Nr. 295 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Samstag. 14. Dezember 1929
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Müllers Ultimatum
Dem Kabinett Müller-Hilferding mußte erst das Wasser bis zum Halse stehen, als es sich auf seine Pflicht besann, irgend etwas zu tun, um der drohenden Katastrophe in letzter Stunde Einhalt zu gebieten. Es geschah gewiß nicht aus innerer Neigung zu Schwarzseherei und zermürbendem Pessimismus, wenn im letzten Jahre immer und immer wieder dringend darauf hingewiesen wurde, daß es mit dem Schlendrian in unserer öffentlichen Finanzwirtschast unmöglich so weitergehen könne, daß es unverzeihliches, unverantwortliches Fortwursteln bedeute, wenn dank der hemmungslosen Bewilligungsfreudigkeit der gesetzgebenden Körperschaften und der mangelnden Widerstandsfähigkeit der Regierungen die Staatsausgaben ins Uferlose anschwollen und die Deckungsmöglichkeiten eine nach der andern dahin- schmolzen, wie Butter an der Sonne. Gewiß hat der Reichskanzler recht, wenn er in seiner großen Programmrede vor dem Reichstag auf die üble Erbschaft hinwies, die seinem Kabinett von anderen Regierungen überkommen sei. Aber heute ist es doch durch keine noch so geschickte Dialektik aus der Welt zu schassen, daß sein Finanzminister, Herr Dr. med. Hilferding, sich am Krankenbett der deutschen Staatsfinanzen wiederum als ein schlechter Arzt erwiesen hat, der genau so wenig wie im Sommer des Unheiljahres 1923 sich zu irgendeinem festen Entschluß aufzurasfen vermochte und statt dessen das Schlimmste tat, was ein Mann auf dem verantwortungsvollen Posten, auf den ihn das Vertrauen feiner Partei gestellt hatte, überhaupt nur tun konnte, gegenüber einem täglich bedrohlicher anwachsenden Wlrtschaftspessimismus, gegenüber einer von Ultimo zu Ultimo katastrophaler werdenden Ebbe in der Reichskasse: er bastelte wohl an seinem Schreibtisch an Reformplänen herum, konnte sich aber zu keinem befreienden Schritt in die Oeffentlichkeit entschließen und wich nor jedem Stirnrunzeln seiner Parteigenossen ängstlich zurück, so daß der Eindruck entstehen mußte, als ob der verantwortliche Reichsfinanzminister untätig die Hände in den Schoß lege und die Reichsregierung auf die Führung aus der Finanzkrisis heraus zu einer Sanierung des Staates und der Wirtschaft verzichtet habe. Es ist heute müßig, darüber zu streiten, ob der Schritt des Reichsbankpräsidenten ein Eingriff in die Befugnisse der Reichsregierung war oder nicht, Tatsache ist jedenfalls, daß das Memorandum Dr. Schachts wie eine befreiende Tat gewirkt hat auf alle, auf denen die Indolenz der zur Führung Berufenen wie ein Alpdruck lag. Es läßt sich doch auch kaum leugnen, daß erst die Unmöglichkeit, den zur Ueberwindung der riesengroßen Kassenschwierigkeiten am Jahres- Ultimo dringend benötigten sog. „Überbrückungskredit" zu erlangen, ohne den Nachweis neuer Geldquellen, das Reichskabinett veranlaßte, fünf Minuten vor zwölf mit dem bisher ängstlich gehüteten Finanzprogramm vor den Reichstag zu treten. Daß der Reichskanzler selber diese unbantbare Aufgabe übernahm, kennzeichnet den Ernst der Lage, war aber überdies ein ganz geschickter Schachzug, denn Herrn Dr. Hilferding hätte das „Hohe Haus" wohl kaum so ruhig angehört, wie den Regierungschef.
Mehr als anderthalb Milliarden Defizit in der Reichskasse, davon 330 Millionen ungedeckt, das ist das Ergebnis einer jahrelangen Finanzmißwirtschaft, die sich mit den Tributleistungen aus dem Dawesplan allein nicht entschuldigen läßt. Nun endlich soll etwas Entscheidendes zur Behebung des Kassendefizits, zum Ausgleich der öffenllichen Haushalte, zur Lastensenkung der unter der Steuerschraube verblutenden deutschen Wirtschaft geschehen. Aber man hat bei der Rede des Reichskanzlers den Eindruck, als ob die Regierung schon über Nacht Angst vor der eigenen Courage bekommen hat. Hieß es doch vor der Regierungserklärung, daß das Kabinett Müller die Entscheidung „in offener Feldschlacht" suchen werde, daß es mit seinem Finanzprogramm „stehe und falle". Aber einen Tag später spricht man schon in bedeutend sanfteren Tonen. Der Reichskanzler deutet nur an, daß die Haager Konferenz gefährdet sei, wenn die Reichsregierung nicht in den Besitz eines klaren Vertrauensvotums komme oder die Reichsregierung nicht in kürzester Frist umgebildet wäre. Soll damit vielleicht die Möglichkeit ventiliert werden, Herrn Dr. Hilferding auszuschiffen? Eine Mehrheitsregierung auf anderer Grundlage, als der von der Mitte bis links gibt es ja nicht. Aber das ist eine cura posterior. Wichtiger ist, daß das Reichskabinett das angebliche Vertrauensvotum und das Verlangen nach eindeutiger Zustimmung zu dem Reformprogramm alsgeschlofsenesGanzes offenbar verwässert hat zu einem bloßen „Bekenntnis" zu den dargelegten „Grundsätzen" seines Finanzreformprogramms. Das bedeutet in unser ge- lichtes Deutsch übertragen, nichts anderes, als daß es den sozialdemokratischen Kabinettsmitgliedern nicht gelungen ist, den Widerstand ihrer Partei gegen gewisse, auch von ihnen als notwendig anerkannte und von ihnen gebilligte Steuerreformen, die ihr Gesamtprogramm vorsieht, zu brechen, daß also mit anderen Worten die bürgerlichen Parteien, die zur Behebung der augenblicklichen Kalamitäten in der Reichskasse für sofort erforderlich gehaltenen Saften« erhöhungen — also die Beitragserhöhung für die Arbeitslosenversicherung, gegen die sich namentlich die Volkspartei seit dem Frühjahr wehrt, und die Tabaksteuererhöhung — vorweg schlucken sollen, während der sozialdemokratische Koalitionsge- nosse keineswegs gewillt ist, sich auf den Teil des Regierungsprogramms festzulegen, der nach Annahme des Poungplans die dringend gebotenen Lastens e n f u n g e n bringen soll Das ist gewiß eine starke Zumutung und man wird abwarten müssen, ob die Mitte sich geneigt zeigen wird, wiederum wie schon so oft, Vorleistungen zuzustimmen, ohne irgendwelche Sicherung dafür zu haben, daß es nicht bei diesen beträchtlichen Lastenerhöhungen bleibt, son- dern nun auch zur Durchführung der Maßnahmen
Der Kamps um das Vertrauensvotum.
Oie Stellung der Parteien zum Finanzreformprogramm der Reichsregierung.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 13. Dez. 21m Regicrungstisch: Reichskanzler Müller, Reichsfinanzminister Dr. Hilferding. Präsident Lobe eröffnet die Sitzung. Oluf der Tagesordnung steht die Besprechung der Erklärung der Reichsregierung. Unter großer Heiterkeit erklärt Präsident Loebe, Wortmeldungen seien bisher nicht eingegangen. Schließlich meldet sich der
Abg. Dr. Neubauer (Komm.): Die Regierung habe sich mit ihrem Finanzprogramm dem Diktat des Großkapitals gebeugt. Der eigentliche Diktator Deutschlands sei Reichsbankpräsident Schacht, der Repräsentant des raubgierigen rücksichtslosesten Unternehmertums. Die Kommunistische Partei lehne den Voungplan ab, weil er einen Markstein bilde in dem in ter* nationalen kapitalistischen Zusammenschluß gegen Sowjetrußland. Das Finanzprogramm der Regierung enthalte ungeheure Liebesgaben an die besitzenden Klassen. Gleichzeitig macht Severing sein Republikschuh- geseh, damit seine Schupobanden die hungernden Massen zurücktreiben können. (Präsident Löbe rügt das Wort „Schupobanden".)
Abg. Strasser (ÄS.) bezeichnet die gestrige Erklärung des Reichskanzlers als die Konkurserklärung des Deutschen Reiches. Der Leiter einer Firma, die so 6anferotf wie das Deutsche Reich ist, würde wegen betrügerischen Bankerolls bestraft werden. Die Staatsmonopole werden von sozialistischen Ministern an das internationale Privatkapital verschleudert.
Abg. Or. Brüning (3.)
verweist auf die schon wiederholt vorgebrachte Forderung seiner Fraktion, an das Werk der Kassensanierung ohne Rücksicht auf die Möglichkeit der Einnahme des Poungplan^ heranzugehen. Eine großzügige Reform des Steuersystems sei angesichts der augenblicklichen Steuerlasten, die die Wirtschaft, der mittlere und kleinere Gewerbestand und die Landwirtschaft zu tragen hätten, erforderlich. Die Kasfenlage für den Monatsschluß sei überaus ernst und zwinge zu sofortigen Maßnahmen. Es entspräche aber nicht dem Ernst der Lage, wenn man diese Schwierigkeiten allein durch eine Auslandanleihe beheben wollte. Sofortige Maßnahmen zur Senkung des Kaf- fendefizits feien unbedingt erforderlich, und seine Fraktion stimme demMemorandum des Reichsbankpräsidenten zu, soweit es sich auf diese Notwendigkeit beziehe. Für die hinter der Negierung stehenden Parteien wäre es schwer erträglich, wenn man sich auf die Zustimmung zu solchen Sosort-Maßnahmen beschränken würde. Es kann dem deutschen Volke nicht zugemutet werden, ohne sichere Begründung der Hoffnung auf Senkung übersteigerter Steuern zunächst eincErhähung von anderen Abgaben vorzunehmen. Wir haben unsererseits alles getan, um der Aufforderung des Herrn Reichskanzlers an die Regierungsparteien nachzukommen, sich geschlossen auf den Boden des Finanzprogramms der Reichsregierung zu stellen. Eine solche Hallung wäre für alle Parteien um so leichter gewesen, als der Herr Reichskanzler in seiner gestrigen Erklärung daraus hinwies, daß über Einzelheiten des Finanzprogramms spätere Verhandlungen entscheiden müssen. Wir verhehlen dabei nicht, daß auch wir gegenüber Einzelheiten st arke Bedenken haben, von denen wir annehmen, daß sie in den weiteren Verhandlungen zwischen den Parteien beseitigt werden
kommt, die die Wirtschaft zu ihrer Erholung vom Steuerdruck braucht. Es handelt sich heute doch nicht mehr allein darum, das Loch in der Reichskasse zu stopfen, die gegenwärtige Regierung über die Schwierigkeiten des Jahresultimos hinwegzuhelfen, um dann wieder mit Gemütsruhe in den alten Schlendrian zurückzufallen. Nein, jetzt geht es um die Sanierung der Reichsfinanzen von Grund auf, um eine gründliche Überprüfung unserer öffentlichen Finanzwirtschaft überhaupt und eine Neuordnung der Lastenvcrteilung, die der Wirtschaft die Möglichkeit gibt, durch ausreichende Kapitalbildung für den größten Teil unseres Arbeitslosenheeres neue Arbeitsplätze im Produktionsprozeß zu schaffen. Und da muß an die Sozialdemokratie die klare und eindeutig zu beantwortende Frage gestellt werden, ob sie an der Durchführung eines solchen Reformpro- gramms Mitarbeiten will, das auch ihre eigenen Vertrauensleute im Reichskabinett zur Ueberwin- burg der Krisis für erforderlich halten, oder nicht.
Wir können nicht leugnen, daß auch uns das Re- formprogramm der Reichsregierung, wie es am Donnerstag der Reichskanzler dem Reichstag vortrug, in einer Reihe von Punkten enttäuscht, wir begrüßen es jedoch als einen trotz starker Bedenken immerhin verheißungsvollen Anfang zu e inem grundsätzlichen Kurswechsel in unserer Finanz- und Wirtschaftspolitik. Was wir besonders bedauern, ist, daß die Regierung den gegenwärtigen Stand der Ausgabenseite in den öffentlichen Haushalten als gegeben und unabänderlich htnnimmt. Man könnte vielleicht annehmen, daß eine rigorose Senkung der Einnahmen zwangsläufig zu einer Ausgabenbeschränkung führen müßte, aber es hat leider den Anschein, als ob es sich bei dem Reform- programm Hilferdings lediglich um eine Steuer Verschiebung, nicht aber um eine wirkliche Lasten
könnten. Die Zentrumsfraktion wird die Reichsregierung in ihrem Willen, dieses Programm unter den obengenannten Einschränkungen durchzuführen, tatsächlich unterstützen. Sie erwartet, daß alle Regierungsparteien dasselbe tun.
Abg. Dr. Quaah (Oni.)
Die jetzige katastrophale Lage beweist die Unzu- länglichkeit des Systems und der leitenden Personen dieser Regierung. Roch vor einem Jahr hat Dr. Hilferding jeden, der von Staatsbankrott spricht, als wirtschaftlichen Landesverräter bezeichnet. Es handelt sich nicht um ein Kassen- desizit, sondern um ein organisches Defizit. Die Ausführungen des Reichskanzlers sind noch zu optimistisch. Die Steuererträge sind im Rückgang. Der Haushalt der Reichsbahn steht nahe vor dem Bankrott. Der Wesensinhalt dieses Parlaments ist nur noch Kulissenschieber e i, das System ist eigentlich längst erledigt. Meine Herren! Sie sind ja schon tot! Sie wissen es nur nicht! (Heiterkeit.) Die Regierung desavouiert ihren eigenen Pariser Sachverständigen Dr. Schacht, der ein europäisches Ansehen genießt, dessen sich viele Reichsminister nicht erfreuen können. Bon Dr. Schacht hängt es ab, ob die Regierung am 1. Januar den Beamten die Gehälter und den Arbeitern die Löhne zahlen kann. Bei den Pariser Verhandlungen hat Reichskanzler Müller an Dr. Schacht geschrieben, es müsse angenommen werden, auch wenn sich daraus Schäd gungen dir deutschen Wirtschaft ergäben. (Hört! Hort! rechts.) Dr. D r e i t s ch e i d ist gleichzeitig Dr. Schacht durch einen Artikel in den Rücken gefallen. Millionen sind von dem früheren Wirtschastsminister, dem jetzigen Außenminister Dr. Curtius, an England und Belgien ausgeliefert worden. Herr Curtius hofft auch, die Freundschaft Polens zu erlangen durch das Abkommen, das sorgfältig geheimgehalten wird. Was Sie, Herr Dr. Curtius, aus Liebe für Polen an dem deutschen Osten gesündigt haben, das werden noch spätere Geschlechter empfinden. (Diese Bemerkung wird von der Dollspartei und den
Sozialdemokraten mit lauten Pfuirufen beantwortet. Präsident Löbe erteilt Dr. Quaah einen Ordnungsruf.) Stresernanns Freund, der englische Botschafter d'Abernon, hat von einem System der Haltlosigkeit und Schwäche gesprochen. Unter diesem System haben wir seit Jahren gelitten. (Reichskanzler Müller: „Seit Jahren!" — Heiterkeit.) Wir wollen mit dem "Volksbegehren das deutsche Dolk aufrufen gegen dieses System der Haltlosigkeit und Schwäche.
Abg. v. Sybel
(Christi, not Bauernpartei)
spricht der Regierung bas Mißtrauen seiner Freunde aus. Es sei bas gute Recht bes Reichsbankpräsiben- ten, vom Poungplan abzurücken, wenn bie Voraussetzungen seiner Unterschrift nicht mehr zuträfen. Der Redner kritisiert besonders die polnischen Ver- träg e. Eine Regierung, die solche Verträge abschließe, wäre in jedem anderen Lande schon längst zum Teufel gejagt.
Abg. Nr. Hoff (O. Ä.)
begrüßt es, daß die Regierung jetzt den Entschluß bekundet, eine durchgreifende Finanzreform durck)- zuführen. Es wird bedauert, daß dies nicht schon früher geschehen ist. Bedauert wird auch das Fehlen einer organischen Reform der Arbeitslosenversicherung und dieFasiung verschiedener anderer Bestimmungen. Die Erklärung schließt mit dem Satz: Wir sind bereit, dem Gebot der Stunde, bas zu sofortigem Handeln zwingt, zu folgen, um bas Programm der Reichsregierung zur Durchführung als ganzes anzunehmen unter ber Voraussetzung, daß die übrigen Regierungsparteien die gleiche Bereitschaft bekunden.
Abg. Or. Kemhold (Dem.)
gibt gleichfalls eine Erklärung ab, in ber es als not- menbig bezeichnet wird, die für die Wirtschaft auf die Dauer unerträglichen Lasten zu senken. Ein Kernstück der Finanzreform müsse die Vermin«
Die Szolnoker Gistnördentmen vor Gericht
In Szolnok wurde gegen die erste Gruppe der Giftmischerinnen verhandelt. Aus der Anklagebank sitzen die 44jährige Frau Holyba, die 70jährige Frau Sebestyen, die 60jährige Frau Lipka und bie 50jährige Frau Köteles. Alle vier sind Bauersfrauen. Frau Holyba, bie angeklagt ist, ihren Mann auf Anraten der Frau Sebestyen, ihrer Nachbarin, mit Arsen vergiftet zu haben, leugnet und gibt an, eine Hebamme habe einmal eine Arznei in die Suppe getan. Sie gibt zu, baß es Gift gewesen fei, ba ihr Mann einen Tag b a r au f ft a r b , bleibt aber dabei, dies vorher nicht g c w u ß t zu haben. Frau Sebestyen leugnet, Frau Holyba zum Morde angeftiftet zu haben. Die dritte Angeklagte, Frau Lipka, hat eine ihrer Obhut anverlraute alte Frau, bann ihren Stiefbruder und schließlich ihre Schwägerin mit aus Fliegenpapier gewonnenem Arsen aus ber Welt geschafft. Sie hat alle brei beerbt. 2luch sie leuget alles. Ebenso leugnet bie vierte Anne klagte, Frau Köteles, gewußt zu haben, baß das Mittel, das sie von Frau Lipka gegen bie Trunksucht ihres Mannes erhielt. Gift gewesen sei. Sie bleibt bei ihrem Leugnen, auch als ihr ber Präsident vorhält, baß sie bie Giftflasche in be n Sarg ihres Mannes ge
legt habe, um bie Spur ihres Verbrechens zu ver- wischen. Die Gemeindeärzte geben an, während der Behandlung keine Vergiftungssymptome wahrgenommen zu haben. Der eine Arzt gab der Ansicht Ausdruck, daß wahrscheinlich bet ber ersten Gelegenheit nureine gan,; kleine Dosis Gift verabreicht worden sei und daher der zum Opfer gerufene Arzt die Vergiftung nicht feststellen konnte. Nach dem ärztlichen Besuch wurde dann dem Kranken eine große Dosis Gift verabreicht. Dieses Verfahren dürften die Verbrecherinnen gewählt haben, um darauf Hinweisen zu können, daß sie zu dem Kranken einen Arzt gerufen haben. Unter den übrigen Zeugenaussagen sind besonders die Mitteilungen eines Genbarmer iewacht- meisters von Interesse, der erzählt, er habe die Frauen Holyba und Sebeftnen, die anfänglich alles leugneten, in ein gemeinsames Zimmer sperren lassen, in dem er sich vorher unter dem Bett versteckt hatte. Die allein gebliebenen Weiber berieten nun, ob sie ein Geständnis oblegen sollten ober nicht. Darauf war er hervorgekrochen und hatte bie beiben darauf aufmerksam gemacht, daß sie nun nicht mehr leugnen könnten. Frau Sebestyen bestätigte die Angaben bes Gendarmerie Wachtmeisters.
senkung handle. Aber eine tatsächliche und dauernde Erleichterungen bringende Finanzreform ist ohne rücksichtslose Drosselung des Staatsaufwands in erster Linie auf verwaltungstechnischem und noch mehr auf wirtschaftspolitischem Gebiet undenkbar. Eine Neu Abgrenzung der Staatsaufgaben muß zur schärfsten Zurückhaltung des Staates und der öffentlichen Hand von wirtschaftlicher Betätigung führen. Sie ist für bie Kapitalneubilbung der Privatwirtschaft mindestens so notwendig, wie direkte Erleichterungen durch Steuersenkungen. In welchem Ausmaße eine umfassende Verfassungs- und Verwaltungsreform Ersparnisse zu bringen vermag, ist umstritten, nicht jedoch, daß eine beträchtliche Aus- gabenoerminberung zu erzielen sein würbe. Das Programm ber Retchsregierung sagt zu diesen Punkten, die mit einer auf Lastensenkung hinzielenden Finanzreform eng verbunden sind, kaum etwas. Man wirb erwarten bürfen, baß Regierung und Parlament unter bem Druck ber öffentlichen Meinung sich auch hier enblich zu Taten aufraffen werben, denn wie schon gesagt, mit einer bloßen Steuerverschiebung kann und darf es keineswegs getan sein, wenn nicht die ganze Hilfsaktion für die Wirtschaft illusorisch bleiben soll.
Das Steuerumbau- und -senkungsprogramm Hilferdings wird im einzelnen mancher Kritik begegnen. Ob es z. B. zweckmäßig ist, Konsum ft euern zu erhöhen, denen die Bevölkerung durch Einschränkung bes Verbrauches ausweichen kann, unb statt dessen burch Heraufsetzung bes steuerfreien Einkommens Millionen von Staatsbürgern aus ber Pflicht zu entlassen, zur Deckung des Finanzbedarfs des Staates durch direkte Besteuerung beizutragen, mag dahingestellt bleiben. (Eine solche direkte Steuerpflicht dürfte im allgemeinen das stärkste Hemmnis für eine Ueberfpanmtng ber öffentlichen Ausgabenwirtschaft
fein. Daß die Regierung sich nicht zu einer restlosen Beseitigung der Gewerbesteuer entschloß, kommt überraschend. Die Gewerbesteuer ist eine Sonberbefteuerung, die von den Betroffenen mit Recht als ungerechtfertigte Härte empfunden wirb, unb ihre Beseitigung eine Forderung, in der sich alle Sachverständigen, die sich zum Kapitel „Finanzreform" zum Wort gemeldet haben, einig sind, mögen ihre Vorschläge auch sonst noch so weit auseinandergehen. Ein Punkt, der noch besonders der Klärung bedarf, ist der „Einbau eines beweglichen Faktors in das Gemeinde- fteuerf ijftem". Daß ber Reichskanzler hierfür diese verschwommene Definition wählte, ist auf den Widerstand ber sozialdemokratischen Partei zurückzuführen. Aber man wird sich darüber klar werden müffen, daß kommunale Selbstverwaltung zu einer Fiktion wird, wenn Selbstverwaltung nicht auch Selbstverantwortung bedeutet, die nur von einer Verstärkung der kommunalen Finanzautonomie auf bem Gebiet ber biretten Besteuerung zu erwarten ist. Auch hier sinb bie notwenbigen Hemmungen gellen eine etwaige Ucberfpannung ber Ausgabenwirtschaft nur bann zu erwarten, wenn, wie es in ber Regierungserklärung heißt, alle Gemeindebürger unter selbstverständlicher Berücksichtigung sozialer Notwendigkeiten zu den Lasten der Gemeinden herangezogen werden. Der kurze Ueberblick genügt, um zu zeigen, welche Schwierigkeiten im einzelnen die Finanzreform in sich birgt, wie notwendig es aber auch ist, bo.ß die Reichsregierung sich nicht wieder von den Parteien die Führung aus ber Hand winden läßt unb Kompromisse billigt, bie geeignet sinb, bie Absicht ihres Finanzprogramms zu vereiteln. Von ber Entscheibung ber nächsten Stunden wirb Deutschlands Schicksal richtunggebend beeinflußt werben.


