einzelne Worte dazwischen, knappe Zustimmungen, wie es schien. Auch dabei sahen sie einander kaum an, um nicht mit ihren umflorten Augen einander das Herz noch schwerer zu machen.

Es war die bevorstehende Trennung, die auf chnen lastete. Lille Beobachtungen ließen erkennen, daß der Mann reiste. Daß er eine große, längere Reise un­ternahm. Die schlanke, blonde Frau würde bald allein sein. Ihre schmalen ruhlosen Finger drückten sich einen Schlüssel, den sie mit einem weißen Tüchel­chen in Händen hielt, ins zarte Fleisch. Sie hätte sich lächelnd verwunden mögen, um in einem äuße­ren Schmerz das Weh ihrer Seele zu ersticken. Nach einer Weile würde der Schlüssel ins Türschloß klir­ren, und die Leere der Wohnung sie überfallen wie eine Gefangene die Stille einer Zelle.

Aufgeschreckt erhoben sich beide. Der D-Zug von- nerte ein. Knirschend und schrillend warfen sich die Bremsen auf die Räder. Türen schlugen auf und Menschen entquollen den Wagen. Zeitungen, warme Würstchen. Zigarren, Zigaretten, Bier boten vor­überflitzende Verkäufer den Weiterreisenden an, die teils mit, teils ohne Reisemütze breit in den her­untergelassenen Gangfenstern räkelten.

Türen klappten zu. Zugführer und Schaffner mahnten zum Einstciaen. Die junge Frau half hastig ihrem Manne die Koffer auf die Plattform schaffen. Er schleppte sie weiter in den Hßagengantj und stürzte zurück. Zu spät! Die Tür war zu. Die Ma­schine hatte schon angezogen, lieber ein offenes Fen­ster griffen sich ihre Hände zu einem letzten innigen Druck. Sie lief einige Schritte mit.

Dann stand sie allein und winkte mit matter Ge­bärde. Sie härte und sah nichts, als den weißen Punkt auf dem schwarzen Feld, die beide immer kleiner wurden. Den verwehenden Gruß ihres Mannes ...

Ein elektrischer Gepäckwagen, dessen Führer auf der vordersten Kante stand und rief, mußte einen Bogen um sie rollen. Ein Bahnbeamter, der ihr den entfallenen Schlüssel aufgehoben hatte, mußte sie leise auf den Arm tippen.

Da erst zuckte sie zusammen und sah, wo sie war. Errötend dankte sie dem Aufmerksamen und schritt die Unterführungstreppe hinab, so unsicher, als tappe sie ins Bodenlose. P. B.

Vornotizerr.

Tageskalender für Freitag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Herzog Hansel" undDer Befehl zur Ehe": auf der Bühne: Inge Rana, der berühmte Star der Moulin-Rouge und Falles Ver­göre, Paris. Astoria-Lichlfpiele:Schmeling-Pao- lino Weltmeisterschaft" undZirkus Pat und Pata- chon".

-- Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Samstag, 19. Oktober, findet (im Freitagabonnement) abends 8.15 Uhr die Urauf­führung von Georg KaisersHellseherei" statt. Die Spielleitung (Intendant Dr. P r a s ch) hat die Rol­len folgendermaßen besetzt: Viktor: Hais, Vera: Mewes, Die Dame: Koch, Sneederhan: Arzdorf, Zofe: Doering. Bühnenbild: Löffler. Die Regie ver­sucht dem Wort, der Eigenart des Kaiserschen Theaters, sowie dem modernen Tempo gerecht zu werden. In VorbereitungDer arme Heinrich" von Gerhart Hauptmann. Erstaufführung: Mitt- woch, 23. Oktober.

Der Goethebund hat, wie man uns schreibt, zu feinem zweiten Vortragsabend am kom­menden Montagabend Dr. Oskar Schürer aus Prag zu einem Lichtbildervortrag über Prag ge­wonnen. Der Redner wird den baulichen Entwick­lungsgang dieser Stadt schildern. Ein interessanter Vortragsabend ist zu erwarten, der allseitigen Be­such verdient. (Siehe heutige Anzeige.)

*

** Die Eröffnungs- unb Zehnj äh­re s f e i e r be r Volkshochschule findet am Samstag, 26. Oktober, 20 Ufjr, in bet Neuen Aula statt. Außer dem Kctmmerorchestcr der Volkshochschule unb bem Gießener Singkreis wirkt eine Frankfurter 3ugendspielschar mit, die einen Epilog zu Leo TolstoisUnb bas Licht scheinet in ber Finsternis":Die Flucht zu Gott" von Stefan Zweig zur Aufführung bringt. Dr. Hans Werner, der frühere Leiter ber Dolks- Axhschule, wirb über die Anfänge brr Gießener

Oer Aufmarsch zur Wahl.

Oie deutschnationale Liste zum Provinzialtag.

1. Dr. Otto Lenz, Stud.-Rat, Gießen

2. Franz Kissel, Beigeordneter, Oberbademei­ster i. R., Bad-Nauheim

3. Georg Knecht, Landwirt und Altbürgermei- ster, Mittel-Gründau

4. Dr. Eduard Zehntgraf, Forstrat, Lauter­bach

5. Christian Schlabach, Direktor der Oberhessi- schen Kornhausgenossenschaft Alsfeld

6. Adolf Noll, Fabrikant, Gießen

7. Carl Link, Lehrer i. R., Schotten

8. Karl Huber, Landwirt, Großen-Buseck

9. Dr. Adam Nuppel, Stud.-Rat, Friedberg

10. Theodor ©ernannt, Kaufmann, Heuchelheim

11. Karl Listberqer, Landwirt, Hopfmannsfeld

12. Adolf Schilling, Buchhalter, Hirzenhain

13. Georg Riedefel, Frh. zu Eisenbach, Guts­besitzer, Landrat a. D.

14. Frau Antonie Bähr, geb. Ritzel, Tierarzt- Wwe., Gießen

15. Dr. Caspar Schmidt, Bürgermeister i. R., Butzbach

16. Karl Repp, Fabrikant, Grünberg

17. Zacharias Bloch, Zimmermeister, Landen­hausen

18. Wilhelm Wetter, Kaufmann, Gießen.

Provinzialtagslisten der Deutschen Dottspartei.

Deullche Volkspartei im fireife Gießen:

1. Ludwig Reuenhagen, Präsident bes Landgerichts ber Provinz Obevhessen, Gießen.

2. Ludwig 3 b r i n g , Bäckermeister, Lich.

3. Karl R ö h r sen., Kaufmann, Gießen.

4. Heinrich Schmidt II., Drahtgeflechtfabri­kant, ©rünberg.

5. Ernst Pfeiffer, Bauunternehmer, Gießen.

6. Hch. Leopold M o n n a r b, Dr., Obervet.-Rat, Kreisveterinärarzt für den Kreis Gießen, Gießen.

Deutsche Volkspartei

in den fireifen Friedberg und Bübingen:

1. Louis 3 outz, Kaufmann, Butzbach.

2. Ewald M o r h e n n, Fabrikbirektor, Hirzen­hain.

3. Heinrich Etzel, Elektro-Installateurmeister, Bad-Rauheim.

4. Adolf Lupp, Maurermeister, Ridda.

5. Peter Dick le r, Gewerbelehrer. Friedberg.

6. Gg. P. 3alob Marburger, Weißbinder- meister, Vilbel.

7. Gustav Sprengel, Schlossermeister, Rei­chelsheim i. W.

Deutsche Volkspartei

in den fireifen Alsfeld, Lauterbach, Schotten:

1. Dr. Friedrich Riepoth, Bürgermeister, Schlitz.

2. Ludwig Rohrbach, Dorfihenber ber Ge- Werbevereine des Dezirksverbanbes Alsfeld unb Mitglied des Landesausschusse? für den Verband Hess. Handwerker und Gewerbe­treibender, Alsfeld.

3. Friedrich Kopp, Schmiedemeistsr, Larckach.

4. W.lhelm Heiliger, Schlosserrnstr., Lauter­bach.

5. Carl © u n t r u m , Oberamtsrichter, Hom­berg a. d. Ohm.

6. Theodor S c r i b a , Apotheker, Schotten.

Die Deutsche Volkspartei zur Gießener Kreistagswahl.

1. Richard Schudt, Landgerichtsdirektor, Gießen. 2. Hermann Schelm, Zimmermeister, Lollar.

3. Ludwig Wagner/ Landwirt und Bürger­meister, Geilshausen.

4. Adolf Steller, Obersteuersekretär, Hungen.

5. Heinrich Schmidt II., Drahtgeflechtfabrikant, Grünberg.

6. Karl Wilhelm Poppe, Fabrikant, Gießen.

7. Ludwig I h r i n g , Bäckermeister, Lich.

8. Fräulein Marie Fischer, Telegraphenassisten­tin i. R., Gießen.

9. Dr. Christian Müller, Studienrat, Gießen.

10. Fritz Wenzel, Dreher i. 9t., Gießen.

11. Richard Appel, Oberreallehrer, Gießen.

W ^Vorschläge der Mittelstands- Vereinigung (Wirtschastspartei).

Für die Gießener fireistagswahl:

1. Adolf Schmidt Kaufmann, Gießen.

2. Jul. Don - Eiff, Jnstallationsmeister, Grün­berg.

3. Heinrich Matheis, Stadtbauinspektor, Gießen.

4. Christian Fey, Bauunternehmer, Lich.

5. Rudolf Pfaff. Regierungsbaurat a. D., Archi­tekt, Gießen.

6. Heinrich R e i n f ch m i d t, Generalagent, Gießen.

7. August Balzer, Weinhändler, Gießen.

8. Friedrich Warner, Wäschereibesitzer, Gießen.

Für die Vrovinziallagswahl:

1. Dr. Willi Wämser, Rechtsanwalt, Gießen.

2. Georg Waldschmidt, Telegrapheninspektor, Bad-Nauheim.

3. Heinrich Weimer jun., Bauunternehmer, Gießen.

4. Jul. Von-Eiss, Jnstallationsmeister, Grün- berg.

5. Christian Fey, Bauunternehmer, Lich.

6. Dr. Hans van Bentheim, praktischer Arzt, Gießen.

7. Wilhelm Märker, Landwirt, Bad-Nauheim.

8. Adolf Kurz, Oberingenieur, Gießen.

Eine weitere Grünberger Liste.

bt. Grünberg, 17. Oft. Der W ahlv vr- schlag berVolksliste" zur Gerneinde- r a t s w a h l bringt folgende Ramen: 1. Wilhelm Schmidt, Angestellter: 2. Heinr. Schmidt IV., Steinhauer: 3. Heinrich Stock, Weber: 4. Phi­lipp S ch o m b e r, EiseTchahn-Vorarbeiter a. D.; 5. Georg Klöh. Weißbinder: 6. Wilhelm Se­gen, Schneidmüller: 7. Otto Dörr, Packmeister: 8. Hermann Gehringer, Heizer. Von diesen Kandidaten gehört dem jetzigen Gemeinderat Herr Schomber an, während die beiden ersten Kan­didaten bereits im vorhergehenden Gemeinderat mitwirkten.

Volkshochschule und zu den ehemaligen Hörern sprechen. (Siehe heutuge Anzeige.)

** Grober Unfug. Der Wächter Reuter von der Rheinischen Wach- und Schlietzgesell- schaft ertappte dieser Tage einen jungen Mann, der in der Rächt gegen 2 Uhr am Marktplatz den Feuermelder eingeschlagen hatte und im Begriff war, die Feuerwache zu alarmieren. Der Wächter kam so rechtzeitig, daß die Alarmierung der Feuerwache noch verhindert werden konnte. Der Täter wurde der Polizei gemeldet und sieht seiner Bestrafung entgegen.

Deutsche Volkspartei. Die am ver­gangenen Dienstag im GasthausHindenburg" tagende Gei eralversammlung der hiesigen Orts­gruppe der Deutschen Dolkspartei billigte ein­stimmig die vom Wahlausschuß vorgeleg.e Liste zur Stadtratswahl in Gießen. Nachdem Ober­reallehrer Appel den Rechnungsbericht für das 3ahr 1928 erstattet hatte, wurde ihm Entlastung erteilt und wärmster Dank für seine mühevolle Arbeit ausgesprochen. Der Geschäftsbericht, er­stattet von Provinzial-Geschäftssührer Dr. Wei­ßer, zeigte, daß auch im vergangenen 3ahre die Organisation ber Deutschen Volkspartei in Oberhessen sich bewährt hat und an ihrem wei­teren Ausbau unermüdlich weitergearbeitet wurde.

Tanzgast spiel im Lichtspielhaus. Das im Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße gegenwärtig laufende Film-Doppelprogramm wird durch eine varietämätzige Attrattion aus der Bühne unterbrochen und wirkungsvoll be­reichert. 3nge Rana, Revuestar von Moulin Rouge und Folies DergLre in Paris, gibt zur Zeit ein mehrtägiges Tanzgastspiel in Gießen. 3nge Rana, die u. a. in der vor kurzem viel besprochenen 3nszenierung derArtisten" von Max Reinhardt mit großem Erfolge mittomte, zeigt in ihrem Programm zunächst einenSter­benden Strauß", der an berühmte Vorbilder der älteren Ballettschule ein wenig erinnert, dann einen modernen Excentrictanz: beide Darbietun­gen erweisen sich als eine interessante Verbindung von revuemäßigem Dühnentanz und einer oft erstaunlichen Parterreakrobatik: in diesem Pro­gramm findet 3nge Rana Gelegenheit zur wir­kungsvollen Entfaltung sowohl ihrer aparten

Mistinguette-Kostüme wie ihres tadellos ausge- bildeten und durchtrainierten Körpers: sie exeku­tiert hier u. a. mit scheinbar spielender Leicht g- keit Tanzpas und Salti, die zu den schwierigsten und anstrengendstes Aktionen auf der Dariete- bühne zu zählen sind, und die man in so sicherer Beherrschung zum mindesten von einer Frau sehr selten vorgeführt bekommen dürfte. Es ist an­zunehmen, daß diese recht sehenswerte Gastspiel­einlage ihre Anziehungskraft auf das Publikum nicht verfehlen wird.

** V. H. C. Bei einer Beteiligung von über 50 Personen stattete der V.H.C. Gießen am Sonntag gelegentlich feiner planmäßigen Oktober-Wanderung der goldenen Wetterau einen Besuch ab. Das Dampf­roß brachte die Teilnehmer über Friedberg nach Assenheim, dem 2Iusc|angspunft der Wanderung. Don hier aus ging es über Wickstadt herrliche Wald­wege entlang bis zur Stern bacher Kirche, einer an Alter und Vergangenheit ehrwürdigen Wallfahrts­kirche, die außerordentlich idyllisch mitten im Walde gelegen ist. In einem ausführlich gehaltenen Dor­trage, dem der Aufsatz in Nr. 37/1928 .Heimat im Bild (der Beilage desGießener Anzeigers") über die Sternbacher Kirche zu Grunde lag, brachte ber Dorfitzende die geschichtliche Entwicklung und die Sehenswürdigkeiten der Wallfahrtskirche zu Gehör. Nach einer längeren Frühstückspause, die dank des prächtigen Herbsttages es herrschte wieder ein­mal das bereits sprichwörtlich gewordene schöne D.H.C.-Wetter im Freien gehalten werden konnte, wurde die Wanderung auf schönen Waldpfaden fort­gesetzt, vorbei an der abseits vom Wege stehenden Hesseneiche, über deren Geschichte leider kein Führer Aufschluß gibt, nach dem ehemaligen Kloster Engel­thal. Hier galt es die ebenfalls sehr alte Klosterkirche zu besichtigen. Unter der Führung des sich in dan­kenswerter Weife bereitwilligst zur Verfügung stel­lenden Pfarrers konnten viele kostbare Schätze der Kirche in Augenschein genommen werden. Bei Sonnenschein wurde dann noch ein Ruhestündchen im Freien gehalten, und weiter ging es hierauf dem Endziele der Wanderung, dem Ausgangspunkte Assenheim, zu, wo die Schlußraft mit ber einzigen Einkehr bes Tages gehalten würbe. Mit Gesang wurde noch der "kurze Weg zur Bahnstation Bru­chenbrücken zurückgelegt, von wo aus die Heim­fahrt erfolgte.

Erweitertes Schöffengericht.

Gießen. 17. Olt. 3n der Strafsache gegen den Bankier L. von Butzbach und drei Mitange­klagte wegen Konkursverbrechcns und Ver­brechens gegen das Depotgeseh wurde heute in der Vernehmung der Zeugen fortgefahren, mei­stens Zeugen, mit denen L. in den letzten Mona­ten vor der Konkurseröffnung wegen Geldbe­schaffung Verhandlungen geführt hatte. Aus der Aussage des Konkursverwalters ergab sich, daß zur Zeit die Konkursmasse 18 000 Mk. beträgt, welcher Forderungen in Höhe von 221000 Mk. gegenüberstehen. Darauf erstatteten die Bücher- sachverständigen ihr Gutachten, das sie dahin zusammenfatzten, bah im 3ahre 1927 die Bücher zum Teil unrichtig geführt waren und auch die BÄanz für 1927 falsch auf gestellt war. Rach ihrer eingehend begründeten Ansicht war L. be­reits im Oktober bzw. Rovember 1927 zah­lungsunfähig und sich auch dessen bewuht.

Darauf wurde dem Staatsanwalt zur Begrün­dung der Anklage bas Wort erteilt. Nachdem er sich mit ber Person bes Hauptangeklagten L. näher be­faßt hatte, untersuchte er die Ursachen unb Folgen des Zusammenbruchs des Bankhauses L. Er wies nach, daß L. zweifellos übermäßigen Aufwand ge­trieben habe, unb zeigte an Hand des Zahlenmate- rials, wie L. in demselben Maße, in dem sich feine finanziellen Verhältnisse verschlechterten, seine Ent­nahme aus dem Geschäft erhöhte. L. habe nur bes- halb die Bücher unrichtig geführt unb die Bilanz für 1927 falsch ausgestellt, um seine schlechte Jinan- zielte Lage zu verschleiern, was nur geschehen sei in der Absicht, seine Gläubiger zu benachteiligen. Im übrigen habe L. als Gerneinschuldner im Bewußt- fein feiner Zahlungsunfähigkeit bas Wertpapieren- bepotB" feiner Kundschaft unterschlagen, wobei ihm fein Prokurist H. unb ber Angestellte W. durch Rat bzw. Tat wissentlich Beihilfe geleistet hätten. Mit Rücksicht auf die Gemeingefährlichkeit feines Tuns beantragte er gegen L. eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren, gegen H. eine Gefängnisstrafe von 1 Jahr 6 Monaten unb gegen W. eine Gefängnis- Koon 3 Monaten. Bezüglich ber der Hehlerei klagten stellte er die Entscheidung in das Er­messen des Gerichts.

Der Verteidiger des Angeklagten L. bestritt, datz L. gegen die strafrechtlichen Bestimmungen der Konkursordnung verstohen habe. Er gab die Möglichkeit zu, daß objektiv eine Zahlungs­unfähigkeit des L. vorhanden gewesen sein mag, stellte aber entschieden in Abrede, datz L. sich bei Verpfändung der Wertpapiere dessen bewußt war, so datz nur eine Bestrafung des L. wegen ungetreuer Depotverfügung in Frage komme.

Der Verteidiger des Angeklagten H. bestritt Überhaupt die Zahlungsunfähigkeit des L., jeden­falls habe sie H. nicht gekannt. 3m übrigen liege keine älnterschlagung vor, weil L. bei Verpfän­dung der Papiere gar nicht den Eigentums­erwerbswillen gehabt habe. H. könne nur wegen Beihilfe zu der ungetreuen Depotverfügung be­straft werden.

Der Verteidiger des Angeklagten W. bean­tragte dessen Freisprechung, weil die Tättgkeit des W. erst in die Zeit nach Vollendung der Tat des L. falle.

Der Verteidiger des der Hehlerei Angeklagten beantragte Freisprechung, weil weder rechtlich noch tatsächlich eine Hehlerei vorliege.

Rach geheimer Beratung verkündete das Gericht das Urteil. L. wurde wegen Verbrechens gegen das Depotgeseh in Tateinheit mit einem Konkurs­vergehen unter Zubilligung mildernder Umstände zu drei 3ahren Gefängnis verurteilt. Wegen Beihilfe zu dem Verbrechen gegen das Depotgeseh wurde H. zu zwei 3 ähren Ge­fängnis und W. zu drei Monaten Ge­fängnis verurteilt. Den Angeklagten L. und H. wurde die erlittene UntersuchungZhast in vollem Umfang aus die Strafe ungerechnet. Wegen Hehlerei erfolgte mangels ausreichenden Beweises Freisprechung.

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