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Nr. 12 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 15. Januar 1929
Deutsches Wirken jenseits der Grenzen.
Das nunmehr hinter uns liegende Jahr 192S hat neben vielen bemerkenswerten politischen Erfolgen auch beachtliche Erfolge auf anderen Gebieten gebracht. Kultur, Wissenschaft, Literatur und Technik haben nun zum größten Teil di« Krisen der Nachkriegszeit überwunden, sehen sich allenthalben in der Welt langsam und stetig wieder durch und erobern sich den Platz, den sie bereits vor dem Kriege besetzt hielten. Da ist es zunächst einmal im verflossenen Jahre die deutsche Wissenschaft gewesen, die durch ihre Erfolge auf den verschiedensten Spezialgebieten in der Welt von sich reden gemacht hat. Deutschland hat nach dein Kriege und insbesondere 1926 einige großzügige Expeditionen in unerforschte Gebiete entsandt und damit der Wissenschaft überhaupt neue Wege gewiesen. Erinnert sei an die deutsch-russische Altai-Expedition, an die Expedition Dr. Trinklers durch Turkestan, an die deutsch-russische Syphilis-Expedition nach Sibirien, an die Expedition des deutschen Forschers Nötzner durch die Mandschurei und schließlich auch an die erfolgreichen Arbeiten Professor Filchners, der erst im Herbst von seiner langjährigen Forschungsreise durch Innerasien wieder zurückkehrte. Neben dieser Forschertätigkeit, die eigener deutscher Initiative zuzuschreiben ist, haben deutsche Gelehrte von "Ruf und Ansehen auch an den verschiedensten internationalen Zusammenkünften und Kongressen teilgenommen, ihre reichen Erfahrungen miteinander austauschen können und dadurch die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit befruchtet. Erwähnenswert ist der große internationale Kongreß der Krebsforscher im vergangenen Frühjahr in Wiesbaden, um unter der Fülle der wissenschaftlichen Veranstaltungen nur diese eine zu -nennen.
Beachtliche und einzig dastehende Verdienste haben wir uns im verflossenen Jahre in der ganzen Welt um die Luftfahrt erworben. War es im Frühjahr die Ozeanüberquerung des Hauptmann K o e h l, die die Welt in Spannung und Begeisterung versetzte, so war es im Herbst die bewunderungswürdige Leistung der deutschen Z e p p e l^ n m a n n s ch a f t, die den „Graf Zeppelin" von Deutschland nach Amerika und zurück führten und damit den Beweis erbrachten, daß die äleberquerung des Ozeans mit Luftschiffen nur noch eine Frage der Zeit ist. Auf deir anderen technischen Gebieten sind es besonders die deutschen Konstruktionen des Raketen autos und des Fernlenkschrffes gewesen, die uns internationale Bewunderung und Anerkennung unserer Leistungsfähigkeit eingebracht haben. Die Eröffnung des Fernsprechverkehrs Berlin—Buenos Aires und der Dau - verschiedener großer Rundfunksender von internationaler Bedeutung haben ebenfalls die Welt zur Anerkennung der deutschen Leistungen gezwungen. Die beiden Riesenschiffe, die sich gegenwärtig noch im Dau befinden, aber bereits in den ersten Monaten des neuen Jahres auf die Weltmeere hinausfahren werden, werden schließlich auch für das deutsche Ansehen werben. — Auf dem sportlichen Gebiet seien endlich nur noch die hervorragenden deutschen Erfolge aus der diesjährigen Amsterdamer Olympiade erwähnt, mit denen Deutschland an zweiter Stelle stand und gegen eine Konkurrenz der erfolgreichsten Sportkoryphäen der Welt antreten mußte. Das Jahr schließt also mit einer zuversichtlichen Bilanz ab, die hoffentlich auch im areuen Jahre gleich erfolgreich sein wird.
Zehn Jahre Parlamentarismus.
In diesen Tagen — ein genauer Termin läßt sich kaum festlegen — jährt sich zum zehnten Male die Entstehung des deutschen Parlamentarismus als der staatsbeherrschenden Macht. Sie läßt sich zurückführen auf die Erstehung oder Wiedererstehung der Parteien, die die Wahl zur Nationalversammlung durchsührten und auf dies« Wahl selbst, die am 19. Januar 1919 stattsand.
Zimmer 19 schläft nicht.
Von Richard Euringer.
Nr. 19 lag im letzten Flur als letztes Zimmer. Schwester Hedi sah noch Licht.
Sie klopfte leise und huschte hinein.
Der Mann im Bett richtete den Kopf auf, faßte sie in einen langen ruhigen Blick.
,/Ich bin die neue Nachtschwester", sagte Schwester Hedi unter seinem Blick.
Er schloß die Augen, lächelte, legte sich zurück.
„Gute Nacht!" sagte Schwester Hedi.
„Gut" Nacht!"
Er schob die gefalteten Hände unter den Kopf.
Lautlos schloß sie hinter sich die Tür. Er wird schlafen ...
r schlief nicht.
Gegen Mitternacht lauschte Schwester Hedi durch den Flur. Zimmer 19 hatte Licht.
„Immer tu nicht schlafen?" stand sie in der Tür.
„Schwester."
„Was denn?"
Nichts. Nur ein wenig stützte er sich auf, lächelte und legte sich zurück.
„Jetzt schön schlafen!" drohte Sc' lester Hedi.
Aber er schlief nicht.
Sie sah noch einmal nach, gegen Morgen, als die Stunden lang wurden und es sie herumtrieb.
„Nicht geschlafen?"
Nicht.
*
Dann stand Zimmer 19 im Rapport: „19 schläft nicht."
„Wie kommt das?" fragte der Oberarzt bei der Morgenoisite.
Achselzucken. Er schlief sonst nicht schlecht.
Abends brachte Schwester Hedi die verordnete Tablette. Weiß und rein lag die in dem Schnabelschälchen.
Sie mußte ins Zimmer treten, dicht ans Bett, den Schluck Wasser reichen ...
Unverwandt fah der Patient sie an, folgte jeder ihrer Gesten.
Schwester Hedi senkte den Blick.
„Gute Nacht!"
„Güt' Nacht!"
Im großen und ganzen waren es die alten Parteien, die sich mit neuem Programm rekonstruierten : in der Deutschnationalen Volkspartei trafen -ie alten Konservativen mit den Mitgliedern der Reichspartei und den Deutschvölkischen, bzw. Antisemiten zusammen, sie veröffentlichte damals einen Wahlaufruf, der zwar die Monarchie und ihre Wiederherstellung nicht als Programmpunkt enthielt, aber dessen Wiederaufnahme in das spätere Parteiprogramm vorbereitete. Die Partei erhielt 42 Abgeordnete von insgesamt 421, die 12 für Elsaß-Lothringen vorgesehenen Mandate entfielen. Die ehemalige Nationalliberale Partei spaltete sich, da zunächst ein Zusammengehen mit den Demokraten in einer neuen großen Mittelpartei vorgesehen war und diese unter der Bezeichnung Deutsche Demokratische Partei bereits am 16.November durch einen Aufruf ins Leben getreten toar. Die Deutsche Volkspartei wurde erst am 15. Dezember gegründet und erhielt infolge der kurzen Wahlvorbereitung nur 19 Mandate. Die Demokratisch« Partei gelangte damals auf die stolze Höhe von 75 Mandaten, die aiber bei allen folgenden Wahlen zurückgingen. Als stärkste bürgerliche Partei erhielt das Zentrum, das vorübergehend seinen Namen in „Christliche Volkspartei" geändert und den gewerkschaftlichen Kreisen einen starken Einfluß gewährt hatte, 91 Mandate. An kleinen bürgerlichen Parteien waren noch der Bayerische Bauernbund, die Schles- wig-Holsteinschen Dauern und Landarbeiter, die Braunschweiger und die Deutsch-Hannoveraner mit einigen Mandaten bedacht. Die verschiedenen Richtungen des Sozialismus hatten sich schon im Laufe des Krieges gettennt: die USPD.
erreichte aber bloß 22 Mandate, während die Sozialdemokratisch« Partei «s auf 163 brachte: di« Kommunisten, die sich gegen die Einberufung der Nationalversammlung gewehrt und das Rätesystem als die künftige Staatsform proklamiert hatten, sagten der Nattonalversamm- lung bewaffneten Kampf an und enthielten sich der Wahlbeteiligung.
äleberblickt man aus dem Abstand von zehn Iahren die damaligen Verhältnisse des ersten Parlaments, so sieht man, daß sowohl dec Sozialismus, wie seine rechten Nachbarn, die Demokraten, unter dem Eindruck der unmittelbar vor- angegangenen revolutionären Ereignisse und unter der Nachwirkung der Verbitterung, die durch die Not des Krieges und die Fehler der Führung des Reiches entstanden waren, einen sehr starken Zulauf von solchen Elementen gehabt hat, die an sich weltanschaulich nicht zu ihnen gehörten: die Entwicklung dec folgenden Wahlen hat das gezeigt. Denn nur knapp anderthalb Jahre später, bei den Juni-Wahlen von 1920, vermochten die Sozialdemokraten zwar zusammen mit den neuaufgetauchten Kommunisten noch eben ihren Besitzstand zu wahren (freilich bei einer Vergrößerung der Mandatszahl des Reichstages um 23), dagegen gingen die Demokraten auf 39 zurück, das Zentrum mit der abgespaltenen Bayerischen Volkspartei zusammen auf 88, während die Deutsche Volkspartei auf 66,, die Deutsch- nattonalen auf 65 Mandate stiegen und die Döl- ttschen mit 3 neu auftraten. Die seitherigen Schwankungen sind vielfach konjunkturrnäßig bedingt, aber ein Rückblick auf den Beginn zeigte innere Wandlung.
Hochsaison in der Dergnügnngsindustrie!
Einträgliche Bälle. - Leute, die vom „Vergnügen" leben. — Gute Konjunktur für Leihhäuser. — Aufblühende Tanzschulen. — Oer Etat von 1000 Berliner Bällen.
Von Senate Fels.
Beängstigend häufen sich in den Wintermonaten die festlichen Veranstaltungen, die von großen Vereinen und Privatunternehmern veranstaltet werden: Persönlichkeiten, die in der Gesellschaft eine Rotte spielen, müssen an einem Abend bisweilen vier oder fünf Veranstaltungen besuchen, um allen Einladungen Folge zu leisten. Die Bälle, scheinbar nur dem Vergnügungsdrang der Menschheit zu verdanken, werden tatsächlich in dieser großen Zahl veranstaltet, weil sie sehr viel Geld einbringen. Es gibt Leute, die davon leben, in jedem Jahr ein oder zwei Bälle veranstaltet zu haben. Man kann sogar von einer richtigen Vergnügungsindustrie sprechen, die zur winterlichen Hochsaison blüht.
Wenn man einen prächtig erleuchteten Dallsaal betritt, in dem sich elegant getteidete Menschen nach den Klängen einer Kapelle bewegen und eifrige Kellner den Wein herbeitragen, legt man sich keine Rechenschaft darüber ab, daß diese Veranstaltung, die scheinbar nur dem Luxus und Vergnügen dient, vielen Familien Arbeit und Brot gegeben hat. In fast allen größeren deutschen Städten sind in den letzten Jahren Häuser erbaut worden, die nur Festsäle enthalten: in Berlin wurden Krolls riesig« Säle ausgebaut, und alle Festhäuser sind an den Samstagen und oft mitten in der Woche schon zu Anfang des Winters für die ganze Saison vermietet. Nutznießer der Tanzlust sind auch di« Mitglieder der Tanzkapellen: bekannt« Kapellen sind meist zu Beginn der Saison für den ganzen Winter beseht, bisweilen werden sie von einem Verein schon für einen Tag des nächsten Jahres verpflichtet. Durch Aushelfer, die der Kapellmeister während der Hochsaison einstellt, verstärkt er sein« Stammkapelle und verschafft arbeitslosen Musikern Verdienst. Auch den Kellnern geht es während der Ballsaison besser: hauptsächlich am Wochenende werden von den großen Lokalen Hunderte von Aushilfskellnern angefordert. Gut« Köche werden zu dieser Zeit
sehr gesucht und recht hoch bezahlt.
Neben diesen unmittelbaren Nutznießern der Dattsaifon gibt es viele Wirtschaftszweige, die nebenbei von der Fülle der Ballveranstaltungen profitieren. Die großen Seidenhäuser stellen Aushilfspersonal ein, denn in den Abteilungen, in denen Stoffe für Ballkleider verkauft werden, herrscht lebhaftes Gedränge. Die Friseure wissen nicht, wie sie die notwendigen Hilfskräfte auftreiben sollen, um alle ungeduldigen Kundinnen zu verschönern. Auch die Schuhgeschäfte merken, daß die Zeit der Bälle wieder angebrochen ist. Für die Maskenbälle und Kostümfeste arbeiten die Fabriken mÜ Nachdruck, die Gesichtsmasken und all die Reinen Dinge Herstellen, die nun einmal zu einem Kostümfest gehören. Papierschlangen, Konfetti und Scherzartikel werden in großen Mengen verbraucht. Die Inhaber der Geschäfte, die sich mit dem Verleih von Maskenkostümen beschäfttgen, reiben sich die Hände — ihr Geschäft blüht! Sind doch nicht mehr viel Leut« in der Lage, sich Maskenkostüme anfertigen zu lassen, die dann ein Jahr unbenutzt im Spind hängen müssen. Auch die Häuser für „Monatsgarderobe", die davon leben. daß sie Anzüge auf einige Zeit verleihen, gehören indirekt zur Vergnügungsindustrie, Einen lebhaften Aufschwung nehmen um diese Zeit auch di« Umsätze der Leihhäuser, auf die so mancher Gegenstand gebracht wird, der im Augenblick entbehrlich erscheint. Es wird sogar behauptet, daß im Rheinland zur Karnevalszeit die Zahl der ins Leihhaus gebrachten Betten unheimlich steigt!
Die Dergnügungsindustrie liefert jedem, der über genügend Geld verfügt, für einen gewissen Betrag ein entsprechendes Quantum „Vergnügen". Eine Dallkarte ich nach moderner Auffassung ein Bezugsschein auf Zerstreuung, und wehe dem Dallunternehmer, der für das Eintrittsgeld nicht genug Vergnügen geliefert hat!
Gegen Mitternacht.
„Immer noch nicht schlafen?"
„Schwester!"
„Was denn?" Sie ließ die Tür angelehnt. Sie trat nicht ans Bett.
Nichts. Er konnte nicht schlafen.
„Es geht schon. Nur versuchen!"
Es ging nicht.
Ehe sich Schwester Hedi schlafen legte, schrieb sie den Rapport: „19 schläft noch immer nicht."
Dann kamen abends zwei Tabletten.
Nacht für Nacht. 19 schlief nicht. Schwester Hedi sah zweimal, sah dreimal nach. 19 schlief nicht.
Sie schüttelte die Kissen auf. Sie brachte Wasser zu trinken. Sie blieb im Dunkeln stehen, zwischen Bett und Tür.
„Werden Sie nun schlafen?"
Morgens stand er im Rapport.
„Geben Sie ihm eine Spritze", sagte der Arzt.
Abends gegen neun kam sie mit Watte und Morphium.
„Nun bekommen Sie sicher Ruh'."
Er sah sie nur an.
Gegen vier Uhr morgens schreckte die Klingel. Zimmer 19.
„Nicht schlafen?" ... Weit offen ließ sie die Tür, trui flüsternd an sein Bett.
„Warum kommen Sie nicht?"
„Sie sollen doch schlafen! Ich wecke Sie nur auf." „Schwester!"
„Was denn?"
Er streichette ihre Hand.
„Nicht tun! Was fällt Ihnen ein! Schlafen! Komm, schön schlafen jetzt. Sonst ..."
„Sonst?"
„Morgen ist meine letzte Nacht", sagte Schwester Hedi. „Kann ja gar nicht ruhig gehen, wenn Sie nicht bald vernünftig sind!"
„Bin doch so vernünftig."
„Still! Schön heia!"
„Kind."
,Zch komme nicht mehr, wenn Sie nicht artig sind." *
Sie kam wieder. Und wieder. Endlos währte diese Nacht. Die letzte Nachtwache nach vierzehn Nächten. Viermal sagte sie ihm gute Nacht. Und er klingelte schon wieder.
Es war ihm heiß, es war ihm kalt. Sie zählte seinen Puls. Sie zankte und strich ihm das Haar aus der Stirn und legte die Hand ihm auf.
„Schwester!"
Was denn?"
Er sah sie nur an.
•
Gegen Morgen klingelte er wieder.
Schwester Hedi schüttelte den Kopf. Langmütig und gütig.
Aber sie kam nicht mehr.
Mittags begann ihr Urlaub. Vierzehn Tage Luft. Vierzehn Tage Sonne, Sommer, Spazierengehen. Vierzehn Tage Radeln und Schwimmen, Heu-Ruch und Badebach. Vierzehn Tage Jugend im hellen Mädchenkleid!
*
Oberschwester Olga übernahm den Dienst.
Pünktlich kam sie mit der Spritze.
Er lehnte ab. „Danke. Ich werde schlafen."
Sie sah ihn groß an.
Gähnend drehte er sich nach der Wand und schlief.
Vierzehn lange Nächte schlief er wie ein Sack.
Ein Meister des englischen Dramas.
Mit Henry Arthur Jones, der soeben im Alter von 77 Jahren gestorben ist, ist einer der führenden Männer der englischen Bühne von der Bühne des Lebens abgetreten. Jones hat in einem geistvollen Buch „Die Renaissance des englischen Dramas" eine kritische Liebersicht über die Entwicklung des letzten halben Jahrhunderts abgehalten, und er dürfte sich an dieser Renaissance einen bedeutenden Anteil zuschreiben. Er war eine der beliebtesten Persönlichkeibrr der englischen Theaterwelt. Erst nach langem Irren und Kämpfen war der Sohn eines puritanischen Farmers zu seinem eigentlichen Lebensberuf g> langt. Er begann als Laufbursche, wurde mit 18 Jahren Handlungsreisender und betrat in diesem Jahre seines Lebens zum erstenmal ein Theater, das Londoner Haymarket. Der Eindruck war so überwältigend, daß es in ihm von diesem Augenblick feststand, dieser Wunderwell des Scheins sein Leben zu weihen. Aber es dauerte noch weitere neun Jahre, bis er ein Stück von sich auf die Bühne brachte: im Jahre 1879 erschien er selbst in dem Lustspiel „Ein geistlicher Irrtum" auf der Bühn« und führte sich so als Schauspieler und Dramattker ein. Während
Sein Unternehmen wird im nächsten Jahr Bankerott machen, denn für Langeweile haben vergnügungshungrige Leute ein gutes Gedächtnis. Es hat sich daher einen besonderer Beruf in der Vergnügungsindustrie herausgebildet: das Amt des Ballveran st alters. So gibt es in Berlin einen Mann, dem die Organisierung aller großen, repräsentativen Dallveranstaltungen übertragen wird. Er mietet die Festsäle und engagiert die Tanzkapellen und die Künstler, die während des Balles auftreten sotten: er ist dafür verantwortlich, daß die Gäste in jeder Beziehung zufriedengestellt werden. i
Welche Summen während der Saison für das Recht auf Vergnügungen ausgegeben werden, läßt sich statistisch nicht genau feststellen. Man nehme aber nur einmal an, daß in Berlin im Verlauf der Ballsaison mindestens tausend öffentliche Bälle veranstaltet werden — eine eher zu niedrige als zu hohe Zahl. Durchschnittlich beteiligen sich an jedem Ball mindestens 500 Menschen, die gewöhnlich einen Eintrittspreis von 10 Mark zahlen. Daraus geht hervor, daß der Vergnügungsindustrie allein aus den Eintrittsgeldern 5 Millionen Mark während der Ballsaison zufließen. Wenn nun jeder dieser Teilnehmer außerdem noch eine Zeche von 10 Mark macht, so haben die Restaurationsbetriebe ebenfalls 5 Millionen eingenommen. Diese geschätzten Zahlen bleiben zweifellos hinter der Wirtlichkeit zurück: beim gewöhnlich kostet der Ballbesuch mehr als 20 Mark, von denen der größte Teil in die Tasche der Dallunternehmer fließt. Dazu kommen aber noch die vielen Nebenausgaben, die der Besucher zu zahlen hat. Wenn in den größeren Städten die Straßenbahn in später Stunde ihren Verkehr eingestellt hat, müssen die müden Tänzer eine Autodroschke benutzen, wodurch zwar den Chaufteuren geholfen, der Geldbeutel aber weiter geschmälert wird. Haben sich doch schon vorher die Ausgaben unheimlich ange- häuft: die Damen haben sich neue Schuhe und Strümpfe anschaffen müssen, während die Herren — selbst wenn sie über einen Frack oder Smoking verfügen — einen neuen Schlips oder ein seidenes Taschentuch brauchten.
Noch einen Erwerbszweig gibt es, der davon lebt, daß während der Saison getanzt wird. Das sind die Tanzschulen, die sich jetzt auch — besonders, wenn sie recht hohe Preise von ihren Schülern erheben — zuweilen Akademien der Tanzkunst nennen. Es gewinnt fast den Anschein, daß sich die Tanzlehrer der ganzen Welt verschworen haben, jedes Jahr neue Tänze einzuführen. Wie die Konfektion zu jeder Saison neue Modelle heraus bringt und dadurch die alten Kleider entwertet, weil niemand unmodern angezogen sein will, so tauchen zu Beginn des Winters auch regelmäßig neue Tänze auf, die die Tanzlustigen dazu zwingen, noch einmal einen Kursus mitzumachen, um mit der Mode Schritt zu halten. Im Schweiße ihres Angesichts bemühen sich die mehr oder weniger geschickten Schüler oder Schülerinnen, anmutig die kompliziertesten Bewegungen auszuführen, und voll Verachtung blicken sie auf di« überlebte Generatton, die nur zum Vergnügen tanzt, ohne sich um die Gesetze der Mode zu kümmern.
Früher wurden bei manchen Tänzen — beim Cottillon — kleine Geschenk« verteilt, und diese Sitte setzte wieder einen Zweig der Vergnügungsindustrie in Nahrung. Niemand hat heute noch etwas für diesen Tanz übrig, der aus vielen kunstvoll verschlungenen Touren bestand. Die fietnen Andenken, Papierblumen, kleinen Fächer und Papierschirmchen, die dann behutsam zum Andenken aufbewahrt wurden, erscheinen uns heut« lächerlich: bafür florieren die Fabriken, in denen die Teddybären hergestellt werden, die man früher nur den Kleinen als Spielzeug schenkte und die heute bei den Damen in Gunst stehen. Auch die bunten Luftballons, die man bei Kinderfesten feil* bot, sind zum unentbehrlichen Requisit der modernen Bälle geworden. — Es gibt viele neue Argumente für die Philosophen, die die Ansicht vertreten, daß die Welt weder bester noch klüger, sondern nur anders werde.
er auf die Schauspielerei bald verzichtet«, wandte er sich um so eifriger der Schriftstettevei zu, und sein erster großer Erfolg war das Drama „Der Silberkönig", das sich bis heut« auf der Bühne erhalten hat und auch in einer Filmbearbeitung großen Erfolg sand. Jones' bedeutendste Werke sind Gesellschaftssattren, in denen er die Technik Ibsens sehr geschickt verwendete: er geißelte in Dramen toi« „Heilige und Sünder", „Judas", „Die Tänzerin", „Die Heuchler", „Mrs. Danes Verteidigung" den Pharisäismus, die Selbstsucht, den Wunderglauben und die Eitelkeit ves englischen Mittelstandes. Groß war seine Fruchtbarkeit: er hat gegen hundert Stücke verfaßt und Jahrzehntelang der englischen Bühn« erfolgreiche Werk« geliefert. Er arbeitete, wie er selbst einmal erzählt«, „ganz handwerksmäßig", formuliert« zuerst den Grundgedanken in einem kurzen Satz, verfaßt« dann dazu ein Szenarium und skizzierte dann die Charaktere. Schließlich wurde das Stück niedergeschrieben und sorgfältig gefeilt: er gestattete dann nachher nicht mehr die geringste Veränderung am Text. Die ausgezeichnete Technik seiner Stücke verleiht ihnen ihren Wert. Nicht nur im Gesellschaftsstück, sondern auch in der Komödie hat er Vorzügliches geleistet, und sein Lustspiel „Die Lügner" gitil neben Sheridans „Lästerschule" als das klassische englische Lustspiel. In seinen letzten Dramen machte sich aber bereits das Altmodische seines Stils bemerkbar, und.die Stücke fanden in den Vereinigten Staaten mehr Anklang als in England. Jones entfaltete eine aus gebreitet»? kritisch« Tätigkeit und besonders nahm er sich Shaw aufs Korn, in dem er seinen „intimsten Feind" erblickte. Sein letzter Aerger mit dies-em großen Gegner war dec Erfolg der „Heiligen Johanna", durch den sein Drama „Die Lüge" sehr schnell von der Bühne des Neuen Theater- verdrängt wurde. Dr. F. S.
Hochschulnachrichien.
An der Universität Marburg habilitierte sich Dr. phil. Egmont Zechlin für neuere Geschichte.
Professor Dr. Heinrich Vogt in Heidelberg hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Astronomie an der Universität Jena als Nachfolger von Prof. O. Knopf angenommen.


