Nr. 90 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)
Donnerstag. (8. April (929
Oie Gasfernversorgung von Hessen.
Bei der Versorgung eines Landes mit Gas für Haushalt, Gewerbe und Industrie ist zwischen der Beschaffung und der Verteilung des Gases zu unterscheiden. Wir beschäftigen uns heute nur mit der Beschaffung, nicht mit der Verteilung des Gases, weil zunächst erst einmal das Problem der Beschaffung in Hessen gelöst sein muh, bevor man an die Verteilung Herangehen kann.
Das Gas kann man sich dadurch beschossen, dah man es im Lande an einer oder an mehreren Stellen in Gaswerken oder Kokereien erzeugt und in Rohren unter Druck im Lande verteilt, oder man kann das Gas von auswärts beziehen von einer großen Erzeugerzentrole, und es dann im Lande verteilen. Von welcher der beiden Möglichkeiten ein Land Gebrauch macht, hängt von wirtschaftlichen, volkswirtschaftlichen, kommunalpolitischen und politischen Erwägungen ab. Schließlich spielen auch technische Dinge eine entscheidende Rolle dabei.
Da in Hessen die Gefahr drohte, daß in einem zusammengehörigen politischen und einem wirt- schastlich zusammenhängenden, über die Landesgrenzen hinausgchenden Versorgungsgebiet unter dem Druck außerhalb dieses Gebietes stehender Erzeuger den einzelnen Verbrauchern (Gemeinden, Kreisen, Provinzen) in gegenseitiger Ausspielung ungünstige Verträge aufgedrängt werden könnten, haben sich in Hessen Staat, Provinzen und die größeren Städte zu einer Hessischen kommunalen Gasfernversor- g u n g s g e s e l l s ch a f t (H ck o g a) vereinigt, um als geschlossene Einheit das Gas zu möglichst günstigen Bedingungen entweder selbst zu erzeugen oder zu beziehen. Nachdem also die Hekoga zum ausschlaggebenden Machtfaltor in der Gasfernversorgungsfrage in Hessen geworden ist, empfiehlt es sich, über die Tätigkeit der Hekoga, insoweit sie in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist, zusammenhängend zu berichten.
Oie Hekoga
bat sich bisher in erster Linie mit der Beschaffung des Gases beschäftigt. Es standen ihr dafür zwei Möglichkeiten offen: Eigen- crzeugung oder Fernbezug. Darauf konzentrierte sich ihre Untersuchung.
Für die Eigen erzeugung kam nur eine verkehrsgeographisch günstig gelegene zentrale Produktionsstätte in Betracht. Die leitenden Herren des Gaswerkes in Mainz, welches als nahezu ideale Erzeugerstätte durch seine Lage im gesamten Wirtschaftsgebiet mit Umschlags- möglichkeit usw. anzusprcchen ist, haben einen Entwurf ausgearbeitet, welcher technisch eine Mittelstellung zwischen Gaswerk und Kokerei darstellt. (Der Unterschied zwischen Gaswerk und Kokerei besteht darin, daß in dem Gaswerk das Hauptprodukt Gas ist und der Koks als Nebenprodukt anfällt, während es in der Kokerei gerade umgekehrt ist.) Dem Vorstand der Hekoga lag noch ein Projekt vom Direktor des Städtischen Gaswerkes in Darmstadt vor, welcher eine Eigcnkokerei für die Gasversorgung Hessens vorgeschlagen hatte.
Reben der Prüfung der Eigenerzeugung an Hand der vorliegenden Entwürfe hatte der Vorstand der Hekoga noch den Fernbezug zu prüfen, weil ihm die Rentabilität und die Beschaffung eines so großen Kapitals, wie es für eine Eigenerzeugungsstätte erforderlich ist, nicht gesichert schien. Der Vorstand hat deshalb mit der Frankfurter G a s - A. - G., der Ruhr- g a s - 2l. - G. und der Saargas-A. -G. verhandelt.
Oie Sranffurfcr Gas-A.-G., welche eine moderne Kokerei mit besonderen: Hasen und einer betriebsgünstigsten Erzeugungsmöglichkeit von 250 Mill. Kubikmeter Gas/Iahr besitzt, wovon zur Zeit aber nur etwa 80 Mill. Kubikmeter/Iahr gebraucht und erzeugt werben, und die deshalb allen Grund hat, ihren Absatz zu steigern, hat zwei Angebote gemacht. Das eine beruht auf einem reinen Gaslieferungsvertrag, das andere auf der E i n b e z i e h u ng des Mainzer Gaswerkes in eine gemeinsame Gaserzeugung.
3m Gaslieferungsvertrag ist vorgesehen, das Gas der Hekoga aus einem geplanten Rohrstrang zwischen Frankfurt und Mannheim abzugeben. Die Hekoga mühte von sich aus das Gas mit erhöhtem Druck durch ihre Derteilungsleitung durchdrücken. 3n Oberhessen soll die Hekoga entweder auf eigene Kosten eine Leitung ab Frankfurt bauen, oder eine Mindestabnohme von 20 Mill. Kubikmeter aus einer von der Frankfurter Gas-A.-G. von Frankfurt nach den oberhessisschen Draunkohlengebieten zu verlegenden Leitung garantieren. Sollte es der Frankfurter Gas-A.-G. gelingen, aus ihrer oberhessischen Braunkohle ein brauchbares Gas zu erzeugen, dann könnte die Mindestabnahme Wegfällen. Ein Nachteil des Frankfurter Angebotes besteht noch darin, daß die in den einzelnen von Frankfurt erbauten Rohrsträngen beförderten Gas- mengen nicht für den von Frankfurt vorgeschlagenen Staffeltarif von 20, 40 und 50 Mill. Kubikmeter Gasabnahme pro 3ahr zusammengerechnet werden dürfen.
Für die Einbeziehung des Mainzer Gaswerkes wurden von Frankfurt zwei Wege vorgeschlagen: a) Mainz und Frankfurter Gas- A.-G. schließen sich zu einer neuen A.-G. zusammen mit einem Stammkapital von 3 Mill. Mark. 51 Proz. der Aktien soll Frankfurt,. 49 Prozent soll Mainz bekommen. Mainz, das jetzt schon fast 30 Mill. Kubikmeter Gas erzeugt, soll zunächst nur 23 Mill. Kubikmeter erzeugen dürfen. Das Gas soll der Hekoga von Frankfurt und Mainz geliefert werden, der Preis des von Mainz gelieferten Gases soll aber teurer fein, als der des von Frankfurt gelieferten Gases! b) Hekoga oder Mainz beteiligen sich an der Frankfurter Gas-A.-G. mit 5 Mill. Mark als Kapitalserhöhung, wobei das Gaswerk Mainz — wie übrigens auch im andern Vorschlag beabsichtigt wurde — mit zwei Mill. Mark angerechnet werden soll. Dieser Vorschlag müßte angesichts der geringen Dividende der Frankfurter Gas-A.-G. und der hohen, von der Hekoga oder Mainz aufzubringenden Zinsen für das i nvestierte Kapital zu Verlusten für Mainz oder die Hekoga führen, welche noch der Frankfurter Gas-A.-G. für Anrechnung des Mainzer Gaswerkes in Höhe von 2 Mill. Mark Zinsen zu zahlen hätte.
Oie Ruhrgas-A.-G.
hat den Bau einer Leitung auf ihre Kosten von Siegen durch Oberhessen nach Starkenburg mit Anschluß nach Mainz angeboten. Der Gasdruck in diesem Rohr soll so bemessen fein, dah er auch für Verteilungs- und Zweigleitungen genügt. Für das Gas wird ein weit über eine Abnahme von 50 Millionen Kubikmeter hinausgehender Staffeltarif gewährt. Für Großabnehmer wird ein noch billigerer Tarif an- geboten. Zur Berechnung des Staffeltarifs werden — im Gegensatz zu Frankfurt — alle abgenommenen Mengen zusammengerechnet. Wie beim Frankfurter Angebot, was hier nachzuholen ist,
seht sich der GaspreiS auS einem festen und einem beweglichen Teil zusammen (entsprechend einer Kohlenpreis- und Lohnschwankung). Hm eine unbedingte Sicherheit des Gasbezugs zu gewährleisten, schlägt die Ruhrgas-A.-G. vor, das Gaswerk Mainz als Stützpunkt auszubauen, dah es in einem Versagungsfalle den ganzen Kommunalbedars befriedigen kann. Die Hekoga würde mit dieser intern zwischen Mainz und Ruhrgas-A.-G. zu treffenden Regelung nicht belastet werden.
Oie GaargaS-A.-G.
(Hüttenbetriebe-Saargebiet. Stadt Saarbrücken und Saarländer Kreise) ist bereit, eine Rohrleitung vorn Saargebiet aus eigene Kosten bis noch Hessen zu verlegen. Die Hekoga müßte dann die Hauptverteilungsleitungen (etwa von Mainz ab) nach Starkenburg und Oberhessen selbst bauen, wodurch bei sonst gleichen Bedingungen das Angebot ungünstiger wird als das der Ruhrgos- A.-G.
Oer gegenwärtige Stand.
Soweit die Verhandlungen über Fernbezug. Nach unseren 3nformationen hat der Vorstand der Hekoga über Einzelheiten der Vorschläge und Angebote dem Aufsichtsrat noch nicht berichtet. Alle Zahlenangaben, die über Gaspreise oder dgl. in der auswärtigen Presse bisher erschienen sind, dürften deshalb aus der Luft gegriffen sein, oder auf reinen Kombinattonen beruhen.
Der Vorstand der Hekoga hatte nun die Angebote auf Fernbezug mit den Projekten einer Eigenerzeugungsstätte in Beziehung gebracht und dabei doch soviel Beachtenswertes gefunden, daß er dem Aufsichtsrat vorschlug, einen Sonderausschuß mit der Prüfung derProjekteeinerEigenerzeugungs- stätte zu betrauen. Der Ausschuß beschloß, bei der Wichtigkeit der Sache neutrale Sachverständige heranzuziehen. Das ganze vorliegende Material wurde deshalb drei Gutachtern: Prof. Eberle und Professor Heidebroek in Darmstadt und Dr. G i e s e k i n g in Leipzig zugestellt. Die Gutachten sind inzwischen erstattet worden. Die einzelnen Gutachter errechnen danach die Kosten einer Eigenerzeugungsanlage einschl. Betriebskapital und Geldbeschaffungskosten zwischen 13,5 und 16,6 Mill. Mk. Ein Gutachter geht von einer gestaffelten Erzeugung aus:' 50-, ICO-, 150-Mill. Kubikmeter/3ahr und berechnet die entsprechenden Kosten mit 12,1, 18,2, 21,5 Mill. Mk. Die Gaspreise stellen fich bei einer Erzeugung von 80 Mill. Kubikmeter/3ahr auf 2,23, 3,02, 3,618 Pf./Kubikmeter. Die Unterschiede beruhen auf gewissen angenommenen technischen Voraussetzungen, Löhnen, Kohlensorten u. dgl. und besonders der vermuteten Art und dem Absatz des Koks.
Die Gutachten gehen von Schwachgasbetrieb aus. Durch Starkgasbetrieb (Unterfeuerung der Oesen mit Steinkohle(gas) liehen sich bessere Detriebsergebnisse erreichen, es mühten aber vielmehr Kohlen verwendet werden, wodurch der Anfall von Koks entsprechend gesteigert würde. Die Mengen, um die es sich dabei handelt, wären aber nicht abzusehen. Eine Eigenkokerei ist in hohem Mähe abhängig vom Kohlenpreis und der Absatzmöglichkeit ihres erzeugten Kokses zu günstigen Preisen. Dazu kommt noch die Investierung von Kapital, das mit rund 24 Mill. Mk. angegeben und dessen Beschaffung zur Zeit bezweifelt wurde, so dah das Risiko einer Cigenerzeugungsstätte sehr erheblich erscheinen muh.
Nach unfern Informationen wird der Vorstand der Hekoga in allernächster Zeit dem Auf- sichtsrat eine eingehende, sehr umfangreiche, mit
Roman einer Nacht
Von paul Nosenhayn.
Nachdruck verboten.
6 Fortsetzung
,,Sehr gut“, sagte der Präsident.
„Da in der Zeit zwischen Neun und Zehn weder ein Cisenbahnzug noch ein Schiff in Kopenhagen ankam — da er außerdem in einer Droschke vorfuhr, so liegt die Möglichkeit, ich darf wohl sagen, die Wahrscheinlichkeit vor, daß er vorher an anderer Stelle in Kopenhagen gewohnt hat — und daß er aus irgendeinem Grunde, der ein wichtiger, der aber auch ein belangloser sein kann, das Domizil gewechselt hat. Wir haben alles versucht, um seine frühere Wohnung festzustellen — es ist uns nicht gelungen, darüber Näheres zu erfahren.“
„Und der Chauffeur der Autodroschke?“ fragte der Präsident.
„Wir haben selbstverständlich nach ihm gesucht — und haben ihn gesunden. Er wartet draußen."
„Er soll hereinkommen.“
Ein Mann in der Mitte der Dreißig, in Chauffeurlivree, trat an die Schranke.
„Ich heiße Alf Stenersen und bin Bescher einer Autodroschke, die ich selbst fahre.“
„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Stenersen. Können Sie sich entsinnen, daß Sie am neunundzwanzigsten August einen Passagier in der Zeit zwischen neun und zehn Uhr abends zum Grand Hotel gefahren haben?"
„Gewiß", antwortete der Gefragte.
„Sie wissen vielleicht, daß Ihr Fahrgast im Grand Hotel ermordet worden ist und daß wir nicht wissen, wer er eigentlich war und woher er kam. Cs ist daher von Wichtigkeit, von Ihnen zu erfahren, wo Ihr Fahrgast eingestiegen ist."
„Er rief mich an. /Fahren Sie die Gothers- gade hinauf/ Ich fuhr bis zur Dronning Louise Brücke und sah mich nach meinem Passagier um. .Fahren Sie geradeaus weiter? Ich fuhr also die Rorrebrogade hinauf. Wieder hielt ich: am Assistents Kirkegaard. Dann bedeutete er mir, ich falle zur Rechten einbiegen; wir fuhren also an den Gebäuden des Altersheims vorbei, immer weiter bis zum Blegdamsfeld. Als wir das Triangle erreicht hatten, gleich hinter der Razarethttrche, stoppte ich den Wagen; mein Passagier wurde mir ein bißchen unheimlich. Er wies zur Rechten, und ich fuhr die Oester- brogade hinunter. Dann ging das Spiel von neuem los; am Boulevard erkundigte ich mich, wohin die Fahrt werter gehen solle — er bedeutete mir: geradeaus — endlich befahl er mir, durch die Bredgahe nach dem Grand Hotel zu fahren."
„Was haben Sie sich bei diesen Kreuz- und Querfahrten gedacht? War das ein reicher Herr, der eine Laune hatte?"
„Ich glaube nicht, Herr Präsident," sagte der Chauffeur und schüttelte den Kopf. „Wenn ich ganz offen sagen darf: eher glaube ich, dah der Herr seine Spur verwischen wollte — dah vielleicht irgendwo ein Verfolger hinter ihm war."
„Und woraus schließen Sie das? Es kommt doch wohl öfter vor, dah Freunde eine Rundfahrt um Kopenhagen machen."
„Er hat sich während der Fahrt ein duhend- mal umgesehen — ich bemerkte, daß in seinen Augen ein ängstlicher Ausdruck war.“
„Die Hauptfrage haben Sie noch nicht beantwortet: Wo stieg Ihr Fahrgast ein?"
„Ja —“ der Chauffeur blickte vor sich hm und sagte nachdenklich:
„Das ist nun das Merkwürdigste von allem Cingestiegen ist er vor dem Grand-Hotel."
Im Zuhörerraum entstand eine deutlich fühlbare Bewegung.
„Haben Sie noch etwas zu bemerken?"
„Rein, S)ert Präsident."
„Führte Ihr Passagier Gepäck mit sich?"
„Rein, Herr Präsident."
„Also, Herr Präfekt," wandte sich der Vorsitzende wieder zur Rechten, „wir wissen nun — zum mindesten können wir es annehmen —. daß Herr Riedinger gewichtige Gründe hatte, niemanden wissen zu lassen, woher er kam."
„Ober,“ sagte bet Präfekt mit einer Verbeugung, „vielleicht liegen bie Dinge so: er wollte niemanden wissen lassen, dah er in Kopenhagen war.“
„Ausgezeichnet. Konnten Sie etwas über jenen Besucher mit den fanatischen Augen in Erfahrung bringen?"
„Ja."
Interessiert blickten die Richter aus.
„Sie haben Näheres darüber erfahren können? Das ist außerordentlich günstig."
„Leider kann ich die Hauptfrage, nämlich die nach seinem Namen, nicht beantworten. Ich weih nur. dah er am Rathausplatz eine möblierte Wohnung innehatte, die sehr vornehm und kostspielig eingerichtet war. Er zahlte pro Tag dreißig Kronen."
Kapitän Chrhsander
„Alle Wetter!"
„Er leistete eine Anzahlung von 300 Kronen und gab dem Vize ein Trinkgeld von 100 Kronen: als Gegenleistung für seine Generosität stellte er die Bedingung, dah man ihn mit allen Fragen verschone. Der Vize, um den noblen Gast nicht zu erzürnen, beschrankte sich darauf, seinem Mieter ein ausgefülltes Vertragsformular in den Briefkasten zu stecken — in der Hoffnung, dah er es ihm untertrieben zurückgeben werde. Er wartete Tag für Tag — als er endlich hinaufging,
um an den Vertrag zu erinnern, hatte bet Mieter die Wohnung verlassen."
„Ein merttoürbiger Herr! Sie wissen vielleicht, Herr Präfekt, bah von feiten der Verteidigung behauptet wird, dieser Fremde sei der Mörder."
„Darauf muh ich antworten," erwiderte der Präfekt mit einem Blick auf den Rechtsanwalt, der sich schweigend Notizen machte, „daß der Fremde als Mörder nicht in Frage kommt."
Der Verteidiger erhob sich. „Ich darf den Herrn Zeugen bitten, diese Behauptung zu begründen. Da niemand weih, wer er war — da niemand weih, wann er ausgezogen ist, so ist die Behauptung, er habe mit dem Mord nichts zu tun, zum mindesten kühn."
Der Präfekt zog das Notizbuch. „Rach den eidlich bekundeten Zeugenaussagen ist der unbekannte Mieter am 8. September, nachmittags 4 Uhr, mit dem Flugzeug nach Berlin gefahren. Der Mord im Grand Hotel ist in der Rächt vom 8. auf den 9. September geschehen."
„Ich nehme an, Herr Präfekt," sagte der Verteidiger, „daß Sie diese Darlegungen durch Beweise unterstützen tonnen."
„Ja, Herr Doktor. Ich kann sie unterstützen. Leider. Der Kutscher, der jenen Fremden zum Flugplatz gefahren bat. ist von mir vernommen worden — bie Beamten des Flugplatzes können ebenfalls genau Auskunft geben; der Fahrzeugführer endlich wird bestätigen, daß er seinen Passagier in Berlin-Temvelhof abgeseht hat."
„Die Beamten des Flugplatzes," wiederholte der Verteidiger, unverkennbaren Triumph in der Stimme. „Ist es Ihnen bekannt, Herr Präfekt, dah niemand eine Auslandreife im Aeroplan antreten kann, ohne sich zu legitimieren?"
„Gewiß, Herr Doktor. Sie sagten vorhin, der Raine jenes Unbekannten sei nicht festzustellen gewesen. Sollte das Bureau des Flugplatzes keine Eintragung über ihn haben?"
„Der Fremde hat einen Pah vorgewiesen. Der darin angegebene Rame wurde in bie Bücher eingetragen." Er öffnete bie Aktentasche, die vor ihm auf dem Tische lag. „Hier ist das Buch."
Der Vorsitzende nahm mit unverkennbarem Interesse den Kalikoband in die Hände; der Verteidiger beugte sich über die Barriere — von rechts und links blickten die Richter dem Lesenden über die Schulter.
„Das ist ja ...". sagte der Präsident erstaunt.
„Ja, Herr Vorsitzender."
„Der Unbekannte hat danach einen Paß mit sich geführt, der auf den Rainen Bruno Riedinger lautete."
„So ist es. Auf den Namen des Ermordeten."
„Wir stehen also von neuem vor einer verschlossenen Tür."
„Alle Wege, bie wir in dieser merkwürdigen Sache gegangen sind," nickte der Präfekt, „führen
zahlreichen Berechnungen versehene Denkschrift über den gesamten Fragenkomplex (Eigenerzeugung u. Fernbezug) zugehen lassen. Der Auf- sichtsrat und dann die Generalversammlung haben bie Entscheidung zu treffen, die sicher den einzelnen Mitgliedern nicht leicht fein wird, handelt es sich doch um Dinge von schwerwiegendster Bedeutung für die Zukunft unseres ganzen Wirttchastsgebietes. Die Stärke der Hekoga besteht bei dieser Entscheidung darin, daß sowohl die Ruhrgas-A.-G.« als auch die Südwestdeuttchc Gas-A.-G. (Frankfurt-Mannheim) zur Verwirklichung ihrer 2tbfichten das Durchgangsrecht durch Hessen für ihre Leitungen brauchen, die Hekoga also npch völlig freie Hand für bie Entschei- bung hat, ob sie eine Eigenproduktion dem Fernbezug vvrziehen mochte oder umgekehrt, und, falls bie Entscheidung für Fernbezug fallen sollte, von wem sie das Gas beziehen will.
Gchiffenberg-Zubiläumsfeier?
Man schreibt uns: Achthundert Jahre sind demnächst verflossen, seit Gräfin Glemcntia von Gleiberg durch ihren Gemahl, den Grafen Gerhard von Geldern, den Augustinern ein Stück Land auf der „Skephenburg" im Wiefecker Wald übergeben ließ, „dah sie sich dort anbauten und Gott und der heiligen Jungfrau bieneten," kurz, dah sie den Anlaß zur Gründung des früheren Klosters, der heutigen Domäne Schiffenberg gab. Rechtfertigt dieser Umstand eine Erinnerungsfeier in größerem Stil und Ausmaß? Bei aller Ehrfurcht und Achtung vor dem Alter: Rein! Wenigstens nicht allein!
Aber es kommt noch etwas hinzu: In der Folge wurde die Schiffenberger Klosterkirche zur Pfarrkirche erhoben und das Kloster zum kirchlich-kulturellen Mittelpunkt der sechs auf Reubruch in der Nähe entstandenen Dörfer Steinbach, Watzenborn, Garbenteich, Erlebach, Drone- bach und Lotthen oder Cathen, von denen die drei letztgenannten allerdings wieder ausgegangen sind. Wenn nun auch das Verhältnis dieser „Schiffenbergdorfer" §u dem Kloster nicht immer ungetrübt war, so strahlte doch von ihrem klösterlichen Mittelpunkt reicher Segen auf die ganze Umgegend aus durch Seelsorge. Krankenpflege, Pflege und Veredelung der Ackerwirtschaft, des Obstbaues usw. Und noch ein zweites hatte jene Schenkung zur Folge: Die Gleiberger legten die Wasserburg „zu den Gyezen" in der Mitte zwischen Gleiberg und Schiffenberg an, da die große Entfernung beider voneinander und häufige Ueberschwemmung des Lahntals einen Schutz des Klosters von Gleiberg aus vielfach unmöglich machten. Bei dieser neuen Burg aber entstand dann eine Stadt, die sich im Lause der Zeit zu dem heutigen Gießen auswuchs. Und durch all die Jahrhunderte hindurch waren die Geschicke nicht nur der oben genannten Schifsenbergdörfer. sondern auch der ganzen Umgegend und vor allen Dingen der Stadt und Universität Giehen aufs engste mit denen des Schissenbergs verbunden. Und man kann Wohl sagen: Ebensowenig .toie man sich Heidelberg ohne sein Schloß, ebensowenig kann man sich Gießen ohne seinen Schiffenberg denken. Und gerade in unserer heutigen Zeit mit ihrem hastigen, Nerven und Gesundheit zerrüttendem Verkehr, ist der Schiffenberg für unsere Stadt und die nächste Umgebung geradezu ein gesundheitlicher Faktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung geworden. Zieht er doch durch seine anmutige Lage, seine liebliche Fernsicht und die ihn rings umgebenden herrlichen Wälder jährlich Tausende von Natur- und Wan- dersreunden, Tausende der immer zahlreicher werdenden Leute, die sich weder Wochenend-, noch
irgendwo auf eine Tür, die fich nicht öffnen läßt. Alles verläuft ins Dunkel. Entweder ist dieser Mord von vornherein mit einer Umsicht vorbereitet, die geradezu beispiellos ist — das wäre die eine Erklärung —, oder aber: er ist in seinen Motiven so abwegig, so verschleiert, daß aus diesem Grunde alle Schlußfolgerungen, die von einer Prämisse zur anderen führen konnten, versagen."
„Welches ist Ihre Meinung, Herr Präfekt?" fragte der Vorsitzende.
„Ich glaube, dah die zweite Erklärung zutrifst: verschleierte Motive."
„Wollen Sie weiter referieren."
„Am 2. September hat Fräulein Crmolieff im Grand Hotel Wohnung genommen. Die Eintragung ins Fremdenbuch lautet:
Marfa (Srmolicff - 27 Jahre alt Journalistin Wohnort: Berlin."
„Journalistin -- Berlin ", wiederholte der Vorsitzende. „Mit diesen Faktoren sollte sich etwas anfangen lassen."
..Wir haben uns eingehend in Berlin erkundigt. Eine Marsa Ermolieff ist in den amtlichen Melde- regiftern der Stadt Berlin nicht aufzufinden. Dann haben wir uns bei den Zeitungen erkundigt; keine Redattion hat mit einer Journalistin Marfa Ermolieff gearbeitet.“
„Alle Menschen in dieser Tragödie sind andere, als sie zu sein vorgeben.'' sagte der Präsident grollend.
„Ich glaube," warf der Polizeipräfett ein, „daß der Zufall in dieser Angelegenheit eine entscheidende Rotte gespielt hat. Das Drama hat sich sozusagen versehentlich in Kopenhagen abgespielt - sozusagen zwischen zwei Zügen. Seine Wurzeln liegen in andern Ländern — die Menschen. die um die Tat gruppiert sind, haben nichts mit Dänemark zu tun. nur durch einen Zufall haben sich ihre Wege in Kopenhagen gekreuzt."
„Da die Tat in Kopenhagen geschehen ist, da sie sonach der dänischen Justiz untersteht, wird uns nichts anderes übrig bleiben als ihre Wurzeln bloßzulegen."
„Fräulein Ermolieff also." fuhr der Präsekt fort, „die vielleicht aus Berlin kam. wo sie unangemeldet gewohnt hatte, zog am 2. September ins Grand Hotel ein. Am 4. September machte sie die Bekanntschaft des Herrn Riedinger."
„Die Behauptung ist erhoben worden. Riedinger und Fräulein Ermolieff hätten sich bereits vorher gekannt — sie hätten lediglich aus einem Grunde, der dem Gericht genau so unbekannt ist wie atte andern Details dieser Sache, so getan, als ob sie einander fremd seien. Besteht nach Ihrer Meinung die Wahrscheinlichkeit, daß die beiden sich kannten?"
(Fortsetzung folgt.)


