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Kr. .78 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Donnerstag, H. Zebruar 1929

Kaiserin Friedrich und die Tragödie der Sv Tage. Oer ehemalige Ke'ser über seine Mutter.

Dor kurzem ist in England eine Samm­lung von Driesen der ehemaligen Kaiserin Friedrich erschienen, der wegen ihres Wertes für die Beurteilung der Ereignisse und Personen, die darin be­sprochen werden, eine erhebliche geschicht­liche Bedeutung zukommt. Es ist daher zu begrüßen, daß letzt der Verlag für Kultur­politik in Berlin eine deutsche Liebersetzung dieser Sammlung veranstaltet hat, die ein interessantes Vorwort erhalten hat ouS der Feder deS SohneS der Kaiserin, deS ehemaligen Kaisers Wilhelm II. Wir ge­ben dieses Vorwort im nachstehenden wieder.

Meine Mutter, die Princess Royal, wie sie bei sich zu Hause, am Hos und im englischen Volk genannt wurde, kam nach Deutschland als eine blühende, durch chre Schönheit alle bestrickende hohe Dame, deren große geistige Begabung und Bedeutung sich sofort überall Geltung verschaf­fen mußte. Sic kam aus einem Land, bas mit dem Kontinent innerlich nur wenig zu tun hatte, das seit Jahrhunderten ein eigenes Leben ge­führt und eine eigne Entwicklung gehabt hatte, anders als die Lieberlieferung und das Wachs­tum des Landes waren, in das sie einzog. Die Lust großer Staatsmänner, häufiger ge­deihend aus dem nebligen, tnselreichen Boden als anderswo, die Lust eines in selbständiger Politik erzogenen und seine Söhne immer weiter erziehenden Volks hatte fie stets umweht. Die Princess Royal war die Tochter einer großen, alles überragenden Königin, die, bedeutender als Katharina von Rußland und glücklicher als die Kaiserin Maria Theresia, im Reichtum des mächtigsten Dolles der Erde, das sich ihr in Verehrung beugte, einem ganzen Zeitalter das Gepräge gab. Von der Königin Viktoria von England hat meine Mutter viele Gaben geerbt, und zu dem mütterlichen Erbteil kam noch daS väterliche Erbe eines so hochbedeu­tenden Mannes, wie es der Prinzgemahl war. Die westliche. Demokratie, wie fie im reinsten Sinne in der großen Königin und in ihrem Gemahl lebte, mu-ß von selbst auch in der Princess Royal jungen Seele sein, die alle Fort­schrittsideen lebhaft bewegten, sowie chr starker Intellekt sie feurig ausgenommen hatte. Sie hatte viel gelernt als Kind, sie sprach mehrere Sprachen so gut wie daS Englische, sie hatte eine so gewandte Art, sich schriftlich ouszudrücken und faßte schon als junges Mädchen politische Pro­bleme ihrer Heimat so glänzend aus, daß ihr Vater, der Prinzgemahl, sie bald alS feinen besten Sekretär verwandte. Aus dem freien, ungezwungenen Verkehr mit den großen Fa­milien des Landes, aus der behaglichen Art, wie man damals schon längst in England lebte, lam meine Mutter, glühend vor Liebe zu dem Manne, den sie sich erwählt hatte, glühend vor Tatendrang, dem Land zu nützen, in das ihr hoher Gemahl sie führte, in die neue preußische Heimat.

Sch habe oft daran gedacht, wenn ich mir die Gefühle meiner Mutter dabei vorstellte, wie einst dem ersten Kurfürsten von Brandenburg zu­mute sein mußte, als er aus einem ganz andern, südlich sonnigen Lande, mit reichen Städten und längst blü"erö>en Kulturen nach dem ernsten, stren­gen Rorden hinaufgezogen war. Die neue Kron­prinzessin von Preußen richtete sich bald ein, zumal es sich im kargern, nicht wie England reichen Preußen schließlich gleichfalls leben lieh. Anders aber als mit Aeußerlichkeiten eines Hos- haltes, mit der Geselligkeit und den Annehm- üchleiten des täglichen Lebens, verhielt es sich mit dem Wesen der neuen politischen Atmosphäre, die jetzt der Lebensinhalt der Kronprinzessin lein mußte. Die Preußen waren keine Engländer. Sie hatten eine andre Geschichte, andre Ver­gangenheit, andre Lleberlieserungen, ihr Staat war anders' gewachsen und geworden alS der englische Staat, sie waren kontinental. Sie hat-

ten einen andern Königsbegrisi. Die Klassere begriffe und die Klassenunterschiede waren andre als In England. Die Kronprinzessin sah und muhte sehen, daß daS preußische Voll viele Dinge nicht ober noch nicht hatte, die in ihrer Heimat altgewohnt und selbstverständlich waren. Mit Feuereiser ging meine Mutter daran, in der neuen Heimat alleS für den Bau eines VolkS- glülleS vorzubereiten, waS nach ihrer englischen Erziehung, Lieberzeugung und Weltanschauung allein das Dolksglück ausmachen konnte. Sie liebte meinen Vater abgöttisch, der selbst die westliche Entwicklung der Völker mit Sympathie ansah und fortschrittlichen Reigungen auch für die eigne Heimat aus Lieberzeugung huldigte, von ihm mit nicht geringerer Leidenschaft, als sie für ihn hatte, aus den Händen getragen. Es ist möglich, dah manches Wort meiner Mutter nicht ohne Einwirkung aus politische Erwägun­gen meines Vaters waren. Aber durchaus selb­ständig, im Denken und Handeln rasch und be­stimmt, ist er, auch In der Zeit seiner Krankheit zu seinen entscheidenden Entschlüssen zweifellos von selbst gekommen. Da meine Eltern in jeder Beziehung harmonierten, in ihrer Zuneigung zu­einander, wie in den politischen Lieberzeugungen, wird es kaum je eine Differenz zwischen ihnen, denen gemeinsamer Liberalismus der Grundton war, gegeben haben. Manches mag meine Mutter vertieft und an englischen Beispielen und Vor­bildern ausgebaut haben. Sie waren wohl immer eins, oft freilich auf einer fremden Insel.

In dieser neuen Heimat der Princess Royal waren ganz andere Verhältnisse alS in England, und für das preußische Volk war es ganz natür­lich, dah preußische Männer seine Geschicke lenk­ten. Sie muhten so tun, wie es nach ihrer besten Lieberzeugung aus der Vergangenheit und Ge­genwart heraus für Preußens Zukunft am besten war. Meine Mutter hatte andre LLeberzeugun- gen, wie ein Volk zu führen sei, als mein Groß­vater, und eS sand sich von ihr, die in regem politischen Gedankenaustausch mit ihrem Vater stand, keine Drücke zu einem Manne, wie es der überlebensgroße, von einem alles beherrschenden Willen getragene Fürst Dismarck war. Ein Kronprinz hat immer eine besondere und sehr oft von Krisen umgebene Stellung, die aus seinen natürlichen Rechten entspringt. Zumal in un­ferm Hause hat sich das oft gezeigt. Mein Vater, um nicht weiter zurückzugreisen, hatte andre Auf­fassungen als König Wilhelm, und über manche Dinge dachte ich anders als mein Vater. Sn der großen krisenhaften Zeit um 1883 war cS so, dah drei Auffassungen nicht immer im Einklang waren: die des Kronprinzen, meine« Vaters, die meines Großvaters und die deS Sohnes des Kronprinzen. Sn diesen vielleicht unvermeidlichen Zwiespalt der sich zur Folge bestimmten Gene­rationen wurde meine Mutter mitgerissen. Sie stand schon in glanzvollen Tagen in der traditio­nellen Kronprinzenfror.be.

Mein Vater war ein ruhmgekrönter, vom Volke wegen feines Wesens, feiner Erscheinung und we­gen seiner wahren Menschlichkeit geliebter Fürst, ber das Reich hatte mit aufrichten helfen. Meine Mutter blühte auf in dem sonnigen reichen Glück, in dem sie mit ihm lebte. So lange mein Vater von Gesundheit strahlte, hatten die Gegensätze mit dem herrschenden System nur Kampflust aus­gelöst, nicht Ditterkeit oder gar noch mehr. Da kam der furchtbare, in feiner Tragik unerbittliche und unbarmherzige Schlag: mein Vater war ver­loren und dem Tode verfallen!

Damit beginnt der große, unendlich gramvolle Leidensweg meiner Mutter, ihr schmerzerfüllter, verzweifelter Kamps um Rettung, um Rettung des angebeteten Mannes und zugleich um ihren Lebensinhalt, um alles, warum sie auf dieser Erde zu sein glaubte. Sie hat nach verhältnis­mäßig kurzer Zeit klar erkannt, dah meinem Vater nur eine kurze Frist zum Leben vom Höch­sten beschieden war. Meine Mutter traf wie ein Dlih die Erkenntnis, dah sie als Herrscherin ihre

Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. In der Gesellschaft für Erd - und Völ­ler künde sprach am 7. Februar Privatdozent Dr. Hermann Lautensach aus Gießen über 'Portugal. Der Vortrag stützte sich auf die Stu­dien und Forschungen während zweier längerer 'leisen, die Dr. Lautensach in den beiden Dor- jchren unternommen hat.

Einleitend betonte der Vortragende die Bedeu- lung einer kulturellen und wirtschaftlichen An­näherung von Deutschland und Portugal und ging rann zur Behandlung der drei Grundpfeiler der Portugiesischen Kulturlandschaft über. Diese sind Las Relief samt seiner geologischen Struktur und feiner Verwitterungsdecke, das Klima und schließ- Ich der Mensch als das eigentlich aktive, die Kul­turlandschaft erzeugende und umgestaltende Ele­ment. Das Relief läßt drei Hauptteile Portu- «als erkennen: R o r d p o r 1 u g a l, aus hochge­legenen, von den Flüssen tief zerschnittenen Hoch­flächen und überragenden Kammgebirgen zusam­mengesetzt, nach Süden bis zur Serra de Guardunha nnb dem Tejo bei Abrantes reichend, Südpor - lugal, in dem niedrig gelegene, nur selten von Gebirgszügen unterbrochene Ebenen überwiegen, nnb Mittelküstenportugal, d. h. das Drei­er! Espinho-Abrantes-Lissobon. Die granitischen Gebirge Nordportugals find Wasferspeichcr, die ton­haltigen Schiefer der Altzeit der Erde dagegen Cuffen die Regengüsse oberflächlich abfließen und '^rhindern die Bildung eines krumigen Verwitte­rungsbodens. Verhängnisvoll für die portugiesische Landwirtschaft sind die weiten Bereiche von mio- iGnen und pliozänen Sanden im Becken des unteren Icjo und Soda in Südportugal. Das Klima zeitigt in Aordportugals Sommer kaum höhere Durchschnitts- Itmperaturen als das der heißesten Teile Deutsch­lands, zeichnet [ich jedoch überall durch milde Win­ter aus und befeuert nur den Gebirgen Nordpor- stigals eine alljährliche Schneedecke. Don einschnei- »enber Bebeutung für die Wirtschaft ist dex nahezu regenlose Hochsommer, dem ein sehr niederschlaas- reicher Winter gcgenübersteht. Die ssirtschaftspsycho- logische Einstellung des Portugiesen ist vor allem durch die im Berg.eich mit Mitteleuropa sehr starke Dllnberbemertung der Zeit charakterisiert. Aus ihr entspringt die große Neigung zum ständigen Plau­

dern und damit der Mangel an Führernaturen so­wie die Mattigkeit des wirtschaftlichen Lebens, kurz eine ausfällige Rückständigkeit, der aber versöhnend, ja beglückend, überall die Symptome derguten alten Zeit" zur Seite treten.

Nach einer kurzen Betrachtung der wichtigsten Siedlungstypen analysierte ber Vortragende die portugiesische Wirtschaftslandschaft. Der Landbau steht weit im Vordergrund. Der Por­tugiese besitzt vier Methoden, die Schäden der som­merlichen Trockenheit zu vermeiden: 1. künstliche Berieselung, besonders durch Fluhwasser, aus der ber Maisbau Nord- und der Reisbau Mittelküsten­portugals beruhen: 2. Anbau unserer heimischen Feldfrüchte, die hier vor dem Hochsommer reifen und daher ohne künstliche Bewässerung auskom­men (Weizen, Roggen, Kartoffeln): 3. Anvflcmzung von Fruchtbäumen, die das Grundwasier selbst her­aufholen (Del-, Mandel-, Feigen-, Johannisbrot-, Apfelsinenbäumen, japanische Mispeln, Edelkasta­nien): 4. Anpflanzung von Waldbäumen (Kork- und Steineichen, Seestrandkiefern, australischen Eu­kalypten). Trotz sehr anerkennenswerter Anstren­gungen der Forstbehörde, die Küstendünen und Gebirgshöhen aufzuforsten, sind noch 43 Prozent des portugiesischen Bodens DeNanb.

Etwa vier Prozent der portugiesischen Bevölke­rung widmen sich dem Fischfang, der sich nicht nur in den größeren Häfen konzentriert, sondern überall an den portugiesischen Flachküsten betrieben wird, da man noch urtümliche, schön bemalte Boote verwendet, die alltäglich auf den Strand hinauf- gezogen werden. Die wichtigsten Nutzfische sind Sardine, Tunfisch, Seehecht und eine Salmart. Die beiden erstgenannten dienen einer umfänglichen Konseroenindustrie.

Die Heimindustrie (Kleineisenlndustrie, Stroh- und Espartoslechterei, Hutsabrikation, Woll- wederei) ist eine wichtige Erzeugungswirtschaft, die manchen landwirtschaftlichen Bezirken einen aus­gesprochenen Sondercharakter verleiht. Die Groß­industrie konzentriert sich in den beiden Haupt­handels. und -Hafenstädten Lissabon und Porto, die zum Schluß des Vortrags, nach einer kurzen lieber- sicht über bas portugiesische Verkehrsnetz eine aus­führliche Würdigung erfuhren. Den fachlichen unb tiefschürfenden Ausführungen des Redners, die von ausgezeichneten Lichtbildern begleitet waren, folgten bis Zuhörer mit großem Interesse bis zum Ende.

Ideale nicht werbe verwirklichen können, ober baß fie nur ganz kurze Zeit ihrer Geltendmachung werde bienen können. Mit ihrem ganzen, großen Willen lehnte fie sich gegen ihr Geschick auf. Ein­mal scheint es und das war gewiß auch so als wäre nur die Erhaltung des geliebten Man­nes ihr oberstes Gebot. Sie will ihn nur im Sü­den genesen wissen, sie selbst will immer um ihn fein. Das natürliche Recht ber Frau ist jetzt ihr erstes Gesetz. Sie weist die Forderungen, jede Einmischung zurück, bie der Staat an die Frage ber Erhaltung des Thronerben stellt. Aber m bem Derzweislungskamps mit dem Tode um Gat­ten und Lebensglück kommt doch die endgültige Erkenntnis: Zu spät! In den schweren Gram gräbt sich zugleich bie Verbitterung. Das Le­bensglück ist verloren unb auch bie Lebensarbeit. Meine Mutter war alle Zeit ein sehr starkes, von menschlichen unb geistigen Tiefen her leiben- schaftlich bewegtes Temperament, daS sich in normalen Tagen selten Zügel anlegte, wenn sie Dinge aussprach. Jetzt hatten ihre Rerven, die sie so übermenschlich vor dem Kranken beherrschte, schwer gelitten. In England immer bereit, aus Lieberzeugung bereit, bie beste Deutsche zu fein, in Deutschlanb immer mit der Sehnsucht nach jenem andern, schönem England, sah sie nun überall Feinde, Abneigung gegen sich, ja selbst an Haß glaubte sie. Don dem schweren Zwie­spalt, in dem ihre Gesinnungen gegen die Gesin­nungen des Fürsten Bismarck standen und um­gekehrt, ging vieles auf bie einzelnen Gesell- schaftszirkel über, auf alle, bie mit Bewunderung

an bem Fürsten unb bem von ihm vollbrachten Werk hingen. Was an fie herankam, wirkte dop­pelt schwer. Sie war empsindlich. Alles ver­wundete sie. Sie war an schnelle Worte gewohnt und schrieb sie nieder. Sie sah alles düster, alles feindlich, sah Teilnahmlosigkeit unb Kälte, wo nur machtloses Schweigen war. Sie sagte scharf» Worte aus ihrem Temperament heraus über alle. In einem der Briefe An meine Großmutter, noch aus der Zeit des Glücks, heißt es:Ich kann nichts dafür, wenn ich bei solchen Gelegenheiten heftig werde und unangenehme Bemerkungen, bie ich höre, mit einer Vehemenz zurückgebe, die nicht immer klug ist. Solche Reden rühren einen wil­den Trotz in mir aus und bringen mich außei! Fassung." Meine Großmutter, erhaben und Bug, überlegen und in mütterlicher Güte weise, be­schwichtigte und überbrückte, wo sie konnte. Ofix* das unbarmherzige Schicksal hat an meiner Mut­ter zum Schluß alles mit Gram überschattet. Die Tragödie war vollendet, als ihr großer unb rei­cher, ruheloser und so unendlich vielseitiger Geist vor der LInmöglichkeit stand, zu säen, wie fto sich's einst dachte, unb zu ernten, waS fie einst erhoffte. Ob man ihr beistimmt, ob man ein andres Weltbild hat, nie darf man vergessen, daß sie das Schlimmste erfahren hat, das einer Für­stin beschieden sein kann. Darum fällt nichts auf sie Aurüd von bem, was fie oft zu LInrecht, oft in lernwilden Trotz" undaußer Fassung" schrieb. An Geist und edlem Wollen über den meisten ihrer Zeit, war sie die ärmste, unglück­lichste grau, bie jemals eine Krone trug.

Die Hungernden in der Kornkammer!

BeffarabienfordertAutonomie.80000MohammedanerverlaffendieOobrudscha!

Don unserem 8lc.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Bukarest, Februar 1929.

Eine der größten Kornkammern Südosteuropas, ein Gebiet, dessen Boden so fett ist, daß er niemals ge­düngt wird, ein Land von sprichwörtlicher Frucht­barkeit, auf dem bis zum Weltkriege der Segen der Erde ruhte, ist jetzt von einer schweren Hungersnot betroffen. 2He Bauern verzehren ihr letztes Saatgut und wißen nicht, woher sie das nötige Winterfutter für das Vieh nehmen sollen. Die Agenten der verschiedenen Schiffahrtsgesellschaf­ten haben ein leichtes Spiel. Tausende raffen ihre letzte Habe zusammen, um nach Uebersee auszuwandern, weil ihnen die Heimat keine Lebensmöglichkeit mehr bietet, die Verzweiflung in den Städten und Dörfern nimmt von Tag zu Tag zu, eine korrumpierte Beamtenschaft, die auch von der neuen, sonst so energischen Regierung des Dr. Julius M a n i u nicht beseitigt werden konnte, saugt der Bevölkerung das letzte Mark aus den Knochen... unb das Land, von dem hier die Rede ist, heißt Bessarabien!

Man erinnert sich an bas kürzlich erfolgte Pakt- angebot Sowietrußlands an Polen unb Litauen, ein Schritt, ber in ber ganzen diplomati­schen Welt großes Aussehen hervorrief und auch in Rumänien, das am meisten von Rußland be­droht ist, wie eine Sensation wirkte. Die rumänische Regierung ließ sofort erklären, daß sie zwar gern die Beziehungen mit Moskau aufnehmen würde, aber nur unter der Voraussetzung, daß Rußland den territorialen Besitzstand Rumäniens bedingungslos anerkenne. Moskau reagierte darauf nicht. Denn die Voraussetzung hieß in anderen Worten: Anerkennung oer Angliede­rung Bessarabiens an Rumänien. Dazu aber wird sich Rußland niemals verstehen! Es soll hier nicht untersucht werden, welche historischen unb politischen Rechte auf Besiarabicn größer sind, die Rußlands oder die Rumäniens eines steht fest: Rumänien hat dieses vormals unendlich reiche unb fruchtbare Gebiet durch eine bodenlose Miß­wirtschaft an den Abgrund gebracht.

Heute ist es soweit, daß man mit ausländi­schen Banken Verhandlungen wegen ber Ver­sorgung der am stärksten in Mitleidenschaft gezoge­nen Hungergebiete führt. Bezeichnenderweise sind

an der Sache bie Dresdner Bank und eine Wiener Getreidefirma beteiligt, bie der rumänischen Regie­rung einen größeren Millionenkredit zur Verfügung stellen. Der größere Teil des Kredites soll In Na­turallieferungen erfolgen, weil der S ch r e i na dj Brot alle anderen Bedürfnisse übertönt.

Die beffarabifdje Fraas hat außer ihrem außen­politischen Gesicht auch einen bemerkenswerten, inneren Ausdruck gewonnen, der vielleicht ber Auf­takt zu großen politischen Umwälzungen in Südost­europa werden kann. Die unmittelbar nach den letzten Wahlen begonnenen Bestrebungen des füh­renden dessarabischen Politikers Konstantin Stere, die dessarabischen Deputierten ohne Unterschied der Partei zu einem Klub zusammenzuschlie- ßen, wurden von Erfolg gekrönt. Nack) außen hin werden für die Gründung des bessarabischen Klubs verschiedene Erklärungen abgegeben, in Wirklichkeit handelt es sich um die ersten Versuche, Befsarabien aus der Abhängigkeit Rumäniens zu befreien unb eine gewisse Autonomie zu erreichen.

Erst in den letzten Tagen wurde bekannt, daß hi Bessarabien auch außerhalb der 15 Kilometer-Zone (an der russischen Grenze), woewiger Belage- rungszuftand" verhängt ist, besonders in den Städ­ten das grauenvolle System der Zensur und Spitzele» weiter wütet. Gewisse Militärs, die bisher hier schrankenlos geherrscht hatten, wehren sich gegen die von ber Bevölkerung geforderte Aufhebung des Be­lagerungszustandes. Und die Folge davon: über­füllte Gefängnisse, überhitzter Haß gegen die Regie­rung, heimlich lodernde Begeisterung für das Rus­sische, die schon darin zum Ausdruck kommt, daß fast alle Plakate unb sonstige geschäftliche und pri­vate Ankündigungen in Bessarabien ausschließlich in russischer Sprache gedruckt werden. Man mußte erst kürzlich von Bukarest die strenge Ver­ordnung erlassen, daß sämtliche Publikationen auch in rumänischer Sprache zu erfolgen haben...

Wie ich nun von durchaus verläßlicher Seite er­fahre, wurde dem Ministerpräsidenten Maniu ein in der Presse aus begreiflichen Gründen bisher nicht veröffentlichtes Memorandum überreicht, dem zwei­fellos eine große Bedeutung zukommt. Das Memo­randum ist von den in Amerika unb Europa leben- den organisierten beffarabifdjen Auswanderer­gruppen unterzeichnet unb gipfelt in der Forde-

Neues über Fontane.

3n der Preußischen Akademie der Wissenschaft ten sprach der Berliner Literarhistoriker, Pro- sessor Dr. Petersen überFontanes er­sten Berliner Gefellschastsroma n". Die Arbeit an dem Roman,Allerlei Glück", der sechs Bücher in drei Bänden umfasien sollte, liegt In den Jahren 18761879. Ein erster Ent- wurs, der die LleberschristNew Novel trägt, nimmt das Schicksal des Fräulein Ida von Wangenheim, die 1871 ins Kloster gegangen war, 5um Ausgangspunkt für den Grundgedan­ken.Es führen viele Wege nach Rom." In einer zweiten Phase des Planes werden drei Gesellschaftskreise, der büraersich-patrizische, der konsistorialrätlich-philosophische, der aristrkratisch- lebemännische in typischen Vertretern einander gegenübergestellt: in diese Kreise werden drei Freunde aus der Provinz eingeführt, von denen jeder einen anderen Lebensweg einschlägt, als ihm zugedacht war: der Iuristensohn wird Ma­ler, der Superintendentensohn Mönch, der Adlige Lebemann. Tiefes Schema erweitert sich durch ein Register von Originalen, die in besonderen Lieb­habereien, wie Reisen, Sammeln, Erfindun­gen, ihr Glück suchen. Der Roman heißt letzt Brose-Roman, denn als Hauptfigur tritt der Rentner Dr. Heinrich Drose hervor, in dem Fontane den Apotheker Wilhelm Rose, bei dem er in den Jahren 18361840 feine Lehrzeit durch­gemacht hatte, porträtiert. Der Streit des reise­lustigen Apothekers und seines Bruders, der germanistischer Llniversitätsprofessor ist, um die Entwicklung eines nach Berlin gekommenen Ref­fen, den der eine zum Weltmann, der andere zum Gelehrten erziehen will, wird nun das Hauptmotiv eines Dildungsromans. Der Held, dem ursprünglich die Künstlerlaufbahn zuge­dacht war, wird jetzt zeitweilig Archäologe, wo­bei an Valentin Rose, den Sohn des Profes­sors Gustav Rose, gedacht war. und schließlich Anglist. Er tritt aus unglücklicher Liebe eine Fahrt nych England an und folgt damit der Lei­tung deS einen Orckels, aber er kehrt zurück als Anglist und findet in der gelehrten Arbeit fein Glück. Aus dem Roman des Rebeneinander in Gutzkows Art wird jetzt ein Familienroman, in dem die vier Hauptpersonen zu Kindern von vier Schwestern gemacht werden. Die Künstler­

laufbahn wird jetzt einer werdenden Schauspie­lerin, die bie Tochter eines im Broseschen Hause wohnenden kleinen Beamten ist, zugeteilt. Damit wird ein neues Milieu erschlossen, das mit Ke­gelklub, Theaterschule, Dorstadttheater ins Ber­liner Kleinbürgertum einsührt, in dem wiederum eine Reihe von Originalen gefunden werden. Trotz aller Konzentrationsversuche herrscht in dem Roman eine zentrifugale Tendenz, und es sind nicht nur äußere Gründe, die dazu zwan­gen, die Arbeit siegenzulassen. Kleinere Erzählungen, wie sie mitSchach von Wu- thenow",Grete Minde",Ellernklipp" folg­ten, ließen sich leichter zum Vorabdruck bei Zeitschriften anbringen, aber auch Fontanes inneres Künstlertum drängte ihn mehr zur Ro- Delle. Viele Probleme und Motive des Romans sind die späteren Erzählungen (Schach von Wuthenow",Cecile",Stine",Errungen, Wir­rungen",Frau Jenny Trcibel",Efsi Briest". Stechlin") übergegangen, so daß dieser Plan seinen Rachkommen allerlei Glück brachte, wäh­rend ihm selbst die Vollendung nicht beschie­den war.

Ein Vornan Napoleons L

Ein Jugendroman Rapo.'eonsElision und Eugenie" wird demnächst in Warschau erscheinen, wo die Handschrift vor fünf Jahren in einer Privat-Bcbliothek entdeckt wurde. Der Roman besitzt weniger durch seinen dichterischen Wert als durch seine autobiographischen Bekenntnisse Be­deutung. Gr läßt uns einen Einblick tun in daS Seelenleben des jungen Rapoleon in den Tagrn, nachdem die Familie Bonaparte zuerst Korsika verlassen hatte. Rapoleons Bruder Joseph hatte in Marseille Julie Clarh, die Tochter eines reichen Kaufmanns geheiratet: in ihre Schwester Desirse verliebte sich Rapoleon und unterhielt mit ihr während der Monate, die er In Paris auf eine mi.itärische Verwendung wartete, einen lebhaften Briefwechsel, während er zugleich Jo­seph bestürmte, für ihn bei der jungen Dame zu werben. Der Roman spiegelt diese Erlebnisse drs späteren Kaisers. Bald danach trat dann Jo­sephine in seinen Gesichtskreis, und bas DUd der Desiree verblaßte. ®ie Geliebte seiner Jugend hat dann später Bernadotte geheiratet, der bat Thron von Schweden bestieg. /