Ausgabe 
17.4.1929
 
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Mittwoch, 17. April 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)

Nr. 89 Zweites Blatt

feur Verzeihung:Coiffeur bekomme ich, als ich deutsch rede, eine Straßburger Zeitung in die Hand gedrückt. Sie ist in Antiqua gedruckt, aber in deutscher Sprache, allerdings in einem schauderhaften Stil, geschrieben. Die Roman­beilage ist eine Liebersetzung aus dem Französi­schen, die Theaterkritiken behandeln Pariser Stücke.

Run in die Stadt hinein. In den Hauptstraßen ist überall mit umflorter Trikolore geflaggt. Ach ia, Fach ist ja gestorben, der 1918 alsBe­freier" hoch zu Roß in Straßburg einzog. In den Rebenstraßen die Privatleute und die kleinen Geschäftsleute haben aber kaum eine Fahne her­ausgehängt. Warum nicht, warum zeigen nur die großen Geschäfte ihren Patriotismus? Run, es sind teils Filialen Pariser Firmen, teilweise Ipelulieren sie sicher auch auf das französische Käuferpublikum. Der Verkehr in den S.rahen, die Auslagen in den Läden, sind fast klein­städtisch. Es macht alles so den Eindruck, als ob Straßburg durch den Anschluß an Frankreich wirtschaftlich viel verloren hätte und wieder zur Grenz-Provinzstadt wie vor 1870 zurückgesunken wäre, eine Entwicklung, die auch in der zurück­gehenden Einwohnerzahl sich deutlich ausprägt. Wenn man zufällig etwas von den Gesprächen der Passanten aufschnappt, so sind es meistens alemannische Worte. Rur ganz vereinzelt hört man Französisch und dann meistens von Leuten unverkennbar romanischen Typs.

Plötzlich stehe ich vor dem Münster. Den größ­ten Eindruck soll man ja haben, wenn es bei blauem Himmel wie ein Gebet aus rötlichem Sandstein emporragt in die Höhe. Heute wirkt es mehr durch die Schönheit der Einzelform.Ckklesia" undSynagoge", diese frühen Wunder mittel­alterlicher deutscher Plastik, tragen ihre schlanken Körper so stolz und keusch, aber auch so lieblich und verheißungsvoll, wie schon vor Jahrhun­derten. Im Münster ist es dämmerig und füll. Warm und bunt glühen die altertümlichen Glas­bilder in den rötlichgrauen Mauern. Einsam knien ein paar Frauen in den weiten Schiffen. Eine junge Dame in elegantem Trauerkleid ver­schwindet in einer Seitenkapelle.

In der Rähe des Münsters suche ich mir ein Cafö aus, das besonders reich blauweißrot de­koriert worden ist. Als ich deutschGuten Tag' sage, bekomme ich die für das Elsaß klassische AntwortGuten Tag, Monsieur. Ich ve^ lange einen Kaffee, bekomme ihn aber erst nach

Das ist alles andere als Stolz und Freude über den Sieg. DiePrussiens" haben sich nicht die Herzen der Elsässer gewinnen können, den Fran­zosen gelingt es ebensowenig. Im Elsaß hat sich einerseits auf Grund der alten deutschen Stam­meszugehörigkeit, andrerseits durch den jahr­hundertelangen Zusammenhang mit Frankreich eine eigenartige Mischkultur entwickelt. Wir dür­fen uns daher keinen Illusionen hingeben. Es ist kein rein deutsches Land mehr, war es schon nicht mehr nach Siebzig, aber es ist auch kein französisches, will es nicht sein. Ob sich die Fran­zosen darüber klar sind? Wohl kaum, wohl ebensowenig, wie wir vor 1918 im umgekehrten Sinne. Dann hätte ja auch das Standbild von Strasbourg in Paris seinen Sinn verloren.

4. Allgemeiner a'rZilicher Kongreß für Psychotherapie in Bad-Muheim

Der Mops schlaft ein ...

Von Christa Hatvany-Winüloe.

Wenn der Mops sich zur Ruhe begibt, natürlich im Bett auf seidener Daunendecke, läßt er zuerst mal seinen schweren Bauch fallen und seufzt tief auf. Llngeduldig sucht der Kopf seine Kuhle und wühlt sich hinein. Dann muß er seine Beine erst steif von sich strecken, erschlaffen lassen, irgendwo hinfallen lassen, darf sie vergessen, denn überall ist's ja weich und überall warm.

Man schmatzt ein wenig, die lange Zunge hat nicht genügend Raum in der degeneriert kurzen Schnauze zur Rot läßt man eben ein Stückchen heraushängen. Der feste kleine Ringelschwanz löst sich bequem in die Länge. Das eine Ohr aller­dings klemmt sich faltig ans Kissen, aber man ist zu müde, um dies noch! zu ändern, das andere liegt dafür ausgebreitet wie ein welkendes Blatt angeschmiegt am Kopf. Fast verlangt's zuviel Kraft, die Augen zu schließen, halb genügt's ja auch, man blinzelt völlig uninteressiert noch mal auf die Llmwelt seufzt kurz:Ach die Llrn- welt lieber nicht. Zu. Aus. Tiefschlaf. Ruhe.

Darf der Mensch da etwa eine Seite um- blättcrn? Rein. Darf er das eingeschlafene Dein Wegziehen, auf dem der Mops liegt?? Rein. Darf der Mensch niesen oder husten?? Rein, o nein. Aber er darf zusehen. Er darf seinen Atemzug auf gleichen Takt bringen mit dem tief beruhigen­den: Ein... aus... ein... aus... Schnaufen eines Mopses. Dann wird auch er langsam seine Glieder vergessen, die Augen halb schließen und einen tiesen Seufzer herauswehen und heraus­stoßen mit den überflüssigen wachen Gedanken. Roch ein kleiner Rucker und auch bei ihm ist Ruhe: aus. Ruhe auf und unter der Daunendecke. Ruhe im Raum, Ruhe im Haus. Fliege fliegt. Mops zittert mit dem Ohr. Mücke summt. Mensch rümpft die Rase. Eine Tür fliegt zu: Krach. Beide zucken zusammen. Mops bohrt den Kopf tiefer ins Weiche, Mensch drückt die Rase schief ins Kissen. Mops schnarcht. Mensch öffnet den Mund und röchelt zufrieden. Mops bellt im Traum, ohne Schnauze zu öffnen, leise aus dem Bauch, schmerzhaft winselnd. Menschs stöhnt im Schlaf, träumt vom Tiger in der Wüste.

Telephoooooo ... n Rrrrrr ... Rrrrrr... Mops bellt, wütend sprüht sein Auge, Maul offen, Zunge raus: Chinesischer Höllenhund. Mensch ist unfrisiert und dumm.

der Frage:Wolle Se en cafe au lait?" Run, so gut wie in Paris ist er nicht, er hat nur den Ramen mit ihm gemeinsam. Zu Mittag esse ich in einem Restaurant, das sich stolz nach der Ent­scheidungsschlacht des WeltkriegesLa Marne nennt. Das Publikum spricht aber alemannisch. Ich rede die Kellnerin deutsch an, bekomme aber prinzipiell nur französische Antwort. Das Essen ist teuer, aber gut, wie in Deutschland. Der Der- kehrsschutzmann, den ich durch das Fenster beob­achten kann, hat viel zu tun. Er trägt sein Käppi auf dem Alemannenschädel genau so wie wohl früher die Pickelhaube. Es steht ihm das eine so wenig wie ihm das andere stand. 2lb und zu bekommt er Gelegenheit, den weißen S.ab zu heben, den er wie sein großstädtischer Pariser Kollege in der Hand hält. Es genügt schon, wenn eine Dame mit zwei Kindern diegefähr­liche Ecke überqueren will, um den Kommando­stab in Bewegung zu setzen, der die spärlichen Autos sofort abstoppt.

In den Buchhandlungen liegen meist in der einen Hälfte des Schaufensters deutsche, in der anderen französische Bücher. Für Remarque wird viel Propaganda gemacht. Elsäss'.sche Kri­tiken über ihn kleben ost an den Schaufenstern: Wir im Elsaß, die wir den Krieg aus nächster Rahe miterlebt haben, wir können am ehesten be­urteilen, wie diese Schilderungen nur allzu wahr sind.....Wir Elsässer wollen keinen neuen Krieg

mehr. Drum gebt dies Buch allen in die Hand, den Alten, damit sie sich an das Grauenvolle erinnern, und den Iungen, damit sie es kennen lernen. Das findet man nicht in einer Buch­handlung, sondern in vielen und in den Haupt­strahen.

Bad-Rauheim, 14. April.

Der dritte und letzte Tag der Verhandlungen war hauptsächlich Standes- und Organisations­fragen gewidmet. Insbesondere wurde die Frage der Psychotherapie in der Kassenpraxis ein­gehenden Erörterungen unterzogen.

In Sachen der Gewerbe st euer nahm der Kongreß folgende Entschließung an:Der 4. Allgemeine ärztliche Kongreß für Psycho­therapie wendet sich in letzter Stunde an die Volksvertretung des größten deutschen Landes und bittet dringend, daß der preußische Land­tag seinen Beschluß über die Einbeziehung der freien Berufe in die Gewerbe­steuer widerrufen möge. Der Kongreß ist um so eher zu dieser Bitte berufen, weil die aus­schließlich oder hauptsächlich seelische Behandlung ausübenden Aerzte ein typisches Beispiel dafür sind, daß der ärztliche Beruf kein Gewerbe ist. Auch wenn der Arzt seine Tätigkeit mit Be­triebsmitteln ausübt, tut er es in der Haupt­sache auf Grund seiner ärztlichen Wissenschaft und mit Einsatz seiner gesamten Persönlichkeit.

Als nächster Tagungsort wurde Baden- Baden bestimmt. Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Prof. Kretschmer (Marburg), Geschäftsführer Dr. Zimbal (A.tona), stellvertretender Vorsitzender Geheimrat Prof. Dr. Sommer (Gießen), Beisitzer Prof. Goldstein (Frankfurt a. M.), Prof.

Schultz (Berlin), Prof. Schilder (Wien), Prof. Weizäcker (Heidelberg).

Im Verlaufe des Kongresses wurde iDteuet- holt ehrend des Geheimrats. Prof. Dr. Som­mer (Gießen) gedacht. Lebhaft bedauert wurde sein Rücktritt von den Geschäften der Gesell­schaft für Psychotherapie, die ihren verdienten seitherigen Vorsitzenden zum Ehrenvor­sitzenden ernannte. Ein

öffentlicher Werbevorirag von Geheimrat Prof. Dr. Sommer

beschloß den Kongreß. Der geschätzte Gießener Gelehrte behandelte vor einem großen Hvrer- kreise, darunter auch zahlreichen Richtärzten, sehr anschaulich das ThemaPsychotherapie und Psychohygiene" und erntete bannt lebhaften Beifall. Der Vortragende gab einen Lieberblick über die historische Entwicklung der Psychiatrie, der beschreibenden und experi­mentellen Psychologie, der verschiedenen psy^o- therapeutischen Richtungen und der Bewegung für Psychische Hygiene.

Der Redner führte u. a. aus, wie die Psycho­therapie und psychische Hygiene letzten Endes er­wachsen seien aus der experimentellen Psychologie, die eine viel ältere Forschung sei, als man ge­wöhnlich annehme. Der Beginn der psychohygie­nischen Bewegung sei bis zum Iahre 1903 auf

Strasbourg.

Bilder aus dem französischen Elsaß.

Von Hermann O. Daubel.

Im 100-Kilomcter-Tcmvo jagt derRapide (Schnellzug) ParisStraßburg zur Rccht'eck über die Schlachtfelder Ostfrankreichs. Friedlich und still, wie eine deutsche Mittelgebirgslandschaft wellt sich das Hügelland sanft im zarten Schim­mer des Frühlingsmondes, der in leichten Feder­wölkchen wie hinter einem dünnen Watteschleier sich versteckt. Ab und zu leuchtet ein spätes Licht aus einem Bauernhof. Lind doch, wieviel Blut und Grauen ist mit dielen paar Stationsnamen verbunden, wo jetzt nichts zu hören ist als we­nige Rufe der Eisenbahner und das Zischen des ausströmenden Dampses aus der Lokomotive und den Heizröhren der Waggons, alles aber bald verschluckt durch die tiefe Stille der Rächt wo nickts »u sehen ist als ein paar spärlich beleuch­tete Signale der Bahnhofsgebäude. Zehn Iahre sind es kaum her, daß hier die Holle war. Zehn Iahre gehört nun auch das Elsaß zu Frankreich Seit zehn Iahren ist das Den mal Straßburgs auf 6erPlace de la Concorde in Paris nicht mehr ein Zeichen der ..Revanche J^rn .bed Sieges und des Ruhmes. Ist es das wirklich?

Gegen Morgen auf den rauhen Hochflächen Lothringens tauchen die ersten Schiweflecken wie­der auf, die ersten noch erstarrten Gewässer. In den tiefen Schluchten am Rande der Vogesen liegt sogar noch eine zusammenhängende Schnee­decke. Richt nur die Landschast, auch die Men­schen, die einsteigen, werden anders. Der neue Schaffner spricht deutsch. Steckte man ihn in eine andere Uniform, so könnte er gerade so gut ein deutscher Beamter sein. In Zabern (Ka­verne heißt es jetzt) füllt sich der Wagen mit Leuten, die nach Straßburg wollen. Sie spre­chen deutsch, kein Hochdeutsch, aber einen aleman­nischen Dialekt, der leicht zu verstehen ist. Als ich sie darauf auf deutsch nach der Ankunftszeit des Zuges in Straßburg frage, bekomme ich eine französische Antwort.

Llnfreundlich und kalt empfängt mich Straß­burg. Ein J'.tner Regen tröpfelt melancholisch und langsam vom grauen Himmel. Aus dem großen Plc he vor dem Bahnhof ist kaum ein Mensch. In weiter Entfernung umstehen ihn die Häuserblocks wie eine tote Mauer. Beim Fri-

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten I) Moskau, April 1929.

In Moskau herrscht Hochbetrieb. Der Be­such der englischen Wirtschaftsdele- gation, der in monatelangem Pressetrommel- feucr unter Anwendung aller Schlagworte kom­munistischer Wirtschaftsideologieborbereitet worden war, geht seinem Ende entgegen; ist prak­tisch eigentlich schon seit jenem Tage abgeschlossen, an dem den Engländern klar wurde, daß die Sowjetrussen es heute noch genau so gut wie ehedem verstehen, Politik und Handel mitein­ander zu verquicken. Am Mittwoch ist die Ab­reise eines Teils der Engländer erfolgt, Ende der Woche soll auch der Rest der britischen Trustlords, wie man sie in Moskau vielfach nennt, folgen. Roch hat man die Frage eigent­lich nicht eindeutig beantworten können, ob der Engländerbesuch nun ein Erfolg oder ein Miß­erfolg war, als die O st p r e u ß e n in Moskau eintrafen. Lind wenn auch in den Degrühungs- artileln der Blätter jetzt ein ganz anderer Unter­ton mitschwingt als in den kühlen Worten, die beim Eintreffen der Engländer gesprochen wur­den, so werden doch den Deutschen jetzt die­selben Fabriken gezeigt, wie einige Tage zuvor den Engländern, werden ihnen die­selben Zahlen genannt und dieselben glänzenden Aussichten des Russen­geschäftes möglichst finnfällig vor Augen geführt. Es ist immer das gleiche in Moskau, ob es Engländer, Deutsche oder Ameri­kaner find, denen kurze Zeit nach Abreise der Deutschen noch einmal dasselbe Schauspiel vor­geführt werden soll. Denn: Pfund oder Dollar? So wird vielleicht sehr bald die Preisfrage lauten, die die Zukunft des Rußland- gefchäfts für alle Welt entscheiden wird.

Wer macht das Geschäft? Man kann die zu­nehmende Bereitschaft Amerikas, mit Rußland zu einem Ausgleich zu gelangen, zu einem Aus­gleich vor der Hand Handels- und wirtschafts­politischer Ratur, als bestehende Tatsache hin­nehmen; man muh den Riesenabschluß des Ge­neral Electric Trust, der der AEG. das Geschäft weggeschnappt hat, die wachsenden Lieferungen Fords, die Begründung von mehreren Filialen des amerikanischen Automobilkönigs in Rußland und schließlich die den Amerikanern nachgesagte Absicht, auf privatwirtschaftlicher Grundlage zu einer Liquidierung der Schuldenfrage zu kommen, als positive Erfolge des Dollars in Rechnung stellen. Zwar wird in Moskau der Frage der Anerkennung der Sowjetregierung durch Amerika und der Aufnahme geregelter diplomatischer Beziehungen nach wie vor ent­scheidende Bedeutung beigelegt; die Russen geben sich aber ebenso keinem Zweifel darüber hin, daß diese Prinzipienfrage trotz der Einstellung des Senators Borah und seiner Anhänger in ab­sehbarer Zukunft kaum eine Regelung in ihrem Sinne erfahren wird. Und man macht der Welt­macht jenseits des Ozeans die Konzession, diese Frage vorläufig nicht als conditio sine qua non anzusehen.

Ganz anders dagegen bei den Engländern. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion infolge der berüchtigten Arcos-An- gelegenheit, eine der umstrittensten außenpoliti­schen Taten Chamberlains, ist vom Kreml mit einer Herabsetzung des Anteils des russisch- englischen Handels von 23,5 auf 5,8 Mil­lionen Pfund beantwortet worden. Freilich, ganz hat auch die Sowjetunion auf den englischen Markt nicht verzichten können, da sie mit ihrer Holzausfuhr gleichermaßen auf England ange­wiesen ist, wie sie die englischen Halbfabrikate nicht vollkommen entbehren kann. Ueberdies ist das Fehlen geregelter Beziehungen zu der nächst Amerika größten Finanzmacht der Welt ein mo­

ständigungüber denrussischen Ma r kl hinausläuft, kann man freilich gewisse Aussichten ebenfalls nicht absprechen.

UnddieMark? Man hat als Angehöriger der nach dem Machtwillen der Versailler Staa­ten aus dem Weltmarkt in allem benachteiligten und kontrollierten Ration einen bitteren Beige­schmack, wenn man hort, daß die ehemals ach­tunggebietende Mark trotz aller Beteuerungen der unverbrüchlichen Freundschast im besten Falle an zweiter ober dritter Stelle genannt wird. HÜe oeutschen Handelsbeziehungen sind javer­traglich" geregelt. Das bedeutet nach der Interpretation, die dem Vertrag von 1925 in den Verhandlungen vor Weihnachten in Moskau ge­geben wurde, daß die deutsche Einfuhr die Höhe der Vorkriegszeit erreichen soll. Darüber hinaus soll zwar alles der deutschen Initiative Vorbe­halten bleiben, aber, so sagt man in Moskau, die Deutschen haben ja kein Geld. Deutschland fei zwar der einzige wirklich ehr­liche Freund Rußlands und die deutschen Kre­dite hätten glänzende Früchte getragen, aber. --Dieses Aber, halb ausgesprochen, aus dem Gefühl der Schonung Deutschlands heraus nur ungern zugegeben, tritt einem überall entgegen. So steht der Besuch der Ostpreußendele­gation trotz des herzlicheren Begrühungstones für die wirtschaftlichen Kreise der Sowjets auf einem anderen Blatt, als die riesenhafte Aus­sichten eröffnendenStudienreisen" der Engländer und Amerikaner. Gleichwohl werden die deutschen Herren ehrlich bewillkommnet; mit ihnen sollen Fragen mehr technischer und lokaler Ratur, Fra­gen der Durchfuhr durch Ostpreußen und des Ausbaues Königsbergs als des ersten russischen Handelsplatzes auf westeuropäischem Boden, be­sprochen werden. Tragen die Verhandlungen die erwarteten Früchte, dann werden sie trotzdem einen Erfolg bedeuten, einen Erfolg, wenn auch nicht auf dem Wege zur Eroberung der führen­den Stellung, so doch zur Einschaltung in die kommende Erschließung des russischen Marktes, wo Deutschland nach der Entscheidung der Frage: Pfund oder Dollar? ober ber Frage: Pfund und Dollar? feine reichen Erfahrungen und feine bereits bestehende Handelsorganisation in Dienst stellen kann.

seine eigenen Bedürfnisse vollauf bestreiten könne, und schließlich das verlockende Versprechen, im Verlaus der nächsten fünf Iahre nicht weniger als für drei Milliarden Mark Aufträge im Aus­land unterzubringen, dies alles hat wieder bewiesen, daß Rußland nicht um jeden Preis zu einer Verständigung mit England be­reit ist.

Und schließlich der Erfolg der ganzen Ak­tion? Wenn die letzten Trustlords aus England abgereift fein werden, bann so hofft man in Moskau wirb bort die große Auseinander­setzung um die Ruhlandpolitik Englands ein­sehen, die jetzt, vor den Wahlen, für die konservative Partei eine kritische Wendung neh­men kann. Und darauf gründen sich die Hoffnun­gen der Sowjets. Durch alles Gesehene und Ge­hörte, durch die riesenhaften Zahlen sollen die Gehirne der geschäftstüchtigen Engländer derart umnebelt werden, daß die Konservativen sich nolens volcns einer Verständigung geneigter zeigen oder von eineraufgeklärteren" Wähler­schaft hinweggefegt werden. Ob diese Rechnung sich als richtig erweist, werden die Wahlen zu zeigen haben. In der Tat ist aber in der Mos­kauer Reise der Engländer unzweifelhaft schon ein gewisser moralischer Erfolg zu erblicken. Das Eis ist geborsten; ob es endgültig zum Schmelzen kommt, wird der englische Frühling zeigen. .

Letzten Endes ist man damit aber erst einen winzigen Schritt der Beantwortung der Frage: Pfund oder Dollar? näher gekommen. Denn noch steht der Besuch der Amerikaner aus, der einen Fingerzeig dafür liefern wird, wer in dem neuen Wettrennen der Mächte um das Ruhlandgeschäft, das allem Anschein nach anhebt, Sieger bleiben wird. In den oben gekennzeich­neten Erfolgen ber Amerikaner, in beren fast gänzlicher Unberührtheit von den zersetzenden Folgen der bolschewistischen Propaganda und in ihrer größeren Kreditfreudigkeit ist ein Vorsprung des Dollars deutlich erkennbar. Es wird von der Geschicklichkeit der Amerikaner abhängen, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Einer neuen Kom­bination, die jetzt viel erörtert wirb unb die auf die Fragestellung Pfund und Dollar, also aus eine anglo-amerikanische Ver -

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Don unserem dl.-Berichterstatter.

ralisches Manko, das die Sowjetunion auch in den Augen der übrigen Welt herabsehen muh. Dies um so mehr, als die notorischen politischen Streitereien bei fehlender diplomatischer Ver­tretung stets die Gefahr einer ungeahnten Ver­schärfung bedeuten und die englischen Pfunde den offiziellen russischen Wirtschaftsorganen noch im­mer als ein außerordentlich begehrenswerter Ar­tikel erscheinen. Aber gerade dieser Gesichtspunkt, nämlich die Frage des Handelsprofits, ist auch für die Einstellung Englands entscheidend, das trotz der offiziellen Sowjetfeindschaft sehr wohl den Unterschied zwischen politischer Freundschaft und kühlem Geschäftsinteresse zu machen versteht.

Die Londoner City soll, wie man in Moskau mit konstanter Bosheit feststellt, dem Außen­minister Chamberlain recht wenig Freundlichkeiten gesagt haben, als er den Einflüsterungen ber ultrarechten Kreise in der konservativen Partei nad) der Arcos-Angelegenheit nachgab unb ben Abbruch der Beziehungen verkündete. Seine Fest­stellung, daß die geschäftlichen Beziehungenzum Wohle beider Länder" nicht darunter zu leiden brauchten, erwies sich sehr bald als ein bitterer Trost. Man hat in London anscheinend nicht damit gerechnet, daß Moskau auch seinen Stolz hat, einen Stolz, der maßgebend gewesen ist für die seither verkündete Sabotage gegen­über ber englischen Finanz unb der englischen Wirtschaft. Daß diese Politik von Erfolg ge­wesen ist, steht heute fest. Die bloße Tatsache der Entstehung ber Delegation von hundert füh­renden Wirtschaftlern unter offizieller Duldung zur Anknüpfung neuer Handelsbeziehungen zu dem unermeßlichen russischen Absatzmarkt" ist bereits als ein Beweis dafür zu werten. Die ersten Meldungen über diese Reise der englischen Industriellen sind in Moskau mit den größten Hoffnungen Eingenommen worden. Die offizielle Presse pries den endlichenSieg der Vernunft" in London und knüpfte an die Beratungen in Moskau Erwartungen, die zumindest bewiesen, daß dieAushungerungspolitik der Sowjets gegenüber England den Sowjets selbst die andere Seite der Medaille gezeigt hat, nämlich die eigene Aushungerung von Kapital und Krediten. In der Erwartung, daß die Hungerperiode vorbei sein und die reichlich fließenden Pfundströme allen russischen Erwartungen gerecht werden wür­den, wurde auch die Reise der Engländer schon auf Vorschuß als ein glänzender außen­politischer Sieg der Sowjetregie- rung gepriesen, so, als ob die Engländer das Dokument der diplomatischen Anerkennung, Wohl verwahrt in ihren Koffern, mitbrächten.

In dem Hin und Her der Stimmungen in Moskau wirkte die Zurückhaltung der englischen Regierung und die mehrfache Verschiebung der Reise wie eine kalte Dusche. Was dann folgte, von dem unaufhörlichen Ironisieren der Eng­länder und den bissigen Angriffen gegen Cham­berlain und Churchill, in denen man in Moskau die Llrheber dafür ansieht, daß England plötzlich wieder Angst vor der eigenen Courage bekommen hat und bis zur Abreise des ersten Teiles der englischen Delegation, hat sich folgerichtig ent­wickelt. Die herausfordernde Rede Pjatakows, wonach die Sowjetunion zwar jederzeit zu einer Verständigung mit England bereit fei, diese aber unter den zwei Voraussetzungen unb nur unter diesen Voraussetzungen erfolgen könne, nämlich, daß England Rußland wieder diploma­tisch anerkennt und sich zur Gewährung hinrei­chender Kredite bereit erklärt: der Hinweis Ry- kows auf der Tagung ber Moskauer Sowjets, die Engländer mögen ruhig anerkennen, daß sie und nur sie unter dem jetzigen Zustand der an­dauernden Spannung litten; die brüske Fest­stellung der Herren vom Flugzeugbau, daß Ruß­land, was im Ausland nur wenig bekannt sei,