Ausgabe 
15.4.1929
 
Einzelbild herunterladen

Götz, Rudolf Presber, Karl Ritter, außerdem wird ein bunter Querschnitt durch die Winterspielzeit, Tänze, Lieder und Unterhaltungsmusik gegeben. Die Veranstaltung beginnt 20.30 Uhr,,der Vorverkauf hat bereits begonnen. *

* 2> i e Konfirmanden in der evang. Gemeinde Gießen. Sn der evangelischen Eesamtgemeinde Gießen wurden in diesem Sahre 414 Kinder konfirmiert. Sie verteilen ftch m folgender Weise auf die Einzelgemeinden: Mat- thäusgemeinde 84, Markusgcmeinöe 67, Lukas- gemeinde (mit Einschluß der a^wärtrgen Konfir­manden) 108, Sohannesgemeinde 67, Luther- gemcinde 39, Pctrusgemeinde 48.

" Der älteste GießenerBürgerver. storben. Am Donnerstag ist der älteste Gie­ßener Bürger, der Musikdirektor i. R. Christian Kruse, sonst entschlafen. Noch vor kurzem konnte er im Kreise seiner Familie seinen 90. Ge­burtstag in voller Rüstigkeit erleben. Gratula­tionen und huldvolle Worte konnte er da ent- gegennehmen, u. a vom Reichspräsidenten von Hindenburg mit Bildnis und eigener älnter- schrift, vom Für st en von Waldeek, von der Stadt Gießen durch Oberbürgermeister Dr. Kel» l e r Christian Kruse war 1839 in Wreken im Waldeckschen geboren. Sn jüngeren Sahren nahm er schon Geigenstunden bei Meister Louis Spohn in Kassel. 25 Sahre war er Mitglied der Pal- mengartenkapeUe in Frankfurt a. M. 1890 kam er nach Gießen und war hier lange Sahre Sn- Haber des bekannten Konzerthauses Lahnstein, wo heute noch bei den alten Giehernern von Papa Kruse mit seinen 3 Söhnen (der älteste Sohn Heinrich bedeutender Cellist in Hamburg, der Sohn Georg MusiUehrer hier und der jüngste Sohn Willy am Staatstheatcr in Kassel, und von den wundervollen Quartettabenden erzählt wird.

** Die Vertilgung der R a u p e n n e st e r wird den Garten- und Feldbesitzern durch eine Be­kanntmachung der Stadtverwaltung im heutigen An-

zeigenteil in Erinnerung gebracht. Auf die Bekannt­machung sei hiermit besonders hingewiesen.

** tragischer Tod eines jungen Mannes. Ein rasches Ende fand gestern nach­mittag das Leben des 17 Sahre alten Weiß- binderlehrlings Ern st Hupfeld aus Wahen- born, der in Begleitung eines Freundes den Ber- gnügungsplatz der Gießener Frühjahrsmesse auf Oswaldsgarten besuchte. Der junge Mensch hatte die Absicht, sich dort in einem Fahrgeschäft auf dem Platze zu belustigen. Kaum hatte er sein Eintrittsgeld bezahlt und den Stand des Schau­stellers betreten, als er ohnmächtig zu Boden sank und wenige Augenblicke später an einem Herzschlag verstarb^ Der bedauernswerte Süng- ling ist anscheinend schon seit einiger Zeit herz­krank gewesen. Nachdem ein Arzt den Tod fest­gestellt hatte, wurde die Leiche zum Neuen Fried­hof gebracht und von dort heute früh nach dem Heimatsorte des auf so jähe Weise aus dem Leben geschiedenen Jünglings übergeführt.

** For st personali e. Der forsttechnische Be­amte bei dem Forstwirtschaftsamt, Oberförster Dr. Hermann K ü n o n z in Darmstadt, wurde mit Wir­kung vom 1. Mai ab zum Forstmeister des Forst­amts Konradsdorf ernannt.

*" Vo m R e i ch s b u n d d e r K r i e g s b e s ch a - digten und Hinterbliebenen in Gießen wird uns mitgeteilt, daß bei der Feier des zehnjäh­rigen Bestehens der Gießener Ortsgruppe nicht die Militärkapelle konzertierte, sondern die Kapelle des Reichsbanners mitwirkte.

S p e r r z e i t d e r Ta u b e n wird im heutigen Anzeigenteil durch eine Bekanntmachung der Stadt­verwaltung für die Zeit vom 15. April bis 15. Mai verkündet. Die Taubenhalter mögen die Veröffent­lichung beachten. ~

."Auftrieb aufdemheutigen frank­furter Schlachtviehmarkt: 429 Ochsen, 87 Bullen, 690 Kühe, 488 Färsen, 564 Kälber, 45 Schafe, 4424 Schweine.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 15. April 1929.

Schulanfang.

Mit dem scheidenden Winter haben viele tau­send Kinder die Schule verlassen. Lieber einem solchen Entlassungstag liegt wohl immer ein wenig Wehmut, erfüllt die Herzen der Eltern und Lehrer: löst aber bei den Schillern stolze Freude aus. Der heutige Tag der Schul aufnahm e ist aber sicher ein reiner Freudentag für Eltern und Kinder. Ost doch auch die Sahreszeit wie geschaffen für den Eintritt in die Schule. Rings in der Natur sehen wir knospendes, schwellendes Leben, erwachende Blumen und jubilierende Bügel. Licht, Wärme und sprossendes Grün be­gleiten die Schulanfänger in ihrem neuen Lebens­abschnitt. Es ist ein Tag voll erwartender, freu­diger Hoffnung.

Sch weiß noch genau, wie es bei meiner Schul- aufnahme war. Dicht zusammengedrängt wie Schäfchen standen wir da, hielten uns fest an dem Rock der Mutter und schauten immer wieder nach demHerrn Lehrer", vor dem wir einen Heiden­respekt hatten,' denn die größeren Kinder hatten dafür gesorgt, daß wir mit der nötigen Angst diesen ersten Gang antraten. Wir bekamen unsere Plätze angewiesen, einige Kinder weinten. Andere folgten ihrem Beispiel, als die Mütter das Schulzimmer verlassen hatten. Der Lehrer ent­puppte sich aber als ein ganz freundlicher Mann. Wir faßten schnell Zutrauen. Allerdings wurde dieses etwas erschüttert, als wir die Schule an diesem Tage verließen. Es erhielt nämlich jedes Kind ein Geschenk vom Lehrer. Die meisten wohl einen Weck, damals noch ein Leckerbissen für uns Dorsiinder. Sn einigen Wecken steckten Geld­stücke. in meinem fünf Pfennig Mein Nachbar aber hatte eine schöne runde Griffelbüchse vom Lehrer erhalten. Sn unserer kindlichen Llnschuld nahmen wir natürlich an, daß diese Gaben vom Lehrer stammten. Zum erstenmal im Leben trat hier ganz deutlich die LIngerechtigkeit in meinen Gesichtskreis. Sch habe immer noch daran ge­dacht, so lange ich zu diesem Lehrer in die Schule ging, und habe es nie so ganz verschmerzt, daß wir so ungleich behandelt wurden. Daß die Ge­schenke von unseren Eltern dem Lehrer überreicht worden waren, wußten wir damals noch nicht.

Gott sei Dani, diese Sitte herrscht heute nicht mehr. Wohl aber gibt es noch Gemeinden, die den Schulneulingen Brezeln, Sternwecke oder eine Tafel Schokolade schenken lassen. Das ist eine schöne Einrichtung und sollte möglichst erhalten bleiben. Denn letzten Endes freuen sich die Kin­der in diesem Alter doch noch mehr mit dem Munde als mit dem Herzen. Lind wenn sie dann strahlend zurückkommen mit dem erhaltenen Ge­bäck, ist die Freude doppelt groß.

Die Herzen der Eltern erfüllt wohl etwas Besorgnis. Die bange Frage:Wie wird es ihm ergeben?" stürmt an diesem Tage auf viele ein. Seither gehörten die Kinder ihnen ganz allein, nun tritt die Schule heran und fordert ihr Teil. Man kann sagen, daß hier das Leben fordert: denn die Schule bereitet ja für das Leben vor. Mit vielen Kameraden wie im späteren Leben kommt das Kind zusammen, muß sich anpassen, unterordnen. Es ist nicht mehr Mittelpunkt wie im Elternhaus, es muß lernen, in der Gemein­schaft öJ leben. Kindesspiel wird übergeleitet zu : ernster Arbeit.

Wer will bestreiten, daß die Schule diese wich­tigen Erziehungsaufgaben übernimmt? Deshalb soll 'dieser Tag nicht voll ängstlicher Sorge sein, sondern voll Vertrauen auf die Schule, die ja nur das Wohl des Kindes im Auge hat.

Schauen wir nach dem Frühling, . nach dem Leben draußen, und freuen wir uns mit der er­wachenden Natur! An solchen Tagen soll man sich das Herz nicht schwer machen. Cs mutz ein Tag der Hoffnung fein.

Nehmen wir teü an dem Stolz und an der Freude unserer Kinder, und vertrauen wir hoff­nungsvoll auf die Zukunft! B.

parctLyphvs-FMe m Gießen.

Bon maßgebender Seite wird uns mitgeteilt: Sn der letzten Zeit sind in der Stadt Gieße n ei nigeParaiyphus» Fälle vorgekommen. Eine gemeinsame Quelle für die Ansteckungen könnte bis jetzt nicht festgestellt werden. Die Ermittlungen sind noch im Gange: sie deuten für einen Teil der Fälle auf Zusammenhänge mit der Gegend von Lauterbach hin, wo seit.dem vorigen Herbst häufig Paratyphus vor­gekommen ist. Sn ernsteren Formen ist die Krank­heit bisher hier erfreulicherweise nicht aufgc- trefen. Die erkrankten Personen wurden fast sämtlich den Kliniken zur Behandlung zugeführt.

Daten für Dienstag, 16. April

Sonnenaufgang 5.03 Uhr, Sonnenuntergang 18.57 Uhr. Mondaufgang 9.37 Uhr, Monduntergang 2.21 Uhr.

1786: der Seefahrer Sir John Franklin in Spilsby geboren; 1844: der französische Dichter Anatole France in Paris geboren.

Bor notizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die keusche Kokotte". Astoria-Lichlsviele:Jahrmarkt de- Lebens".

S t a d t t h e n t c r Sieben. Aus dem Stadt­theaterbureau wird uns geschrieben: Dienstag, den !(i. April findet die erste Wiederholung von Georg KaisersOktobertag" statt. Für Mittwoch den 17. April, ist sie Premiere von Hanns JohstsTho­mas Paine" angesetzt. Am Freitag, dem 19. April, wird zum letztenmalOttobertag" gegeben. (Regie Intendant Dr. Präs ch.) , L

Halloh! Theater! Man schreibt uns: Am Samstag, 20. April, findet ein Vorswllungsabend zugunsten der Wohlfahrtskasse des Stadttheaters statt. Zur Aufführung gelangen Einakter von Eurt

Landesverbandslag des hessischen Sekoraleur-, Sattler- und Tapeziergewerbes.

Am Samstag und Sonntag fand kn Gießen der 7. Verbandstag des Hess. Landes­verbandes für das Dekorateur-, Satt­ler- und Tapeziergewerbe statt, verbun­den mit einer Ausstellung für diese Gewerbe.

Rach einer am Samstagvormittag stattgehabten Vorstandssitzung fand nachmittags die Eröffnung der im kleinen und teilweise auch im großen Saale derLiebigshöhe" untergebrachten Ausstellung durch den Verbandsvorsitzenden Fr. Schütz (Darm­stadt) statt. Hieran schloß sich eine Tagung der Ober tn ei ft er derJnnungen, in welcher die Tagesordnung für die Verhandlungen am Sonntag durchgesprochen wurde. Der Samstagabend ver­einigte die Teilnehmer mit ihren Damen zu einem Vegriißungsabend aus derLiebigshöhe", der bei gutem Besuch in bester Weise verlief. Die Begrüßungsansprache hielt Obermeister M a l kö­rn e s i u s (Gießen). Bürgermeister Dr. S e i b über­mittelte die Grüße der Stadt, dabei besonders be­tonend, daß Handwerk und Städte in ihrem Schick­sal aufs engste verbunden seien. Verbandsvorsitzen­der Schütz (Darmstadt) sprach für den Hess. Lan­desverband. Er wies auf die Aufgaben des Ver­bandes hin, der das Handwerk in feiner Not unter­stützen wolle. Den musikalischen Teil des Abends hatte die Kapelle Weller übernommen, die sich ihrer Aufgabe in ausgezeichneter Werfe entledigte. Der Bauerfche Gesangverein, unter Lei­tung seines Dirigenten G ö r l a ch , erfreute durch den Vortrag mehrerer Lieder. Der Turnverein 1 846 zeigte schöne turnerische Leistungen. Frl. Goetz trug einen Prolog wirkungsvoll vor. Recht nett waren die von Tanzlehrer B ä u l k e und Part­nerin (Frl. Spies) dargebotenen Tanzvorfüh- rungen, ebenso der von fünf Damen der Innung aufgeführte Rokokotanz. Kurt Richter wartete mit zwei recht beifällig aufgenommenen Liedern auf, ein Mitglied des Verbandes aus Darmstadt trug humoristische Vorträge zur Verschönerung des Abends bei.

Die Verhandlungen des ÄerbandslagS begannen am Sonntagvormittag im großen Saale derLiebigshöhe". Rach kurzen Begrützungsworten durch Obermeister M a l t o m e s i u s namens der Gießener Innung eröffnete Verbandsvorsitzender Schütz (Darmstadt) die Verhandlungen mit der Begrüßung der erschienenen Vertreter der Hand­werkskammer, des Ortsgewerbevereins, des Hess. Hochbauamts, des Reichsverbandes Deutscher Satt­ler-, Polsterer- und Tapeziermeister, des Bundes deutscher Tapezierer und Dekorateure und der Presse. Stadtv. Becker (Gießen) übermittelte die Grüße der Handwerkskammer und deren Vorsitzen­den, Stadtv. Prof. Dr. Kraus Müller wünschte den Verhandlungen namens des Ortsgewerbever­eins, unter Hinweis auf die Aufgaben der Innun­gen und Ortsgewerbevereine, guten Verlauf. Für den Reichsfachverband deutscher Sattler-, Palsterer- und Tapeziermeister sprach dessen Vorsitzender, Ober­meister Paul Scholz (Berlin), für den Bund deutscher Tapezierer und Dekorateure Bundesvor­standsmitglied B a n o w s k y (Berlin).

Geschäftsführer Schwerer (Darmstadt) gab zu­nächst das Ergebnis der Erhebungen über die wirt­schaftliche Lage des Handwerks bekannt, und er­stattete dann den Jahresbericht für 1928, aus dem hervorgeht, daß der Verband im abgelaufenen Jahre eine rege Tätigkeit zur Besserung der Lage der Verbandsmitglieder entfaltet hat. Rach dem vom Verbandsrechner erstatteten Rechenschaftsbericht be­trugen die Einnahmen im abgelaufenen Jahre 1384,20 Mk., die Ausgaben 1045,64 Mk.

Im Mittelpunkt der Verhandlungen standen zwei interessante Vorträge. Zunächst sprach Obermeister P. Scholz (Berlin) über

Praktische Organisationsarbeiten im SatHer- unb Tapezierhandwerk".

Er wies auf die Bedeutung der Spitzenverbände der Handwerker-Organisationen hin, besprach die geplante Rcgeluna der Lehrlingsausbildung innerhalb des Reichsfachverbandes und hält auch eine einheitliche Regelung des Prüfungswesens für notwendig. Der Redner nahm dann ent­schieden Stellung gegen die dos Handwerk schwer schädigende Schwarzarbeit uns wies darauf hin, daß Aussicht bestehe, die Ausführung von Schwarzarbeit durch gesetzliche Bestimmungen zu verbieten. Er behandelte weiter die bis jetzt sehr geringe Beteiligung des Sattlerhandwerkes an Heeresarbeiten. und berichtete über die vom Reichsfachverband in dieser Hinsicht getroffenen Maßnahmen. Er besprach dann eine Reihe son­stiger handwerklicher Fragen (Kalkulation, Linker- bietungen, Reichsfachschule usw.), um sich schließ­lich noch eingehend mit der Notwendigkeit ge­schäftlicher Reklame, besonders im Sattlergcwerbe, zu beschäftigen, die sowohl von dem Handwerker selbst, wie durch die Organisation erfolgen müsse.

Das zweite Referat hielt Syndikus Röhr von der Handwerkskammer-Nebenstelle (Gießen) über

Die neue handwerkernovelle und deren Auswirkung auf das Handwerk".

Der Redner erwähnte zunächst, daß durch die am 1. April 1929 in Kraft getretene Novelle nicht alle Wünsche des Handwerks erfüllt worden seien; immerhin sei mit der Schaffung dieser neuen gesetzlichen Bestimmungen ein großer Fort­schritt erzielt worden. Der Referent besprach so­dann die durch die Novelle eingetretenen Aende- rungen und Neubestimmungen, wonach die Bil­dung von Zwangsinnungen aus anderer Grund­lage geregelt und eine Erweiterung der Gesellen» ausschüsse vorgesehen ist. Auch die Wahlen zur Handwerkskammer sind grundlegend geändert worden. Neu ist die Bestimmung, daß die Hand­werkskammern das Recht haben, eigene beeidigte Sachverständige anzustellen. Auch das Aufsichts­recht ist geändert, während mit der Schaffung der Handwerksrollen einem langgehegten Wunsch des Handwerks entsprochen wurde.

An die beiden Dorträge schloß sich nach einer Mittagspause eine Aussprache, an der sich die Herren Mottscheller (Offenbach) und Her­bert (Darmstadt) beteiligten. Syndikus Röhr machte in seinem Schlußwort interessante Aus­führungen hinsichtlich eines tüchtigen Nachwuchses, und empfahl dringend die Heranziehung der Iungmeister zur Mitarbeit.

Die vorgeschlagenen Satzungsänderun­gen wurden genehmigt. Eine Reihe von An­trägen wurde, dem Vorschlag der Obermeister- Versammlung entsprechend, nach teilweise leb­hafter Aussprache dem Vorstand zur weiteren Bearbeitung üibevtoiefen. Bei den Vorstan d s- Wahlen wurden die ausscheidenden Herren toie- dergcwählt, nur tritt an Stelle von Horn (Worms) Trautmann (Worms). Außerdem wurde beschlossen, Obermeister Malkomesius (Gießen) als beratendes Vorstandsmitglied zu­zuziehen. Als Ort für die n ä ch st j ä h r i g e T a - g un g wurde einstimmig Bingen bestimmt. Sattlermeister Donnert (Oppenheim) wurde in Anbetracht seiner 50jährigen Zugehörigkeit zur Innung bzw. zum Handwerk durch die Lieber» reichung eines Diploms geehrt. Zum Schluß fand noch eine Besprechung allgemeiner Derufsfragen statt.

Hessische V. O. A.-Tagung.

(Eigenbericht desGießener Anzeigers".)

* Am Samstag fand in Frankfurt a. 501. die diesjährige Hauptversammlung des Lan­desverbandes Hessen des V. D. A. statt. Der Tagung ging eine Sitzung des Hauptvorstandes voraus. Gegen 11 Uhr eröffnete' der gefchaftsfüh- renbo Vorsitzende, Studienrat Dr. Diemer (Darm­stadt), die Versammlung und begrüßt« die zahlreich Erschienenen, vor allem den Redner des Tages. Dr. Steinacher (Frankfurt a. M.), zugleich als Vertreter der österreichischen Arbeitsemeinschaft, Schulrat H a s s i n g e r vom Kultusministerium, den Leiter des Heimatdienstes, Dr. S t e u b e r, die Gäste aus Hessen-Nassau, mit denen der Landesver­band in enger Fühlung steht, sowie die Vertreter der Verbände und Gruppen. Er gab sodann das Wort Dr. Steinacher zu seinem Vortrag:

Oer Stand der Minderheitenfragen.

Nach einigen geschichtlichen Rückblicken kam der Redner auf Einzelausführungen über die Oststaaten, die ja fast alle Minderheiten von anderen Dolks- teilen in ihren Ländern haben. Für Deutschland und auch für die neu geschaffenen Staaten wurde die ganze Minderheitenfrage aktuell im Jahre 1919, nach dem unglücklichen Ausgang des Strieges. Gar mancher Staat möchte die Minderheiten assimilieren. Es wurden deshalb die sogenannten Minder- heitenoertäge geschaffen. Sie sind eigentlich nicht neu, sondern im Jahre 1878, auf dem Ber­liner Kongreß, wurden ähnliche Bestimmungen über die Balkanstaaten getroffen. Die neue Grenzziehung nach dem Kriege hat nötig gemacht, daß wieder solche Verträge abgeschlossen werden mußten, da große Teile von Deutschland abgetrennt, wurden. Italien war damals gegen diese Verträge. Auf Drängen der anderen Staaten hat es bann aber mündlich erklärt, die neu eingegliederten Volks­teile zu sckstitzen. Aber alle diese Verträge sind re­formbedürftig. Sie fußen zu sehr auf der franzö­sischen Staatsaufsassung. Es ist eigentlich nur der Schutz des einzelnen garantiert, Körper» schaftsrechte fehlen vollkommen. Für Deutsch­land wurden diese Verträge wichtig im Jahre 1921 bei Oberschlesien. Daß solche Abkommen meistens nur auf dem Papier stehen, zeigte der Redner in einem Beispiel aus Polen. Zur Schulaufnahme in die deutschen Minderheitenschulen haten die Polen mit der Zahl 2000 gerechnet. Es meldeten sich aber 11000. Mit allen möglichen und unmöglichen Mit­teln versuchten nun die Polen, diese Zahl herab­zudrücken. Und es ist bekannt, daß dies auch er­reicht wurde, und nur etwa 3000 Kinder in die deutschen Schulen kamen. Die Deutschen im Aus­land haben durch diese Kämpfe viel zu leiden. In ganz wenig Fällen werden die Klageverfah­ren vom Völkerbund überhaupt angenommen. 28 Klagen sind von Deutschland eingereicht roor- den, nur zwei wurden im Rat behandelt. Die Be­stimmungen über das Klageverfahren sind zu um­ständlich und werden willkürlich ausgelegt. So reichte Polen nur «i n Klageverfahren ein, und das wurde auch behandelt. Der Redner forderte deshalb als erstes, daß das Klageverfahren verbessert wer­den muß. Außerdem müssen wirksame Garantien geschaffen werden für die Schutzverträge. (Interna­tionales Recht.) Besonders müssen Körperschafts­rechte in bezug auf kulturellem Gebiet (Schule und Kirche) gewährt werden. In seinen wei­teren Ausführungen berührte der Vortragende so­dann die bevorstehenden Verhandlungen in Genf. Deutschland steht ziemlich isoliert da. Holland und vielleicht die nordischen Staaten unterstützen es. Aber im allgemeinen besteht wenig Aussicht auf Er­folg. Die hauptsächlichen Entscheidungen hängen letzten Endes von den einzelnen Volksgrupven selber ab, wenn sie genügend Lebenskraft haben. Ein internationaler Schutz allein tut es nicht, er lähmt vielleicht nur die Entwicklung. Deshalb ist die Selbsthilfe der einzelnen Gruppen das beste. Wir Deutschen sind das Kernvolk von Europa, und gerade mir sind an der Minderheitenfrage stark in­teressiert und wollen deshalb helfen und dafür sor­gen, daß Verständigung und Frieden zwischen den Volksteilen in den Staaten ihren Einzug halten.

Der Vortrag sand lebhaften Beifall. Nach Dankes- roorten des Vorsitzenden übernahm der knzwifchen eingetroffene erste Vorsitzende des Landesverbandes Hessen, Staatsrat Block (Darmstadt), die Leitung der Verhandlungen.

Aus dem Jahresbericht ist folgendes zu er­wähnen: Der Landesverband zählt 65 körperschaft­liche Mitglieder, 42 Ortsgruppen, 58 Schulariippen an höheren Schulen, 12 an Volksschulen, 5 Jugend­gruppen. Besonders gefördert werden die Bestrebun­gen des Verbandes durch den Kultusminister Dr. Adelung. In den Ehrenausschuß wurden neu gewählt: Studienrat Monj 6 (Darmstadt) als Vertreter des Philologenvereins, die Minister K o - reit und Stirnberger, Kreisrat Rechthien (Friedberg) und Dr. Levi (Mainz). ,

Für die außerordentlichen Verdienste, die sich tfrau Dr. Köpke (Darmstadt) um die Sache des Landes­verbandes erworben hat, wurde ihr die silberne Ehrenbrosche überreicht. Für die Werbearbeit wurde im vergangenen Jahre der Goslarsilm kn vielen Städten gezeigt, außerdem hielten Dr. Gast er» Dr. König (Gießen) u. a. Vorträge.

Die Pfingstfahrten des V. D. A. werden von Hessen stark unterstützt. Die besonders rührigen Orts­gruppen, darunter auch (Stehen, wurden lobend hervorgehoben. In der nächsten Zeit besteht die Mög­lichkeit, daß auch Veranstaltungen von Gruppen im Südwesldeutschen Rundfunk übertragen werden können. Die hessische Presse hat in zunehmendem Maße der Arbeit des V.D.A. Beachtung geschenkt.

Der Schatzmeister des Verbandes, Bankbeamter Philipps (Friedberg) erstattete sodann den Kassenbericht. Die Rechnung war geprüft und für richtig befunden worden.

Die Versammlung ermächtigte den Vorstand, aus dem besetzten Gebiete noch drei Mitglieder in den Hauptvorstand zu wählen. _____________________

W M

, 1

PWI

I

WW

1

W Wk UsW

Zßtox'A riRllx \

nlop der Elfte, der Befte!