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Nr. HO Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, (8. Juni (929
Bismarcks Entlastung.
Von Or. Egmont Zechlin.
3n seinem Buche über „Staatsstreichpläne Bismarcks und WilhelmII.
1 890 bis 1 8 9 4“ gibt Privatdozent Dr. Egmont Zechlin im ersten Teil eine Darstellung der Entlassungsgeschichte, die insbesondere auf Grund der von ihm entdeckten Geheimdokumente zeigt.-wie Bismarck durch einen Gewaltstreich sich vom Reichstage zu befreien und die sozialdemokratische Bewegung niederzuschlagen beabsichtigte. Er schildert dann, wie die zahlreichen persönlichen Feinde Bismarcks sich darüber verständigten, daß der Kanzler zu Fall gebracht werden müsse. Am Abend des 14. März ist es ihnen gelungen, den Kaiser von der großen Militärvorlage abzubringen, die Bismarck benutzen wollte, um den Konflikt mit dem Reichstage zu provozieren. Nachstehend geben wir mit Erlaubnis des Cottaschen Berlages einen Abschnitt wieder, der Die letzte Phase des dramatischen Ringens zwischen Kaiser und Kanzler darstellt (179).
3n dem Augenblick, als sich die Kampfesleiden- schast des fünsundsiebzigjährigen Kanzlers aufs höchste steigerte, weil er in dem Zusammenklang seiner Wünsche mit denen des Kaisers in der Militärvorlage, im Zerfall des Kartells und schließlich in der Unmöglichkeit einer konservativ- klerikalen Regierungsmehrheit die Schicksalszeichen dafür zu sehen meinte, daß er mit seinen Gewaltplänen auf richtiger Bahn sei, und als er sich schon auf dem Wege zu einem Regierungs- system sah, in dem alles — Kaiser, Parlament, Minister sich seinem Willen hätte fügen müssen, wurde ihm das wichtigste Glied seines Aktionsplanes aus der Hand geschlagen, eben das, das er für besonders sicher hielt, weil der Kaiser selbst es eingefügt hatte. Denn was bei dem Zusammenstoß am Morgen des 15. März im Vordergründe stand, sind Verlegenheits- Maskierungen und Ablenkungsmanöver oder bildet nur einen äußeren Konfliktsstoff. Das Bedeutsamste, was WilhelmII. zu sagen hatte und was den Zorn Bismarcks um so gewaltiger erregen mußte, als es kein sachliches Argument dagegen gab, war nicht die Beschwerde über den Empfang Windthorsts und auch nicht der Widerspruch gegen die Kabinettsorder. „3m Verlaufe des Vortroges erklärte der Kaiser ganz unvermittelt,“ so wird in Bismarcks Darstellung dieser entscheidende Punkt berührt, „er wolle eine Auflösung des Reichstags jedenfalls vermeiden und deshalb die Militärforderungen auf dos Maß herabsehen, welches mit Sicherheit eine Majorität finden werde." Hnd Bismarck zeigte auch selbst, worum es bei diesem Zusammenstoß am 15. März vor allem ging; auf des Kaisers Frage, daß es doch nicht in seiner Absicht liegen könne, durch die Verhandlungen mit Windthorst die Aufregung im Volke zu steigern, polterte er in v<r Leidenschaftlichkeit der Stunde heraus: es sei im Gegenteil seine Absicht; es müsse im Lande eine solche völlige Verwirrung und ein solches Tohuwabohu herrschen, daß kein Mensch mehr wisse, wo der Kaiser mit seiner Politik hinouswolle!
Schon Philipp Eulenburg hat sich den Kopf darüber zerbrochen, wieso Bismarck seine Entlassung auf eine plötzliche Sinnesänderung des Kaisers zurückführen konnte, obgleich doch, wie Eulenburg, der am 16. März nach Berlin kam, selbst erlebte, der Kampf um die Kabinettsorder von 1852 äußerlich der Hauptstreitpunkt war. Er kommt in seiner Betrachtung zu dem Schluß, daß vielleicht Aufzeichnungen der Kabinettschefs, die Bismarck zur Aufhebung der Order aufzu- fvrdern hatten, die Lösung des Rätsels bringen würden. Aber Eulenburg ist auf falscher Fährte. Die Lösung liegt überhaupt nicht in der Angelegenheit der Order, sondern in der des Kampfprogramms gegen den Reichs-
t a g. Der Kaiser hängte sich an die anderen Konfliktsstofse, weil sein Widerstand gegen das Kampsprogramm als Wankelmut und Schlappheit erscheinen konnte, vielleicht auch, weil er ein Gefühl dafür hatte, daß in seine sachliche Begründung das persönliche Motiv mindestens hineinspielte, dem unbequemen Kanzler den Boden wegzuziehen. Bismarcks Vermutung in den „Gedanken und Erinnerungen", daß es dem Kaiser widerstrebt habe, sich ihm gegenüber offen von dem Kampfprogramm loszusagen, und er statt dessen ihm das Verbleiben im Dienst verleiden und seine Verstimmung bis zum Abschiedsgesuch steigern wolle, dürfte richtig sein.
Lind Bismarck wiederum hatte in den Fragen des Windthorstempfangs und der Kabinettsorder, an die zu erinnern der neueingetretene Handelsminister äußeren Anlaß bot, Praxis und Recht so unzweifelhaft auf seiner Seite, daß auch er Grund hatte, sich an diese Streitpunkte zu halten. Aehnlich steht es mit den dann außerdem noch hinzugekommenen Vorwürfen des Kaisers, daß Bismarck ihm einen Teil der Konsulatsberichte aus Kiew vorenthalten und nicht auf russische Kriegsvorbereitungen aufmerksam gemacht habe. Holstein hatte zwar — offensichtlich zur Weitergabe an den Kaiser — schon vor Wochen verbreitet, Bismarck lasse Berichte, die den Kaiser ungünstig gegen Rußland beeinflussen könnten, im Auswärtigen Amt zurückhalten; Philipp Eulenburg korrespondierte deswegen bereits Anfang Dezember mit Waldersee und gestand ihm zu. daß es unter diesen Hmständen fast allein in feiner Hand liege, den Kaiser durch Vorlage militärischer Berichte über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Die Akten zeigen jedoch, daß die Vorwürfe des Handbilletts vom 17. März völlig unberechtigt sind. Bismarck hat durchaus korrekt gehandeil. hat genau so, wie er es in den „Gedanken und Erinnerungen" dargestellt hat, von der erst am 15. März ein
gegangenen Sendung die wichtigsten Berichte an den Kaiser oder an Waldersee weilergeleitet und nur solche über „Zustände religiöser und sozialer Ratur" in den Geschäftsgang gegeben. Lind es liegt kein Grund vor, die Wahrheit zu bezweifeln, daß er sämtliche Berichte militärischen 3nhalts ihm selbst oder dem Chef des Generalstabs mitgeteilt habe.
Das Handbillett des Kaisers vom 17. März hatte dann auch einen ausgesprochen taktischen Zweck. Waldersee war am 15., als ihm der Kaiser von dem Auftritt berichtete, den es soeben in der Wilhelmstrahe gegeben hatte, nunmehr „schonungslos" mit seiner Meinung über Bismarck hervorgetreten. Er legte dem Kaiser dar, in welche Gefahren das Reich durch Bismarck gebracht werde, und riet, unterstützt von den beiden Flügeladjutanten, dem Kanzler die Entlassung zu geben', wenn er sie nicht nehmen wolle. Der Kaiser aber wollte, um des Eindrucks auf die Oeffentlichkeit willen, daß Bismarck die 3nitiative ergriff. Es sei ihm lieber, erwiderte er. wenn der Kanzler um die Entlassung einküme, es hätte vor der Welt ein besseres Aussehen. Darum mußte Bismarck gereizt werden, und so ist alles Weitere zu erklären, auch das offene Handbillett mit einer Rüge, wie sie Bismarck in dieser Form noch nicht erhalten hatte. So ging es nach dem 15. März nur noch darum, wem die formelle Verantwortung für den Abgang des Reichsgründers zufallen würde. Bismarck hatte die Aufforderung des Kaisers, die Order von 1852 zurückzuziehen, „ins Sonntagsfach" gelegt und war überzeugt, daß er nicht die 3nitiativei und damit die Verantwortlichkeit für sein Ausscheiden zu übernehmen habe. Lind mit der Heber- sendung der gesamten Expedition aus Kiew und eines unangreifbaren erklärenden 3mmediat» be richt es setzte Bismarck den Kaiser völlig ins Hnrecht.
3nzwischen wurde aber auch diesem eine mo ralische Deckung zugeschoben. Der Grohherzog von Baden, mit dem der Kaiser sich am Morgen des 17. März auch mündlich beraten hatte, schrieb ihm unmittelbar darauf in höchster Eile von einem Gerücht, das Bismarck im Auswärtigen Amt verbreite. Danach sei der Grund zu seinem und seines Sohnes Rücktritt ein Kaiserliches Handschreiben, das die Teilnahme des Kaisers an den russischen Gardemanövem absage und Gegenmahregeln gegen russische Truppenansammlungen verlange. So stand allerdings in dem Handbillett. Wenn Bismarck aber nun diese Forderungen des Kaisers als Grund für seinen Rücktritt angab, so spielte er damit einen letzten Trumpf aus, der die Russen von vornherein mißtrauisch gegen seinen Rachfolger machen mußte — oder aber den Kaiser zwang, ihn doch noch zu behalten. 3n dem Bestreben des Kaisers, Bismarck diese gefährliche Waffe im letzten Augenblick zu entwinden, liegt die Hr- sache für sein Drängen am 17., das Bismarck denn auch die letzte Möglichkeit nahm, das Abschiedsgesuch hinauszuzögern. Der Kaiser sandte den Brief des Großherzogs an Hahnke. Dieser riet, durch den Chef des Zivilkabinetts vom Fürsten Reichskanzler Aufklärung über dieses Gerücht zu fordern und bei ausweichender Antwort ihm sogleich die Vorlage einer Kabinettsorder abzuverlangen, welche die Auf- Hebung derjenigen von 1852 ausspreche, „damit der unsichere Zustand seines Bleibens endgültig aufgehoben werden kann". Hnd so geschah es Der Kaiser schrieb den Akt nunmehr dem Chef des Zivilkabinetts zu mit der Randbemerkung „Einverstanden. Ditte danach handeln zu wo' len.“ Hnd Lucanus hat auch nicht vergessen, bie Ausführung des Befehls ordnungsgemäß zu buchen. Das Schriftstück schließt mit der inhaltsreichen Rotiz von seiner Hand: „Erl. eodem und mündlich berichtet Luc. 17. 3." —
Turnen, Sport und Spiel.
Gießener Audergeselsschafl 1877.
Bei der Regatta in Ems am Sonntag konnten die Jungmannen Roth, Heussel, Flimm, Hochftätter, Steuer Loh, gegen die körperlich wesentlich kräftigeren Mannschaften vom Limburger Ruderverein und Ruderoerein Ems das Vierer- Rennen um den Emser Quellenpreis gewinnen. Gleich am Start ging die Gießener Mannschaft vor, hart bedrängt von den beiden anderen Boote; bei 800 Meter gab Ems das Rennen auf, bei 1000 Meter führte Gießen klar vor ßimbura. Wenn letztere auch kurz vor dem Ziele durch kräftige Spurts noch etwas aufholten, so konnten doch die Gießener das Rennen in 7,30 Minuten (gegen 7,33 Minuten) sicher nach Hause bringen. Dieser erste Sieg der jungen Mannschaft ist ein schöner Erfolg für die Gießener Ruder-Gesellschaft und ihren Ruderlehrer Reißer.
Gießener Ruderklub „Hassia" 1906. Zu der am 29. und 30. Juni stattfindenden R e - gatta des Gießener Ruderklubs „Has- s i a" sind insgesamt 57 Boote mit 290 Ruderern gemeldet worden. Da auf der Lahn nur drei Vierer oder zwei Achter gleichzeitig starten können, müssen schon am Samstag, 29. Juni, nachmittags, sowie am Sonntag, 30. Juni, vormittags, Vorrennen gefahren werden. Die Hauptrennen finden am Sonntagnachmittag statt. Es liegen folgende Meldungen vor.
1. Begrüßungs-Vierer: 1. Vorwärts, Mannheim; 2. Hassia, Gießen; 3. Freiheit, Mühlheim; 4. Mainzer Ruderklub 03; 5. Fechenheimer Rudergesellschaft 1910.
2. Jungmann = Einer: 1. Hellas, Gießen; 2. Vorwärts, Offenbach.
3. Junior-Vierer: 1. Mainzer Ruderklub 03;
2. Vorwärts, Mannheim.
4. Anfänger - Vierer: 1. Ruderabteilung der Paddlergilde Herdecke a. d. R.; 2. Hassia, Gießen.
5. Achter für Senioren: 1. Hassia, Gießen;
2. Mainz-Kasteler Ruderklub Germania; 3. Undine, Rüsselsheim.
6. Jung mann - Vierer: 1. Hassia, Gießen;
2. Hellas, Gießen; 3. Amicitia, Frankfurt a. M.; 4. Offenbacher Germania.
7. Schüler ° Vi e r e r: 1. Undine, Rüsselsheim;
2. Vorwärts, Offenbach; 3. Freiheit, Mühlheim; 4. Hassia, Gießen; 5. Vorwärts, Mannheim.
8. Lahn - Vierer: 1. Freiheit, Mühlheim;
2. Hassia, Gießen; 3. Mainz-Kasteler Ruderklub Germania; 4. Fechenheimer Rudergesellschaft 1910; 5. Undine, Rüsselsheim; 6. Mainzer Ruderklub 03;
7. Offenbacher Germania.
9. I u n g m a n n - Achter: 1. Offenbacher Germania; 2. Hassia, Gießen; 3. Alemania, Frankfurt; 4. Hellas, Gießen.
10. Senior - Giner: 1. Vorwärts, Offenbach;
2. Vorwärts, Mannheim; 3. Hassia, Gießen.
11. S t a d t - V i e r e r: 1. Mainz-Kasteler Ruder- Hub Germania; 2. Freiheit, Mühlheim; 3. Vorwärts, Mannheim; 4. Mainzer Ruderklub 03; 5. Hassia, Gießen; 6. Fechenheimer Rudergesellschaft 1910.
12. 1. Iungmann - Vierer: 1. Amicitia, Frankfurt a. M.; 2. Alemania, Frankfurt; 3. Hassia, Gießen; 4. Vorwärts, Offenbach; 5. Offenbacher Germania; 6. Freiheit, Mühlheim.
13. Ermunterungs-Vierer: 1. Hassia, Gießen, 1. Boot; 2. Hassia, Gießen, 2. Boot.
14. Großer Achter: 1. Fechenheimer Ruder- gesellschaft 1910; 2. Freiheit, Mühlheim.
15. Leichtgewichts - Schüler - Vierer: 1. Hellas, Gießen; 2. Germania, Offenbach.
Handball der Sp.-Vg. 1900.
19001. — Rot-Weitz Darmstadt Liga 3:3.
ö. Das Samstagabcndspiel gab 1900s erster Handballelf, die in letzter Zeit nicht allzu sehr in den Vordergrund getreten war, Gelegenheit, sich wieder ins beste Licht zu setzen. Durch das Hnentschieden gegen die spielstarken Süddeutschen errang sie einen schönen Achtungserfolg. Der Spielverlauf sah die Gäste etwa mehr im Dorteil, die gute Abwehrarbeit und das eifrige Spiel der Einheimischen hinderte sie jedoch, dies zahlenmäßig zum Ausdruck zu bringen. Beide Mannschaften traten mit je drei Mann Ersah an (Rot-Weiß für Torwart und Außenstürmer, 1900 für den Mittel- und die linken Flügelstürmer). Zum Spielverlauf ist kurz zu sagen, daß die Spielvereinigungsleute mit der Sonne und leichtem Rückenwind das Spiel begannen. Sie nutzten diese Vorteile gut aus, und schon nach zwei Minuten Spieldauer vermochte ihr gut in Form befindlicher Halbrechter das Führungstor zu werfen. Die Gäste legten sich nun mehr ins Zeug und erzielten durch Verwandlung eines Straf- Wurfes den Ausgleich. Auf dieselbe Weise wurde die Partie remis gestellt, als 1900s Halbrechter den Gästehüter zum zweitenmal geschlagen hatte. Rach dem Seitenwechsel gingen die Darmstädter ganz aus sich heraus, und die Hintermannschaft des Plahbcsitzers hatte alle Hände voll zu tun. Sie arbeitete jedoch geschickt und verstand sich auch gut, so daß der gut aufgelegte 1900er Torwart nur einen scharfen Flachball durchzulassen brauchte. Man hatte schon den Sieg von Rot- Weiß als feststehend angenommen, als Gießens Rechtsaußen den sich tapfer schlagenden Darmstädter Torwart durch einen Wurf an den 3nnenpfosten überwand und somit ein ehrenvolles 3:3 herstellte.
Schlösser in England.
Von Liesbet Dill.
Der Flieder blüht im Schloßgarten zu W i n d - so r und die gelben Narzissen stehen in üppigen c uppen im Rasen, die Schildwachen in ihren knappen. hellroten Uniformen wandern aus den »reiten Terrassen, die das strenge, stolze, graue Schloß umgeben. Wenn sie vor ihren Schilder- häuschen stehen und unter ihren meterhohen schwarzen Fellmützen regungslos den Eingang bewachen, erinnern sie an Bleisoldaten aus Andersens Märchen. Rings um das ernste Schloß, das cussieht wie aus einem Stück gegossen, obwohl Diele Könige daran bauten, blühen Margarethen- Wiesen, dehnen sich meilentoeite Alleen, breitet sich ein grüner frischer Wiesentepplch über die ebene. Aus der Ferne glänzt das grunpatinierte Dach des Mausoleums der Queen. Sir ruht in schöner poetischer Umgebung.
Englands Winter war hart, der Frühling ist säst zwei Monate zurück. Aber die Sonne wirkt schon und die Gärten um die Landsitze und Schlösser, die Parks, mit denen dies Land und das graue, verrußte London so verschwenderisch durchsetzt ist, sind rasch grün geworden, und die Tulpen blühen in bunter Fülle überall. Ehe man das Schloß besichtigt, steigt man in Eton ab und besucht Thomas Greys Grab unter den tausendjährigen Zeder. Es ist eben Schulpause, und die Etynschüler spielen Golf und Fußball auf, den riesigen Sportplätzen hinter ihren Schul» l jü. Sonderbar sehen sie aus, diese kleinen Männer im Cut, gestreifter Hose und hohem Zylinder — das Kostüm ist Vorschrift —, sie gleichen Gestalten aus Dickens' Romanen ... Strengste Disziplin herrscht hier. Wir sehen eine Ruthe im Schulschrank und eine „Strafbank", gleich nebenan ist die Kirche. Die Wände sind bedeckt mit Namen der Schüler, Generationen haben sich ein» geschnitzt in die Schulbänke und Tische, berühmte Männer waren darunter, Prinzen, Herzöge, Gelehrte, Geistliche, alle haben hier auf diesen Bänken gesessen, deren Namen ganz England kennt, und haben sich auf diesen Sportplätzen herumgetummelt. Sehr primitive Heizungsanlagen. Eiserne Röhren laufen seitlich der Wand entlang.
Die grauen Türme von Windsor caftle überragen das kleine Städtchen, das von der Themse gespalten wird. Hralte Häuschen, kleine Lädchen,
an „Tea Roms“ ist kein Mangel hier. Nirgends sieht man eine Weinstube hier, oder einen Bierausschank. Hnd beim Lunch trinkt alles Wasser. Ein sonderbares Essen, an das man sich gewöhnen muß. Sicher ist es — gesund. Fast ohne Salz, die Suppen süß, an fast allem ein Fenchelgeschmack, der Tee immer gut, der Kaffee untrinkbar. Aber alles wird hübsch serviert, die einfachsten Lokale machen mit ihrem weihroten Anstrich, den Dlumengardinen, den Schiebefenster- chen einen freundlichen, einladenden Eindruck.
Nachdem uns der Führer unserer Autoherde vor den Postkarten verkaufenden Männern gewarnt hat, die sich am Sch loh eingang auf uns stürzen, verkauft er uns einen Führer, in dem alles enthalten ist, was wir in Windsor nicht sehen können — der König wird erwartet, das Schloß ist nicht zu besichtigen. So wandern wir durch feine in imposant großem Stil angelegten Parkanlagen, über die breiten Terrassen, durch die wundervollen, gepflegten Blumengärten, von denen der schönste so geleckt aussieht, als sei er auf weihen Sand gemalt. Gänseblümchenwiesen umziehen die ersten Wälle, tiefe Gräben, Kanonenmündungen starren aus allen Mauerlücken, große und Liliputkanonen für Bleisoldaten ... Es ist geschichtlicher Boden hier. Hier wohnte die strenge Elisabeth, die der anmutigen Maria ihre Schönheit nicht verzieh, ihr Schlafzimmer sieht auf einen ernsten, stillen Hof, auf dem nichts lebt, nichts grünt. Tiefe Gräben schützen Windsor ... Hier hielt man Anna Doleyn gefangen. 3n diesem düsteren roten Dacksteinhaus ist ihr Zimmer zu sehen, ihr enger Erker mit trüben Butzenscheiben, bleigefaht und trauriges Licht verbreitend. 3hr letzter Ausblick war auch ein Hof, aber noch enger, trister und düsterer, streng in gotischem Stil, hoffnungslos. 3n einem anderen roten Dacksteinflügel liegt das „Shakaspeare- Zimmer".
3n der Kirche von Windsor sind die Wände bis an die Decke und auch diese noch mit kupfernen Wappen der englischen Adelsgeschlechter geschmückt. Banner, Standarten, Wappen hängen über ihren Kirchensitzen in bunter Reihe. Weiter Ausblick über das englische Wiesenland ringsum ... Das einzige, was man uns von dem 3nneren des Schlohhoses zeigt, ist eine grüne Vase, ein Geschenk des Zaren, die auf dem Fensterbrett eines Salons steht.
Weiter fährt das Auto durch endlose Alleen, durch die morgens der König reitet, Parks mit stillen Schlössern. Hecken statt Mauern, überall
strengste Ordnung, als stünde auch hier drauhen überall der Policeman mit der erhobenen, weih- manschettierten Hand — eine Mailcoatch ältesten Stils fährt vorbei, vierspännig, zwei grauhaarige Grooms, ein alter Kutscher, graue Zylinder, rote Fracks, „the old time“. Sie Winken gnädig und wir sausen vorbei.
Das Hnglücksschloh Hampton Court öffnet seine Tore. Am Eingang recken sich uns Henris „Deests" drohend entgegen, die Löwen strecken uns ihre steinernen Zungen heraus. So unschuldig liegt es in der Sonne, inmitten prachtvoller Gärten, eine düstere tote Backstein- burg, eine Nachahmung von Versailles, aber ohne eine Spur von dessen Grazie und Reizen. 3n diesem Schloß ist viel geschehen. Die Queen lehnte es ab, darin zu wohnen. Sie wollte „nicht einmal den Kopf in dieses Hnglücksschloh ft ecken" ... Vier Frauen (oder waren es sechs?) hat der blutige Henri VIII. darin ermordet. Hnd tags darauf hielt er schon Hochzeit mit der nächsten ... in demselben Schloß ... Auch die unselige Anna Doleyn hat hier gelebt. Unter ihrem Fenster blühen schwarze Tulpen, eine ganz unheimliche Sorte ... Und andere Frauen starben hier, deren Namen man nicht nennt — oder nicht kennt ... Tausend Zimmer hat das prunkvolle, großartig angelegte Schloß, das eine so seltsame Stimmung schon in seinen vornehm abgeschlossenen Höfen atmet. 3eht bewohnen es Kriegerwitwen der Aristokratie. Auf einer Dank in der Sonne sitzt eine vornehme Dame in altertümlicher Toilette und Schmuck, mit einem zy- tinberartigen, schwarzen Sammethut. Sie schaut auf die schwarzen Tulpen der Anna Doleyn unb sitzt da wie ein Gespenst aus längst vergangenen Tagen, reglos in der Nachmittagssonne ... 3m Garten Henris VIII. stehen Steinbänke in Rosennischen und Lauben, auf denen einst die Hofdamen der strengen Elisabeth ihre Tapisserien stickten. Es ist ein imposantes, tristes Schloß, solange die Sonne leuchtet und die Tulpen es bunt umblühen. Aber ich möchte es nicht besuchen bei Sturm und Regen im Herbst ... Die Schatten des blutigen Henri und seiner armen Frauen gehen noch hier um. und Anna Doleyns Sterbeschreie und Maria Stuarts tragisches Dild verfolgen uns auf diesen stillen Gängen, deren Wände so Schreckliches mitangesehen haben ...
Draußen weiden seelenruhig die fetten englischen Schafe auf den unendlichen Weiden, die netten sauberen Liliputweekendhäuschen stehen an der Themse und warten auf die Sommergäste,
eine Weiche erfrischende Luft weht über dem großen gesunden Garten England hin, unb auf den geteerten Straßen fährt sich's staubfrei und so glatt dahin, in der Ferne lugt Lady Astors stattlich Weißes Schloß aus dem Duft grüner Blumenparks, und ringsum begleiten uns Bilder des Wohlstandes, gepflegter Ordnung und streng konservativer, tief eingewurzelter Gewohnheiten, die sich einprägen und die so ineinander greifen, als gehörte alles das zusammen — die grünen Weiden, die fetten Schafe, die stolzen, einsamen Schlösser, die geteerten Wege, die Themse mit den Zwergenhäuschen und die roten Bleisoldaten, aus dem Märchen von Andersen auf den breiten, lanonenftarrenben Terrassen deS grünen vchlosses zu Windsor — und die schwarzen Tulpen unter dem Fenster der enthaupteten Anna Doleyn ...
pommery.
Von Hans JRiebau.
Pommerh war Assessor. Seit heute ist er Rechtsanwalt. „Dr. jur. Pommery" steht an seinem Dureau. Hnd darunter: „Frisch gestrichen".
Die Möbelleute haben Tische unb Schränke hinaufgetragen. Der Bureauvorsteher prüft die neue Schreibmaschine. Der Elektriker breht Glühbirnen ein.
Das Sprechzimmer ist schon so gut wie fertig. Pommery sitzt vor seinem Schreibtisch. Hin unb toieber klopft es. Ein Mann mit einer Rechnung erscheint, unb Pommery bezahlt. Bezahlt unb bezahlt. Bis bie Brieftasche leer ist.
Pommerh seufzt, trommelt mit ben Fingern auf ben Tisch. Da klopft es wieder. Ein Mann tritt ins Zimmer. Pommery fährt zusammen. Greift zum Telephon, das blitzblank auf dem Schreibtisch steht und, während der Mann an der Tür wartet, spricht er: „3awohl, natürlich, den Prozeß um die Grafschaft Lutz - galten» Hagen habe ich übernommen. Bringt 'ne ganze Menge Geld, jawohl, he he! Hnd übrigens, bie zwölftausenb Mark schicken Sie mir bitte gleich morgen herüber, bie Leute überschwemmen mich hier mit ihren Rechnungen. Auf Wiedersehen!"
Dann hängt er ab, breht sich um, guckt den Mann an der Tür an: „Bitte?"
Der Mann grinst. Grinst und grinst. ,.3ch komme," sagt er, „von der Post unb wollte 3hren Telephonapparat anschließen."


