Einzelbild herunterladen

Nr. 268 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger fiir Gberheffen) Donnerstag, 14. November 1929

Vor einer neuen Völkerwanderung.

Deutsche Bauern flüchten aus Sowjetrußland. Nationalisierung und Land­wirtschaft. Wo bleibt der Bauernüberschuß?

Don Otto Lorbach.

Lausende deutscher Bauern, die seit Gene­rationen im Süden Rußlands ansässig sind und meist der Sekte der Mennoniten an­gehören, haben sich zur Auswanderung entschlossen. 3n diesen Lagen sind die ersten Auswanderer auf dem Wege nach Kanada, ihrer künftigen neuen Heimat, in grober wirtschaftlicher Aot an der deut- schen Grenze angekommen. Regierung und Parlament stehen vor der Frage, wie bei der schwierigen finanziellen Lage der eigenen Kassen, den wandernden Volks­genossen geholfen werden könnte. Das Rote Kreuz hat in Verbindung mit den kari­tativen Verbänden aller drei Konfessionen und der Arbeiterwohlfahrtsorganisationen eine Unterstützungsaktion eingeleitet.

Die Massenflucht deutscher Kolo­nisten in Rußland von den Heimstätten, deren Entstehung 150 bis 250 3ah re zurückreicht, bedeutet unter allen Umstän­den eine schwere Anklage gegen den bauernfeindlichen Kurs, den die Sow­jetregierung unter der Führung Stalins seit zwei 3ahren einhält, llmfonft hatte der sterbende Lenin davor gewarnt, diesen »Koch, der nur scharfe Gerichte kochen kann", die ausschlag­gebende Rolle spielen zu lassen. Er vermochte alle Rivalen zu verdrängen und setzte, nachdem eine vorübergehende kompromißlerische Taktik gegen­über der Bauernschaft die gewünschten Erfolge rächt gebracht hatte, alles auf die Karte beschien- nigter 3ndustrialisierung und Sozialisierung der Landwirtschaft. »Wir können nicht wirtschaften", bekannte Anfang 1922 Lenin auf dem Elften Kon­greß der Kommunistischen Partei Rußlands, als er dieneue ökonomische Politik" einleitete.Hät­ten alle für die Kommunistische Partei Derant- wörtlichen eingesehen, daß wir es nicht können, es erst, von Anfang an, lernen müssen, dann wäre unser Spiel jetzt schon gewonnen. Sie sehen es aber nicht ein, sondern glauben, diese Mei­nung lebe nur im ungebildeten Volk, das von Kommunismus nichts versteht. Rein, die Zeit der Programme ist vorbei. 3etzt müssen wir zeigen, daß wir dein Dauer und Arbeiter in seiner schwierigen Lage praktisch Helsen und den Wettkampf mit dem Kapitalismus bestehen können.

Die Stalinisten haben diese Lehre, die Lenin aus der großen Hungerkatastrophe zog, längst wieder in den Wind geschlagen. Sie glauben, auf den Bauern schon nicht mehr viel Rücksicht nehmen zu brauchen, weil sie in wenigen Jahren genügend mechanische Kräfte für die Landwirtschaft einsehen zu können hoffen, um von ihm unabhängig zu sein. Man rechnete mit der Zermürbtheit der russischen Bauernschaft und nahm an, daß sie sich schweigend massenhaft durch die Konkurrenz kommunistisch organisierter Ge­treidefabriken zugrunde richten lassen würde. Daß jetzt plötzlich gegen Zehntausend deutsche Kolo­nisten vor den Toren Moskaus auftauchen, um sich den Weg zur Auswanderung zu bah­nen, ist ein Faktor, mit dem man nicht gerechnet hatte. Und wenn man auch den größten Teil dieser Schollenflüchtigen wieder dahin abschiebt, woher sie gekommen sind: man wird die einmal in Gang gekommene Bewegung nicht dauernd aufhalten können. Die russische Agrarfrage hat sich zu einem Weltprogramm gewandelt, um das sich vor allem auch das deutsche Volk zu kümmern hat, da es sich in erster Linie um viel zu sehr vernachlässigte Stammesgenos- s e n handelt.

Wenn nun auch allein blindwütiger Doktri­narismus das Dauernelend in Rußland im all­gemeinen so anwachsen lassen konnte, daß viele Tausende deutschstämmiger Wirte ihr S>ab und Gut verschleuderten, um sich irgendwie ins Aus­

land durchzuschlagen, so darf man die russischen Machthaber doch nicht alle in für das Schick­sal dieser Flüchtlinge verantwortlich machen. Deren Stammväter haben größtenteils einst die deutsche Erde ebenso fluchtartig verlassen, wie sie heute ihre russischen Heimstätten hinter sich lassen. Es waren junge Leute, die bei Rächt und Rebel aus deutschen Kleinstaaten verschwanden, um nicht von ihren Fürsten an fremde Werber als Rekruten verkauft zu werden, oder Angehö­rige religiöser Sekten, die alsKetzer" oder als Kriegsdienstverweigerer verfolgt wurden. Die Familienchronik der allermeisten deutschen Kolo­nisten führt beze.chnenderwe.se in Gegenden zurück, wo Thomas Münzer mit seiner aufrührerischen Auslegung der Bibel am meisten Anklang fand Die deutschen Kolonisten in Rußland setzten eine religiöse Tradition fort, die in ihrer alten Heimat mit Feuer und Schwert unterdrückt worden war, und die Toleranz russischer Machthaber gegen­über fremden Siedlern, mit denen sie die men­schenleeren Steppen, die ihnen durch neue Er­oberungen zugefallen waren, bevölkern konnten, ging soweit, daß sie die Gründung religiöser kom­munistischer Gemeinwesen, wie die Kolonien Ra- ditschew und Ssarepta duldeten, lieber alt ent­wickelten sich die deutschen Riederlassungen zu blühendem Wohlstand, aber trotzdem die Kolo­nisten an ihrer Eigenart und angestammten Kul­tur zäh festhielten, verloren sie bald je­den Zusammenhang mit der alten Heimat. 3hre geistige Kultur verkümmerte in dem Maße, wie sie wirtschaftlich gediehen. 3n ihrem Stammlande aber verlor man über dem Drang nach moderner Grohmachtgeltung mehr und mehr alles 3nteresse an den nach Osten verschlagenen Volksgenossen und vergaß sie schließlich so gut wie vollständig.

Die bolschewistische Revolution bedeutete für die deutschen Kolonisten zunächst eine Ret­tung vor drohender Vernichtung. Die schon vor dem Kriege vorbereitetenLiquidationsgesetze" waren in Kraft gesetzt worden, die die deutschen Siedlungen mit Stumpf und Stiel ausrotten sollten. 3n Wolhynien machte man den Anfang. Schon waren zehntausend Männer, Frauen und Kinder, von Haus und Hof gejagt und größten­teils auf der Wanderung ins Ungewisse elendiglich zugrunde gegangen, als die bolsche­wistische Revolution ausbrach und die Liqui- dationsgesehe von selbst aufhob. Damit waren freilich die entfesselten deutschfeindlichen Kräfte im Russentum feineswegs beschworen. Der Geist der Liquidationsgesetze wirkte fort in der Art und Weise, wie ausführende Organe der kommu­nistischen Regierung mit der Zeit so requirierten, daß die wohlhabenden deutschen Kolonisten auf das Riveau der russischen Dörfer^ herabgedrückt wurden, während diese sich allmählich Darüber erheben konnten. Verhängnisvoll wurde den deut­schen Kolonisten nun ihre kulturelleRück- st ä n d i g t e i t. Sie waren mit Recht stolz auf ihre wirtschaftlichen Tugenden, aber es fehlte ihnen an geistiger Regsamkeit und Anpassungs-t fähigkeit, und da es auf kommunistischer Seite meist ebensosehr an Verständnis für die beson­deren sozialen Verhältnisse in den Kolonien fehlte, so entwickelten sich um so schärfere Gegensätze, die immer größere Vlutöpfer fofteteten.

Was kann nun auherha lb Rußlands für die deutsch-russischen Flüchtlinge geschehen? Man wird sich um die Beantwortung dieser Frage nicht auf die Dauer Herumdrücken können: denn wir werden es bald genug erleben, daß wir erst einen kleinen Vorgeschmack einer neuen Völkerwanderung zu kosten bekamen. Schließlich kann sich Stalin ja darauf berufen, daß er nur amerikanischem Beispiele folge, wenn er die russische Landwirtschaft im schärfsten Tempo zu industrialisieren suche. Ob das mit oder ohne

kommunistische Tendenzen geschieht, macht ia in der Praxis für den Dauern keinen großen Unter­schied. Er wird auf alle Fällegelegt". 3n der nordamerikanischen Union werden heute mit drei Millionen weniger Menschen und ebenfalls drei Mlllionen weniger Zugtieren auf um 13 Millionen acres (1 acre =» ?/5 Hektar) verringer­ter Anbaufläche mehr landwirtschaftliche Güter erzeugt als 1920. Die Tendenz zur Mechanisie­rung landwirtschaftlicher Betriebe ist es ja auch, die dem Bauens in Mitteleuropa die Scholle unter den Füßen brennen, und die anderseits noch dünn bevölkerte Länder wie Kanada und Australien gegen weiteren Zuzug sperren läßt.

Es ist anzunehmen. daß die kanadische Ein- wanderungsbehörde, die den mennonitischen Or­ganisationen gewisse Zusagen gemacht hatten, nachträglich von einer Angst vor der eigenen Kurage befallen wurde, als sie wahrnahm, welch massenhaften Umfang die Auswande­rungsbewegung in den deutschrussischen Kolo­nien auf Grund ihres Entgegenkommens annahm. Die augenblickliche wirtschaftliche Lage in Kanada ist freilich auch keineswegs ermutigend für die Aufnahme großer Einwanderermassen. Auch im Westen Kanadas geht neuerdings ein beschleunig­ter 3ndustrialisierungs- und Rationalisierungs- Prozeß vor sich, der schon dazu geführt hat, daß die landwirtschaftliche Erzeugung im letzten 3ahre s i ch verdoppelte, während die landwirtschaftliche Bevölkerung kaum zu-

ncchm. Die neue Völkerwanderung, die Vorgänge, die der Massenausbruch deutscher Sowjetbauern aus unerträglich gewordenen örtlichen Verhält­nissen ankündigen, erheischt eine großzügige Neu­orientierung für die Politik und Wirt­schaftsstrategie aller Weltmächte, wenn sic sich nicht zu einer immer größeren Gefahr für die ganze Kulturmenschheit auswachsen soll.

Die ganze moderne Kulturmenschheit muß sich dazu aufraffen, sich mit einem Problem zu be­fassen. dessen Richtlösung ihren Untergang be­deutet. Was soll mit den Menschen geschehen, die in der ganzen Welt fortgesetzt aus dem Wirtschaftsleben hinausrationalisiert werden? Da wollen elliche Tausend tüchtige deutschrussische Landwirte in kapitalistischen Län­dern Zuflucht suchen, und niemand will sie eigent­lich haben. Ueberall besteht Der Wunsch, mit weniger Menschen und umsomehr mechanischen Kräften zu wirtschaften. Glaubt jemand, daß sich die Menschen, die dadurch aus Brot und Stellung getrieben werden, das auf die Dauer gefallen lassen werden, wenn ihre Zahl unauf­haltsam wächst? 3st die Maschine wichtiger als Der Mensch? Wenn Stalin fortfährt, so zu denken, so wird er sich wundern, wie schnell das Erbe Lenins an Vertrauen bei Den breiten Volks­massen vertan sein wird. Aber schließlich be­deutet Der Stalinismus nur Die russische lieber- I sehung von amerikanischen Begriffen wie Fordis- mus unD Hooverismus.

Das Fernsehen im Rundfunk kommt!

Don Max Fischer.

Rachdruck verboten!

Run ist es so weit: Ende Rovember oder Anfang Dezember wird man sich Fernsehenrpfän- ger laufen können, und im Dezember wird der Rundfunk voraussichtlich mit der Sendung beim Funkgast sichtbarer Bilder beginnen, also mit der Sendung von Bildern, Die Der Sehgast un-

Schulze in seinem Fernseher sehen, und der Herr Professor wird wahrscheinlich eine Verbeugung vor seiner ihm unsichtbaren Gemeinde und zum Schluß Winkewinke machen. Hierauf wird Schrift erscheinen:Bitte schalten Sie wieder auf Hören um!. Run wird Herr Professor Schulze feinen Vortrag halten, und nach einiger Zeit wird er

M

Bild 1.

Die Löcher in der Lochscheibe haben nicht gleichen Abstand voneinander, sondern sind so angeordnet, wie dies unser Bild 2 zeigt.

mittelbar sieht, ohne daß sie wie beim Bildfunk auf Papier ausgenommen werden. Leider muß vorläufig auf denselben Wellen gesandt werden, auf denen der Rundfunk seine Töne aussendet, so daß man nicht gleichzeitig hören und sehen kann, wiewohl es auch hierfür Möglichkeiten gibt. Der Empfang wird sich also so gestalten, daß der Ansager z. B. sagt:Sie hören jetzt einen Vor­trag des Herrn Professor Schulze über das Seelenleben des Maikäfers. Bitte schalten Sie zunächst auf 3hren Fernseher um, damit Sie Herrn Professor Schulze persönlich kennen ler­nen!. Dann wird der Sehgast Herrn Professor

Bild 2.

Die Löcher in der Loch scheibe haben den gleichen Winkelabstand voneinander. 3n Wirklichkeit sind es 30 Löcher.

sagen:3ch zeige 3hnen jetzt den Sitz der Mai­käferseele: Da wo der Pfeil auf dem jetzt folgen­den Bild hinzeigt, fitzt die Seele. Ditte schalten Sie jetzt auf Sehen um!. Dann wird er ein stehendes Bild eines Maikäfers zeigen und hier­auf wieder durch Schrift zum Ilmschalten auf Hören aulforDern. Vielleicht will er im weiteren Verlauf feines Vortrages auch noch zeigen, wie der Maikäfer auf gewisse seelische Eindrücke an­spricht, und dazu wird er einen Film im Fern­seher erscheinen lassen. So etwa wird sich Die Erläuterung eines Vortrages durch Dilder ab- spielen.

Wie die Zündhölzer entstehen. Täglich werden auf der Erde 4 Milliarden verbraucht.

Streichhölzer oder Schwefelhölzer oder Zünd­hölzer sind, wenn man von den Wachsstreich- hölzem absieht, Holzstäbchen, Deren eines Ende mit einer Masse versehen ist, welche Durch Rei­bung an bestimmten Flächen zur Entzündung gebracht werben kann. Die ersten Hölzer dieser Art wurden im 3ahre 1833 in den Handel ge­bracht und hießen Damals Eongrevsche Hölzer, nachdem bereits 17 3ahre vorher Der Franzose Derosne Versuche mit Phosphorhölzern ge­macht hatte. Die Congrevschen Hölzer Dagegen besahen einen Kopf aus Schwefel, Kaliumchlorat, Schwefelantimon unD einem Bindemittel. Damit Die Masse an Den Holzstäbchen fleben blieb. Man bekam beim Einkauf zwei Plättchen aus Sand- papier Dazu, die man in Die Hand nahm und zwischen Denen man Die Hölzer rieb, bis sie auf­flammten. LeiDer explodierten sie sehr oft, so Daß es nicht immer ein Vergnügen war, diemo­derne Methode beim Feuermachen anzuwenden, und es viele verbrannte Finger gab. Die Folge war ein Verbot Der gefährlichen Hölzer in fast allen Deutschen unD vielen auslänDischen Staaten.

Erst als Preshel im 3ahre 1838 Das Ka­liumchlorat Durch Mennige unD Braunstein er­setzte, konnten sich Die Streichhölzer Durchsetzen, aber Der eigentliche Aufschwung datiert Doch erst von Der ErfinDung Der sogenannten Sicher­heitshölzer her. Diese wurden konstruiert durch Professor Boettcher in Frankfurt am Main, Der im 3ahre 1848 Die ersten in den Handel bringen ließ. Da Schweden sich die Fabrikation sicherte, hießen sie Schwedenhölzer. Prof. Doett- cher hatte den notwendigen Pyosphor aus den Köpfen der Zündhölzer entfernt und ihn mit Hilfe eines Bindemittels in einer Reibfläche an­gebracht, welche den Zündholzschachteln angeflebt wurde. Zur gleichen Zeit wurden Die Vulkanhölzer erfunDen, die überhaupt keine Reibfläche brau­chen, sondern an Tischen und Fensterscheiben, an Hosenböden oder Schuhsohlen angezündet werden tonnen. Anfangs wurden die Zündhölzer natür­lich im Handbetrieb hergestellt, doch gibt es heutzutage Wohl kaum noch eine Fabrik dieser Art. Vielmehr ist Die Herstellung überall durch­weg maschinell. Als Material für die Hölzer

wird im allgemeinen Espen-, Pappel- oder Fichtenholz genommen, das in Form von Stamm- klöhen in eine Schälmaschine gesteckt wird, die sie zu langen Bändern von der Dicke Der Hölzer auf rollt. 3n Der Abschlagmaschine toerDen Diese BänDer in fertige Hölzer zerschnitten. Eine mo­derne Abschlagmaschine stellt täglich 30 Millionen Zündhölzer her, die zuerst getrocknet, dann ge­ordnet und schließlich Der Einlegemaschine zuge­führt werden. Diese hat DenAuftrag", Die Hölzer einzuspannen unD in Die Pfannen mit Schwefel zu tunken, dann zu trocknen und der Füllmaschine zuzuleiten. Diese liefert Die fertig gefüllten Schachteln.

Die Zündhclzindustrie blüht in erster Linie in Schweden, in 3talien, Deuts^land, Rußland, Oesterreich und Ungarn. Die größten Fabriken liegen in Schweden, wo einige eine Tagesleistung von 60 Mlllionen Hölzern aufzuweisen haben. Dreiviertel der schwedischen Produktion wird ausgeführt. Der Wellverbrauch ist ungeheuer und wird auf vier Milliarden pro Tag angegeben. Das wären 4630 in der Sekunde! und 1469 Milliarden tm 3ahr! Die meisten Streichhölzer verbraucht Deutschland, nämlich pro Kopf Der Bevölkerung zwölf Stück am Tag, das sind also täglich 768 Millionen und im Jahre 280 Milliar- den. 3n England begnügt man sich mit acht, in Frankreich sogar mit sechs pro Tag und Kopf der Einwohnerzahl.

Ein neuer Napoleon-Film.

Im Berliner Ufa-Theater am Nollendorf-Platz er­lebte Der FilmNapoleon auf S t. Helena" die Welturaufführung. Dieser Film, dessen Regie Lupu Pick führt, ist, pychologisch gewertet, eine große Leistung. Es ist das Drama der letzten Tage des gefangenen Kaisers auf St. Helena, das sich unter den Augen seines Kerkermeisters, des englischen Gouver­neurs Hudson Lowe abspielt. In diesem Filrn- werk entwickelt Werner Krauß als Napoleon sein großes schauspielerisches Können, wenn sich in dem gefallenen Kaiser der Zorn über die kleinliche Art der Bewachung, über Die Schikane unD täglichen NaDelstiche Des englischen Gouverneurs Luft macht. Aber auch Bassermann als Gouverneur ist ein glänzenDer Spieler, wenn an seiner kalten unerbittlichen Entschlossenheit jeDer Appell, Der Die Lage Des Kaisers verbessern soll, wirkungslos ab- prällt, wenn er um feine große Verantwortung

bangt unD in jeDer ^tunDe glaubt, Der Kaiser werDe entfliehen, wenn er erschüttert am Totenbett steht und Den Satz spricht:Ich habe Doch nur meine Pflicht getan ..." Auch Die anDeren Darsteller geben ihr Bestes. Der Film wird sicherlich ein großer Er­folg nicht nur in Deutschland, sondern auch in Den anDeren ßänDern toerDen. Man sah u. a. Die Herren Der französischen Botschaft im Theater.

OerAffenthaler".

Von Liesbet Dill.

3ch war noch sehr klein, ich hatte gerade Leser und Schreiben gelernt, und machte eine große Reise mit meinen Eltern über den Rhein. Man zeigte mir das Riederwalddenkmal, das Dinger Loch, mit den wildschäumenden, gefähr­lichen Strudeln und den Mäuseturm, vor dem ich mich fürchtete, seit ich das Bild gesehen hatte von jenem grausamen Bischof, der für seine Untaten bestraft wurde, indem Die Mäuse sich an ihm rächten und ihn bis in diesen Turm verfolgten und ihn auffrahen.

Ich wohnte in Wiesbaden zum ersten Male in einem großen Hotel. Ich fand das wunderbar. Diese Drei Wochen sind mir heute noch in mär­chenhafter Erinnerung. An den Wänden be­fanden sich kleine, weiße Knöpfchen, und wenn man daraus drückte, kam blitzschnell jemand ins Zimmer ein Kellner oder ein Mädchen, das mich fragte, was ich wünschte. Ich wünschte eigentlich nichts. Ich wollte nur mal sehen, was das für Knöpfchen seien. Es wurde mir Dann leider verboten, auf diese Knöpfchen zu drücken. Das sei nur für Erwachsene, hieß es...

Morgens wurde man durch Musik geweckt: das Kurorchester spielte einen frommen Choral. Um Den Kochbrunnen toanDclten viele Menschen, mit Gläsern in Den HänDen, aus Denen sie etwas tranken, das abscheulich schmeckte, aber gesund sein sollte. Dann stieg man in eine dampfende Unterwelt, um zu baden. Alsdann wurde das Frühstück in einem großen Festsaal serviert: Der Kellner reDete mich mit Sie an. Wünschen Sie Kaffee Tee oder SchokolaDe? Ratürlich wünschte ich SchokolaDe. Dann kam Der Spaziergang durch Die Wälder, oder, was mir bedeutend lieber war. ich durfte in die Stadt gehen, um Die Läden zu betrachten. Einmal ging ich sogar im weihen Kleid, mit einer schottischen Schärpe und aufge­

löstem Haar... Es wurde eine Oper gegeben, von der ich nur noch weih, daß ein lebendiges Kamel darin vorkam.

Als wir heimfuhren, las ich im Zugabteil Die Rechnung. Sie war so lang, daß man sie dreimal um sich wickeln konnte, und darauf fand ich ein ganz merkwürdiges Wort, das in regel­mäßigen Abständen immer wiederkehrte.Ein Affenthaler ... Und ich glaubte lange, daß dieses das Trinkgeld bedeute, das der Wirt in Rech­nung gesetzt, weil die Gäste oft versäumen, es zu geben...

Hochschulnachnchien.

Geheimrat Professor Dr. phil., Dr.-Ing. h. c. Hermann Onden, Der bekannte Vertreter der neueren Geschichte an Der Universität Ber­lin, begeht am 16..D.M. seinen 60. Geburts- t a g. Der Gelehrte gehört den Akademien der Wissenschaften in München, Berlin und Heidel­berg als Mitglied an, ferner ist er Präsident Der Wissenschaftlichen Abteilung Der Deutschen Akademie in München. Onden ist aus Olden­burg gebürtig, widmete sich Dem StuDium der Geschichte in Berlin und Heidelberg, besonders unter Max Lenz und erwarb 1891 Den Doktor­grad. Dann war er wissenschaftlicher Hilfs­arbeiter im Haus- und Zentralarchiv in Olden­burg. siedelte 1895 nach Berlin über und habi­litierte sich zwei Jahre später an Der Berliner Universität. 1905/06 wirkte Onden als Aus- tauschpwfessor an Der Universität Chicago, folgte später einem Rufe als Ordinarius nach Gie­ßen als Rachsolger von Wilhelm Onden und 1907 nach Heidelberg als Rachsolger von E. Mards. Don 1923 bis zu feiner fünf Jahre später erfolgten Berufung nach Bersin wirkte Onden in München. Professor Onden ist Her­ausgeber derAllgemeinen Staatengeschichte" und Mitherausgeber (mit Fr. Meinecke) Der Klassiker Der Politik". Don seinen zahlreichen Werten nennen wir:Rudolf von Bennigsen: Lasalle":Deutschlands Wellkrieg unD Die Deutschamerikaner";Das alte und das neue Mitteleuropa":Die historische Rheinpolitik Der Franzosen":lieber den Zusammenhang Der inneren auD äußeren Politik", 1918;Die Rhein­politik Rapoleons Ul. von 1863 bis 1870 unD Der I Ursprung des Krieges 1870";Großheczog Fried­rich von Baden und Die deutsche Politik von 1854 bis 1871,