Nr. 2°4 Erstes Blatt
ITO. Jahrgang
Montag, 16 Dezember 1929
GietzemrAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Das Vertrauensvotum für das Kabinett Hermann Mller
Befreiungsfeiern im Lahntal
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Frankfurt am Main 11686. Druck unö Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Buch- nnö Zteindruckerei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.
tralvorstandes. — In der Nachmittagssitzung Zentraloorstandes sprach
Reichswirlschasksminisker Dr. Moldenhauer
Ausgaben ohne Deckungen. Diese Warnungen sind in den Wind geschlagen worden. Das Ende war ein immer größeres Defizit. Dem Minister ist daraus kein Dorwurf zu machen, der verantwortliche Chauffeur unserer Finanzpolitik ist immer der Staatssekretär Popih, wie auch der Minister heißen mag. Jeder Minister hat den Grundsatz verkündete „Keine Ausgabe ohne Deckung," aber jede Regierung hat diesem Grundsatz zuwidergehandelt. Die größte Steigerung der Ausgaben hatten wir 1927, als die D e u t sch- nationalen in der Regierung waren. Das vorliegende Programm wird nicht ausreichen, um die Finanznot zu überwunden. Reue Schulden dürfen nicht mehr gemacht werden. Sch ick en Sie diesen Reichstag nach Hause und lassen Sie das Volk über die Steuerpolitik entscheiden.
Inzwischen ist von den Christlich-Rationalen Dauern und von der Deutschnationalen Arbeitsgemeinschaft gemeinsam ein Mißtrauens-
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20u, mehr.
Chefredakteur
Dr. Friedr Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Liehen.
Berlin, 14. Dez. (VDZ.) Der Zentralvor- st a n d der Deutschen Volkspartei wählte heute den Abg. Dr. Scholzzum Parteivorsitzenden. Die Wahl erfolgte bei gänzlicher Abwesenheit der durch die politischen Verhältnisse im Reichstag fest- gehaltenen Mitglieder der Reichstagsfraktion m i t 153 Stimmen von 181 abgegebenen Stimmen. 25 Abgeordnete enthielten sich der Stimme, drei Stimmen waren zersplittert. Es wurde beschlossen, daß Dr. Scholz gleichzeitig weiter Führer der Reichstagsfraktion sein soll. Der Zentralvorstal.d wählle sodann noch Reichskanzler a. D. Dr. Luther zum Mitglied des Zen
Wn. ^ariden Votum.
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Bad Ems, 15. Dez. (Wolff.) Bad Ems beging heute in würdiger Weise die Feier der Befreiung von lljähriger Besetzung. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt, als heute morgen die Glocken aller Kirchen zum feierlichen Dankgottesdienst einluden, die sich eines starken Besuches erfreuten. Unter den Klängen des Deutschlandliedes erfolgte mittags 12 Uhr das Hissen der Reichsflagge auf der Kaserne durch die Reichsvermögensstelle, woran sich eine Ehrung der Gefallenen des Weltkrieges durch Kranzniederlegung am Ehrenmal anschloß. Den Höhepunkt der Feier bildete am Abend ein F a ck e l z u g sämtlicher Emser Vereine mit anschließender Dankfeier im Kurhof bei Fackelbeleuchtung. Hier schilderte der Bürgermeister die Leiden der Besatzungszeit und stellte mit Genugtuung fest, daß die Emser Bevölkerung tapfer und treudeutsch diese Leiden ertragen hat. Oberpräsident Dr. Schwände r überbrachte den Dank der Reichs- und preußischen Regierung an die Bevölkerung. Er führte u. a. aus: »Ich bin stolz, in Ihnen die
Volkspartei und Finanzreform. - Kein Vertrauen zu Hilferding. - Oer Wechsel der Sozialdemokratie.
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vorausgegangen, in denen die Ultimoschwierigkeiten eine große Rolle gespielt hätten. Man habe in diesen Tagen vielfach gesagt: „Stürzt d i e s e R e g i e r u n g !" Ob die reue Regierung nun hätte mit Artikel 48 arbeiten sollen, oder ob sie irgendeine Mehrheit gefunden haben würde, immer wäre es dasselbe gewesen; sie hätte, um über den Ultimo zu kommen, nichts anderes tun können, als sie jetzt tat, vielleicht sogar stärker neue Steuern beschließen müssen. Die zuerst kommenden Gesetze könnten nur ein Te il der ganzen Finanzreform fein. Im nächsten Etat mühten Mittel frei werden, um die Einkommensteuer um 25 v. H . die Grundsteuer um 10 v. H.. die Realsteuern sofort um 20 v. H. zu ermäßigen und weiter die Kapitalverkehrssteuer zu senken, die Vermögenssteuer zu erleichtern und die Rentenbankzinsen, die mit 86 Millionen die Landwirtschaft belasten, sofort zu beseitigen. Man dürfe im übrigen nicht übersehen, daß es leicht ist, ein schönes Finanzprogramm aufzustellen, aber bei weitem nicht so leicht, auch eine Mehrheit dafür zu finden. Es ist so oft nach einer Regierung gerufen worden, die wirkliche Führerinitiative gebe. Wir zwölf im Kabinett wollten einmal zeigen, daß es noch Regierungen in Deutschland geben kann, die einen festen Willen haben und versuchen, ihn durch- zusetzen. (Beifall.) Geben Sie uns die Möglich
keit, unsere Ziele zu erreichen. Wir haben die Sozialdemokratie verpflichtet, das Steuersenkungsprogramm mitz - machen. Sollten wir darin aetäuscht werden, dann ist noch immer Zeit zu Konsequenzen.
3n der Aussprache ergriff auch
Reichsaußenminister Dr. Curtius das Wort. Er sagte u. a.: Ich habe für das Sofortprogramm gestimmt, damit wir im Haag anders da- stehen, als wenn wir uns einseitig auf Steuersenkungen einstellen. Wenn wir in die drohenden Ultimoschwierigkeiten hineingeschliddert wären, dann wären uns alle Grundlagen für jegliche Lastensen- kung vollkommen zerschlagen worden. Auf Zwischen- rufe erwiderte der Minister: Die Sozialdemo, kratie hat sich verpflichtet, mit uns positiv an diesem S t e u e r s e n k u n g s - Programm zu arbeiten. Solange der Kampf um dieses Programm nicht beendet ist, haben wir die Pflicht, die Regierung zu halten. Ich bedauere, daß Mitglieder der Fraktion rote Starten abgegeben haben, erkenne aber die dieser Kartenabgabe zugrunde liegenden Auffassungen an. Es braucht deshalb kein Riß durch die Partei zu gehen.
Nach Schluß der Aussprache wurde einmütig folgende Entschließung angenommen:
Der Zentralvorstand stellt fest, daß das Vertrauen zu der -Geschäftsführung des Reichsfinanzmini ft eriums im Lande auf das schwerste erschüttert ist. Er hat daher bei aller Anerkennung der gewichtigen Gründe, die für eine Vermeidung der Krise zum jetzigen Zeitpunkt sprachen, Verständnis für d i e Bedenken, die verschiedene Mitglieder der Reichslagsfraktion veranlaßt haben, dem Programm der Regierung ihre Billigung zu versagen. Der Zentralvorstand ist nach eingehender Aussprache zu der einmütigen Auffassung gelangt, daß die heute der Reichsregierung ausgesprochene Billigung von der Partei nur dann verantwortet werden kann, wenn die v o l l st ä n d i g e Durchführung des Finanzprogramms nicht nur versprochen, sondern m l t jedem parlamentarischen Mittel verfolgt wird. Der Zentralvorstand hält an der Forderung der Umgestaltung der Arbeitslosenversicherung fest. 3m Kamps für diese Forderung versichert er die Fraktion seiner vollen Zustimmung und Unterstützung.
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würdigen Volksgenossen jenes Großen zu begrüßen, der als erster unter den deutschen Staats« männern die Idee des Deutschtums, des großen einigen deutschen Vaterlandes, praktisch und gedanklich geistig erfaßte, des Freiherrn vom St Lin. Wir können die Freude dieser Befreiungsfeier nicht würdiger zum Ausdruck bringen, als indem wir diesem Geiste Ihres großen Landsmannes in Ehrfurcht huldigen und geloben, seiner allezeit wert zu sein." Auch im ganzen Unterlahnkreis wurde das Ereignis des Abzuges der Franzosen festlich begangen. Besonders eindrucksvoll gestaltete sich die Befreiungsfeier in der Kreisstadt Diez. Als sich die Dunkelheit über die festlich geschmückte Stadt senkte, flammten allenthalben an den Häusern zahllose bunte Lämpchen auf. Ein mächtiger Fackelzug setzte sich in Bewegung. Ein riesiges Freudenfeuer flammte auf den Höhen auf. Die Rezeptur und das Schloß auf dem hohen Felsen erstrahlten im grellen Licht der Scheinwerfer und zum erstenmal seit 10 Jahren wehte vom Schloß- türm herab wieder die deutsche Flagge.
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über „Wirtschaftsnot und Finanzreform", führte u. a. aus, er habe sich im Kabinett _ für eingesetzt, die Frage der Finanzreform möglichst umgehend zu erledigen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, daß die Reichsregierung ernstlich entschlossen ist, die Steuern in starkem Maße zu feitlen. Dem Memorandum des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht seien Besprechungen zwischen dem Kabinett und Dr. Schacht
antrag gegen die Reichsregierung eingegangen- Die Regierungsparteien mit Ausnahme dec Bayerischen Volkspartei haben inzwischen folgendes Vertrauensvotum eingebrachl:
Der Reichstag billigt die Erklärung der Reichsregierung und verlrauldarauf, daß das Finanzreformprogramm vorbehaltlich der endgültigen Gestaltung der Gesetze im einzelnen in Wahrung der von der Reichsregierung bekanntgegebenen Grundzüge dieser Finanzreform durchgeführl wird. Der Reichstag spricht der Reichsregierung für ihre Gesamtpolitik das vertrauen aus.
Die namentliche Abstimmung über das Vertrauensvotum ergibt die Annahme mit 222 gegen 156 Stimmen bei 22 Stimmenthaltungen.
Dadurch sind die Mißtrauensanträge erledigt. Das Kreditermächtigungsgejetz wird dem Haushaltungsausschuß überwiesen. Montag Zolltarifnovelle.
und die Regierung genau dastehen, wo sie heule stehen. Vielleicht wäre es deshalb klüger gewesen, schon jetzt reinen Tisch zu machen, anstatt den Schrecken ins Endlose zu verlängern. Das Eingreifen des Reichsbankpräsidenten hat dazu beigetragen, die Fraktionen gefügig zu machen. Das nächste Mal wird aber auch dieses Mittel versagen. Dann steht, da die Bayerische Volkspartei sich abseits hält und die Hälfte der Deutschen Voltspartei in die Opposition gegangen ist, das Kabinett Müller ohne jede Reserve da und wird kaum imstande fein, die taktischen Fehler gut zu machen, die es diesmal begangen hat.
Sitzungsbericht.
Berlin. 14. Dez. (DDZ.) Auf der Tages-' ordnung des Reichstags steht die Fortsetzung der Besprechung der Erklärung der Reichsregierung.
Abg. Dr. Oberfohren (Dnt)
führt aus. die Erklärung verschiedener Regierungsparteien bedeute eine knappe Absage und ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung. Praktisch fei der Zusammenbruch des Kabinetts Hermann Müller da. Selbst wenn jetzt ein kümmerlicher Ausweg gefunden werde, sei das Kabinett moralisch erledigt. Hier gelte das Wort des Abgeordneten Quaatz: Sie sind längst tot. Sie wissen es nur nicht. Die offene Fe Id schlacht, in der die Regierung siegen wollte, ist von der Regierung verloren worden. Der einzige Finanzminister, der eine vorsorgliche Finanzgebahrung übte, war der deutschnationale Minister v. Schließen. Der von ihm angehäufte Schah ist von seinen Rachfolgern vertan worden, vor allem durch den Minister Reinhold. Die Ultirnoschwierigkeiten haben sich zu einem Krisenmoment der deutschen Politik überhaupt entwickelt. Wir haben jetzt keine Staatsführung, sondern eine Methode, die das Volk mit verbundenen Augen in den Abg rund führt. Wir haben einen unehrlichen Etat. Von einer umfassenden Finanz- und Steuerreform ist feine Rede. Den von der Regierung vorgelegten kümmerlichen Vorschlägen fehlt jeder schöpferische Gedanke. Die deutschnationale Fraktion lehnt die Verantwortung für jede Reubelastung der deutschen Wirtschaft ab. Wenn diese Regierung die Vollmacht für die Haager Konferenz erhält, so wäre das ein Verrat nationaler Interessen, für die das Volk die Quittung geben wird.
Reichsfinanzminister Hilferding:
Ich bin einigermaßen erstaunt, wenn hier manche Redner die Darlegungen über das Defizit als eine überraschende Offenbarung bezeichnet haben. Ich selbst habe doch unter früheren Regierungen wiederholt auf die bedenkliche Kassenlage hingewiesen. Als die jetzige Regierung ihr Amt antrat, mußte sie ein Kassendefiz'it von mehr als einer Milliarde übernehmen. In den Jahren 1926 und 1927 wurden alle früheren Reserven auf gezehrt. Wenn die Kreuger-Anleihe eingegangen ist, wird das Kassendefizit am 1. April noch 900 Millionen betragen, denen 400 Millionen an Deckungsmitteln gegenüberstehen. Um das Defizit zu beseitigen, brauchen wir die schleunige Durchführung der Beitragserhöhung zur Arbeitslosenversicherung. Von einer katastrophalen Finanzlage Deutschlands kann man nicht sprechen. Wer das tut, erschüttert den deutschen Kredit in der Welt. Wir arbeiten daran, für die Zukunft das Finanzwesen dadurch zur Gesundung zu bringen, daß feine Ausgabe mehr ohne Deckung beschlossen werden kann. Ich habe für den letzten Etat Steuerhöhunqen vorgeschlagen. Der Reichstag war dagegen. Er hat die Einnahmen zu hoch, die Ausgaben zu niedrig angesetzt. Was der Reichstag damals von meinen Forderungen ab gestrichen hat, das ist der Betrag des Defizits, vor dem wir jetzt stehen. Ich hätte damals die Konsequenz des Rücktritts ziehen sollen, aber bei der schwierigen politischen Lage hielten mir es damals für unsere Pflicht, dem Reich eine stabile Regierung zu erhalten. Die Deutschnationalen haben durch ihre Forderungen die Ausgaben wesentlich erhöht. Bei der Aufstellung des nächsten Etats müssen wir mit aller Sparsamkeit, aber auch mit aller Sorgfalt vorgehen. Wir erwarten von der Steuersenkung einen Auftrieb der Wirtschaft, eine Verminderung der Arbeitslosigkeit und dadurch weitere Ersparnisse. Die Steuersenkung wird uns auch eine Vereinfachung und Verbilligung der Verwaltung ermöglichen. Die Beseitigung der in der Kommunaloerwaltung vorhandenen Schäden muß im Einverständnis mit den Kommunen möglich sein. Die Finanzen der Länder und des Reiches werden von unabhängigen Instanzen geprüft. Das muß sich auch für die Städte erreichen lassen. Der Minister geht dann auf die einzelnen Punkte des Finanzprogramms ein. Dieses Programm sei wirtschaftlich und sozial tragbar. Es werde seinen Zweck erreichen, wenn der Reichstag die Regierung unterstützt.
Abg. Drewitz (W.p.)
betont, die jetzige Finanztatastrophe wäre vermieden worden, wenn die Regierungsparteien auch die Ratschläge derjenigen Parteien beachten würden, die nicht in der Regierung sitzen. Wir haben schon vor Jahren immer wieder gewarnt vor der Steigerung der
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Die abgeblasene KeWschlocht.
Von unserer Berliner Redaktion.
Die Krise hätten wir also wieder einmal glücklich überwunden. Aber Mühe genug hat es gekostet. Drei Tage und — im wahrsten Sinne des Wortes — drei Rächte wurden hin und her gezerrt, alle möglichen nur denkbaren Kombinationen wurden erörtert und wieder verworfen. Schließlich gelang es, fünf Minuten vor Toresschluß, doch noch zu einer Verständigung zu kommen, wodurch dem Kabinett eine Mehrheit gesichert ist, die zwar gegenüber dem Vollbestand der hinter der Koalition stehenden Parteien ein Manko von mehr als fünfzig Stimmen aufweist, aber doch noch stark genug ist, um dem Kabinett das Leben verlängern zu helfen. Rein äußerlich gesehen, hat daher die Sozialdemokratie recht behalten, als sie schon zu Beginn der Woche von der „Konkordien- forme!" sprach, die alle Schwierigkeiten lösen sollte. Sachlich aber steht hinter dem Ausgang der Krise noch sehr viel mehr, steht ein grundsätzlicher Umfall der Sozialdemokratischen Partei. Durch das verwirrende Drum und Dran ist die große Linie der innerpdlitischen Entwicklung einigermaßen verwischt worden. Jin Ergebnis aber muß sie doch noch einmal unterstrichen werden: der Reichskanzler hat sich dazu bekannt, daß die sozialistischen Methoden der Steuerpolitik, die in der Deutschen Republik seit der Revolution verfolgt worden sind, einen Zusammenbruch erlitten haben. Er hat zugeben müssen, daß die Rettung allein in einer kapitalistischen Steuerpolitik liegen kann. Und die sozialdemokratische Fraktion hat sich dieser Anschauung an geschlossen. Die Sozialdemokraten haben damit die Grundsätze, nach denen sie feit einem halben Jahrhundert arbeiteten, geopfert und einen Teil der Irrtümer ihres Parteiprogramms anerkannt. Das ist für sie bitter gewesen. Wir verstehen es durchaus, wenn ihnen dieses Zugeständnis nicht leicht fiel. Gerade vom bürgerlichen Standpunkt aus muh aber der prinzipielle Umfall der Sozialdemokratie unterstrichen werden: selbst solange noch die Gefahr besteht, daß in der praktischen Auswirkung der Erkenntnisse die Sozial- dernokralie im nächsten Vierteljahr wieder ausbricht. An dem, was geschehen ist, kann sie nichts mehr ändern, darauf liegt sie fest.
Wir verstehen es aber ebenso, wenn ein Teil der Deutschen Volkspartei sich trotzdem nicht dazu entschließen konnte, der Regierung das Vertrauen zu votieren. Ein Vertrauensvotum ist an sich nur ein politisches Instrument, im Augenblick aber war es doch noch etwas mehr, und dieses Mehr wollte die Minderheit der volksparteilichen Fraktion nicht geben, weil sie nach den bisherigen Erfahrungen von tiefstem , Mißtrauen gegen die Person des Finanzministers Dr. Hilferding erfüllt ist, der anderthalb Jahre nichts getan hat und nun mit dem Mut der Verzweiflung im Handumdrehen nachholen wollte, was er durch Monate hindurch versäumt hatte. Die Volkspartei hat eine gewisse Vorleistung geben müssen mit der befürchteten Zustimmung zu der Erhöhung der Arbeitslosenbeiträge. Sie hat aber dafür von den Sozialdemokraten zum mindesten eine protokollarische Festlegung auch auf die Senkung der direkten Steuern erhalten, die nicht nur die sozialdemokratische Fraktion, sondern auch das Kabinett auf die Erfüllung dieser Zusagen festlegt, über das Maß dessen, was in der Vertrauenskundgebung des Reichstags gesagt ist. Denn diese Kundgebung, die schließlich kurz vor der Abstimmung eingebracht wurde, erfüllt die Forderungen, die der Kanzler namens des Kabinetts gestellt hat, nicht. Sie beschränkt sich auf 'eine Billigung der Regierungserklärung und auf das Vertrauen darauf, daß das Programm durchgeführt wird. Sie enthält dem Buchstaben nach nur die Bindung der Regierung, nicht aber die Bindung der einzelnen Parteien. Die sozialdemokratische Fraktion hat also nach wie vor die Möglichkeit, bei der Cinzelberatung durch eine Hintertür zu entweichen. Hat diese Möglichkeit dank ihrem Kanzler, der mit der Faust auf den Tisch schlagen wollte, plötzlich aber den erhobenen Arm sinken ließ und mit einer bescheidenen Bitte kam, die ihm feine Fraktion nicht verweigern wollte. Aus der offenen Feldschlacht ist nichts geworden. Sie wurde, als es darauf ankam, abgeblafen und durch ein harmloses Manöver erseht.
Unvermeidlich deshalb, daß die Regierung trotz des Vertrauensvotums mit einem wieder verminderten Restbestand an Autorität aus diesem Kampf hervorgeht. Sie hat zwar den Erfolg, daß die lose Bindung, die seit dem Sommer das Kabinett zusammenhielt, etwas verstärkt worden ist, sie wird aber damit nicht allzu viel anfangen können, weil unschwer vorauszusehen ist, daß bei der nächsten Gelegenheit schon die Krise, die diesmal mühsam verkleistert wurde, erneut ausbricht. Das kann schon in dieser Woche fein, wenn im Reichstag um die Zollvorlage gekämpft Ivird, die auch vor Weihnachten noch unter Dach gebracht werden soll: das kann sich aber noch hinziehen bis über den Januar hinaus, bis die Sozialdemokratie den Wechsel ein- lösen soll, den sie am Samstag im Reichstag ausgefüllt hat. Wir glauben trotz allem nicht, daß sie dazu imstande fein wird. Wir sehen kommen, daß spätestens im Februar der Reichstag
Dr. Scholz zum Parteiführer der Deutschen Volkspartei gewählt
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2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt.
Zernsprechanschlüfse unterSammelnummer2251. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Hießen.
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