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Damit man nun mit Fernsehempfängern ver­schiedener Firmen die Sendungen empfangen kann, Hot das Reichspostzentralamt die Fernseher von Mihalh, Daird und Karolus so weit ge­normt, wie es zum Empfang der ausgesendeten Bilder notwendig ist. Als Format ist das Seiten­verhältnis 4:3 festgesetzt worden. Als Bildzahl in der Sekunde hat man sich auf 12,5 Bilder geeinigt. Das ist leider etwas wenig und wird ein gewisses Flimmern der Bilder zur Folge haben. Man kann aber über diese Zahl nicht hinausgehrm. weil man sonst das den Funk­sendern durch die Wellenverfeilung zugeteilte Wellenband überschritte. Mit 12,5 Bildern in der Sekunde bleibt man unter der beim Film üb­lichen Zahl von 16 Bildern in der Sekunde. Beim Film hat man diese Zahl gewühlt, weil es sich gezeigt hat, daß bei ihr die Bilder gerade noch ohne Flimmern für das Auge unmerklich inein­ander übergehen und Bewegungen, die nicht all­zuschnell sind, als solche ohne Sprünge wahr­genommen werden. Reuerdings strebt man je­doch beim Film danach, die Zahl der in einer Sekunde voröeilaufenden Bilder zu erhöhen, da­mit auch schnelle Bewegungen sprunglos wieder­gegeben werden können, und zwar möchte man möglichst auf 25 Bilder in der Sekunde gehen; beim Tonfilm hat man den goldenen Mittel­weg «ngeschlagen und sich auf 20 Bilder in der Sekunde geeinigt. Denselben Weg wird man beim Fernsehen auch gehen müssen, man kann dies aber erst dann, wenn dafür breitere Bänder freigegeben werden. Dazu gibt es zwei Wege: Entweder man vermindert die Zahl der Funk­sender und benutzt die frei werdenden Wellen zur Berbreiterung der Wellenbänder der bestehen­bleibenden Sender, oder man stellt breite Bänder im Bereich der kurzen Wellen zum Fernsehen zur Verfügung. Dieser Weg wäre insofern besser, als man dann auch gleichzeitig hören und sehen kann. Telefunken-Karolus scheinen die Freigabe der kurzen Wellen abwarten zu wollen, während Mihalh Telehor A.-G. und Baird Deut­sche Fernsehgesellschaft gleich anzufangen be­absichtigen. Beide verwenden beim Sender und Empfänger die Lochscheibe.

Für diese Lochschetbe hat man sich auf 30 Löcher geeinigt die bekanntlich in einer Spirale an- gcord-et sind und so allmählich das ganze Bild in Krc.siöogen überstreichen. Run sind 30 Streifen sehr wenig, da die Bilder dabei ziemlich grob wielergegeben werden. Der Grund, aus dem man mit der Lochzahl nicht höher gehen kann, ist ebensalls der, daß man sonst das zur Ver­fügung stehende Wellenband überschritte. Trifft man die oben angegebenen Maßnahmen, durch die man in den Besitz breiterer Welleirbänder für das Fernsehen gelangt, so kann man auch die Lochzahl erhöhen und damit feinere Dllder geben. Vorläufig kann man wegen der groben Ab­tastung in nur 30 Streifen nur einzelne Köpfe oder große Gegenstände im Fernseher zeigen, während die Llebermittlung ganzer Bühnenszenen so lange unmöglich ist, bis man breitere Wellen­bänder hat.

Die Löcher in der Lochscheibe sollen nicht, wie man annehmen sollte, gleichen Abstand von Loch zu Loch haben (Bild l), sondern die Scheibe soll in gleiche Winkel eingeteilt werden, deren jeder ein Loch enthält (Bild 2). Diese Anordnung werden sich die Bastler merken müssen, die sich selbst Fernsehempfänger bauen wollen; dies liegt bei deren Einfachheit durchaus im Bereich der Möglichkeit, denn ein Fernsehempfänger besteht eigentlich nur aus eiger Glimmlampe, der Loch­scheibe und deren Antrieb.

Wir dürfen nach dem Gesagten von den ersten Fernsehsendungen noch keine große Vollkommen­heit erwarten. Dies liegt zum Teil an der ge­ringen Breite der zur Verfügung stehenden Wellenbänder, zum Teil aber auch daran, dah man erst Erfahrungen sammeln muß. Wenn sich erst Tausende mit bem Fernsehen befassen, werden sich sicher noch allerlei Verbesserungen ergeben. Wir wollen uns also vorläufig freuen, daß man überhaupt fernsehen kann, und uns durch die kleinen Mängel, die dem Fernsehen noch an­haften, die Freude an dieser gewaltigen Er­rungenschaft menschlichen Geistes nicht trüben lassen. Rom ist auch nicht an einem Tage erbaut worden.

unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Gießen. Es handle sich hierbei um sehr brennende Fragen für unsere Stadt. Die Aerzte hätten den besten Einblick in die Wohnungsverhältnisfe vieler Familien und wüßten, wie schlimm es da vielfach autfehe. Die Rednerin nahm dann Stellung gegen di« Mchaup- tung, daß hier keine Wohnungsnot mehr bestehe, und führte zum Beweis für das Vorhandensein einer Wohnungsnot an. daß nach einer Aufstel­lung des Wohnungsamtes im vorigen Monat noch 1538 Familien als Wohnungsuchende beim Wohnungsamt gemeldet waren. Davon waren als dringend anerkannt 633 Familien oder Ehepaare, di« völlig ohne Wohnung sefen, außerdem kä­men noch 852 Familien in Betracht, die heute als Untermieter oder in unzulänglichen Wohnun­gen untergebracht feien. 50 Familien säßen noch in Wohnungen, die vom Stadtbauamt als bau­fällig und unbewohnbar bezeichnet wurden, 200 Wohnungen seien als unhygienisch anerkannt worden. Die Rednerin gab dann auf Grund ihrer eigenen Wahrnehmungen eine Anzahl Bei­spiele für die schlimmen Auswirkungen des man­gelhaften Wohnens vieler Familien, schwere Fol­gen sowohl in gesundheitlicher, wie auch in mo­ralischer und seelischer Hinsicht. Sie erkannte an, daß die Stadt und die Baugenossenschaften in den letzten Jahren durch weitgehende Schaffung von schönen Kleinwohnungen schon manche Bes­serung herbeigeführt haben, es sei aber notwen­dig, daß weiter gesunde Kleinwohnungen herge- stellt würden, möglichst mit einem kleinen Garten- anteil und auch mit Plätzen für die Kinder, da­mit diese sich nicht auf der Straße aufhallen müßten, llötig seien vor allem noch Kleinwoh­nungen^ von 2 Zimmern oder 1 Zimmer mit Wohnküche. Der Bedarf an größeren Wohnungen müsse durch die private Bautätigkeit gedeckt wer­den^ Riemand werde sich der Forderung nach weiteren Kleinwohnungsoauten in Gießen ent­ziehen können.

Stadtratsmitglied Reallehrer Hebermehl, der mittlerweile den Versammlungsvorsitz übernommen hatte, unterstrich die Darlegungen und Forderungen der Rednerin noch in kurzen Worten. Dann sprach

Stadtratsmitglied Liadtschulrat Fischer

über die Bedeutung derStadtratswahl, Rückblick und Ausblick. Er betonte einleitend, daß unsere kommunale Arbeit von heut« schwer an den kommunalen Unterlassungen der Vorkriegszeit zu tragen habe. Damals habe man immer nur um jeden Preis die Sätze der Steuerzuschläge niedrig halten wollen, und deswegen habe man Aufgaben zurückgestellt, dje schon längst dringlich waren und denen man sich jetzt nicht mehr entgehen könne. Der Redner erinnerte in diesem Zusammenhang vor allem an die Tatsache, daß feit 1896 bis vor kurzem kein S ch u l h a u s mehr er­baut wurde, obwohl die Bevölkerung der Stadt immer mehr zunahm. Unhaltbare Verhältnisse in der Unterbringung der Schulkinder seien die Folge der früheren Unterlassung gewesen. Die Stadt tue jetzt auf diesem Gebiete was sie kann, aber die Last sei heute schwerer als früher. Weiter erinnerte der Redner an die vielfachen Schwierigkeiten, die aus der zersplitterten Unterbringung der Stadtverwal­tung täglich erwachsen und die ein rationelles Ar­beiten erschweren. Ein Rathausbau in der Vorkriegszeit zur Zusammenfassung aller Verwal- tungsstellen sei leider zurückgestellt worden. Auch die Frage des V i« h h o fe s sei schon vor dem Kriege dringend gewesen, aber nicht gelöst worden, so daß wir uns heute mit dieser Sache noch zu befassen hätten. Dazu komme die Frage der Verlegung <der o d e r he s s i s chen Bahn, die früher auch leichter hätte gelöst werden können. Weiter komme nun noch die Rechnung für den verlorenen Krieg aus dem Gebiete der Wohnungsfrage und hinsichtlich des Gesundheitszustandes un­serer Jugend; als er den Stadtschulbezirk über­nommen habe, sei er erschüttert gewesen von dem, was er in den städtischen Schulen gegenüber dem

Sie demokratische Stellung zur Kommunalwahl.

Oie Forderungen der Vottsrechipartei.

Parteien. Die Volksrecht-Partei wolle die Wiedergutmachung des begangenen Inflations­unrechts. Es sei wünschenswert und erforderlich, daß sie auch im Gießener Stadtrat Sitz und Stimme erhalte, um dort im Interesse der durch die verfassungswidriMn Inflativnsmaßnahmen geschädigten Bürger Einspruch zu erheben. Die Dolksrecht-Partei und Schulrat Fischer hätten schon früher Anträge auf bessere Entschädigung der Inflationsopfer durch die Stadt gestellt. Es hätte doch wohl möglich sein sollen, daß die Stadt Gießen ihre alten Anleihen mit 20 oder 25 Proz. ablöse, wenn auch deswegen einige andere dringende Sachen hätten zurückgestellt werden müssen, damit den notleidenden Rentnern besser als bisher hätte Rechnung getragen wer- öen können. Die Volksvecht-Partei werde immer dafür eintreten, daß das Los der in der Fürsorge befindlichen Kapitalrentner und -rentnerinnen er­leichtert und verbessert werde und daß die von der Regierung erlassenen Fürsorgebestimmungen soweit wie möglich durchgeführt würden. Die Vertreter der Volksrecht-Partei würden dafür eintreten, daß der städtische Haushalt in soliden Bahnen gehalten und ein Interessenausgleich nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit für alle vvrge-- nommen werde.

Stadtraiskandidatin Frau Dr. med. Marx sprach sodann als praktische Aerztin über die Wohnungsnot und Volksgesundheit

Die Deutsche Demokratische Partei und öte Volksrecht-Parte i traten gestern abend in einer gut besuchten ässenllichen Wähler­versammlung im Cafe Leib mit ihrer kommunal- politischen Stellungnahme vor die Oefsentlichkeit. Rach den Begrüßungs- und Einsührungsworten des Stadtratsmitgliedes Schulrat Fischer sprach zunächst der

Ltadtratskandidat Rentner Chr. Reiber über die Aufgaben und Ziele der Volksrecht-Partei. Er betonte einleitend, dah die Volksrecht-Partei zur Vermeidung von Stimmenzersplitterung eine gemeinsame Vor­schlagsliste mit der Demokratischen Partei auf- gestellt habe. Dann gin er näher auf di« Vorgänge «in, die zur Gründung der Dolksrecht- Partei führten, und gab u. a. einige drastisch« 'Beispiele bekannt, wie sehr an den bedauerns­werten Opfern der Inflation gesündigt worden ist. Reich, Länder, Städte. Grohfinanz, Groß­industrie und Großgrundbesitz seien die Rutz- nieher der Inslation, durch die Millionen von deutschen Volksgenossen enteignet und dem Elend preisgegeben worden seien. Recht und Gerechtig­keit, Dolksrecht und Dolkswohl seien leere Be­griffe geworden. Rachdem der Redner noch kurz auf die Entstehungsgischichte des Aufwertungs­gesetzes eingegangen war, erklärte er, die Volls- recht-Partei setzte sich ein für die entrechteten Inslationsopfer gegenüber der Macht des Groß­kapitals und gegen die von diesem beherrschten

Das Erbe

-es Herrn von Ansietien.

Vornan von 3- Schneider-Foersil.

^Irheber-Rechtsschuh durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

1. Fortsetzung. Rachdruckverboten.

Anstetten maß die Entfernung mit dem Daumen. Fünf Stunden," sagte Würz halblaut.

Bis Dardschiling, ja! Zur Station sind es nur zwei. Ich glaube, daß es zu machen ish"

Ich habe einen Träger für den Herrn Baron." Wie?" Günthers Augen wurden hellwach. Ein Paria hat sich spät abends zu uns ver­irrt, ich habe ihm für den ärgsten Hunger ge­holfen. Dafür trägt er heute den Herrn Baron durch den ärgsten Morast. Wenn wir abwechseln, braucht er keinen Schritt zu gehen."

Das ist ja glänzend," lobte Anstetten.Mache jetzt das Frühstück zurecht, wir taffen den Kran­ken schlafen, bis alles gepackt und marschfertig ist. Die Leinwand ist rasch zusammengerollt. Weiß Mab von dem Paria? So? Daß er nicht erfreut ist, läßt sich denken, aber id> kann jetzt keine Rücksicht auf seine Kaste nehmen. Hofsentlich weigert er sich nicht, mitzugehen."

Er hat nichts davon gesagt."

Es wäre mit reichlich unerwünscht gewesen. Wir werden ihn in Dardschiling sehr nötig haben. Wenn du mir das Frühstück bringst, vergiß nicht, einen Teller Milch für den Hund."

Er klopfte das weich« Fell des Hundes, der zu einem Knäuel zusammengekuschelt auf der Decke lag und beim Gähnen das tadellos weihe Raubtiergebih bis an die hintersten Eckzähne sehen ließ.Rixa, nun werden wir's bald schöner kriegen," tröstete er.Dann sollst du ein Bad haben und Rosenöl auf dein Struppelhaar! Laß das SchmeichelnI" Er löste die beiden Vorder­pfoten ab, welche ihm die junge Hündin um die Hüften gelegt hatte.Ich kann'S nicht leiden, wenn klein« Mädchen so aufdringlich zärtlich sind.

Glaub's ihm nicht, Rixa," sagt« eine Stimme hinter ihm, die ihn sofort eine ganze Wendung auf den Hacken machen ließ.

Guten Morgen, Lieber! Wie fühlst du dich? Passabel? DaS ist erfreulich! Du hast auch präch- tig geschlafen! Und eine Freudennachricht zuvor: Wir haben einen Träger für dich. Du brauchst nicht durch den Dreck zu stapfen. Spätestens um zwei Uhr sind wir in Dardschiling."

Günther, ich werde trotzdem all deine Hoff­nungen zuschanden machen," kam es mühsam.

Dessen Wangen verloren an Farbe Er ver­steckte feine Angst hinter einer gutgespielten

Heftigkeit:Du mußt dich nicht immer solchen Depressionen überlassen! Ich leide auch unter bem Wetter, bas läßt sich nun einmal nicht ändern. Das Fieber kriegt hier jeder. Ich hab's auch ge­habt und spür« es noch in allen Knochen. Man muß das mitnehmen, wenn man schon einmal in Indien gewesen fein will." Seine Stimme wurde etwas leiser. Die größte Erregung war herausgepoltert und durch den Wortschwall ab­geflaut.Stefan bringt dir jetzt das Frühstück und hilft dir beim Llnkleiden. -- Ich habe noch ein paar Worte mit Mab zu reden. Komm, Rixa!"

Auf eine winkende Geste seiner Rechten sprang die Hündin von der Decke und rieb ihren Körper an bem seinen.

Der Hindu neigte den Oberkörper, als Anstetten aus dem Zelte trat und seinenGuten Morgen" erwiderte.Sahib Peter hat eine gute Rächt ge­habt," sagt« er und duldete nicht, daß der dunkle Blick von ihm abwich.Wenn du Bedenken wegen deiner Kaste hast, du weißt was ich meine, dann nimm das Teil Gepäck, das dich trifft, und geh« voraus. Besorg« iivGalbocka die Bil­letts und warte bis wir nachkommen."

Der Hinkw senkte den Blick und wurde merk­würdig bleich, als Anstetten, ohne auf ihn zu achten, wieder in das Zelt zurücktrat.

Die Europäer waren nichts als Materie! Selbst der Sahib Günther, der doch eine indische Frau zur Mutter hatte, verfügte über keine der Kräfte, Die oftmals auch der niedrigsten Kaste der Hindu zu eigen war. Si« sahen nur das Nächstliegende. Darüber hinaus nichts. Das kam, weil ihre Seele ganz von der Plumpheit des ßeibeS gefangen gehalten wurde, während die seiner Rasse sich loszulösen vermochte, wenn sie eine gewisse Stufe der Vollkommenheit erreicht hatte.

Während Mab das erwog, war seine Hand ohne Unterbrechung beschäftigt die Sachen zu packen, die in bem kleinen Zelt zerstreut lagen und bann die Leinwand zusammenzufalten, daß nur noch ein paar Pflöcke, welche die Dachung getragen hatten, in keilförmigen Spitzen zum Himmel strebten.

Hoch bepackt, lüftete er eine schmale Spalte des großen Zeltes:Ich bin fertig, Sahib! Wenn ich noch etwas tragen soll die Hände sind noch frei.

Anstetten suchte in den dunklen Augen:Du wirst mich nicht im Stiche lassen?" fragte er, sich der Sprache des Hindu bedienend.

Rein Sahib."

Ich danke dir, Akab." Die schmalen Hände Günthers lagen für einen Augenblick in der braungebrannten des Hindu.Äimm Rixa mit," bat er.ich habe keine Zeit, auf sie zu achten."

Aber das Ti«r war nicht zu finden.Dann geh" befahl er.Ich hoffe, daß wir bald nachkommen. Aimm für den Paria die letzte

Wagenklasse, damit es keine älnannehmlichkeiten gibt."

Du willst ihn mit nach Dardschiling bringen, Sahib?"

Ja, ich kann ihn nicht verhungern lassen. Außerdem kann er sich im Bungalow nützlich machen. Den Garten versehen, die Oefen Heizen und so. Ich fürchte, daß e» sehr kalt ist oben."

Anstetten sah mit einem eigentümlichen Ge­fühl von Beklemmung und Furcht gemischt, dem Hindu nach, der in der sumpfigen Waldland­schaft verschwand. Er hatte keine Sorge, daß d'^eser nicht Wort hielt und insgeheim verschwand, während er ihn nach der Station gehen glaubt«. Aber dessen Gebaren war schon seit Tagen so gedrückt, wie er «S noch nie an ihm wahrgenommen hatte.

Er konnte sich feinen besseren Diener wünschen. Dessen Anhänglichkeit war rührend, was wohl darin begründet fein mochte, daß seine Mutter eines Stammes wie er gewesen war. Es war außerordentlich beruhigend, Akab um sich zu wissen, wenn auch er und Peter nachgerade in Indien feine Fremdlinge mehr waren.

Die Hündin sprang von hinten an seinen Schultern hoch, daß es ihn beinahe nach rück­wärts warf.Bist du toll?" grollte er.Ich werde dir'S auStreiben, mich anzuspringen wie eine Beute."

Arme Rixa!" Hans Peter rief das Tier zu sich und ließ «s geschehen, daß es wie ein gescholtenes Kind den Kopf auf seine Knie bettete. Bist du schlecht gelaunt, Günther?"

Wie er jetzt, das Gesicht von der Anstren­gung des Aufstehens und der Toilette, bei welcher Würz ihm behilflich gewesen war. etwas ge­rötet, zu Hans Günther hinübersah, glaubte man Zwillingsbrüder vor sich zu haben. Di« Aehnlichkeit war so sehr in die Augen sprin­gend, dah man nach einem Merkmal suchte, diese beiden gleich großen und scheinbar auch im selben Alter stehenden Europäer, auseinander zu kennen.

Die irrtumSlose älnterscheidung der Person mochte selbst einer Mutter schwer fallen. Die Stirne war etwas tief über dem Oval der Wangen gebuchtet und die sichelförmigen Brauen in unerhörter Schöne gezeichnet. Genau das­selbe Augenpaar von tiefem Stahlblau sah aus den beiden mattbronzenen Gesichtern.

Für den ersten Augenblick glaubte man, das Kinn wäre bei Günther von Anstetten trotziger gezeichnet und die Linie um Mund und Rase tiefer eingegraben. Aber irgendein Muslelspiel in HanS Peters Gesicht verwischte den feinen Unterschied und gab beiden Männern ganz das­selbe Gepräge.

Sogar auf die Hände übertrug sich diese Gleich­artigkeit: Sie waren schmal und zeigten in den

Lande bet der Gesundheit der Kinder hab« len müssen. Ferner sei an die unheilvollen Aus­wirkungen der Steuergesetzgebung nach bem Kriege auf d i e Gemeinden zu erinnern. In dieser Hinsicht müßten zur Vermei­dung sehr schwerwiegender Nachteile für die Volks- gesamtheil grundlegende Aenderungen vorgenom­men werden. Den Gemeinden müsse man das frühere Zuschlagsrecht zu den Hauptsteuern wieder einräu» men. Zu dieser schweren Steuernot komm« jetzt noch die starke wirtschaftliche Depres* s i o n. Schlimmer wie jetzt sei noch keine Lag« nach dem Kriege gewesen. Der Redner wies hier auf den bekannten Sparbeschluß de's 2) e u t« schen Städtetages hin, der jetzt ein Pausen­jahr in der Ausnahme von Anleihen durchführen wolle. Es sei aber nicht damit getan, daß man ein Jahr auf der Stelle trete. Der Beschluß des Städte­tages werde zwar den Kapitalmarkt entlasten, aber auf der anderen Seite werde er auch den Nachteil zeitigen, daß die Städte in Ermangelung von Mit- fein keine Arbeiten ausführen lassen könnten, wodurch natürlich weite Kreise der Wirtschaft ein­schließlich der Industrie bis auf weiteres Ein­nahmequellen verlieren würden. Und da tauch« nun auch noch die Frage auf, wie weit man bei der steuerlichen Inanspruchnahme der Bürger gehen könne. In diesem Zu­sammenhänge beschäftigte sich der Redner ein­gehend mit den Vorgängen bei der letzten Etat­beratung. Der Voranschlag 1529 mit einem Fehlbetrag von 330 000 Mk. und mit den weit­gehenden Steuererhöhungsvorschlägen der Ver­waltung zur Deckung dieses Fehlbetrages sei eine peinliche Ueberraschung für alle Stadtratsmit- glieder gewesen. Al le Fraktionen, ohne j«be Ausnahme, seien sich darin einig gewesen, dah diese zum Teil 50prozentigen Steuererhöhungen unannehmbar waren. Sämtliche Fraktionen hätten sich dann mit größtem Eifer daran ge­macht, eine bessere Lösung der Kalamität zu fin­den. Rach gründlicher Prüfung des Voranschlag- Habe die demokratische Fraktion davon abgesehen, Anträge *um Voranschlag zu stellen, weil si« keine stichhaltige Ersparnismöglichkeit darin ge­funden habe. Andere Fraktionen hätten mehr oder weniger Anträge gestellt, diese aber bann unter bem Druck bet zwingenben Verhältnisse wieder zurückgezogen, nur eine Fraktion hab« ihre Qln träge bis zu allerletzt aufrechterhalten, obwohl sie undurchführbar waren. Roch wenige Stunden vor der entscheidenden Sitzung zur Ver­abschiedung des Voranschlags habe feiner Eini­gung der Fraktionen über die Deckung des Fehl­betrags bestanden, so daß der Oberbürgermeister erklärte, er müsse in Ermangelung eines be- -willigten Voranschlags sofort alle Arbeiten still- legen, sämtliche Aufträge zurückzfehen, di« Auszahlung der Gehälter und Löhne ein­stellen, da er ohne bewilligte Mittel nicht arbeiten lassen dürfe. Ferner habe die Zwangsetatisierung gedroht. Unter der Wucht dieser Tatsachen, die für unfere heimische Wirtschaft sehr ernste Aus­wirkungen gehabt hätten, fei schließlich unmittel­bar vor der entscheidenden Sitzung ein Kom­promiß, über die Steuerausschläge zustande ge­kommen. Ml« Fraktionen hätten sich unter dem unabänderlichen Zwang der stärkeren Verhält­nisse für diese Kompromißlösung erklärt, nur eine Fraktion habe sich davon ausgeschlossen und schließlich gegen den Etat gestimmt, obwohl deren Führer selbst noch am Vormittag de« betref­fenden Tages nach den Eröffnungen des Ober­bürgermeisters erflärt habe, er sehe jetzt die Sache ganz anders an als vorher und werde auf feine politischen Freunde sofort entsprechend einwirken. Trotzdem habe diese Fraktion am Rachmittag den Etat abgelehnt, und ihr Führer, der am Vormittag die Dache ganz anders an­gesehen, habe diese Ablehnung noch vertreten. Auf dies« Geschichte des Voranschlags 1929 soll­ten die Bürger achten. Im nächsten Jahre würden die Verhältnisse sicherlich nicht leichter werden. Er lRedneri könne heute nicht ver­sprechen, daß er für d'ele oder jene Dach« nicht

Linien der Singer eine selten gesehene Wölbung, die zur Zeit der Erregung ein leichtes Vibrieren erkennen ließen.

Sahib, der Himmel speit nicht mehr!"

Günther lüftete den Spalt der Zeltwand und sah im Hellen Frühlicht den nackten Paria stehen, der sich ohne irgendwelche Verlegenheit nach den WasserpHtzen niederbeugte um sich zu säu­bern. Etwas von ihm ab saß Würz und schaute dem seltsamen Bade zu.

Ms er den Baron gewahrte, machte er die Gebärd« des Anziehens. Auf ein Ricken bracht« er ein Hemd, sowie ein Beinkleid herbei, ebenso einen leichten, gelben Sakko, das er dem Inder vor die Füße fegte.

DaS schwarze Gesicht strahlte. Riemand würbe ihn erkennen, wenn er jetzt mit den Europäern nach der Station ging, sind als er von Baron Günther in seiner Muttersprache, die ihm ent­schieden geläufiger und verständlicher war. als Stephans armseliges Englisch, hörte, daß er mit nach Dardschiling kommen sollte, kannte feine Freude und Dienstberei.tfcha.st keine Grenzen mehr.

In den zwei Stunden, die man bis zur Station zu wandeln hatte, brauchte Hans Peter keinen einzigen Schritt auf seinen eigenen Beinen zu gehen. Der Inder schien trotz seines auSge- sogenen Körpers ein Riese an Kraft zu fein, □lur für eine kurze Viertelstunde teilten fich Günther und Stephan Würz mit ihm in die

Akab war schon am Platze und hatte für alles gesorgt, hielt die Billets in der Hand und hatte am Büfett zwei Glas Eiswasser be­stellt, damit die Sahib nicht zu warten hatten, wenn sie ankamen.

Jetzt erst zeigte sich, wie elend Peter von An­stetten durch das wochenlang« Fieber geworden war. Er vermochte kaum zu stehen und lehnte mit geschlossenen Augen gegen die Bank eines Warteraumes gestützt, um auf das Eintriffen des Schnellzuges zu warten, der bereits signa­lisiert war.

MS er dann in einem Abteil erster Klasse auf den mattenbelegten Sitz gebettet war, atmete er auf. Günther sah ihm gegenüber und hielt Rixa zwischen den Knien fest, während seine Hand eine Banane schälte, die er dem Detter hinüberreichte.

Draußen flog die unerhört fruchtbare ßanb- schaft Bengalens vorüber. Die Maschine raste über Brücken und Dämme, durch Schluchten und Hohlpässe. an Feldern mit Dattel- und Kokos­palmen vorüber, bie mit Blumen- und Tee­pflanzungen abwechselten.

(Fortsetzung folgt.)

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