Nr. 219 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 18. September (929
Fiume und Susak.
Don Franz Wilhelm Marks.
Das alte Oesterreich-Ungarn hatte, genau genommen, nur zwei Handelshäfen von Bedeutung : Triest und Fiume. Der Ausgang des Weltkrieges hat den „Italilenissimi" in beiden Städten die von ihnen so heihersehnte „Rückkkchr zum Mutterland Italien" gebracht. Mit di^-r Rückkehr hat es aber eine eigene Bewandtnis. Historisch ist sie nicht recht zu begründen, denn beide Städte haben bis auf ganz kurze Unterbrechungen jahrhundertelang den mitteleuropäischen Staatengebilden angehört. Dies war auch naturgemäß bedingt durch die Lage, die Triest und Fiume als Ausfallspunkte Mitteleuropas nach demSüd- m e e r für alle Zeiten festgelegt hat.
Aach dem ersten „Befreiungsrausch" mußte bald die Ernüchterung kommen. Für Italien sind Triest und Fiume weiter nichts als strategische Punkte im Aordo st winkel der Adria, nachdem die Prestigefrage durch die Einverleibung erledigt ist. Bon ihrem natürlichen Hinterland durch unnatürliche Grenzen abgesperrt, fristen die beiden einst so verkehrsreichen Häfen eine Art Schattendasein. Ueber Triest und seine augenblickliche Wirtschaftsstellung ist schon öfter gesprochen worden: die nachstehenden Zeilen sollen Fiume behandeln, das infolge der etwas ungünstigeren Verbindungen mit dem Hinterland bisher weniger beachtet wurde.
Hier zeigt sich die Unvernunft der Grenzziehung durch die Friedensdiktate wohl am krassesten. Fiume und sein früherer Vorort Susak liegen unmittelbar unterhalb der bis 800 Meter aufsteigenden Karsthöhen an einem schmalen Küstenrande, voneinander nur getrennt durch den kleinen mit Steinen überwerfbaren Fiumara- oder Ajekafluß. Nun zieht sich die italienisch-südslawische Grenze unmittelbar nördlich von Fiume auf den letzten Gebirgshöhen, schwingt sich dann ins untere Ajekatal und geht mitten im Flüßchen zum Meer, den kleineren Teil des Hafens Südslawien zuweisend. Cisen- gitter auf den Molen und Bojen im Wasser kennzeichnen die Scheidung zwischen Italien und Südslawien.
Steht man auf einer der Seiten des Rjeka- .flühchens, so sieht man auf der anderen gewissermaßen handgreiflich Häuser und Menschen. Man kann hinüberrufen: aber man kommt nicht so leicht über die eine einzige, dem Verkehr erhalten gebliebene Brücke, die auf beiden Seiten streng bewacht wird. Stehen jedoch auf der südslawischen Seite vier bis sechs Mann Posten, so auf der italienischen zwanzig bis vierundzwanzig. Der Hcbergang war jahrelang fast unmöglich: erst im Laufe der letzten Zeit ist es den Bewohnern von Fiume und Susak möglich, mit Grenzscheinen hin und her zu gehen. Der Fremde brauch Paß und in vielen Fällen noch Sichtvermerk: er wird auf der südslawischen Seite nach kurzer Einsicht in seine Papiere durchgelassen, aus der italienischen indessen im Kom- missariatszimmer in die dort aufliegende Liste nach eingehendem Verhör eingetragen.
Italienisches und südslawisches Wesen stehen sich hier schroff und unvermittelt gegenüber. Verharrt man einen Augenblick beim Heber- schreiten der Brücke in deren Mitte, so erblickt man hüben kroatische und serbische Aufschriften — nebenbei bemerkt auch einige deutsche — drüben nur italienische. Feiert man auf der einen Seite durch Beflaggung, Musik und Feuerwerk den Geburlsiag des Königs Alexander, so ist auf der anderen gewöhnlicher Werktag: rückt aus der italienischen Seite an irgendeinem Gedenktage das zahlreich vorhandene Militär und die Marine in glänzender Paradeuniform
Zagdvögel.
Don Alexander Lernet-Holenia.
Noch ist der Begriff von Aehnlichem wie der von der innerlichen Scheu des Falkoniers vor dem höchst Heilig - Wilden des Jagd- Vogels hier unö da bis auf uns überliefert, etwa in dem 'Bezug berühmter Reiter zu den Pferden, in der Sorgfalt und Hochachtung vor dem Tier überhaupt, das immer unaufgeklärter, komplizierter und geheimnisvoll-lebendiger sich darstellt, je mehr menschliche Kunst, zu bestimmtem Zweck, sich mit ihm abgibt: beständig, je eindringlicher die Beschäftigung mit ihr zunimmt, wächst die Achtung vor der Kreatur, nie scheint sie so groß gewesen zu sein, wie während des Herrichtens, des Abtragens eines Vogels zur Jagd. Von der ausgenommenen Brut schon, die man eine Zeitlang, ohne sich noch eigentlich mit ihr zu befassen, in hohen, luftigen Turmzimmern hielt, bis sie zur Abrichtung genug erwachsen wäre, ließ man menschliche Geräusche und Gerüche ängstlich fernbleiben, und auch -später lief es immer wieder darauf hinaus, dem ursprünglichen, wilden Adel dieser Habichte, Falken und Hierofalken Störungen durch ihre Zähmer zu ersparen, gleichsam, als würde die Natur der Vögel durch ihre Abrichtung und Gewöhnung an das Menschliche nicht erhöht, sondern erniedrigt. Nicht, daß man also- die Tiere, indem man sie in die Jagd einbezog. zu verbessern geglaubt hätte: man war vielmehr fast überzeugt, ihre wahre Natur, um eines äußeren Zweckes willen, herabzusehen. Es begreift sich jetzt aber auch wieder die Achtung, die die Vögel erfuhren, indem man sie während der Messen auf den Altären sitzen lieh, und die zarte und ergebene Art, auf die höchste Personen, Friedrich der Zweite von Hohenstaufen und sein Bastard-Sohn Manfred, sich zu ihnen einstellten: unbeschreiblich die Hingebung, mit der von diesen erlauchtesten Fürsten der Traktat über die Vogeljagd diktiert ist.
War die Drut genug erwachsen, so wurde sie, indem sich äußerste Schonung und Geschicklichkeit menschlicher Hände mit Grausamkeit vereinte, der Ciliation unterzogen, der Lid-Blendung. Damit nämlich der Vogel, während der ersten Stadien seiner Abtragung, durch den Anblick seiner -Umgebung nicht erschreckt und aus der Fassung gebracht würde, verschloß man ihm auf eine Zeit- lang die Augen: die unteren Lider wurden ihm durchstochen, Fäden durch die Stiche geführt, und, indem man diese Fäden hinter dem Haupt des Vogels hochzog und verknüpfte, die Lider so weit über das Auge gehoben, daß es geblendet war. In diesem Zustande legte man ihm die Kurz- und die Langfessel an und gewöhnte ihn
auS, begleitet von den Schwarzhemden jüngsten und ältesten Alters, so geht das wieder die Leute in Susak nichts an. Und doch waren beide Städte jahrhundertelang bis vor zehn Jahren eine wirtschaftliche Einheit, die jetzt gewaltsam zerrissen worden ist. Die Wirkungen sind allerdings für Fiume und Susak ganz verschieden.
Susak, dieser bis vor kurzem ganz unbedeutende Vorort Fiumes, ist mächtig aufgeblüht. Ueberall entstehen neue Straßen, neue Häuser: nur Bahnhos und Hafenanlagen muten noch sehr primitiv an. Der kleine Vorortbahnhof ist auf einmal Endstation der südslawischen Dahnen am Nordostwinkel der Adria geworden. Hier mündet der Personenverkehr von ganz Südslawien ein, direkte Schnellzugwagen kommen von Wien und München an, und der größte Teil der Holz- und Diehausfuhr Südslawiens nimmt in Susak seinen Ausgang. Der kleine fast ungeschützte Hafen ist überfüllt mit in- und ausländischen Frachtdampferrr, Segelschiffen, Fischkuttern und Personendampferm Die Zukunft scheint Susak zu gehören.
Wie ganz anders mutet Fiume an. Diese stattliche, schön gebaute Stadt, in der einst der ganze Verkehr der sogenannten translateinischen Reichshälfte zusammenlief, zehrt heute von alten Erinnerungen. Wohl sind die Straßen gefüllt mit einer lebhaften Menge, die sich allerdings zum großen Teil aus Soldaten und Marineleuten, sowie Staatsbeamten zusammenseht. Der geräumige Hafen jedoch ist tot. Man kann sagen.
Susak hat keinen Hafen, aber viel Seeverkehr: Fiume einen Hafen ohne Verkehr. Ein paar italienische Segler, hin, und wieder ein schwach besetzter Luxusdampfer aus Venedig — das ist alles. Die Bewohner von Fiume müssen sich damit tröffen, daß auf der einen Mole Öcv Markuslöwe von Venedig aufgerichtet wurde, der „das befreite Fiume" grüßte, daß ihre Hauptstraße nunmehr Viale Benito Mussolini heißt und daß inmitten der Stadt auf einem großen Steinsockel eine riesige zerbrochene Giscn- kette liegt, zur Erinnerung an ihre „glorreiche Befreiung".
Die Begeisterung für den seinerzeitigen Befreier D'Annunzio freilich ist einer stillen Verzweiflung gewichen. Bereits vor längerer Zeit haben der faschistische Abgeordnete von Fiume, der übrigens den kroatischen Namen CBactc trägt, und der Sekretär der faschistischen Organisation für die Provinz Mussolini eine Denkschrift über die verzweifelte Lage Fiumes überreicht. Sie baten, Stadt und Hafen zur Freizone zu erklären. Das italienische Ministerium scheint dem Plane nicht abhold zu sein. Man will in diese Freizone die umliegenden Ortschaften an der istrischen Küste, also vor allem Abbazia, Lovrana und Volosca, die, im Gegensatz zu den kroatischen Kurorten, in diesem Jahre sehr schlecht besucht sind, einbeziehen. Ob die Verwirklichung dieses Planes den säst unhaltbar scheinenden Niedergang Fiumes aufhalten wird, ist allerdings noch fraglich.
Der Dynamiianschlag vom Riederwald-Denkmal.
Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Sprengstoffgesehes.
Don Dr. Hans v. Hentig, Privatdozent an der Universität Gießen.
„Ich habe mir diese Bedientenstube (gemeint ist das Reichstagsgebäude) wiederholt angesehen. Die ganze Baracke ist nur aus Fachwerk mit leichtem Glasdach: das Parkett ruht auf hölzernem Stützwerk, und es ist also mit der Festigkeit des „Hohen Hauses" nicht weit her. Ebenso ist es mit der Wachsamkeit. Die paar Diener, die in den Ecken schlafen, sind zioiloersorgungsberechtigte Invaliden und mit einem Blasebalg umzuwehen. Hätte ich nur einen halben Zentner Dynamit, ich wollte das ganze Kasperletheater ... wie ein Kartenhaus zusammenklappen lassen."
Diese Worte stehen in einem Briefe, den Ende der der siebziger Jahre der damals etwa 30jährige Schriftsetzer Reinsdorf an seinen Freund, den aus Mainz stammenden Anarchistenführer M o st nach Reuyork schrieb.
Reinsdorf Pläne gegen den Reichstag haben keine feste Gestalt angenommen. Dagegen ist seinem fiebrigen Hirn, das um die Idee einer neuen Bartholomäusnacht kreiste, der Gedanke an den Dynamitanschlag beim Niederwalddenkmal entsprungen.
Das Niederwalddenkmal errichtet „zum Andenken an die einmütige siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches", sollte am 28. September 1883 durch den Kaiser in Gegenwart zahlreicher Bundesfürsten eröffnet werden.
Reinsdorf bestimmte den 39jährigen Schriftsetzer K ü ch l e r aus Krefeld und den 20jährigen Sattlergesellen Rupsch aus Rathew bei Naumburg, bewaffnet mit einem Paket Dynamit, nach Rüdes- heim zu reifen, um am Festtage die versammelten Fürsten in die Luft zu sprengen.
Die beiden konnten aber an das Denkmal selbst, an dem noch gearbeitet wurde, nicht herankommen und beschlossen daher, den Sprengstoff in einen Wasserdurchlaß zu legen, der etwa 150 Meter vom
Denkmal entfernt, die Feststraße durchbrach. Von dem Sprengstoff, der so weit in die Deffnung hinein- geschoben wurde, als der Arm reichte, leitete eine lange Zündschnur in den nahen Wald und dort einen Baum empor; die Schnur war mit Laub und Gras maskiert.
Am 28. September gegen Mittag nahte der prunkvolle Zug der Gäste mit 150 Gespannen, unter Glockengeläute, Geschützsalut und dem Schall der Fanfaren. Rupsch entzündete jetzt die Schnur, aber der Festzug brauste über die Gefahrstelle, keine Explosion erfolgte.
Nach einiger Zeit kehrten die Fürsten unter den Klängen des Liedes: „Nun danket alle Gott" zurück. Diesmal lag der Wagen des Kaisers an der Spitze. Wieder zündeten die beiden die Lunte an, wieder verschwand der Wagenzug in der Ferne, ohne daß es zu einer Entladung gekommen wäre.
Unter gegenseitigen Vorwürfen kamen die Attentäter aus ihrem Versteck heraus: am Abend brachten sie die Bombe an der Rückseite der Rüdesheimer Festhalle zur Explosion; eine Wand wurde beschädigt und zwei Männer zu Boden geschleudert, „so daß sie auf kurze Zeit das Bewußtsein verloren". Wesentlicher Schaden wurde nur nach der Aussage eines Zeugen im späteren Prozeß an einem dort schmorenden Kalbsnierenbraten angerichtet.
Das Attentat auf den Kaiser war der Oeffentlich- keit wie der Polizei verborgen geblieben. Erst als ein gewisser Bachmann wegen einer anderen Sprengftoffaffäre, die in Elberfeld gespielt hatte, verhaftet wurde, als man nähere Nachricht über eine frühere Anarchistenverfammlung erhielt und Andeutungen erfuhr, daß ein gewisser Rupsch sich großmäulig eines Attentats am Niederwalddenkmal gerühmt hatte, traten einzelne Indizien ans Licht.
Rupsch, der jüngste, legte nach langen Verhören ein ausgiebiges Geständnis ab. Im Dezember
an das Gefühl, die Haube aufzuhaben, hielt ihn auf der Hand und trug ihn umher. Gebadet wurde der Vogel oft, und wenn der Geblendete das helle Geräusch des Wassers hörte, das man, um ihn anzulocken, mit einer Nute zum Plätschern brachte, wußte er die Richtung und ging gerne ins Bad. Immer aber hatte man Vorsicht, ihn nicht anzuatmen, durch Geräusch zu erschrecken oder, wenn man ihn trug, durch heftige Bewegung. Nach und nach nun entblendete man den sich an die menschliche Umtoelt wieder Gewöhnenden durch Herablassung des unteren Lides, erst halb und dann ganz, bis sich dann die eigentliche Zubereitung zur Jagd, erst zu Fuß, und dann zu Pferd, vollzog.
Es ergibt sich aber aus allem, daß man eigentlich nicht so sehr den Vogel selbst abzutragen glaubte, als vielmehr feine Seele, und man lehrte ihn eigentlich nichts, sondern gewöhnte ihn nur an das Menschliche an. Für eine Zeit- lang aus dem reineren Distrikt des Luftraums auf den Handschuh des Falkoniers niedergelassen, immer in der Haube und vor Störung, Befremdung und der Ernüchterung beschützt, blieb das Tier aufbewahrt und erspart für die ergreifenden Momente, in denen es, enthaubt und von der Hand geworfen, dem Raum als seinem ursprünglichen Aufenthalt zurückgegeben und dem Reiher nachgeworfen wurde. Der Vogel war gewissermaßen nur Gast auf der Faust. Kommt es nun aber darauf an, in den Geist derjenigen einzudringen, die eines solchen Bezuges zu dem souveränen wilden Tier fähig waren, eines Verkehrs auf gleich und gleich mit dem Falken, ja schließlich einer inneren Untertoerfung des Menschlichen unter das noch Unangerührte seiner reinen Wildheit, so zeigt sich, wie nur ein großes Geschlecht dazu imstande gewesen sein konnte, dem Tier so zu dienen, und es begreift sich jetzt der kaiserliche Traktat Friedrichs und die Ebenbürtigkeit des Herrschers und die der den Raum beherrschenden Kreatur, die er nicht anders auf der Hand getragen haben mochte, als die flüge- lige Nike seiner Siege. Sobald dem Falken die Haube abgenommen und die Hand geschwenkt worden war, erhob er sich in den seiner einzig würdigen Zustand des Flugs, und wenn man ihm erst wieder die Fänge aus dem zu Boden geworfenen Wild ausbrach, und ihn behaupte, geschah es mit innerlicher Beschämung, und es begann wieder alle irdische Rücksicht für den eigentlich für den Himmel Bestimmten. Mit diesem Gefühl, das auch sonst den Heutigen verloren gegangen ist, ist viel verloren, und es scheint, als begriffen die Menschen auch sich selbst nicht mehr und hätten keinen reinen Bezug mehr zu sich selbst, seitdem sie die Tiere nicht mehr begreifen.
Oer Hundertmarkschein.
Don Hans JRiebau.
„Hör mal," sagte Frau Schnook, „du mutzt unbedingt nach Hamburg fahren und dunkelblauen Samt kaufen. Hier bekommt man ja so etwas nicht. Llnd dann kannst du auch gleich Konserven mitbringen. Unö zwei Pfund Puderschokolade. Und ein Schaukelpferd zu Peters Geburtstag. Und ein Waschservice, grün abge- seht. ilnö willst du dir nicht auch ein paar Zigarren laufen?“
„Es ist sehr nett,“ sagte Herr Schnook, „datz ich mir auch ein paar Zigarren mitbringen darf." Dann ging er nach feinem Geldschrank, nahm einen Hundertmarkschein heraus.
„Wird das genügen?“
„Ich denke,“ sagte Frau Schnook.--
Eine halbe Stunde später sah Schnook im v°Zug und fuhr nach Hamburg. Lehnte sich in die Ecke und schlief ein. Als er wieder aufwachte, sah ihm gegenüber ein älterer Herr, der kurz vorher noch nicht dagewesen war. Der ältere Herr hatte eine Brieftasche in der Hand, öffnete seinen Koffer, legte die Brieftasche hinein, blickte Schnook scharf an und ging aus dem Abteil.
„Nanu?", dachte Schnook. „Hier stimmt etwas nicht." Und er nahm seine eigene Brieftasche, sah hinein und erschrak: Der Hundertmarkschein, den er zu Haus eingesteckt hatte,--war weg.
„Selbsthilfe", dachte Schnook, „ist besser als aller Alarm." Ein Griff, und er hatte den Koffer des älteren Herrn geöffnet. Ein zweiter Griff, und er hielt die Brieftasche in der Hand, öffnete sie. Unö siehe da: Ein Hundertmarkschein lag darin, sonst nichts. Schnook legte den Schein in feine Tasche zurück, und als wenig später der ältere Herr wieder in dem Abteil erschien, hatte Schnook für den Rest der Fahrt genug damit zu tun, sich über die auf unbedingte Vertrauenswürdigkeit eingestellte Physiognomie des Taschendiebes zu wundern.
Am Abend war er wieder zu Haus, packte den Samt aus, die Konserven, das Schaukelpferd und manches andere. „Die Welt ist schlecht," erzählte er, und jetzt begann er etwas Empörung über den frechen Diebstahl zu empfinden. „Ein Schurke, der aussah wie ein grauhaariger Gentleman, hat mir mein Geld gestohlen; aber ich habe es mir zurückgeholt, ohne Polizei, ohne Verhaftung, ganz still und unauffällig."
„Ganz still und unauffällig?" fragte seine Frau.
„Jawohl," nickte Schnook.
„Und womit hast du das Schaukelpferd bezahlt, den Samt, die Konserven und all das andere?"
„Womit?", staunte Schnook. „Natürlich mit
1884, zwei Tage vor Weihnachten wurden Reins» d o r f als Anstifter und Küchler wie R u p s ch als Täter wegen versuchten Mordes an dem Kaiser vom Reichsgericht zum Tode verurteilt. Reinsdorf wei» gerte sich, die Gnade des Kaisers anzurufen. Küchlers Gnadengesuch wurde zurückgewiesen, Rupschs des Geständigen und Jüngsten Todesstrafe in lebenslängliches Zuchthaus umgcwandclt. Die Strafvollstreckung übernahm Preußen für das Reich. Am 7. Februar 1885 wurden Reinsdorf und Küchler im Hofe des Zuchthauses von Halle hingcrichtet. Reinsdorf starb mit dein Ruf: „Nieder mit der Barbarei! Es lebe die Anarchie!"
Arn 9.Juni 1884 erging — ein: unmittelbare Folge des Attentats — das heute noch geltende Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen.
Kriegsbeschädigten-Tagung der Kriegerkameradschast „Ma".
---Friedberg, 16. Sept. Als eine Ehrenpflicht sieht es die „Hasst a“ an, für die Wünsche unö Rechte öer Opser des großen Krieges mit allen Mitteln zu arbeiten. Der gestrige hier stattgehabte, aus allen Teilen öer Provinz stark besuchte ObmänncrtagOb erst e s s e n s war öafür toieöcr ein voller Beweis.
Der Provinzialvorsihenöe für Oberhessen, Otto Bonhar 0, Gießen, begrüßte den Landesvor- sihenöen, Lehrer Ihrig, Darmstaöt, öie Vertreter öes Versorgungsamtes unö öer Wohnungsfürsorge-Gesellschaft, sowie öie Hassiabezirksvor- steher unö Obmänner. Er geöochfe bann öer Ka- meraöen, öie im Kampfe für Öas Vaterland gefallen sind, und widmete ihnen einen herzlichen Nachruf. Besonderen Willkommen entbot er Öen KameraÖen aus dem besetzten Gebiet unö beglückwünschte sie zur balöigen Befreiung.
Der Landesvorsihenöe Ihrig übermittelte darauf die Grüße des Hassia-Präsidiums.
Heber Öen Kriegsopferverband innerhalb der Hassia wurde folgender Jahresbericht bekanntgegeben: Die Organisation umfaßt 14 436 Versorgungsberechtigte, das bedeutet gegen das Vorjahr eine Zunahme von 1250. Davon entfallen auf Starkenburg in 11 Dezirksgruppen 6005 (+ 439), auf Oberhessen in 18 Gruppen 4300 (— 66), auf Rheinhessen in 9 Gruppen 4131 (+ 877) Kriegsopfer. Die stärkste Zunahme weist Rheinhessen auf. Der Stärkenachweis mutz genauer gemeldet werden, denn darnach richtet sich die Zahl der Beisitzer bei den Versorgungsgerichten. Bei dem Versorgungsgericht Darmstadt, bestehend aus den Kameraden der drei Provinzen, wurden 1543 Fälle vertreten, beim Reichsversorgungsgericht in Berlin 251 Fälle, während noch 407 Fälle schweben. Mit Hilfe öer Wohnungsfürsorge konnten 50 Mitgliedern Neuwohnungen errichtet werden. Das Verhältnis zu den andern Kriegsopfer-Organisationen war ein gutes, Kämpfe unter den Verbänden müssen im Interesse der Kriegsopfer vermieden werden. Die Hassiaorganisation blickt auf ihr zehnjähriges Bestehen zurück, sie wurde 1919 vom Bezirk Neckartal beantragt und auf dem Hassiatag in Darmstadt gegründet. Es bildeten sich dann in den drei Provinzen Orts-, Bezirks- und Provinzialgruppen. Bald war die Anstellung von Fürsorgeleitern und Obmännern notwendig. In Darmstadt, G i e tz e n und Mainz bildeten sich Geschäftsstellen, welche öie Belange öer Kriegsopfer, Altrentner, Altveteranen, Unfall-, Invaliden-, und Kleinrentner vertreten. Die Hassia arbeitet in selbstloser Weise und völlig kostenlos an der Verbesserung öer Lage öer Kriegsopfer. Daher erklärt sich auch öie starke Zunahme des Verbandes an Mitgliedern. Der Kyffhäuserbund (Deutscher Kriegerbund) mit seinen 3,5 Millionen Mitgliedern, ist die größte militärische Organi*
dem Hundertmarkschein, den ich dem Gauner wieder abgenommen habe."
„Die Welt ist noch schlechter, als du denkst," sagte da Frau Schnook.
„Wieso?"
„Weil," fuhr Frau Schnook fort, „weil du den Hundertmarkschein, den du mitnehmen wolltest, hier auf dem Schreibtisch vergessen hast."
Hochschulnachrichten.
Der durch die Emeritierung des Geh. Rats Th. Siebs an der Universität Breslau erledigte Lehr- stuhl der deutschen Philologie ist dem ordentlichen Professor Dr. Friedrich Ranke in Königsberg angeboten worden. Dr. Ranke, der aus Lübeck gebürtige Literarhistoriker, widmete sich in Göttingen, München und Berlin dem Studium der deutschen Philologie, besonders bei Roethe, Heusler, E. Schmidt und von der Leyen und promovierte 1907 in Berlin mit einer Dissertation über Sprache und Stil im „Wälschen Gast" des Thomasin von Circlaria. Drei Jahre später habilitierte sich Ranke an der Straßburger Universität für deutsche Philologie auf Grund einer Schrift „Der Erlöser in der Wiege", Geschichte eines Sagenmotivs. Im Herbst 1912 ging er in gleicher Eigenschaft nach Göttingen, wo ihm ein Lehr- auftrag, insbesondere für die Gebiete der nordischen und niederdeutschen Philologie erteilt wurde. Später erhielt Dr. Ranke den Titel Professor und 1921 die Ernennung zum Ordinarius an der Universität Königsberg. Seine Veröffentlichungen betreffen besonders ältere deutsche Literatur und Volkskunde. — Zur Wiederbesetzung des durch die Emeritierung des Geh. Konfistorialrats O. Rillchl erledigten Lehrstuhls der systematischen Theologie und Dogmengeschichte in der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn ist ein Ruf an den Ordinarius D. Karl Barth in Münster ergangen. Professor Barth, ein gebürtiger Schweizer (geboren 1886 zu Basel), oblag dem Studium der Theologie in Bern, Berlin, Tübingen und Marburg, besonders bei den Professoren Fritz Barth, A. v. Harnack und W. Heumann, wurde 1908 Hilfsarbeiter bei der „Christlichen Welt" in Marburg, war 1909 bis 1911 Vikar der deutschen reformierten Gemeinde in Genf und später Pfarrer in Safenwil, Kanton Aargau (Schweiz). 1921 erfolgte seine Ernennung zum Honorarprofessor für reformierte Theologie in Göttingen, von wo er vier Jahre später als Ordinarius für Dogmatik und neu« testamentliche Exegese nach 9Jtünfter übersiedelte. Die Münsterische Evangelisch-theologische Fakultät ernannte ihn zum Ehrendoktor. Der Gelehrte ist Mitbegründer und Mitherausgeber von „Zwischen den Zeiten". Einige seiner Werke sind in mehreren Auflagen verbreitet, so „Der Römerbrief", „Das Wort Gottes und die Theologie", „Die Auferstehung der Toten", Komm, Schöpfer Geist".


