Ausgabe 
15.5.1929
 
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Mittwoch, 15. Mai 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 112 Zweites Blatt

Oder doch? Die Prüfungsgebühr ist verfallen. Hm sie für die nächste Prüfung zusammenzu- kratzen, schreibe ich flugs diesen Artikel.

das soziale und kulturelle Leben eines Volkes aus­machen. In Estland zum Beispiel haben sich die 30 000 Deutschen diese Kulturautonomie errungen, und in Lettland besitzen sie ähnliche Rechte. Die anderen Staaten, besonders die, in denen das Deutschtum zahlenmäßig stark ist, haben sich noch nicht dazu entschließen können, überhaupt irgend­welche Zugeständnisse zu machen.

Der Deutsche ist also will er auf eine im deut schen Sinne geleitete Schulbildung, auf ein deutsches soziales Leben nicht verzichten, gezwungen, all diese Einrichtungen auf vereinsmäßiger Grundlage s i ch s e l b st zu schaffen und zu erhalten, was auch zu­meist geschieht. Aber diese Erhaltungsarbeit ist eine sehr viel schwerere, als wenn der Staat mithülfe, denn die Mittel, die die Deutschen für ihre deutschen Einrichtungen aufbringen müssen, stehen ja a u ß e r = halb der staatlichen und Gemeindesteuern, die sonst auch für diese Zwecke verwendet werden, und es be­steht zumeist für die Einhebung derselben kein irgend­welcher Zwang, sondern nur aus gutem Willen her­

Gas und Wasser Berlin 1929/'

Amtsgericht Gießen.

* Gießen, 7. Mai. Zwei Angeklagte, ein Ehepaar, hatten sich zu verantworten, weil sie Erziehungsmaßnahmen, die von zuständiger Seite hinsichtlich ihrer in Fürsorgeerziehung befind­lichen Tochter angeordnet worden waren, ver­eitelt bzw. den Versuch hierzu gemacht haben. (Vergehen gegen das Iugendwohlfahrtsgeseh.) Der Vater hat inhaltlich der Anklage seine Toch­ter eigenmächtig aus der Stelle geholt, in die sie von der Anstalt, der die Fürsorgeerziehung oblag, untergebracht toar; die Mutter hat ihre Tochter in der Anstalt durch ein Telegramm aufgefordert, sofort nach Gießen zu ihren Eltern abzureisen. Der Vater wurde für schuldig be­funden, und seine Behauptung, er sei nur be­suchsweise zu seiner Tochter gekommen, die dann freiwillig und im Einverständnis der Fürsorge­schwester mit ihm gegangen sei, wurde durch die Beweisaufnahme widerlegt. Er erhielt eine Geldstrafe von 50 M k. Die Mutter wurde

das Lenkmanöver auf den ganzen Körper, hier nutzt der Körper nichts und kommen Lenkleistung und Kontrolle allein auf Auge und Hand. Kein Wunder, daß sie zuerst immer vorbeilenken.

Allmählich aber schult sich der Blick. Ver­teufelter Zwang zur Konzentration! Hnd nun vollzieht sich dos Wunder. Erst sechs Fahrten sind gemacht. Schon aber wird die vollkommene Aenderung der Einstellung spürbar. Die typische Subalternität des Fußgängers weicht, die Platz­angst verschwindet, und die Mentalität des blick- sichern. fahrbahnbeherrschenden Autlers entwickelt sich. Noch weitere sechs Fahrten, und der neue Mensch ist fertig. Der Aufriß des Lebens ver­schiebt sich, und das Profil wird sichtbar, wie bei einer schönen Frau, die sich langsam zu uns herumkehrt. Die geistigen Funktionen erhalten einen neuen Stellenwert. Wir werden feinhörig für das Lebensganze und seine Bedürfnisse. Der Kraftwagen wird zum Symbol für die Welt, und wir begreifen den Kosmos nun technisch. Der Geist aber sinkt herab zum Instrument des Lebens. Der Amerikaner weih das längst und nennt diese WeltanschauungInstrumentalismus". Denn er fährt Auto.

Der Kraftwagen aber verändert den Menschen. Die Technik hat keinen Mythos mehr -- trotz Arthur Liebert. der das Gegenteil behauptet. Man muß am Steuer gesessen haben, um das zu begreifen. Der Amerikaner, der Dcnktechniker überhaupt hat die idealistische und mythologische Weltaufsassung endgültig hinter sich. Er ist grund­sätzlicher Diesseitsmensch, der das Leben nicht mehr von einer Heberwelt, seien es ewige Ideen oder Werte, seien es leibhafteGeister", ab­hängig denkt, sondern rein aus sich selber, aus bloß biologischen Gesichtspunkten erklärt. Geschäft und Technik aber sind so gut Lebcnsmächte wie Politik, Kunst und Religion. 2a, vielleicht noch bessere! Oft Religion etwas für sich? Rein, Religion ist das Oel zur Verhinderung von Reibungen und Konflikten. Darum ist die Kurbel­welle des Lebens für jeden Menschen, auch den scheinbar ungläubigsten, in Religion gelagert. Oft Denken Selbstzweck? Rein, denkender Geist ist im besten Falle der Anlasser für den Acht­zylinder des Lebensganzen.

Läuft das nicht auf eine Hmwertung alles dessen hinaus, was bisherGeist" hieß? Es ist die Lehre von der unfreien Seele amlaufenden Bande" der sozialen Maschinerie. An die Stelle des wärmenden Ideals, des frommen Gefühls tritt nunmehr das kalte, geschliffeneInstrument"

Ich lerne Autofahren.

Von paut Feldkeller.

Anders sieht sich vom gemächlichen Bürgersteig, anders vom Führersitz das Autofahren an! Wer hätte nicht schon den Sportsmann bewundert, wie er. den Glimmstengel im Munde, in schneidi­ger Fahrt das Steuer führt? Oder die Dame, die mit Grazie und klugem, wissendem Blick ihren Weg durch das Gewühl windet? Zur rechten Zeit besinne ich mich: in mehr als einem Sinn ist der Kraftwagen das Symbol unserer Zeit. Die Masse bevorzugt denOmnibus" in jeder Bedeutung (auch Kino. Radio, Grammophon sind Omnibusse", zu deutsch:für alle"). Der Denker aber ist ein Einspänner von Statur. Ihm ziemt allein das Sportkupee. Der Philosoph muß fahren lernen. Spricht nicht Keyserling vom Chauffeurtypus" als dem beherrschenden Men­schentyp unserer Zeit?

Schon bin ich in der Fahrschule. Schnell ist das Geschäftliche erledigt, die nötigen Papiere besorgt. Was erst Spiel, Gedankenspiel war. wird un­behaglicher Ernst. Der ich nie auf einem Führer­sitz gesessen bin, ich werde mitten auf den Straßen Berlins hinter das Lenkrad geklemmt und schaue hilflos auf die Schalter, Knöpfe, Manometer, Hebel vor mir, unter mir und auf den flutenden Verkehr. Ehrlich gesagt, schon möchte ich wieder herunter.

Wozu da bloß drei Fußhebel sind bei nur zwei Beinen? Der Fahrmeister erklärt die vier Gänge des Getriebehebels, und ich lerne schalten. Dann setzt sich der linke Fuß auf den Hebel für die Kupplung, der rechte auf den Gashebel. Wenn der linke Fuß hochgeht und einkuppelt, muß der rechte heruntergehen undGas geben". Die Füße bewegen sich also entgegengesetzt.

Ich begreife! Wozu spiele ich Harmonium? Schon aber bereue ich den unpassenden Vergleich im Anblick der dichten Gasschwaden, die der rechte Fuß hervorruft. Der Tölpel gab Vollgas! Er muß nuancieren lernen. Mein männlicher Strapa­zierstiefel erweist sich als hoffnungslos unemp­findlich für den leichten Gegendruck des Gas­hebels, und ich wünsche mir die zarten Sohlen einer rehfüßigen Frau. Das schnaubende Hn- getüm will gekitzelt werden! Eine Paradoxie neben so vielen andern des Autofahrens.

Run das Lenken. Reue Schwierigkeiten. Wohl bin ich vor Jahren Motorrad gefahren. Aber das hier ist ganz was andres. Dort verteilt sich

Berlin, Mai 1929.

Bei einer Besichtigung dieser Berliner Ausstel­lung hat man den Eindruck, daß dem Publikum gezeigt werden soll, was mit Hilfe seiner Steuer­zahlungen von den Kommunal-Verwaltungen ge­schaffen wird. Es soll das Gas und das Wasser, dessen sich der Mensch täglich so oft bedient, in seiner Erzeugung und vielseitigen Verwen­dungsmöglichkeit vor Augen geführt werden. Außerdem bietet diese Ausstellung Gelegenheit, den Kampf unserer deutschen Industrie gegenüber dem ausländischen Wettbewerb zu beobachten. Als Ziel erstrebt man die Qualitätsausführung bei Einhaltung von Preiswürdigkeit.

Die Ausstellungsgruppe® a s" baut sich um ein großes, etwa 1000 Quadratmeter umfassendes Gaswerks-Modell auf, das alle Abschnitte der Gaserzeugung zeigt, ausgehend von der Kohlenentladung mit Hilfe modernster Greifer und Bandförderer aus Kahn ober Waggon auf ben Lagerplatz, und enbigenb bei ber Verteilung des Fertiggases über die neuesten Druckrege­lungsanlagen in das Stabtrohrnetz bzw. den be­kannten Hochbehälter, den Speicher. Den ganzen Erzeugungsprozeh hier zu schildern, würde zu weit führen. Es soll nur noch auf die bauliche Anordnung zur Erreichung kürzester Transport­wege hingewiesen werden, die gerade bei dem gezeigten Modell auf das beste berücksichtigt find. Daß auch die Verwertung der Rebenprodukte umfassend behandelt ist, ver­steht sich von selbst, hängt dies Kapitel doch auf das engste mit der Rentabilität einer Gas­werksanlage zusammen. Hm das Modell grup­pieren sich die Ausstellungen der Fachfirmen, überleitend zur Verwendung des Gases in Haushalt, Gewerbe und Industrie. An erster Stelle im Haushalt ist den Firmen für die Herstellung von Gasherden Erwähnung zu tun, um so mehr, als darunter auch unsere be­nachbarte Industrie an der Dill vertreten ist. Gasherde für moderne Siedlungen. Einfami­lienhäuser und Großküchen, solche werden in be­merkenswerter Vielheit der Ausführung, jedem Wunsche entsprechend, angefertigt. Daneben sieht man Gasbadeöfen der bekanntesten deutschen Firmen. Für das Handwerk kommen Gasback- Öfen mit den unvermeidlichen in Teig gebackenen Würstchen in Frage, komplette Konditoreieinrich­tungen mit Baumkuchenbackmaschinen. Wäsche- r c i cinrichtungen und ganze Schneider Werk­stätten sind aufgebaut. Für die Industrie kommen vor allem die Glüh- und Schmelzöfen für öi(L keramischen Werke und Glashütten in Betracht. Auch die Industrie der feuer­festen Steine und Erden, die ja auch in unserer Stadt beheimatet ist, stellt ihre Erzeug­nisse aus. Gasfeuerungskessel für Zentralheizung

des maschinellen Denkaktes. Sozialer Einfluß und Denktraining sind die Ideale dieser Philosophie. Das Gehin", sagt John Dewey. der Begründer ber Wolkenkraherphilosophie von Reuyork,ist bloß das Instrument einer besonderen Art bio­logischen Verhaltens, aber kein Organ der Welt­erkenntnis". Es sei hohe Zeit, sagt Will Durant. der andere Amerikaner, daß auch die Philosophie sich säkularisiere, wie Wissenschaft und Kunst, Gesellschaft und Wirtschaft schon längst getan: daß sie aufhöre, verkappte Theologie zu sein, und endlich lerne, fest auf dieser unserer Erde zu stehen.

Man sieht es gleich. Der amerikanische Philo­soph fährt Auto. Die europäische Philosophie allein klebt wie eine ängstliche alte Jungfer, die sich nicht über die Straße traut, an der Bordschwelle, an der Schwelle veralteter Pro­blemstellungen, die recht eigentlich Fußgänger- probleme sind. Die Augenlinie des Fußgängers berührt schon nach 20 Meter den Erdboden, die des Kraftfahrers aber erst nach 100 Meter. Alle bisherige Weltweisheit aber war Fuh- gängerphilosophie mit dem kurzen Blick für das Rächstliegende, ohne Gefühl für die großen bio­logischen Zusammenhänge. Rascher und energi­scher aber ist "die Auffassung des Autolenkers. Anders erscheint ihm die Landschaft: des Fuß­gängers stehendes Filmbild wird ihm zum zu- fammenbrängenben Zeitraffer. Lebensgefühl und Metaphysik verdichteii sich wie das Gasgemisch im Zylinder und befähigen ihn zu rascher, rasen­der Fahrt.

Hub rascher unb rascher wird meine eigne Fahrt von kosmischen Stimmungen beflügelt. ...

Doch was ist das? Eine unsanfte Erschütterung reiht mich aus meinen Himmeln. ..Halt zum Donnerwetter!!!" Es ist die Stimme des prüfen- den Fahrsachverständigen, ber hinter mir im Wagen Platz genommen hat.Herr! Wie kom­men Sie bazu, rechts zu überholen?! .. . Außer- bem haben Sie einen Handwagen angefahren. Das bedeutet den Durchfall durch die Prüfung, mein Herr!"

In der Tat. Heber der Metaphysik hat der Philosoph die Ethik des Llutoverkehrs vergessen! Die Straße aber ist in erster Linie ein soziales, kein kosmisches Phänomen!

Ich fluche auf den Amerikanismus. Auch der Autler braucht ein Herz ein Herz für seine Mitmenschen. Mein Glaube an den herzlosen Instrumentalismus" ist erschüttert. Riemais wie­der besteige ich ein Auto.

Heimkehr des verlorenen Sohnes im Flugzeug.

In ben Romanen kehrt ber verlorene Sohn nicht immer wie in ber Bibel als armer Teufel zurück, sondern häufig als Retter in höchster Rot, unb es verfehlt auf naive Gemüter nie die Wirkung, wenn die Familie aus dem alten Heim vertrieben werden soll und im letzten Augenblick der verschollene Spröß- ling als reicher Mann heimkehrt und Glück und Segen über die Seinen bringt. Ein solcher Roman- schluß hat sich kürzlich in ber Wirklichkeit ereignet, unb zwar kehrte ber verlorene Sohn, den neuzeit­lichen 'Anforderungen entsprechend, im Flugzeug heim. In der Stadt Kingston im Staate Missouri lebte schlecht und recht ein wackerer Landmann namens Henry Cox. Er hatte einen Sohn Ralph, der dem Baker wenig half und an nichts anderes dachte als an Fliegen. Aber der Vater, dessen.Besitzung ver­schuldet war, hatte kein Geld, um den Jungen als Flieger auszubilden. Da, eines Tages, verschwand Ralph, und der Vater hörte, daß er sich Geld ge­borgt hatte, um auf eine Fliegerschule zu gehen. Weiter vernahm er nichts mehr von seinem Jungen und trauerte um denverlorenen Sohn". Unter­dessen ging es ihm immer schlechter. Er konnte die Zinsen unb Steuern nicht mehr bezahlen, und so sollte schließlich seine Besitzung versteigert werden. Die Versteigerung war um 9 Uhr morgens angesetzt. Landleute in Kraftwagen, zu Pferde unb zu Fuß strömten aus ber Umgegend zusammen, denn man hoffte, das Gut, des alten Cox billig zu erstehen. Schon wollte der Versteigerer auf ein Gebot den Zu­schlag erteilen und hatte bereits ben Hammer er­hoben, als man plötzlich ein Surren unb Schwirren in den Lüften hörte. Der Auktionator hielt mit dem Hammerschlag inne; aller Augen richteten sich empor, und man sah ein Flugzeug am blauen Himmel schweben. Solch ein Anblick ist in Missouri immerhin noch eine Seltenheit, unb so verfolgte man eifrig ben Menschen-Vogel, ber sich in eleganten Kreisen auf ein benachbartes Feld herniedersenkte. Aus ber Ma­schine stieg Ralph unb 303 ben anroefenben 0c» richtsoollzieher in ein kurzes, aber erregtes Gespräch, nach dem er eine bicke Brieftasche hervorzog und alle Schulden auf Heller und Pfennig bezahlte. Die An» wärter auf die Farm zogen mit langen Gesichtern ab, während Vater Cox seinenungeratenen Jungen" in die Arme schloß und in die Worte ausbrach:Unb da sagt man, baß es heute keine Wunber mehr gibt!"

aus zahlen bie Auslanbbeutschen_ noch ihre eigenen nationalen Steuern, bie oft bie Staatssteuern über­schreiten. Das Bekenntnis zum Deutschtum unb ber Wille, ber Muttersprache treu zu bleiben, ist zumeist nicht nur ibeeller Art, fonbern oft mit großen finan­ziellen Opfern oerbunben. Deshalb müssen wir im Mutterlanbe bem Auslanbbeutschtum nach b e ft c 11 Kräften helfen, beim wir haben in ben Aus lanbbeutschen überall Pioniere zu erblicken, bie beut« scher Sache unb ihrer Weltgeltung Wege bahnen. Aus bleiern Grunbe mühte eigentlich ein jeder Deutscher wenig st ens Mitglied des Vereins für bas Deutschtum im A u s - l a 11 b e fein, ber nun in Kiel feine Tagung ab« halten wirb.

gen und Warmwasserbereitungen, auch Radia- toren-Heizkörper, die bekanntlich ebenfalls in un­serer nächsten Rähe angefertigt werden, möchten auch gerne in jedem Haushalt recht bald Ein­gang finden. Für alle diese Verwendungsstellen werden die neuesten Meßinstrumente gezeigt. Besondere Beachtung verdient die Organisation des Slbrechnungsverkehrs, der sich in großen, be­sonders aufgebauten Bureaus abwickelt.

Das Wasser, das zweite wohl am meisten benutzte Element, wird auf die verschiedenste Weise gewonnen, wobei als Grundlage der Kreis­lauf des Wassers in der Statur dient, der als Wandgemälde dargestellt ist. Oberflächengewin» nung wechselt mit Grund- und Quellwassergewin­nung. Die Großstädte Deutschlands, an der Spitze Berlin, das mit seinen großartigen Werken in erster Linie dazu berufen ist, bringen ihre Me­thoden, wie bei Gas, auch bei Wasser zur Schau. Einen breiten Raum nimmt die Wasserauf­bereitung ein, mechanische und chemische Vor­gänge, wie Filtration und Chlorierung, Ent- säuerung und Enthärtung usw., zeigen uns, mit welcher Exaktheit und Sorgfalt die Wasserauf­bereitung unter ständiger Kontrolle steht, bevor das Raß zum Verbraucher gelangt. Auch die Abwasserbeseitigung, die leider noch oft verkannt unb in ihrer Bedeutung unterschätzt wird, ist auf dieser Ausstellung in das rechte Licht gerückt. Die Gas- und Wasserlei­tungsrohre in Gußeisen und Beton mit Eisen- einlage, die gleichfalls nach den allerneuesten Erfahrungen und Methoden im benachbarten Wetzlar hergestellt werden, wirken sehr dekorativ, diese Objekte sind neben den großen Wasser- schieberu die populärsten Teile einer Wasser­leitungsanlage. Wasser messer neuester Bau­weisen sind gleichfalls vertreten. Einen bemerkens­werten Kampf führt die F i 11 i n g s i n d u st r i e, die in unserer Stadt ebenfalls ansässig ist, gegen die Herstellung der Schweißverbindungen. DaS B a d e s a ch, für welches eine der bedeutendsten Hnternehmungen in Gießen heimisch ist, ist in großer Mannigfaltigkeit zu sehen. Zeitgemäße offene Sommerschwimmbecken in großen Sport­anlagen wechseln mit Schwimmbadeanstalten in Form gedeckter Hallenbäder und Fluß- bzw. See­bädern. Auch große Badeprojekte unter Zu­grundelegung der rentablen Abwärmeverwertung sind zur Schau gebracht.

Hand in Hand mit der Technik arbeitet bie Wissenschaft, bie ihre Bearbeitungsgebiete in der Chemie der Wasseraufbereitung hat, daneben in der Hntersuchung der Materialschäden in Gas- unb Wasserwerksanlagen. Statistik und Bauliches vervollständigen diese in ihrer Auf­machung und Konzentration wohl einzig da­stehende deutsche Ausstellung.

Minderheiten - Auslanddeutschtum.

3ur Pfingstiagung des Vereins für das Deutschtum im Auslande.

Von Frih Heinz Neimesch.

Durch bas ganze beutsche Volk geht ein Sehnen unb Streben nach Zusammenfassung ber nationalen Kräfte, noch Schaffung von Kraftmittelpunkten, die es uns ermöglichen sollen, wieber einmal bas zu werben, was wir waren, von der Welt geachtet und angesehen als bie größte und kulturell bebeutfamfte Ration Europas. Wir sind auf bem Wege, ein Volk zu werben--spät, sehr spät, fast zu spat,

denn schon sinb wichtige Teile aus unserem Volks­körper für ewige Zeiten gerissen, bie wir nie mehr mit uns oerbinben können, bie Niederländer, noch vor wenigen Jahrhunderten Deutsche genau so wie Westfalen, Rheinländer ober Oldenburger unb bie Deutsch-Schweizer. Die Gefahr ber Ver- schweizerung besteht für O e st e r r e i ch, in noch viel stärkerem Maße aber in Luxemburg und bei Danzig, vielleicht auch ein wenig im Saar­ge b i e t. Eine solche Verschweizerung gefährdet aber wenigstens nicht die deutsche Kultur dieser Gebiete, sie macht mir ihre Menschen politisch indifferent am Schicksal des Reiches und pflegt kleinliche Kräh, winkelet. Der Drang ber Menschen, mit bem Mutter­lande vereinigt zu sein, wird im Saargebiet und in Oesterreich aber auch in Danzig stärker fein, als ber Wille unserer Gegner, bie diese Wiedervereinigung glauben fürchten unb verbieten zu müssen.

Währenb also biete Gebiete in ihrer kulturdeut­schen Zusammensetzung kaum gefährdet erscheinen, sind es aber bie grenzbeutscben Gebiete Elsaß- L 0 t h r i n g e n, E u p e n - M a l m e d y unb S ü d- t i r 0 I nebst ber Südsteiermark, ber ganze beutsche Osten unb noch sehr viel mehr alle ausland- deutschen Gebiete, während die Tschechoslowakei unb Dänemark nicht in ber Lage sein werden, ihre Deut­schen zu assimilieren, 'an dachte vor zehn Jahren wer weiß welche große politische Tat zu tun, als man bie sog. Minderheitsschutzklausel schuf und in die Friedenstraktate einbaute. Vor ber ganzen Welt fühl­ten sich bie Großen Fünf falviert, glaubten ber De­mokratie ein ungeheuerliches Opfer gebracht zu haben, wobei erwähnt werben muß, baß sie natürlich sich selbst nicht verpflichtet haben, ihre Minderheiten als gleichberechtigte Staatsbürger zu behandeln.

Alles andere ist eingetreten, nur nicht bie Ruhe auf bem Gebiet ber Minberheitenfrage, um bie man mit lächerlicher Katzenpfötigkeit herurngeht, sie von allen Seiten beäugt, sich aber nicht getraut, einmal ein klares Ja oder Nein zu sagen; das demokratische Odium könnte allzuleicht verletzt werden. Kein Pro­blem wird in Angriff genommen, ja, man hat ben Cinbruck, als ob man in Genf mit Ausnahme ganz weniger Männer, so vielleicht ber Ungarn, ber Russen und ber Sübflaroen überhaupt nicht über das Problem ber Befriebung ber Minderheiten nach­gedacht hat. Strefemanns großzügige Vorschläge wären unmöglich auf ein so fassungslos unorientier­tes Publikum gestoßen, wenn sich die Herrschaften schon einmal bemüht hätten, zu verstehen, was die Minderheitenfrage überhaupt bedeutet.

Man will Millionen Menschen, wenn auch nicht gerade überall in so brutaler Form, wie dies ber Faszismus in Südtirol tut, zwingen, f i ch zu assi­milieren, d. h. sein Volkstum gegen ein anderes auszutauschen, so wie man ein Hemd wechselt. Man hält das für ganz selbstverständlich, ja, ist sogar er­staunt darüber, daß wir Deutschen zum Beispiel gar keine Lust dazu zeigen, uns gleich den Schlangen zu häuten unb heute deutsch, morgen polnisch unb über­morgen vielleicht russisch zu sprechen, zu lernen, zu beten. Da ben europäischen Auslanddeutschen ihr Deutschtum lieb ist und sie es eben nicht mehr so leicht ablegen, wie es heute noch viele Reichsdeutsche machen, die übers große Wasser nach Amerika gehen unb schon nach vierzehn Tagen glauben englisch rade­brechen zu müssen, auch wenn sie mit einem Lands­mann sprechen, so erklärt man, die 'Auslanddeutschen

Gegen die Tierquäler.

Der aufopferungsvollen Tätigkeit des Deut­schen Tierschuhvereines ist es zu ver­danken, daß dem Reichstag vor kurzem ein An­trag vorgelegt worden ist, in dem eine Ver­schärfung der im Strafgesetzbuch vorgesehenen Strafen für die Tierquäler gefordert wird. Bereits in der nächsten Zeit dürfte dieser Antrag vor den in Frage kommenden Instanzen zur Beratung kommen, und es ist damit zu rech­nen, daß diesem Anträge stattgegeben wird. Es ist bei dieser Gelegenheit interessant, einmal Släheres über den Deutschen Tierschuhverein zu hören, der im ganzen Reiche Zweigvereine unter­hält und seit dem Jahre 1841 ununterbrochen im praktischen Tierschutz tätig ist. Der Verein befaßt sich vor allem damit, die Tierwelt vor groben Mißhandlungen zu schützen. So hat er im vergangenen Jahre in Verfolg von Tierquälereien 2197 Strafanzeigen erteilt, von denen 640 Anzeigen zur Bestrafung der Täter, 321 Anzeigen zur Verwarnung führten. In der Hauptsache erstreckten sich die Tierquälereien auf Pferde, Hunde und Katzen. In allen deutscheiV Städten verfügt der ®eutfd>c Tierschuhverein: über Heime und Tierhorte, die gegen geringes Entgelt jeden Rat und jede Pflege in Tier» angelegenheiten erteilen. Berlin z. B, das über drei große Tierhorte verfügt, hat im vergangenen Jahre allein rund 50 000 mal Auskünfte er­teilt. Etwa 100 000 Tiere sind in den Kliniken in einem Jahre ärztlich behandelt und verpflegt worden. Die Berliner Zweigstelle hat vor kur­zem sogar einige Sltotorbreiräber in den Dienst gestellt, um den im Straßenverkehr ver­unglückten Tieren raschere Hilfeleistung zuteil werden zu lassen. Die umfangreiche Orga­nisation des Deutschen Tierschuhvereins trägt also in weitgehendem Maße dazu bei. wo es nur irgend wie augeht. schuhbedürftigen Tieren zu helfen. Der vor der Beratung stehende An­trag auf Strafverschärfung bei Tierquälereien ist feine jüngste Initiative, die hoffentlich zu dem gewünschten Erfolg führt.

seien verstockte Sünber, unb man würbe ihnen bann eben auf anbere Weise bie Flötentöne beibringen. Die Minberheitenschutzklauseln hat man vergessen, unb Herr Minister Benesch unb seine Kollegen von ber Kleinen Entente verlangen, man sollte diese Klauseln überhaupt a u s h e b e n , denn sie brückten un­gebührlich wie wenn sich schon irgenb jemand von ihnen nach ben Klauseln gerichtet hätte.

Was wollen die deutschen Minderheiten selbst? So­weit es echte Minderheiten sind, also nicht Teile des geschlossenen deutschen Sprachgebiets, die in einen fremden Staat hineingezwungen wurden, unb des­halb noch Wiedervereinigung streben, wie bie Su- detenbeutfchen, fordern diese Deutschen die Kultur- Autonomie, also eine Selbstverwaltung in allen nationalen Fragen, die fca sind, Schule, Kirche, Künste unb Wissenschaften, aber auch in sozialen Fragen, wie Altersversorgung, Säuglingspflege, Kinderbewahrung, Kamps gegen Tuberkulose unb Trunksucht, Mütter- unb Eheberatung, Bücherei­wesen und in all den anderen Angelegenheiten, die