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Nr. 12 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Dienstag, 15. Januar 1929

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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NimmtMorgan an der Sachverständigenkonferenz teil?

c o n d o n . 15. Ian. (2BIB. Funkspruch.)Times" schreibt.Die Besprechungen des General­agenten Parker Gilbert in Washington und Neuyork sind erfolgreich gewesen. Die amerika- Nische Regierung wird keine Einwendungen gegen die Ernennung eines der ame­rikanischen Mitglieder zum Borsihen- dcn des Sachverständigenausschusses erheben. Es ist jetzt Aufgabe des britischen Botschafters in Wa­shington, den Beschluß der Rcparatiovskommission in Einverständnis mit den beteiligten Regierungen auszuführen und offizielle Einladungen an die ausgewählten amerikanischen Persönlichkeiten za senden. Es sind dies Owen Poung und der Teilhaber der Firma Morgan & Go. in Paris, Dean I a y. Der Advokat Thomas P e r k i n s wird ersucht werden, als stellvertretender amerikanischer Delegierter mitzuwirken. Die deutsche Regierung wird ähnliche Einladungen versenden."

Ob dieTimes" mit dieser Meldung von der Er­nennung des Pariser Teilhabers des Bankhauses Morgan an Stelle des Firmeninhabers selber das Richtige getroffen hak, ist im Augenblick noch unent­schieden.

*

Nachdem man noch in den letzten Tagen der vergangenen Woche nicht sicher überblicken konnte, wer endgültig Amerika in der Sachverständigen­kommission für die Reparation r?gelung vertreten würde, ist dieses Problem im Lause des Sonn­tags endgültig gelöst worden. Owen Voung und Pierpont Morgan, der weltbekannte Bankier, sind als amerikanische Mitglieder nominiert wor­den. Ihre Ernennung, die gemeinsam von Deutsch­land und der Reparationskommission erfolgen wird, steht aller Wahrscheinlichkeit nach noch in diesen Tagen zu erwarten.

Während der Rame QJoung ja schon bisher feststand, ist Pierpont Morgan zu aller Tlebcr- raschung erst im letzten Augenblick dazu ans- ersehen worden. Seine Wahl bedeutet für die Arbeiten der Kommission vielleicht den ent­scheidendsten Faktor. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß der Verlaus dieser Arbeiten von Morgan abhängig fein wird. Morgan hat das Geld. Er ist der Mann, der am besten in der Lage ist. zu beurteilen, in welcher Höhe die Kommerzialisierung vorgenom­men werden kann. Andererseits ist er aber auch der Mann, dem die anderen Reparationsmächte recht beträchtliche Summen schulden, die sie von ihm geliehen haben. Morgan ist Republikaner, Boung Demokrat. Wälrend Qjoung der Theore­tischere von beiden ist, ist Morgan der Praktiker. Auf jeden Fall muh unsererseits feine Nomi­nierung begrüßt werden, wenn es auch verfehlt ist, daraus schon übereilte Schlüsse zu ziehen, nach der Richtung hin, daß nun der Geldsegen für Deutschland gekommen sei. Morgan bietet die Garantie dafür, daß die Arbeiten des Sachver­ständige Ausschusses unter d:m Gesichtspunkt der internationalen Finanzpoli.ik geleitet werden. Die rein politischen Gesicht Punkte dürften damit kaum allzu stark in den Vordergrund treten.

Owen Boung, von Haus aus Advo'at, hat sich schon in seiner frühen Jugend der Finanz- Wirtschaft zucewandt und in enger Verbindung mit den größten sinanzi llen und industriellen Unternehmungen Amerikas gestanden. Er wurde im Herbst 1923 neben General Dawes zum ame- rika.nschen Mitglied der sogenannten Dawes- Kommis,' ion ernannt und führte den Vorsitz in dem Unterausschuß für die Stabilisierung der Währung. Auf der Lo..d>ner Konerenz spielte er späterhin neben dem damaligen amerilani- schen Botschafter Kellogg eine bedeutsame Rolle. John Pierpont Morgan, der Jüngere, Sohn und Erbe des am 31. März 1913 verstor­benen I. P. Morgan des Aelteren, hat ganz die Eigenschaften seines Vaters übernommen. Wäh­rend des Weltkrieges übernahm er die Vertre­tung der finanziellen Interessen Englands in Amerika, entwickelte die amerikanische Muni- tionsindustrie und brachte schließlich die Entente- Anleihe in fii.iem Lande unter, wofür er per­sönlich ebenfalls große Summen gab. Morgan ist heute der Finanzmann der Welt. Seine Wa.^l zeigt auch, welch starkes Interesse Amerika trotz incf.izieller Beteiligung an der endgültigen Reparationsregelung nimmt. Es ist zu hoffen, daß die aktive Teilnahme dieses Mannes an der Reparationsarbeit auch dem zweiten Da-wes- Komitee den Erfolg bringen wird.

Der Eindruck in Berlin.

Geschäftsmätzige

Behandlung der Neparationsfrage

Berlin, 15. Jan. (TU.) Die bevorstehende Er­nennung Morgans zum Mitglied der Sachverstän­digenkommission gibt verschiedenen Berliner Blät- lern Veranlassung zu eingehender Stellungnahme. OieGermania" weist daraufhin, daß im Zusam­menhang mit der sog. Kommerzialisierung der Reparationsschuld der Name Morgan geradezu ein Programm bedeute und dieses Pro­gramm heiße geschäftsmäßige Behand­lung der Reparationsfragc von kaufmän- rischen Gesichtspunkten aus und möglichst unbe­schwert durch Rücksichtnahme der internationalen Politik. DieDeutsche Tageszeitung" sagt, Mor­gan habe bisher alscifrigerParteigänger oerEntente gegolten. So bestehe zweifellos eine

gewiffcGefahr, daß Morgans Entschlüsse und Ent­scheidungen in der Sachverständigenkonferenz von dem Wunsch bestimmt würden, Deutschland i n möglichst großem Umfange zahlen zu lassen, wozu ja der Bericht Parker Gilberts einen guten Vorwand zu liefern geeignet sei. Das B. T." sagt, in einer Würdigung der Bedeutung Morgans als Weltbankiers obwohl man in ihm eine durchaus objektive geschäftlich nüchtern denkende Persönlichkeit erblicken könne, dürfe nicht verschwie­gen werden, daß Morgan auch persönlich an dem Ausgang der Pariser Konferenz interessiert ist, da England, Frankreich, Italien und Belgien einen erheblichen Teil der von ihm in den Vereinigten Staaten untergebrachten Anleihen noch nicht ge­tilgt hätten, dies aber mit Hilfe des Erlöses der deutschen Reparationsbonds in mehr oder minder großem Umfange zu tun beabsichtigten. Die DAZ." sieht darin eine überraschende Wendung, daß der Neuyorker Finanzmagnat aus seiner sonst mehr zentraldirigierenden Tätigkeit heraus a u f d i e allgemein sichtbare Bühne der großen Politik tritt. Das Blatt meint, daß ihm die Tat­sache, daß er als eine der größten 'Finanzautori­täten der Welt gelte, hohe Verpflichtungen in seiner Stellungnahme auferlege.

EmMillionengeschäst siirMrgan

Die Auffassung in London.

London, 14. Jan. (TU.) Die Nachricht von der wahrscheinlichen Ernennung Morgans zum ameri­kanischen Vertreter im Reparationskomitee hat i n London einen gutenEindruck gemacht.

Die von amerikanischer Seite an die Ernennung Jeknüpften Dermuttmgen, daß damit die Aussichten ür die Auflegung einer großen beut» chen Reparationsanleihe in den Ver­einigten Staaten außerordentlich gestiegen seien, in englischen Berichten aus Washington wird eine Summe von zwanzig Millionen genannt werden in London nicht re ft los g e teilt. Man glaubt vielmehr nach wie vor, daß eine Reparattonsanleihe von etwa fünf bis acht Milliarden Mark im Anschluß an eine Regelung des Reparationsproblems erreichbar wäre. Für die Durchführung einer solchen Anleihe und in noch stärkerem Maße für die Unterbringung eines gro­ßen Betrages wäre das Bankhaus Morgan unentbehrlich. Vom rein gesä-äftlichen Stand- punkt aus sei es kaum sehr unnatürlich, daß Morgan sich aus erster Hand diejenigen Unterlagen ver­schaffe, die für eine mögliche, spätere Finanzierung der deutschen Reparations schuld wesentlich seien, einer Handelsoperation, die für das Bankhaus Morgan in jedem Falle ein Geschäft von vielen Millionen bedeutet. Wenn daher die Teilnahme Morgans nicht unbedingt als ein Be­weis für die große Bereitwilligkeit Amerikas aus Finanzierung der Reparattons- bonds angesehen werden darf, |o sei auf der ande­ren Seite in der Teilnahme Morgans doch ein An­zeichen dafür au sehen, daß die amerikanische Hoch­finanz sich ihr eigenes Urteil zu bilden wünsche. Die keineswegs optimistische Beurteilung der Arbeiten des Reparationskomitees in weiteren Finanzkreisen Londons wird durch die Teilnahme Morgans nicht geändert.

lohn pierpont Morgan jun., der Weltbankier.

Von Fred (£. Dillinger.

Rur hinter den Kulissen hat Morgan junior bisher in das Schicksal der Völker einbegriffen, denn ihm lag nichts daran, in der OeffentlichkeU hervorzutreten. Nie ist er von seinem Grundsatz abgewichen, daß ein Morgan die erste Rolle spielen muß, wenn er auf der politischen Bühne aufzutreten wünscht. Schon einmal wollte Morgan freilich auf dieses Prinzip verzichten; als die erste Dawcskonferenz stattfand, wünschte er, sein' Land im Rat der Sachverständigen zu vertreten. Die amerikanische Regierung war aber damals der Ansicht, daß I.P. Morgan per­sönlich zu stark an dem Zustandekommen der Anleihe für Deutschland interessiert wäre. Deshalb gab man dem Finanz gewaltigen zu ver­stehen, daß er fein politisches Debüt aufschieben müsse. Morgan begnügte sich also mit dem finan­ziellen Erfolg, den ihm die Dawesanleihe gebracht hat. Es genügte seinem Ehrgeiz zu wissen, daß er auch ohne persönliches Hervortreten maßgebend in der amerikanischen Innenpolitik war und z. D. seinerzeit den Präsidenten Eoolidge eingesetzt hat; denn ohne Morgans Wahlhilfe wäre der schweig­sameCal" nie in das Weiße Haus in Wa­shington eingezogen. Endlich haben die Vereinig­ten Staaten für ihren mächtigsten Mann auch eine politische Mission gefunden, die seinem Ehrgeiz entspricht. Zugleich haben sich die Tl. S. A. durch die Entsendung dieses Bankiers ein Heber gewicht für die Reparationskonferenz geschaffen; denn wer wird es wagen, einen Plan durchzusehen, dem ein Morgan seine Zustimmung verweigert! W doch jeder Sachverständige, daß keine Anleihe ohne seine Zustimmung finanziert, kein Papier gegen seinen Willen in den Vereinigten Staaten ab ge­setzt werden kann. Wenn sich Morgan an der Emission einer großen europäischen Anltihe nicht beteiligt, ist ihr Schicksal besiegelt. Die Unterschrift des Bankhauses Morgan unter dem Projekt eines Konsortiums bedeutet dagegen, daß die neue Anleihe überzeichnet werden wird. Was Morgan empfiehlt, kauft das amerikanische Publikum für ein Geschäft, das er mißbilligt, gibt fein amerikanischer Bürger einen Dollar h?r.

3. P. der Jüngere, wie Morgan in den Vereinig­ten Staaten genannt wird, hat es stets verstanden, die richtigen Männer zu finden. General Dawes war einer der Repräsentanten des Mor- ganschen Bankhauses in Ehikago Ermachte" die Wahl des Präsidenten Eoolidge; er war auch dazu ausersehen, einem Finanzplan seinen Namen zu geben, der in gewisser Weise bas Werk seines gro­ßen Chefs sein soll. Es bleibt abzuwarten, wie sich Morgan in den Kreis der diplomatischen Sachver­ständigen einfügen und einem Widerspruch der De­legierten begegnen wird. Denn John Pierpont ver­trägt es schlecht, wenn jemand anderer Meinung ist. Seit Jahren hat ihn die Presseden un­diplomatischsten Menschen in Ame­rika" genannt, dem es völlig gleichgültig sei, wie die Oeffentlichkeit über ihn denke. Nie lag ihm etwas an der Gunst der Zeitungen, und nie hat er aus seinem Hochmut einen Hehl gemacht. Vergebens haben sich in den letzten Jahren übereifrige Sekre­täre des Autokraten bemüht, feine eisige Ablehnung der Volkstümlichkeit und feine Verachtung der öf­fentlichen Meinung byrch kleine, gut erfundene Anekdoten geschickt zu mildern. Das amerikanische Publikum glaubte nicht an die rührende Erzählung von dem König der Hochfinanz, der mit großem Eifer als Schösse den Gerichtssitzungen beiwohnte, um bann längere Zeit geduldig auf seine Entschädigung an der Gerichtskasse zu warten.

Weshalb sollte sich auch John Pierpont Mor­gan jr. um die Gunst der Presse bemühen ober auf

I bie Sympathien des Volkes Wert legen? Die | Machtstellung des Einunbfechzigjährtgen ist so über- ragend und unangreifbar, baß keine der üblichen Gewalten sie vernichten, ja nicht einmal schmälern könnte. Er herrscht über Stahl, Eisen und Kupfer, ihm gehören Eisenbahnlinien und riesige Automo­bilfabriken. Morgans Konzern ist heute der größte und stärkste der Welt, er übertrifft sogar bie Truste der Rockefeller. Harriman oder Ford. 2,2 Milliar­den Dollars, also fast neun Milliarden Mark be­trägt bas Kapital ber Unternehmungen, bie von Morgan direkt kontrolliert werden; außerdem herrscht der Bankier noch über 134 Tochtergesellschaf­ten, die mit einem Kapital von ungefähr vier Mil­liarden Dollars arbeiten. Die Banken, die zur Morgangruppe gehören, verfügen über ein Kapital von ungefähr 1,6 Milliarden Mark.

Seine überrageuöe Stellung hat Morgan erst während des Weltkrieges gewonnen. Er hatte damals auf die Karte der Alliierten gefetzt, und die Ereignisse haben ihm leider recht gegeben. Keine Anleihe der Entente wurde in den Vereinigten Staaten untergebracht, ohne daß Morgan feine Hand im Spiele gehabt hat: nur einmal hat er falsch disponiert: als er zu Kriegsbeginn 12 Millionen Dollars an Ruß­land auslieh. Ein Jahr später erhielt Frank­reich durch ihn einen Kredit von 50 Millionen Dollars. Don den Anleihen, die England, Frankreich, Italien und Belgien seit Kriegsaus­bruch bei Morgan ausgenommen haben, sind 7 0 0 Millionen Dollars noch nicht ge­tilgt. Nicht nur an diesen Finanztransaktionen hat das Bankhaus viel verdient. Morgan stellte auch seine Schiffahrtsgesellschaften vollkommen auf den Munitionstransport nach Europa um. Rechtzeitig erkannte er die Gewinnchance für die Munitionslieferanten. die er gründlich ausgenüht hat. Durch seine Beziehun­gen verstand er es. sich umfangreiche englische, russische und französische Aufträge zu beschaffen. Die englische Regierung ernannte ihn zu ihrem offiziellen Agenten und ließ ihm freie Hand in der Verteilung der Aufträge. Als tüchtiger Geschäftsmann hat Morgan dieses Monopol ge­hörig ausgenutzt, und natürlich ließ er sich für alle Aufträge, die er in den Vereinigten Staa­ten weiterleitete, hohe Provisionen zahlen, so daß er allein an feinen Vermittlungsgeschäften über 150 Millionen Mark verdient haben soll. Den Stahltrust baute er ständig aus, und es ist selbstverständlich, daß er seine Unternehmungen nicht vergaß, wenn er Aufträge der Entente zu vergeben hatte.

Das Ende des Krieges hat den Geschäften des Finanzmannes keinen Abbruch getan; er stellte sich um und erwarb eine maßgebende Beteiligung an der größten amerikanischen Automobilfabrik, der General Motors Company. In den letzten Jahren hat sich Morgan anscheinend weniger um feine industriellen Unternehmungen gekümmert und das Hauptgewicht auf seine Bankiertätigkeit gelegt, die ihm im Frühjahr 1924 einen außerordentlichen Er­folg brachte. Die ganze Welt glaubte damals, baß der Franken den Weg ber Mark gehen werde, und die französische Hauptstadt wurde daher der Sammelpunkt für die Großspekulanten aller Län­der. In diesem kritischen Augenblick, als die fran­zösische Währung unrettbar verloren schien, genügte die Nachricht, daß Morgan an ein Steigen des Franken glaube, um eine Revolution auf dem De­visenmarkt hervorzurusen. Der Franken stieg sprung­weise, eine Panik brach unter den Spekulanten aus. Als gar bekannt wurde, daß Morgan der franzö­sischen Regierung eine größere Summe zur Ver» 1

fügung gestellt habe, war bie französische Währung gerettet. Vor ber Annahme des Dawesplones soll Morgan große Beträge französischer Renten auf- gekauft haben, die er später mit beträchtlichem Ge­winn wieder veräußerte, so daß sich bas französische Geschäft für ihn wohl gelohnt hat.

Morgan ist nicht der reichste, sondern auch viel­leicht der unsozialste Mann der Vereinig­ten Staaten. Nicht einmal große Stiftungen, wie sie seit Carnegie und Rockefeller in den Ver­einigten Staaten bei den Geldfürsten zum guten Ton gehören, hat er gemacht; er hat der Stadt Reuhork nur bie kostbare Bibliothek seines Va­ters geschenkt, und auch diese große Geste er­folgte nicht ganz freiwillig. I. P. der Jüngere wollte dadurch einen Schritt wiedergutmachen, den er kurz nach dem Tode seines Vaters, des großen Kunstsammlers, getan hatte. Damals hatte er skrupellos die Kunstschähe feines Vaters versteigern lassen, obwohl man angenommen hatte, daß er diese ihm nebensächlichen Samm­lungen der Stadt Reuhork schenken würde. Da die Gefahr bestand, daß wertvolle Kunstgegen­stände nach Europa verkauft werden würden, galt es bei den Amerikanern als patriotisch, die europäischen Kunsthändler zu überbieten. Aus dem Patriotismus seiner Mitbürger hat John Pierpont Morgan jr. damals erheblichen Nutzen gezogen, so daß sein Geschenk an die Stadt Neuhork keine finanzielle Einbuße für ihn be­deutete.

Wenn dieser Mann, den man eine menschliche Rechenmaschine nennen karm, jetzt an den Repa­rationsberatungen teilnehmen wird, wird er kaum ein unparteiischer Sachverständiger fein. Selbstverständlich ist John Pierpont der Jüngere lebhaft daran inlerefflert, daß die Entente ihre Schulden zurück^ahlt, und deshalb wird Deutschland, das wiederum die nötigen Zahlun­gen an die Alliierten leisten soll, nicht auf all­zugroßes Entgegenkommen rechnen dürfen.

Stresemann für einen gesunden sozialpolitischen Ausgleich.

Berlin. 15. Jan. (D. D. Z.) Im Rahmen einer Tagung des Angestelltenausschuffes der Deutschen Volks Partei hielt der Parteivorfitzende, Reichsaußenmmister Dr. Strefemann, eine Rede, worin er bedauerte, daß gegenwärtig die Ent­wickelung zum Spezialistentum im Parlament sich so ausbreite. Auch der Wirt­schaftler, und zwar der Gewerkschaftsvertreter sowohl wie der Syndikus, werde um so mehr wirken können, wenn er verstehe, das Allgemeine zu überschauen. Lebhaft bedauere er, daß d i e Zahl ber Lohn- und Gehaltsempfän- ger heute bereits 70 Prozent unseres ganzen Volkes ausmache. Wenn ein Land, das, wie das unsere, neben den größten außenpolitischen Schwierigkeiten auch noch wirt­schaftliche und finanzielle hat, schließlich sogar durch Differenzen im Innern zwischen ber sehr klein gewordenen Schicht der Arbeitgeber und der großen Schicht der Angestellten und Arbeiter in seiner Entwickelung gehindert werden farm, dann sei es die größte Aufgabe ber Staatskunst und der Partei, einen Aus­gleich im Interesse des sozialen Friedens und der nationalen Auf­wärt sentwickelung herbeizuführen. Des­halb müsse man in den bestehenden Gremien beiden Teilen Gelegenheit geben, diesen Aus­gleich zu finden. Er bedauere, daß sich bie volks­parteiliche Fraktion nicht stärker stützen könne auf eine größere Mehrheit von Arbeitnehmerver- tretem. Er empfehle allen jungen Kräften und Ständen, die Ellenbogenzu gebrauchen, um sich durchzusetzen, und erklärte, die Partei- lettung müfte in verstärktem Maße bie Möglich­keit erhalten, auf der Reichsliste bie erwünschten Persönlichkeiten ins Parlament zu bringen. 2luch mit Rücksicht auf seine innenpolitische Einstellung könne er nicht mit ansehen, daß die Deutsche Volkspartei, wenn auch absolut fälschlich, so hin- gestellt werde, als haste ihr antisoziales Ge­präge an.

Gegen das Steuervereinheitlichungsgesetz

Berlin, 15. Jan. (V.D.Z.) Der Vorstand des über 180 000 Mitglieder zählenden Reichs- bundes der Ko m m unalbea m t en und -Angestellten Deutschlands beschäftigte sich mit dem Steuervereinheitlichungsgesch und sei­nen Auswirkungen auf die Beamtenschaft. Der Vorstand beschloß einstimmig, sich gegen das mit dem Entwurf vorgelegte Gesetz über den Ue&ertritt von Länder- und Ge­meindebeamten in den Reichsdienst zu wenden, da keine Veranlassung vorliege, die verfassungsmäßig garantierten Rechte der Be­amten aus diesem Grunde zu verletzen. An­nahme fand ferner eine Entschließung zu der be­absichtigten neuen Steuerbelastung, in der die Absicht abgelehnt wird, die Steuer­überweisungen an d i e Länder und Gemeinden zu kürzen. In einer weiteren Entschließung zum eigentlichen Steuervereinheit- lichungsgeseh wird die vorgcschlagene Regelung als nicht geeigneter Weg zur Erzielung einer Veveinsachung der Verwaltung bezeichnet.