wegen mangelnden Beweises freigesprochen, da immerhin das übrigens ganz erfolglose Telegramm auf Grund der Beweisaufnahme auch einen andern Sinn und Zweck gehabt haben kann, als die Anklage annahm. Zudem handelte die Mutter, auch wenn sie es bestritt, fraglos ganz unter dem Einfluß ihres Ehemannes.
Ein in Diensten einer auswärtigen Firma stehender früherer Eisenbahnbeamter in einem Nachbarort hatte auf Empfehlung einen ihm bis dahin fremden Mann, der einen falschen Namen
führte, in Logis genommen, damit er der Firma aus der Umgegend Kunden zuführe. Dieser belohnte das Vertrauen schlecht; er stahl seinem in bescheidenen Verhältnissen lebenden Loaisgeber etwa 250 ML und verschwand. Seine Verbindlichkeiten hat er diesem gegenüber nicht erfüllt. Der Diebstahl war Wohl vorbereitet. Die Re- cherchen nach dem Dieb waren infolge der falschen Namensangabe erschwert; schließlich wurde er unter seinem richtigen Namen in einer anderen Sache verhaftet. Seine Strafe lautete auf drei Monate Gefängnis.
Kirchengesangvereinsfest in Gießen
50 jähriges Bestehen des Evang. Kirchengesangvereins Gießen. - 45. Zahresfest des Evang. Kirchengesangvereins für Hessen.
* Gießen, 13. Mai.
Am gestrigen Sonntag feierte der hiesige Kirchengesangverein sein bOjähriges Be- st e h e n. Große und langwierige Vorbereitungen waren nötig gewesen, um die Feier so würdig auszugestalten, wie dies beim Festgottesdienst am Sonntagvormittag in der Stadtkirche zutage trat. Daß Kirchenfeste noch immer eine große Anziehungskraft beim größten Teil unserer Gemeindemitglieder haben, zeigte die Tatsache, daß schon lange vor Beginn der Festgottesdienste die Kirche von Freunden der Kirchengesangvereinssache dicht beseht war.
Den Altardienst im
Vormittags-Gottesdienst
versah Pfarrer A u s f e l d (Gießen). Den Höhepunkt des Gottesdienstes bildete die musikalisch hochstehende Kantate Nr. 34 „O, ewiges Feuer", ein Meisterwerk unseres Kirchenmusikers Johann Sebastian Dach. Die vielen Schwierigkeiten in den Einsätzen und die zum Teil recht schweren Tonfiguren der Kantate wurden von dem Chor unter der sicheren Leitung seines musikalisch fein empfindenden Dirigenten, Lehrer Linden- st r u t h, glatt bewältigt. Der Orchesterverein Gießen, der die Begleitung des Werkes übernommen hatte, zeigte großes Können und feines Anpassungsvermögen, so daß der Aufführung ein voller Erfolg beschieden war. Die Solisten, Stadtorganist Simon (Tenor) und Studienrat Dr. Krauß (Daß), waren ihrer Aufgabe voll gewachsen und Fräulein 6 t am m I er brachte bei gewohnter Sicherheit mit weichtönender Stimme ihre Arie zum Vortrag. Auch Frau Dr. Fischer (Klavier) fügte sich passend dem Rahmen ein. 3n seiner Fe st predigt über Psalm 103, Vers 20 bis 22: „Lobe den Herrn, ihr seine Engel..." führte der Redner, Pfarrer Lenz, aus, daß das 50jährige Bestehen des Kirchengesangvereins nicht nur ein Musikfest, sondern in der Hauptsache ein Kirchenfest sein solle. Kirchengesangvereine sollen Vorsänger der Gemeinde sein und Diener Christi. Die Feier hinterließ tiefen Eindruck.
War der Sonntagvormittag in der Hauptsache mehr dem Gießener Kirchengesangverein gewidmet, so galt das
Kirchenfest am Sonntagnachmittag namentlich der Feier des 4 5. Zahresfestes des Evang. Kirchengesangvereins für Hessen. Schon kurz nach 1 Uhr hatte sich die Stadtkirche mit Glaubensbrüdern aus allen Teilen Oberhessens gefüllt, die dem Festgot- t e s d i c n st beiwohnen wollten. Ein Orgelspiel, eine Fuge von Ioh. Seb. Dach, vorgetragen von dem Stadtorganisten, Lehrer Simon, leitete die Feier ein. Wie immer bei derartigen Angelegenheiten, so hatte sich auch diesmal wieder das Kalbhennsche Hornquartett aus Großen-Duseck in den Dienst der guten Sache gestellt und brachte eine vortreffliche Wiedergabe einer Fuge von Gottfried Reiche. Dann erklang aus den Kehlen der vielhundert Sänger und Sängerinnen, geleitet von Lehrer Romer (Großen-Linden), der vierstimmige Choral: „Komm, o, komm, du Geist des Lebens", abwech-
Vornan einer Nacht
Von Paul Nosenhayn.
28. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Sie geben selbst zu, daß es möglich ist. Glücklicherweise'bin ich in der Lage, auf eine fundamentale Einstimmigkeit aufmerksam zu machen. Die Angeklagte Marfa Ermolieff behauptet, Sie nicht zu kennen. Der Kapitän Chrysander aber hat ausgesagt, er habe Fräulein Ermolieff am Morgen des Mordtages mit Ihnen, Herr Sokoloff, zusammen im Oerstedspark gesehen. Wir haben alle Ursache, anzunehmen, daß Kapitän Chry- sonder die Wahrheit gesagt hat — und daß die Angeklagte aus einem Grunde, den wir noch nicht kennen, versucht hat. Sie zu schützen. Wollen Sie uns über diesen Punkt Auskunft geben?"
„Warum nicht, Herr Staatsanwalt? Der Kapitän Chrysander hat die Wahrheit gesagt!"
„Sie geben zu, daß Sie am Mordtage mit der Angeklagten zusammen waren?"
„Gewiß."
„Und warum hat nach Ihrer Meinung Fräulein Ermolieff diese Tatsache geleugnet?“
Sokoloff zuckte die Achseln. „Cs dürfte so fein, toie Sie vermuten: sie wünschte mich zu schonen."
„Sie zu schonen ... Sie zu schonen..." Aage Lund sah dem Staatsanwalt triumphierend in die Augen. „Sie gestehen damit, daß Sie einen Anteil an dieser Tat haben, der bisher verschwiegen worden ist?"
„Herr Sokoloff," sagte der Staatsanwalt, „daß Sie hierhergekommen sind, freiwillig gekommen sind, hat natürlich nicht verfehlt, auf uns alle einen günstigen Eindruck zu machen. Ich darf daraus schließen, daß Sie willens sind, für das einzustehen, was man Ihnen zur Last legt, und daß Sie gekommen find, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Ich möchte Sie klipp und klar fragen. Wer hat den Mord an Doris Remisow begangen?"
Wieder zogen sich alle Dlicke auf Sokoloff. Der zog sorgsam den Nappahandschuh von der Rechten. Und, indem er dem Fragenden plötzlich ins Gesicht sah, sagte er mit leiser Stimme:
»Diese Frage, Herr Staatsanwalt, möchte ich nicht beantworten."
„Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Sokoloff, daß es in meiner Macht steht, Sie augenblicklich verhaften zu lassen."
„Ich weiß es. Aber ich muß Ihnen sagen, daß ich entweder freiwillig oder gar nicht aussage."
felnd mit der wohl 2000 Seelen zählenden Gemeinde. Oberkirchenrat Wagner, der Superintendent für Oberhessen, legte seiner Festpredigt den Text aus Johannes, Kapitel 15, Vers 26 und 27 zugrunde: „Wenn aber der Tröster kommen wird..." Nach der Predigt sangen die vereinigten Chöre, geleitet von Lehrer Römer (Großen-Linden) unter machtvoller Orgelbegleitung das Glaubensbekenntnis, eine Umdichtung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses von Luther nach einem Sah von Wilhelm Wolfrum. Mit einem Orgelnachspiel, einer Fuge in D-Moll von Max Reger, sand die erhebende Feier Üjr Ende.
Der Jefhug
von drei Posaunenchören geführt, mit 28 Kirchen- gesangvereinen und vielen sangesfrohen Iugend- gruppen, die durch ihre bunten Wimpel und Abzeichen den Festzug belebten, zählte etwa 3000 Menschen. Er bewegte sich zur Vvlkshalle, wo sich abi 4 Uhr
der Festakt vollzog. Nach Eröffnung durch die bereinigten Posaunenchöre von Klein-Linden und Lang-Gons und einigen Dläsern aus Gießen und Lich, geleitet von Herrn Germer, Klein-Linden, fanden die Degrühungen und die Darbringung der Glückwünsche statt. Als erster Redner sprach Pfarrer S t a u b a ch , Watzenborn-Steinberg, der Vertrauensmann der Kirchengesangvereine des Dekanats Gießen, einen herzlichen Willkommen- und treudeutschen Gruß. Er begrüßte insbesondere den Vorstand des Evangel. Kirchengesangvereins für Hessen, ferner die anwesenden 28 oberhessischen Vereine, die nimmermüden und immer wieder mitwirkenden Posaunenchöre, die Vertreter der Kirchenbehörde, den Prälaten D. Dr. Diehl und Oberlirchenrat Wagner, den Dekan G u tz m a n n , Kirchberg-Lollar, die Kirchengemeinde Gießen, die Vertreter der Gießener Universität und den Vertreter der Stadtverwaltung Gießen, und dankte allen für ihre Mitarbeit und Unterstützung. Dekan G u ß m a n n überbrachte die Grütze des Dekanats Gießen, feierte den Gießener Iubelverein und dankte chm besonders für seine Mitarbeit im Dekanat in wn verflossenen Jahren. Im Auftrage der Stadt Gießen begrüßte Beigeordneter Dr. Hamm den Gießener und den Hessischen Kirchengesangverein. Der Vertreter der Universität, Se. Magnifizenz Prof. Dr. Herzog und der Vertreter der Theologischen Fakultät. Prof. Dr. Dornkamm, schlossen sich den Wünschen der Vorredner an.
Den Degrüßungen folgte der Massenchor von fast tausend Sängern und Sängerinnen der Vereine, geleitet von Lehrer Römer, Großen- Linden. Da die vielen Vereine nicht einzeln auftreten konnten, so hatte man sie in fünf Gruppen eingeteilt, und jede dieser Gruppen trug dann einen Chor vor. Zur Gruppe 1 gehörten die Vereine von Hausen, Leihgestern, Rieder- Eschbach, Nidda und Watzenborn-Steinberg (Dirigent Finanzsekretär Sommer, Watzenborn- Steinberg). Zur Gruppe 2 gehörten Allendorf (Lahn), Dutzbach, Großen-Linden, Klein-Linden, Dad-Nauheim und Ober-Rohbach (Dirigent Leh-
„Darf ich mir also die Frage erlauben, Herr Sokolöff, mit welchen Aussagen Sie uns erfreuen wollen?"
„3d) möchte einen Vorschlag machen. Ditte, stellen Sie Ihre Fragen: ich werde sie beantworten — oder ich werde sie nicht beantworten. Je nachdem."
Aage Lund sprang auf. „Jetzt wird es mir zu bunt!" schrie er. „Herr Sokoloff scheint der Meinung zu fein, er könne mit einem dänischen Gericht Katz' und Maus spielen! Ich protestiere gegen ein solches Benehmen — und ich teile völlig die Meinung des Herrn Staatsanwalts, daß man Herrn Sokoloff eine kleine Probe von den Machtmitteln geben sollte, die die Justiz glücklicherweise in ihren ^Händen hat! Nichts ist offensichtlicher als die Tatsache, daß hier ein Geheimnis vorliegt — und daß Herr Sokoloff dieses Geheimnis kennt. Ein Mann kommt, direkt von einer Katastrophe, die zu den schwersten Heimsuchungen gehört, die einem Menschen begegnen können; er kommt in den Gerichtssaal, um seine Pflicht zu tun; in dem Augenblick, in der er einen Namen nennen will, schreit die Angeklagte dazwischen und hindert ihn, diesen Namen auszusprechen. Die Angeklagte hat uns ferner versichert, sie kenne diesen Sokoloff nicht; Sokoloff selbst zerstört aus einem Grunde, den wir nicht kennen — diese Unwahrheit und erklärt: Ich kenne Fräulein Ermolieff. So ganz nebenbei erfahren wir plötzlich, daß Fräulein Ermolieff in Wahrheit gar nicht Fräulein Ermolieff ist, sondern Frau Riedinger — die Frau jenes Zeugen, der aller Wahrscheinlichkeit weiß, daß Marfa Ermolieff unschuldig ist. Und nun — alles wird damit umgeworfen — kommt ein gewisser Herr Sokoloff und erzählt uns in aller Seelenruhe, er wolle sich die Fragen aussuchen, die er beantworten, und die er nicht beantworten werde, Herr Sokoloff," — er wandte sich zu dem Angeredeten herum — „ich kann Ihnen verraten: ich weiß mehr von Ihnen, als Sie ahnen. Wir wissen mehr. Ich weiß, daß Sie in Politische Konspirationen verwickelt find — und daß Sie, wenn nicht alles täuscht, eine Art Fichrerrolle haben. Ich wette hundert gegen eins, onß dieser Mord an Remisow ein politischer Mord ist — und ich bin felsenfest davon über» jeugt, daß die Tat unter Ihrer Aegide geschehen 'n ~ daß Sie, Herr Sokoloff, der intellektuelle Urheber des Mordes an Remisow sind!"
Der Staatsanwalt griff die letzten Worte des Verteidi^rs auf. „Ich gehe noch einen Schritt r ct^cr‘r gibt nur eine Erklärung für das sonderbare Verhalten der Ermolieff. Für diesen Ausbruch Für diesen Aufschrei: .Ich verbiete dir, den Namen zu nennen!‘ Frau Ermolieff ist
ret Römer, Großen-Linden). Zur Gruppe 3 gehörten Alten-Duseck, Steuern, Büdesheim, Burkhardsfelden, Laubach und Oppenrod (Dirigent Chormeister Nicolai, Gr.-Duseck). Zur Gruppe 4 gehörten Gießen, Grünberg, Heuchelheim, Londorf, Treis a. d. Lda. (Dirigent Lehrer Linden- struth, Gießen). Zur Gruppe 5 gehörten Alsfeld, Appenrod, Dannenrod, Grohen-Eichen, Lauterbach und Romrod (Dirigent Musiklehrer Meinhardt, Alsfeld). Die vorgetragenen Chöre fanden allgemeinen Beifall und zeigten, daß in Stadt und Land eifrig an der Weiter- durchbildung der Kirchengesangvereine gearbeitet wird.
In der Pause sprach zunächst Pfarrer Marx, Darmstadt, der erste Vorsitzende des Evangel. Kirchengesangvereins für Hessen. Er wies in feiner Ansprache darauf hin, daß eigentlich schon 50 Jahre verflossen seien seit Bestehen des Hessischen Kirchengesangvereins und übermittelte noch Grüße des Hessischen Kultusministers, ferner der Druderverbände von Nassau und Kurhessen und des Vorsitzenden des Deutschen Kirchengesang- verbandes.
Der Oberhirte der Hessischen Ländeskirche, Prälat D. Dr. Diehl, führte etwa folgendes aus: Erst mit der Gründung der Hessischen Kirchen- gesangvereine vor etwa 50 Jahren ist eine Besserung des Kirchengesanges zu beobachten gewesen. Mit der Singbewegung ging Hand in Hand die Bewegung zur lebendigen Gemeinde. Der Dank für den Fortschritt gebührt in erster Linie den Kirchengesangvereinen, die heute noch ein Stück Volksgemeinschaft darstellen, denn reich und arm, alt und jung ist in ihnen vereinigt.
Pfarrer Ausfeld, Gießen, als Vertreter des verhinderten Pfarrers Dechtolsheimer brachte Grüße des Evangel. Kirchenvorstandes Gießen.
Auch der Posaunenchor des Evangel. Arbeitervereins trug durch guten Vortrag eines Musiki stückes zur Ausgestaltung der Feier bei. Mit einem Posaunennachspiel der vereinigten Posaunenchöre fand die erhebende Feier ihr Ende. Sie war ein Zeugnis evangelischer Stärke und Kraft und eine machtvolle Kundgebung des evangelischen Volkes aus Gießen und der ganzen Provinz.
Hauptversammlung des Evang. Kirchengesangvereins für Hessen.
Am Montag fand im Gemeindesaal der Iohan- neskirche zu Gießen die Hauptversammlung des Evang. Kirchengesangvereins für Hessen statt. Nach Eröffnung mit dem Choral -Lobe den Herrn, o meine Seele" begrüßte der Vorsitzende, Pfarrer Marx (Darmstadt), die Vorstandsmitglieder aus Oberhessen und Starkenburg und die zahlreich versammelten Pfarrer, ßefjrer und Freunde des Vereins. Er dankte allen, die zum guten Gelingen der Feier am Sonntag beigetragen hatten, besonders Pfarrer S t a u b a ch (Watzenborn - Steinbach), Pfarrer Ausfeld und Professor Weimar (Gießen), dem Vorsitzenden des Gießener Kirchengesangvereins. Dann wurde in die Verhandlungen eingetreten.
Von vielen Seiten wird gewünscht, daß verdienten Mitgliedern der Kirchengesangvereine, vielleicht aus Anlaß der 25jährigen aktiven oder audj der 40jährigen passiven Mitgliedschaft, Ehrendiplome überreicht werden. Prof. Koch (Offenbach) hatte die Ausarbeitung eines solchen Diplomes übernommen, und der Entwurf fand Beifall, so daß der Kochschen Künstlerwerkstatt in Offenbach 100 Mk. genehmigt wurden für die Weiterausarbeitung der Diplome.
Den Rechnungsbericht erstattete Pfarrer Marx. Die Einnahmen im Jahre 1928 betrugen im ganzen 6887,94 Mk., die Gesamtausgaben 6230 Mk., so daß ein Kassenüberschuß von 657,97 Mk. verbleibt. An Unterstützungen für Vereine wurden 360,20 Mk. ausbezahlt. Nach Prüfung der Rechnung wurde diese genehmigt.
Den Jahresbericht erstattete Dekan Zimmermann (Darmstndy. Hessen zählte am 1. Mai im ganzen 222 Xirchengesangvereine mit
die Täterin — sie hat die Tat begangen auf Geheiß Sokoloffs. Sie liebt Sokoloff: mit dem Opfermut der Frau will sie ihn schützen. Ist es nicht so, Frau Ermolieff? In Gegenwart Ihres Gatten, bei dessen Anblick Ihnen vielleicht das Gewissen schlagen wird, fordere ich Sie auf, die Wahrheit zu sagen. Cs handelt sich in diesem Augenblick nicht mehr um die plumpe Frage: du oder ich — es handelt sich um den geheiligten Begriff der Pflicht — es handelt sich um den göttlichen Gedanken der Wahrheit. Drängen Sie Ihre Gefühle für einen Mann zurück, der, Sie wissen es längst, ein Verbrecher ist — denken Sie an das übermenschliche Opfer, das Ihr Gatte gebracht hat, in dem fiebernden Verlangen, Ihnen zu helfen, Sie zu retten, Ihren Körper zu retten vor der entehrenden Schmach einer furchtbaren Strafe — Ihre Seele zu retten von der grauenhaften Schuld, sie reinzuwaschen vor Gott und den Menschen. Ich fordere Sie auf, Marfa Ermolieff: beantworten Sie die Frage: hat Fedor Sokoloff Anteil an dem Mord an Remisow?"
Marfa Ermolieff hob den Kopf; sie sah auf den Staatsanwalt — sie wandte die Augen herum zu Fedor Sokoloff, der undurchdringlichen Gesichts vor sich hinblickte — und sie sah auf Riedinger, der sich halb in feinem Sessel erhoben hatte und sie mit einem Ausdruck ansah, den sie offenbar nicht verstand. Sie sah hinüber in den Zuhörerraum, aus dem nicht ein Laut kam; sie mochte begreifen, daß in diesem Augenblick alles von dem Wort abhing, das sie sprechen würde. Langsam hob sie die Hand, als ob sie ein unsichtbares Hemmnis beiseite schiebe — langsam stand sie auf. Aber während sie mit letzter und schwerster Anstrengung sich anschickte, zu sprechen, kam wieder das älncrtoartcte, das in dieser ereignisreichen Nacht Herrschaft über alles hatte, dazwischen: Bruno Riedinger, ihr Gatte, erhob sich. Er sagte:
„Ich muß einen Irrtum zerstören. Ich bin gekommen, um zu bekennen, daß meine Frau unschuldig ist. Daß auch Sokoloff nichts mit dieser Sache zu tun hat. Denn ich habe Doris Remisow ermordet: aus Eifersucht. Weil er der Geliebte meiner Frau war."
„HerrStaatsratKrenhl"
Aus dem Zuhörerraum kam ein Schrei. Sokoloff blickte hinüber; der Vorsitzende erhob sich.
Es war Linda Andersen, die aufgeschrien hatte. „Angeklagte Ermolieff," sagte der Vorsitzende, „ist das, was Ihr Mann uns gesagt hat, die Wahrheit?"
Die Gefragte antwortete zögernd, mit leiser Stimme, indem sie den Kops senkte:
8 Frauenchören und 11 Chorschulen. Davon entfallen auf Starkenburg 107 Kirchengesang- dereine, 2 Frauenchöre und 9 Chorschulen, auf Rheinhessen 67 Kirchengesangvereine und eine Chorschule und auf Oberhessen 48 Kirchengesangvereine mit 4 Frauenchören und einer Chorschule. Auf die einzelnen Dekanate in Oberhessen verteilen sich die Vereine folgendermaßen: Gießen 13 und eine Chorschule, Alsfeld 5, Büdingen 5, Friedberg 7, Grünberg 3, Hungen keine, Lauterbach 4. Nidda 2. Rodheim 6 und Schotten 3. Gegen das Jahr 1927 hat sich die Zahl der Gesamtvereine in Hessen um 2 erhöht.
Für ein ausscheidendes Mitglied wurde Direktor Obmann (Mainz) neu in den Vorstand gewählt. Eine längere Aussprache fand über das Verhältnis zu der Genossenschaft der deutschen Tonsetzer (Afma und Gema) statt. Da in Hessen nur noch in ganz vereinzelten Fällen Kirchenkonzerte gegen Eintrittsgeld stattfinden, wurde ein Vertrag mit der Genossenschaft abgelehnt. Das nächste Iahresfest soll in Darmstadt abgehalten werden.
Den breitesten Raum der Versammlung nahm der interessante Vortrag von Geheimerat D. Dr. Flöring (Darmstadt) über „Die Bestrebungen zur Vereinheitlichung unseres Choralgesanges" ein. Er berichtete ettoa folgendes: Vor rund 50 Jahren wurden in Deutschland mehr als 70 verschiedene Choralbücher gezählt, heute sind es immer noch 39. Das besagt, daß fast jedes deutsche Land seine eigenen Choralmelodien hat. Wie unliebsam sich dieser Umstand bemerkbar machte und noch macht, zeigte sich während des Krieges bei den feldgottesdienstlichen Feiern und heute bei den Kirchenfesten. Als sich die deutsche evang. Konferenz 1853 zum ersten Male mit der Angelegenheit beschäftigte, sollte nach und nach Besserung eintreten. In Hessen waren es die Kirchengesangvereine, die an der Besserung mithalfen, trotzdem sind bis heute noch nicht die Melodien des im Jahre 1888 für Hessen herausgegebenen Choralbuches allgemein eingefüfjrt. Jetzt ist man vielerorts bestrebt, eine Einigung in den Choralmelodien für ganz Deutschland anzubahnen. Aber alle Teile des Reiches müssen Opfer bringen, daß dieses Ziel erreicht wird. Als Bahnbrecher für diesen Gedanken gelten bis jetzt: 1. das Melodienbuch, im November 1921 vom deutschen evang. Kirchenausschuß herausgegeben; 2. das deutsche Gesangbuch und 3. das Choralbuch dazu von Arnold, Mendelssohn. Rheinland und Westfalen lehnen jetzt schon dieses Melodienbuch ab, wollen aber einer Vereinheitlichung des Choralgesanges nicht im Wege fein. Wie steht es in Hessen? Für uns mühten 7 Choralmelodien größere und 10 Melodien kleinere Abänderungen erfahren. Studienrat Borngässer spielte die alten und die neuen Weisen auf dem Flügel vor. Auch wir dürfen uns auf die Dauer einer Vereinheitlichung nicht entgegenstemmen. In der Aussprache, an der sich Univ.-Prof. D. Dr. Cordier (Gießen), Pfarrer Dr. Stumpf (Merlau) und der Vertreter von Nqssau, Prof. Dr. Schlosser (Herborn), Prof. Becker, Pfarrer Marx und Pfarrer Knodt beteiligten, kam zum Ausdruck, daß für Hessen der Zeitpunkt der Einführung eines neuen Gesangbuches verfrüht sei, daß wir unsere Mitarbeit an der Vereinheitlichung des Choralgefanges aber nicht versagen sollen. Ein Beschluß über die für uns noch nicht spruchreife Angelegenheit wurde nicht herbei geführt.
Mit herzlichen Dankesworten an alle Beteiligten und Mitwirkenden schloß hierauf der Vorsitzende, Pfarrer Marx (Darmstadt), die anregende Versammlung.
Daten für Donnerstag, 16. Mai.
Sonnenaufgang 4.08 Uhr, Sonnenuntergang 19.45 Ufyr. — Mondaufgang 11.30 Uhr, Monduntergang 2.20 Uhr.
1788: der Dichter Friedrich Rückert in Schweinfurt geboren; — 1831: der Physiker David Edwin Hughes in London geboren.
..Ds ist die Wahrheit, Herr Richter."
„Hat jemand außer Herrn Riedinger Anteil an der Tat? Vielleicht Sie? Vielleicht Herr Sokoloff?"
„Niemand."
Sokoloff wies mit einer kurzen Handbewegung auf Riedinger. „Sie haben gehört, wie die Dinge stehen. Herr Riedinger hat die Wahrheit gesagt: das ist anerkennenswert; denn er hätte natürlich ebenso den Versuch machen können, mich zu verdächtigen. Darf ich mir eine Frage erlauben: haben Sie etwas dagegen, wenn ich nun, nachdem sich alles geklärt hat, den Gerichtssaal verlasse?"
Achselzuckend wandte sich der Vorsitzende dem Staatsanwalt zu.
Der sagte:
„Hm. Herr Sokoloff gilt als ein Mann, der in mehrere politische Mordtaten verwickelt ist."
„Sind diese Taten in Dänemark begangen worden?"
„Nein."
„Liegt von einem ausländischen Staat ein Aus- lieferungsgesuch vor?"
„Nein."
„Ist Ihnen irgendein Delikt bekannt, ein positives Delikt — ich spreche jetzt nicht von den Ge- rüdjten, sondern von Tatsachen —. das man Herrn Sokoloff zur Last legt?"
„Nein, Herr Präsident."
„Eine letzte Frage, Herr Sokoloff: Warum sind Sie nach Kopenhagen gekommen?"
„Weil ich hörte, daß mein Name mit der Sache Remisow in Verbindung gebracht wurde: um mich zu rechtfertigen."
„Hm. Das läßt sich hören. Legt jemand von Ihnen Wert darauf, daß man Herrn Sokoloff zur Verfügung des Gerichts hält?"
„Ja, Herr Präsident," sagte der Staatsanwalt. „Ich glaube, daß wir ihn brauchen werden."
„Das gibt uns kaum ein Recht, ihn festzunehmen."
Eben trat der Gerichtsdiener ein.
„Herr Staatsrat Krentz!"
„Sehr gut. Ich möchte ihn gleich vernehmen. Und Sie, Herr Sokoloff, werden die Güte haben, draußen im Zeugenzimmer zu warten, bis wir Sie hereinrufen; ich möchte Sie mit dem Staatsrat Krentz konfrontieren."
Sokoloff mochte seine tune lässige Verbeugung und ging zur Tur, die sich eben öffnete. Krentz trat em; er sah Sokoloff mit einem erstaunten Blick an und folgte ihm mit den Augen, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
(Fortsetzung folgt.)


