Ausgabe 
17.1.1929
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 14 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 17. Januar 1929

Europas Abenteurer als Drahtzieher in Wen.

Oberst Lawrence, derungekrönte König von Arabien" als Regisseur des Afghanenaufstands. - Trebitsch Lincoln, Quäker, Mandarii und Spion. Russische Organisatoren der chinesischen Armee. -Der Generalissimus des lebenden Buodha".

Von Dr. Franz Herbach.

Ein Kronz von Anekdoten und Legenden hat sich schon jetzt um einen noch ziemlich jungen Mann gerankt, den seine Gegner mit einer gewissen Be­wunderung den größten Spion der Welt nennen; es ist Oberst E. T. Lawrence, der den Aufstand in Afghanistan angestiftet haben soll. Wer den Lebenslauf des früheren englischen Offiziers kennt, wird nicht daran zweifeln, daß ihm ein solches Un­ternehmen Huzutrauen ist. Zwar behaupten die Engländer, Lawrence sei seines militärischen Ranges entdeibet worden und diene jetzt als einfacher Sol­dat im indischen Heer. Die Eingeweihten aber lächeln, denn sie wissen, daß England nie einen Mann fallen lassen wird, der ihm so wichtige und wertvolle Dienste geleistet hat. Als Student der orientalischen Sprachen hat Lawrence längere Zeit in Arabien gelebt, um die Dialekte der Eingeborenen an Ort und Stelle zu studieren. Im Jahre 1914 kehrte er nach London zurück, um ein umfangreiches Werk über die Ergebnisse seiner Reise zu schreiben. Da brach der Krieg aus, und als noch einigen Jahren der Kriegsschauplatz im Orient immer wichtiger wurde, forderte das britische Hauptquartier in Kairo dringend Mitarbeiter an, die die arabische Sprache beherrschten. Man wurde auf Lawrence aufmerksam, und stellte ihn an die Spitze einer Dolmetscherschule, die in Kairo errichtet worden war.

Dieser Posten genügte aber dem Ehrgeiz des jungen Gelehrten nicht. Eines Tages verschwand er spurlos, und erst später hörte man, daß er sich in Die arabische Wüste zum Emir F e i s u l i begeben hatte, den er von feinem Studienaufenthalt her kannte. Mit ungeheurer Zähigkeit und Energie ge­lang es Lawrence, die arabischen Stämme gegen die Türken aufzuwiegeln und ste zu veranlassen, einen Kleinkrieg gegen die Mittel­mächte zu führen. Das war keine leichte Aufgabe, denn die einzelnen Führer waren sehr eifersüchtig aufeinander, und es bedurfte großer Geschicklichkeit, um sie alle zu einem Kampfblock zusammen­zuschweißen. Lawrence hatte dennoch Erfolg; als er als Sieger in Damaskus einzog, nannte man ihn denu »gekrönten König von Arabien". Es spricht für den Menschen Lawrence, daß er für feine Gegner, die er mit aller Energie bekämpft hatte, später in seinem BuchAufruhr in der W ü ft e" Worte höchsten Lobes fand. ,Lum ersten­mal war ich stolz auf den Feind, der meine Brüder getötet hatte", schrieb er über die deutschen Truppen an der türkischen Front. Mit großem Idealismus letzte er sich während der Friedensverhandlungen für die Araber ein. Er schuf feinen arabischen Freunden Königreiche und verfocht fanatisch die Interessen der Wüstensöhne.

Durch seine ungeheure Kenntnis in allen Dingen, die den Orient betrafen, wurde Lawrence der engli­schen Regierung unentbehrlich. Während der Frie­densverhandlungen wurde er sogar zu den Sitzun­gen des englischen Kabinetts zugezogen, und er be­nutze diese Gelegenheit, einzelne konservative Mi­nister durch sein burschikoses Wesen in Aufregung zu versetzen. Als es in Europa wieder ruhiger ge­worden war, verließ der Abenteurer wieder seine Heimat, wo er durch die orientalische Tracht, die er oft anzulegen pflegte, viel Aufsehen erregt hatte. Er verschwand aus England, tauchte bald darauf in Indien auf, und zuletzt hat man ihn in A f > gh an ist an beobachtet. In diesem Abenteurer, der zugleich Gelehrter, Soldat und Diplomat ist, be­sitzt England einen Agenten von unschätzbarem Wert, den es gern ein setzt, wenn es sich um eine besonders schwierige Mission im Orient handelt.

Während Lawrence stets aus Idealismus gehan­delt haben soll, waren bei einem anderen großen Abenteurer zweifellos immer sehr egoistische Mo­tive ausschlaggebend. T r e b i-t s ch - L i n c o l n half denen, die den größeren Geldbeutel haben, und kümmerte sich wenig darum, welche idealistischen

Ziele seine Brotherren verfolgten. Ignaz Trebitsch, ein geborener Ungar, ging frühzeitig nach Amerika und war dort Schuhputzer und Kellner. Seine aroße Intelligenz und seine nicht geringere Skrupellosig­keit führten ihn bald in soziale Höhen. Eines Tages hielt es der geschäftstüchtige Mann für vorteilhaft, Quäker zu werden, doch hatte er sich verspekuliert, da er auf diesem Weg nicht die erhofften Erfolge errang. Nun wurde Trebitsch protestantischer Seel­sorger, nannte sich Trebitsch-Lincoln, bekam Ein­gang in die vornehme Gesellschaft, mußte aber schließlich wegen einer Skandalgeschichte fliehen. Er wandte sich nach England, wo er als analikani- scher Priester die Gunst des Erzbischofs von Canter­bury gewann. Im Jahre 1912 wurde er ins U n ° terhaus gewählt, und damals prophezeite man dem Ungarn, das er in absehbarer Zeit die Peerswürde erlangen würde. Der zukünftige Lord konnte aber von feinen alten Gewohnheiten nicht lassen; er verübte umfangreiche Schwindeleien und entging der gerichtlichen Verfolgung nur dadurch, daß er als Feldprediger bei Ausbruch des Krieges an die Front ging.

Trebitsch war ein Genie in der Verknüpfung viel­seitiger Geschäfte; er nutzte sein Amt zu (Spionage« zwecken aus, ohne sich darauf zu beschränken, die Aufträge seiner englischen Vorgesetzten auszufüh­ren. Als man feinen Machenschaften auf die Spur kam, floh er nach Amerika, wo er als Kauf­mann lebte. Wechselfälschungen brachten ihn ins Gefängnis; dann wurde er an England ausge­liefert, wo er wegen Spionage nochmals eine län­gere Strafe verbüßen mußte. Kaum wieder in Frei­heit gefetzt, entwarf der Abenteurer einen neuen Schlachtplan. Er reiste nach Deutschland, ver­schaffte sich Zugang zu umstürzlerischen Kreisen und half den K a p p u t s ch vorzubereiten. Die Würde eines Pressechefs der neuen Regierung verlor er aber bald wieder, und als der Staatsstreich zu­sammengebrochen war, floh er mit Oberst Bauer nach Süddeutschland. Zwischendurch verschaffte er sich wieder einige Mittel, indem er gefälschte Doku­mente an das Ausland verkaufte. Nun wurde Tre­bitsch-Lincoln der deutsche Boden zu heiß; er ging nach B u d a p est, wo es ihm aber auch nicht gefiel, und eines Tages erfuhr Europa, daß der Abenteurer chinesischer Mandarin und Vertrauter des Diktators der Mandschurei, des Generals W u - P e i - F u , geworden war. Nachdem er eine Artikelserie zu hohen Preisen an einen amerikani­schen Zeitungskonzern verkauft hatte, floh er in ein Buddhistenklo st er und lebte dort als Mönch, bis ihn die Nachricht erreichte, daß sein Sohn in London hingerichtet werden sollte. Unverzüglich reifte er nach England, die englische Regierung ge­stattete ihm aber nicht, das Land zu betreten. Er mußte wieder umkehren, und seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.

Ueberragenben Einfluß auf die chinesische Politik besaß lange Zeit Michael Borodin, der rus­sische Berater der Hankau-Regierung. Er war nicht nur ein besonders befähigter Diplomat, sondern auch ein Organisator großen Stils. Die Kuomintang befolgte fast alle seine Ratschläge, und schon glaubte man in Europa, daß die kommu­nistische Idee in China siegen würde als Borodin plötzlich von den Chinesen, denen er in ihrer schwer­sten Zeit begestanden hatte, ausgewiesen wurde. Mit Borodin zugleich ging der russische Ge­neral Galen, der die militärischen Operationen der Südarmee erfolgreich durchgesührt hatte. Galen war nach dem Weltkrieg nach Rußland gekommen, hatte in der Roten Armee gedient und war nach Orenburg entsandt worden, um gegen den weiß­russischen General Dutow zu kämpfen. Bald darauf erhielt er als Offizier, der behauptet, ein Nachkomme des Fürsten Blücher zu sein, das Kommando über eine Division. 1921 kam er nach dem Fernen Osten, wo er gegen Koltschak kämpfte. Seine Energie und

Gießener Gtadttheater.

Lessing:Nathan der Weise".

3n wenigen Tagen wird ba3 gesamte geistige Deutschland jener tiefbedeutsamen Stunde ge­denken. da vor zwei Jahrhunderten im Pfarr­hause zu Kamenz in Sachsen als Sohn des Pastor primarius Gotthold Ephraim Lessing in die Welt kam. Und im kommenden Frühling werden anderthalb Jahrhunderte vergangen fein, seit dieser Pastorensohn dem deutschen Volke sein vollkommenstes Vermächtnis, zugleich die wunder­lichste Derschwisterung zwischen Theologie und Theater in die Hände gelegt hat:Ratyan den Weisen".

Zwei Jahve nach der Vollendung des Werkes war der Dichter schon tot; 51 Jahre ist er alt geworden. Die Hellhörigen und Weitblickenden in der Ration haoen damals bereits erkannt, was fein Hingang für die deutsche Kultur und Geistes­geschichte bedeutete. E.ise Reimarus klagte:Es soll Finsternis bleiben." Und Herder:Es ist, als ob dem Wanderer alle Sterne untergingen und nur der dunkle wolkige Himmel bliebe." Und Goethe:Wir verlieren viel, viel an ihm, mehr als wir glauben."

Wer war gestorben? Der Ahnherr des großen deutschen Lustspiels, der Bahnbrecher unseres neuen Dramas und seiner edelsten, antikem Maße nachgebi-deten Verssorm; Dichter. K.i.iker, klassi­scher Lehrmeister eines Jahrhunderts, aus dem noch heute unsere geistige Kultur ihre besten Kräfte zieht; Schöpfer kristallener Wortkunst wie er seit Luthers Hingang in Deutschland nicht mehr gefunden wurde und einer bis dahin un­erhörten szenischen Architektur; unbestech.ich klarer Kopf, sittliches Gewißen deutscher Ra.ion, immer gewärtig und gerüstet zum Kampf gegen alles Veraltete, Fremde und Enge, gegen das dumpf und staubig üeberlommene, in Formeln Erstarrte und morsch Gewordene, gegen die Trägheit des Herzens und die verbohrte und verbissene Rück- ständigkeit kleiner Geister; ein allezeit ausfall- bere t r, m.islerlichcr Fecht r für Deutschh it und Wahrheit, (e.u.enfter Sachwa.ter der Au.klärung, Erleuchtung und Derirenschlichung seinem Jahr­hundert und weit darüber hinaus.

Der schöpferische Sinn einer jeden Lessing- Gedenkfeier in unseren Tagen muß wohl darin

gefunden werden, daß der Blick der heutigen Menschen, der ja doch gemeinhin in ganz andere Dichtungen zu schweifen gewohnt ist, wiederum, wenn auch nur für ein paar weiterwirkende Herzschläge der Besinnung, jenen Sternen zu­gelenkt werde, von deren Untergang am wolkenverhängten Himmel nach Lessings Tode Herder gesprochen hatte. Die hellsten unter ihnen leuchten noch immer, auch heute noch, auch uns.

In elf Fechtergängen hatte Lessing seinen berühmten Meinungskampf mit dem Pastor Go:ze scharfgeistig auZgetragen; der zwölfte. auf anderem, weiteren Felde, mit mächtigeren Waffen geführt, entschied nicht allein gegen jenen plumpen und eigentlich von Anfang an unterlegenen Widerpart, sondern wurde in ganz Deutschland mit Aufhorchen vernommen und hallt bis heute nach, soll funkeln als ein sehr helles, versöhnendes, Frieden bringendes Ge­stirn auch über der gegenwärtigen Menschheit, die von Goeze nicht 1 mehr weiß, an Lessing nur noch an seltenen Kalendertagen denkt und in den Geist seiner Zeit sich schwerlich zurückver­setzen kann.

Wie von ungefähr der Dichter nennt es selbst einen - närrischen Einfall" gerät ihm von seinen zah reichen Fragmenten. Planen und Szenenarien seiner literarischen Werkstatt jenes wieder in die Hände, das sich in Boecaceios Dekamerone" vorgebildet fand und berufen war. der mittlere Pfeiler zwischenIphigenie" undCarlos" des dreifach gespannten und getragenen Bog:ns einer k.'assiichen Humanität> idee zu werden. Uns kommt es. hier und heute, auf die formmäßigen Errungenschaften, die der Entstehungszeit des Werkes vorauseilten, so wenig an wie auf gewiße dramatische Schwächen, die besonders gegen Ende sich bemerkbar machen und öfters getadelt worden sind. Sondern auf die Gesinnung allein, die dieses Schauspiel be­wegt, den neuen Geist und den Adel des Herzens, der hier zum erstenmal wirkende Worte fand, auf das Vermächtnis und große Bekenntnis zu jenem weltumspannenden Gedanken, wie er in der Ringparabel des dritten Aktes, dem Kern­stück der Dichtung, sich kundgibt als ein zeit­loses Gleichnis schönen und reifen Menschen­tums.

seine militärifchen Kenntnisse kamen den Chinesen zugute; als mllitärischer Beirat des Generals Tjchiangkaifchek besaß Galen großen Einfluß, bis er zusammen mit Borodin China verlassen mußte.

Dem bolschewistischen General Galen stand ein anderer Abenteurer gegenüber, der weißrussische General Baron Ungern-Sternberg, der die russischen weißen Truppen in der Mongolei beseh, ligte.Generalissimus des lebenden Buddha", nannte sich dieser baltische Baron, der an alle asia­tischen Völker ein Manifest erließ, und sie im Namen Buddhas gegen dieschlimmen Bolsche­wistenteufel" aufrief. Sogar mit dem Dalai-Lama in Tibet hatte er sich in Verbindung gesetzt, um sich von diesem bestätigen zu lassen, daß er für die Sache der Menschlichkeit kämpfe. Nach einigen Er­folgen wurde Ungern-Sternberg von seinen eige­nen Offizieren verraten und an die Sowjetregie­rung ausgeliefert. Er fand einige Zeit darauf in Transbaikalien den Tod, ohne daß sich feine Träume erfüllt hatten, in denen er sich bereits als Dizekönig des Fernen Ostens" gesehen hatte.

Volkskundliche Gesellschaftsreisen nach Siebenbürgen.

Das Deutsche Kulturamt in Her­mann stabt, die kulturelle Zentralste l'e des Deutschtums in 2tum n;:n, veran,ta t:t altjährlich Fahrten nach den deutschen Sied­lungsgebieten Rumäniens, namendich nach Siebenbürgen, um rmchsdeutfchen Bolksge- nofsen Gelegenheit zum K.nnen ernen ausland- deutfcher Le.enLverh^l n.fie zu g: ei. Die Fahr­ten bieten überdies den Reiz der in Tracht, Brauch und Sitte urfprünglichen Volfskultur. der wundervollen Karpaihenlandschaft, der schönen rnittelackrrlichen Bauern- und Bürgerarchiteltur der Siebenbürger Sachfen. Der große Erfolg der vorjährigen Fahrten gehl aus den zah^ reichen, begeisterten Berichten der Teilnehmer hervor, die übereinstimmend beton.n daßdurch die Reise sich alle Vorstellungen über das Aus- landdeutschtum gewandelt und verlieft haben, und daß der Gewinn im allgemeinen für jeden politisch denkenden Menschen, für jeden deutschen Staats­bürger unermeßlich fei. Es werde der Stolz, ein Deutscher zu sein, neu geweckt'. Im Jahre 1929 werden drei Reisen unternommen, die alle innerhalb des Landes mit Auto por sich gehen und so einen überaus unmittelbaren Eindruck von Land und Leuten vermitteln.

Der neue Landeskirchentag.

Wie wir von zuständiger Seite hören, ist der neugewählte L a n d e s k i r ch e n t a g b er Hessischen Evangelischen Landes­kirche zu einer konstituierenden Sitzung zum 29. Januar einberufen.

Der neutzewählte Landeskirchentag hat trotz des erstmalig in Erscheinung tretenden Wahlkampfes und des Auftretens einer neuen Gruppe (Bund für lebendige Kirche) keine wesentliche Aende- r u n g der Stärkeoerhältnifse der Grup- pen im Vergleich zu den Wahlen von 1922 ge­bracht. Die 54 aus der Wahl hervorgehenden Ab­geordneten verteilen füb auf die nunmehr bestehen­den vier Gruppen des Landeskirchentages wie folgt: Hessische Evangelische Vereinigung (Friedberger Konferenz) 20 (1922: 19), Positive Vereinigung 19 (22), Freie oolkskirchliche Vereinigung 14 (13), Bund für lebendige Kirche 1 (0). Durch die Berufung von weiteren sechs Abgeordneten wird sich das Stärke­verhältnis der Gruppen kaum verschieben. Jedoch ist infolge der Ausstellung von Kandidaten der drei erstgenannten Gruppen in fast allen Dekanaten des Landes mancher Bewerber unterlegen, der in frühe­ren Jahren einem Gegner gegenüber siegreich blieb. Der neue Landeslirchentag weist daher eine ganze Reihe erstmalig gewählter Abgeordneter auf.

Daten für Freitag. 18. Januar.

1689: der philosophische Schriftsteller Montesquieu in La Brede bei Bordeaux geboren (gestorben 1755); 1701: der Staatsmann und Schriftsteller Johann Jakob Moser in Stuttgart geboren (gestorben 1785); 1873: der englische Schriftsteller Edward Bullwer (Lord Lytton) in Torquay gestorben (geboren 1803);

Im Mittelpunkt der Jubiläumsaufsührung stand die Gestaltung Ludwig Wüllners, der als Gast den weisen Rathan spielte; bewun­dernswert, schon wein man die rein physische Leistung beie.ikt, die hier ein über Siebzigjäh', i- ger mit der Formung der ausladenden Rolle vollbrachte.

Heber alle Lobrede erhabm aber die geistige Beherrschung und Durchdr.ngung. d e 'Abgcklä.t- heit und menschliche Würde, die sich hier an einem vollkomn enen Gegenstände e.it, al'.eie.

Wüllner spiel erntet) nafe und < u . or und, nebenbei, mit einer Ro. t.ne, d.e ih.n er.au&t, te.n schwimmenden" Partner, der Soufdeuse zuvor­kommend, einzuhcl en.

Aber der stärkste Eindruck haftet nicht am reinenSpiel', sondern, wie in diesem Falle vorauszufehen war, an ter sprachlichen Ge­staltung. Sie war vorbildlich. Jede Szene, jeder Vers, ja jedes kleine Wort durchdacht, erfühlt und empfunden, lebendig gemacht und in über­zeugende Bewegung umgeseht. Die Derfe rein, klingend, fließend, rhythmisch und doch ohne den Zwang der strengen Form gesprochen, eine schlichte, ih. Cew.^. t) b:wuf,te m.n.chl che Rede. Die große Ringerzählunz war ein Meisterstück in Aufbau, Gliederung und Vergeistigung ihres Ge­haltes. Wir erinnern uns nicht, sie in gleicher Vollendung gehört zu haben.

Eine bis auf einige Einzelheiten recht gute, durchgearbeite'.e Auftühr-nz unter Dolcks ver­ständnisvoller Regie zeichnete sich vornehmlich durch ftllhinde Verwandlungen und stllvolle De­korationen aus; die sehr begabten Entwürfe von Löffler verdienen nachdrückliche Anerkennung. Insbesondere die Bilder vor und in Ralhans Hause, auch der Klosterhof waren räumlich und farbig ausgezeichnet bewältigt.

Die übrige Besetzung. Knur gab den Tem­pelherren wenig befriedigend; er hat feit dem Carlos nichts hinzugelemt; die Rolle braucht mehr Ruhe und trotz aller Jugendlichkeit mehr Reife; das übersprudelnde, hitzig: Sprechen muß gemäßigt werden; Temperament ist auch auf der Bühne nicht mit Temposteigerung zu ver­wechseln. Wo er sich Zeit ließ für seine Verse, war seine Eignung für die Rolle nicht zu ver­kennen. Die tedlichen Unsicherheiten werden sich in späteren Aufführungen verlieren.

Aus der provinzialdauptstadi.

Gießen, den 17. Januar 1929.

Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.

Dieser Tage sprach Pros. Dr. A. B u r ch a r d (Jena) über das Land Bulgarien und seine Bewohner. Anknüpfend an die ein­führenden Worte des Vorsitzenden der Gesell­schaft. Prof. Dr. K l u t 0 , betonte der Vor­tragende eingangs, daß Bulgarien zwar ein euro­päisches Land ist. daß es jedoch in vielen Zügen seines Kulturbildes infolge der Jahrhunderte langen Türkenherrjchaft heute noch recht europa- fremd anmutet, sich aber ehrlich bemüht, zu Eu­ropa zu kommen, und hofft. Europa werde ebenso zu ihm kommen. Das Rückgrat seines die Hörer­schaft durchweg stark fesselnden Votrages bil­deten 90 technisch und typisch meist ausgezeich­nete Lichtbilder.

Die erste Hälfte war nach landschaftlichen Ge- sichtspuillten geordnet. Don den malerischen, aus Jungter.iär auf gebauten Steilufern der Schwarz- meerküste bei Varna führten sie über die alte bulgarische Krönungs- und Hauptstadt Trnowo zu dem durch den heldenhaften Verteidigungs- kampf der Türken 1878 berühmt gewordenen Schipkapaß. Der Balkan zeigt sich hier als.'ein Gebirge aus runden Rücken mit Hochweiden und schönen Wcißbuchenwäldem. Viel wilder ist das Durchbruchstal des Jskerflus'es durch das gleiche Gebirge nördlich von Sofia. Dann ging die Reife hinab in die thrakische Ebene mit ihren Au­wäldern längs der Martha bei Tatar-Pazardschik und mit den Spuren der Erdbebenzerstörungen von 1927 an ihrem Südrand. Es folgte ein län­gerer Ausflug in das mächtige, aus kristallinen Gesteinen aufgebaute Viereck der Rhodopen, einer Gebirgsgruppe, deren tektonischer Dau mit den eingeschalteten, von Tertiär ausgekleideten Ein­bruchsbecken deutlich die nördliche übermeerische Fortsetzung der Gitterstruktur des Aegäischen Raumes offenbart. Aus dem noch zu Thrakien gehörenden Mittel'ebirgsland um den Ardafluh ging es nach Ro.'dwesten über den aus lristal Lum Kalk aufgebauten Höhenzug Persenk in die hohen Rhodopen hinein, zum Berge Belmelen (2700 Meter), dessen Rordhänge schon von eiszeitlichen Karen zerfressen sind, und zu dem landschaftlich- großartigen mächtigen Rord Westende der Rho" dopen, dem Rirageoirge, mit seinem typischen Gtazialrelief (Kare, Höchsten, Endmoränen), seinen Lawinenschneekegeln, seinen der Almwirtschaft die­nenden Hochweiden und seinen schönen Fichten­wäldern in den Taltiefen. Einige Bilder aus dem Westflügel der Rhodopen, dem Piringelirge, mit den warmen Quellen von Banjsko bildeten den Schluß des ersten Teils.

Die zweite Hälfte feiner Ausführungen widmete der Redner einem anthropogeographischen Ge­samtüberblick über Bulgarien. Er zei'te zunächst an der Hand einer Kartenskizze die Wanderwege der zahlreichen Völker, die im Laufe der Ge­schichte in das Bereich des jetzigen Bulgarien! eingedrungen sind und ihre Spuren tm Blut, im Bild der Kulturlandschaft, in der religiösen und sprachlichen Gliederung des Landes hinterlassen haben: der Griechen. Byzantiner, Römer, Ger­manen, Slawen, Bulgaren und Türken Die Bul­garen sind als ein wenige Zehntaufende zählen­des mongolisches Hirtenvolk von Rordosten ge­kommen und haben sich die slawische Ackerbau­bevölkerung südlich der Donau unterworfen. Sie haben dem Gesamtvolk den Qlamen ge 'eben, sind aber bald sprachlich im slawischen Volkstum auf­gegangen Es folgten bann Bilder alter Bau­werke, von der byzantinischen Stadtmauer in Philippovel bis zur Moschee von Tatar-Pa­zardschik. den Türkenfriedhösen und dem zeitweilig von 6000 Pilgern besetzten Rilakloster, sowie An­sichten von Volksthpen: von bulgarischen Männern und Frauen in ihrer charakteristischen Tracht, von Türken, von den im Mestatal siedelnden moham­medanischen Bulgaren, den Pomalen» von den Zigeunern sowie den Wanderhirten dec Rho- dopen, die im Winter mit ihren Herden in die gastliche Türkei zur Halbinsel Gallipoli ziehen, während ihnen Griechenland den Zutritt zu den näheren Gestaden des Aegäischen Meeres zwischien Kavala und Dedeagatsch t erwehrt. Daran schlossen

Als Rechn war für Frl. Heß, die erkrankt ist. Jngeborg Scherer eingesprungen und fand sich, vor allem in den ersten Bildern, recht löblich mit der Rolle ab, die ihr Wohl nicht besonders entgegenkommt; doch sprach sie im Schlußakt so leise, daß sie nicht immer zu verstehen war.

Eine ' liebevoll ausgefeilte Chargenstudie bot Volck in der stets dankbaren Partie des biedern Klosterbruders. Sehr beweglich und le­bendig der Derwisch H a e s e r s und die Daja der Jüngling. Ebert-Grassow war ein würdiger, verstehender Sultan, Maria Koch eine heiter-anmutige Slltah, Schubert der Patri­arch:ein dicker, roter, freundlicher Prälat".

Das Haus war. wenn wir rech' a-sthen haben, a.svcrla f:; Wüllncr wurde zusttzt imm.r wieder herausgeklatscht. Dr Th.

Kunst und Geschmack.

Die Welt der Kunst ist nicht die Welt der schönen formen", ästhetisch genommen; deren Ebene ist die Ebene des Geschmackes. In der Welt des Geschmacks genieße ich. Kunst genieße ich nicht; sie faßt mich. Es ist finnlos, in der Kunst das Ge­nießen zu suchen, das Hinaufgreifen in das Leichte. Ich genieße auch nicht Religion. Oder wenn ich angeblichReligion" genieße, so bin ich nicht mehr im Bereiche der Religion. Geschmack ist der Kunst dienstbar; aber Geschmack ist noch nicht Kunstner« mögen, und die feinste Sensibilität für Reiz und Anmut ist noch nicht Kunstvermögen; beide machen den Künsller nicht aus. Die Kunstwelt eines Watteau, eines Terborch, ' die Welt der graziösen Kunst, die eine ganz andere ist als die Welt gro­ßer Stupft, lebt nicht von Anmut und Ge chmack. Sondern die Fähigkeit zur Gestaltung konstituiert das Werk, ein Vermögen, zum Ganzen zu ormen. das in der Seele des Künstlers lebt, das nicht weiter definierbar ist und das das eigentliche fünft- ler.sche Vermögen ist ist etwas ganz anderes als Geschmack und immer ein Seltenes unter Mem scheu. Der Mensch des nur ästhetischen Sinnes macht keine Kunstwerke; hier liegt der Irrtum der Dilettanten; er macht nicht einmal .Kunstgewerbe. auch ein Dilettanten-Jrrtum." (Marie Luise Enckendorff: Aphorismen über Kunst, Ja­nuarheft desKunstworts"; München. Verlag Callwey.)