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hätten, herrsche im Lande eine Spannung tvie seit Jahren nicht mehr. Auch in dieser Be­ziehung sei es nötig, daß neben den st ar­ten Länderregierungen auch eine st arte Reichsregierung vorhanden sei. Aach Auffassung der preußischen Regierung stün­den daher in diesem Augenblick höhere Güter auf dem Spiel als die Neugestaltung der Ar­beitslosenversicherung nach diesem Entwurf. Die preußische Regierung werde daher für den Kompromihentwurf stimmen.

Für die preußischen Provinzen Rheinprovinz, Westfalen, Hannover, Oberschlesien, Schleswig- Holstein und für die Stadt Berlin wurden Er­klärungen abgegeben, daß diese zwar die st ä r k- sten Bedenken gegen den materiellen Inhalt des Kompromißantrages hätten, aber ihm doch z u st i m m e n würden, angesichts der großen politischen Schwierigkeiten, die eine Ablehnung mit sich bringe.

3n der Gesamtabstimmung der zweiten Lesung wurde nach Annahme der Kompromiß- Sondervorlage die Hauptvorlage mit 42 gegen 21 Stimmen angenommen. Dagegen stimm­ten Bayern, Württemberg, Mecklenburg-Schwe­rin, Braunschweig und die preußischen Provinzen Ostpreußen, Brandenburg, Pommern und Rie­derschlesien. Hamburg und die Provinz Posen- Westpreußen enthielten sich der Stimme. Alle übrigen Reichsratsvertreter stimmten für die Dorlage.

Ungünstige Prognose.

Die Entscheidung fällt erst im Reichstag.

1 Berli n, 17. Sept. (Sil.) Ein Teil der Berliner Blätter nimmt zu der Annahme des Arbeitslosenkompromisses durch den Reichsrat Stellung, wobei allgemein auf die Tatsache hin­gewiesen wird, daß die Annahme mit einer Mehrheit von nur einer Stimme er­folgte. DieGermania" hebt hervor, daß damit über das endgültige Schicksal der Re­form noch nicht entschieden sei. Das Blatt schreibt: Diese Entscheidung fällt im Reichs­tag, und as ist allem Anscheine nach sehr un­sicher, vb die Beschlüsse des Reichsrats auch dort eine Mehrheit finden werden. Seitens der Deutschen Dolkspa rtei werden jedenfalls gegen die vom Reichsrat beschlossene Form der Vorlage schwerste Bedenken geäußert, und auch die Sozialdemokratie ist mit ihr höchst un­zufrieden. Am Mittwoch wird sich eine interfrak­tionelle Sitzung der Regierungsparteien mit der Angelegenheit befassen; und am Donnerstag ist wieder der SozialpoliHsche Ausschuß versam­melt, der dann GelegeiHeit haben wird, zu den Beschlüssen des Reichsrats Stellung zu nehmen. DerVorwärts" sagt: Die neue Vorlage stellt in einem Punkte gegenüber der ersten eine Ver­besserung dar, denn nach der ersten sollten die Un­terstützungssätze für die Saisonarbeiter teilweise un­ter die Sätze der Krisenfürsorge gesenkt werden. Diese Bestimmung soll jetzt aus der ersten Vorlage gestrichen werden. Die übrigen Punkte bedeuten er­hebliche Verschlechterungen. Auch derVorwärts" bemerkt, daß die endgültige Entscheidung über die beiden Entwürfe selbstverständlich erst i m R e i ch s- t a g fallen werde. Sie würden noch in sehr weitem Maße geändert werden müssen, wenn sie für die sozialdemokratische Fraktion annehmbar werden sol­len. DieD A Z." schreibt, da von einer Führung der Reichsregierung nach wie vor nicht das geringste zu merken sei, würden die Aussichten des Kompro­misses in parlamentarischen Kreisen sehr un­günstig beurteilt. DieB ö r s e n z e i t u n g" betont, daß die Reichsratsabstimmung über das Sondergesetz ein Grund mehr für die Deutsche Volkspartei sei, dieses unzulängliche und auf so un­sicherem Boden stehendeKompromiß" mit aller Macht zu bekämpfen. DasB. T." stellt fest, der Reichsrat habe die Arbeitslosenreform in einer Fas­sung angenommen, die die Zahl der Schwierigkeiten im Reichstag eher noch vermehren werde. Er hat diejenigen Bestimmungen genehmigt, die bisher von der Volkspartei und den Demokraten abgelehnt worden seien. Nach der23 off. Z t g." bleiben nach dem Reichsratsbeschluß von dem Defizit in

Karl Wolfskehl.

3u seiosm 60. Geburtstage.

Von Friedrich Gundolf.

Fast jede Bewegung, die durch Führer sichtbar wird und durch Gruppen mehr oder minder unter« ' irdisch weiterdringt, empfängt ihre Macht außer Dofvz oen großen und weithin sichtbaren Werken und 'Taten ihrenDenkmalen" oderMarkstei­nen" > und von Folgern, welche des Führers Werk umsetzen in flachere, faßlichere übertragbare Brei­ten, in Schulen, Methoden oder wie immer man das kollektive Wohl oder Uebel benenne, durch rege und reiche Lebensgeister, die schwer faßlich ringsum sprühen oder drängen und ohne persönli­chen Ehrgeiz, ohne haftbare Eitelkeit, ja ohne eigent­liche Werkziele aus der Fülle eines vorn lieber» schuß erschütterten und ausgeglichenen Wesens die Ströme vor der Erstarrung unwillkürlich schützen und selbst dem bestimmten Willen, dem sie freudig dienen, einen geheimnisvollen Rückhalt verheißen, als Chaos, dessen jede Erscheinung bedarf. Mit der Zeit munkelt oder spricht sich dann bei jedem Sieg und Durchbruch solch ein verborgener Mitwirkender, zumal in unseren lüsternen historischen besser-wissen- wollenden Jahrzehnten als der Eigentliche oder Wirkliche herum. Im Guten wie im Bösen muß er den Dank oder Hohn abnehmen, den ein Meister oder eine Gemeinschaft sich zugezogen haben und die Wissenschaft fängt an hintennach festzustellen, was sich von vornherein geregt habe mit unzuläng­lichem Kausalitätswerkzeug eine Wachstumeinheit zerreißend und verfälschend. Ein berühmtes Bei­spiel solch eines gleitenden Kräftewebens vor und mit dem Schöpfer ist Hamann, und neuerdings ahnt man selbst am Ursprung der weltbeherrschen­den Hegelei den leisen Hölderlin.

Es mag einem Freund erlaubt fein, einem Mann zu seinem 60. Geburtstag öffentlich zu danken, der seit einem Menschenalter wie kein zweiter im Licht und im Schatten Stefan Georges als solch ein Begleiter und Verwandler einer Strahlung gewirkt hat, die heute schon öffentlich genug ist, um ohne Preisgabe ihrer unveräußerlichen Gründe von ihrer Geschichte zu sprechen, zumal dadurch vielleicht der müßige Klatsch um das vieldeutige Bewegte ein wenig beschwichtigt wird Karl Wolfskehl ist zahllosen Menschen durch Gerede jeder Art und Absicht eine Vorstellung, vielen beleuchtet von sei­ner Zugehörigkeit zumGeorgenkreis" her als ein mystischer Dichter, vielen vom Münchener Faschina, vielen aus Zeitungen als ein Kenner unüberseh­barer Wissensgebiete, die er mit einer selbst Facy-

der Arbeitslosenversicherung nur noch 6 Mil­lionen 'zu decken, die man durch die übrigen Maßnahmen der Vorlage, die gegen die Mißstände geplant seien, zu tilgen hoffe. DerL o k.-A n z." stellt fest, daß eine Prognose für die Abstimmung im Reichstag dem Kabinett nach der Abstimmung im Reichsrat ein erfreuliches Ergebnis kaum zu- billigen könne.

Oie Deckung des Defizits.

Nach den Beschlüssen des Reichsrats.

Berlin, 17. Sept. (Priv.-Tel.) Wie das Rachrichtenbureau des V. D. Z. hört, denkt man sich in Regierungskreisen auf Grund der heuti­gen Reichsratsbeschlüsse die Beseitigung des Defizits in der Arbeitslosenversicherung wie folgt: Der Regierungsentwurf bietet in un­veränderter Gestalt 9 2 Millionen Erspar­nisse und läßt damit noch ein Defizit von 47 Millionen offen. Dieser Fehlbe­trag wird nach den heutigen Reichsratsbeschlüs­sen mit 11 M i l l io ne n gedeckt durch die Ver­kürzung "der Sähe bei den Arbeitslosen ohne Angehörige, die nicht 52 Wochen gearbeitet ha­ben. Weitere sechs Millionen glaubt man aus der Verlängerung der Wartezeit für Sai­sonarbeiter herausholen zu können, und wei­tere 24 Millionen selbst bei vorsichtiger Schätzung durch die Iprozent. Beitragserhöhung für Saisonberufe. Voraussetzung ist bei alledem natürlich die auch vom Reichsrat beschlossene allgemeine Beitragserhöhung um V2 Prozent. Danach blieben ziffernmäßig nur noch sechs Millionen Fehlbe­trag, die man ohne weiteres durch die übrigen Vorschriften der Reform, die sich vor allem ge­

gen die Mißstände richten, erlangen zu können glaubt.

Arbeitgeber

und Arbeitslosenversicherung.

Berlin, 16. Sept. (WTB.) DieVer­einigung der Deutschen Arbeit­geberverbände" und der Reichsver- band der Deutschen Industrie teilen mit, daß sie heute an die für die Reform der Arbeitslosenversicherung zuständigen Regie­rungsstellen ein Telegramm gerichtet haben, in dem die Verbände nochmals Widerspruch gegen die durch Pressenachrichten bekannt gewor­dene Absicht erheben, die Sanierung der Reichs - anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeits­losenversicherung durch eine allgemeine Beitragserhöhung um 1/s Prozent und eine weitere Beitragserhö- hung um 1 V2 Prozent für die Saison­berufe, insbesondere für die Bauindu­strie herbeizuführen. Das Telegramm erklärt, die derzeitige Lage der Wirtschaft verlange eine Reform der Arbeitslosenversicherung ohne Beitragserhöhung. Dies sei bei Durchführung der von den Arbeitgebern gemachten Vorschläge auch unter Wahrung der sozialen Aufgaben der Reichsanstalt möglich.

Die Geeabrüstung.

Die Kreuzerfrage. Die Washingtoner Konferenz nicht vor Januar.

London, 16. Sept. (WB.) Wie Reuter er­fährt, erhebt die Regierung gegen den amerika­nischen Wunsch nach einer Parität niit der

Polizei und Bombenatieniaie.

Auf falscher Fährte.

Von unserer Berliner Redaktion.

Die Polizei in Altona und Berlin hat bei ihrer Llntersuchung gegen die Bombenattentäter eine Zwischenbilanz gezogen. Sie ist nur zum Teil befriedigend. Es scheint sich zu bestätigen, daß in Schleswig-Holstein in der Tat die Richtigen oder wenigstens eine Gruppe der Rich­tigen gefaßt sind. Einige der Verbrechen sind aufgedeckt. Bei den meisten freilich liegt noch kein Geständnis vor, und es ist zur Zeit auch noch nicht gelungen, die Stelle zu finden, an der die Höllenmaschinen zusammengesetzt sind. Im­merhin, die Altonaer sind auf der rechten Spur gewesen, und wenn sie im Liebereifer bei den Verhaftungen vielleicht einmal daneben gegriffen haben, dann ist das zu verstehen. Die staatliche Sicherheit geht vor, und wer sich so dicht neben eine Granate stellt, darf sich nicht wundern, daß bei der Explosion auch er getroffen wird. Ob allerdings die politischen Führer der Land­volkbewegung in das Verfahren mit Recht hinein­gezogen werden können, ist eine Frage, die immer noch offen ist. Hier sind die Zusammenhänge noch keineswegs geklärt, das bleibt der weiteren Llntersuchung überlassen.

Dagegen ist es wohl ziemlich sicher, dah d i e Berliner Polizei ihre Aktion mit einer schweren Llnterbilanz abschlieht. Sie hat stark daneben gegriffen und bedauerlicherweise in For­men, die kaum zu rechtfertigen sind. Fast die Hälfte der Verhafteten hat wieder frei­gelassen werden müssen, die andere Hälfte wird dem Llntersuchungsrichter vorgeführt, was aber an Verdachtsmomenten gegen sie vorliegt, ist doch offenbar so dünn, dah es zu einer Ver­urteilung nicht ausreicht.

Polizeiliche Mißgriffe lassen sich natürlich nie­mals vermeiden, aber die Berliner Polizei hat nachgerade einen gewissen Ruhm in solchen Din­gen, und die Art, wie sie sich diesmal aus dev Verlegenheit zu ziehen sucht, berührt recht pein­lich. Wenn sie den Irrtum einfach zugegeben

leute oft verblüffenden Sicherheit, Gedrungenheit und rnühlosen Freiheit durchschreitet, vielen teils aus privaten Zirkeln, teils aus gelegentlichen Festgaben, teils aus öffentlichen oder halböffentlichen Scherzen als ein Geist von grenzenloser Reichweite und trunkener Einfallfülle, vorn Schlag der Rabelais, Fischart, Jean Paul, vielen als Helfer und Berater in Nöten und Sorgen jeder Art von Wortwahl bis zur Berufswahl, fast immer auch im kleinsten sachkundiger als der Frager und mit einem sechsten Sinn der Wahrnehmung und Durchdringung be­gabt in fast allen Bereichen, als habe ein Augen­leiden seine Sinne gesteigert. Wer ohne bösen Wil­len, nicht eingenommen durch den üblichen Klatsch, nicht gekränkt durch einen der zahllosen Witze Wolf- kehls (meist schärfer formuliert als spitz gemeint und aus dem Wohlwollen eines selbstsicheren Herzens und oft überlegen-unüberlegten Geistes, der ganz von Hier und Jetzt besessen mit der tausendfältigen Regung seiner Inhalte spielt und gespielt wird, heimgesucht in der Sekunde von Gesichten der Zei­ten und Zonen) diesem Mann begegnet mit halb­wegs offenem Sinn, den verwirrt, ärgert ober be­zaubert eine Exuberanz ohnegleichen als lieber» schuß von Geist und Leben und Exuberanz, als Taumel und Schnelle, Spannung von Vitalität und feinster Bildung, Chaos als Geist.

Wolfskehl ist, bei aller Weite seiner wissenschaft­lichen Teilnahme, zunächst ein Dichter eben vermöge seines Gefühls für die vitalen Ursprünge der Sprache aus den Kräften, des Uebergangs von der Stimme ins Wort, des sinnlichen Klangs in den Bildgeist und wiederum der Heimkehr des feststell­baren Begriffs und Gesichts in den dunklen Wan­del. Die viel bespöttelte Dunkelheit feiner Gedichte stammt nicht wie bei seinem Meister George aus der herrischen Verdichtung, die sich jeden intelleftualen Mittlertums zwischen Gesicyt und Ausdruck ent- schlägt, sondern aus dem Ueberschwingen seiner Ge­samtnatur aus dem beständigen Uebergang einer höchst bestimmten und hellen Einzelseele in die vorgestaltlichen, ja vormenschlichen Kräfte und Stoffe. Es ist hier nicht der Ort, Wolfskehls Ge­dichte anzuzeigen. Sie sind im deutschen Schrifttum einzig durch die Spannung zwischen einem abgefeimt gebildeten Geist, der auch die Gesetze, Mittel, Wege seiner Sprache kennt, und einer chaotische« Vitali­tät, die für alle Lebenszustände vom pflanzlichen und tierischen bis zur zartesten Seelenklarheit der persönlichen Bildung mächtig oder wenn man will, empfänglich ohnmächtig ist und deshalb bei einem zauberischen Reichtum des Klang- und Sinnwan- bels nicht eigentlich im Gestaltenreich daheim oder haftbar ist, sondern vom sinnlich runden Wort ah über die weit- und tiefsinnigen Sätze bis in die aus­gewogenen rhythmischen Gefüge üvergänglich. Über­

hätte, dann war das für die Betroffenen be­dauerlich, aber für die Oeffentlichkeit verständ­lich. Das ging aber nicht, denn dazu hatte man "Öen Mund vorher viel zu voll genommen. Die ganze Asphaltpresse war in die reinste Amok­läuferei verfallen, hatte genaue Angaben über die Ergebnisse der Haussuchungen veröffentlicht, die sich nachträglich als falsch herausgestellt haben. Diese Einzelheiten kann sich die Presse nicht aus den Fingern gesogen haben. Sie müssen aus irgendeiner amtlichen Quelle stammen, des­wegen sind die Behörden jetzt gezwungen, die Freilassung mit einem angeblichen Mangel an Beweisen zu begründen. Das ist ein un­geheuerliches Verfahren, weil darin eine Schä­digung der Betroffenen beruht, wenn sie nur wegen mangelnder Beweise" freigelassen wer­den. Das sind eben Begleiterscheinungen eines Systems, das nicht unbeirrt die Wahrheit sucht, sondern die Wahrheit nur zu politischen Zwecken brauchen kann. Cs ist also nicht zuviel verlangt, wenn wenigstens künftighin die Poli­zei die Schuldigen verfolgt, ohne jeweils da­nach zu schielen, inwieweit dadurch gleichzeitig eine Kompromittierung rechtsradikaler Kreise zu erreichen wäre.

Haftbefehl gegen plaas und von Salomon.

Berlin, 17. Sept. (Priv.-Tel.) Die im Zu­sammenhang mit den Sprengstoffanschlägen fest­genommenen Personen lind gestern lautVor­wärts" dem Vernehmungsrichter im Polizeipräsi­dium mit dem Antrag auf Erlaß eines Haft­befehls vorgeführt worden. Das Material, das dem Vernehmungsrichter vorliegt, ist so ungeheuer umfangreich, daß die Prüfung am Montag nicht mehr zum Abschluß gelangen konnte. Der Vernehmungsrichter hat zunächst die Beschuldigungen gegen die verhafteten Plaas und v. Salomon geprüft. Das gegen sie vorliegende Material ist so schwer be­lastend, dah der Vernehmungsrichter gegen beide Haftbefehl erlassen hat.

schwänglich im Strom selbst, im Sturm, im sau­senden Wald, in der Wüste, in der Flut, in allem was die Grenzen sprengt, (oft, löscht oder tilgt. Die Wotanstiere (Wolf und Rabe) kehren nicht zufällig als Gleichnisse seines eigenen Schweifens in feinen Gedichten immer wieder. Doch eben dieses ver­weilende Wandern eines rastlosen Gemüts, worin das was er besitzt oder was ihn besitzt, zu­gleich als Sehnsuchtsgesickst und als Alp er­scheint, das was ihm vorschwebt zugleich Schwall und Schwund meint, und der einzelne Laut zugleich das trächtige Schweigen, dem er entrinnen will, mitträgt als feine eigene Emporhebung und Aufhebung, kurz der unablässige Kampf zwischen den genauen Zeichen dieses durchgebildeten Indi­viduums und seinen zeichensprengenden Gründen nmcht seine Gedichte zum Trost der bloßen Buch­stabenabendeuter und der bloßen Sinnsucher, der romantischen und der rationalen Leser, d. h. der Mehrzahl heutiger Leser. Uebrigens hat er seine Dichtkunst wie seine (auch von äußerer Notdurft) veranlaßte Tagesarbeit mit derselben unbekümmer­ten Leichtigkeit genommen, die zugleich aus dem Gefühl der persönlichen Sicherheit in allen Stoffen stammt, wie aus dem Gefühl der Vergängnis, d. h. bei ihm eben des Uebergangs, heidnisch gesprochen der Ewigkeit des durchgelebten Nu, christlich ge­sprochen, der Eitelkeit aller Dinge in Gott. Daß er diese beiden Lebensurgefühle zugleich und in einem aushält als ein leidenschaftlich mitlebiges Kind un­serer Tage, unserer BildungsvorräteSchleier", Kleider" undLarven", kundig und fähig wie wenige humanistische Person mit der ganzen Sorgfalt und Besonderung des Goetheschen Jahr­hunderts, Zeitteilnehmer mit der ganzen Neugier, Hatz und Witterung der technischen und wirtschaft­lichen ßäufte und dabei mit einer echten (nicht ro­mantisch gespielten, nicht hirnlich und nervös dif­ferenzierten) Fülle, Breite und Gelassenheit der Natur, der pflanzlichen, tierischen, kindlichen Trieb­unschuld, macht ihn über seine einzelnen Zufalls­leistungen hinaus als Gesamtwesen zu einem be­glückenden und verwirrenden Staunen für alle, die sich Mühe geben, ihn wirklich zu kennen, zu einem Rückhalt wider die Ueberzüchtung und Zer­faserung unserer Bildungsorgane und einem Schutz vor dem Rückfall in die nicht nur geistlose, sondern seellose Barbarei. Dem ober jenem, der an beiden Sorgen leidet, wenigstens einen Begriff vom Da­sein eines solchen Menschen zu vermitteln, und ihm selbst, dem Vielbekannten ein wenig Dank ab­zutragen durch ein Zeugnis gleichsam seiner Blld- wirkung von seinem unterirdischen und ungedank­ten Wirken nur ein winziger Teil ist der Zweck dieser notwendig entsagenden Zeilen.

britischen Flotte keine Einwendungen, bis ist aber der Meinung, dah die britisch Flotts fähig sein muß, den Bedürfnissen und Verant­wortlichkeiten Englands in allen Teilen der Welt gerecht zu werden. Das Bauprogramm der Ad­miralität nimmt daher nicht hezug auf das ameri­kanische Programm; es liegen ihm vielmehr ein­zig und allein die britischen Ver­pflichtungen zugrunde. Lim diesen Verant­wortlichkeiten gerecht zu werden, hat die Ad­miralität gewisse Flottenstandards vorbereitet, die von der Regierung sorgfältig geprüft worden sind. Die Dominions sind während des gan­zen Verlaufs der englisch-amerikanischen Ver­handlungen zu Rate gezogen worden. Der Kel­logg p a k t ist die Grundlage dieser Verhand­lungen. Das Hauptproblem ist die Zahl und der Tonnengehalt der Kreuzer. Cs ist jedoch, obwohl die Meinungsverschiedenheiten nunmehr auf ein enges Maß (nämlich auf drei Kreuzer mit achtzölligen Geschützen) zurückgeführt worden sind, bisher nicht möglich gewesen, ein Abkommen zu erzielen. Die Regierung hat dem Präsidenten Hoover dargelegt, daß jedes englisch-amerikanische Abkommen von einem Abkommen der fünf Seemächte ab­hängig sein muh. England wird sich mit Llnter- stühung der Vereinigten Staaten für die Ab­schaffung der Llnterseeboote einsetzen.

Wie der amerikanische Staatssekretär Stimson heute mitteilte, hat man sich aus technischen Erwägungen entschlossen, die Seeab- rüstungskonferenz nicht vor Ja­nuar einzuberufen. Staatssekretär Stimson er­klärte, dah nicht nur die Vorbereitungen aller Details geraume Zeit in Anspruch nähmen, son­dern dah man auch mit Rücksicht auf die Weih­nachtsfeier in Europa und die Reujahrsfeier­tage in Japan den Dezember für un­geeignet halte. Weiter verlautet, dah man zunächst informelle Besprechungen mit Frankreich und Italien abhalten wolle, damit die Konferenz selbst möglichst rei­bungslos verlaufe.

Ein neuer englischer Abrüstungsantrag in Genf.

Keine großen Erwartungen.

Genf, 16. Sept. (WB.) Lord Robert Cecil hat dem Vorsitzenden des Abrüstungsausschusses der Völkerbundsversammlung .Benesch, einen Ent­schließungsantrag eingereicht, auf den hin dieser Ausschuß zu den strittigen Hauptpunkten des Abrüstungsproblems wird Stellung nehmen müssen, obwohl in den letzten Tagen von verschiede­nen Seiten hinter den Kulissen versucht worden war, das Arbeitsprogramm des Versammlungsausschusses derart zu beschränken, daß eine kritische Er­örterung der Mehrheitsbeschlüsse des vorbereitenden Ausschusses für die Abrüstungskonferenz vom ver­gangenen Frühjahr, die sich gegen d i e E i n b e ziehung der a u s g e b i l d e t e n Reserven und des gelagerten Kriegsmaterials aussprachen, ausgeschlossen worden wäre. Nach dem jetzt vorliegenden englischen Antrag soll der Abrüstungs­ausschuß der Völkerbundsversammlung, in dem im Gegensatz zum Vorbereitungsausschuß sämtliche Völ- ferbunbsftaaten vertreten sind, zu folgenden vier Punkten Stellung nehmen:

1. Anwendung der gleichen Grundsätze für die Herabsetzung und Beschränkung der Effektiv­stärke und des Materials der Land-, See- unb Luftstreitkräfte;

2. Beschränkung der Stärke der Truppenein­heiten entweder der Zahl ober der Ausbil­dungszeit nach ober nach beiden Methoden;

3. Beschränkung des Materials entweder direkt durch listenmäßige Aufzählung oder indirekt durch Beschränkung des Budgets oder durch Anwendung beider Methoden;

4. Anwendung einer internationalen Autorität zur Ueberwachung und Berichterstattung über die Durchführung der Abrüftungskonvention.

Der König von Eoho."

Ein neuer Iannings-Film:Der Kö­nig von Soh0". Soho ist bas wüsteste Der- brecher-Viertel von London, der Schlupfwinkel des verkommensten Gesindels der großen Stadt. Iannings ist Dill, dec unbeschränkte und un­bestrittene Herrscher über das Lumpenproletariat der Elendsguartiere; er triumphiert kraft der Gewalt feiner Arme wer wider ihn ist, den schlägt er nieder. Der Film handelt von der Be­kehrung Dills durch ein Hallelujah-Mädchen und von seinem Liebertritt zur Heilsarmee, die bis in die verrufensten Winkel von Soho vorzu­dringen wagt. Der Film und die Rolle, dis Iannings hier zu spielen hat, erinnern stellen­weise ein wenig an das, was man vor kurzem imWeg alles Fleisches" zu sehen bekam; aller­dings war dort der Film als solcher besser, und die führende Rolle gab Iannings erheblich mehr Möglichkeiten zur Entfaltung seiner immer wie­der und auch imKönig von Soho" hin­reißenden Gestaltungskraft. Hier freilich ist er innerlich und äußerlich begrenzter, die Rolle ist enger und einfacher zugleich, und er kann nicht die ganze imponierende Fülle, die ganze Wucht seiner Männlichkeit und die ganze Tiefe seiner Menschlichkeit hier entfalten. Immerhin bleibt auch dem Menschen, den er hier schildert (und es ist wahrlich ein wenig erfreuliches Mitglied der Gesellschaft), stets auf irgendeine Weise die Sympathie des Zuschauers erhalten, weil der fühlt, daß die Brutalität hier weniger der Roheit des Herzens, als dem Lieberschuß an Kraft ent­springt, und weil jede Geste und jede primitive Lebensäuherung soviel Selbstironie, soviel Gut­mütigkeit und soviel Humor mit einem Wort: soviel echte Menschlichkeit verrät. .. was durch die Entwicklung der Rolle und der Ausgang des Films noch gesteigert wird; dieser Ausgang ist ein wenig geflissentlich nichthappy und eigentlich auch in dieser zugespihten Form nicht notwendig. Lieberhaupt ist der Film an sich wir sagten es schon nicht in allen Teilen be­friedigend gelungen; das Manuskript (Stern­berg und Glazer) arbeitet etwas zu deutlich mit groben Kontrasten und streift in seinen durchaus auf populäre Wirkung berechneten Effek­ten gelegentlich hart den unerträglich-süßlichen Stil gewisser englischer Postkartenbilder. Die Regie von Maurice Stiller ist gut; von der übrigen Darstellung sind vor allem die beiden weiblichen Hauptrollen zu nennen, die mit Fay Wrah uftb Olga Daclanova beseht sind. Der Film läuft seit gestern im Lichtspiel­haus. Bahnhofstraße.

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