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Nr. U5 Dritter Blatt

Oer Gießener Voranschlag für 1929c ii.

Neben den Steuervorschlägen im Kapitel »Fi­nanzverwaltung" ist es das Kapitel »De - triebsverwaltun g", dem man bei der Betrachtung des Voranschlages besondere Auf­merksamkeit zuwenden wird. Dieses Kapitel ver­zeichnet sür das Rechnungsjahr 1929 bei einer Einnahme von 1 101 827,66 Mk. und einer Aus­gabe von 490 458,12 Mk. einen Lieberschuß von 6 1 1 369,54 Mk., gegenüber 1928 mit einer Einnahme von 953 210,66 Mk., einer Aus­gabe von 437 884,78 Mk. und einem Lleberschuh von 515 325,88 Mk. Die Steigerung des Lleber- schusscs zugunsten der allgemeinen Verwaltung beläuft sich also gegenüber dein Vorjahre auf 96 043,66 Mk. 2m einzelnen sind in diesem Ka­pitel mit Lieberschüssen für 1929 aufgeführt (die Zahlen des Vorjahres sind in Klammern beigefügt: Elektrizitätswerk 240 000 (235 000) Mk., Gaswerk 210 000 (210 000) Mk., Wasserwerk 210 000 (110 000) Mk., Märkte 11 556 (6146) Mk., Eichanstalten 2922 (2372) Mk., Waaganstalten 8335 (10 130) Mk., Sand-, Kiesgruben, Steinbruch usw. 6000 (6000) Mk., Desinfektionsanstalt usw. 1545 (1575) Mk. Zuschüsse erfordern die Stra­ßenbahn 31 952,34 (25 486) Mk., Friedhöfe 8623,12 (11 640,12) Mk., Feuerlöschanstalten 31 113(23 865) Mark, Beiträge zu sozialen Versicherungen 7300 (4906) Mk. Der Betrieb des Schlachthofes gleicht sich mit 188 710,78 (178 110,78) Mk. aus, ebenso das Volksbad mit 80 000 (71 285) Mk.

Besonders bemerkenswert ist bei diesem Zah­lenvergleich die Steigerung des Lieberschusses beim Wasserwerk um 100 000 Mark. Die Stadtverwaltung will dieses Ergebnis dadurch herbeiführen, daß sie den im vorigen Jahre von der Stadtverordneten-Versammlung nur teilweise genehmigten Antrag, den Wasserpreis auf 28 Pf. für den Kubikmeter zu erhöhen, dem Stadtrat erneut zur Zustimmung unterbreitet. Die Ver­waltung sagt hierzu in ihrer Denkschrift zum Voranschlag:Die Stodtverordneten-Vers amm- lung hatte dem Antrag der Stadtverwaltung auf Erhöhung des Wasserpreises im Vorjahre nur teilweise entsprochen, indem sie den Preis von 15 Pf. auf 20 Pf. erhöhte, wodurch noch nicht einmal der in der Vorkriegszeit und bis 1919 bestandene Preis von 25 Pf. erzielt wurde. Die Finanzlage und die Notwendigkeit des Aus­gleichs des Voranschlags ohne Fehlbetrag zwingt nunmehr unbedingt dazu, durch Festsetzung des Wosscrpreiscs auf 28 Pf. die vorgesehene Mehr- cinnahme herbeizuführen." Man muß den Aus­führungen der Stadtverwaltung natürlich ernste Beachtung und volle Würdigung zuteil werden lassen. Für sie dreht es sich bei aller Rück­sichtnahme auf die Bürger doch in erster Linie daruin, vor allen Dingen den Voranschlag aus­zugleichen. Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht als geringfügig veranschlagen, daß die geforderte Wasserpreiserhöhung von 20 Pf. auf 28 Pf. eine ansehnliche Mehrbelastung der Ein­wohnerschaft bedeutet und daß wir bei der Annahme des Antrages der Verwaltung durch den Stadtrat über den Vorkriegspreis von 25 Pf. je Kubikmeter Wasser hinauskämen; allerdings würde letzteres gerade keine Einzelerscheinung sein, sondern nur den allgemeinen Preissteige­rungsverhältnissen entsprechen. Die von der Ver­waltung vorgcschlagene Wasserpreiserhöhung muß ober auch noch unter einem anderen Ge- üchtswinkcl betrachtet werden. Sie ist ein Weg zur Vergrößerung der städtischen Einnahmen, auf dem nicht nur wie bei der Gewerbe­steuer und der Grundsteuer einzelne Kreise der Bürgerschaft allein belastet werden, sondern ic. nimmt alle Benutzer der Wasserversorgung auch in gleicher Weise nach dem Maßstab einer gerechten Pflichtenverteilung bei gleichen Lei­stungsforderungen in Anspruch. Leider ist es eben durch den Wegfall der kommunalen Steuerhoheit für die wichtigsten Steuergebiete und die steigende Inanspruchnahme der Gemeindefinanzen dahin gekommen, daß die Verwaltungen immer mehr zu dem Mittel der indirekten Steuererhebung auf dem Wege der Erhöhung der Werktarife

Roman einer Nacht

Von paul Rosenhayn.

(Schluß.)

Während sie den Hörer niederlegte, vernahm !ie deutlich das Rattern eines Autos, das sich 1 näherte.

Sie ging ans Fenster. Der Wagen hielt vor der Pforte.

Behutsam öffnete sie einen Fensterflügel und machte dem Ankömmling ein Zeichen, ins Haus zu kommen. Er stieg aus und ließ einen prü- i lenden Blick über die Villa gleiten, die im 1 Glanze der jungen Morgensonne vor ihm lag.

Dann ging er langsam in den Garten hinein.

Sie öffnete selbst die Haustür.

In zehn Minuten bin ich fertig!"

Ich werde warten. Im Auto."

Sie schüttelte den Kopf.Komm herauf!"

Er ging ungläubig neben ihr die Treppe R Hinauf; verliebt faßte er nach ihrer Hand.

Wie kalt deine Hände sind!"

Sie nickte und stieß die Tür zum Boudoir | «Ulf.

Er wollte sie vorangehen lassen; aber sie irängte ihn sanft hinein. Behutsam machte sie die Tür zu. Dann drehte sie den Schlüssel im schloß herum und zog ihn ab.

Warum tust du das?" fragte er unruhig.

Sie blickte lauschend zum Fenster.Wegen h 6er Zofe."

Ist denn die Zofe schon aufgestanden?"

Sie antwortete nicht. Sie sah an ihm vorbei I ins Leere.

Du bist so seltsam," sagte er mit einem Unter- r; ton des Argwohns in der Stimme.Was ist | dir?"

Er ging auf sie zu und wollte sie umarmen. | Sie wich vor ihm zurück.Gereut es dich? I Bringst du den Mut nicht auf, dies Haus zu verlassen?"

Doch," sagte sie tonlos,ich bringe den Mut 1 zu ganz anderen Dingen auf.

I Wieder sah er ihr unruhig ins Gesicht. Lind Plötzlich, in einem jähen Erkennen, ging er auf lie zu:

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

greifen müssen, um für ihre Aufgaben Deckungs- mittel zu beschaffen. Der Stadtrat wird zu prüfen haben, ob er zur Deckung des Bedarfs des in feiner Gesamtheit als recht gespannt zu bezeich­nenden Voranschlags die Verantwortung für die volle Wasserpreiserhöhung auf 25 Pf. je Kubik­meter übernehmen kann. Er wird dabei, trotz aller Rücksichtnahme auf die Leistungskraft der Bürger, nicht übersehen dürfen, daß einmal der Ausgleich des Voranschlags unter keinen Um­ständen gefährdet werden darf, daß anderseits aber auch das Gebot der steuerlichen Gerechtig­keit zu beachten ist und seine Erfüllung gegebe­nenfalls auch zu einer Entscheidung zwingt, die vielleicht bei einem Teile der Bürgerschaft wenig populär sein wird.

Der Haushalt der Straßenbahn für 1929 erfordert einen Mehrzuschuß gegen 1928 von 6466,34 Mk. Hier treten erstmals die Zinsen in Höhe von 18 880 Mk. für das Darlehen zur Er­weiterung des Wagenparks in Erscheinung. Für die Beschaffung von weiteren sechs Trieb- und einem Anhängewagen hat die Stadtverwaltung bekanntlich im Oktober v. I. einen Kredit von 232 000 Mk. zur Verfügung gestellt, der auf die Rechnungsjahre 1928 und 1929 verteilt werden soll; für 1929 sind hiervon in der Dermögens- rechnung des Betriebs 135 000 Mk. vorgesehen. Daß diese Erweiterung des Wagenparkes nötig war, viel nötiger als die Gleisschleife hinter dem Schützenhaus, die uns jährlich allein mit 1980 Mk. Zinsen belastet, kann nicht bezweifelt werden. Man vergegenwärtige sich nur die In­anspruchnahme der Straßenbahn bei großen Ver­

anstaltungen in der Volkshalle, wie erst kürzlich beim Strauß-Konzert und in einigen Wochen beim Schützenfest, und man denke auch an die Er­weiterung unseres Strahenbahnnehes nachWieseck, mit der wir in einigen Jahren als Betriebs» faftor zu rechnen haben werden, für den es bei­zeiten vorzusorgen gilt. Llnter diesen Umständen müssen wir eine erhöhte Zuschuhleistung an die Straßenbahn als wirtschaftlich notwendig über­nehmen. Ob dieser Zuschuß aber in voller Höhe zur Wirklichkeit werden wird, erscheint doch etwas fraglich. Man findet nämlich die Kilowattstunde elektrischer Energie für den Antrieb der Straßen­bahnwagen mit 17 Pf. (im Vorjahre 20 Pf.) ver­anschlagt. Dieser Preis erscheint uns noch etwas reichlich bemessen, da es sich beim Straßenbahn­betrieb als einer Abteilung des gesamten städti­schen Elektrizitätsunternehmens doch um Eigen­verbrauch handelt, für den aber nach früheren Aeußerungen in der Stadtverordneten-Dersamm- lung ein niedrigerer Strorngestehungspreis, als hier angeseht, in Betracht kommen dürfte. Wenn wir auch nicht der Ansicht sind, daß die Rechnung des Straßenbahnbetriebs auf den reinen Selbst­kostenpreis aufzubauen ist, so glauben wir aber doch darauf Hinweisen zu müssen, daß unsere Straßenbahn nicht eine so starke Belastung des Stadtsäckels ist, als sie hier nach dem Voranschlag erscheint. Wir werden bei diesem Betrieb zwar keinen Dargewinn erzielen können, aber auf der anderen Seite wird der Zuschuß innerhalb einer Grenze bleiben, die man als erträglich und ver­kehrswirtschaftlich annehmbar bezeichnen darf.

Eröffnungsiagung der hessischen Landwirischastskammer.

WSN. Darmstadt, 16. Mai. Heute fand im Sitzungssaals des Landeskirchentages die erste Tagung der neugewählten Hessischen Land­wirtschaftskammer statt. Präsident Oeko- nomierat Hensel eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in der er zunächst die Ver­treter der hessischen Regierung, Ministerialrat Becker und Ministerialrat Bauer, begrüßte und mit warmen Worten des wegen seines hohen Alters zurückgetretenen Vorstandsmitgliedes Oekonomierat Hahn, sowie der im Jahre 1928 verstorbenen Mitglieder gedachte.

Der neue Kammervorstand.

Präsident Hensel stellte die Beschlußfähigkeit der neuen Kammer fest. Ohne Debatte wurden Aenderungen der Satzungen angenommen. Zum erstenVorsitzenden wurde einstimmig Prä­sident Hensel wiedergewählt, zu stellvertre­tenden Vorsitzenden ebenso einstimmig Glaser (Nordheim) und Mossel (Marienborn).

Präsident Dekonomicrat Hensel

dankte für seine Wiederwahl und führte dann u. a. aus: Schwer liegt die Hand des Schicksals auf der deutschen und besonders unserer hessi­schen Landwirtschaft. Die Hoffnung, daß das Jahr 1928 ein Wendepunkt zum Bessern für unsere Landwirtschaft werden möchte, hat sich nicht erfüllt.

Die Rot der Landwirtschaft ist riesengroß, sie kann kaum noch größer werden und wird verstärkt durch die Zerrissenheit und Uneinigkeit in unfern eigenen Reihen.

Ein weiteres Jahr der schweren Enttäu­schung liegt hinter uns. Steuerliche Entlastung, die wir erhofften, blieb aus. Es wurde uns zwar im Reichstag und bei der Reichsregierung versichert, daß ihnen die Notlage der Landwirt­schaft bekannt sei, aber dabei blieb es. Unter diesen tieftraurigen Verhältnissen haben sich die Führer der größten deutschen Organisationen zu­sammengefunden, um der Reichsregierung ein Rentaoilitätsprogramm zu überreichen. Schon seit Wochen ist das Programm überreicht, doch hat die Reichsregierung dazu noch keine Stellung genommen. Die unerträglichen Zinsen» laften bringen Groh-, Mittel- und Kleinbetriebe

in allen Teilen Deutschlands, auch bei uns in Hessen, zum Erliegen. Lieber die Umschul­dungsakt ion wird berechtigte Klage ge­führt, daß die Beschaffungskosten zu hoch seien. Die sozialen Lasten steigen ins Unerträg­liche. Dazu kommt noch mindestens eine Milliarde für Erwerbslose jährlich. Dabei die innere Zer­rissenheit des Volkes, das sich nicht aufraffen kann und mag zu einer Einheitsfront, welche im Hinblick auf die Verhandlungen in Paris, wo uns Sklavenketten für ein ganzes Menschenalter geschmiedet werden, das einzig Richtige wäre. Wir in Hessen empfinden die Schwere der Lage durch unser besetztes Gebiet weit mehr als die­jenigen, die weit vom Schuß sind. Wir. die wir nun berufen sind, in der Landwirtschaftskammer für die hessische Landwirtschaft zu wirken, wollen nichts unversucht lassen, das angestrebte Ziel zu erreichen. Wir wollen besonders Hüter und Wahrer der Rechte sein, die uns durch das Selb st verwaltungsrecht in der Landwirtschastskammer gesetzlich zusteht.

Glückwünsche der Regierung.

Ministerialrat Becker überbrachte für die hessische Regierung und besonders den durch die Verhandlungen im Finanzausschuß verhinderten Minister Korell die Glückwünsche zu der neuen Verhandlungsperiode.

Tic weiteren Vorstandsmitglieder.

Die Gruppen traten darauf in einer Pause zu­sammen, um sich über die Wahl der vier weiteren Vorstandsmitglieder schlüs­sig zu werden. Rach der Pause entspann sich eine längere Debatte über diesen Punkt. Aus der Zettelwahl gingen schließlich als gewählt hervor: Setttoeilcr 44 Stimmen, Korell 45, (Se­la r i u 8 44 und Bundschuh ,25 Stimmen. Abg. Blank (Zentr.) beklagte dieses Ergebnis. Zu Ehrenmitgliedern wurden einstimmig Oekonomierat Leidiger, Darmstadt, und Hahn, Heßloch, ernannt. Die Mitglieder der 14 Kommissionen wurden nach Vorschlag berufen.

Generaldirektor Dr. Hamann

erstattete sodann zu einzelnen Punkten des Ge­schäftsberichtes mündlich Bericht und be­handelte eingehend die Lage der Landwirtschaft

Gib mir den Schlüssel!"

Gib den Schlüssel her! Augenblicklich!" Rein!" sagte sie.

Er packte sie am Arm und entwand ihr den Schlüssel. Sie eilte ans Fenster, mit einem ver­krampften Lächeln drehte sie den Kopf zu ihm herum.

Man hörte das Knirschen des stoppenden Wa­gens.

Wer ist das?"

Mein Mann!"

Wußtest du, daß er kommen würde?"

Ich habe ihn gerufen."

Was sind das für Narrenspossen?"

Ich weiß alles, Fedor, es hat keinen Zweck mehr, mich zu belügen. Riedinger hat alles ein» gestanden; Marcelle Krenh hat die Beweise bei­gebracht, daß du nicht nur ein Spion, sondern auch der Mörder Remisows bist."

Das ist Irrsinn!"

Schritte kamen die Treppe herauf.

Mein Mann," sagte Linda,mit den Be­amten."

Du hast mich also verraten?"

Ja, ich habe dich verraten, Fedor!"

Er ging auf sie zu. Sie sah ihm in die Augen und schrie auf. Er ging langsam, wie einer, der seines Opfers sicher ist. Sie sah ihm unablässig in die Augen; in diese dunklen, erbarmungslosen, tiefen Augen. Schritt für Schritt wich sie zu­rück; in immer gleichem Abstande folgte er ihr. Es gelang ihr, die Tür aufzustoßen. 'Blitzschnell schlüpfte sie ins Nebenzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Der Schlüssel fehlte. Sie um­klammerte den Drücker mit ihren letzten Kräften und hielt ihn in ihrer Todesangst fest.

Gellend schrie sie auf.

Aber jene Schritte auf der Treppe waren verstummt; war das alles Spuk gewesen, Täu­schung? Spiel ihrer überreizten Nerven?

Es hämmerte gegen die Tür.

Die Kräfte verließen sie. Langsam ging der Drücker nieder ....

In diesem Augenblick sagte eine wohlbekannte ruhige Stimme:

Nun, mein Kind?"

Sie schrak auf; verwirrt blickte sie um sich Dort, zu ihren Häupten, brannte die Ständer­

lampe; ihr tröstliches Licht schimmerte auf den seidenen Kissen. Sie vermochte dies alles noch nicht zu begreifen, so völlig verwirrt und ab­wesend waren ihre Gedanken.

Nun, mein Kind?"

Es war ihr Mann, der mit zärtlichem Lächeln auf sie zuging.

Wo ist wo ist ?"

Du bist noch nicht umgezogen?" fragte er kopfschüttelnd.

Sie sah an sich nieder. Dabei fiel ihr Blick auf das Magazin, das ihrer Hand entglitten war, und das aufgeschlagen zu ihren Füßen auf dem Teppich lag. Er bückle sich und hob es auf.

Totentanz der Liebe" las er.Das ist die berühmte Novelle, von der alle Welt spricht!"

Wo ist Fedor Sokoloff?" fragte sie beklom­men.

Fedor Sokoloff? Fedor Sokoloff?" wieder­holte er erstaunt.Warte einmal hier in dieser Novelle sehe ich den Namen: Fedor Soko­loff. Jetzt begreife ich's: du hast dich in diese Novelle so verlieft, Liebling, daß du alles andere darüber vergessen hast: mich und den Ball war's denn wirklich so spannend?"

Sie nickte matt, mit geschlossenen Augen; er hielt das Buch unter das Licht der Lampe und las die letzten Worte:

Die Kräfte verließen sie; langsam ging der Drücker nieder ....

Verwirrt sah sie ihm ins Gesicht, immer noch unfähig, dies alles zu begreifen; sie blickte im Raum umher.

Dort lag das Buch.

Mein Gott!"

Sie atmete schwer, die Hand auf das pochende Herz gepreßt. Und dann begriff sie: ihre Ge­danken, ihre Träume hatten sich hinübergespon­nen aus den bunten Geschehnissen dieser No­velle in ihr eigenes Schicksal. Verführt durch die Ähnlichkeit der handelnden Personen, durch die entfernte Uebereinstimmung ihrer Beziehun­gen, war sie restlos eins geworden mit der Linda Andersen jener Novelle, daß sie eine Stunde lang geglaubt halte, alle diese Dinge selbst zu durchleben. Konnte das Ich so ver­drängt werden? So völlig übetgefjen in ein

Samstag, (8. Mai 1929

und die aktuellen landwirtschaftlichen Fragen. In der sehr ausführlichen Debatte sprachen dann die Abgeordneten Korell, Ministerialrat Becker. Häuser, Hensel, Glaser, Göckel - Langen. Winkler, Lutz und Mossel » Marienborn. Eine Nachprüfung der hessischen Spitzenbetriebe nach der Cinheitsbewertung sei von den zuständi­gen Stellen zugesagt. Das Ergebnis der Aus­sprache fand Ausdruck in der einstimmigen An­nahme folgender

Entschließung:

Die Landwirtschaft hat die Notwendigkeit einer Rationalisierung. Qualitäts­verbesserung und Standardisierung ihrer Erzeugnisse erkannt und sucht diese Maß­nahmen der landwirtschaftlichen Selbsthilfe mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften durchzu» führen. Sie dankt der Reichs- und Landes­regierung für die Bereitstellung der Mittel für diese Zwecke, bittet aber, diese Mittel in größerem Umfange zu gewahren und der Landwirtschaftskammer zu überweisen, weil die Landwirtschaft infolge ihrer Kapitalarmut nicht in der Lage ist, die Schwierigkeiten aus eigener Kraft allein zu meistern. Sie bedarf unbedingt eines ausreichenden lückenlosen Zoll- sch uh es, um wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, damit der jahrelange Vor­sprung der ausländischen Landwirtschaft auf dem Gebiete des Absatzes ihrer Erzeugnisse eingeholt werden kann. Die Hauptversammlung der Land­wirtschaftskammer beauftragt deshalb den Vor­stand,

bei der Reichs- und Landesregierung dahin­gehend vorstellig zu werden, daß unverzüglich alle Maßnahmen getroffen werden, die ge­eignet sind, eine Entlastung der Landwirtschaft herbeizuführen und die wirtschaftlichen Voraus­setzungen einer für die deutsche Bevölkerung in Menge und Güte ausreichenden landwirt­schaftlichen Erzeugung zu schaffen, insbesondere auch durch Bereitstellung weiterer Mittel für die Landwirtschaftskammer zum Zwecke der Qualitätsverbesserung und Absatz­förderung. Die Hauptversammlung schließt sich den Notforderungen der deutschen Landwirtschaft, die von den Spitzenvertretungen der Landwirt­schaft am 20. März der Reichsregierung zuge­leitet worden sind, in vollem Umfange und mit größtem Nachdruck an. Ein Volk, das seine Landwirtschaft vernachlässigt, beraubt sich selbst feiner wirtschaftlichen und sozialen Grundlage. Deshalb muß die Notlage der Landwirtschaft mit allen Mitteln gehoben werden."

Rechnuugsablagc

und Haushaltsvoranschlag.

Nach kurzer Pause wurde die Iahresrech» nung für 1927 debattelos verabschiedet. Auf Antrag Wolf-Albig wurde eine Entschließung einstimmig angenommen, die die b a l d i g e R ä u- mung des besetzten Gebietes verlangt.

Es folgte die Beratung des Voranschlags sür 1 9 2 9 , der mit 1 491 216 Mk. (i. V. 1 431 085 Mark) balanciert, ohne daß eine Erhöhung her Kammerumlage notwendig wird. Für die För­derung der landwirtschaftlichen Haushaltsschule werden 14 000 Mk., für die Tierzucht 14 000 Mk.. für Gemüse-, Obst- und Weinbau 37 000 Mk.. für die allgemeine Verwaltung 16 000 Mk. mehr verausgabt. Die Regierung wird aufgefordert, sich in Berlin für das allgemeine Derschnittverbot von Weißwein mit ausländischen Weißweinen einzusehen. Riffel-Bodenheim. Wolf- Albig. Dettweiler- Kleinwinternheim, Eybach ° Pfassenschwabenheim, Schönfeld und Schätzet traten für die Streichung der Winzerkredite ein. 4000 Mk. werden drei Jahre lang von der Re- gierung für die Förderung der Leistungsprüfung bei Milchkühen gefordert. Aach mehrstündiger Sc­hatte wurde schließlich der Haushaltsvoranschlag 1929 der Landwirtschaftskammer, der Landwirt­schaftlichen Haushaltungsschule in Michelstadt und 6erHessischen Landwirtschaftlichen Zeitschrift" angenommen. Der Ankauf des We.degutes Wesck- nihmühle zum Preise von 68 000 Mk. wurde nach sehr lebhafter Debatte schließlich gegen eine Stimme genehmigt.

Phantasiegebilde, daß es ihm Blut und Existenz gab?

Ich habe jemanden mitgebracht." sagte ihr Mann lächelnd.Weißt du. wer in Kopenhagen ist? Mein Neffe. Zufällig treffe ich ihn auf her Straße. Natürlich wieder einmal inkognito hier; fern den trüben Pflichten des Studiums!"

Lind nun. Liebling, kommt die letzte und über­raschendste Neuigkeit." Ihr Mann zwinkerte listig mit den Augen.Du kennst ihn schon, meinen Neffen. Ihr seid im gleichen Abteil gefahren, heute abend mit dem Kontinentalzug."

Er ging zur Tür.

Fast hätte die junge Frau aufgeschrien: der Eintretende, schwarzhaarig, mit dunklen Augen, in deren Tiefe ein Lächeln zu glimmen schien - - ihr Begleiter aus dem Eisenbahnabteil war fein anderer als der Fedor Sokoloff jener Novelle, ben ihre Träume mit jenem interessanten Be­gleiter aus der Eisenbahn verschmolzen hatten.

Aber nein ... plötzlich kam ihr die Erin­nerung:

Du erzähltest mir von einer wichtigen Mission, die dich wahrscheinlich die ganze Nacht in An­spruch nehmen würde!"

Schon erledigt," sagte ihr Mann.Es hat sich herausgestellt, daß eine Falschmeldung uue- lag. Wahrscheinlich eine Düpierung. Der Ge­suchte ist gar nicht nach Kopenhagen gekommen. Lind nun" er zog die Uhrzehn vor elf. Zeit, daß wir auf den Ball kommen. Mein Nefse wird uns begleiten. Wenn es dir recht ist, ver­steht sich!"

Sie sah dem jungen, interessanten Neffen ins Gesicht. Das waren die Augen Sokoloffs, diese schönen, gefährlichen Augen, von denen sie eine Stunde lang geträumt hatte. Das war sein ruhi­ges und sieghaftes Lächeln. Und hier in der Tiefe seines Blickes glomm jener verwirrende Ausdruck, der sich selbst jetzt noch, da der Bann sich löste, lockend um ihre Sinne legte. Indem sie das weihe Heft nachdenklich schloß, sagte sie mit einem schnellen und lächelnden Blick auf den jungen Gast:

2ch freue mich sehr auf diesen Abend!" Ende. w i