Kr. 65 viertes Blatt
8reitag. 1.5. März 1929
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Turnen, Sport und Spiel.
Schul- und Vereinsiurnen.
Ein groher Teil der Turnvereine der Deutschen Turnerschaft pflegt schon seit Jahrzehnten das Kinderturnen, Unb immer wieder läßt die Tur- nrrschaft an ihre Vereine den Rus ergehen: dichtet Kinderabteilungen ein! Sie lut das nicht, um ihre Zukunft sicherzustellen, nicht, um immer genügend Nachwuchs für die Vereine zu haben. Die Turnvereine der Deut- fchen Turnerschaft pflegen das Kinderturnen, weil es ihr Ziel ist, allen Bevölkerungskreisen, also (inet) den Kindern, die Möglichkeit zu geben, U übesübungen zu betreiben und ihres Segens teilhaftig zu werden.
Da taucht oft die Frage auf: „3 ft denn das Kinderturnen in denDereinen überhaupt notwendig?" Immer wieder ein- mal wird auf das Schulturnen hingewiesen, durch > os sich das Bercinskinderturnen erübrigte. Qlber tiefe Meinung ist unhaltbar. Gewiß ist es mit das Schulturnen heute bereits besser bestellt, als vor dem Kriege. Die Zahl der Turnstun- ten ist teilweise vermehrt worden, in den meisten Schulen wird das Turnen auch während des Winters erteilt, die Ministerien haben durch Abhaltung von Lehrgängen für die Weiterbildung dar Lehrkräfte Sorge getragen, Spielnachmittage, Cchwimm stunden usw. sind eingeführt worden. Unb doch hat die Schule damit nicht genug tun linnen. Das beweist schon die Tatsache, daß der Ruf nach der täglichen Turnstunde immer lauter wird. Jetzt scheitert sie immer wieder daran, dah es an den Mitteln und an den Lehrkräften zur Durchführung fehlt. Es gibt auch schon eine ganze Reihe von Schulmännern, die sich gegen die Ueberlastung der Schule mit neuen Fächern, und dazu rechnen sie das vermehrte Turnen, wenden. Sie wollen die Pflege der Leibesübungen den Verbänden, die sich damit beschäf- liflcn, überlassen. Aber sic haben damit wohl cdcnso unrecht, wie die, die das Vereinsturnen für überflüssig halten. Denn: Selbst wenn die tägliche Turnstunde in der Schule einmal Wirklich- leit werden sollte, auch dann ist das Vereinslumen noch nicht überflüssig! Die Unter- schiede zwischen Schul- und De r c i n 8 - turnen sind s o groß, dah eins das andere nichtersetzenkann. Die Uebungs- formen sind, nachdem beide voneinander gelernt haben, dieselben. Aber schon die Betriebsweise ist anders. 3n der Schule fehlt die kleine Ge- mcinschaft innerhalb der ganzen Klasse, fehlt die Riege. Schulturnen ist Zwang. Vereinsturnen aber freiwilitge Betätigung. Die Lehrer, die Heides erteilen, Schul- und Vereinsturnen, werten immer mehr Freude am Vereinsturnen erleben, weil hier die Kinder mit Leib und Seele Dabei sind, obwohl es doch in diesen Fällen hinesfalls am Lehrgeschick des Leiters liegen linn. Auf der anderen Seite wird das VereinS- ntrnen nie die erzwungene Regelmäßigkeit er- inchen können. Das Klcrnkinderturnen der Turnvereine aber muß wieder der Schule eine willkommene Vorbereitung der Kinder sein, denn mit dein Turnen der Kinder des 1. bis 4. Schuljahrs sind recht viele unserer Schulen noch im Rückstand. Und wenn Leibesübungen erst vom D. Lebensjahre an einsehen, dann kommen sie oft schon zu spät.
So wird nichts weiter übrigbleiben, als ver ° ständnisvolles Reben- und Mit- cinanderarbeiten. Wenn- Schule und Ver
ein auf getrennten Wegen zwar, aber doch einem Ziele zustreben, der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend, dann wird es leichter fein, dieses Ziel recht bald zufriedenstellend zu erreichen. Fast überall arbeiten jetzt schon Schule und Verein reibungslos neben- und miteinander. Ganz von selbst wird das eine vom andern befruchtet, ganz von selbst ergänzen sich beide. Den Nutzen davon haben immer die Kinder. Und wenn die Schule versucht, das Turnen in den Gesamterziehungsplan einzuordnen, wenn sie leibliche und geistige Bildung in Zusammenklang bringen will, so kann man dasselbe auch von den Turnvereinen der Deutschen Turnerschaft behaupten. Sie pflegen nicht einseitige Körperkultur, oder Körperkult, wie manche sagen, sondern auch sie widmen sich der Gesamterziehung unserer Jugend. Sie erziehen die ihnen anvertrauten Kinder im Sinne deutschen Volks- und Turnertums. Sie wecken den Sinn für eine vernünftige und gesunde Lebensweise, lehren Anstand und gute Sitte, pflegen Heimatliebe und tätigen Gemeinsinn. So arbeiten sie nicht für sich, sondern werden Helfer der Schule, Helfer des Elternhauses.
Fechten im Tumgau Hessen D. T.
-o- Für nächsten Sonntag haben die Fechterriegen des Turngaues Hessen Vertreter der Frankfurter Fechterschaft zu einem Freundschaf.slampf nach Bad-Nauheim ein- geladen. Das Treffen findet in der Halle des Tv. 1860 statt und nimmt schon vormittags seinen Anfang. Cs geht um den Sieg aus einem Mann- schaftskampf im Florettfechten, bei dem 36 Gefechte zum Austrag kommen. Aus dem Gau Hessen nehmen daran teil: Gerhardt, Gießen: Mulch, Wetzlar. Schuchhardt, Marburg: Kühn, Friedberg: Hahn und Pfeffer, Bad- Nauheim. Aus Frankfurt kommen: Römer, Roth- fuß. Lesti, Bott, Pieper und Rasch. Das Schiedsgericht ist besetzt von N i e t s ch, Bad-Nauheim: © r o o 5, Marburg; Dippel, Carb ow und Wahl, Frankfurt.
Handball der Sp.-Bg. 1900.
ö. Am nächsten Sonntag trägt die e r st e Handballmannschaft der Spieloereinigung 1900 seit langer Zeit wieder einmal ein Spiel außerhalb des Heimatkreises aus. Sie wird von der gleichen Mannschaft de» Vereins für Bewegungsspiele H ö ch st a. M. empfangen. Die Höchster repräsentieren beste mainische ^-Klasse und werden die 1900er zur Hergabe ihres ganzen Könnens zwingen. Sollten die Gießener in der Lage sein, in vollständiger Besetzung zu erscheinen, so dürfte mit einem gleichwertigen Spiel zu rechnen fein. Erste Voraussetzung dafür ist allerdings, daß der Sturm produktiver arbeitet, als in den letzten Treffen.
Rach einer länger als vorgesehenen Zwangs- Pause kommt auch die Jugend wieder zu Wort, und zwar fährt die erste Iugendmann- schäft zum Wetzlarer Sportverein zum Austrag des fälligen Pflichtrückspieles. Das Vorspiel endete mit dem irregulären Resultat von 4:1 für Wetzlar, tpas dadurch hervorgeru'en wurde, daß sich der erstmals spielende Torwächter seiner Aufgabe in keiner Weise gewachsen zeigte. Falls die Spielvereinigungsleute am kommenden Sonntag einen talentierten Schlußmann zur Verfügung | hcchen, sollte es ihnen möglich sein, die scharte | auszuwetzen.
Wiederholungsspiel im Gießener Jußball.
ö. Das am 24. Februar infolge der schlechten Welter- und Bodenverhältnisse nur als Gesell- schaftsspiel Spielvgg. 1 9 00 —V. f. D. findet am kommenden Sonntag eine Wiederholung.
Wenn auch bi« Ligaelf des Vereins für Bewegungsspiele In der letzten Begegnung einen überraschend hohen Sieg erringen konnte, so hat man diesmal im blauweihen Lager doch die beste Hoffnung, weit besser abzuschneiden, in der Annahme, daß das letzte Resultat irregulär war. Anlaß dazu gibt auch wohl die Deränberte Mannschaftsaufstellung des Platzvereins 1900, von der man sich eine wesentliche Verstärkung und weit größere Durchschlagskraft der Stürmerreihe verspricht. Anderseits waren die Leistungen der Leute vom Waldsportplatz in den letzten Spielen nicht so überragend, daß man diesen so ohne weiteres einen hohen Sieg über 1900 zutraut.
1900s Zugendabteilung trägt auch erstmals wieder einige Spiele aus, die mit einer Ausnahme auf auswärtigen Plätzen stattfinden. Die erste Jugend spielt voraussichtlich gegen D. f. B. Gießen erste Zugend. Die zweite Jugend spielt in Heuchelheim gegen die dortige erste Jugend. Sie dritte Jugend tritt Garbenteichs erster Jugend dort entgegen. Die erste Schülerelf hat nach dem Ligaspiel Wetzlars erste Schüler- Mannschaft Im Pflichtspiel hier zum Gegner. Die zweite Schülerelf spielt ebenfalls in Garbenteich gegen die dortigen Schüler.
V. f. B.
Außer der Liga ist es von den aktiven Mannschaften nur noch die dritte, die am kommenden Sonntag auf den Plan tritt. Nachdem sie die Ver- bandsspielserie beendet und die Meisterschaft errungen hat, steht für die nächste Zeit eine Anzahl Privatspiele auf ihrem Programm. Am Sonntag hat sie die 1. Mannschaft Steinbachs zu Gast, gegen die sie, allerdings nicht ganz ohne Mühe, glatt gewinnen kann.
Die 2. Iugendmannschaft trägt ein fälliges Pflichtspiel aus. Ihr Gegner ist die 1. Jugend Heuchelheims. Das Vorspiel endete 1:1. Ob es V. f. B. gelingen wird, sich einen knappen Sieg zu erkämpfen, muß bezweifelt werden, da Heuchelheim als recht spielstark bekannt ist.
Turn-Gau Lahn-Oüneiterg im A. O. T.
Der diesjährige Gauwaldlauf findet am näch- ften Sonntag am Fuße des Sch.ffenbergs statt. Start ist mittags um 2 Uhr auf der Straße Schiffenberg— Gießen (Alter Gießener Weg). Die Vorbereitungen zum Lauf hat der Turnverein Hausen 1864 übernommen.
Arbeiter-Turn- und Sportbund.
3m weiteren Verlaufe der Aufstiegfpiele hat Wiesecks erste Mannschaft am kommenden Sonntag den Dezirksmeister des 5. Bezirks, Mainz-Kostheim, zu Gast. Der Gäste- mannschast geht ein guter Ruf voraus. Wieseck wird alle Kraft anspannen müssen, wenn es dieses erste Spiel auf eigenem Platze gewinnen und feine Position in der Tabelle dadurch wesentlich verbessern will.
Vorher spielt Wieseck II gegen Fron- hausenI. 3n diesem Spiel werden wohl die Einheimischen Sieger bleiben.
Nachdruck verboten.
T Fortsetzung
Eines Tages aber wußte man plötzlich, daß (Aeheimrat Hollermanns Tod doch kein natürlicher gewesen war.
So sorgte Fritz Bellinger dafür, daß das Ansehen des beliebten, alten Arztes in kurzer Zeit völlig untergraben, und er selbst mehr und mehr im den Vordergrund rückte.
Von alledem ahnte Brigitte Hollermann nichts, imi) sie hätte wohl auch nicht viel daran ändern tonnen. , ..
3n wilden Fleberphantasien rief fie immer unö immer wieder nach ihm. nach Doktor Hans- Jörg Eggenbrecht. Auch Ihr Vater spielte in ihren Phantasien eine große Rolle, und die alte $fcinna, die getreulich Tag und Nacht an ihrem Lcger saß und wachte, bekam die absonderlichsten Dinge zu Horen.
Einmal, als Sanitätsrat Luhrmann noch am späten Abend nach der Kranken sah, schrie Britta laut auf: __ .
„Hans-Jörg, Hans - 3org!“ jammerte sie. „Väterchen, sag' doch, ob mein Liebster tot ist!
Die Blicke des Arztes und die der alten Hanna begegneten sich, und Luhrmann fragte.
„Wen mag sie wohl meinen?“
„Mit Verlaub, wenn ich es sagen darf, Herr Sanitätsrat, sie meint Doktor Hans-3örg ©ggen- brecht, den zweiten Assistenzarzt des Herrn Geheimrat.“ , , „
„Der seit der Cxplosionsnacht spurlos verschwand, und von dem man heute noch nicht weiß, ot er mit der verkohlten Leiche, Jue man aus ben Trümmern barg, identisch ist?"
„3a, Herr Sanirätsrat," entgegnete die Alte nickend. „Uebrigens ist es nun doch festgestellt worden, daß der Verbrannte Doktor Eggenbrecht war, denn an dem verkohlten Leichnam hing noch ein einziger Stoffetzen, und daran bau* vielte lose ein Knopf, den die Zimmerwirtin als einen Doktor Eggenbrecht gehörigen bezeichnete. Er ist also doch in den Flammen umgekommen.
„Was aber hat unsere Kranke mit dem jungen Arzt zu schaffen?" fragte der Sanitätsrat köpf- ; chüttelnd, da Brigitta jetzt wieder gellend laut lenen Namen tief.
Die alte Hanna antwortete nicht, aber In ihren Augen lag ein stummes Verstehen.
»Hat Fräulein Brigitta schon einmal nach ihrem Bräutigam verlangt?" forschte Doktor
Oie Liebe berBrigitta Hollermann Vornan von Elisabeth Ney. Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
Lührmann jetzt langsam, da er den Zusammenhang zu ahnen begann.
„Sie rief einige Male Doktor Bellingers Namen, aber in so furchtbarer Angst und Abwehr, daß ich glaubte, sie fürchtet sich vor ihm."
Der Sanitätsrat nickte bedächtig vor sich hin, erneuerte dann selbst nochmals den Eisbeutel, und verließ mit stummem Gruß das Zimmer.
Erst drei Wochen nach dem Tod ihres Vaters erwachte Brigitta Hollermann endlich wieder zu vollem Bewußtsein.
Das Fieber hatte ausgetobt.
Tagelang lag sie dann in ihrem Kissen völlig apathisch, ohne ein Wort zu sprechen oder von ihrer Umgebung Notiz zu nehmen.
Die alte Hanna zitterte vor dem.Moment, in dem Brigitta Hollermann die ersten Fragen stellen würde.
Und eines Tages, gerade als Sanitätsrat Lührmann anwesend war, fragte sie plötzlich, die Augen öffnend:
„Weshalb kommen Sie immer zu mir, Herr Sanitätsrat? Wo ist eigentlich mein Vater?"
„3hr Herr Vater fühlt sich nicht recht wohl. Eine kleine Erkältung, die Sie leicht durch Ansteckung gefährden könnte," log der Arzt, erschüttert vor ihren ängstlich-suchenden Blicken.
„3a, er fühlte sich ja schon in der Nacht nicht ganz wohl," hatte ihm die Kranke, schon halb wieder im Schlummer liegend, geantwortet. Es war ihr demnach noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß sie bereits seit Wochen krank darnieder lag.
Drei Tage später aber richtete fie sich urplötzlich in ihrem Bett auf, und der alten Hanna Hände fest umklammernd, rief fie angstvoll aus:
„Hanna, alte liebe Hanna, sag' mir, sage es mir, ob Hans-3oro Cggenbrecht tot Ist! Weißt du, daß ich ihn lieb hab»?“
Da waren der alten Dienerin die Tränen In bie Augen getreten, und fie war in ihrer übergroßen Angst, antworten zu müssen, aus dem Krankenzimmer geflüchtet.
Als sie sich nach längerer Zeit zurückwagte, lag Brigitta Hollermann wieder in festem Schlummer.
Und wieder einige Tage später erwachte Brigitta aus einem langen, erquickenden Schlummer.
Erstaunt, das erstemal völlig klar bei Verstand, richtete fie sich von ihrem Lager auf, und sah, daß sie allein war.
Mit einem Schlag stand all das Schwere wieder vor ihrem geistigen Auge, und zugleich kam ihr die Erkenntnis, daß sie lange Zeit schwer trank gewesen fein mußte.
Wo war der Vater? Sie hatte ihn nie gesehen, sondern immer nur den alten Sanitätsrat Lühr- mann.
Vater war ja krank, hatte man ihr gesagt. 1 Krank? Aber so lange schon?
Eine furchtbare, peinigende Unruhe überkam die Genesende. Zuletzt litt es fie trotz der großen Schwäche nicht mehr im Bett.
Sie wollte aufstehen, um sich Gewißheit zu verschaffen.
Taumelnd erhob sie sich, und vermochte nur mühsam das immer stärker werdende Schwindel- gesühl niederzukämpfen.
Einen Morgenrock überwerfend, tastete sie sich, an den Möbelstücken einen Halt suchend, bis vor ihren großen Toilettenspiegel.
Erschrocken sah sie auf das Gesicht, da- ihr daraus entgegenstarrte.
Großer Gott, war sie daS, dieS hohläugige, magere Geschöpf mit dem bleichen, blutleeren Gesicht und den blauen Schatten unter den Augen?
Sie mußte lange, vielleicht viele Wochen lang, schwer krank gewesen fein!
Und all die Zeit war der Vater nicht ein einziges Mal zu ihr gekommen? Wo aber waren die Mutter und 3sa?
Ein seltsames Zittern überlief sie, so daß sie sich schnell auf einen Stuhl fallen lieh.
„Hallo!, kleines Fräulein, was machen Sie denn da für Geschichten," erklang es da plötzlich hinter ihr, so daß sie heftig zusammenzuckte.
Sanitätsrat Lührmann war unbemerkt in das Zimmer getreten, und stand nun mit einem Sprung neben der Erschöpften.
„Kommen Sie, liebes Kind, das ist noch nichts für Sie", versuchte er zu scherzen, und führte die Willenlose zum Bett zurück.
Eigenhändig deckte er sie zu, und setzte sich dann wortlos an ihr Lager.
x Brigitta lag geisterbleich in ihren Kissen und hielt die Augen fest geschlossen, und plötzlich sah der alte Sanitätsrat zwei große, glitzernde Tränen, die langsam über ihr abgezehrtes Gesichtchen rollten.
„Kindchen, Kindchen", sagte er leis«, „weshalb weinen Sie denn?"
Da umkrampfte Brigitta Hollermann die Hand des Arztes und rief verzeifelt:
„3eht weiß ich es, ihr habt mich alle belogen! Mein Pa, mein armer, guter Pa ist nicht krank: er kann nicht mehr zu mir kommen, well er tot ist — tot, ebenso wie Hans-35rg! 3ch habe alles, alles verloren. Weshalb bin ich nicht auch gestorben?“
Verzweifelt blickte Sanllätsrat Lührmann auf die Kranke, In banger Sorge, daß sie einen Rückschlag erleiden könne.
„Ste cnltoortcn mir nicht. Herr Sanitätsrat", schluchzte indes Brigitta leise. „Das sagt mir alles. Richt wahr, mein Vater ist tot? Mein Gott, vielleicht schon lange, und ich konnte ihn nicht noch einmal sehen."
Die 3ugend Wiesecks hat sich Raunheims 3 u g e n d verpflichtet und wird auch diesmal- gegen den körperlich stärkeren Gegner unterliegen.
Lollars erste Mannschaft hat sich für kommenden Sonntag zum Rückspiel die KreiS- klassemannschast Gießen! verpflichtet. Gießen tritt nach längerer Pause zum erstenmal wieder an. Lollar dürfte alles daran setzen, die Niederlage vom Vorspiel wieder wettzumachen, während Gießen durch größere Spielerfahrung ein Plus für sich in Anspruch nimmt.
Wirtschaft.
Oer Glanzstoff-prospett.
Auf Antrag der Deutschen Bank und der Danksirma Lazard Speyer-Ellifsen in Frankfurt a. M. sind die 75 Mill. Mark Aktien der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken G.-G., Elberfeld, an der Frankfurter Börse zugelassen worden. Der Prospekt enthält in der Hauptsache die auS dem Berliner Prospekt vom August 1928 bekannten Angaben. Darüber hinaus wird mitgeteilt, daß die American Glanzstofs im August 1928 ihren Betrieb ausgenommen, im Dezember 1928 ihre Anlage verdoppelt und die bekannte Kapitalerhöhung vorgenommen hat. Die Wuttergesell- schast mußte auf Grund der Garantie bis jetzt 367 500 Dollar der amerikanifchen Gesellschaft vorlegen, die später -urückzuzahlen sind. Für die American Bemberg betrugen die Vorschüsse 612 500 Dollar. Die Glanzsto^f Courtaulds G. m. b. H. hat den Kölner Betrieb im April 1928 ausgenommen, die Neuen Glanzstoffwerke A.-G. in Breslau ihren Betrieb in der zweiten 3ahres- hälfte 1928. Ueber die neu gegründete Associated Rayon Corporation wird mitgeteilt, daß Glanz- stoss für die Hergabe eines Teils der Derwer- tungsaltien und des Wertpapierbesitzes eine Barvergütung und einen Anteil am common stock erhalten hat. Mit einer 3nanfpruchnahme der Dividendengarantie für die preferred shares der Associated Rayon Corp. wird nicht gerechnet. Die Konventionspreise feien zwar wegen starker ausländifcher Unterbietungen ausgehoben worden, es werde aber zwecks Vereinbarung einer neuen festen Preisbasls verhandelt. Außerdem habe die Konvention auf dem Gebiete der Rationalisierung und Typisierung gute Erfolge erzielt und auch eine gemeinsame Propaganda in ihr Arbeitsgebiet aufgenommen. Die Konvention kann erstmalig am 31. März 1929 und dann jeweils am Schluß eines Kalenderviertel-' jahreS gekündigt werden. Für 1928 glaubt die Gesellschaft wieder ein befriedigendes Ergebnis in Aussicht stellen zu können.
• 3nternationale Rohstahlgemeln- schäft. Wie Havas auS Brüssel betichtet, hat der Vorstand der 3nternati0nalen Nohstahlgemein- schaft in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, das jährliche Produktionsprogramm um zwei Millionen Tonnen zu erhöhen, weil infolge der Bedürfnisse des Marktes alle zum Kartell gehörenden Länder ihr derzeitiges Produktionsminimum überschreiten müssen.
* Buderussche Eisenwerke, Wetzlar. In der gestrigen Aufsichtsratssitzung wurde be° chlossen, der am 30. Mai in Frankfurt a. M. statt- indenden Generaloersammlung für das Geschäftsahr 1928 die Verteilung einer Dividende von 5 v. H. vorzuschlagen.
Stumm neigte Sanitätsrat Lührmann vor ihrem angstvoll fragenden Blick den Kopf.
Brigitta Hollermann schrie bei dieser stummen Bejahung laut auf. 3hre Tränen aber waren plötzlich versiegt. Mit beinah starrem Blick fragte sie:
„Sagen Sie mir noch eins, Herr Sanitätsrat: 3ft auch das wahr, dah Doktor Eggenbrecht tot ist?“
Wieder blieb ihr Sanitätsrat Lührmann die Antwort schuldig.
Da sank Brigitta mit einem klagenden Seufzer in die Kissen zurück und rührte sich nicht mehr.
Diese unheimliche starre Teilnahmslosigkeit hielt beinah eine Woche an.
Brigitta verweigerte jede Nahrung, und aß nur, wenn der Sanitätsrat neben ihr stand.
„Herr Gott, so nehmen Sie doch endlich Vernunft an, liebes Kind!“ tief er eines TageS verzweifelt aus. „Wenn Sie nicht essen, können Sie ja nie gesund werden."
„3ch will nicht mehr gesund werden", antwortete ihm Brigitta daraus trotzig, und in ihren Augen blitzte ein unheimliches Leuchten auf.
Aber die kräftige Natur, die 3ugend in Brigitta Hollermann, siegte doch.
Nach und nach kräftigte sich ihr Körper wieder, und die hohlen Wangen rundeten sich.
2lls sie das erstemal außer Bett war, lieh sie den Sanitätsrat rufen und fich über den Tod ihres Vaters berichten.
Stumm, nur mit einem unendlich wehen Seufzer hatte fie ihm zugehört, und nun schwiegen fie alle beide.
Der alte Sanitätsrat glaubte Brigitta wieder ein wenig auf richten zu müffen, und unterbrach das lange Schweigen.
„Kindchen", sagte er, fest ihre Hand ergreifend, „auch ich habe mit 3hrem lieben Vater meinen besten, treuesten Freund verloren, und gerade daraus nehme ich alter Mann mir da- Recht, ein bihchen über Sie zu wachen. Es kann nie im Sinne 3hres Vaters liegen, daß Sie in dem tiefen Schmerz um ihn das Leben so völlig ver- ncirten wollen. Stünde er jetzt hier an meiner Stelle, liebes Kind, er würde wohl die gleichen Worte sagen. Sie find ja noch so herrlich jung und haben das Leben völlig vor fich Raffen Sie sich also endlich auf und sehen Sie dem Leben wieder mutig ins Auge. Haben Sie denn ganz vergessen, daß es noch einen Menschen gibt, der 3hrem Herzen wohl noch näher als 3hr toter Vater steht, und der sich in ängstlicher Sorge um Sie Tag und Nacht verzehrt?"
„Wen — wen meinen Sie. Herr €ar,ität3rat?" stieß Brigitta erregt hervor.
„Wenn anders als 3hren Verlobten, Doktor Fritz Beilinger. liebes Kind?" . _ ,
(Fortsetzung folgt) <


