Ausgabe 
16.11.1929
 
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Ur. 270 fünftes Blatt

tioe ausgewählt werden.

an die Central casting

Es einer öiens

aus

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3A spreche vom Nationalen meine aber nicht dos Politische, denn grade das wird in unserem R Rilm mit aller Vorsicht vermieden. Eine scbarfe, u kombiniert britisch-indische Zensur wacht darüber, bcfi das englische Prestige nicht leide. Jede Provinz liot ihren ciaenen Zensor, es kommt vor, das; ein bestimmter Film in der einen Provinz verboten, in der anderen erlaubt wird, und der Kampf geht jefct um eine Zentralzensur. Kurzum: das Ratio» wole besteht lediglich darin, daß rein indische Mo»

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Wer in Hollywood skalieren will, muh sich

OieExtras" von Hollywood.

Von Rudolf Lothar.

Tausende rmd tausende Menschen ziehen all- I jährlich nach Hollywood in der Hoffnung, dort ifhr Glück zu machen. Das Gvldgräberfieoer, das einst Kalifornien beherrschte, ist nichts im vergleich zum Filmsicber. von dem es heute ergriffen ist. Nur daß der Goldgräber tausend­mal mehr Chancen hatte, als derExtra", der es zum Star bringen will. Extra heißen drü­ben die Statisten. Man kaim aber die jungen Menschen, die auf diese Weise ihr Glück machen wollen nicht genug warnen, denn die Arbeit ist schrecklich, die Bezahlung schlecht und die Chancen minimal. Gewiß kommt es vor, daß dem Regisseur ein Extra auffätlt, daß er dem Statisten im nächsten Film eine kleine Rolle anvertraut und daß aus dem schlecht besoldeten Figuranten von gestern ein, Star von morgen ; sich entwickelt. An diese Gluckszusalle klammert pkf> die Hoffnung aller, die ankommen. Der Ehrgeiz eines jeden ist, bemerkt zu toerben. Aber tuie wenige werden bemerkt und wie unzählige begraben nach harter Arbeit alle ihre Hoff-

DerVater -es indischen Films"

Gespräch mit Mr. Himansu Rai.

Von Georg Biesenthal.

war in London. Ein junger cand. jur., der reichsten und angesehensten Familien _ zum Studium nach Europa verfrachtet, wie so viele Landsleute aus seiner Kaste wirft <ines Tages alle Bücher in die Ecke gepackt von liner Leidenschaft fürs Theater, die ihn nie wieder losläßt. Er sammelt eine Gruppe junger gleich­gesinnter Inder um sich und zieht nun mit denen sechs Jahre hindurch als Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor durch England wie schon vor ihm ein gewisser Shakespeare.

Man muß, um zu würdigen, wissen, was das be­deutet hat. Er selbst und seine Schauspielgenossen, Söhne der besten indischen Gesellschaft, die trotz ihrer Anglomanie oder gerade deswegen streng konservativ orientiert sind. Hingegeben einer

flunft, die in seinem Vaterland als minderwert g betrachtet wurde. Der Schauspieler: einUnterge­ordneter",letztrangiger",ungebildeter" Vagant, durchaus nicht gesellschaftsfähig. H i m a n s u R a i ioarb von seiner Familie, die seit drei Keneratio-

Intn ausschließlich Juristen produzierte, verfehmt: ein I abtrünniger, verlorener Sohn. Und als er zum er­stenmal in seine Heimat zurückkehrte, um seine El- tsrn zu besuchen, fand sich niemand, der ihn be­grüßte.

Heute hat sich das grundlegend geändert. Mr. . Himansu Rai ist der Stolz seiner Eltern und seines Landes, und an jedem Abend gibt es ihm zu Ehren ein Bankett. Dies übrigens erzählt nicht er. son» ; dern einer seiner Vertrauten. Denn er selbst ist un- eitel wie jeder große Mensch. Und er spricht vom indischen Filmland...

!Da hört man von einer Produktion, die an Um­fang der deutschen nicht nachsteht. Freilich wird sie nur für Indien selbst geschaffen eine Ausfuhr gibt es nicht. Denn diese Filme sind so durchaus ab» gesummt auf Indiens Mentalität, daß sie im Aus­land kein Interesse wecken könnten. Umgekehrt fin­det wiederum fremde Produktion in Indien kaum einen nennenswerten Absatz sie ist den Indern i nverständlich, und die Kluft zwisehen Orient und Occident ist in diesen Dingen noch nickt überbrückt. Unsere einheimische Bevölkerung", erzählt Himansu Rai,zieht aus diesem Grunde inländische Filme, öle ja direkt an ihr Gemüt appellieren, den besten detrtschcn ober amerikanischen vor. Und es gibt nur wenige Filme des Occidents, die bei uns Erfolge

K erz-elen konnten.

Ich stellte eine Gewissen-frage:Sie spreche^ von dem grundsätzlichen Unterschied zwischen westlicher unb indischer Produktion. Haben denn ih>e eigenen »Filme ich meineDie Leuchte Asiens" ' unb dasGrabmal einer großen Liebe" U in Europa nur deshalb so große Erfolge erz'elt, weil sie von vornherein für unseren Geschmack be- stimmt waren oder waren sie auch in Indien von Erfolg gekrönt und dem indischen Geschmack zu- ' gonglich?"

Mein erster Film", antwortete Himansu Rai, läuft noch heute in den Filmtheatern meines Hei- D inatlandes. Während ich an ihm arbeitete, habe ich ! überhaupt nickt daran gedacht, ihn auch für das Ausland schmackhaft zu machen. Ja, ich glaube ge- robe, daß es meine Stärke ist, niemals auch nur für einen Moment nach Hollywood ober Neubabels­berg zu schielen. Gewiß, auch wir vom indischen Film lernen von Eurova aber nur das Tech­nische. Wir haben Photographen nach Deutschland geschickt, um sie die Kunst der Kamera studieren zu Iaffen in allem Uebroen müssen wir national jein, wenn wir uns durchsetzen wollen."

________________ r Corporation wenden, von der alle Filmfabriken' ihren Bedarf an Extras beziehen. Aus dem Register der Central casting Corporation sind ungefähr 4000 Männer eingetra­gen etwa 7000 Frauen, 3500 Kinder, im gan­ten etwa 15 000 Menschen. Davon werden tag- Ich ungefähr 700 gebraucht: 500 Männer. 200 Frauen und etwa zwei Dutzend Kinder. Die anderen gehen spazieren und warten, warten. 3n dieser Vermittlungsstelle sind die registrier­ten Extras nach Charakter, Aussehen und Son­derheiten eingekeilt. Man kann in einer außer­ordentlich sorgfältig geführten Kartotyek alles finden, was an Menschenrnaierial gebraucht wer­den kann: Blonde. Brünette, Farbige, Charakter- sHieler (jung, mittel alt), Exoten, dicke Men-

Samstag, 16. November 1929

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Aus der Wett des Films.

Sie wissen, daß diese Motive bei mir immer aus altindifchcn Legenden stammten. Das Bildhaft- Machen solcher Legenden ergreift unser Piiblilum mehr als jeder andere Stoff, weil die Legende noch heute mit dem Leben des Volkes aufs Innigste ver­knüpft ist. So will ich als NächstesV a f a n t a - Jena" verfilmen, das ja auch bei Ihnen in Deutsch­land durch die Bühne bekannt ist. Ich greife dabei auf die erste Fassung im Sanskrit zurück, die noch den TitelMricha-Katik" führt rechne auch hier wieder auf die erprobte Hilfe meines Regisseurs Franz Osten und des Kameramannes Schüne­mann die beiden einzigen Ausländer meines Ensembles: Deutsche."

S chi cksa l s w ü rse l", den Film, der setzt von mir in Deutschland läuft, habe ich ebenfalls unserem Legendenschatz entnommen. Wir haben ihn gedreht in denselben Palästen, in denen die Legende spielt unb mit denselben Requisiten, von denen sie er» zählt. Wir lassen Elefanten auftreten, die mit Edel­steinen behängt sind im Werte von vielen Hundert- tausenden von Mark, zum Zeichen der Anerkennung haben uns die Maharadschahs diese Kostbarkeiten zur Verfügung gestellt. Ueberhaupt möchte ich bcto= I nen, daß in unseren Filmen allesecht" ist: von i der Szenerie bis zur Beleuchtung. Bei unserem I

Ueberfluß an den herrlichsten alten Bauten sind wir in der glücklichen Lage, keine Atelicrbauien und keine Kulissen zu benötigen und lächerlich wäre es, unter der indischen Sonne, Jupiterlampen auf» flammen zu lassen. Unsere Schauspieler sind unge­schminkt unb unsere Komparserie ist das Volk, wie es lacht und weint."

Mit solchen Motiven und solchen Mitteln haben wir es erreicht, daß der Film, der noch vor fünf Jahren zu Beginn meiner Tätigkeit abgelchnt oder gar bekämpft wurde, sich heute de Herzen unseres Volkes erobert hat. Bei unseren Manuskripten be­deutet diese Filmarbeit kulturelle Mission: Erziehung auch der untersten Massen durch die Kunst, durch wirkliche Volkskunst. Jetzt werden wir versuchen, auch de Analphabeten ins Kino zu bringen der Sprschsilm wird uns dabei helfen und ist deshalb für Indien von größter Bedeutung: gerade als ich vor einigen Wochen Bombay verließ, wurde dort mit den Aufnahmen zum ersten indischen Ton­film begonnen. Wir werden hierbei dieselben Schwierigkeiten haben wie Europa denn wir haben ein noch größeres Sprachgewirr und wir werden erneut Gelegenheit haben zum Lernen: von Europa."

Vom sprechenden Film.

Von Karl Ammon.

Rachdruck verboten 1

Es ist noch in Irischer Erinnerung, daß vor nicht allzulanger Zeit in Berlin ein Filmkrieg wütete, in dem sich die Pa ck eien wegen ihrer Pat?r.tstr iti k cken g-gensutig tie Torstellungen durch gerichtliche Verfügungen verboten o t im letzten Augsnblick, wenn die Zuschauer schon anwesend waren. Wie aber jeder Krieg ein­mal ein Ende hat, so hat man auch auf diesem

daß die Trompet' schon bläst, eh' sie der Trom­peter ang seht h t und daß dec Schuh erst nach dem Absehen des Gewehres knallt. Ulan kann aber auch die Töne in elektrische Stromschwan­kungen umsetzen und diese entweder einer Licht­quelle beispielswei e einer Glimmlampe aufdrücken, oder man kann in den Weg des Lichtes ein mit den Tonschwankungen auf eie.Iri­schem Wege gesteuertes Hindernis einbauen, so

Bild 3. Lichtspielsaal.

Links oben Vorführungsgerät, links unten Maschinensatz. Rechts die Leinwand mit dem Mikrophon dah.nter.

Gebiete Frieden geschlossen: Die Klangsilm- gesell chaft macht die Apparat? unb vertreibt sie, das Tonbildsyndikat erzeugt die Filme. Damit haben die Pat nistreit gkeiten aufg hört. und es können nun Apparate nach allen den beiden Parteien gehörenden Patenten gebaut werden. Den Dorteil davon haben neben den Gesell­schaften die Lichtspielbefucher.

Es gibt die verschiedensten Verfahren zur Her­stellung von Tonfilmen: Man kann z. B. die Töne mit einer Sprechmaschine und gleichzeitig die Bilder dazu mit einer Filmkammer aufneh­men. Dieses Verfahren ist das älteste, und die Schwierigkeiten, die anfangs in bezug auf den Gleichlauf von Film und Grammophon bei der Wiedergabe bestanden, können heute als ziemlich überwunden gelten; es kommt nicht mehr vor,

daß man ebenfalls Lichtschwankungen erhalt. Ein solches Hindernis ist beispielsweise eine Kerr- zelle, wie sie auch in der Dildtelegraphie und beim Fernsehen verwendet wird: Zwischen zwei Kondensatorplatten befindet sich Ritrobenzol, durch das ein mit Kalkspat einebenig gemachter Lichtstrahl hindurchfällt; je nach der Ladung der Kondensatorplalten laßt das Ritrobonzol mehr ober weniger Licht hinburch.

Das schwankenbe Licht kann man nun auf einem gleichmäßig durch den Lichtstrahl beweg­ten Filmstreifen festhalten. In der ersten Zeck mußte man dazu den Firmstrcifen breiter machen. Reucrdings aber hat man das Bild etwas ver­schmälert und so zwischen ihm und der linken Lochung einen Streifen gewonnen, auf dem die Töne in Gestalt kurzer wagerechter Striche

Platz finden (Bild 1 und 2). Die Tonhöhe wird dabei durch die Aufeinanderfolge der Striche, die Lautstärle entweder durch mehr oder minder große Verschiedenhckt ihrer Länge oder durch ihre Färbung auägcörült. Die Klangsilmgesell­schaft wendet das zulel,t genannte Verfahren an.

Ton unb Bild werden gleichzeitig ausgenom­men, indem im Aujnahmcraum - ober auch im Freien ein Mikrophon ober mehrere Mikro­phone ausgcst llt werden. Der Bildstreifen wird in der beim stummen Film üblichen Weise im Aufnahmeraum gedreht, der Ton aber in einem Rebcnraum, in den vom Mikrophon eine Doppel­leitung führt, auf einen b.fon.ercn Streifen ge­bracht. Rachher werden die beiden Filmstreifen auf einen gemeinsamen Film kopiert, und zwar

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Bild 1 Bild 2

Links Streifen für den stummen Film, rechts Tonfilmstreifen. Man si.ht den Ton im Bild 2 rechts neben der linken Lochung.

so, daß der zu einem Bild gehörende Ton um 19 Bilder nacheilt. Dies ist deshalb nötig, weil sich ja die Bilder bei der Wiedergabe bei den meisten Wiedergabeapparaten ruckweise am Bildfenster vorbcibewegen müssen beim Ton­film haben sich die Industrien aller Länder auf 24 Bilder in der Sekunde geeinigt, also auf P/2mal soviel wie beim stummen Film, wäh­rend der Film bei der Abnahme des Tones ganz gleichmäßig laufen muß.

Die Wiedergabe dieser Tonfilme geschieht genau wie die stummer Filme, nur wird der Tonstreisen in 19 Bildern Abstand vorher von einem Lichtstrahl durchleuchtet; dieser Strahl fällt auf eine lichtempfindliche Zelle, die ihn nun in Stromschwankungen umseht. Die Stromschwan­kungen werden einem Lautsprecher hinter der Leinwand zugesührt (Bild 3) und so hörbar ge­macht. Ratürlich werden die Ströme sowohl bei der Ausnahme wie bei der Wiedergabe verstärkt, und zwar genau in derselben Weise wie beim Rundfunkempsang.

Der Technisch-Literarischen Gesellschaft wurde kürzlich Gelegenheit geboten, die Wiedergabe und die Ausnahme von Klangfilmen im Stu- bienatclier und Versuchslaboratorium der Klangfilmgesellschast in Berlin-Reinickendorf zu sehen. Es ist erstaunlich, welche mv geheuren Fortschritt? in der letzten Zeit auf dem Gebiete des Klangsilms gemacht worden sind nur das S der Sprache trotzt noch allen Be­mühungen: Cs will nicht recht herauskommen. Die Übereinstimmung von Bild und Ton ist vollkommen. Ausgenommen wurde ein Klang­film, in dem ein Künstler in vollendeter Weise die singende Säge zu Klavierbegleitung spielte. Die Säge ist zwar keine Säge, sondern ein zahn­loses Stahlband von etwa Armlänge, das mit seinem breiteren Ende in einen Holzklotz einge­spannt ist. Den Holzklotz klemmt dcr Spieler zwi­schen die Schenkel unb biegt das Stahlband nach links. Mit der rechten Hand streicht er dieDand- fante mit einem Geigenbogen. 3e weiter er das freie Ende des Bandes abwärts biegt, desto höher wird der einer klagenden menschlichen Stimme ähnliche Ton. Dieser Ton ist für den Lautsprecher besonders geeignet. Aber auch das Klavier kommt sehr gut heraus, und seiner Wiedergabe hastet nicht mehr der Klang des Holzilaviers an, den wir aus den Anfängen des Rundfunks nur zu gut k'nnen.

schen, dünne Menschen. Fechter, Eisläufer, Ju­den. romanische Menschen (jung, mittel, alt) Langhaarige. Verkümmerte. Plafllker. Schwim­mer, Chinesen, Cowboys, Zahnlose, Geheimnis­volle, ilni.ormträgcr, Kellner, Spieler. Gendar­men Hindus. Indianer, Jockey i Masken­macher (d. h. solche, die sich gute Maske machen können), Mexikaner. Mu ifec, Akrobaten Tier- darsteller, Kahlköpfige, Bärtige usw. Ratur- lich gibt es auch unter den Bärtigen Spezia­listen: Kinnbart. Kaiserbart, großer Schnurr- bart langst Bart, Patrarchenbart, Judenbart. Ziegenbart, das alles ist zu haben. Der Re­gisseur telephoniert an die Agentur, sagt feinen Bedarf an und bekommt alles pünktlich gelie­fert. Der Laie wird vielleicht verwundert fra­gen. warum man z. B. Bartfornzen in natura sucht da ja jeder Bart sich künstlich machen läßt. Aber die Ratur ist immer besser als die beste Maske. Unb warum soll man sich b:e Mühe geben. Maske zu machen, wenn man alles echt haben kann?

Wenn der Extra Glück hat und engagiert wird, bekommt er sechs biZ zehn Dollar pro urag. Aber kaum einer unter 5030 verdient 25 Dollar die Woche. Ich will hier gleich etwas bemer­ken, was für die Beurteilung aller amerikani­schen Verhältnisfe von Wichtigkeit ist: daß 25 Dollar zwar bei uns 103 Mark bedeuten, aber drüben höchstens die Kaufkraft von 50 Mark haben. Ein gut beschäftigter Extra verdient 20 Dollar die Woche, aber die meisten bringen es nicht über 10 Dollar. Die allerbesten Ge­sellschaftsdamen. bildschöne Mädchen mit eige­nen. oft kostbaren und geschmackvollen Tollsten bringen es höchstens rm Durchschnitt zu 40 Dol­lar im Monat. Unb dafür müssen sie. wenn sie arbeiten, von acht Uhr morgens bis 8 Uhr abends auf dem Posten sein. Wenn sie arbeiten, betrachten sie das als großen Glückst all, denn jeder Arbeitstag birgt ja die unerhörte Chance in sich, aus dem Meer der Extras aufzutauchen und in die Reihe der Prominenten aufgenom­men zu werden. Unb weil dies vorgckommen ist, und immer wieder Vorkommen kann, ist

jeder Extra ein leidenschaftlicher Phantast, der unerschütterlich an seine Zukunft glaubt.

In früheren Jahren, noch, als ich vor drei Jahren z im erstenmal in Hollywood war, konnte man die Extras in den verschiedensten Kostümen wiederholt auf der Straße und in Restaurants treffen. In der Lunchpaufe dachte keiner daran, sich abzuschminken und umzuziehen, sondern jeder lies so, wie er war, über die Gasse ins Lunch- lokal. Ein Wallensteiner mit Pfundssporen und wehendem Federbusch am breiten Hut sprang auf die Tramway auf. Rokokodamen trippelten über den Fahrweg, Sansculotten sahen reihen­weise in einer Dar, Römer in weißer Toga fuhren im Auto vorbei. In sehr vielen Restau­rants hingen sogar Tafeln aus:Schauspieler in Kostüm und Maske willkommen." Jetzt sieht man kaum mehr kostümierte Extras auf der Straße. Alle Studios haben ihre eigenen Kantinen, wo man gut und billig essen kann. Und bei Freiauf­nahmen wird sehr oft der Lunch in hübschen Pappkörbchen an die Extras gratis verteilt.

L u b i t s ch dreht den Einzug des Erbprinzen in Karlstadt.Hinter der Front" kampieren schwere Reiter in blitzenden Kürassen, die Musik­kapelle wartet auf das Zeichen zum Einzug, die Hofkalesche, in der der Prinz und feine Braut sitzen, ist bereit. Und längs der Straße stehen die Berge von sauberen, weißen Pappschachteln: der Lunch für alle Beteiligten. Ich kann es mir nicht versagen, bei dieser Gelegenheit eine kleine Geschichte zu erzählen, die von einem Zufalls­wunder handelt.

Der Wagen der Fürstlichkeiten soll durch ein großes Tor fahren. Es ist ein mächtiges Stadt­tor, von einem Turm gekrönt, von dessen Zinnen die Fahnen lustig flattern, Lubiisch als Gene­ralissimus inspiziert jede Kleinigkeit. Auf die dunkle Innenwand des Tores muh ein heller Fleck. Ratürlich gibt es am Hochzeitsabend des jungen Paares Festvorstellung im Hoftheater. Er ruft also einen seiner Getreuen, diesmal ist es der Maler Ali Huber, und sagt: »Kleben Sie mir mal da einen Theaterzettel an! In einem Studio gibt es alles. Makulatur nach

jedermanns Geschmack, Zeitungen in allen Spra- . chen, Theaterzettel in allen Formaten, kurzum alles, was es auf dem Gebiete gedruckten Pa- pieres nur geben kann. Weiß der Teufel, wo in Europa diese Makulatur aufgetauft wird. Ali Huber gibt also diesen Befehl weiter. Es dauert nicht lange und es wird ihm ein schöner Theater­zettel gebracht, der sofort mit Kleister an die Mauer geklebt wird. Ich bin neugierig und komme heran, um zu sehen, was denn als Fest­vorstellung im Hofcheater zu Karlstadt zu Ehren der Jungvermählten gegeben werden soll. Und was seh ich? Cs ist ein deutscher Zettel mit einem Stück von mir. Ich habe natürli-h nicht versäumt, mich bei Lubitsch zu bedanken für diese grenzen­lose Aufmerksamkeit, deren Zartgefühl schon iirs Märchenhafte geht. Lubitsch, der immer zu jedem Scherz bereit ist, beeilt sich zu erwidern:So wird eben jeder europäische Dramatiker in Holly­wood geehrt!"

Aber ich wollte ja nicht von einem Theater­zettel sprechen, sondern von Extras. Alle die Männer, Frauen und Kinder, die die Straße ein» säumten, die Kürassiere hoch zu Roh, die Musik­bande mit dem Tambour, alle haben ganz deut­sche Gesichter. Die Kürassiere sehen aus wie echte deutsche Reiter, die Männer und Frauen wie urechte Bewohner von Karlstadt, und alles ist Ratur und nicht etwa Kunst der Maske. Man kann eben in der Central casting Corporation alles finden, was man will. Deutsche Klein­städter und deutsche Soldaten, Weltdamen so gut wie Apachen, Arbeiter und Kavaliere, den Mob und die Creme jeder Großstadt und eines jeden Landes. Rirgends in der Welt ist ein so differen­ziertes Menschenmaterial vorhanden.

Dieses Menschenmaterial erneuert sich fort­während. Der Zustrom nach Hollywood hört nicht auf. Keine Warnung nutzt, keine Schilde­rung der schlechten Chancen. Jeder glaubt, daß er, gerade er, oder sie. gerade sie. dazu berufen ist, ein Star zu werden. Die Extras von Holly­wood sind eine Armee von unerschütterlichen, fa­natischen Optimisten.