Nr.y2 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen) Mittwoch, (5. Mai (929
Lugend und Hochschule.
diesem Sinne ist die gewiß viel zu große Zersplitterung der Studentenschaft in zahlreiche kleine Gruppen nicht zu begrüßen und ebenso die heute weniger als je berechtigte kastenmäßige Abschließung der Studentenschaft von der übrigen Bürgerschaft. Diese Scheidung ist gewiß in der Regel nur eine scheinbare, rein äußerlich durch gewisse zöpfische, gesellschaftliche Formen bedingte. Mit diesen trennenden Dingen oufzuräumen, scheint mir eine Hauptpflicht der Studentenschaft zu sein.
Besonders in einer modernen Großstadtuniversität begegnen sie keinem Verständnis und gar in einer Universität wie der unsrigen, die eine Schöpfung der Bürgerschaft ist, und die von der Bürgerschaft mit großen Opfern unterhalten wird, ist ganz gewiß eine, wenn auch pur scheinbar gesell- schastliche Sonderstellung der Studentenschaft nicht berechtigt. Vergessen Sie nicht, daß der Vorzug, studieren zu dürfen. Ihnen keine Vorrechte verleiht, sondern Pflichten auferlegt. Dor allem die Pflicht der Dankbarkeit gegen den Staat und gegen unsere Mitbürger, die Ihnen die Gelegenheit bieten. Und
diese Dankbarkeit sollen und können Sie dadurch zum Ausdruck bringen, daß Sie von dem, was Ihnen unsere Universität bietet, den besten Gebrauch machen. Benutzen Sie Ihre Studienzeit nicht nur, um Kenntnisse und Berechtigungen zu erwerben, sondern auch sich einzuleben in die große Gemeinschaft Ihrer Kommilitonen und die größere Ihrer Mitbürger, um an sich selbst einen scharfen Maßstab anzulegen, um sich Verständnis für die Anschauungen und Empfindungen anderer anzueignen, ohne die ein segensreiches Zusammenarbeiten nicht möglich ist. — Wenn Sie gute akademische Bürger sind, werden Sie auch gute Staatsbürger sein.
Alle diese Ziele lassen sich sehr wohl vereinigen mit jugendlichem Frohsinn, heiterer Geselligkeit und lustigem Treiben, die ein altes Recht unserer Stu- denten sind und die wir Ihnen auch in unserer modernen Großstadtuniversität nicht kürzen wollen. In diesem Sinne heiße ich Sie nochmals auf unserer alma mater herzlich willkommen.
WaskannderSludentnebenbeiverdlenen?
Don Erich Brandt.
Die reinen Studiengebuhren belaufen sich bei einem Hochschulstudium je nach der Fakultät auf 120—200 Mark im Semester. Diese Summe kann zur Hälfte oder ganz erlassen werden, wenn der Student wenigstens im dritten Semester steht, zwei ausreichende Fleihzeugnisse beibringt und den Nachweis führen kann, daß seine Eltern oder Erzieher ein verhältnismäßig niedriges Einkommen und Vermögen besitzen. Sieht man also im günstigsten Falle von diesem Teil ab, dann bleiben immer noch die Kosten für den Lebensunterhalt, die sich nach statistischen Erhebungen auf etwa 125 Mark stellen und die der Student aufbringen muß. Dieser Betrag ist jedoch ein Existenzminimum und kann selbst bei Inanspruchnahme sämtlicher akademischer Einrichtungen kaum unterschritten werden.
Viele Studierende, denen nun diese ziemlich beträchtlichen Mittel nicht voll zur Verfügung stehen, versuchen daher, sich den Nest durch Nebenerwerb selbst zu verschaffen. Sie finden dabei Unterstützung von feiten der akademischen Erwerbsvermittlungsämter, die die studentischen Selbsthilfeorganisationen an fast allen deutschen Hochschulen geschaffen haben.
Um nun die Nebenerwerbsmöglichkeiten, die sich heute dem Studenten bieten, naher zu untersuchen. teilt man sie wohl am augenfälligsten in Semester- und Ferienarbeit. Davon ist die Semesterarbeit die gesuchtere, weil sie neben dem eigentlichen Studium einhergeht und somit eine unmittelbare sinterstühung darstellt, während ja der in den Ferien tätige Student versuchen muß, von seinem Verdienst möglichst viel für das nächste Senrester zu sparen.
Als Nebenbeschäftigungen während des Semesters kommen jedoch in erster Linie Hnterrichts- und gewerbliche Stellen in Frage. Der Unterricht, zumeist Nachhilfeunterricht, ist ja als studentischer Nebenerwerb nichts neues, bot er doch schon in der Vorkriegszeit dem Studenten fast die einzige Möglichkeit, etwas nebenbei zu verdienen. Aber heute ist die Bedeutung der llnterrichtsstellen wesentlich geringer geworden, machen sie doch nur noch ein Fünftel der Semesterarbeiten aus. Der einzige Vorzug, den sie gegenüber den gewerblichen Tätigkeiten auch l)cute noch genießen, ist vielleicht der, daß sie im allgemeinen gut bezahlt werden.
Die sogenannten gewerblichen Arbeiten sind jedoch von großer Mannigfaltigkeit. Heute scheut der Student keinerlei Arbeit mehr, um seine Studienideale in die Tat umsetzen zu können. Daher finden wir zahllose Studenten, die nebenberuflich als Musiker, Zeichner, Stenographen, Fremdenführer, Detektive, Postaushelfer und —
Zettelverteiler tätig sind. Die gewerblichen Stellen sind zwar ziemlich zahlreich, haben aber vielfach den Nachteil, daß sie nicht sonderlich gut bezahlt werden. So müssen etwa 40 Prozent aller angebotenen Stellen von den akademischen Erwerbsvermittlungsämtern als zu ungünstig ab» gelehnt werden, obgleich das von diesen verlangte Mindesthonorar noch unter einer Mark pro Stunde liegt.
Auch die Ferienarbeit teilt sich in zwei Gruppen, nämlich in Erntehilfe und Tätigkeit in der Industrie. Die letztere kommt jedoch nur für Hörer der technischen Hochschulen in Frage, für die sie aber manchmal die Annehmlichkeit haben können, daß ihnen die Ferienarbeitszeit als Praktikantentätigkcit angerechnet wird. Nur sind diese Stellen nicht sehr zahlreich und lassen auch in bezug auf die Entlohnung noch viel zu wünschen übrig. Die meisten industriellen Unternehmen stellen auch nur in den Herbstferien Werkstudenten ein, weil ihnen die Osterferien zu kurz erscheinen. Die Erntehilfe kommt dagegen mehr für die Studenten der Universitäten in Frage. Doch handelt es sich hierbei nur um eine kurze Saisonarbeit, die noch dazu die schlechtest bezahlte von allen studentischen Nebenerwerbstätigkeiten ist.
Neben der bloßen Vermittlungstätigkeit der akademischen Arbeitsämter hat man sich an manchen Hochschulen auch bemüht, den Studierenden völlig neue Nebenerwerbsguellen zu erschließen. Diese Bestrebungen führten zu Gründungen von Uebersehungsbureaus, Buchbindereien und ähnlichen Betrieben, in denen Studenten Beschäftigung finden. Die größte Bedeutung kommt hier Wohl den akademischen Uebersehungsbureaus zu, die sechs deutsche Hochschul- städte aufweisen können. Hier bietet sich den Studenten eine Nebenarbeit, die gut bezahlt wird und die sich in den meisten Fällen mit den späteren Berufszielen decken wird, was man z. D. von manchen gewerblichen Tätigkeiten nicht immer behaupten kann.
Die hier aufgezählten mannigfachen Nebenerwerbsmöglichkeiten, die sich dem heutigen Studenten im Gegensatz zu früheren Zeiten bieten, mögen vielleicht den Gedanken aufkommen lassen, es könne nicht sehr schwer sein, wenigstens einen Teil der Studienkosten in dieser Art aufzu- bringen. In Wirklichkeit ist jedoch gerade das Gegenteil der Fall, wie die nachfolgenden Angaben klar und deutlich zeigen werden.
Zuerst sei darauf hingewiesen, daß die Zahl der vorhandenen Stellen noch immer viel zu klein ist, um alle Nachfragen befriedigen zu, können. So vermittelte z. B. das Berliner akademische
Akademische Bürger und Staatsbürger.
Eine bcmerkcnswertc Jmmalritnlationsredc.
Bei der ersten feierlichen Immatrikulation an der Universität Köln begrüßte der Rektor, Professor Dr. rned. Ferdinand Zinsser, die zahlreich erschienenen neuen Studierenden und hielt dann eine Ansprache über „Akademische Bürger und Staatsbürge r". Die Immatrikulation bedeutet nicht nur die Zulassung zu der Universität und ihren Vorlesungen und Uebungen, sondern auch die Ausnahme in den Kreis der akademischen Bürger. Sie gibt nicht nur Rechte und erlegt Pflichten auf gegenüber dem Lehrkörper und den Einrichtungen der Universität, sondern auch gegenüber der Gemeinschaft der Studenten. Die akademische Ge- incin|'d)ait ist im Kleinen ein Spiegelbild des Staates, und die Pflichten des akademischen Bürgers stimmen weitgehend überein mit denen des Staatsbürgers, und so bildet das Leben und Wirken im .Kleinstaat der Universität die beste Schulung für den Staatsbürger. Gemeinschaftliche Interessen und gemeinschaftliche Ziele führen die Bürger zusammen und das Schicksal des Einzelnen ist mit dem der Gemeinschaft eng verbunden. Ebenso wie die Bürgerschaft des Staates fetzt sich die der Universität zusammen aus Menschen der verschiedensten sozialen und wirtschaftlichen Kreise, der verschiedenen Konfessionen und selbst verschiedener ^Rassen und Stämme. Alle diese Elemente müssen Zusammenwirken im Dienste der gemeinsamen Ausgaben, der Arbeit an der Entwicklung der Persönlichkeiten und für das Streben nach Wahrheit und Wissen. Wie im Staate wird auch von der akademischen Bürgerschaft viel gesündigt durch Interesselosigkeit und mangelnde Teilnahme.
Es ist sehr bedauerlich, daß die aktive Mitwirkung der Studentenschaft an der Verwaltung der Universität, die die Nachkriegszeit gebracht hatte, sobald wieder verlorengegangen ist. Aber wenn die Stu- dentenschast zur Zeit auch nicht befugt ist, tätig in die Geschichte der Universität einzugreifen, so darf sie doch nicht teilnahmslos abseits stehen. Jeder Einzelne erhalte sich so, als wenn von seinem Verhallen das Schicksal des Ganzen abhinge. Ebenso wie die Bürgerschaft des Staates ist leider auch die akademische Bürgerschaft zersplittert in zahlreiche Fraktionen und Fraktiönchen, die sich nicht nur streng von einander abschließen, sondern sich vielfach geradezu bekämpfen. Gegensätze gibt es überall und ohne sie wäre das Leben tätlich langtveilig. Aber das Trennende darf nie überwiegen über das Einigende, Gemeinsame, Verbindende, wenn nicht das Ganze Not leiden soll. Besonders schwer wiegen die parteipolitischen Gegensätze, wenn es auch bedauerlich ist, so ist es doch ganz natürlich, daß die politischen Gegensätze, die draußen v-nfer Volk zerwühlen, auch in die Gemeinschaft der Universität herüberspielen. Sie können nicht einfach zur Seite geschoben werden. Ohne politifdje Gegensätze ist kein Staat. Sie» dienen dem Fortschritt. Verhängnisvoll ist es nur, wenn fie, wie es vielfach bei uns der Fall ist, ausarten zu einer Mißachtung des politischen Gegners. Keinesfalls gehör^ das in die Universität, «sie find Studenten, d. h. Sie wollen erkennen lernen, was wahr ist und für einen Wahrheitssucher ist Voreingenommenheit nicht der richtige Weg. Versuchen Sie den Gegner zu verstehen, seine Ziele, Absichten und Motive zu erkennen und gegebenenfalls ihn zu widerlegen oder zu überzeugen.
Das sollte akademische Art sein und tue sollen Sie üben als Vorschule für ihr Staatsbürgertum. Wenn fid) die Gegner verstehen und achten, wird aus dem Gegensatz Nutzen für das Ganze erwachsen. Mit Recht ist gesagt, daß wir Deutsche uns darüber klar sein müssen, daß, wenn wir wieder ein mächtiges Volk werden wollen wie zuvor, zuerst wieder ein einiges Volk werden müssen. Die ersten Schritte dazu muß jeder in seinem Kreise tun und mithin Sie im Kreise Ihrer akademischen Mitbürger. In Fachbildung oder Hochschule?
Don Dr. 3- Diel, Berlin.
Noch den Ergebnissen der Hochschulstatistik für bas Sommerhalbjahr 1928, die für diesen Zeitraum erstmalig nach einheitlichen Gesichtspunkten für gan8 Deutschland bearbeitet worden ist, befinden sich heute 120 000 Studierende aus den deutschen Hochschulen. Vor dem Krieg waren es 80 000. Wenn ’toit uns überlegen, daß das deutsche Reichsgebiet an Fläche etwas wehr als 10 Prozent verloren hat, daß ein großer Teil des damaligen Volksvermögens nicht mehr existiert. bann verstehen wir es ohne weiteres, daß es schier unmöglich ist, für alle derzeitigen Studierenden entsprechende Lebensstellungen zu schaffen. Dazu kommt ja. daß bereits letzt zum Teil eine starke Hcberfüllung der akademischen Berufe und ein ilcberangcbot an Anwärtern mit abgeschlossenen Examina vorhanden ist.
Neben diesem äußeren Niedergang besteht die Gefahr eines inneren. Noch vor kurzem tU bei der Tagung des Hochschulverbandes in München offen ausgesprochen worden, daß die Durchschnittsleistungen der Studierenden zuruckgegangen sind, was übrigens auch von den Schülern der höheren Schulen hin und wieder behauptet wird.
Wir sind gewohnt zu fragen, wer ist schuld daran? Die einen behaupten: das Berechtigungswesen. das auf immer weitere Gebiete übergreift und die Anforderungen steigert. Die anderen weisen nach, daß die starke Entwicklung der Wissenschaft und Technik in der Tat eine Steigerung der Anforderungen für alle Berufe bedingt. Freilich hat offenbar auch das Wort von dem Aufstieg der Begabten" Schule gemacht. Man versteht praktisch diese Worte so, daß möglichst jeder studieren, zum mindesten die Voraussetzungen sich dazu offen halten sollte. Also wird der Junge zur höheren Schule geschickt, er durchläuft die Schule und steht nach dem Abiturientenexamen vor dec Frage eines Hochschulstudiums. Tatsächlich ist die steigende Zahl der Abiturienten einer der wichtigsten Gründe für den Zugang zu den Hochschulen. Wir halten vor dem Krieg im Deutschen Neiche etwa 17 000 Abiturienten, heute werden es etwa 30 000 und bis 1934 wird die Zahl voii 35 000 bis 40 000 erreicht fein. Die Entvölkerung der Volksschulen
zugunsten der Höheren Lehranstalten ist ja das Eharakteristikum unserer Tage. Es gibt viele Städte, in denen bis zu 30 Prozent und mehr aller Schüler sich auf den höheren Lehranstalten befinden.
Der Drang, nach oben zu steigen, ist verständlich und berechtigt. Es wäre aber besser, mehr an das Vorankvmmen zu denken. Man würde dann eher erkennen, daß man besser von einer nun einmal gegebenen Basis aus rechnen sollte. Es liegt wohl auch im Interesse jedes einzelnen Standes, daß seine Angehörigen allmählich^ vielleicht in mehreren Generationen, die höchsten Stufen erreichen. Das äußere und innere Par- benütum ist von Hebel; dies zeigt sich leider sehr oft und gerade gegenüber den Kreisen, denen der Betreffende — vielleicht zu rasch — entwachsen ist.
Sodann darf man das Bedürfnis der Wirtschaft und Gesellschaft nicht außer acht lassen. Sicherlich sind die Anforderungen überall gestiegen. Daraus ist jedoch nur zu folgern, daß die verschiedenen fachlichen Kenntnisse auf ein möglichst hohes Niveau gebracht werden müssen. Die höhere Schule ist aber, und das wird immer wieder vergessen, keine Fachschule, sondern eine allgemein bildende Einrichtung, mehr wissenschaftlicher als fachlicher Art. Es wird sogar bekanntlich behauptet, daß die Schüler der höheren Lehranstalten für manche praktisch geartete Berufe unzureichend vorgebildet oder überhaupt praktischen Berufen entfremdet seien. Eltern sollten sich darum fragen, ob es wirklich das Beste für ihre Kinder ist, diese auf die höhere Lehranstalt zu schicken, anstatt sie eine fachliche Mittelschule oder nach Besuch der Volksschule eine ent» sprechende Fachschule absolvieren zu lassen. Wir haben jetzt gerade einen Mangel an Qualitäts- Handarbeitern zu erwarten, wo die meisten höheren Berufe recht trübe volkswirtschaftliche Perspektiven zeigen.
Die Frage des späteren Berufes muß aber auch vom Standpunkt des Einzelmenschen aus scharf ins Auge genommen werden, unter Berücksichtigung der ihm innewohnenden, hervorstechenden Gaben und Fähigkeiten. Wenn der Lebens- und Berufskampf so außerordentlich schwer geworden ist, insbesondere angesichts der bestehenden Arbeitslosigkeit, dann hat doch der
jenige, der im Nahmen seiner Anlagen ein Betätigungsfeld gefunden hat, größere Aussichten sich durchzusehen, als der andere. Hnd nicht nur das, sondern auch eine größere innere Befriedigung!
Wenn wir unter diesen wenigen Gesichtspunkten — es gibt natürlich deren viel mehr — diese Fragen überblicken, fo können wir jedenfalls nicht gut sagen, die Lehrer seien schuld an den wenig erfreulichen Hmftänden. Im Gegenteil beobachten wir, daß die Pädagogen ständig darüber nachdenken, wie die Erziehung der ihnen anvertrauten jungen Menschen möglichst gut gestaltet werden kann. Jeder, der selbst die deutsche Schule besucht hat, wird in Dankbarkeit fo manches Lehrers gedenken, der ihm in der Vergangenheit irgendwie und wann in kritischen Zeiten eine Stühe und Hilfe gewesen ist.
Wir täten gut daran, nicht immer zu fragen, wer ist schuld daran, sondern was ist schuld daran. Oder wenn wir schon fragen wollen, wer ist schuld daran, so dürfen wir nicht an uns selbst vorübergehen. Die Schule ist nicht nur eine Angelegenheit der Lehrer, sondern geht ebenso die Eltern wie uns alle an. Vielleicht sind manche Verhältnisse noch nicht ganz so geworden, wie sie sein sollten, weil wir anderen diesen Fragen gegenüber uns zu gleichgültig verhalten haben.
Objektiv wird man heute schon behaupten können, daß ohne Zweifel die Organisation unseres gesamten Schulwesens, das zu sehr und einseitig auf wissenschaftlich-akademische Berufe eingestellt ist, den starken Zudrang zu den Hochschulen und damit die Heberfüllung der akademischen Berufe verursacht hat. Cs fehlt eben an den gleichwertigen. ebenfalls (zum mindesten theoretisch!) zur Hochschule führenden Fachklasken, wie sie z. B. das amerikanische Schulwesen besitzt. Dort ist bekanntlich eine Gabelung der höheren Schule in diese drei Kurse vorhanden: a) akademische Kurse, b) technische Kurse, c) kaufmännisch-industrielle bzw. landwirtschaftliche Kurse. Wir müssen an eine ähnliche Umstellung unseres Schulwesens denken. Nicht nur aus egoistischen Heberlegungen vom Standpunkt der akademischen Berufe aus, sondern auch weil wir Qualitätsarbeiter, wie bereits dargelegt, für jeden Beruf gebrau- * chen, und weil es auch das wohlverstandene
Erwerbsvermittlungsamt, das größte feiner Art, im letzten Studienjahr mehr als 2500 Stellen und gibt dabei gleichzeitig an, daß diese Zahl wenigstens verdoppelt werden mühte, um alle minderbemittelten Studenten zufriedenzustellen. Das leuchtet ohne weiteres ein, wenn man bedenkt, daß die neun Berliner Hochschulen fast 20 000 Studierende aufweisen. Bei der Anzahl der vermittelten Stellen ist noch zu berücksichtigen, daß sich darunter höchstens 600 sogenannte Dauerstellen finden, das sind solche, die wenigstens drei Monate hintereinander ein festes Einkommen verbürgen. Die andern 1900 Stellen sind jedoch ausschließlich Einzel- und Gelegenheitsarbeiten.,
Cs können also selbst in Berlin trotz aller an- eriennenswer ten Bemühungen des dortigen Arbeitsamtes nur etwa 15 Proz. aller nachfragenden Studierenden (3 Proz. der Gesamtzahl) eine nennenswerte Nebenbeschäftigung finden. Diese Tatsache zeigen noch deutlicher die Einkommensziffern selbst. Die Gcsamthöhe des an die Berliner Studenten vermittelten Einkommens betrug nämlich im letzten Jahre 200 000 Mark, wovon etwa drei Viertel auf die Dauerstellcn entfielen. Danach kam also auf jeden dieser 600 Studenten ein Durchschnittseinkommen von 250 Mark im Studienjahr. Das reicht aber gerade aus, um den Lebensunterhalt für zwei Monate zu bestreiten, während die Dauer beider Semester neun Monate beträgt. Für die übrigen Einzelarbeiten stellt sich jedoch der Durchschnitt nur auf etwa 26 Mark. Man muß also schon eine große Anzahl solcher Stellen vermittelt bekommen, um darin eine nennenswerte Hnterstühung finden zu können.
Nicht viel besser steht es mit den Fcrienarbei- ten. So haben Statistiken erwiesen, daß wegen der Hngunft der heutigen industriellen Lohn- Verhältnisse Werkstudenten während einer Arbeitszeit von sechs Monaten nur wenige hundert Mark sparen konnten, von denen nicht einmal ein einsemestriges Studium zu bestreiten war. Dennoch ist die Nebcnerwerbsmöglichke't fast dec einzige Weg, der sich den Hörern der technischen Hochschulen bietet, da Semesterstellen für fie wegen der starken zeitlichen Inanspruchnahme durch die Vorlesungen und Hebungen meist nicht in Frage kommen.
Man sieht also, daß die Verhältnisse recht ungünstig liegen, und die Aussichten, durch Nebenarbeit einen großen Teil seiner Studienkosten selbst zu bestreiten, recht gering sind. Heberdies dürfte sich die Lage auch in der nächsten Zukunft nicht wesentlich bessern, weil wegen des übergroßen Zudrangs zu den Hochschulen mit dem zu erwartenden Anwachsen der Stellenzahlen auch die Nachfrage ständig steigen wird.
Wann verdient ein Kind Strafe?
Von Professor Or. W. Stern.
Die richtige Erziehung des Kleinkindes muß auf der genauen Kenntnis der Kindesseele aufbauen, wie fie uns die psychologische Forschung vermittelt. Daher verdient eine so klare und umfassende Darstellung wie Sterns,Psychologie der frühen Kindheit", der wir den nachstehenden Abschnitt entnehmen, die Beachtung aller Erzieher. (Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. 15. bis 19. Tausend. 552 Seiten. Geh. 10,80 Mk., Seinen 12,80 Mk)
Bestrafung ist zunächst unentbehrlich, um unzweckmäßigen Handlungen zu begegnen, deren Zweckwidrigkeit das Kind nicht verstehen und würdigen kann. Gründe der Lebenssicherung, der Gesundheit, der Sauberkeit, der Ordnung und Sparsamkeit, Hausvorschriften und Polizeivorschriften verlangen, daß viele Betätigungen, welche das Kind in ahnungsloser Naivität zu vollführen geneigt ist, mit der Marke „unerlaubt“ versehen werden. Das Kind soll nicht am Finger lutschen, nicht häßliche Grimassen schneiden, nicht die eben gesäuberte Stube be-
egoistische Interesse jedes einzelnen Menschen verlangt, für ihn den Beruf zu finden, der ihm die besten inneren und auch äußeren Möglichkeiten gibt. Das wäre Auslese im besten Sinn und zugleich die beste Grundlage für das Hochkommen unseres Volkes.
Ein alter Studentenbrauch.
Ein freute vergessener, früher aber häufig und gern geübter studentischer Brauch war das sogenannte „Hutschen". Es war dies eine besondere Art des Brüderschaftstrinkens, bei dein die beiden Beteiligten alles tauschten, was sie im Augenblick am Leib trugen, und zwar nicht nur die Kleider, sondern auch den Degen, die Uhr, Ringe, Börse usw. Manch „ewiger Student" erwarb sich durch das „Hutschen" die Mittel, die ihm ein weiteres Der- weilen auf der Universität gestatteten. Er suchte sich zu diesem Zweck gern einen frisch von der Schule gekommenen Studenten aus möglichst reichem Haus zum „Hutschbruder" aus. Dieses Brüderschafts-Angebot konnte von dem jungen Mann natürlich nicht ausgeschlagen werden, wollte er sich nicht, ein Duell mit dem kelteren auf den Hals ziehen. So fügte er sich in der Regel in sein Schicksal und gab widerspruchslos feine schönen Wäsche- und Kleidungsstücke an den älteren Hutschbruder ab, samt Ringen, Uhr, Schnallen, Agraffen, Degen, Geldbeutel, und was er sonst eben on sich tragen mochte. Der alte, gewitzte Student aber hatte sich für das „Hutschen" besonders schäbig herangemustert, und der bedauernswerte junge Kommilitone erhielt nun für sein wertvolles (Eigentum möglichst fadenscheinige und schmutzige, wohl auch zerrissene Wäsche- und Kleidungsstücke und höchstens noch^eine leere und zerfetzte Börse. Daß er neben dem Schaden für den Spott nicht zu sorgen brauchte, erhellt ohne weiteres.
Weit harmloser war die Sache, wenn eine solche „Hutschung" des Ulkes halber vorgenommen wurde, so zum Beispiel, wenn ein riesenlanger Student einem besonders Kleinen das „Hutschen^ anbot, und dann die beiden Hutschbrüder Arm in Arm nach Haus zogen, der eine angetan mit einem Rock, dessen Acrmel ihm kaum über den Ellenbogen reichten, während der andere im Schmuck lang nach- schleppender Rockschöße gravitätisch dahin wandelte.


