Nr. 295 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Diens'ag, {7. Dezember 1929
Mademoiselle Docteur, die größte Spionin Deutschlands.
Das brennende Auto. - „Mademoiselle Docteur.“
V.
Aus dem neuen Buche: „Spionage!* von H. R. B e r n d o r f s. Verlag Dieck & To., Stuttgart.
Im Hotel Anglais in Brüssel in dem wunderschönen großen Palmensäal feiern belgische Offiziere ein vergnügtes Fest. Im Speisesaal dieses Hotels fitzt am selben Abend Annemarie Lesser. Im Fremdenbuch des Hotels ist dieser Name nicht zu finden, dort steht ein französischer Name und Annemarie trägt einen französischen Paß bei sich, aus dem hervorgeht, daß sie aus Paris stammt.
Durch den Speisesaal geht an diesem Abeyd Rens Austin, ein junger belgischer Leutnant, und als er an dein Tisch der Spionin vorbeigeht, fällt ein Glas klirrend zu Boden. Die junge, schöne Frau, die an dem Tisch sitzt, und in der niemand so leicht das junge Mädchen, das in den Vogesen dem Manöver folgte, wiedererkennen kann, stößt einen leichten Schrei aus. Sie hat sich in die Hand geschnitten, ein kleiner Tropfen Blut fällt auf das Tischtuch von gelbem Damast. Ren6 Austin, königlich belgischer Leutnant, ist wohlerzogen und chevalercsk. Er steht schnell an ihrer Seite und begleitet sie aus dem Speisesaal. Er beschafft ein wenig Watte, ein kleines Pflaster, und dann lacht man in zwei tiefen Sesseln in der Halle des Hotels.
„Scherben bringen Glück!" sagt Rens Austin.
„Hoffen wir es," lachte Annemarie Lesser.
Scherben bringen Glück und vermitteln Bekanntschaften. Der junge Offizier erfährt, daß er eine junge Dame vor sich hat, die der Malerei ergeben, bis zum Sommer die großen Bilder in den vielen Museen der schönen belgisä^n Haupfftadt studieren und kopieren will. Man trifft sich im Musse Wiertz, man trifft sich aber auch im Bois de la Cambre. Man kommt sich näher und Rens Austin, dessen Dienst ihm manche freie Stunde übrig läßt, verschwindet nicht mehr von der Seite der schönen Frau.
Diese Frau ist eine begeisterte Französin und eine fanatische Deutschenhasserin, Ihr Vater, der längst tot ist, war Offizier in der französischen Armee und hat seine Liebe für das Kriegshandwerk auf bie Tochter vererbt. Die ruhmreiche Armee, die große Armee der französischen Nation, das ist noch etwas! Und die belgische?
„Oho!" protestiert Austin, „aber bitte, Mademoiselle, wir haben dies und jenes."
Acht Tage lang ist sie plötzlich verschwunden. Der Offizier läuft traurig umher. Plötzlich ist sie wieder da, sie ist durch das Land gefahren, um zu zeichnen und zu malen. Sie zeigt ein paar hübsche Radierungen, Weidenkätzchen an einem Hügel, ein Boot auf einem Kanal, aber es gibt eine ganze Menge von Sachen, die sie dem Leutnant Rens Austin nicht zeigt. An ihre Adresse in Berlin geht eine ganze Kiste mit Oelgemälden ab, mal ist es ein Pferd auf einer Weide, mal ist es eine Windmühle und einmal ist es eine Waldlandschaft. Diestz Bilder kommen in die Hände des Herrn I. Matthesius, der völlig ohne Kunstverständnis die dicken Oelfarben von der Leinwand heninterkratzt und dann auf Zeichnungen stößt, die ihn viel mehr interessieren.
Eines Mittags steht vor dem Hotel ein elegantes kleines Auto, zweisitzig, das modernste, was es gibt. 'Austin kann fahren, und Annemarie hat es gekauft. Sie will fahren, und das Land kennenlernen.
Austin nimmt acht Tage Urlaub, und, verliebt bis über die Ohren, fährt er den Wagen der jungen Pariserin in das Land hinein. Kreuz und quer über den Uebungsplatz Beoerloo geht die Fahrt. Annemarie, als Tochter eines alten Offiziers, fragt dem Leutnant die Seele aus dem Leib. Man fährt wei- ler über die Forts der Festungen, man klettert durch Kasematten, zu denen der Offizier sich bei seinen Kameraden den Eingang leicht verschafft. Am sechsten Tag der Reise fährt man entlang der holländischen Grenze und auf der Chaussee gibt «s plötzlich eine kleine Panne. Austin arbeitet an dem Motor, Annemarie zieht ein kleines Notizbuch, nimmt ein Blatt heraus und sagt:
„Wieviel Benzin haben wir verbraucht, wieviel Kilometer sind wir gefahren, ich will das mal aufschreiben."
Das Erbe des Herrn von Nnstetien.
Vornan von 3. Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz durch
Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.
28. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Warum hast du es überhaupt getan?“ DaS Gesicht lag noch immer in den QIrm vergraben.
„Bernd! — Das fragst du mich?“
„Der Kerl ist es ja gar nicht wert, Papa,“ stieß der Knabe heraus und tastete mit der Linken nach Llnstettens Hand.
„Und die Mama?“ Anstetten erschrak, als Bernd jetzt das Gesicht von den Kissen aufhob. „Du bist doch mein großer Junge, Berndl Jeder Mann, der auf. seine Ehre hält, wird handeln, wie ich gehandelt habe. Solange die Mama meine Frau ist, kann ich nicht dulden, daß ein anderer die Finger nach ihr ausstreckt.“
Die Lider weit über die Augen gedeckt, lehnte der Knabe gegen die Schulter des Mannes, der ihm den Rücken stützte.
„Wirst du dich jetzt scheiden lassen, Vater?“
„Rein, Bernd!“
„Aber später?"
„Das fragst du zu früh, mein Junge. Keinesfalls vor deinem achtzehnten Geburtstag. Dis dorthin bist du dann ein gereifter Mann und hast weder die Mama noch mich mehr nötig. Wenn ich dich auf Anstetten geborgen weih, wird es mir leicht fein, wieder irgendwo unter» zutauchen und der Mutter den Weg frei zu machen." Und als er sah, daß die Hände Bernds sich ballten, mahnte er bittend: „Jeder hat ein Recht auf Glück, mein Kind. Wenn die Mama das ihre bei Oerhen zu finden hofft, will ich ihr kein Hindernis fein, aber solange deine Zukunft nicht gesichert ist, muh sie sich noch gedulden. Richt um meinet-, aber uni deinetwegen!“
„Ich will nicht ohne dich auf Anstetten sein, Papa! Du kannst es verkaufen. Mir ist es gleichgültig, wohin wir dann gehen. Rur das eine weih ich, daß ich bei dir bleiben werde.“
In dem Augenblick, in dem der Offizier mit der kleinen Reparatur fertig ist, will Annemarie Lesser das Blatt Papier wieder in das Büchlein stecken, aber eine ungeschickte Bewegung der Hand lägt das Blatt zur Erde fallen, der Wind faßt es und weht es fort, und Rens Austin, galant und gut erzogen, läuft hinterher, um es zu fassen.
„Nein!" schreit Annemarie, „lassen Sie doch das Stück Papier," aber der Leutnant läuft gelassen hinter ihm her, das in kleinen Wirbeln über die Chaussee und über das Feld getrieben wird. Da läuft auch Annemarie los, vielleicht greift sie es doch zuerst. Das Papier weht in einen Graben, der Leutnant springt hinab, und dann dauert es einige Zeit, sie kann ihn nicht sehen, zwischen ihnen ist eine Hecke, er kommt noch immer nicht, schließlich tritt er auf die Chaussee und sogt, „das Papier ist in einen kleinen Tümpel gefallen, es ist fort". Er sagt nichts weiter. Die beiden steigen ins Auto. Der Leutnant gibt Gas. Der Wagen fegt über die Chaussee, Annemarie Lesser sieht von der Seite auf das Gesicht ihres Begleiters. Der Offizier beißt sich ununterbrochen auf die Lippen, er ist bleich und er redet nicht. Annemarie Lesser setzt sich zurecht. Sie hockt auf ihrem Sitz wie eine Katze, fert.g zum Sprung, fertig zum Kampf auf Tod und Leben.
Der Offizier muß langsamer fahren, er nähert sich einem Dorf, und da in der Ortschaft, an der Wegkreuzung, auf dem Trottoir der Straße, vielleicht 100 Meter abwärts, steht ein Feldgendarm.
Der Leutnant Rens Austin reißt die Bremse des Wagens an, daß sie knirscht. Annemarie Lesser sieht, daß sein Gesicht in dem Augenblick wutverzerrt ist und dann springt er aus dem Wagen. Er geht schnellen Schrittes geradeswegs auf den Gendarmen zu.
„Hallo!" ruft er, „Wachtmeister, kommen Sie schnell her!" Da tritt Annemarie auf den Gashebel. Ihr anderer Fuß läßt die Kupplung los, den Gang hatte sie schon eingeschaltet, die rechte Hand hatte sie schon am Steuer, sie gleitet auf den Führersitz und der Wagen schießt davon. Er rast aus dem Dorf heraus, knarrend und fauchend im ersten Gang, Annemarie Lesser versteht es noch nicht, im Fahren einen andern Gang einzuschalten. An einem Waldrand gerät das Auto auf den Sommerweg. Annemarie Lesser reißt die Bremsen, trotzdem schlägt der Wagen gegen einen Baum. Die Frau springt heraus, das Auto, dessen Gang noch immer eingeschaltet ist, fährt weiter, fährt zur andern Seite der Straße, überschlägt sich im Graben, geht in Flammen auf.
Annemarie hetzt durch den Wald. Sie läuft um ihr Leben, sie folgt einem schmalen Pfad, der sie bis an dos Ufer eines Kanals führt. Hier holt sie Atem. Sie sieht einen großen Lastkahn, der, getrieben von einem kleinen Motor, langsam über das Wasser gleitet. Sie reißt sich die Kleider herunter, schnürt sie zusammen, knüpft sie auf den Rücken und schwimmt durch das Wasser. Sie braucht nicht lange zu schwimmen, da saßt sie das tiefliegende Bord des Kahns. Sie schwingt sich hinauf, kriecht auf dem Schiff vorwärts, damit man sie vom Ufer nicht sehen kann und steht schließlich am Heck vor einem uralten holländischen Kahnschiffer, dem bei ihrem Anblick, wie sie naß und triefend und wenig bekleidet vor ihm steht, vor Schreck die Tonpfeife aus dem Mund fällt. Als Annemarie Atem geschöpft hat, beherrscht sie sofort die Situation.
„Dreitausend Francs" sagt sie. „Hier bitte, hier sind die Scheine. Sie sind etwas naß, aber sonst noch ganz gut erhalten, die f» b für Sie, wenn Sie mich auf Ihrem Schiff über die holländische Grenze bringen. Sie müssen mich aber gut verstecken, denn die Grenzer sind hinter mir her, weil ich Diamanten geschmuggelt haben soll. Hier sind 1000 Francs als Anzahlung."
Mewfrouw, die Schifferin, erschien aus der Kajüte auf den Ruf ihres Mannes. Nun ging alles sehr schnell. Unten im Kahn zwischen allen möglichen Waren wird eine Tür aufgeschlossen, die man nicht so leicht finden kann und der die Schmuggelei kein ganz fremder Begriff zu sein scheint. Es findet sich ein Raum, in den man schnell ein paar Decken und Kissen wirst, mit den nassen Kleidern zieht die Schif- fersfrau ab, es gibt sehr viel heißen Tee und es gibt
sehr viel Herzklopfen, bis man endlich über die Grenze ist.
Mewfrouw stand dabei, als der Schisser neben seinem Geld einen festen Kuß auf den Mund bekam.
Rens Austin aber hat die Sache ins Rollen gebrockt. Der Gendarm und er wurden aufgehalten durch das brennende Auto, unter dem sie die Frau vermuteten. Erst nach geraumer Zeit, als sie nichts von ihr fanden und als sie sahen, daß ihre Annahme, sie sei unter dem umgeschlagenen Wagen verbrannt, falsch war, da alarmierten sie die nächstgelegene Feldjägereistation, die mit Pferden und Hunden erschien, aber inzwischen war ein Gewitter niedergegangen, man fand ihre Spur nicht mehr.
In Brüssel aber legte der Leutnant den Zettel, der keineswegs im Tümpel verschwunden war, sondern den er sorgfältig in seiner Brieftasche verwahrt hatte, vor. Aut diesem Zettel standen genau, mit zierlichen Buchstaben und Zahlen ausgezeichnet, die Armierungen von zwei Forts, in denen man am letzten Tage gewesen war. Das Kaliber der Geschütze und ihre Reichweite waren peinlichst verzeichnet.
In Hoek van Holland bestieg Annemarie das Schiff nach Dover. Mit ihren Notizen war I. Matthesius, mit dem sie sich in Amsterdam getroffen hatte, nach Berlin gefahren. Sie hatte sich oerän- tert. Ihre Haartracht war anders geworden, und sie trug eine Brille. In Jfle of Wight blieb sie einige Zeit, sie machte ausgedehnte Motorbootfahrten an der englischen Küste, immer mit ihrem Malgerät, und sie hatte, wenn sie beobachtet wurde, das exaltierte Wesen eines Malweibes angenommen. Plötzlich aber bekommt sie wieder, so wie schon einmal in dem Dorf bei Charleville, als Wynanky noch lebte, ein entsetzliches Angstgefühl. Mitten in ter Nacht steht sie in dem Zimmer ihres kleinen Dorfgasthauses auf, packt nur das Nötigste und dos Wichtigste ihrer Habe in eine Handtasche und tritt auf die Treppe hinaus. Langsam, lautlos, immer ihrem unerklärlichen Angstgefühl folgend, steigt sie die Treppe hinunter und steht schließlich im Erdgeschoß des Hauses. Aus der Gaststube hört sie gedämpfte Stimmen mehrerer Männer, sie hat es ja gewußt,, man spricht von ihr, sie ist verdächtig, Spionage an den Küstenplätzen getrieben zu haben, man wird sie gleich verhaften — Annemarie Lesser besteigt am Morgen den französischen Dampfer Dover—Calais. Sie weist sich an Bord mit einem Schweizer Paß aus un£ sie gelangt über Paris ohne Zwischenfall nach Berlin, während man auf allen englischen Schiffen, nachdem diese funkentelegraphisch benachrichtigt worden sind, nach ihr fahndet. In Berlin erfährt I. Matthesius, daß mittlerweile ter belgische Geheimdienst Hand in Hand mit dem englischen Dienst festgestellt hatte, daß die Spionin, die ihr Spiel mit Rens Austin trieb, und das Malweib an der englischen Küste miteinander identisch waren. Man gab ihr wegen ihrer Brille den Spitznamen „Mademoiselle docteur". I. Matthesius nahm ter Annemarie Lesser alle Pässe ab und warf ste ins Feuer.
„Wir werten jetzt erst einmal auf unfern eigenen Namen nach Meran fahren, um uns etwas zu erholen. Ich fürchte allerdings — aber ich will Ihnen die Ruhe nidjt nehmen. Annemarie Lesser geht durch de Parkanlagen in Meran. Die Ereignisse der letzten Zeit, ihre Flucht an Bord des holländischen Schleppkahnes, ihr nächtlicher Fußmarsch, um auf ein französisches Schiff zu gelangen, all dies" Ereignisse zerren kaum mehr an ihren Nerven. Sie ist viel mit einem italienischen Iuwelenhändler zusammen, und es ist das erstemal seit Jahren, daß sie mit einem Manne des öfteren zusammen ist, ohne daran zu denken, wie sie aus ihm irgendwelche Geheimnisse militärischer Art herauslocken kann. Mitte Juli, es ist das Jahr 1914, erhält sie von Matthesius die Aufforderung, sofort nach Italien zu fahren. Ein Agent, ein früherer Pionieroffizier, ter seinen Sitz in Mailand hatte, hatte von Matthesius den Auftrag erhalten, sofort sestzustellen, ob und welche Erdarbeiten hauptsächlich an den Küsten in dem ganzen Lande neuerdings ausgeführt würden. Dem deutschen Agenten war zur Erfüllung seines Auftrages eine Frist von etwa einer Woche gesetzt. Der Mann telegraphierte chiffriert nach Berlin, daß
„Ich danke dir, Bernd!" Hans Peter senkte den Kops auf dessen Scheitel. Der Betrug, den er an diesem Herzen beging, war ungeheuerlich. Das übernommene Erbe dr.ckte ihn mit Dergeslasten. In dieser Minute hatte er nichts als den sehnlichsten Wunsch, daß Oertzens Kugel etwas tiefer gesessen hätte. Dann wäre ihm alles, was noch kommen mochte, erspart geblieben.
Bernds Frage, wo er von dem Grafen getroffen worden sei, beantwortete er mit einem kurzen Tippen der Finger auf die linke Brust» feite.
„Und du hattest noch die Kraft, Vater, bis hierher zu kommen?“
Anstetten bejahte. Es war das beste, nichts davon zu erwähnen, daß Würz ihn halbwegs getragen und Qltab die Hand nicht von der Wunde genommen hatte, bis sie in der Hütte angekommen waren. Es dünkte ihm zuviel, das Gemüt Bernds mit Dingen zu belasten, die für alles menschliche Verstehen in undurchdringliche Rätsel gehüllt blieben. Keinem Europäer würde es je gelingen, diese Zusammenhänge zu erforschen. Es gab Dinge zwischen Himmel und Erde, die immer und ewig ein Geheimnis bleiben würden.
„Vielleicht übernimmst du es, die Mama zu verständigen, daß ich noch am Leben bin,“ sagte er bittend. „Wenn ihr vielleicht auch eine andere Botschaft erwünschter gewesen wäre."
„Vater!" Die Knabenaugen blickten ihn flehend an. „Ich will die Mama nicht verteidigen! Aber das, was du jetzt sagtest, war grausam. Du hast ihre Verzweiflung nicht gesehen. Ich aber habe das Fürchterliche mitgemacht und weiß jetzt, daß sie dich über alle Maßen liebt.“
Anstettens Gesicht war sehr blaß. „Tote liebt man immer anders, als die Lebendigen," sagte er resigniert. „Vielleicht machst du jetzt Toilette und gehst hinunter und sagst, ich lasse sie bitten, zu entschuldigen, daß sich die ganze Sache so außer meiner Berechnung entwickelt hat. Und Bernd — wenn möglich, schickst du mit den Wagen herauf. Ich glaube, daß ich die ganze Strecke zu Fuß noch nicht machen kann. — Dis hinunter an die Lichtung komme ich vielleicht.“
„Du bleibst, Papa! Keinen Schritt darfst du mir aus der Hütte. Ich —"
Don unten herauf kam durch das offene Fenster
eine Stimme, die Bernd aus dem Bette springen und in sein Beinkleid fahren lieh: „Ich gebe alles Hoffen auf, Herr Forstmeister. Der Junge hat sich ein Leid angetan. Er hing bis zur letzten Faser an seinem Vater. Wir werden ihn ebensowenig finden, wie meinen armen Mann.“
Dernd lag schon über das Sims geneigt: „Mama!"
Der Aufschrei einer Frauenstimme klang nach oben. Anstetten mußte den Sohn halten, dah er nicht den Sprung auf den moosigen Boden wagte. Ein hetzender Schritt über die Treppe. Bernd lief an ihm vorüber und ließ die Türe hinter sich offen: „Mutter!"
Zwei Arme schlangen sich um ihn. Anstetten sah flimmerndes Blondhaar, das sich an die Wange Bernds schmeichelte, er hörte geflüsterte Worte und sah, wie Drunhildes Kops sich jäh nach dem Zimmer wandte. Bernd hatte Mühe, ihren zuckenden Körper im Gleichgewicht zu halten.
Der Baron fand weder Sprache noch Bewegung, wußte nur, daß ihn ein Eid band, die Lüge weiter zu tragen und suchte vergeblich das Hämmern seines Blutes zu unterdrücken, denn seine Sinne schrien nach der Frau, deren Ehre er mit seinem Leben verteidigt hatte.
Er machte ein paar Schritte auf sie zu, sah zwei bittend gefaltete Hände und dann ein blondes Haupt, das an ihm niederglitt und sich an seine Knie preßte. „Hans Peter — vergib mir!“ „Brunhilde — nicht so!"
„Vater, vergibst du?" Berrrd lag an seinem Hals und drückte das Gesicht an seine Wangen.
»Hilf mir erst die Mutter beruhigen, mein Junge!“
Anstetten wollte die kniende Frau zu sich aufheben, taumelte und sank rückwärts auf den Dett- rand nieder.
Brunhilde schnellte empor und stützte ihm den Rücken: „Schiebe dem Papa das Kissen unter, Bernd. — Ist es so gut, Liebster? — Wir wollen die Füße etwas höher nehmen, damit du zu liegen kommst.“
Er zwang sich mit aller Kraft des Willens, bei Bewußtsein zu bleiben, fühlte, wie ihm etwas den Mund netzte und drückte die Hände gegen die 03ruft.
er dazu ein paar Wochen brauche, denn er wisse sich keinen andern Rat, als das ganze Land zu bereifen. 24 Stunden nach diesem Telegramm erschien Annemarie Lesser in seiner Wohnung. Am nächsten Tage etablierte sich in ter Stadt ein neues Annoncen- bureau. Es konnte nicht auffallen, daß dieses Geschäft auf sämtliche Zeitungen des Staates, vor allein aber auf die kleinsten ländlichen Blätter abonnierte. Aus diesen Blättern wurden dann systematisch alle Annoncen ausgeschnitten, in denen die Militärde- hörten die Vergebung von Tiefbau- und Betonarbeiten ankündigten. Nun war es nicht mehr schwer, mit Hilfe einer guten Generalstabskarte Art und Umfang ter beabsichtigten Festungsbauten zu erkennen, und in sechs Tagen war die Aufgabe gelöst, (Fortsetzung folgt.)
Die Ferngasversorgung
Oer Aufsichtsrat der Hekoga für die Ruhrverträge.
WSR. Darmstadt, 16. Dez. Der Aufsicht s r a t der Hekoga (Hessische kommunale Gasfernversorgung), der heute von 2,30 bis 8 Uhr tagte, hatte beschlossen, der auf den 21. Januar 1930 einzuberufenden Generalversammlung die Vorlage mit der Ruhr-Gas A.-G. und der Saar-Gas-Gesellschaft zur Annahme zu empfehlen. Mit welcher Mehrheit die Empfehlung ausgesprochen wurde, ist nicht bekanntgegeben.
Oie Provinz Starkenburg gegen das Ruhrgas-Abkommen.
WSR. Darmstadt, 16. Dez. Der Provinzialausschuß der Provinz Starkenburg befaßte sich in einer am Samstag abgehaltenen Sitzung eingehend mit den zwischen dem Vorstand der Hekoga und der Ruhrgas- A.-G. — Saargas- A.-G. vorläufig vereinbarten Verträgen. Rach sehr lebhafter Aussprache beschloß der Ausschuß, den Provinzdirek- tor der Provinz <5tarfenburg anzuweisen, sich gegen die Annahme der Verträge auszusprechen. Die Ablehnung wird damit begrüntet, daß das Vertragswerk insbesondere hinsichtlich der Wahrung d r geineinwirtschaftlichcn Interessen der Provinz nicht den Voraussetzungen entspricht, unter denen der Beitritt zur Hekoga erfolgt sei. Die Provinz Starkenburg vertritt 1Z Stimmen.
Oie Vorgänge bei der Hausrat G.m.b.H.
WSR. Frankfurt a. M., 16. Dez. Zu alarmierenden Rachrichten über die Vorgänge bei der Hausrat G. m. b. H. in Frankfurt teilt die Magistrats-Pressestelle zur Aufklärung folgendes mit: Die Hausrat G.m.b.H. Frankfurt am Main ist keine Frankfurter städtische Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, an ter die Stadt Frankfurt neben dem Landeshauptmann von Wiesbaden und den Städten Wiesbaden und Offenbach beteiligt ist. Die Hausrat G. m. b. H. ist kein wirtschaftliches Erwerbsunternehmen, sondern ein sozialer Betrieb. Ec wurde seinerzeit gegründet, um gegenüber dem Vorgehen gewisser Abzahlungsgeschäfte ter minderbemittelten Bevölkerung ten Erwerb billiger und guter Möbel zu erträglichen Zahlungsbedingungen zu ermöglichen. Auch ter von ter Stadtverordnetenversammlung zur Prüfung der städtischen Unternehmungen eingesetzte Ausschuß hat erst vor wenigen Wochen die Aufrechterhaltung! der Hausrat G.m.b.H. mit Rücksicht auf ihre soziale Zielsetzung empfohlen. Zu den wirtschaftlichen Verhältnissen ter Hausrat G. m. b. H. ist festzustellen, daß ihre Reorganisation bereits seit Monaten mit dem Ziele einer gewissen Beschränkung der Aufgaben im Zuge ist. Die augenblicklichen Schwierigkeiten sind dadurch entstanden, dah die Schuldner, auf die naturgemäß die wirtschaftliche Lage ungünstig in b.jjug auf ihre Zahlungsfähigkeit eintoirtte, mit ihren Zahlungen im Rückstand blieben. Es sind deshalb schon seit längerer Zeit Bemühungen im
Die Baronin sah Blut durch das Leinen sickern und riß beide Hemdknöpfe auf. Die Wunde hatte sich wieder geöffnet und ließ dunkle, warme Tropfen heraussickern. „Laufe zu Bogner hinunter," bat sie angstgeschüttelt, „er soll sofort nach einem Arzt telephonieren, Bernd! — Hans Peter!"
3m Hinauseilen blickte der Junge zurück und sah, wie die Mutter das bleiche Gesicht des Gatten mit Küssen bedeckte.
Für Sekunden lehnte er sich draußen gegen die gekalkte Wand und drückte die Hände über die Rügen: dann hetzte er die Stufen hinab und rannte mit Bogner nach dem Forsthaus.
„Mach keine Geschichten, alter Junge, und tu, wie ich befohlen habe. Du fährst ein paar Wochen nach der Riviera und schläfst dich dort gesund. Hier nebelt es zu stark." General Lötzen schob die Decke, welche von Anstettens Knie geglitten war, wieder in ihre alte Lage zurück und sah ihm zwingend in die Augen. „Sie ist meine Tochter, ich will ihr weder Ankläger noch Verteidiger sein, aber wenn man das Sprichwort wahr haben läßt: Einem Reuigen verzeiht man, dann hat auch sie Anspruch darauf."
„Ich habe restlos vergeben, Vater." ,
»Hm — Brunhilde hat jedenfalls das Empfinden, als ob es nicht so wäre. Auch ich —" er hielt inne, denn er sah die Tochter durch die breite Ahornallee des Parkes geradewegs auf die weiße Steinbank zukommen, auf der sie beide saßen.
„Wie geht es, Liebster? — Besser? — Wie froh ich bin!" Eie war hinter den Gatten getreten und hatte dessen Kopf gegen ihre Brust gelehnt. „Ich fürchte nur, daß die Märzluft für dich nicht sonderlich zuträglich ist. Wollen wir nicht lieber hineingehen?“
®r hielt die Augen geschlossen, um ihr Gesicht nicht zu sehen und nur den Klang ihrer Stimme in sich einzusaugen, fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn und schauerte zusammen. So konnte das nicht weitergehen! Sein Blut war in einem Aufruhr sondergleichen. Er mußte die Finger in die Lehne krallen, um nicht mit beiden Händen noch ihr zu greifen.
(Fortsetzung folgt).


