Einzelbild herunterladen

Nr. 218 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Dienstag, 17. September 1929

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Die Illustriert« Gießener Familienblätter

Heimat im Bild Die Scholle.

Monat, vezugspretr: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspsennig für Träger­lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRnmmern infolge höherer Gewalt.

Zernsprechanschlüsse unterSammclnummer225l. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen.

Postscheckkonto:

Sronffurt am Main 11686.

Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

Druck und Verlag: vrllhl'sche Univerfiläts-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Sietzen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klamcanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspsennig, Platzvorschrift 20% mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Die Räumung der zweiten Zone.

Tie Interalliierte Rhcinlandkommiftion geht nach Wiesbaden.

Varis. 16. Sept, (havas.) Die Interalliierte Kommission für die besetzten Gebiete Hot heute offi­ziell den Beschluß gefaßt, ihren Sih von Loblenz nach Wiesbaden zu verlegen. In Wiesbaden sollen außer den Dienststellen der Inter­alliierten Kommission nur sehr beschränkte Truppcn- bcstände bleiben. Die Räumung der zweiten Zone wird am 20. September beginnen und Ende No­vember beendet fein. In einer Unterredung äußerte sich der Vertreter des Oberkommissars Tirard. der Generaldelegierte Noel bei der Interalliierten Rheinlandkommission. eingehend über die Räu- mungsaklion. Noel dementierte ausdrücklich die Mel­dungen englischer Blätter, wonach ein großes Trup­penkontingent zum Schuhe der Rheinlandkommission nach Wiesbaden gelegt werden solle. Auf keinen Fall sei an eine Ersetzung der englischen Armee durch französische Truppenteile gedacht. Das fran­zösische Bataillon, das sich noch in h ö ch st befindet, werde diese Stadt in Kürze verlassen, ebenso bleiben die Orte 6 ö n i g st e i n und Bad Schmalbach nach dem Abzug der englischen Soldaten von einer! weiteren Truppenbelegung verschont. Auf die Frage über den Abmarsch der französischen Truppen in der zweiten Zone betonte Noel, daß kein ein­ziger französischer Soldat von dem linken aus das rechte Rheinufer befördert würde. Als auf die Be­sorgnisse aufmerksam gemacht wurde, die bei der Bevölkerung in der Pfalz darüber entstanden seien, daß die dritte Zone eine stärkere Truppenbelegung in nächster Zeit erfahren würde, erwiderte Noel mit Nachdruck, daß die fran­zösischen Truppen, die jetzt aus der zweiten Zone abtransportierl würden, unmittelbar in die französischen Garnisonen zurückge­führt und keinesfalls in die Pfalz ver­legt würden.

Sie Deutsche Lolkspartei Südwefl- deutschlands zum Sauger Ergebnis.

Ein bedeutsamer Lchritt zur Zurückge­winnung der deutschen Souveränität." Heidelberg, 16. Sept. Eine Sitzung der Südwestdeutschen Arbeitsgemeinschaft der Deut­schen Volkspartei nahm nach Referaten der Reichstagsobgeordneten Dr. Calle, Dingel- d e y und Kempkes nachstehende Entschließung an:Die in der Eüdwestdeutschen Arbeitsgemein­schaft zusammengesahten Organisationen derDeut- schen Volkspartei in den Wahlkreisen Hessen- R a s s a u, Raden, Hessen, Pfalz und Würt­temberg entbieten ihrem Parteiführer, dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann, Dank und Gruß. Sn härtestem Kampfe mit äußeren und inneren Widerständen ist ihm mit Abschluß der Verhandlungen im Haag ein bedeut­samer Schritt zur Zurückgewinnung der deutschen Souveränität gelungen. Se mehr die wahren Zusammenhänge bekannt werden, desto stärker wächst die Erkenntnis, daß uns die Haager Verhandlungen politisch einen großen Schritt vorwärts geführt haben, ohne uns wirtschaftlich stärker als bisher zu binden. Die allgemein politischen Folgen des Krieges sind nunmehr in ihren Wirkungen aus das be­setzte Gebiet in greifbarem Maße gemildert. Die wirtschaftlichen und finanziellen Kriegsfolgen endgültig zu bereinigen, wird und muß Aufgabe der zukünftigen Zeit sein. Das bisher politisch Geleistete bedeutet Gewaltiges. Der Weg vom Ruhrkampf zur endgültigen 'Be­freiung des besetzten Gebietes ist der Weg eines erstarkenden Deutschland. Für alles Erreichte ge­bührt unseren Änterhändlern, dem Reichsaußen­minister Dr. Stresemann sowie dem Reichswirt­schaftsminister Dr. Curtius unser Dank, gebührt ihnen der Dank des sehend gewordenen deutschen Volkes. Runmehr hat alle Arbeit der geschlosse­nen deutschen Oeffentlichkeit und der deutschen Regierung der Lösung der noch vorhandenen politischen Kriegsfolgen zu dienen.

Von der Reichstogsfraktion wird erwartet, daß sie gemäß ihren Richtlinien vor der Verabschie­dung des Vertragswertes durch den Reichstag Sicherheiten dafür schafft, daß die Er­leichterungen der nächsten Sahre restlos der .deutschen Volkswirtschaft in allen ih ren Teilen zugute komm t."

Knegsschuldlüge und Volksbegehren.

Eine Darlegung des Grafen Westarp.

Ve r li n, 16. Sept. (TU.) Der Kampf gegen die K r i e g s s ch u l d l ü g e, so führt Graf W e st o r p in Verlin aus, habe durch Pariser Plan und Haager Abkommen neue Gestalt an­genommen. Gegen alle bisherigen sogenannten Vertragsabschlüsse über Schuldlüge und Kontri­butionen vom Versailler Vertrage bis zur An­nahme des einseitig festgesetzten Dawes-Plans habe Deutschland die Einrede des Zwan­ges und der Gewalt. Der Pariser Plan hingegen sei von deutschen Sachverständigen unterzeichnet Freiwillig solle sich Deutsch­land dadurch, daß es die auf keipen anderen Rechtsgrund gestützten Verpflichtungen über­nehme, erneut zur Kriegsschuldlüge bekennen. Freiwillig solle cs Kontributionsvcrpflichtungeiz

Das Kompromiß zur Reform der Arbeitslosenversicherung im Reichsrat angenommen.

Verlin, 16. Sept. (TU. Funkspruch.) Sn der Vollsitzung des Reichsrates am Montag begann die Beratung des Gesetzentwurfs zur Reform der Arbeitslosenversicherung. Der Berichterstatter der Ausschüsse des Reichsrates teilte zunächst mit, daß der Entwurf gleichzeitig mit dem Reichsrat und dem Reichstag auch dem Sozialpoli­tischen Ausschuß des Reichstages zur in­formatorischen Kenntnisnahme zugcleitet worden sei. Sn den Ausschüssen des Reichsrotes sei zum Ausdruck gekommen, daß das von der Reichs­regierung eingeschlagene Verfahren insoweit un­erwünscht sei, als es ein Abweichen von dem gesetzmäßigen Wege darstelle. Der Berichterstat­ter der Ausschüsse, württembergischer Bevoll­mächtigter Dr. Widmann, erklärte weiter, Hauptzweck der Vorlage sei die Sanierung der Reichsanstalt. Der Regierungsentwurf habe die­ses Ziel nicht erreicht und es sei eine Lücke entstanden. Rach Auffassung der Ausschüsse wäre die Reichsregierung berufen gewesen, von vornherein Vorschläge zur Ausfüllung dieser Lücke zu machen. Nachdem aber die Führung der Reichsregierung bedauerlicherweise in dieser Frage versagt habe, hätten die Ausschüsse ver­sucht, ihrerseits die Ausfüllung dieser Lücke zu erreichen. Der Entwurf bringe Bestimmungen zur Bekämpfung und Abstellung von Miß­bräuchen und Mißständen. Weiter werde das Ziel eines finanziellen Aufbaues der Versiche­rung ins Auge gefaßt. Daneben sollten das Ver­fahren und die Vcrwaltungsvorschriften verein­facht werden. Die Ausschüsse hätten die beab­sichtigte Abwälzung des größten Teiles der Kosten der Spruchkammern auf die Länder a b- gelehnt, dagegen im wesentlichen den zur Be­kämpfung von Mißbräuchen und Mißständen vor- geschlagenen Bestimmungen zugestimmt. Ferner hätten sie eine Verlängerung der Karrenzzeit in schweren Fällen, wenn die angebotene Arbeit verweigert werde, auf acht Wochen für nötig ge­halten, in ganz hartnäckigen Fällen eine Ver­längerung auf 13 Wochen.

Die Ausschüsse seien auch damit einverstanden, die Durchschnittszahl der Arbeitslosen mit 1,1 Millionen anzunehmen. Eine Beitrags­erhöhung könne nach Ansicht der Mehrheit der Ausschüsse nur erörtert werden, wenn sich die Unmöglichkeit herausstelle, den Fehl­betrag in anderer Weise zu decken. Von diesen Voraussetzungen ausgehend, hätten die Ausschüsse den Bestimmungen über die Staffe­lung der Arbeitszeit, über die Zahl der Fa­milienangehörigen und über die Anrechnung des Grundlohnes bei der Krankenversicherung grund­sätzlich z u g e st i m m t. Bei der Anrechnung von Wartegeldern seien die ehemaligen Angehö­rigen des Heeres und der Polizei grundsätzlich gleichgestellt worden. Ferner sei beschlossen wor­den, die Änterstützung nicht nur für Saison­arbeiter, sondern auch allgemein für die Lohn­klassen VII bis XI nach der Dauer der voran­gegangenen versicherungspflichtigen Beschäfti­gung abzustufen. Der Versuch, die außerordent­lichen Schwierigkeiten dieser Versicherung zu meistern, sei zweifellos nicht durchweg gelungen. Wenn die Mehrheit der Ausschüsse nochmals ver­sucht habe, mit ihren Beschlüssen Mängel zu be­seitigen, so dürfe darin keineswegs der Ausdruck einer sozialreaktionären Gesinnung erblickt wer­den. Cs sei für die Mehrheit besonders der Ge­

sichtspunkt maßgebend gewesen, daß nach Lage der Dinge das vom sozialpolitischen Standpunkt aus Vertretbare, nämlich der Versiche­rungsgedanke, mehr als bisher in den Vordergrund gestellt werden müsse.

Für die Preußische Regierung gab Staats­sekretär Dr. Weißmann eine Erklärung ab, in der er u. a. ausführte, Preußen sehe in die­sem Kompromiß nur einen Rotbehelf. Es handle sich ja nur um eine provisorische Lö­sung, die für eineinhalb Sahre gelten solle. Sn dieser Zeit werde sich voraussichtlich Heraus­stellen, daß die ganze Berechnung auf falschen

Voraussetzungen beruhe. Die Preußische Regie­rung würde es bei der augenblicklichen Lage in Deutschland für überaus unglücklich halten, wenn durch Ablehnung des Kompromisses und der Regierungsvorlage ein Vakuum und womöglich eine Krise in der Reichsregierung eintreten! würde. Man stehe vor außenpolitischen Entschei­dungen von größter Tragweite. Rur eine starke Reichsregierung sei imstande, in diesen außen­politisch schweren Zeiten die Zügel so zu füh­ren, daß das Volk dahin gelange, wohin es ge­langen solle. Wie die Bombenanschläge und andere Vorgänge in der letzten Zeit bewiesen

Der Hamburg-Flug desGras Zeppelin.

Oer 6tart.

Friedrichshafen, 17. Sept. (WTB. Funkspruch.- Schon seit geraumer Zeit hat das Luftschiff viel Glück mit dem Wetter bei seinen Unternehmungen. Die Rächt war zwar kühl, doch spannte sich wieder ein wundervoller Sternen­himmel über die Landschaft. Zuschauer gab es diesmal nur wenig. Snfolge der strengen Ab­sperrung stellt sich namentlich bei Rächt nur noch ein spärlicher Publikum ein. Gegen 4 Ähr fanden sich die Passagiere .darunter mehrere Damen, in der hell erleuchteten Luft­schiffhalle ein, durch deren geöffnete Tore ein herzlich kühler Luftzug dringt. Das Luftschiff ist klar 3um Abflug, nur die Maschinenanlagen wer­den noch einmal durchgeprüft, da die Fahrt ja mehr als 24 Stunden dauern soll. Sm Ravi- gationsraum der Gondel hängt e in riesiger Lorbeerkranz, der über dem DampferReu- york" abgeworfen werden soll, und auf dessen Schleife mit den Zeppelinfarben die Widmung Unserem Eckener" zu lesen ist. Auch Frau Dr. Eckener hat sich anscheinend noch in letzter Minute entschlossen, an der Fahrt, die der Be­grüßung ihres Gemahls gilt, teilzunehmen. Rach- dem das Luftschiff in aller Ruhe ausgewo­gen ist, bringen es Haltemannschaften einige Minuten nach 4 Uhr mit dem Heck voraus durch das Westtor aus der Halle. Alles klappt wie immer tadellos. Rach dem Verlassen der Halle wird derGraf Zeppelin" mit der Spitze nach Rordosten in die Windrichtung ein* geschwenkt. Um 4.11 Uhr ist das Schiff in der richtigen Lage. Die Motoren werden angelassen und eine Minute danach erfolgt der glatt ver­laufene Aufstieg. Bald sind nur noch die Lichter des Luftschiffes zu erkennen. Entgegen allen Erwartungen verläßt derGraf Zeppelin" diesmal nicht sofort den Bodensee, sondern um­kreist, ehe er sich auf die Reise begibt, zunächst in ziemlicher Höhe die schlafende Stadt, um dar­auf in nördlicher Richtung dem Württemberger Oberland entgegenzufahren.

Auf dem Wege zur Küste.

Berlin wird auf dem Rückflug nicht berührt.

Friedrichshafen, 17. SepL (WTB. Funk­spruch.) Das LuftschiffGraf Zeppelin" hat auf seiner Fahrt nach Hamburg Rottweil (Württemberg) 4.58 Ahr passiert. Es überflog dann um 6.08 Uhr

Karlsruhe, um 6.35 Uhr Neustadt a. d. h., um 7 Uhr Alzey, um 7.05 Uhr Kreuznach und um 7.30 Uhr Simmern (Hunsrück). Gegen 0 Uhr wurde die Lifel in Richtung Aachen passiert. Um 8.50 Uhr erschien das Luftschiff über der Stadt Aachen, von einer begeisterten Wenge, die Straßen, Dächer und Fenster füllte, von Sirennengeheul und Glocken­geläute begrüßt. Nach einer großen Schleife über der Stadl entschwand das Luftschiff in Richtung Her­zogenrath. Für die Weiterfahrt ist folgende Route vorgesehen: Eschweiler, Düren, Iülich, Erkelenz, Geldern, Eleve, Bocholdt, Koesseld, Gronau, Rheine, Osnabrück, Bremen, Oldenburg, Wil­helmshaven, Bremerhaven, Eurhaoen, Hamburg, Lübeck, Wismar, Schwerin und dann zurück nach Friedri hshafen, wo das Luftschiff am Mittwoch, 18.0.217., früh gegen 7 Uhr, wieder zu landen beabsichtigt. DerGraf Zeppelin" wird in Hamburg anläßlich des Empfanges Dr. Eckeners an­wesend sein, jedoch nicht nach Berlin fliegen, sondern von Schwerin aus direkten Kurs auf Friedrichshafen nehmen.

Vor der Ankunst Or. Eckeners in Hamburg.

Hamburg, 17. Sept. (WB.) Der Hapag- DampferR e w Vor k", mit dem Dr. Eckener nach Deutschland zurückkehrt, wird heute nach­mittag 4,30 Ähr in Cuxhaven erwar - t e t. Rach Empfang durch das Vorstandsmitglied der Hapag, Dr. K i e P, wird sich Dr. Eckener sogleich nach Hamburg begeben. Das Luft­schiffGraf Zeppelin" soll gegen 3 Ähr nachmittags über der Elbmündung eintreffen. Etwa bei dem FeuerschiffElbe I wird das Luftschiff dieRew Vork" erwarten und anschließend daran nach Hamburg fahren, wo es zwischen 4 und 5 Ähr nachmittags über der Stadt kreuzen wird. Von besonderen Ehrun­gen Dr. Eckeners durch die Hapag ist auf Wunsch Dr. Eckeners Abstand genommen worden. Am Mittwochvormittag werden die Verhandlungen zwischen Dr. Eckener und der Hapag stattfinden, an die sich nachmittags um 5Ähr ein Empfang durch den Ham­burger Senat anschließt. Am Abend wird Dr. Eckener mit der Dahn nach Fried­richshafen zurückfahrcn.

auf 60 Sahre übernehmen, die gerade auf Grund der freiwilligen Annahme mit allem Rachdruck als endgültig und unabänderlich bezeichnet wür­den. Die neue Lage und die geschichtliche Gröhe der Entscheidung zwinge zu neuen Maßnahmen. Deshalb sei es geboten, von dem in der Ver­fassung vorgesehenen Rechte Gebrauch zu machen, das Volk s e l b st zur Entscheidung aufzurufen. Zahlreich seien die Fußangeln, die in den Weg zu einer Volksabstimmung eingebaut seien. Sie zu vermeiden, sei ein Kunststück, das leichter zu kritisieren als zu vollbringen sei. Der Wider­ruf der Kriegsschuldlüge sei erforder­lich. weil er bisher nur einmal amtlich den anderen Regierungen als völkerrechtliche Stellungnahme Deutschlands bisher mitgeteilt worden sei. Das sei 1925 von der Regierung geschehen, an der die Deutschnationalen beteiligt gewesen waren. Dieser Anlauf vom Sahre 1925 sei jedoch in Locarno und nach dem Austritt der Deutschnationalen aus der Regierung stecken geblieben. Der allgemeine ausdrückliche amtliche Widerruf des Kriegsschuldanerkenntnisses stehe immer noch aus. Er solle durch den Volks­entscheiderzwungen werden. Solange das Volksbegehren schwebe, durch welches das Volk selbst zur Entscheidung aufgerufen werde, hätte die gegenwärtige Koalition und die hinter ihr stehende Mehrheit nicht das Recht, den Plan im Reichstag anzunehmen.

Oer Reichspräsident und das Volksbegehren.

Ter Landesverratsparagraph.

Berlin, 17. Sept. (Priv.-Tel.) DerReichs- ausschuß für das deutsche Volksbe­gehren" teilt mit: Auf einer Tagung der Christlich-nationalen Bauern- und Landvolk­partei" in Dortmund hat Landrat a.D.Gereke

in seiner Stellungnahme zum Vvllsbegehren aus­geführt, gegen den Paragraphen 4 des Gesetz­entwurfes beständen beso ndere Bedenken, weil nach Ansicht des Redners auf Grund dieses Paragraphen auch unser gegenwärtiger, allverehrter Reichspräsident von Hin­denburg alsBevollmächtigter" des Deutschen Reiches dem Landesverratsparagra­phen unterstellt werden könnte. DerReichs- ausschuh erklärt hierzu: Aus dem Wortlaut geht klar hervor, daß die Bestimmungen des Para­graphen 4 niemals auf den Reichs­präsidenten angewendet werden können.

DieD AZ." bemerkt dazu: Ohne uns auf juristische Haarspaltereien einzulassen, müssen wir feststellen, daß Paragraph 4 des Volksbegeh­rens auch aus den Reichspräsidenten ausgedehnt werden kann. Es ist über­aus peinlich, daß diese öffentliche Dis­kussion überhaupt notwendig geworden ist, und der Reichsausschuß wird sie leider durch seine Erklärungen nicht beenden.

Oer Bayrische Bauernbund gegen das Vblksbegehren.

München, 16. Sept. (WB.) Der bayerische Landwirtschaftsminister Fehr legte gelegentlich einer Bauernbundzusammenkunft in Niederbayern seine und des Bauernbundes Stellung zu dem Houngplan und zu dem Bolksbegehren dar. Er be- zeichnete das eingeleitete Volksbegehren als Unfug und Verbrechen. Eine so bedeutsame Frage könne niemals auf dem Wege des Volksentscheids geregelt werden, da ein solches Unternehmen z u schwersten Schädigungen für das deutsche Volk ausschlagen müsse. Der Bayerische Bauernbund lehne eine Mitwirkung an dem Volksbegehren ent­schieden ab und werde sich nie und nimmer an einer solchen Katastrophenpolitik beteiligen. Die Ausfüh­rungen des Ministers wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Neue schwere Explosion auf der Eharkes-Grube.

Saarbrücken, 16. Sept. (WB.) Infolge d?r gestrigen Explosion auf Schacht II der Eharles- Grubc waren die Ventilatoren des Schachts zerstört worden und die Wetterfüh­rung versagte, heule nachmittag hat sich eine neue Explosion ereignet, wie man annimmk, durch schlagende Wetter. Durch diese Explosion, die gewaltiger war als die gestrige, wurden die elektrische Zentrale und das Kesselhaus völlig in Trümmer gelegt. Der Schacht der Eharles- Grube, in dem sich die heutige Explosion ereignete, war nach der gestrigen Explosion, die in demselben Schacht ftaitgesundcn hatte, nicht befahren worden. Es war lediglich eine Gruppe von Handwerkern und Ingenieuren mit den Ausbesserungsarbeiten beschäftigt, als die neue Explofion erfolgte, die wahrscheinlich auf schla­gende Welter zurückzuführen ist. Der Förderschacht und der Ventilator wurden forlgerissen, und eine Anzahl Arbeiter wurden unter den Trümmern be­graben. Man hat bisher 12 Tote geborgen und 30 verletzte in das Krankenhaus gebracht. Es ist aber anzunehmen, daß die Zahl der Verletzten und der Toten sich noch erhöht, da kaum alle Beschäftigten bereits geborgen sein dürsten. Die Bcrgwerksdirektion kennt die Zahl der Beschäftigten nicht genau; man spricht von 60 bis 80 Personen. 3tn Schacht wütet das Feuer weiter, von Zeit zu Zeit hört man noch Detonationen. Heber der Trüm- merstätte liegt tiefer Qualm. Die Rettungsarbeiken werden dadurch erschwert, daß das Elektrizitätswerk des Ortes stark beschädigt worden ist und daß es daher an Licht mangelt.