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Gießener Zlnzeiaer (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag, (4. Mai (929
Keichstagsabgeordneter Orngeldey in Gießen.
Ein lang gehegter Wunsch der Gießener Ortsgruppe der Deutschen Bolkspartei ging in Erfüllung, als vor einigen Tagen in einer sehr gut besuchten Mitgliederversammlung der Reichstagsabgeordnete Rechtsanwalt Dingeldey über die p a r l a m e n t a r i s ch e A r b e i t d e r R e i ch s- tagsfrattionderDeutschenVolkspar- t e i sprach und so aus berufenem Munde Aufklärung über unser außen- und innerpolitisches Leben gegeben wurde. Rach einleitenden und begrüßenden Worten des Versammlungsleiters machte Reichstags- abgeordnetcr D i n g e l d e y folgende Ausführungen:
Man hat uns den Vorwurf gemacht, daß wir unsere Sparanträge und unsere Forderung, keine weiteren Steuerer Höhungen ein- trcten zu lassen, in Form eines Ultimatums gestellt hätten. Unsere Parole, die öffentliche Ausgabenwirtschaft einer grundlegenden Reform zu unterziehen, ist aus einer sorgsäligen Betrachtung der deutschen Wirtschaftslage entstanden. Das Fehlen des notwendigen Verantwortungsgefühls und der Wettlauf der Parteien um die Gunst der Wählerschaft hatte eine Finanzpolitik zur Folge, die heute das Jahreseinkommen der deutschen Volkswirtschaft in Höhe von 60 Milliarden von vornherein durch Abgaben an die öffentliche Hand mit 22 bis 24 Milliarden belastet.
Eine Vorwegbelastung von 30 v. h. schließt aber jede Konkurrenzmöglichkeit aus und muß die
Wirtschaft zum Erliegen bringen.
In-dieser Erkenntnis konnten wir auch nicht dem Hitserdingschen Steuerbukett in Höhe von 380 Millionen unsere Zustimmung geben. Wenn das Steuerkompromiß auch nicht alle unsere Wünsche erfüllt hat, so haben wir doch durchgesetzt, daß der H i l f e r d i n g s ch e S t e u e r a n t r a g um 50 v. H. herabgesetzt wurde. Wir werden auch weiterhin keine Möglichkeit außer acht lassen, neue Sparmaßnahmen durchzuführen und dem deutschen Steuerzahler Erleichterungen zu schaffen. Ich denke dabei in erster Linie an die notwendige Vcrwal- tungsreform. Aber auch die außenpolitischen Entscheidungen sind für die weitere Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung. Wir können mit Erfolg keinen Wettbewerb mit dem Ausland auf- nchmcn, so lange die Frage der Tributleistungen nicht völlig gelöst ist. Unsere Augen sind heute auf Paris gerichtet.
Die von der Gegenseite versuchte Verkoppelung der Räuinungs- und Reparationssrage lehnen wir ab. wir lassen lieber die Verträge ablaufen, als daß wir neue unerfüllbare Lasten übernehmen.
Die Leistungsfähigkeit Deutschlands ist für uns maßgebend. Unsere Unterhändler sind freie wirtschaftliche Sachverständige, die der Gegenseite sind an eine eng umgrenzte politische Richtschnur gebunden. Die Richtlinien einer längst überholten kontinentalen Politik sind für sie noch maßgebend. Den europäischen Staatsmännern auf der Gegenseite ist noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß Amerika der Gläubiger Europas geworden ist. Für uns bedeutet es eine politische Stärkung, daß sich jetzt in Paris eine Front Deutschland-Amerika gegen die Alliierten gebildet hat. Der Redner schilderte dann eingehend die Auswirkungen des Dawesplans und sprach von der Unsinnigkeit angesichts der wirtschaftlichen Verfallserscheinungen, die Bestimmungen des Wohlstandsindexes in Kraft treten zu lassen. Er erörterte das deutsche Zahlungsangebot und den amerikanischen Vorschlag. Er verurteilte mit scharfen Worten das Geschwätz in Deutschland über eine drohende kommende Inflation. „Unsere Stellung zu dem Angebot von O w e n P o u n g ist abhängig von den Vorteilen, die uns gegenüber dem bisher Bestehenden geboten werden. Gewisse Kreise in Deutschland lehnen jegliche Leistung an den Feindbund überhaupt ab und betonen den Mut zur Krise. Die
dann nicht ausbleibende Kündigung des in Deutschland angelegten ausländischen Kapitals würde die deutsche Wirtschaft zum Erliegen bringen und von den schwersten innerpolitischen Folgeerscheinungen begleitet sein. Der Mut zur Krise ist keine politische Tat.
Jiur der ist Herr, der Lage, der unter Erkenntnis der gegebenen wachtverhälknisse den weg sucht, der zur Freiheit führt.
Unsere Stellung wäre bedeutend erleichtert, wenn ein einheitlicher politischer Wille hinter unseren Un
terhändlern stände. Wenn es uns gelingt, in Paris gegenüber dem Dawesplan 800 Millionen einzu- l"poren, dann müssen diese dazu benutzt werden, die auf der deutschen Wirtschaft ruhenden Lasten zu mindern. Sie dürfen nicht zur Erfüllung parteipolitischer Wünsche verwandt werden. Im Laufe des Sommers wird ein harter Kampf um dieReform der sozialen Gesetzgebung entstehen. Unser soziales Empfinden und Verständnis wird uns Richtschnur bei diesen Reformbestrebungen sein. Auf das energischste werde wir gegen die Auswüchse, die sich vor allem bei der Arbeitslosenversicherung zeigen, Stellung nehmen. Die nüchterne Be
trachtung der gegebenen Mochtverhältnisse in Deutsch- land zeigt uns, daß eine stabilc Entwicklung nichtimKampfgegendie SPD. d u r ch g c • führt werden kann. Wir wünschen, daß cs möglich sein wird, mit ihr zur Verständigung über die Lebensmöglichkeit des deutschen Volkes zu kommen. Wir erstreben außenpolitische Erleichterung und innere Gesundung. Wir hoffen dabei aus die freudige Mitarbeit des gesamten Deutschlands."
Die Ausführungen rourben mit überaus herzlichem Beifall ausgenommen. Eine Aussprache fand nicht statt.
Turnen, Sport und Spiel.
Oie Sommerspiele im Turngau Hessen (O. T.)
Vorrunde um die (tzaumcistcrfchaft im Fauststall.
Tv. 1846 Gießen stellte die beste Mannschaft.
bpw. Bei bestem Spielwetter trafen sich am Sonntag auf der Scewiese in Friedberg die vorjährigen Bezirksmeister als Gauklasse zu den Borrundespielen um die Gaumei- st e r s ch a f t i m F a u st b a l l. Die Spiele nahmen unter der Leitung des Gauobmanns für Sommerspiele, Wilhelm Loh (Gießen), einen sehr spannenden Verlauf, da die Mannschaften ziemlich gleichwertig in ihrer Spielstarke waren. Es waren folgende Bezirksmeister zur Stelle: 1. Be - zirk: Akad. Tv. „Kurhessen" Marburg: 2. Bezirk: Tv. 1 8 4 6 Gießen (Mannschaft: Rudi Rixinger, Dr. Hans Möckelmann, Hans Geismar, Wilh. Mohr, Walter Loh): 5. Bezirk: Tgm. Friedberg: 6. Bezirk: Tv. Frankenau. Der 3. (Ridda) und 4. Bezirk (Schlitz) waren nicht angetreten.
Zum ersten Treffen stellten sich T gm. Friedberg und Akad. Tv. „Kurhessen" Marburg. Es entwickelte sich sofort ein sehr gleichwertiges Spiel, bei dem beide Mannschaften wiederholt in technischen Feinheiten ihr Können zeigten. Bei Friedberg setzte sich schließlich die größere Erfahrung durch. Es konnte den Sieg erringen, der jedoch nicht das war, was das Schluhergebnis zum Ausdruck bringt. Mit 33:20 Punkten (Seitenwechsel 17:13) für Friedberg gewann der alte Gaumeister die zwei ersten Punkte.
Das zweite Spiel, das Friedberg mit Frankenau zusammenfühxte, zeigte den Gau- meister in bester Verfassung. Trotz eifriger Gegenwehr der sympathischen Frankenauer Mannschaft erzielte Friedberg mit 36:15 (18:11) einen hohen Sieg. Bemerkenswert für die glänzende Form des Gaumeisters bei diesem Spiel ist die Tatsache, daß der Anschreiber in der zweiten Spielhälste für Friedberg nur vier Fehler buchte.
Mit großer Spannung verfolgte man dann das Spiel des Tv. 1 8 4 6 Gießen gegen „Kurtz e s s e n" Marburg. Man durfte die Gießener Mannschaft als den stärksten Gegner des seitherigen Gaumeisters Friedberg ansehen. Gießen zeigte ein wirklich hervorragendes Spiel. Kurhessen konnte ihm den Sieg nicht streitig machen. Die 1846er gewannen hoch 39:19 (20:13), woraus zu ersehen ist, daß ihre Mannschaft besonders in der zweiten Spielhälfte zu großer Form auflief.
2m Trcs en Gießens gegen Frankenau trat die äleberlegenheit der 1846er nicht so sehr in Erscheinung, wie beim vorhergehenden Spiel. Der strebsame Landverein von den Ederbergen hatte sogar in der zweiten Hälfte mehr vom Spiel als Gießen. Das Schlußergebnis lautete: 24:19 (15:9) für Gießen.
Das nächste Spiel, das Marburg und Frankenau zusammenführte, endete mit einem Mißklang. Vach der Wertungstabelle des An
schreibers war das Endresultat 28:15 (15:8) für Kurhefsen. Frankenau, das gut gespielt hatte, glaubte sich benachteiligt, hat die angeblich fehlerhafte Zählung beanstandet und Protest gegen das Spiel eingelegt. Der Einspruch wurde noch nicht verhandelt. Es kann aber mit ziemlicher Gewißheit gesagt werden, daß das Spiel wiederholt wird. (2n der nachfolgenden Tabelle ist dieses Spiel daher auch nicht gewertet.)
DaS interessanteste Treffen des Tages lieferten sich, wie nicht anders zu erwarten war. die langjährigen Faustballrivalen Tgm. Friedberg und Tv. 1 8 4 6 Gießen. Dieses Spiel brachte die größte Lleberraschung. Die im Faust- ball seit Jahren als Gaumeister führend gewesenen ^Friedberger mußten die erste Viederlage einstecken. Unter größter Anteilnahme der zahlreich erschienenen Zuschauer entwickelte sich ein herrliches Spiel, bei dem beide Mannschaften sämtliche Register ihres seinen Könnens aufzogen. Der Ball wanderte in langen Spielserien über die Schnur, trotzdem auf beiden Seiten mit den durchdachtesten Techniken gearbeitet wurde. Gießen konnte zwar nicht verhindern, daß Friedberg die erste Spielhälfte mit 12:7 für sich beendete, trieb nach Seitenwechsel den Gegner aber sichtbar in die Enge. Die Gießener Fünf spielte jetzt einen ganz hervorragenden Faustball, und besonders ihr Mittelmann Rixinger glänzte durch sein erfolgreiches Spiel. Sicher holte Gießen Punkt für Punkt auf und log bei Spielende mit 25:22 Punkten klar in Führung.
unentsch. verl.
Tv. 1846 Gießen Tgde. Friedberg Kürhessen Marburg
0 0
0 0
0 1
2 2
6
4 0
0
gern.
3
2
0
0
Spiele
3
3
2
2
Die Vorrunde ergibt folgenden Tabellenstand: _ . . •" ' Pkt.
,Tv. Frankenau
Mit größtem Interesse erwartet man die Spiele der Rückrunde, die am 26. Mai in Marburg ausgetragen werden. Sollte Tv. 1 84 6 Gießen dabei seine Form vom letzten Sonntag wieder erlangen, dann darf man in ihm den neuen Gaumeister im
Faustball erwarten.
Neue Erfolge der Leichtathletik- Abteilung des Männer-TurnvereinS.
Am Sonntag fand in Gießen der Waldlauf des 2. Bezirkes Gießen-Wehlar- ©rünberg statt. Start und Ziel war auf dem Platze drs Männerturnvereins. Dieser Langstreckenlauf, an dem der Mtv. mit 20 Mann teilnahm, wurde in drei Stufen ausgetragen: Turnerstufe 5000 Meter, 3ugenöftufe 3000 Meter und Jugend-Unterstufe 1500 Meter. Trotz der großen Loitze wurden recht schöne Leistungen geboten. So konnten die Männerturner, die den Vorteil der Streckenkenntnis hatten, in allen drei Stufen den ersten ©inxelfieg, sowie den ersten Sieg im Mannschaftstauf für sich verbuchen. Es errangen in der Turnerstufe: H. Koch 1. Sieg: L. Malkomesius 2. Sieg: H. Stein 2. Sieg: W. Knebel 3. Sieg. Die Mannschaft * (Koch, Malkomesius, Stein) errang ebenfalls den
ersten. 3n der 3ugend-Oberstufe konnte E. P l o ch erst nach hartem Kampf vor Körner, Ober- Biel, das Rennen für sich entscheiden. Als dritter kam H. Eidmann durchs Ziel. Den 1. Sieg im Mannschaftslauf errang die Mannschaft P l o ch. E i d m a n n , Körner. 3n der 3ugenb-Unter- ftufe wurde W. Schmitt 1. Sieger, D. Pop - p e r t 2. und Heinz Becker 3. Sieger.
1. 3ug. 2Hfo. — 1. Jug. Matthausgemeinde 6:3 (4:2).
Die 1.3ugendmannschaft des Männer-Tum- vereins hatte am Sonntag die gleiche Mannschaft der Matthäusgemeinde zu einem Handball- Freundschaftsspiel verpflichtet. Obwohl die Mtv- Wannfchast durch Ersah geschwächt war, konnte sie infolge ihrer besseren Gesamtleistung das Spiel für sich entscheiden. Die besten Leute der Mtver waren der Mittelläufer und Torwart, sowie der Mittelstürmer, der jedoch zeitweise mehr hätte abgeben müssen. Bei der Gästernann- schast zeigten einige Spieler sehr gute Leistungen, jedoch konnten diese infolge ihres vielen Solo- spiels an dem Endresultat nichts ändern.
Leichtathletik im Gau Gießen Wehlar.
Gauwettkämpfe für die zweite und dritte Klasse.
o. Die am Sonntag auf dem 1900er-Platz stattgehabten Gauwettkämpfe für die zweite und dritte Leistungsklasse brachten guten Sport. Bedauerlich war nur, daß die Vereine aus Wetzlar und dem Dillgebiet so spärlich vertreten waren. Legt man auf Grund der Ergebnisse einen Maßstab für geleistete Winterarbeit und für die Aussichten in der diesjährigen Saison an, so kommt die Spielvereinigung 1900 am weitaus besten dabei weg. Von 20 ausgetragenen Konkurrenzen gewannen die 1900er 16 und belegten außerdem noch 12 zweite und 8 dritte Plätze. Die beachtlichste Leistung des Tages waren die 12,98 Meter Kugel (außer Konkurrenz 13,50 Meter) von E. Schäfer, 1900. Bei den Sprintern war Geist gut in Schwung (11,3 Sekunden für 100 Meter und 23,4 Sekunden für 200 Meter). Heber 800 Meter ließ Peters erkennen, daß er auf dem besten Wege ist, in dieser Saison, unter 2 Minuten zu kommen. Eine recht beachtliche Zeit lies auch der bekannte Weilburger Gerhard über 5000 Meter (16:45.4). Die dritte (Anfänger-)Klasse hatte ihre talentiertesten Leute in dem jungen Weilburger Sprinter Müller und dem in bestem Stil die 3000 Meter gewinnenden 1900er Hugo Schäfer. Rachstehend die Ergebnisse:
Klasse I l:
100 Meter: 1. Geist, 1900, 11,3 2. Guyot,
1900. 11,9 S.: 3. Seipp. 1900, 12 S.
200 Meter: 1. Geist, 1900. 23,4 S.; 2. Müller, Weilburger F.-V., 24,8 ©.; 3. Guyot, 1900, brustbreit zurück.
800 Meter: 1. Peters 1900, 2:2.4 Min.; 2. Tön- ges. 1900, 2:7,3 M.; 3. Wambach, Wetzlarer Sv.- V., 2:14,1 M.
5000 Meter: 1. Gerhard. Weilburger F.-V, 16:45,4 M.; 2. Paul. 1900, 17:12,1 M.
Roman einer Nacht
Von Paul Rosenhayn.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Plötzlich legte sich atemlose Stille über den Saal, die Tür ging auf —
Herein trat Fedor Sokoloff.
Es gab im Saal vermutlich keinen Menschen, dem nicht in diesem Augenblick das Herz schneller schlug. Kein Laut unterbrach das atemlose Schweigen: nur hundert Köpfe, hundert Augenpaare, hundert bleiche Gesichter waren auf den Ankömmling gerichtet, der mit langsamen Schritten in die Mitte des Saales trat.
Auch Fedor Sokoloff schien, vielleicht von der Feierlichkeit und Gefährlichkeit des Moments, vielleicht von einer hastigen Fahrt, ein wenig bleich Aber vielleicht war es nur das Licht, der Reflex der Glühlampen, der in der verbrauchten Luft zu einem matten und fahlen Schimmer wurde. Denn sein Gesichtsausdruck war ruhig, saft lächelnd, und in seinen Schritten lag die beherrschende Ruhe eines Mannes, der eine, vielleicht nicht unwichtige, vielleicht nicht ganz angenehme, dennoch durch gewisse formale Votwendigkeiten gegebene Pflicht erfüllt: mit verbindlichen Manieren erfüllt.
Er trat auf den Tisch der 3ury zu, machte eine höfliche, nicht besonders tiefe Verbeugung.
„Sokoloff," sagte er.
Der Vorsitzende sah ihm wortlos entgegen, gespannt, nicht unfreundlich.
„Sie sind also wirklich und wahrhaftig Fedor Sokoloff?" fragte er nach einer kleinen Pause.
Der Gefragte konnte es nicht hindern, daß ein leises Lächeln in sein Gesicht trat; er sagte verbindlich, indem er auf die Karte blickte, die auf dem Richtertisch lag:
„Gewiß, Herr Präsident."
„Wer hat Sie hierhergebracht?"
Sokoloff zuckte die Achseln, fast, als ob er die Frage nicht ganz begreife: dann sagte er, indem er den Kops schüttelte: „Viemand."
Der Präsident blickte zur Rechten: alle Geschworenen sahen gespannt, verständnislos, in stummer Erwartung auf Sokoloff. Er wandte sich zur Linken: auch hier waren aller Augen auf den Mann geheftet, der in unbefangener Haltung vor dem Richtertisch stand.
„Cs scheint, als ob wir uns noch nicht ganz verstehen, Herr Sokoloff," * sagte der Präsident,
ärgerlich über seine eigene Unsicherheit. „Sie sagen, daß niemand Sie hergebracht hat. Soll ich das so verstehen: daß Sie freiwillig in dieses Haus gekommen sind?"
Sokoloff hatte sich, immer in seiner lässigen Art, ein wenig zur Seite gewandt; er blickte zu der Angeklagten hinüber, die mit großen Augen zu ihm hinüberstarrte.
Sein Blick glitt weiter in diesem Raum, zu dem Zeugen Bruno Riedinger. Auch der stand totenbleich, fassungslos, vor seinem Sessel und sah Fedor Sokoloff unverwandt ins Gesicht.
„Run, Herr Sokoloff?"
Der drehte sich mit einer höflich entschuldigenden Geste zu dem Präsidenten herum und sagte, als ob die Antwort eine kleine und selbstverständliche Angelegenheit wäre:
„Gewiß, Herr Präsident. 3d) bin freiwillig gekommen. Denn ich habe das Gefühl, als ob man mich hier brauche."
Der Vorsitzende schlug mit der Hand auf den Tisch. Vielleicht war das eine Reflexbewegung; vielleicht war es eine Geste, bestimmt, den vor dem Tisd) Stehenden zu irritieren. Aber Sokoloff sah dem Richter mit höflichem Lächeln ins Gesicht, fragend, fast ein wenig ungeduldig. Er zog die flache älhr. knipste den Golddeckel auf und warf einen Blick auf das Zifferblatt. Dann drückte er die Kapsel federnd wieder ein, es gab einen kleinen klingenden Ton; achtlos ließ er die Hfjr in die Tasche zurückgleiten.
Der Vorsitzende war nicht ohne Unmut dem kleinen Vorgang mit den Augen gefolgt. Plötzlich sagte er mit feiner leisen Stimme, in deren Tiefe eine fühlbare Härte klang:
„Wir suchen Sie wie eine Stecknadel. Die ganze Stadt ist abgeriegelt; alle Beamten sind auf den Beinen, Fedor Sokoloff zu verhaften und hierherzubringen."
„3ch hörte es," sagte Sokoloff höflich.
„Trotzdem erklären Sie mir, Sie kämen allein. Wie ist es 3hnen möglich gewesen, fast eine ganze Rächt lang den Recherchen zu entgehen?"
Sokoloff blickte, kaum den Kopf wendend, hinüber in den Zuhörerraum. Er mochte Linda Andersen längst erspäht haben, auch sie sah ihn unverwandt an. „3ch hatte keine Ahnung, daß man so fieberhaft nach mir fahndete. 3ch war auf einem Ball."
.Auf einem Ball!" schwirrte es durch den Saal. Das Wort ging von Mund zu Mund: „Er war | auf einem Ball..
| „Beim Staatsrat Krentz!"
Der Vorsitzende furchte die Stirn; er blickte auf den Staatsanwalt, der den Kopf in die Hand gestützt hielt und nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelte.
„3ch muß gestehen," sagte der Vorsitzende, indem er sich mit einem ärgerlichen Ruck aufrichtete — „ich muß gestehen, daß dieser Prozeß Ermvlieff so ziemlich das Unglaublichste ist, was mir in meiner nicht gerade kurzen Laufbahn bisher untergefommen ist. 3edes Wort, das hier gesprock)en wird, hat doppelten Sinn — alle Menschen, die hier auftreten, sind andere, als sie scheinen — und während wir den Hauptbelasteten. Herrn Sokoloff, in ganz Kopenhagen suchen, tanzt er auf einem Ball - bei jenem Staatsrat Krentz. der der eifrigste Säger in dieser 3ag‘o auf Sokoloff ist."
„3d> hatte die Ehre, mich längere Zeit mit Herrn Krentz zu unterhalten," sagte Sokoloff.
„Hat er denn nicht 3hren Ramen erfahren?"
„3ch selbst habe mich ihm vorgestellt. Aber ich glaube, es ist schwer, einen (Kamen bei der Vorstellung richtig zu verstehen. Richt wahr?"
„3n der Villa Krentz haben wir Sie allerdings nicht gesucht.' sagte Der Vorsitzende resigniert.
Der Staatsanwalt machte eine fragende Handbewegung hinüber zu dem Präsidenten.
„Ditte, Herr Staatsanwalt!"
,.3ch möchte Herrn Sokoloff darauf aufmerksam machen," sagte der Staatsanwalt mit kühler Stimme, „daß die Art seines Benehmens in erheblichem Gegensatz zu der Rolle steht, die er hier spielt. Wenn nicht alles täuscht, ist Sokoloff an der ganzen Angelegenheit beteiligt — ja, mein 3nstinkt müßte sehr trügen, wenn Sokoloff nicht der intellektuelle Urheber dieses Mordes wäre. Was hat uns Herr Sokoloff über die Tat, über die wir hier zu Gericht sitzen, und über seinen Anteil an dieser Tat mitzuteilen?"
Der Vorsitzende nickte. „Es würde vielleicht erheblich zur Vereinfachung und zur Klärung beitragen, wenn wir die zwei Herren zur Stelle hätten, die uns bis zur großen Pause ihre Mitarbeit so selbstlos zur Derfügmig gestellt haben: den Polizeipräfelten und den Staatsrat Krentz. 3ch bitte die beiden Herren sofort hierherzurufen."
„Der Polizeipräfekt ist auf einer wichtigen Vernehmung." sagte der Staatsanwalt. „3n der Rordfeldgasse: er hat eine politische Sitzung aus- gehoben."
„Hnb der Staatsrat Krentz?"
„... ist auf einem Fest. 3n seiner Villa."
„Gerichtsdiener: telephonieren Sie nach Der Villa Krentz: ich ließe den Staatsrat bitten, sofort zu kommen."
„Run zu 3hnen, Herr Sokoloff," sagte der Staatsanwalt, der zum erstenmal die Selbstbeherrschung verlor. Er richtete sich auf und sah üofoloff mit funfehl Den Augen entgegen —- so wie man einem verhaßten und gefährlichen Feinde in die Augen blickt. „3ch ahne die Rolle, die Sie in dieser Sache spielen."
3ntellettueller Urheber!
Sokoloff erwiderte diese Kriegserklärung mit einem harmlosen, ein wenig erstaunten Lächeln.
„3ch glaube, Herr Staatsanwalt," sagte er ruhig, „die Rolle, die ich in der Angelegenheit Marsa Ermoliess spiele, wird sich am einsachsten aus der Verhandlung selbst ergeben. Es dürfte mehr rhetorischen als sachlichen Wert haben, wenn Sie über diesen Punkt urteilen, ohne ihn zu kennen."
Der Staatsanwalt, der ein leises Lachen im Zuhörerraum mehr fühlte, als hörte, sagte zornig:
„Wir werden mit aller Schonungslosigkeit diesen Punkt klarstellen, Herr Sokoloff."
Sokoloff erwiderte immer so, als ob er ein verbindliches Gespräch mit einem gesellschaftlichen Partner führe:
„Eben darum bin ich gekommen, Herr Staatsanwalt. Daß Sie die Frage meiner Beteiligung tlarftellen würden, war mir, der ich 3hren Schars - finn zur Genüge kenne, von vornherein eine Selbstverständlichkeit."
Rechtsanwalt Aage Lund erhob sich. „3ch bitte, den Zeugen Kapitän Ehrysander nochmals zu vernehmen. Ehrysander hat ausgesagt, daß er Sokolosf kenne "
Der Protokollführer blätterte einen Zettel um. „Herr Ehrysander hat um die Erlaubnis gebeten, abzureisen. Sein Schiff ging um zwei Uhr in dieser Rächt."
„Sie haben Glück, Herr Sokoloff," sagte Aage Lund; aber Sokoloff schüttelte verständnislos den Kopf.
„Es gereicht mir zur Freude," nahm der Staatsanwalt das Wort, „lagen zu dürfen, daß ich in diesem Falle ausnahmsweise mit meinem Kollegen, dem Herrn Verteidiger, gleicher Meinung bin. Der Kapitän Ehrysander kennt Sie, Herr Sokoloss."
„So, so."
„lind Sie ihn vermutlich auch?"
„Es ist möglich"
(Fortsetzung folgt.)


