Donnerstag, 15. Augustiory
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 190 Zweites Blatt
Anastasias Anwalt, Grandseigneur und Verschwörer.
OerTod deSHerzogS vonLeuchtenberg. — OerVerwandie von dreiKaiserhäusern. Ein bayerischer Zweig der Zarenfamilie. — Führer der Emigranten und Beschützer der „Zarentochter" Anastasia.
Von Or. Walter Florian.
Der Berg des Mitleids.
Gommertage in der spanischen Hauptstadt
Don unserem v. Qss.-Derichterstatter.
Herzog Georg von Leuchtenberg ist soeben auf seinem Schloß in Oberbayern gestorben.
2m schönsten Teil Oberbayerns, am Rorduser des Chiemsees, liegt dos herrliche Schloß Seeon; Benediltinermönche hatten dort eine Abtei errichtet, deren Kirche aus dem elften Jahrhundert stammt und die später in einen feu. dalen Herrensitz umgewandelt wurde. Dieses Schloß, berühmt durch seine großen Kunstschähe und durch eine wertvolle Bibliothek, die vor einigen Monaten versteigert worden ist, gehörte der Kaiserin Donna QImalia von Brasilien, der Witwe des brasilianischen Kaisers Don Pedro; Donna Amalia war eine Schwester des Fürsten Rikolai Maxirnilianowitsch Roma- n o w s k y , der auch den Titel eines Herzogs von Leuchtenberg führte, und nach dem Tod der brasilianischen Kaiserin-Witwe erbten daher die Herzöge von Leuchtenberg das wert, volle Besitztum in Oberbayern. Das war im 2ahre 1873, und seitdem wohnen die Leuchten, bergs, deren Titel bayerischer Herkunft ist und die mit dem Hause Wittelsbach verwandt sind, wieder am Chiemsee. Bei Kriegsausbruch weilte ein Enkel des eben erwähnten Fürsten Bi- kolai, der Herzog Georg von Leuchtenberg, auf Schloß Seeon, das er nun verlassen mußte, ohne aber interniert zu werden; vor diesem Schicksal bewahrten ihn seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum bayerischen Königshaus. Erst nach der russischen Revolution siedelte Herzog Georg wieder nach Seeon über, und dort ist er nun nach einer Reihe romantischer Abenteuer im Alter von 57 2ahren gestorben.
Es ist verständlich, daß sich die Träger eines so großen Ramens mit der russischen Revolution und mit ihrem unsanften Sturz von den Hoden der Macht nicht abfinden konnten. Der älteste Sohn des Herzogs Georg von Leuchtenberg. Prinz Dimitri Georgiewitsch, diente rm russischen Heer und wurde als Jüngling von 21 Jahren nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution in der Peter-Pauls-Festung zu Petersburg gefangengehalten, bis es ihm gelang, zu entfliehen und die Truppen des Generals W r a n g e l zu erreichen, in dessen Heer er a<s Freiwilliger Menst tat. Sein Batcr blieb mit General Wrangel auch nach dessen militärischen und politischen Mißerfolgen eng befreundet und war offiziöser Bertretcr Wränget in Deutschland, also das Oberhaupt der monarchistischen Emigranten. Er stand auch in engen Beziehungen zu dem früheren russischen Militärattache in London, Exzellenz Sablin, der der Borsitzende aller antibolschewistischen Organisationen in England gewesen ist. Die führende Stellung, die Herzog Georg von Leuchtenberg unter den russischen Emigranten besah, verwickelte ihn aber in recht zweifelhafte Abenteuer. So ist erst vor einiger Zeit bekannt geworden, daß Herzog Georg auch enge Beziehungen zu jenen merkwürdigen „Politikern" unterhalten hat, die das Sowzet- system durch die Fabrikation falscher Banknoten zu stürzen hofften. 2m Frühzahr 1926 lernte dec Herzog von Leuchtenbcrg in München den Kaukasier Karumigze kennen, mit dem er sich darüber beriet, wie man in Georgien antibolschcwistische Aufstände anzettcln könnte. Er gab ihm Empfehlungsbriefe an General Wrangel und an den englischen Oelherrscher Detcrding, der dann zusammen mit dem deutschen General Hoffmann einen Plan für eine georgische Gegenrevolution ausarbeitete. Rückschauend muß man sich über Raivität des russischen Herzogs Wundern, der als Gelegenheitspolitiker in die Weltgeschichte eingreifen zu können glaubte. Es ist nicht geklärt, ob der Herzog von Leuchtenberg davon gewußt hat, daß Karumigze und seine georgischen Freunde den Aufstand im Kaukasus mit falschen Tscher- wonzennoten finanzieren wollten und also ein schweres Verbrechen zur Durchsetzung ihrer politischen Pläne begingen. 2mmerhin war diese Verbindung für den russischen Aristokraten peinlich genug.
Auch in einer anderen zweifelhaften Angelegenheit wurde der Rame des Herzogs Georg oft genannt. Er setzte sich nämlich leidenschaftlich für die „Z a r e n t o ch t e r" Anastasia ein, die lange Zeit auf Schloß Seeon gelebt haj. und von der er Wohl bis zuletzt annahm, daß sie tatsächlich die Wahrheit über ihre Abstammung und über ihre merkwürdige Rettung bei der Hinrichtung der Zarenfamilie gesagt hat. Die Art, in der sich der Herzog von Leuchtenberg für Anastasia von Tschaikowsky einsehte, spricht ebenfalls dafür, daß der Schloßherr von Seeon kein vorsichtiger Politiker war, und er hat sich wegen dieser Angelegenheit auch mit vielen Mitgliedern seiner Familie überworfen. Dagegen gelang es ihm, aus einer anderen Skandalaffäre gerechtfertigt hervorzugehen. Der Schriftleiter einer nationalsozialistischen Zeitschrift hatte dem Herzog nämlich vorgeworfen, seinerzeit die in Kiew zur Aufstellung der russischen Rationalmiliz zur Verfügung gestellten deutschen Gelder ver- geudet und für übermäßige Spesen verrechnet zu haben; das Geld sollte für seine persönlichen Zwecke verwendet und zum Teil in der Schweiz angelegt worden sein. Auch wurde behauptet, daß der Herzog von Leuchtenberg „einer der wenigen russischen Emigranten sei, die aus dem allgemeinen Zusammenbruch der russischen Revolution so viel gerettet hätten, um das Leben eines Grandseigneurs auch in den teuersten europäischen Ländern sortsehen zu können, und daß dieser internationale Fürst von Deutschland aus eine politische Propaganda leite, die er mit seinen Schweizer Geldern dunkler Herkunft speise". Als der völkische Schriftleiter daraufhin wegen Beleidigung verklagt wurde, vermochte er aber nicht den Beweis für seine ehrenrührigen Dehaup. tungen zu erbringen.
Auf Schloß Seeon weilte vor anderthalb Zähren auch ein Gast, der nur ungern ausgenommen worden ist. Das war Fräulein Ella Müller aus München, die noch kurz vorher in der Münchener Altstadt als Dienstmädchen in Stellung war. Die Hausfrau, der sie in der Wirt- schäft half, besaß einen Damenfrisiersalon, in dem
Die Masse des Volkes aber vergnügt sich, wie es eben geht, und wenn der kühle Rachtwind kommt, ziehen sie auf die „Derbena". Die Ver- bena ist eine feine Erfindung, sie nimmt ihren Anfang in den ersten 2unitagcn in der Bombilla, dem Madrider Vergnügungspark, und zieht sich von dort durch sämtliche Madrider Stadtviertel. Jahrmarktsbetrieb, Luftschaukeln, Schießbuden, „Haut den Lukas". Erfrischungshallen, Drehorgeln und hundert andere schone Dinge beglücken nicht nur den Besucher der Verbena, sondern ver- schaffen auch sämtlichen Umwohnern eine Woche hindurch täglich drei köstliche schlaslose Racht- stunden. Zu Tausenden wandert die Menge zur Verbena, Kops an Kopf schieben sie sich vorwärts, Staubwolken aufwirbelnd, gestikulierend und schreiend. Man hat das Gefühl, sie wollten fich alle totschlagen, und erst beim näheren Zusehen merkt man die Harmlosigkeit. Das ganze so überaus kriegerisch klingende Geschrei ist tatsächlich höchster Freudenausdruck. Anerkennend hervor- gehoben muh die Tatsache werden, daß man trotz all der an den Tag gelegten Begeisterung fast keine Betrunkenen sieht. Wenn man sich also an das Kriegsgeheul gewöhnt hat und gut aufpaßt, daß man keinen der Säuglinge anrempelt, die mit Vater. Mutter, Großmutter und allen übrigen Familienmitgliedern derartigen Festlichkeiten ebenfalls beizuwohnen pflegen. bann_ Passiert einem sicher nichts. Das Volk ist hier überhaupt außerordentlich. harmlos und viel weniger aggressiv als in der lieben Heimat. Provozierte Raufereien, Anrempeln, blöde Bemerkungen und andere sinnreiche Vergnügungen, wie sie bei uns so beliebt sind, kennt man hier nicht. 2eder tut und läßt, was ihm gerade Spaß macht und fordert von seinen Mitmenschen nur, daß sie ihn in seiner Feststimmung nicht stören.
„Madrid im Sommer, ohne Familie und mit Geld — Baden-Baden" hat einmal ein ganz Witziger gesagt. Ratürlich hat er Baden-Baden noch nicht einmal auf der Landkarte gesehen, aber angesichts des Ueberflusses seiner Freude über das Strohwitwertum muh man ihm den Vergleich verzeihen! —
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Madrid, August 1929.
Auch der Sommer ist hier entschieden beeinflußt von der sprichwörtlichen spanischen Rrtter- lichkeit. 2n liebenswürdigster Weise hat er stch während der Dauer der heuer nicht endenwollenden Internationalen Veranstaltungen auf spanischem Boden zurückgehalten, bis auch der letzte „Extranjero de distinccion“ (Ausländer von Klang) hinter den rot-gelben Grenzpfählen verschwunden war. Dasür holt er jetzt alles Versäumte nach und benimmt sich einfach rüpelhaft. Fünfunddreihig Grad im Schatten ist so der Durchschnitt. Ratürlich vermeidet da jeder, der kann, untertags auf die glühenden Straßen zu gehen. Man kriecht erst am Abend aus seinem Bau und dankt seinem Schöpfer für den leisesten Lufthauch, der sich etwa aus dem Gebirge mitleidig nähert. Die steigende Temperatur bringt selbstverständlich einen zunehmenden Flüssigkeitsverbrauch, und das kostet Geld. Wenn man das nicht hat, muh man es sich beschaffen, besonders, wenn die Familien sechs-, sieben- und noch mehrköpfig find, wie das hier auch in den ärmsten Kreisen so vaterländische Pflicht ist. Da gibt es ein segensreiches 2nstitut, das ohne Wucherzinsen, beinahe umsonst, aushilft: das Pfandhaus. Dieses in Spanien ohne Zweifel lebensnotwendige soziale 2nstitut führt hier, seiner hilfreichen Aufgabe entsprechend, einen viel weniger brutalen Ramen als in Deutschland, es heißt „Monte de Piedad“ — Berg des Mitleids — kurz „Berg" genannt. Dahin toan- dert jetzt aller Ballast der kälteren 2ahreszert, wie Mäntel, Smokings, Fracks, Wolldecken, Unterbetten und was es sonst noch an entbehrlichen Dingen gibt. Diel bekommt man ja dort gerade nicht für dieses Zeug, aber immerhin fangt es für den obengenannten Zweck.
Das sicherste Zeichen dafür, daß der Sommer einwandfrei da ist, sind die Zeitungsnachrichten über Liebestragödien. Wenn es wärmer wird, kommt das spanische Blut in Wallung. Es vergeht dann kaum eine Woche, in der nicht ein „Novio" (Bräutigam) seine „Novia" (idem, aber weiblich) ober auch umgekehrt in ein besseres Jenseits befördert, sei es, weil sie ihn nicht mehr will oder er es sich anders überlegt hat. Jedenfalls gedeiht die Eifersucht mit der zunehmenden Hitze, und es empfiehtt sich für jeden Nichteingeweihten, in dieser Zeit lieber täglich dreimal kalte Duschen zu nehmen, als auf Eroberungen auszugehen. Wenn aber gar ein Landsmann bei einer Familie wohnt, wo eine hübsche „Filia hospi- talis“ mit der den Spanierinnen eigenen kräftigen Stimme zarte Liebeslieder in den nächtlichen Himmel hinauszwitschert, bann, o Frember, packe beine Koffer in aller Stille unb entfleuche, benn bas Unheil schreitet schnell, unb man hat hier zum Teil noch recht altertümliche Anschauungen auf Gebieten, wo du von Freiheit unb Selbstbestimmung träumst! Bor allem aber soll man sich über bie Begriffe „Novio" unb „Novia" im klaren sein, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden: der Novio ist ein männliches Wesen, das seiner hauptsächlichsten geistigen Fähigkeiten meistens beraubt ist unb sich in bie absolute Abhängigkeit eines bestimmten unverheirateten weiblichen Wesens begeben hat, währenb bie Novia völlig Herrin ihres Willens ist, ja ihn in bieser Zeit sogar besonbers scharf zum Ausbruck bringt unb mit kühler Berechnung auf ihr Ziel lossteuert, welches in ber Uebernahme ber Sorgen für ihr unb ihrer Familie weiteres Erbenbafein burch ben Auserwählten besteht.
Madrid bekommt jetzt ein ganz anderes Gesicht. Rachdem die letzten von den unzähligen festlichen Veranstaltungen der Madrider Gesellschaft ausgeklungen waren, begann der Zug nach dem Rorden. Die königliche Familie ging nach Santander, die Regierung nach San Sebastian, die Botschaften ebenfaUs. Wer cs sich irgendwie leisten kann, fuhr auch dahin, um Lern kastilischen Sommer zu entfliehen. Die Züge nach der Rordküste waren so besetzt, daß man sich acht Tage vorher seine Fahrkarte besorgen mußte. Das segensreiche 2nstitut der Dor- und Machzüge kennt man hier nicht, wer also fei»
Das Aufsehen, das das Hervortreten des Herzogs in einigen dunklen Angelegenheiten verursacht hat, wird verständlich, wenn man die gesellschaftliche Stellung des Geschlechts der Leuchtenberg bedenkt. Sie sind direkte Rachkommen der Kaiserin 2osephine von Frankreich. der ersten Gattin R a pole ons I. 2hr Sohn aus erster Ehe, Gras Eugen von Deauharnais, der 1805 zum Dizekönig von 2talien ernannt und zwei 2ahre darauf von Rapoleon I. adoptiert wurde, heiratete die Tochter des ersten bayerischen Königs Maximilian 2oseph und erhielt im2ahre 1817 von seinem Schwiegervater den Titel eines Fürsten von Eichstätt und Herzogs von Leuchtenberg — nach der oberpfälzischen Landarafenschaft Leuchtenberg in der Rähe von Regensburg, deren letzter Landgraf zwei 2ahrhunderte vorher gestorben war. Dieser erste Träger des neuerstandenen Titels lieh sich im 2ahrc 1816 das später nach ihm benannte Palais Leuchtenberg am Odeonsplah in München bauen, in dem nun der frühere bayerische Kronprinz Ruprecht wohnt, der übrigens ein guter Freund des soeben verstorbenen Herzogs Georg gewesen ist. Die Rachkommen des Grafen Deauharnais verheirateten sich mit den Dynastien ganz Europas; sie gelangten auf den schwedischen Thron, verschwägerten fich mit den Hohenzollern. mit den Württembergern, mit dem portugiesischen Königsgeschlecht und schließlich mit dem Zarenhaus, so daß die Herzöge von Leuchtenberg die Ver- wandten der früheren Kaiser von Frankreich, von Brasilien und von Rußland sind. 2n Rußland erhielten sie den Zunamen „Romanowsky" und die Anrede „Kaiserliche Hoheit".
nen Platz errungen hat, bleibt eben solange hier, bis er an die Reihe kommt — Zeit spielt ja in Spanien immer noch keine übertriebene RoUe! —
Ein großer Teil der Madrider Aristokratie ist übrigens San Sebastian untreu geworden, eit Primo das Glücksspiel in Spanien verboten hat. Sie verbringen jetzt den Sommer in Biarritz und lassen ihre Tausender bei den Franzosen. Schade um die Millionen, bie Spanien auf diese Weise durch die Finger gehen!
Hier in der Hauptstadt aber scheinen ganze Strahenzüge verlassen und verwaist. Wie aus- gestorbcn liegen die vornehmen Diertel Madrids im Sonnenbrand. Wer aber nun etwa glaubt, es seien wirklich alle 2nwohner an die See gefahren, der irrt sich. Denn es gibt hier eine besondere Gruppe von Leuten, denen der Schein über alles geht. Wenn man also nicht genügend Geld hat um verreisen zu können, diese Tätigkeit aber als unerläßlich für die Zugehörigkeit zur „Gesellschaft" hält, bann bleibt man eben z u Hause, schreibt feinen Freundschaften liebenswürdige Abschiedsbriese, „weil man den Sommer über wegfährt und erst im Herbst wieder das Dergnügen haben wird, seine Freunde bei sich zu sehen" und — läßt die Rolläden herunter und verschwindet für die Öffentlichkeit auf zwei Monate innerhalb der eigenen vier Wände! Der Portier des Hauses aber bekommt ein gutes Trinkgeld, damit er jedem, der eventuell auf die ausgefallene 2bee tarne, zu fragen, ob die Herrschaften noch in Madrid feien, rasch und deutlich antwortet: „Bedaure, die Herrschaften sind verreist, an der See, Adresse haben Sie nicht hinterlassen, weil sie den Sommer in aller Ruhe genießen wollen."
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