Ausgabe 
15.4.1929
 
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Nr. 87 Zweites Blatt

Montag, 15. April 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberheM

alten

agyp- Dlitte

3d) fühle Ihre Hand, Madame...

Warum Herr Obersteiger eigentlich in dieses langweilige Konzert gegangen war, wußte er später nicht mehr zu feigen; Tatsache war jeden­falls, daß er sich bodenlos mopste und daß er nicht schlecht erschrak, als sich ihm während des

meter kommen und Paris die größte Be­völkerungsdichte aller Großstädte aufweist.

Amerikas zweitgrößte Stadt C h i k a g o brachte es von 1848 (20 000) bis 1929 aus 3,2 Millionen und ist berühmt dadurch, daß in den Schlächte­reien jährlich 15 Millionen Schweine, 7 Mill. Schafe, 5,2 Mill. Rinder und 200 000 Pferde ge­schlachtet werden. Die Stadt der ewigen Erd­beben, Tokio, weist heute 2,4 Mill, auf, etwas mehr als das 300 Glasfabriken enthaltende Osaka (2,1) und die mit ebensoviel Bewohnern gesegnete längste Stadt der Welt, Phila­delphia, die sich nur deshalb über 40 Kilo­meter erstreckt, weil sie fast nur Einfamilien­häuser enthält. Damit ist die Zahl der Städte mit mehr als zwei Millionen erschöpft, doch folgen Wien und das zur Hälfte von Einge­borenen bewohnte Buenos Aires mit je 1,9 Mill, auf dem Fuße. Moskau, berühmt durch 527 Kirchen, hatte 1812 schon 400 000 Be­wohner und hat heute mit 1,8 Millionen Le­ningrad weit überflügelt.

Sehr stark zurückgegangen ist H a n k a u, das 1850 vor dem Taipingkrieg fast 3 Millionen auf­weisen konnte und sich heute mit 1,7 Mill, be­gnügen muß. Trotzdem ist es immer noch Chinas größte Stadt, denn Peking folgt mit 1,6 Mill. Allerdings beruhen diese Zahlen auf Schätzun­gen, da in China niemals Volkszählungen durch­führbar waren. Peking dürfte, da es 1121 v. Chr. schon bestand, die älteste aller heutigen Mil­lionenstädte sein. Ebenso groß ist übrigens K a l - k u t t a, während Bombay, das oft für größer gehalten wird, nur 1,4 Mill. Bewohner besitzt. Vollkommen auf Schätzungen angewiesen ist man bei K o n st a n t i n o p e l, wo die Bevölkerung nach dem Brotverbrauch errechnet wird. Sie soll heute 1,3 Mill, betragen, ebensoviel wie in Rio de Janeiro, der einzigen Weltstadt, die

dritten Musikstücks plötzlich eine Hand auf die rechte Taille legte. Eine weiche, warme, kleine Hand, eine Damenhand, wie er bald bemerkte. Es mußte die Hand einer Dame sein, die hinter ihm sah, denn er war zwischen zwei ältere Se­mester eingeklemmt, die nicht mehr über derart zarte, kleine Pfötchen verfügen konnten.

Ms die Hand längere Zeit über seinen Anzug gestreichelt hatte und Herr Obersteiger ein Ta­schentuch zu Hilfe nehmen mußte, um vor Kitzel­gefühl nicht laut in den Saal zu prusten, wurde es fyell, und auf dem Programm standPause". Da stand er auf, sah sich um und entdeckte ein entzückendes junges Mädchen, das mit hochrotem Kopf sich abwandte und dem Ausgang zustrebte, wo man draußen am Büfett sich vielleicht Wieder­sehen konnte.

Obersteiger stieg also nach, langte sich am Büfett einige Stullen und ein Münchener Spa­tenbräu und wartete auf die Schöne, die leider ebenso verschwunden blieb wie seine Brieftasche, als er zahlen wollte. Run wußte er, was die Hand gewollt hatte.

Eigentlich hätten Sie das doch schon vorher merken müssen", meinte der Richter kopfschüttelnd.

Hätte ich auch", gab Obersteiger zu,aber im Grunde genommen war mir die Hand ganz a n g e n e h m."

Aus dein nun folgenden befreienden Gelächter des ganzen Saales rekrutierte sich dann die Wir­kung auf das milde Urteil für das schöne Kind mit der streichelnden Hand . . .

nen Stimmen mit knapp 40 Mandaten wirklich recht schwach repräsentiert sind. Wiederum liegt aber in dem liberalen Vorstoß bei den bevor­stehenden Wahlen eine unmittelbare Gefahr für die Liberalen selbst. Das ergibt sich eben aus dem Wahlverfahren. Dreieckige Wahlen ergeben keine runden Resultate. Es kann sehr wohl sein, daß die Arbeiter wie bisher das Fett von der liberalen Suppe abschöpfen werden. Zweck dieser Betrachtung ist indessen zunächst nicht eine Prognose, sondern der Rachweis, daß eine Prognose außerordentlich schwierig ist. Cs kommt bei englischen Wahlen, sagte einmal ein sehr kluger Beobachter und Politiker, gar nicht auf die Massen an. sondern auf die Entschei­dung von ein paar Millionen interessierter Wäh­ler. Gehen sie nach Links, gibt's eine Links­mehrheit, gehen sie nach Rechts, eine Rechts­mehrheit.

Zweifellos könnten sie diesmal einen leisen Linksdrall zeigen. Sie würden es bestimmt tun, wenn die Oppositionsparteien ansehnlicher und besser geführt wären, als sie es in Wahrheit sind. Aber Lloyd George ist einWirbelwind" und Ramsay Salonsozialist mit einer impo­santen Löwenmähne. Ihre Vorschläge zur Be­hebung der Arbeitslosigkeit, sagten dieTimes" neulich ganz richtig, gleichen einander wie ein Ci dem anderen und beruhen auf der Ausbeutung des Steuerzahlers und staatssozialistischer Vor­stellungen. Ueberdies hat sich Stanley B a l d- w i n, der, wie ein Kommunist vor Jahren einmal sagte, nicht so dumm ist, wie seine Gegner meinen, und nicht so bieder, wie seine Freunde denken, auch ein massenpsychologisches Experiment ge­staltet: die Ausdehnung des Frauenstimmrechts, das nicht nur die erlesenen Vertreter der Wähler­elite, sondern auch Massen an seine Fahnen fesseln könnte. Auch ist er selbst eine politische Zugkraft von nicht geringer Bedeutung. Seine

nur einen einzigen Exportartikel kennt, den Kaffee, von dem allerdings jährlich 4,8 Mill. Zentner ausgeführt werden.

Glasgow, um das Zahr 1000 gegründet, hält mit 1,2 Millionen Bewohnern immer noch den zweiten Platz in England. Ebenso groß ist Detroit, die Stadt, die im Zähre 1830 genau 2222 Einwohner besah und in welcher heute jeder dritte Bewohner bei Ford en­gagiert ist und jeder zweite Bewohner durch den Autohandel lebt. Auch Leningrad, das 1910 schon mol 1,5 Millionen hatte, registriert heute 1,2 Millionen. Hamburg hat bekanntlich 1,12 Millionen Einwohner, genau so viel wie Budapest und Los Angeles, die Stadt mit dem unerhörtesten Wachstum, das es je gab. Roch 1870 hatte die Stadt 5000 Einwohner, 1900 waren es schon 102 000, 1914 300 000, und heute unternimmt es bereits einenAngriff" auf De­troit. Genau eine Million weisen auf San-

Hochschulnachrichten.

An der Berliner Technischen Hochschule ist der außerordentliche Professor für Luftfahrtwesen Dr.-Zng. Georg Madelung zmn ordentlichen Professor ernannt worden.

Ernannt wurde der ao. Professor und Oberarzt an der Medizinischen Klinik der Universität Sönigs= berg Dr. Felix Klewitz zum ordentlichen Professor der inneren Medizin sowie zum Leiter der Medizi­nischen Poliklinik in M a r b u r g als Nachfolger von Professor Eduard Müller. Der Privatdozent in der M ü n d) e n c r Theologischen Fakultät Dr. Karl Staab ist zum etatsmäßigen ordentlichen Pro-- fessor für neutestamentliche Exegese an der Univer fität Würzburg als Nachfolger von Professor A. Wikenhauser ernannt worden. Dem Zeichner und Maler Olaf Gulbransson in München ist, dem einstimmigen Vorschläge des Akademischen Kollegiums entsprechend, eine ordentliche. Professur für Zeichnen und Malen an der Mün chener Akademie der bildenden Künste vom l.Mai 1929 an übertragen worden.

Gisst!

Von Hans Siemsen.

Mein Hott, hab' ich mich erschrocken! Als ick) abends nach Hause komme, klebt ein handgeschrie­bener Zettel an meiner fiaüstür:Vorsicht! Hier im Haus liegt Gisst."

Gifft!" Mit ff und dick unterstrichen. Wie un­heimlich das klingt! Als ob die Gesche Gottfried oder sonst eine der berühmten Giftmischerinnen sich hier im Hause" etabliert hätte. Als ob ein furcht­bares Drama in aller Oeffentlichkeit und doch heim­lich hier vorbereitet würde. Ein Drama ist es auch, was hier vorbereitet wird. Aber es handelt sich nur um Ratten.

Was heißtnur"? Für die Ratten ist das kein nur". Nur für uns Menschen.

Aber davon wollte ich ja gar nicht reden. Son­dern von dem WorteGifft". Wieviel giftiger als.

ton, dessen uralte Tempel zum Teil 250 v. Chr. erbaut sind, Warschau, das in den Rach- kriegsjahren enorm gewachsen ist, Sydney, das im Zahre 1800 noch mit 2600 Menschen registriert war. und Birmingham, das Liverpool und M a n ch e st e r überholte und wo auf jedes Haus nur 5 Bewohner kommen, so weit ist es auseinandergebaut.

Zukünftige Millionenstädte sind in erster Linie Liverpool, Reapel, Melbourne, Rom, Ma­drid, Barcelona, Manchester. Ehemalige Millionenstädte waren Rom, das zur Zeit des jüngeren Plinius 2 Millionen Einwohner hatte, Reapel, das um Christi Geburt anderthalb Millionen aufwies, Athen, das 404 v. Chr. eine Millionenstadt war, und Karthago. Aber es ist möglich, daß sich auch schon im Babylon, in Memphis oder dem tischen Theben zur Zeit ihrer höchsten Millionen zusammengedrängt haben.

Lieber Hüte und Stöcke.

Von Franz Blei.

Der Spazierstock wird immer seltener. Nächstens wird er völlig aus der Hand des Elegants ver­schwunden (ein. Da sie auf dem Volant des Autos ruht, paßt er nicht mehr re äst zu ihr. Einen Grund seines Daseins hatte er ja schon längst verloren; der schlechte Zustand der Straßen ließ zu der Stütze greifen. Aber auch noch dieses andere, daß man spielerisch der Notwendigkeit, sein Alter darauf zu stützen, zuvorkam. Es war wie mit dem weiß­gepuderten Haar. Eine Liebenswürdigkeit der jun­gen Herren gegenüber den alten Herren, damit sich diese weniger genieren, grau zu werden und eines Stockes zu bedürfen. Und da auch junge Herren einmal alt werden, markierte man das gewisser­maßen zum Spaß schon lange vor dem Eintritt des fatalen Ereignisses, damit dieses dann nicht zu kraß von heute auf morgen sichtbar werde.

Und ein bißchen war der Spazierstock auch so etwas wie die Gerte des Reiters geweien. So eine Art Herrenabzeichen. Auch damit ist s nun vorbei. Der Reiter markiert sich nicht mehr m Zetten des Automobils. Das bekommt nicht nur der Spazier­stock zu inerten. Auch anderes noch in der Herren­eleganz. Der Hut zum Beispiel.

Dieser gesteifte runde tfiti, den man Melone nannte. Es hat ihn galoppierende Schwindsucht er­griffen. Er beginnt bereits aufzufallen, wenn man ihm, selten genug, begegnet. Und alles, was tn der Form ausfällt, fällt aus der Eleganz heraus. Der weiche Filzstift erobert sich von England aus die Männerköpfe. Aber er behauptet lernen Sitz nicht immer ganz glücklich. Weil er groß oder klein, be­haart oder beglatzt ist, wird der Kopf zum wunden Punkt, was den Hut betrifft. Aus dem schmalen englischen Pferdekovf fitzt der weiche <ftlz vortreff­lich. Auf einem großen und kahlen Kopf fitzt er scheußlich. Dem stünde das Barett viel besser. So haben bjc großen norddeutschen Rundlopse, be|an­ders wenn sie sich ins Kahle begeben, ihr Kreuz mit dem weichen Filz. Gut und richtig schaut der Mann der Arbeit an den Werktagen in Kappe ober Mütze aus. Aber am Sonntag in weichem Filz ober steifer Melone wie eine Karikatur seiner selber.

Der farnesische Herkules kann sich, was Musku­latur und Körperbau betrifft, sehen lassen und ttit bas auch. 'Diobern angezogen wirb er neben Eonny Beibt eine läd;erlid)e Figur machen. Dafür mietet dürfte Conny Beibt unangezogen schlecht wegkom-

Popularität ist, das wurde hier schon oft betont, in stetigem Wachsen geblieben. Gefährlich sind ihm einzig die Arbeiter. Zwar nicht so sehr aus eigener Kraft, als wegen der liberalen Tak­tik. Cs ist, wie gesagt, in England durchaus möglich, daß eine stimmenmähige Minderheit die parlamentarische Mehrheit erringt. Die gegen­wärtige Regierung ist ein Beispiel dafür. Es könnte sein, daß auch die Labourparth einmal Glück hat. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Man traut ihren Versprechungen und Fähigkeiten nur halb. Sie wirkt nicht stabil genug, um Vertrauen einzuflößen. Zwar wächst ihre Beliebtheit bei den intellektuellen Kreisen; aber das ist kaum entscheidend.

Somit bleibt als letzte Möglichkeit noch der Fall eines unentschiedenen Ausgan­ge s zu erwägen. Keine Mehrheit: weder für Konservative, Liberale oder Arbeiter. Alsdann dürfte sich die liberale Partei Zerrunaserscheinun- gen ausgesetzt sehen, denen selbst Lloyd George mit seinem Kriegsschatz nicht gewachsen sein dürfte. Sind die abgetoanoerten Mitglieder schon im Laufe der verflossenen viereinhalb Zähre nach beiden Seiten abgewandert, so würde sich diese Tendenz unter der Wirkung politischer Verant­wortung erhöhen. Die Arbeiterpartei ist im Grunde nicht sozialistisch. Sie ist sozial, sie ist fortschrittlich, sie ist wehrhaft, sie ist sogar im­perialistisch. Sie hat den Kommunismus ausge- schieden, überwunden wie die Masern. Um daher einen Schluß zu ziehen, um einen Kopfsprung in den Strudel einer Gesamtprognose zu wagen: (auf die Gefahr der Widerlegung) glauben wir, trotz allem an einen Erfolg der Konser­vativen. Cs wird ein knapper Sieg werden. Minderheitsparteien, die aber eine parlamen­tarische Mehrheit erzielen können, brauchen ja nicht immer eine Zweidrittelmehrheit zur Macht. Baldwin dürfte auch diesmal das Rennen machen.

Millionenstädte der Erde.

London an erster,Berlm an dritterSielle.- Ehemalige und kommende Millionenstädte

Gift" mit einemf" sieht dochGifft" mitff aus! Auch vor dem WorteGift" hätte ich mich da an der dunklen Haustür erschrocken. Aber vor Gifft" mitff" möchte man gleich davonlaufen. Und dabei fällt mir ein, wie langweilig es eigent­lich ist, daß unsere Schreibweise durch die Ortho­graphie so streng und peinlid) genau geregelt ist. Wie amüsant wäre es, wenn wir manchmal so schrieben, wie es uns gefällt, wenn wir versuchten, Art und Heftigkeit unserer Gefühle durch eine ganz selbständige, willkürliche Auswahl der Schreibweise auszudrücken.

Wie anders sieht das aus:Ich lihbe dich", statt: Ich liebe dich." Undferächtlich" sieht viel ver­ächtlicher aus, alsverächtlich" je aussehen konnte.

Goethes Mutter, die alte Frankfurter Dame, schrieb auch ganz falsch, mal so, mal so, wie's ihr gerade in den Sinn kam. Und diese falsche Ortho- graphie ist ein besonderer Reiz ihrer allerdings auch im übrigen so reizenden Briefe.

Ordnung, gewiß, macht das Leben bequemer, aber auch langweiliger. Orthographie macht den schriftlichen Verkehr bequemer, aber auch lang­weiliger. Und allen orthographischen Regeln zum Trotz möchte ich einem, seiner gebildeten Dumm­heit wegen, gefährlichen Gegner einmal schreiben: Sie däymliges Rinntvieh, Sie!"

Äen im Wchldreikamps.

Von unserem Londoner Mitarbeiter.

London, 12. April 1929.

Der englische Wahlkampf ist im vollen Gange. Die Rufer im Streit sind: der Führer der Konser­vativen und Premierminister im Amte Stanley Baldwin, der Führer der Arbeiterpartei und Premierminister a. D. Ramsay Macdonald und der Führer der Liberalen und Premier­minister a. D. David Lloyd George. Wie man sieht, hat jeder in seiner Art schon die po­litischen Crstlingserfahrungen hinter sich. Alle haben miteinander das höchste Amt, das England zu vergeben hat, bekleidet. Sie verstehen ihr Handwerk. Die Arena, in der sich der Kampf der von den drei politischen Kämpen geführten Heerhaufen abspielt, ist das englische Wahlsystem, das auch gleichzeitig die Kampsregeln enthält.

Es muß hier daran erinnert werden, daß das englische Wahlverfahren zugleich das demokra­tischste und undemokratischste der Welt ist. Zwar spricht man vom allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrecht, das auch die weibliche Bevölkerung vom Alter von 21 Zähren ab erhalten hat, in Wirklichkeit bedeutet aber die Feststellung des Ergebnisses nach der relativen und nicht nach der absoluten Mehrheit eine Korrektur, die politisch höchst bedeutsam, ja entscheidend ist. Ze mehr Kandidaten innerhalb eines Wahlkreises auftreten, um so geringer ist die Zahl der Stim­men, die zur Wahl eines Abgeordneten not­wendig sind. Sind nur zwei Kandidaten auf- gestellt, dann entscheidet naturgemäß die abso­lute Mehrheit. Wer mehr Stimmen erhält als der andere, ist gewählt. Treten aber drei oder gar mehr Parteien auf den Plan, da genügt ein Drittel der Wahlbeteiligung zur Entscheidung. Werden zehntausend Wähler gezählt und sind drei Kandidaten ausgestellt, von denen jeder ein Drittel der Stimmen auf sich vereinigt, so bleibt derjenige, der 3334 erhält, Sieger. Also gibt eine Stimme den Ausschlag. Sind gar mehr Kandidaten im Felde, dann besteht theo­retisch die Möglichkeit, daß jeweils derjenige gewählt wird, der eine Stimme mehr erhält als die Anzahl der abgegebenen Stimmen, divi­diert durch die Anzahl der Kandidaten. Also 10 000 : 3 + 1, 10 000 : 4 4- 1, 10 000 : 5 -Z 1 usw. 2n diesem Wahlverfahren liegt daher e i n ungeheurer Zwang zur politischen Konzentration. Kleine Parteien werden zerrieben. Obwohl es undemokratisch erscheint, ist es in Wahrheit demokratisch. E s fördert die W i l l e n s b i l d u n g. Cs schafft jene Zu­stände. um die wir England beneiden.

Während die letzten, die Sinowjewbriefwahlen, einen Schritt auf die Wiederherstellung des Zweiparteiensystems ergeben (die Libe­ralen wurden nahezu zerrieben), verspricht die bevorstehende Entscheidung einen Rückschritt zu bringen. Lloyd George versucht alles und jedes, um einen liberalen Wahlerfolg und die Entscheidung über die Regierungsbildung in die Hand der von ihm geführten Partei aus dem Kampf zurückzubringen. Sein im Kriege durch Verkauf von Titeln zusammengebrachterKriegs- schah" ermöglicht ihm die Aufstellung von libe­ralen Kandidaten in fast jedem halbwegs aus­sichtsreichen Wahlkreis. Auch weiß man, daß der letzte konservative Crsolg durch eine poli­tische Panik, nämlich den Russenschreck. mit verursacht worden ist. Die Tücken des englischen Wahlverfahrens taten ein übriges. Die liberale Partei erzielte mit über drei Millionen Stimmen 40 Mandate im Hinterhaus, von denen sie durch Abwanderung an die Flügelparteien, darunter Sir Alfred Mond, jetzt Lord Melchct. eine ganze Anzahl verloren hat. Die Konservativen erziel­ten mit über acht Millionen Stimmen einer Stimmenminderheit gegenüber den vereinigten Wählern der Liberalen und Arbeiter eine Zweidrittelmehrheit im -Unterlaufe (415 Man­date). Man muh sich also auf eine erhebliche Zunahme der liberalen Mandate vor allem deswegen gefaßt machen, weil drei Millio-

men. Wenigstens sah er im Trikot denken wir an den Caligari-Film recht mäßig aus. Das an- gezogene männliche Schönheitsideal, das aus Eng- ianb stammt, ist lang und schmal. Dieses Ideal er­oberte sich langsam den Kontinent.

Die einfachsten Sachen sind die schwierigsten. Wie der Hut. Oder der Straßenanzug. Das festliche Kleid, Frack usw., das ist kein großes Kunststück. Wohl aber so Simples wie ein Straßenanzug. Denn treibt der die Eleganz zu weit, kommt der Träger in Verdacht, nicht selber seinen Schneider zu be­zahlen. Schwierig ist's, den Straßenanzug in Ein­klang mit dem Beruf zu bringen, den man ausübt, ohne durch den Beruf geradezu aufzufallen. Der Füllfederhalter oder der Zollstab, sichtbar aus einer Tasche ragend, wird zur Eleganz nichts beitragen. Auch die Aktenmappe unter den Arm geklemmt nicht. Aber auch Lackschuhe, auf der Straße ge­tragen, nicht, und nicht zu Helle, farbenfröhliche Stoffe.

Die Eleganz liegt in einer gewissen Uniformität, deren feinere Unterschiede der Qualität und höchsten Vollendetheit daher um so reizvoller und schwieriger zu erreichen sind. Also um Nuancen, die viel Zeit und somit viel Geld kosten. Man nehme da nur einmal das Beispiel der Schuhe. Oder erinnere sich an die Vielfältigkeit jenes Kleidungsstückes, das jetzt ganz allgemein Ueberzieher genannt wird und ehe­mals und eigentlch so vielerlei war wie Paletot, Mantel, Cape.

Man geht weniger. Man fährt, man fliegt. Wie man sich richtig dazu anzieht, hat weit größere Auf­merksamkeit erfahren als der Anzug für das Gehen auf der Straße. Man hat einen Beruf. Sucht aber jede Erinnerung daran so rasch wie möglich am Weekend und im Sport zu vergessen. Die sportliche Kleidung hat ihren Profit davon. Wie man sich beim Lausen und Springen anzieht, steht fest. Nicht wie beim Promenieren. Der Straßenanzug hat so seine Verluste. Der Stock verschwindet. Der Hut wird problematisch. Aber ich wollte nur um den letzten Spazierstock das Gewinde einiger Bemer­kungen legen, bevor wir ihn in den Wandschrank eines Museums stellen.

27 Städte zählen wir im ganzen, von denen jede mindestens eine Million Einwohner aufzu­weisen hat und in denen insgesamt 58,5 Millionen Menschen wohnen. Von diesen 27 Städten ent­fallen fünf auf die Vereinigten Staaten tReuyork, Chikago, Philadelphia, Detroit und Los Angeles^, drei aus England (London, Glasgow und Birmingham), drei auf China (Hankau, Kanton und Peking), zwei auf Deutschland (Berlin, Hamburg), zwei auf Rußland (Mos­kau, Leningrad), zwei auf Japan (Tokio, Osaka), zwei auf Indien (Kalkutta, Bombay) und je eine auf Oesterreich, Ungarn, Frankreich, Argen­tinien, Brasilien, Polen, Türkei (Konstantinopel) und Australien (Sidney).

Die größte Stadt der Welt ist London, das schon 1801 960 000 Bewohner aufwies, 1890 schon auf 4,2 Millionen angewachsen war und heule mit 7,6 Millionen selbst Reuyork übertrifft, das feine 7,4 Millionen auf 850 Quadratkilometer ver­teilt hat und an räumlicher Ausdehnung nur hinter Berlin zurücksteht. Zn Reuyork leben von jeder Ration der Erde mindestens 1000 Per­sonen, was keine andere Stadt von sich behaupten kann. An dritter Stelle kann Berlin genannt werden, dessen Wachstum erstaunlich ist. Zm Jahre 1800 besaß es nur 180 000 Bewohner, noch vor wenigen Jahren belegte es hinter Paris den vierten Platz, heute leben 4,25 Millionen in Berlin, das mit 878 Quadratkilometer d i e größte Ausdehnung aller Städte der Welt aufzuweisen hat und gleichzeitig der größte Grundbesitzer ist. Der Fremdenverkehr stieg von 1890 mit 505 000 auf 1,6 Millionen im Jahre 1928. Hat Berlin die geringste, so hat Paris die größte Kindersterblichkeit aller Weltstädte, was fein Wunder ist, da Paris seine 3,9 Mil­lionen so eng zusammengepfercht hat, daß 3 7 00 Personen auf jeden Quadratkilo-

Die Frankfurter Frühjahrsmesse.

WSR. Frankfurt a. M., 14. April. Die Frankfurter Frühjahrsmesse, die bis zum 17. April dauert, hat heute ihren Anfang genommen. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse hat auch diese Messe wieder ihre alte Anziehungskraft ausgeübt. Ein Teil der traditionell auf der Frankfurter Messe vertre­tenen Gruppen ist sogar in bedeutend erweiter­tem Umfange erschienen. Der Besuch war den ganzen Tag über ein ziemlich reger. Dabei konnte festgestellt werden, daß es sich nicht etwa in der Hauptsache nur umSehleute" handelte, sondern daß schon recht ansehnliche Kaufe ge­tätigt wurden. Jedenfalls war der erste Messe­tag besser als der der Herbstmesse. Abgesehen von der Schuhmesse und der Herrengruppe der Textilmesse war die Stimmung recht gut, und die an und für sich nicht hochgeschraubten Er­wartungen sind in den meisten FäUen über­troffen worden. Zm einzelnen läßt sich über die verschiedenen Gruppen folgendes sagen:

Galanteriewaren, Musikinstru­mente. Spielwaren, Reise- und Toiletteartikel, sowie Luxuswaren: Hier war das Bild das gleiche wie bei der letzten Messe. Der Besuch war zufriedensteUend, das Geschäft im allgemeinen mittelmäßig. Das beste Geschäft war hier in Kosfern und einzelnen Arten von Ledertaschen. Es waren auch einige Käufe von der Schweiz, Holland, Frankreich und Spanien zu bemerken.

Schuh- und Ledermesse: Dieser Markt leidet unter dem bekannten Boykott des Schuh- fabrikantenverbandes und ist daher gegenüber der Herbstmesse weiter zusammengeschmolzen. Diesem Zustand entsprach auch das Geschäft.

Haushaltungsartikel: Für diesen

Markt zeigen sowohl das 3n- wie ganz besonders auch das Ausland, namentlich die Schweiz und Holland, großes Interesse. Das Geschäft war zufriedenstellend, in Kristallen und Porzellan sogar sehr gut.

Kunstgewerbe: Das süddeutsche und öster­reichische Kunstgewerbe stehen hier wiederum stark im Vordergründe. Wie auf den bisherigen Frank-