Nr. M Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Dienstag, 14- Mai X929
Vor den Wahlen in England.
Don unserem E. E.-Berichterstattcr.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
London, 7. Mai 1929.
Nur noch kurze Zeit trennt uns von dem für die weitere Richtung der Weltpolitik vielleicht bedeutsamen 30. Mai, an dem in England d i e Wa h l e n für das neue Unterhaus ftattfinden werden. Ohne sonderliches Interesse erledigt das alte Parlament gegenwärtig noch den Rest seiner Arbeiten, um Ende der Woche durch die formale Auflösung eines natürlichen Todes zu sterben. Wie wird die neue parlamentarische Vertretung Großbritanniens zusammengesetzt sein? Das ist eine Frage, die heute sehr weite Kreise des öffentlichen Lebens beherrscht, die aber auch jetzt noch niemand mit einiger Sicherheit zu beantworten vermag. Gewiß, es fehlt nicht an Schätzungen der einzelnen Parteien; an der Börse wird sogar ein regelrechter Dreiparteien-Kurs notiert, mit den gegenwärtig für die meisten Papiere üblichen Schwankungen. Die Blätter haben Preisausschreiben veröffentlicht und sehr hohe Belohnungen für die Lösung ausgesetzt, die sich nach dem 30. Mai als die genaueste Angabe erweist. Aber all das ist doch im Grunde wenig mehr als ein Teil der Wahlvorbereitung. Alle führenden Vergleiche sind für die kommende Wahl von höchst zweifelhaftem Wert und außer einer unbedingten Siegeszuversicht wagen sich auch die Parteileiter nicht ernsthaft an eine zahlenmäßige Berechnung ihrer Chancen.
Diese für englische Verhältnisse etwas ungewöhnliche Unsicherheit hat viele Gründe. Da ist zunächst ein sehr gewichtiger neuer Faktor: durch die Erweiterung des allgemeinen Wahlrechts (das in dem demokratischen England ja nicht annähernd so allgemein ist, wie etwa in Deutschland oder auch nur Frankreich) sind in die Wahlregister rund 5,5 M i l l i o n e n weibliche Wähler neu aufgenommen worden. Niemand weiß, wie sie stimmen werden. Von den Wahrscheinlichkeitsberechnungen ist die eine so stichhaltig oder, wenn man will, so hinfällig wie die andere. „Die Frau ist konservativ", sagen die Konservativen, „sie ist fortschrittlicher als der Mann und empfindet die kleinen Tagesauswirkungen einer falschen konservativen Politik überdies viel stärker und direkter", sagen etwa die Liberalen. „Die Frau ist überwiegend mit uns", ist schließlich der Schlachtruf der Arbeiterpartei. Wer vermag es zu sagen. Nur Deutschland kann auf diesem Gebiet Vergleichszahlen liefern. Aber auf der Suche nach ihnen entdeckte man, daß sich für jede These Material finden läßt, selbst wenn einwandfreie Vergleichszahlen vorlägen, sie würden noch nicht viel besagen, denn Deutschland hat unter viel ungewöhnlicheren Verhältnissen gewählt und zwischen der deutschen und englischen Jungwählerin ist eine Welt von Unterschied. So wird es bis zum 30. Mai dabei bleiben müssen, Mittel zu ersinnen, durch die man sich die Gefolgschaft dieser wichtigen neuen Wählergruppe sichern kann.
Von den anderen unbekannten Größen ist die wichtigste, daß die A r b c i t c r p a r t e i diesmal zum erstenmal bewußt auf eine parlamentarische Mehrheit hinwirkt. Die Partei will sich nun nach kaum mehr als 30jähriger parlamentarischer Existenz nicht mehr mit einer Mandatsvermehrung zufrieden geben, sondern sie erstrebt in einem Parlament von 615 Mitgliedern die einfache Mehrheit, also mindestens 308 Sitze. Daß dieses Ziel wahrscheinlich zu weit gesteckt ist, kann hier zunächst unbeachtet bleiben. Allein die Tatsache, daß die Partei heute glaubt, formal das Erde der Liberalen antreten und sich für absehbare Zeit mit den Konservativen in der Herrschaft des Landes teilen zu können, ist von grundsätzlicher Bedeutung. Bürgertum gegen Sozialismus und umgekehrt ist zum erstenmal der offizielle Schlachtruf — die kurze arbeiterparteiliche Regierung war ja nur eine Minderheitsregierung mit weniger als einem Drittel aller Parlamentssitze hinter sich. Nur wenn man sich den englischen Volkscharakter vergegenwärtigt, vermag man
Oer Pflanzenatlas.
Don Friedrich Schnack.
3d> weiß nicht, woher ich ihn habe und wer vor meiner Zeit seine botanischen Kenntnisse aus ihm schöpfte. Er ist da und begleitet mich, seitdem ich ihn kenne. Zwar sieht er nicht sonderlich gut aus: er ist auseinandergesallen und die Tafel, darauf die Kryptogamen abgebildet find: die Farne, Moose, Flechten und Pilze in ihren Wun» derfarben, sie wurde vor allen andern stark mitgenommen durch den Sturm der Zeit und die Angeduld blätternder Finger, die nicht rasch genug die gesuchte Pflanze finden konnten, wie jene ruhelosen, wilden Gesellen, deren Eifer nach der blauen Blume" verlangte. Zwar sind die Flechten und Moose zu verschmerzen, da ja die Pilze gut erhalten blieben: der Champignon, das Zierschwämmchen und die Dirkenschwäininchen, die an morschen Baumstümpfen fieöeln... Olbet ün großen und ganzen ist es doch recht schade, daß dem schönen Pflanzenatlas so übel mitgespielt wurde. Wan begreife nur: auf einer Tafel, angef reffen von Mäusen oder eingeriffen von Kinderhänden steht eine Sagopalme ihres Wipfels beraubt, und der daneben abgemalte Blütenstand ist bi8 auf einen unscheinbaren Best verschwunden. Es ist schlimm: die Palme wird nie wieder ausschlagen und einen grünen Wedelwipfel hoben, vom Blütenstand ganz zu schweigen. And also ist der Atlas nicht mehr vollkommen.
Der Text zu den Tafeln, untergebracht im ersten Teil des Buches, ist mir minder ^^ig. weil Gelehrtenarbeit in einem steifbeinigenDeutsch aus dem vorigen Jahrhundert, trocken wie -Brot ohne Butter, sachlich, ordentlich, langweilig. Die Bilder aber hat kein Gelehrter gezeichnet und getuscht, ein durch und durch lebendiger Mensch war es, ein Meister seines Fachs, ein hellblütiger und helläugiger Maler, der Wohl eines kleinen Lorbeerblättchens würdig wäre, und mühte man es aus seinem eigenenAtlantenwerk herausschneiden. Mit gehorsamer Feder und schmiegsamem Pinsel hat er eine reiche, bunte Pflanzenwelt aufgezogen, gepflegt und gestaltet — soviele Jahre seitdem auch vergangen sind: das schön und sein gemalte Pflanzenreich blieb frisch, unverwelkt, gesund, wenn auch ein wenig altertümlich in der Tönung des Ehlorophyll-Grüns und der Blüten- färben. Das hat seine Gründe: die Bescheidenheit jenes Zeitalters liegt über den Pflanzenfahnen und Dlumenwimpeln. Dennoch verleihen diese Farben, gedämpft und beruhigt in sich wie Pastelle, den Pflanzenbildnissen den Ausdruck leib-
zu ermessen, bis in welche Tiefen diese Prognose die englische Volksseele aufzuwühlen vermag. Gewiß läßt sich die englische Arbeiterpartei nicht mit einer sozialistischen Partei des Kontinents vergleichen und zwischen ihr und den Konservativen bestehen weit mehr Annäherungspunkte und Ausgleichsmöglichkeiten als auf dem Kontinent. Im Grunde ist auch der Wähler der Arbeiterpartei, wenigstens zum größten Teil, ein konservativer Engländer, und ganz gewiß erst in zweiter Linie internatio- n a I. Aber auf der anderen Seite haben auch die Konservativen wesentliche typisch englische Charakterzüge: ihre Umstellungssähigkeit und Konzessionsbereitschaft ist geringer als die verwandter politischer Gruppen auf dem Kontinent. So treffen, so paradox es klingt, zwar mehr und engere Berührungspunkte, aber gleichzeitig auch schärfere Gegensätze zwischen Sozialismus und Bürgertum als in den meisten anderen Ländern auseinander. Der Ruf, „es geht diesmal um den Bestand des Staates", den die Konservativen immer stärker heroorstoßen, ist daher ernst gemeint, aber nicht vollständig, denn es geht nicht im eigentlichen Sinne um den Bestand des Staates, sondern um die Erhaltung ober den langsamen Umbau des Staates, wie sie ihn verstehen. Und wenn die Arbeiterpartei sagt, „dieser Staat inuß fallen", dann meint sie nur die konservative Staats- konstrnktion, nicht etwa seine Ersetzung durch ein sozialistisch-internationales Gebilde. Beide sind gute Engländer und beide setzen sich, wenn auch mit grundsätzlich noch so verschiedenen Mitteln, für den englischen Staat ein. Das festzustellen, erscheint gerade vor dieser Wahl nicht ganz unnütz.
Gegenüber der grundsätzlichen Bedeutung dieses eigentlichen ersten Machtkampfes zwischen alten Herrschern und radikalen Emporkömmlingen mag eine andere wichtige Erscheinung dieses Wahlkampfes auf den ersten Blick geringfügig erscheinen; die Lebensfähigkeit und künftige Stellung des englischen Liberalismus. Lloyd Georges Geschicklichkeit hat dafür gesorgt, daß die liberale Sache nicht übersehen wird. Man kann ihm dafür dankbar sein, denn je besser die ivahltaktische Stellung der Liberalen und je gründlicher ihre Kampfvorbereitungen gegen zwei ungleich stärkere Gruppen sind, desto einwandfreier wird am 30. Mai die Frage beantwortet werden, ob die Liberalen noch eine Zukunft haben. Gelingt es ihnen unter einem Mann wie Lloyd George nicht, sich wieder einen Platz an der Sonne zu sichern, dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß sie später den Kampf mit günstigeren Aussichten führen können. Die Liberalen haben nichts weniger zu vollbringen als den Nach- iveis zu führen, daß sie neben Konservativen und Arbeiterpartei als dritte en gl ische Partei ihren Platz behauptet haben und dementsprechend auch in Zukunft behaupten können. Jeder Sitz unter hundert Mandaten würde ihrer Sache abträglich sein müssen, denn es besteht kaum ein Zweifel, daß der Durchschnittsengländer eine starke Abneigung gegen ein Dreiparteiensystem mit den unvermeidlichen Regierungskompromissen besitzt. Die liberale Idee steckt sehr weiten Kreisen im Blut und sie wird in England fortleben, aber die liberale Partei wird möglicherweise über Bord geworfen werden, wenn sich zeigen sollte, daß sie zu klein ist, um sich unabhängig von anderen produktiv durchzusetzen, aber stark genug, um Konservative wie Arbeiterpartei an einer Mehrheit im Parlament zu hindern. Es ist möglich, daß es auch in England einmal zu einem Experiment kommen wird, daß eine konservative oder arbeiterparteiliche Regierung durch die Gnade der Liberalen regieren kann, aber es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, daß eine von beiden Parteien oder das englische Volk für einen längeren Abschnitt von Jahren einen solchen Zustand sanktionieren werden. Die liberale Partei kämpft um ihre Existenz. Sie muß Mandate gewinnen, sie muß das Land überzeugen, daß ihr eigener Aufstieg in einem gesunden Verhältnis zu arbeiterparteilichen Gewinnen und wahrscheinlichen konservativen Verlusten steht; mit einem Wort, sie muß es beweisen, daß es weiterhin einen Sinn hat, bei späteren Wah-
haftigen Lebens, den Schimmer elhsischer Freude und Kraft, einen poetischen Frühling, einen gesättigten Sommer. Sicherlich sind die Farben des Malers natürlichen Arsprungs und nicht wie die unseren in chemischen Küchen gezeugt. Ihr Bot, ihr Blau, ihr Gelb, das vielfach sich voneinander unterscheidende Grün, sie alle wurden wohl von Pflanzen und Hölzern gewonnen; leicht mag da die Pflanzenseele der ausgepreßten _ Gewächse flüchtig übergegangen sein in das grüne, blaue und rosige Farbenblut, und so kam es in die Bilder, und lebt, strahlt in meinem Dilderatlas des großen Pflanzenreiches.
Es ist ein abwechselungsreicher, bunter Garten, darin man sich Wochen- und monatelang ergehen kann, ohne ihn in all seinen Teilen kennenge- Icmt zu haben. Er vereinigt in sich die Pflanzen aller Zonen, wie ein wahrer Weltgarten. Zwar ist er nur ein gemaltes Pflanzenwerk, eine Anlage botanischen Wissens. Trotzdem: es lohnt sich, ihn zu durchstöbern. Für mich hat es sich immer gelohnt. Den Anbilden der Witterung ist er nicht ausgesetzt, den Herbsten nicht preisgegeben. Die Schere der Mode, die auch die Büsche stutzt, schneidet nicht in seine Fülle. Ihm kann nichts geschehen. Er blüht, grünt und gedeiht, einzig genährt von meiner Liebe und meinem stummen Entzücken, wenn ich ihn aufschlage und den kunstvollen Bau der Taubnessel oder des Klappertopfs mit ebensoviel Bewunderung betrachte, wie nur irgendein menschliches Bauwerk. Die Taubnessel und der Klappertopf, der kriechende Günzel und die Ackerdistel, sie alle drücken, in wechselnder Gestalt, das eine aus: den schöpferischen Geist des Lebens, und die geheime Ordnung der Welt, jener Welk, die der Mensch nicht eingerichtet hat.
In meinem Atlas, der völlig aus dem Leim gegangen ist, wie aus allen Bägeln ein verwohntes und abgebrauchtes Haus, an dessen Zimmerwänden aber noch die Bilder hängen, von der Art und der Beigung der Bewohner lebhaft zeugend, in diesem beschädigten Buch, darin die Pflanzenbilder schlicht und vornehm stehen, wie es ihrer Form und Anlage entspricht, habe ich die abgeschilderte Batur in einer Gesamtheit und mit so mächtigem Eindruck erlebt, wie der Musiker beim Lesen seiner Partitur den viel- klingenden Einklang des Instrumentenchores aufnimmt und erlebt. Denn auch mein Buch war eine Partitur, gefügt aus vielen Stimmen, ein Pflanzenchor, bald fein und gläsern mich ansprechend, bald heftig rauschend und duftend, bald düster, leidenschaftlich, üppig schwellend, bald farbig lodernd. Die Zartheit des Zittergrases, die Bipse des Wiesenschaumkrautes behaupteten sich
len für die Liberalen zu stimmen. Gelingt dieser Nachweis, dann ist viel gewonnen, denn bann wirb sich vielleicht auch später einmal eine der beiben anderen Parteien bereit finden, mit den Liberalen eine Reform des englischen Wahlrech- t c 5 durchzusetzen, die an die Stelle der heutigen Mehrheitswahl irgend etwas setzt, was eine Parlamentsvertretung entsprechend der Zahl der aufgebrachten Stimmen sichert. Die deutsche Listenwahl wirb von England kaum je übernommen werden. Auch heute sind es in erster Linie die Männer, die den Ausschlag geben, und die Wahl einer Liste ist dem Engländer vollkommen wesensfremd.
In dem Kampf der Parteien zeichnen sich danach einige alles andere überschattende Gesichtspunkte ab. Für die Konservativen handelt es sich nur um die Frage einer möglichst weitgehenden Erhaltung ihrer gegenwärtigen Macht; die Liberalen kämpfen um Wiederaufstieg und Zukunft, während die Arbeiterpartei diesmal das legitime Recht zu erlangen hofft, sich in Zukunft entsprechend den natürlichen Gesetzen der Wählerumschichtung mit einer großen bürgerlichen Gegenpartei in der Herrschaft teilen zu können.
Flandern.
In diesen Tagen sind es zehn Jahre, daß zu Versailles der deutschen Friedensdelegation die Friedensbedingungen überreicht worden sind, jenes Dokument des Hasses, welches seitdem Deutschland und Europa nicht zur Buhe kommen ließ. Wir erinnern uns gerade in diesen Tagen, daß im Jahre 1919 die Forderungen Frankreichs zur Errichtung seiner Vorherrschaft auch vor den Rechten der Ventralen nicht Haltmachten, daß damals Frankreich auf Kosten Hollands die volle Beherrschung der Rhein- mündungen zu gewinnen trachtete und damit die volle Herrschaft über den ganzen Rhein selbst und das wichtigste Ein- und Ausfallstor der west- und mitteleuropäischen Wirtschaft. Die damaligen Bestrebungen sind heute noch nicht begraben und bilden eine ständige Bedrohung Deutschlands. Als Bundesgenossen gegenüber
dieser Gefahr kann Deutschland heute mehr denn je das Volk der Flamen betrachten, das selbst seit zehn Jahren einen zähen Anabhängigkeits- kampf führt, das heute nicht mehr bloß um die Erhaltung seiner Muttersprache, sondern um die Möglichkeit einer eigenen höheren Kultur kämpft.
Das deutsche Volk hat sich seit hundert Jahren oft für die Polen und ihren Freiheitskampf begeistert. obwohl dieser nicht zuletzt gegen Deutschland selbst gerichtet war. In Flandern lebt seit den gleichen hundert Jahren, seit der Begründung des modernen belgischen Staates, ein uns stammverwandtes Volk von 4' _> Millionen unter einer Anterdrückung, die sicher nicht geringer ist als die der Polen jemals war; aber wie wenig Teilnahme hat Deutschland ihm bisher zugewandt! Es ist deshalb besonderes Verdienst der Süddeutschen Monatshefte (München), wenn sie in ihrem neuesten Heft „Flandern" über die Bewegung aufklären, vor allem durch führende Flamen selbst. Wenn Deutschland heute allen Bewegungen ähnlich der flämischen, so nahe sie es berühren, politisch auch machtlos gegenübersteht, so hat es seit dem Krieg doch eines gelernt; alle diese Auhenposten seines Volkstums mit einzubeziehen in das Gemeinschaftsgefühl der deutschen Kultur: de Coster und Timmermanns. Stijn Streuvels und Hendrik Conscience, Guido Gezelle und Bene de Clercg gehören uns mit an. And der Münchner Historiler K. A. von Müller sagt in seinem Vorwort zu diesem hochbedeutsamen Flandernheft: „Ansere Leser wissen, daß wir der Meinung sind, daß das deutsche Volkstum auch heute immer noch mitten im Krieg steht; daß jede geschlossene deutsche Schule, jede Zurückdrängung der deutschen Sprache eine verlorene Schlacht, jeder behauptete oder neu gewonnene Boden deutscher Kultur, deutschen geistigen Einflusses ein Sieg in diesem Kriege ist. In diesem Zusammenhang sehen wir heute auch den Anabhängigkeitskampf des flämischen Volkes, und wir danken den Männern, die ihn führen, für ihren Mut und ihre Zuversicht: Wir können von ihnen lernen."
Oie Gasverf orgnngsfrage in Hessen
Oie „Güwega" zur Oenkschrist der „Hekoga".
Zur Frage der GasversorgunaH essens, die bekanntlich zwischen der R u h r - G a s - A. - G. und der Komm unalenSübwe st deutschen Ga s-A.-G. strittig ist, veröffentlicht die „SÜ- wega" (Südwestdeutsche Gas-A.-G. in Frankfurt a.M.) soeben eine Erwiderung auf die Denkschrift der Hekoga. Die Süwega führt aus:
Hessen steht vor einer wirtschaftlichen und politischen Entscheidung von größter Tragweite. Soll die Gasoerlormmg des Landes künftig durch ausschließliche Fernversorgung von der Ruhr ober aber durch Gemeinschaftsarbeit kommunaler Gaswerke erfolgen? Der Vorstand der .Hekoga hat seinem Aufsichtsrat eine Denkschrift unterbreitet, in der das Preisangebot der Ruhr wesentlich vorteilhafter dargestellt wird, als das der kommunalen Gaswerke (Südwestdeutsche Gas A.-G.). Auf Grund dieser Darstellung empfiehlt der Aufsichtsrat seiner Generalversammlung den Anschluß an die Ruhr. Gegen diese Schlußfolgerung wendet sich die Süwega. In einem „Die ^tatsächlichen Preisunterschiede der beiden Angebote" überschriebenen Abschnitt wird berechnet,
daß bet Preisunterschied zwischen dem Angebot der Süwega und dem bet Ruhr nicht, wie der Vorstand der hekoga behauptet, 1 bis 1,5 Pf. pro Kubikmeter, sondern nur 0,5 Pf. pro Kubikmeter beträgt.
Es heißt bann weiter: Diese Differenz wirb sick)er
mehr als ausgeglichen burch bie viel größere Be- triebsficherl-eit bei ber Versorgung ber Hekoga von mehreren Seiten unb aus größeren Gaswerken, die bessere Gasqualität und bie größere Gleichmäßigkeit der Gasbelieferung, sowie die Einflußnahme auf den Brennstoffmarkt, ein sehr gewichtiges Mo- ment, das in der Denkschrift des Hekoga-Vorftandes außer Acht gelassen worden ist.
3n einem „Kornmunalpolitische Bedenken überschriebenen Absatz wird dann weiterhin auf Die eminente kommunalpolitische Bedeutung der in Hessen bevorstehenden Entscheidung hingewiesen. Die gedeihliche Weiterentwicklung des südwestdeutschen Wirtschaftsgebiets", so heißt es da. „hängt entscheidend davon ab, daß Gemeinden und Provinzen auf dem Gebiete der Versorgung mit Gas als eine der zukunftsreichsten Energiequellen miteinander Zusammenarbeiten und dadurch auch ihre engere Verbindung auf andern Gebieten fördern. Es wird festgestellt, daß der geplante Ausschliehlichkeitsvertrag Hessens mit der Buhr die Gemeinden nicht nur auf 30 Jahre, sondern auch darüber hinaus bindet, und daß sie gezwungen fein werden, nach Ablauf der Ver» tragsdauer infolge des Fehlens eigener Werke zu ungünstigeren Bedingungen mit der Buhr ab- zuschließen als heute. Die Süwega erinnert weiter an die Gefahren, die sich aus dem Ferngasbezug von entfernten Produktionsstätten ergeben: Leitungsstörungen und Lieferungsunterbrechun- gen infolge von Wirtschaftskämpsen oder sonsti-
neberx dem Glockenklang der Glockenblume und dem Summen des Eichenwipfels, und es gab keinen unedlen Wettstreit. Der Künstler hatte die Pflanzengeschöpfe eingestimmt in das sanfte Gesetz seines Buches, wie sie in Wirklichkeit eingestimmt waren in den Bestand und in die Jahreszeiten der Erde. •
Wie er das Bähe, Vertraute, das Anschein- bare und heimatlich Schöne umfaßte und mit Liebe vor mich hinstellte, so ergriff seine Zeichen» und Malkunst auch das Ferne, Seltene, Fremd- artige, Erstaunliche, alle exotische und wilde Pracht. Glücks genug, Freude genug, die mir der sorgfältige Pflanzenatlas zuwies und bereitete! Wer hätte mir, wenn nicht er, den Mammei» baum, den Aprikosenbaum von St. Domingo vorgeführt, der so köstliche Früchte hervorbringt? Wer den Vierenbaum? Den Orleansbaum, mit dessen Fmich tmark die Indianer ihre Haut beizen? Wer das Glasschmelz-Gewächs vom Meeresstrand. wer die Wunderblume Ialappe, das Bitterholz und die Pimpernuß? Vicht ein Lehrer in meiner langen Schulzeit hat mich _ so fesselnd Pflanzenkunde gelehrt, wie mein bewährter Atlas des botanischen Reiches.
Das muh ich ihm danken. And mehr noch: zum Stofs gab er mit den Seelenhauch, zur Lehre den Rausch der Phantasie. Lenkte der Atlas den Blick auf die Pflanze, zog er ihn zugleich auf die Welt, und überall, auf allen Kontinenten. fand der glückliche Blick Blumen, Gewächse, Bäume. Vatur.
Seine Fruchtbarkeit war ohne Gleichnis: er bot den Pflanzen der Heimat und den Gewächsen der Fremde eine gastliche Stätte. Darin mag er, der gute Atlas, dem Paradiesesgarten gleichen, dem unverwelklichen Legendengarten, darin alle Arten von Pflanzen geschwisterlich gediehen, die Schlüsselblume genau so gut wie die herrlichste Orchidee, die ganz aus blauem Arwaldlicht gesponnen ist. Seine Harmonie ist rührend, seine Einheit beruhigend, seine Ordnung weise. Auch in ihm wird die Genesis geoffenbart, er ist ein bescheidenes und bezauberndes Buch der Weltschöpfung ... -----------
Freikarten.
Von Hans ORiebau.
Es war nicht klug von Mister Brother gewesen. ausgerechnet in Aberdeen ein Kino aufzumachen. Denn Aberdeen liegt in Schottland, und Schottland ist eine geizige Gegend.
Acht Tage schon flimmerten die Filme, acht Tage schon hämmerte der Klavierspieler. Aber
mehr als fünf Personen hatten noch nicht gleichzeitig auf den blank polierten Bänken gesessen.
„Was tun?“ jammerte Brother.
„Hm", sagte der Portier. ..ich wüßte schon ein Mittel, ein unfehlbares Mittel."
Brother hob den Kops. „And das wäre?
„Was zahlen Sie mir, wenn — ?" fragte der
Portier. •
„Ich zahle Ihnen 20 Pfund, wenn Sie mir 100 Leute ins Kino bringen.“
„Topp", sagte der Portier, „Freikarten ziehen das große Publikum nach sich. Das ist immer so. Geben Sie zwanzig Dauer-Freikarten aus, und die Sache ist gemacht."
Brother wiegte den Kopf. And gab zwanzig Dauer-Freikarten aus.
Am nächsten Abend um acht saßen zwanzig Personen auf den Bänken. Brother zählte. Rang die Hände.
„Abwarten!" sagte der Portier.
Am 8.20 Ahr saßen 39 Personen auf den Bänken. Brothers Stirn glättete sich.
„Sehen Sie wohl!" sagte der Portier.
Am 8.45 Ahr saßen 60 Personen, um 9.10 Ahr 78 Personen, um 10 Ahr 118 Personen auf den Bänken.
„Mein Retter!" schüttelte Brocher dem Portier die Hand. And gab ihm eine Zwanzig- pfund-Vote.
„Danke", sagte der Portier.
Am 11 Ahr war die Vorstellung aus. Die Leute strömten auf die Straße. Brocher ging lächelnd zum Kassenschalter.
„Run?" fragte er.
Vichts . sagte das Fräulein an der Kasse.
„Wie?" donnerte Brother. „118 Zuschauer minus zwanzig Freikarten, das sind 98. Achtundneunzig Karten müssen Sie verkauft haben!"
„Vicht eine Karte ist verkauft", lächelte daS Fräulein. , , , „ , ,
Brother rang nach Luft. „Ich habe . stöhnte er. „doch nur zwanzig Freikarten ausgegeben.“
„Das genügt auch", sagte das Fräulein. „Wenn der Portier im Saal die Karten immer wieder einsammelt und sie auf der Straße von neuem verteilt, ist das Theater bald voll".
Brother lehnte sich gegen die Wand. „Schuft!“ flüsterte er, „Betrüger!" And dann laut: „Der Portier soll sofort kommen."
Aber der Portier kam nicht. Er war längst auf und davon.
Brother fiel auf einen Stuhl. „Mein Gott", murmelte er. „nicht auszudenken! Wenn nun die Zwanzigpfund-Vote. die ich ihm gegeben habe, auch noch echt gewesen wäre!"


