Rr. 166 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejjeu)
Donnerstag, 18. Juli (929
Der finanzpolitische Sommer
Don Dr. Eremer, Mitglied des Reichstags.
Das mühsam zustande gekommene Finanz- kvrnpromiß ist noch eben vor dem 1. Suli 1929 durch Reichstag und Reichsrat verabschiedet worden, niemand aber darf glauben, daß damit nun vorläufig die Sorgen um die Reichs- f i n a n z e n behoben seien. 2rn EtegenteU. Die Reichseinnahmen im April und Mai sind hinter den Verschätzungen zurückgeblieben, der auf d e beiden Monate entfallende Ausgabeanteil ist mehrfach überschritten worden: die Schwierigkeiten, welche sich um die endgültige Regelung der Reparationssrage Hausen, lassen die Verwirklichung des Voung-Plans noch keineswegs als gesichert erscheinen, so dah der erhoffte Re- parationsnachlah im laufenden Fahre vorläufig durchaus im Ungewissen steht, tim so notwendiger ist es, sich in der Beurteilung der weiteren Entwicklung der Reichsfinanzen an die zur Zeit vorliegenden Tatsachen zu halten, und nicht, wie es leider von verschiedenen Seiten während der letzten Beratungen des Reichstags geschehen ist, sich mit der Verteilung des Fells des noch keineswegs erlegten Bären zu beschäftigen.
Angesichts dieser Lage beginnt nunmehr im Schoße der Ministerien die Vorbereitung des Haushaltsplans für das nächste Fahr. Es ist gewiß richtig, daß durch die tingewihheit über Ausmaß und Zeitpunkt der Reparationserleichterungen die Aufgabe noch schwieriger ist, als im Vorjahr: auch wird man billigerweife heute noch nicht verlangen dürfen, dah das Haushaltsbild bereits jene Reichsfinanzreform widergibt, welche die notwendige Konsequenz der Reparationserlelch- terung fein wird. Da aber nach den Vorgängen dieses Fahres auf keinen Fall damit gerechnet werden kann, dah neue Steuerquellen erschlossen, oder langfristige Anleihen größeren timfangs begehen werden können so ergibt sich als das Gebot der Stunde von selbst, daß das notwendige Gleichgewicht grundsätzlich und vor allem durch eine erneute tieber- prüfung der Ausgabenseite herbeigeführt werden muh. Der Finanzminister darf in diefer Richtung nach den gemachten Erfahrungen der Zustimmung einer starken Mehrheit der Bevölkerung, wie des Reichstags gewiß sein, wenn er hier mit unnachgiebiger Strenge in die Anforderungen der Ressorts hineinleuchtet und das im Frühjahr 1929 begonnene Werk der Haushalts- bercinigung zum Abschluß bringt. Schon deshalb ist das notwendig, weil auf gewissen Gebieten zwangsläufig Mehrausgaben erwartet werden müssen, die durch Minderausgaben auszugleichen sind. Cs sei nur an die Rotwendigkeit erinnert, in den bedrängten Grenzprovinzen das begonnene Hilsswerk fortzusehen, die Kleinrentnerfrage endlich befriedigend zu lösen und anderes mehr. Gegen manche der im Frühjahr durchgesehten Ausgabenverminderungen haben sich die betroffenen Ressorts ebenso wie die beteiligten Kreise der Bevölkerung wie die Verzweifelten gewehrt. Es hat fich dann gezeigt, dah man schließlich gegenüber dem Zwang der Lage dennoch Auswege gefunden hat, sich zu behelfen, und daß die an die Wand gemalten Schädigungen wichtiger öffentlicher Aufgaben vermieden werden konnten oder mindestens nicht in dem prophezeiten Mähe eintraten. In einen je früheren Zeitraum der unmittelbare Druck auf die Herbeiführung weiterer Ersparnisse verlegt wird, um so leichter sind sie durchzusehen, da die Amtsstellen der Bureaukratie selbst naturgemäß? am leichtesten die Mittel und Wege kennen, mit denen sie ohne Schädigung ihrer lebenswichtigen Aufgaben an minder wichtigen Punkten Ersparnisse erzielen können. Daher kommt es bereits jetzt wesentlich darauf an, dah die Sommermonate nicht ungenutzt verstreichen, sondern das R e i ch s k a b i n e 11 die entsprechenden Vorschläge des Finanzmim- sters sanktioniert, deren Ergebnis nur sein darf, das gegenwärtigeMah derAusgaben unter keinen tim ständen z u über-
„Wille wau wau wau."
Zigeuner in der Reichshauptstadt.
Berlin, im Sommer 1929.
Ein Zigeunerwagen auf dem Kurfürstendamm, Ecke der Foachimsthalerstraße ... ja, das ist schon eine Sensation! tind sogar in die Augen und in die Winkarme des Derkehrsschuhmannes tritt diese Ablenkung jäh. In die neue Sachlichkeit der Fassaden und des abendlichen Bummels, zwischen den „schnieken" Schnitt der rassigen Automobile ist mit aller Romantik, der ältesten, das Parten eines klapprigen Zigeunerwagens hinelngerutscht, — soweit so ein Zigeunerwagen überhaupt parken kann — versteht sich.
Weshalb parkt dieser Zigeunerwagen hier? Darf er überhaupt — ?, überlegt sichtlich sekundenlang der Herr Verkehrsschuhmann, sucht in seinem Hirn aber vergeblich nach einem diesbezüglichen Paragraphen in der neuen Verkehrsordnung. Weshalb?
Eine der Zigeunerfrauen ist in ein Feinkostgeschäft eingetreten und kauft zum Abendbrot ein. Darf sie nicht, wenn sie kann? tind sie scheint in der Tat zu dürfen. Denn was kauft sie alles ein? Ein Pfund vom leckersten, noch warmen Prager Schinken, tind ein Viertel Salami, von der ganz guten aus Ungarn. Fa — und von dem italienischen Salat „Darf" es auch ein halbes sein, tind von dem Räucherlachs — ja, auch ein Viertel. Ein Pfund Butter. Zwei Brote, englische Kastenbrote, tind nun der Käse — ja, da ist die Wahl nicht ganz leicht, wenn einem eine solche Auswahl vor gelegt wird. Also ...
Fnzwischen hat sich im Laden aber auch folgendes abgespielt: Eine andere Zigeunerfrau hat den Angestellten gegenüber, die gerade niemanden zu bedienen haben, die Künste ihrer großen Wahrsagekunst entfaltet. Seltsame und überaus beglückende Sachen werden da prophezeit: „Fa — mit dem Herrn, mit dem Sie gehen, das endet mit einem goldenen Ring! Ganz bestimmt — der Himmel segnet Sie!" — „tind hier — da sehe ich eine große Erbschaft, eine ganz unverhoffte, in Ihrer Hand! Schon übermorgen muß der Brief aus Amerika kommen!" Ein Ladenjüngling, der bislang gar keine Ahnung hatte, wer ihm, ausgerechnet ihm, aus Amerika schreiben und ihn gar beerben sollte, taumelt und überhört ganz den Ruf des schneidigen Geschäftsführers: „Hier
DerKampfum das „Blaue Band".
Bremen, 17. 3ull(IBB.) Der Schnelldampfer „Bremen“ des Norddeutschen Lloyd ist heule nachmittag um 1525 Uhr vor Southampton angekommen.
Run hat die „Bremen", Deutschlands neuester Schnelldampfer, zum ersten Vorstoß angeseht, um das „Blaue Dand des Ozeans" zu erringen. Rach ganz ausgezeichnet verlaufenen Probefahrten begann die Jungfernfahrt, die der „Bremen" den Siegespreis bringen soll. Alle Vorbedingungen für einen erfolgreichen Kampf sind gegeben. Deutsche Schiffsbaukunst hat einen Dampfer geschaffen, der in jeder Beziehung die Schiffe des Rordatlantikverkehrs übertrifft. Richt nur in seiner räumlichen Ausdehnung, die bei tieberspannung des Rahmens leicht die Wirtschaftlichkeit gefährdet — die Amerikaner können sich das wohl leisten, unsere durch die Auslieferung ihres wertvollen S.chiffsbestandes schwer geschädigten Linien vermögen da nicht mitzutun —, aber was die Antriebskraft der „Bremen" betrifft, ist dafür gesorgt, daß sie wirklich entscheidend in den Kampf um das „Blaue Band" eingreifen kann. Die Maschinenleistung des neuen Schnelldampfers liegt erheblich über den Leistungen der Konkurrenten, es istd qdurch möglich geworden, die bisher erreichte Spitzengeschwindigkeit zur Durchschnitts geschwindigkeit zu machen, tind diese Höchstleistung des deutschen Maschinen- baus wird das Rennen übet die Wogen des Atlantischen Ozeans entscheiden. Denn der einzig ernsthafte Gegner auf dem Weltmeere, die „M a u* retania“, die den Amerikanern gehört und jetzt Inhaberin des „Blauen Bandes" ist, führt zwar immer noch die Gruppe der schnellsten Schiffe, mit ihren zweiundzwanzig Dienstjahren
kommt sie aber schon hart an die Grenze der Auherdienststellung. Sie ist in den Rachkriegsjahren mehrfach in ihrer Maschinenleistung durch Reueinbauten erheblich verbessert worden, doch vermag sie gegen die „Bremen" nicht ernsthaft anzukämpfen. Richt immer war sie die Herrscherin auf den Wogen des Ozeans, schon einmal hatten die letzten deutschen Schiffsbauten vor dem Kriege vom Range des „Bismarck" und der „Vaterland" ihr den Ehrenpreis entrissen. Das Versailler Diktat raubte uns diese beiden Schnelldampfer, so dah wir in der Rachkriegszeit in den letzten Reihen der schiffahrttreibenden Rationen standen.
Das wird durch den Eintritt der „Bremen" in den regelmäßigen Dienst anders. Deutschland hat seinen Platz in der ersten Reihe wieder erobert und wird ihn durch die im nächsten Fahre erfclgcnde Indienststellung der ,E u r o p a" noch befestigen. Allerdings ruhen auch die Gegner nicht. Amerika, Frankreich, England, die mit unseren früheren Ozeanschnelldampfern prunken, bereiten unter dem Eindruck der neuesten deutschen Großtat umfassende Bauvorhaben vor. Sie sind in einer glücklicheren Lage als wir: ihren Schifssgesellschasten stehen fast unbeschränkte Geldmittel zur Verfügung, was sich von den deutschen Schiffsbauern nicht behaupten läßt. Dann aber verfügen die konkurrierenden Gesellschaften über einen besonderen Rückhalt: die zum großzügigen Bau von Schnelldampfern fehlenden Mittel leistet der Staat, der die Schiffe für den Kriegsfall sofort als Hilfskreuzer chartert. Von diesem Gesichtspunkte aus sollte man den Kampf der „Bremen" um das „Blaue Band" betrachten, um die wirkliche Leistung Deutschlands ermessen zu können.
schreiten, vielmehr es soweit zurückzu- führen, dah es mit sicher zu erwartenden Einnahmen zu bedecken ist.
Aber auch auf der Einnahmeseite wird der Finanzminister nicht umhin können, noch schärfer als bisher zum Rechten zu sehen. Es muh erreicht werden, dah sämtliche, den einzelnen Ressorts zufliehenden Einnahmen und Rückeinnahmen restlos in das gesamte Finanzbild einbezogen werden, und nicht, wie bisher, immer noch in einem großen timfang ohne weiteres zur Finanzierung von Mehrausgaben des betreffenden Haushaltstitels benutzt werden dürfen. Die letzten Haushaltsberatungen mußten sich mit einer solchen Beschleunigung vollziehen, daß es nicht möglich war, in diesem Punkt schon jetzt völlige Klarheit und Ordnung zu schaffen. Es liegen hier noch allerlei Reserven, die sich der einheitlichen Zusammenfassung der öffentlichen Finanzwirtschaft entziehen. Weiter mutz es die Aufgabe der Finanzbehörden selbst sein, bei aller Rücksicht auf die vielfach sehr schwierige Lage der Steuerpflichtigen zu erreichen, daß die vielen Hunderte von Millionen an Steuerrückständen aller Art nicht weiter anschwellen, sondern auf ein erträgliches Maß zurückgeführt werden. Diese Aufgabe ist ohne Zweifel sehr schwierig und erfordert ein hohes Mah enger Fühlung mit dem Wirtschaftsleben und von Menschenkenntnis. Daß sie bisher nicht mit genügendem Erfolg gelöst worden ist, beweist der Vergleich der ungünstigen Wirtschaftslage auf der einen Seite mit dem immer noch wachsenden Aufwand weiterer Devölkerungsgruppen auf der anderen Seite, der sich nicht nur in dem wachsenden Erträgnis gewisser Konsumsteuern, sondern auch in manchen Erscheinungen des Reiseverkehrs und der öffentlichen und privaten Lustbarkeiten ausdrückt. Wenn in der Gegenwart trotz der weiteren Steigerung des Reiseverkehrs in den deutschen Kur- und Badeorten großenteils über wenig befriedigende Desucherziffem geklagt wird, während anderseits die Reisen nach ausländischen Erholungsstätten erheblich weiter angewachsen sind, so geben diese Tatsachen ein eigentümliches
Gegenstück zu den Klagen über unerschwingliche öffentliche Lasten. Gewih sollen und können die Finanzämter nicht das Privatleben der Steuerzahler einer unerträglichen tieberwachung unterwerfen, aber besonders auffallende Fälle krassen Widerspruchs zwischen den Kosten privater Lebensführung und der steuerlichen Leistung müssen im Fnteresse der Allgemeinheit und der Steuer- moral den Finanzbehörden Anlaß bieten, die in Betracht kommenden Personen wirksam an ihre Staatsbürgerpflichten zu erinnern.
Schließlich gehört es zu den wichtigsten Gegenwartsaufgaben des Finanzministeriums, die laufende Verwendung der bewilligten Mittel durch die Ressorts noch viel schärfer zu kontrollieren, als dies bis in die letzte Zeit hinein geschehen ist. tinzweifel- haft hat die Arbeit des Rechnungshofs und die für die beteiligten Ressorts vielfach beschämende Veröffentlichung seiner Arbeitsergebnisse schon jetzt dazu beigetragen, das Verantwortlichkeitsgefühl aller Dienststellen zu schärfen, die über öffentliche Mittel verfügen dürfen. Aber auch heute noch bringen im großen und im kleinen manche bezeichnende Einzelheiten an das Ohr des aufmerksamen Beobachters, die zeigen, daß die Ausgabenwirtschaft bis ins Kleinste einer weit schärferen Kontrolle bedarf, als sie bisher bestand. Diese Kontrolle, die für die abgeschlossenen Rechnungsabschnitte vom Rechnungshof ausgeübt wird, muh für die laufenden Geschäfte durch die Finanzreferenten der einzelnen Ressorts und durch die R e s s o r t m i n i st e r selbst gehandhabt werden, und zwar ähnlich dem amerikanischen System unter ständiger Durchführung des auch im deutschen Haushaltsrecht festgelegten Rechtsgrundsahes, dah der Beamte oder Angestellte des Reichs, der eine nicht genehmigte Ausgabe anordnet oder vollzieht, oder den billigsten Weg zur Deckung eines notwendigen Ausgabezwecks versäumt, sich persönlich sür den Schaden des Reichs verantwortlich macht. Würde diese Bestimmung bei uns in der Praxis so energisch angewandt werden, wie in Amerika, wo rücksichtslos Monat für Monat
— Bedienung!" tind weitere Worte quellen über von allem Guten, Schönen, Entrückenden, was man nur einem kleinen Angestellten wünschen kann: inzwischen ist die erste Zigeunersche mit ihrem großen Einkauf endlich fertig geworden, ohne die geringste Bewegung zur Kasse machen zu wollen. Sie greift schon nach dem mächtigen, sauber einpapierten und verschnürten Paket und möchte damit den Laden verlassen, und kann es gar nicht verstehen, daß der Herr Geschäftsführer ziemlich energisch auffordert, zunächst einmal zur Kasse zu gehen und dort die obligate Dezahlungs- arie zu fingen.
Da fährt aber auch schon die zweite Zigeunersche, die eben so vielen Angestellten gegenüber ihre bewundernswerte Weissagekunst hat spielen lassen, dazwischen: von keinem Menschen hier habe sie Geld verlangt und verlange es auch nicht, wenngleich das Aus-der-Hand-tesen sonst immer je eine Mark koste: und da sollten sie bezahlen? So viel für so ein kleines Paket, für das bißchen Abendbrot des ganzen Wagens?
tind schon verwandelt sich das eben noch so friedlich romantische Fdhll des seinen Ladens in eine theatralische, gar nicht sehr feine Szene voll augenrollendem, giftsprühendem Temperament. tind Laute gurgeln auf wie aus Goethes Zigeunerlied:
„Ich hörte der Wölfe Hungergeheul, Fch hörte der Eulen Geschrei: Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!"
Ein Ringkampf um das Paket hebt an. Sieh da — der schmucke Gehrock des Herrn Geschäftsführers, noch eben geschniegelt, verbindlich, höflich und dienerisch — so ruppig kann er werden? Hat gar kein Verständnis für die vorgeschlagene Aufrechnung Zug um Zug? Trällert nicht in ihm Bizets Carmen-Refrain auf: „Die Liebe von Zigeunern stammt ..." ? Was — er ruft nach der Polizei?
Da ist es wohl besser, zu fliehen und das gute Abendbrot im Stich zu lassen! Aber nicht, ohne daß all die guten und schönen Prophezeiungen schleunigst zurückgenommen werden und sich in das Gegenteil, in schlimmste Verwünschungen und Verfluchungen verwandeln müssen. Einer Erbschaft ach schon so nahe Wirklichkeit verblaßt: es ist wieder einmal nichts mit dem sehnsuchtsvollen Ruf: „Komm mit deinem Scheine, süßes
Engelsbild!" tind das Fdyll zerteilt sich jäh viel schneller, als es heranschwebte, in die Schluß- strophe des Goethe-Liedes:
„Da rüttelten sie sich. Da schüttelten sie sich tind liefen und heulten davon. Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!" ,
Da der Zigeunerwagen bereits nach Halensee wegklappert, kommt es noch einmal von der tih^ landstcaße bis zur Foachimsthalerstraße zurück, sehr unheimlich: „Wito hu!"
Vielleicht, daß sich diese schreckhafte Prophezeiung nun bald erfüllt! Dann dürfte der Kur- fürstendamm nichts zu lachen haben.
A. Thurandt.
Zch, der Regenspender.
Im alten Oesterreich gab es einen Verein, der führte den schönen Namen: „Verein der ehemaligen Kecskemeter (es können auch Debrecziner gewesen sein, ich weiß es nicht mehr so genau) in Wien". Und von diesem Verein existiert eine lustige Legende. Er pflegte die Geselligkeit. Und wie das nun mal so ist, wenn man eine Zeit lang immer im Kaffeehaus Geselligkeit gepflegt und Karten gespielt hat, man bekommt einmal Sehnsucht danach, das auch in der freien Natur zu tun: Also wurde ein Vereinsaus- flug beschlossen. Das ging dann folgendermaßen vor sich. Man wartete schönstes, anhaltendes Sommerwetter ab, dann wurde der Tag festgesetzt. Und an dem bestimmten Morgen erschienen die ehemaligen Kecskemeter oder Debrecziner bei strahlendster Sonne am Bahnhof. Wenn sich der Zug in Bewegung setzte, begann sich der Himmel zu bewölken. Sobald das Ziel der Fahrt erreicht war, setzte der Regen ein. Und er hörte erst dann auf, aber genau dann, wenn die Ausflugsgesellschaft mit etwas geröteten Backen den Waggon zur Rückreise bestieg. Bei ihrer Ankunft in Wien aber strahlte der Himmel im klarsten Blau.
Das war so sicher wie das Einmaleins, so unum- stößlich, daß man bei anhaltender Hitze in Gebieten, die von der Dürre bedroht wurden, einfach die Debrecziner einlud. Und damit war die Ernte gerettet.
Soweit die Legende. Mir will es aber scheinen, daß nicht nur dieser Verein eine solche regenspendende Fähigkei besessen hat. Ich glaube wenigstens, ich habe jetzt jein Erbe angetreten. Als ich vor
die betreffenden Beträge von den Verantwortlichen eingezogen werden, so würde das deutsche Volk jahraus jahrein in seiner öffentlichen Verwaltung erhebliche Beträge sparen können, da schon die bloße Möglichkeit, persönlich in Anspruch genommen zu werden, fast durchweg das höchste Matz der möglichen Sparsamkeit erzwingen würde.
Die Ruhepause, welche die Sommerzeit dem Finanzministerium und den übrigen Ressorts dadurch beschert, daß die Parlamente vertagt sind, darf also in diesem Sommer noch weniger als in anderen Fahren zugleich eine Ruhepause für diese Behörde bedeuten: sie ist vielmehr unbedingt erforderlich, um eine sachgemäße Finanzgebarung für das laufende und das nächste Haushaltsjahr vorzubereiten. Die hier zwar nicht auf der Bühne der Oeffentlichkeit, aber um so emsiger in der Amtsstube sich voll- ziehende Tätigkeit steht an Bedeutung nicht hinter jener zurück, die im gegebenen Augenblick aufzuwenden ist, um die Gesetze zu vertreten und durchzusetzen, die die kommende Finanzpolitik des Reichs tragen sollen. So gut für die Außenpolitik schon seit einem Fahrzehnt die Saure-Gurken-Zeit abgeschafft worden ist und gerade der Sommer einen der wichtigsten Arbeitsabschnitte darstellt, so gut ist dies heute unter dem Druck der Rot für die deutsche Finanzpolitik der Fall.
6000 junge Kaufleute in Danzig.
Man schreibt uns: Zum 4. Reichsjugendtage des Deutschnationalen Hand- lungsgehilfen-Derbandes, der vom 6. bis 8. Juli in Danzig stattfand, waren 6000 junge Kaufleute aus allen Teilen des Reiches — darunter 340 aus Hessen und Hessen-Rassau — versammelt.
Die Tagung nahm unter starker Anteilnahme der gesamten Bevölkerung einen glänzenden Verlauf, sie gestaltete sich zu einem machtvollen, nationalen Bekenntnis deutscher Schicksalsverbundenheit mit dem abgetrennten Osten.
Fn einer reichen FüUe von Veranstaltungen wurden 6000 jungen Kaufleuten anschaulich Bilder der großen nationalen und wirtschaftlichen Röte des von den Polen bedrängten deutschen Ostens gegeben, wurden hohe berufliche und nationale Bildungsziele vor ihnen aufgerichtet.
Beim Empfange durch den Senat im Arthurs- hof sagte Präsident S a h m, dah Danzig vieles in seiner 700jährigen Geschichte erlebt habe, aber eine solche gewaltige Tagung habe es noch nie in seinen Mauern gesehen. Die Tagung sei eine Großtat deutschen Gemeinsinnes und deutschen Volksgefühls. Beim Festgottesdienst in der altehrwürdigen St. Marienkirche fanden die Tausende mit ihren vielen Hunderten von farbenprächtigen Wimpeln kaum Platz. Aus dem Be- grüßungsabend in der Messehalle sprach Der- bandsvvrsteher Dechlh über „Die beruflichen Ziele und Aufgaben der deutschen Fungkauf- mannschaft", auf der Schluhfeier Max Habermann über „Der deutsche Osten als Schicksalsfrage". Der große Fackelzug am Sonntagabend brachte ganz Danzig auf die Beine. Reichstagsabgeordneter Walter Lambach riß in seiner Ansprache „Dies Land bleibt deutsch" die Zehntausende zu einem Treuebekenntnis zum deutschen Gedanken empor.
An den beruflichen Wettkämpfen beteiligten sich über 800 Lehrlinge und Funggehilfen. Am Staffellauf durch Danzig nahmen 14 Gaue teil. Die Ausstellung der Scheinfirmen, deren Zahl jetzt etwa 500 beträgt, gab einen guten Einblick in die steigende Bedeutung dieser kaufmännischen tiebungskontore für die berufliche Ausbildung der jungen Kaufleute. Fm Anschluß an die Tagung zogen in etwa 100 Gruppen 5000 der Teilnehmer zu kürzeren oder längeren, wohlvorbereiteten Wanderfahrten ins weite vstpreußische Land.
Mit dieser Tagung hat der D. H. D. eine national- und kulturpolitische Tat vollbracht, die ihre reichen Früchte erst dann richtig tragen wird,
vierzehn Tagen bei herrlichstem Wetter an die See fuhr, erholungssüchtig, wie nur ein Großstädter sein kann, da ahnte ich noch nichts davon. Aber wie ich ankam, regnete es seit Wocyen zum erstenmal. Und es regnete bis heute. Eben packe ich meine Koffer und siehe da, der Himmel klärt sich langsam auf. Morgen wird wieder die Sonne scheinen. Meine verehrten Mitbadegäste, haben Sie keine Wettersorgen mehr: ich reise ab.
Aber ich habe noch eine Probe aufs Exempel gemacht. Ich habe neulich von hier aus einen Freund besucht, der zwei Stunden Bahnfahrt weiter fein Einsiedlerleben führt. Als ich zurückkam, hörte ich, daß an diesem einen Tage der Versuch, nun endlich das sommerliche Badeleben zu beginnen, fast gelungen sei. Für diesen einen Tag hatte der Regen aufgehört.
Glauben Sie nicht auch, daß ich Grund genug zu der Annahme habe, jene seltsame Fähigkeit der ehemaligen Debrecziner ober Kecskemeter habe sich auf mich vererbt? Sehr glücklich bin ich mit diesem Erbe nicht gerade. Hustend und verschnupft steige ich in den Zug.
Aber mir bleibt ein Trost: Ich will mich in den Dienst einer guten Sache stellen. Landwirte Europas, so ihr unter Dürre leidet: ich stehe zur Verfügung.
Michael Geyer.
Oer Knopf im Kaffee.
Auf einen ganz neuen Trick ist ein Wann in Warschau gekommen, um sich von den Kaffeehäusern, die er mit seinem Besuch beehrte, seine Zeche bezahlen zu lassen. Er trug nämlich in der linken Rocktasche zehn Hosenknöpfe und in der rechten zehn ausgebrannte Streichhölzer. Sobald er irgendwo den Kaffee ausgetrunken hatte, warf er einen Knopf in die Tasse, steckte rasch ein Streichholz in den Kuchenrest, schrie laut nach dem Geschäftsführer und machte einen solchen Skandal, daß man, nur um den Schreier loszuwerden, ihn ohne Bezahlung zu verlangen, zum Lokal hinauskomplimentierte. Es ging ihm aber schließlich doch genau so, wie hundert anderen Betrügern ähnlichen Kalibers. Er führte zwar genau Buch über alle Lokale, die er ab* klapperte, doch dachte er nicht daran, daß auch die Kellner ihre Arbeitsstätten wechseln. Einer von ihnen kannte den Trick bereits und lieh den Betrüger verhaften, der mehr als 200 gelungene Manöver zugab.


