Ausgabe 
18.5.1929
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 18. Mai 1929.

Pfingsten.

Es gibt heute in Europa nicht mehr viele Könige, aber vor drei Herrschern liegt die euro­päische Menschheit im Staube. Das ist der König Geld, der König Kultur und der König Technik. Alle Kämpfe politischer Art drehen sich um die Macht, in letzter Linie um das Geld. Trefflich geordnet stehen hier die Heerhaufen einander ge­genüber, auf der einen Seite die großen wirt­schaftlichen Konzerne, auf der anderen Seite die Derufsverbände aller Art. Trotz eines Krieges, der alle europäischen Völker bis in das Mark ge­troffen hot, geht die Kultur weiter ihren Sieges­zug, sie wandert von den Städten nach den klein­sten Dörfern und nach Industriegebieten, wo die Schlote rauchen und Arbeiterwohnungen zu Tau­senden aus der Erde wachsen. Obenan unter die­sen Fürsten steht der König Technik. Dor einem Jahre wurde von Versuchen mit dem Raketenautomobil sehr eingehend berichtet, es ist jetzt darüber still geworden, aber die Zeppelin­flüge sind Ereignisse, die unsere Zeitgenossen so beschäftigen, wie um das Jahr 1000 der Unter­gang der Welt unsere Vorfahren.

Darüber dürfte bei Einsichtigen kein Zweifel sein, daß die Geltung dieser Könige heute nicht unerschüttert ist. Der König Geld ist es, der unser Volk nach dem Willen seiner Feinde auf lange Jahrzehnte hinaus in Sllavenfesseln schla­gen will. Die vielgerühmte Kultur des Abend­landes zeigt viele Erscheinungen des Zerfalls, während die Völker des Ostens, voran die mo­hammedanischen, jetzt anfangen, sich kräftig zu regen. Gegen die Technik brauchen wir die Gift­gase nicht mehr ins Feld zu führen, der letzte Winter hat uns diesen Herrscher in seiner Dich­tigkeit gezeigt. Als die Kältewellen monatelang über uns einhergingen, die Rohre platzten, die Schiffahrt stockte, die Menschen dem Froste er­lagen, wurden wir um eine Erfahrung reicher.

Wir schaffen das Glück der Menschheit nicht mit großen Anlechen, Fortbildungskursen und dem Dau von Apparaten, so nötig dies alles ist. Wahres Heil schafft nach der Llebcrzeugung derer, die auf Jesu Seite stehen, nur der christliche Glaube. Keinem Widerspruch begegnet es, daß von Jesus ein eigentümliches Leben ausgegangen ist, ein Leben, das breit in die Welt wogt, ein Leben, das in Millionen von Seelen zum Vor­schein kommt, der Sonne gleich, die sich am Früh­lingsmorgen in den Tautropfen spiegelt. Dieses eigentümliche Leben nennt die Christenheit das Leiben im Heiligen Geiste, es ist ganz anderer Art als die Regungen des menschlichen Geistes, die sich im Wirtschaftsleben, im Dildungswesen, in Erfindungen offenbaren. Auf diesen Gegensatz weist Paulus hin, wenn er sagt:Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Ge­rechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist." Die WorteEssen und Trinken" sind hier nicht buchstäblich zu verstehen, der Apostel denkt an die Mächte der materiellen Welt überhaupt. Ebenso darf man das Wort Gerechtigkeit" nicht so fassen, wie das heute geschieht. Gerecht werden im Sinne der Bibel heißt mit Gott vereinigt werden. Dem Theologen Albrecht Ritschl, der im vorigen Jahrhundert gelebt hat, gebührt das Verdienst, diesen De- griff klar herausgestellt zu haben. In seinem groß­angelegten WerkeDie christliche Lehre von der Rechtfertigung und Dersöhnung" zeigt er, daß

durch Christus die Scheidewand gefallen ist, die Gott und den sündigenden Menschen trennt. Aus dieser Rechtfertigung quillt der Friede der Seele. Man muß einmal das Duch des Thomas von KempenDon der Rachsolge Christi" lesen, um diesen Frieden kennenzulernen. Thomas, der im Augustinerkloster zu Zwolle in Holland sein Le­ben zugebracht hat und dort zwölf Jahre vor Luthers Geburt im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben ist, predigt wohl das mönchische Ideal, das vornehmlich in der Absonderung von der Welt besteht, aber er findet auch an allen Orten Worte, die von einem tiefen Glaubens­leben Kunde geben.Was kannst du irgend etwas sehen, das bauernd wäre unter der Sonne! Du glaubst vielleicht, dich einmal satt zu sehen, aber das wird nicht dir immer gelingen. Unö wenn du alles sähest, was da ist, was wäre es anders als ein eitler Anblick? Hebe deine Augen auf zu Gott in der Höhe und bete zu chm um deiner Sünden und Dersäumnifse willen. Lleberlah das Eitle den Eitlen und denke vielmehr an das, was dir Gott befohlen hat. Schließe deine Tür hinter dir zu und rufe Jesum, deinen besten Freund, zu dir. Bleibe mit ihm in deinem Kämmerlein, denn nirgends wirst du solchen Frieden finden." Im 18. Jahrhundert lebte am Riederrhein der Dandwirker Gerhard Tersteegen. Er war ein Gottesmann, ein Dichter wirklich von Gottes­gnaden. Zur Frühlingszeit mag er den Ders ge­dichtet haben:Du durchdringest alles: laß mit deinem Lichte, Herr, berühren mein Gesichte: wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stillehalten, laß mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen." Aus diesen Worten leuchtet die Freude im Hei­ligen Geiste hervor, die Freude in dem Geiste, dessen Ausgießung und Mitteilung die Christen­heit aller Konfessionen am Pfingsttage feiert.

H. B.

Unser neuer Roman.

Wir beginnen heute, in der gleichen Rümmer, in welcher derRoman einer Rächt" von Paul Rosenhahn zum Abschluß kommt, mit der Der- öffentlichung eines neuen großen Romans, der gleich bei seinem ersten Erscheinen im Manuskript Aufsehen erregte und ein ungewöhnlicher Publi- kumserfolg zu werden versprach. Es handelt sich um das Werk einer begabten modernen Autorin:

Wettlauf um Ellinor" von Senta Neckel.

Dieser Roman liest sich wie ein Kriminal­roman, ohne einer zu sein, und ohne daß es dabei um Mord, Totschlag, Juwelenraub oder Spionage ginge. Es geht hier vielmehr um die Gewinnung eines hohen Preises, der dennoch auf ganz legalem und fast alltäglichem Wege zu erringen ist: und um die Auffindung einer plötz­lich spurlos verschwundenen schönen Frau.

Es steht dem Leser also auch eine Liebes­geschichte bevor, aber im Tempo, mit der Span­nung und den Lieberraschungen des Kriminal­romans, in gutem Stil und mit erfrischendem Humor erzählt. Wir denken, daß dieses Werk allen unfern Leserinnen und Lesern als ein pfingstliches Angebinde willkommen sein wird. Das neue Gießener GiudentenhauS.

Am 1. Juni wird bei dem Reu bau des Gießener Studentenhauses, das im Auftrage der Gießener Studentenhilfe am Leih» gefterner Weg errichtet wird, in Gegenwart des Staatspräsidenten Dr. Adelung die feierliche

Grundsteinlegung vollzogen werden. Der dreigeschossige Dau, an dessen Grundarbeiten und Fundamentierungen seit einigen Wochen eifrig gearbeitet wird, soll bekanntlich Wohnräume für 40 Studenten, ferner für die leitenden Schwe­stern und das Personal des Hauses enthalten: außerdem sollen in ihm noch Räume für die Sludentenspeisung, Arbeitsräume und Gesell- schafts- und Llnterhaltungszimmer usw. geschaf­fen werden. Die Inangriffnahme des Baues, der unter der Leitung des Architekten Ernst Schmidt von hier errichtet wird, wurde durch dankenswerte Beihilfen des Reiches, der hessi­schen Regierung und des Landtages, der Wirt­schaftshilfe der Deutschen Studentenschaft und durch Spenden von Privaten ermöglicht. Zur weiteren Fortführung des gemeinnützigen Werkes zum Besten unserer wirtschaftlich schwer ringen­den Studenten bedarf es aber noch der regen Mithilfe weiter Kreise unserer Bürgerschaft.

Borrwtizen.

Tageskalender für Samstag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Der Mann, der lacht". Astoria-Lichtspiele:Verrat" undRod la Rocque, der Bandit".

Tageskalender fürSonntag. (Erster Pfingstfeiertag.) Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Der Mann, der lacht". Astoria-Lichtspiele: Verrat" undRod la Rocque, der Bandit".

Tageskalender für Montag. (Zwei- ter Pfingstfeiertag.) Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Die Frau ohne Namen". Astoria-Lichtspiele: Der Rächer seiner Mutter" undDas gefährliche Alter".

Tageskalender für Dienstag. Stadttheater von 19.30 bis 22.15 Uhr:Katharina Knie". Lichtspielbaus, Bahnhofstraße:Die Frau ohne Namen".Astoria-Lichtspiele:Der Rächer seiner Mutter" undDas gefährliche Alter".

Der Eisenbahner-Heim st ätten- verein hält am 26. Mai, 9 Uhr, im Eifenbahn­hotel Hopfeld zu Gießen feine ordentliche General- Versammlung ab. Näheres in der Anzeige vom Dienstag.

** Der Pfingstreisevcrkehr hat schon seit Donnerstagnachmittag stark eingesetzt. Gestern und heute früh wiesen die Züge nach allen Rich­tungen hin sehr gute, zum Teil starke Besetzung auf. Gestern um 17.45 illjr fuhr ein Sonderzug von 21 Wagen, der aus Darmstadt kam, mit den D.D.A.-Jugendgruppen nach Aufnahme der hiesigen Äi elf obrer unter großen Begeisterungs­kundgebungen hier ab. Eine gewaltige Menschen­menge hatte sich zu diesem Sonderzuge am Bahn­hof eingefunden. Abends um 20.07 Llhr rückten mit dem Zuge nach Fulda zahlreiche Mitglieder des Deutschen Pfadfinderbundes, darunter auch die Angehörigen des Horstes Gießen, zu einem Pfingst-Bundeslager bei Potsdam ab. Möge allen Pfingstreisenden und auch uns gutes Pfingst» toetter beschieden fein!

** D i e Auflösung der Roten Front­kämpfer-Organisation in Gießen auf Grund des gestern erlassenen Derbotes in Hessen förderte hier, wie wir erfahren, kein besonderes Material zutage. Es wurden bei den gestrigen polizeilichen Durchsuchungen weder Geld, noch Mitgliederlisten oder Waffen vorgefunden. An­gesichts des großen zeitlichen Llnterschieds, der zwischen dem zuerst ergangenen Verbot in Preu- uen und dem jetzt zuletzt in Hessen ausge­sprochenen Verbot besteht, kann dieses Ergebnis der polizeilichen Rachforschungen natürlich nie­mand überraschen.

** Daudarlehen 1929. Die Stadtverwal­tung teilt uns mit, daß auf Grund der Beschlüsse des Stadtrats über das Bauprogramm 1929 eine große Anzahl von Gesuchen um Bewilligung von Baudarlehen eingegangen ist. Die Anträge gehen bereits weit über die vom Stadtrat genehmigten Mittel hinaus. Weiter« Gesuche können deshalb von der Stadtverwaltung nicht mehr entgegen­genommen werden.

" Oberheffifcher Kun st verein. Die Ausstellung, welche Werke Frankfurter Künstler auf dem Gebiet der Malerei, Graphik und Plastik, darunter zum ersten Male wirkungsvolle Glas­malereien enthält, ist auch während der beiden Pfingstfeiertage von 11 bis 13 Llhr geöffnet und dauert bis Sonntag, 2. Juni. Die Bilder äu der dann folgenden Gleiberg-Ausstel­lung sind spätestens am 3. Juni tm Turmhaus am Brandplah einzureichen.

* D i e Museen sind am ersten und zweiten Pfingstfeiertag zwischen 11 und 13 Alpt bei kleinen Eintrittspreisen geöffnet.

Das Maienblasen heute abend 7 Llhr vom Turme der Johanneskirche aus bringt fol­gendes Programm: 1. O Heil'ger Geist kehr bei uns ein (H. Scheidemann), 2. Abendchor au« Das Rachtlager von Granada" (Kreuzer), 3. Ich bete an die Macht der Liebe (Bortniansky).

,e Der Autobetrieb Gieße nW i e - s e ckA lten-Buseck geht am 21. Mai von dem Gemeindeverband Wieseck-Alten-Buseck auf die KraftverkehrsgesellschaftHessen" über.

** D i e Anmahnung der rückständi­gen Zahlungen für Elektrizität Betrifft eine Bekanntmachung in unserem heutigen Anzeigenteil, auf die hiermit besonders hm- gewiesen sei.

** Straßensperre. Die Friedensstraße ist wegen Vornahme von Erdarbeiten für den Anschluß der dortigen Neubauten an das Kanalisations-, Gas- und Wafserrohrnetz polizeilich gesperrt.

* QIu f ge b d be ne Straßensperre. Die Straßensperre auf der Provinzialstraße Holz- h e i m ® r ü n i n g e n ist ab 15. Mai wieder aufgehoben worden.

** Ein Militär-Großkonzert findet am 26. Mai, nachmittags 4 Uhr, im Schlohpark- theater in Marburg statt. Unter der Leitung de- Heeres-Musifinspizienten Prof.. Hackenber­ger, Berlin, werden dort mehrere Militär­kapellen konzertieren. Näheres im heutigen An­zeigenteil.

(TDeifere Lokalnachrichten im 2. Blatt)

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