Ausgabe 
13.8.1929
 
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Dienstag, 13. August |929

<79. Jahrgang

Nr. 188 Erstes Blatt

mung.

Briand

Der Reichswirtschastsmimster gegen einen Abbau der Sachlieferungen

Haag, 12. Aug. (TU. Funkspruch.) Die geheime Sitzung des politischen Ausschusses hat am Montag von den technischen Fragen der Rheinlandräu­mung ausgehend wieder zu einer gröberen Aus­sprache über die grundsätzlichen politischen Fra­gen gesührr. Das Thema der Sitzung war aus- schlieblich die E i ns e h u n g e i n e s S a ch v e r - ständigenausschusses für die mit der Räumung zusammenhängenden Fragen: 1. Räu­mungstermin, 2. finanzielle Fragen der Räu»

brauche, sobald sich zeige, bafc die Gegenseite gruno- sählich seine Forderung als berechtig! anerkenne. Ob Snowden in Uebereinstimmung mit dem Ka­binett und im Interesse der Rettung der Konfe­renz allerdings wesentliche Zugeständnisse machen wird, erscheint nach wie vor höchst unwahrschein­lich. Der Gedanke der Vertagung der Konfe­renz bis zum Herbst findet in maßgebenden Krei- sen wenig Gegenliebe. e

pertinax meldet demDaily Telegraph- aus dem Haag: Da» wichtigste Ereignis des gestrigen Tages war zweifellos die Unterredung Snowdens am Vormittag vor Zusammentritt des Finanzausschusses mit dem belgischen Premier-minister. Das gemeinsame Eintre­ten houtarts und Snowdens für Vertagung bis Mittwoch wird aus diese Unterredung zu­rückgeführt. Das gilt als Beweis einer allgemeinen Besserung der Atmosphäre. Rach Mitteilung aus französischer Quelle ist ein Kommissions­vorschlag in Vorbereitung. England soll einen großen Teil des Rück st andes der deut­schen Annuitäten erhalten, der nach Be­friedigung der Ansprüche der Hauptmächte ver­bleibt. Rumänien, Südslawien, Griechenland und Portugal sollen durch Herabsetzung ihrer Kriegsschulden an andere Großmächte für den Verlust des erwähnten Rückstandes entschädigt werden. Der Haager Sonderkorrespondent des Daily Lhronicle- erwartet, daß die Franzosen gegen Ende der Woche vorschlagen werben, die Finanz­kommission solle sich bis nach der Völker­bundssession vertagen. Der Korrespondent glaubt, daß dieser Vorschlag zweifellos Annahme finden werde.

Haag, 12.Aug. (TU. Eigner Drahtbericht.) Das lelegramm, das der englische Premierminister Macdonald an den Schahkanzler Snow­den gesandt hat, besagt, wie schon in einem Teil der gestrigen Auslage gemeldet, daß die Finanzkommission einen sehr ernsten Fehler machte, und daß die Aus­sichten für eine baldige Lösung sofort Schiffbruch er­leiden mühten, wenn man sich nicht endlich dazu ver­stehe, den Bericht der Sachverständigen zu revidieren und den rechtmäßigen Forde­rungen Englands entgegenzukommen.Alle Par­teien und Gruppen des Landes ohne Ausnahme unter st ühen die Sache, die Sie führen, jede Zeitung steht hinter Ihnen, und alle Parteien im Unterhouse unterstützen Sie ebenfalls. Ich hoffe sehr ernstlich, daß Ihre Kol­legen in der Finanzkommission erkennen werden, daß sie die Lage in dem Sinne auszulegen haben, daß die elementarsten Erwägungen des fair play zwischen den beteiligten Ländern eineRevisiongewls- ser Lmpsehlungen des Berichtes erfor­dern. Unsere bisherige Aktion für das Zustande­kommen einer Regelung der europäischen Verhält­nisse auf der Grundlage guten Willens beweist, daß wir wünschen, daß die Konferenz Erfolg hat, und zwar sowohl auf politischem wie auf finanziellem Gebiete, aber wir haben die Grenze der un­gerechten Laftenverteilung erreicht."

Das Telegramm RZacdonalds an Snowden wird auch amtlich als eine Rückendeckung für den Schahkanzler bezeichnet. Es fei ein sehr be­deutsames Eingreifen und habe einen günstigen Einfluß im Haag ausgeübt. Der englifche Stand­punkt wird als unverändert bezeichnet. Doch wird hinzugefügt, daß Snowden nicht starr auf feinen Forderungen zu beharren

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Der Quotenkampf wird vertagt

Macdonalds Telegramm als Rückendeckung für den Schahkanzler.

genossen?

Die Wahrheit: Philipp Snowden ist ein Be­sessener. Er denkt natürlich ebensowenig da­ran, Stresemann Stecken und Stab zu leihen, I tote er ganz bestimmt nicht im stillen Kämmer­lein mit den Franzosen zusammenkommt, ehe er sie in halböffentlicher Sitzung vernichtet. Er denkt wenn wir nicht sehr irren, überhaupt cm nichts anderes als an sein eigenes buisineß. Qln dieses aber mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei international agierenden Engländern ein­malig ist. Es gibt vielleicht einen einigen Kon­ferenzdiplomaten auf der weiten Welt, der em ebenso zäher und aus innerster Rbtigung in­transigenter Verhandlungspartner ist, wie der britische Schahkanzler: das ist Paul-Don- cour, die Schande der französischen Sozial­demokratie. Cs ist in allen Hotelhallen der hohen Politik bekannt, daß kein europäischer Staats- mann mehr geneigt ist, sich mit diesem Paul- Dvncvur an den Verhandlungstisch zu setzen. " Paul-Cheri", so nennt der Spott der Boule­vards den alten Bonvivant, kann seiner innersten Ratur nach nicht einlenken. Seine kalten blauen Augen irren ausdruckslos ins Leere, wenn ir­gendeine Besprechung am kritischen Punkt an- I aelangt ist, da ein kompromisselndes Emlenken allein mag es auch nur von formaler Bedeu­tung fein, ihr über die gefährliche Klippe hm- wcghelfen könnte. Er ist nicht imstande, einzulenken. Sein Advolatenehrgeiz vertragt es nicht. So kommt es, nebenbei bemerkt, daß Paul» Cheri sacht, aber entschieden aus allen inter­nationalen Verhandlungen a u s g e s ch a l t e t wurde, in denen er vor mehreren Jahren noch eine bedeutsame Rolle spielte. Ganz em ach aus der auch in Paris sich durchsetzenden Erkenntnis ! daß die Zeiten vorbei sind, da.die.Eitelkeit eines Advokaten den Gang der Geschichte be­stimmen konnte.

Run soll der ehrenwerte Mister Snowden ge- wih nicht durch einen Vergleich mit Paul-Bon- cour beleidigt werden. Will man aber die poli­tische Krise vom Haag erkennen, muß man fie vor allem in der Persönlichkeit des britischen Schahkanzlers suchen. Auch dieser kann in diesem einzigen wenngleich ent­scheidendem Punkt, dem eben geschilderten Paul- ©beri nicht unähnlich, ganz einfach nicht ein- lenken. Er ist, eben wurde es gesagt, em Be­sessener. Vielleicht liegt das auch an feiner phy­sischen Beschaffenheit. Es ist kein Geheimnis, daß Snowden sich nur auf zwei Krücken gestützt fort- Lewcgen kann, und auch dies nur sehr mühsam. Llnd es ist eine alte Erfahrung, daß körperlich Gehemmte die g-tShrNchllen D-rhandl>mgsI-°et. ner sind und die allerbesten Hasser. Dabei ist Snowdens Persönlichkeit, trotz ferner überaus trockenen, beinahe hemdärmeligen Art, cmch bei volitifchen Widersachern sehr beliebt. Er gilt bei Freund und Feind als die crJte Autori­tät öom Haag. Gar nicht unmöglich, daß die Geschichte einmal von derSnowden-Konferenz ^Änn der^Schatzkanzler sich zu^Oort mdbet hält ein Saal, der von Cxzellenzherren voll^ pfropft ist, peinlich, vielleicht sogar ängstlich den Litern an. Alle Welt hängt an feinen Lippen- obwohl kaum einer von den Herren am balbrun den Tisch auch nur ein Wort feiner Rede ve steht. Sein Englisch ist nuancenarm wie blut- leer, hauchleife. Gar Nicht auf oratorische Wir-

Der Haager Korrespondent des Arbeiterblattes ®ailij Herald" meldet: Die britische Forderung nach sofortiger und bedingungsloser Räumung ist unverändert. Der Korrespondent meint, ein beträchtlicher Teil der französischen Einwände gegen völlige Räumung innerhalb einer bestimmten und kurzen Frist könnten da- durch beseitigt werden, daß die deutsche Regie­rung die Entschädigung ihrer Bür­ger in einer Anzahl von Fällen von Ersatzfor­derungen übernähme oder sich mit einer. Pauschal- summe als Entschädigung zufrieden gebe.

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Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich. Lange; für Feuilleton Dr.H.Thyriot; für den übrigen Teil (Ern^. Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämUich in Gießen.

Snowden und CH6ron haben sich im Haag wieder vertragen, sie haben sich offiziell die Hand geschüttelt, nachdem Herr Charon davon Kenntnis genommen hatte, daß die Bezeichnungen , grotesk und lächerlich ui öer englischen Sprache keine persönliche Kränkung enthalten Der diplomattsche Bierjunge, der hier in der Luft hing, ist also Mcklich vermieden tiror- ben und man kann sich weiter sachlich unter­halten. Dabei hat Herr Snowden, der sich in­zwischen von M a c d o n a l d ein Telegramm be­stellte mit hundertprozentiger Rückendeckung, sich damit einverstanden erklärt, daß iM Augenblick nicht mehr über die Verteilung, der deutschen Zahlungen, sondern über die für chn ebenso wichttge Frage der Sachlieferungen ver­bandelt wird, die ja nun in sehr viel höherem Matze Deutschland angeht. Dr. C u r t i u s scheint in seiner Rede nachgeholt zu haben, ipaö bisher versäumt wurde, indem er auf die wirt­schaftliche und finanzielle Zwangslage Deutschlands aufmerksam machte, für die bisher niemand im Haag ein Wort gehabt hat. Saä reiche England weint fünfzig Millionen nach, wahrend das arme Deutschland zweieinhalb Mil-

Oie Räumungsdebaite im Haag.

Briand macht Schwierigkeiten. - Henderson vermittelt. - Eine private Besprechung

hing abgeftelU. Pointen läßt er unter den Tisch fallen, statt sie hinzuschmettern, wie es die hohe Schule der Rhetorik einst verlangte. Wie ein gu­ter Schauspieler steigert er feine Wirkung da­durch, datz er die Höhepunkte abfchwächt. Dabei hat Mister Snowden ganz gewiß nirgendwo tech­nisch gelernt, wie die Sache mit der rednerischen Wirkung gemacht wird. Es kommt Ihm auf Wir­kungen scheinbar blutwenig an. Diese Engländer, auch wenn sie der Arbeiterpartei angehören und gelegentlich irgend etwas Unverbindliches über Gleichberechtigung der Rationen sagen, find zu entscheiden, nicht zu wirken gewohnt.

Manches hat Philipp Snowden bereits ent­schieden. Beabsichttgt war von einer sehr vor­sichtigen Konferenzleitung, einer Generalaus- spräche über den Poungplan aus dem Wege zu gehen und sich sofort mit konkreten Einzelheiten zn beschäftigen, um so den von England be­

kämpften Quotenschlüssel stillschweigend zur Dis» kusslonsgrundlage zu machen. Rur ein Paar offi­zielle Liebenswürdigkeiten hätten zuvor noch aus- getauscht werden sollen. Als aber Snowden ei der ersten Sitzung der Finanzkommission das Wort erbat, war von offizieller Liebenswürdig- leit überhaupt keine Rede mehr. Mit souveräner Verachtung ging er über die Regieanerkennung hinweg direkt zur Tagesordnung über. Und diese Tagesordnung lautet für ihn ganz allein: Eng­land will einen höheren Repara- 11onsanteil. Alle anderen Erwägungen ha- ben hinter diese zurüchutreten. Snowden hat gesprochen, die Sache ist erledigt.

Run, die Sache ist noch immer nicht ganz erledigt, und es wird noch sehr viel Wasser an den Dünen von Scheveningen sich brechen, ehe sie bereinigt sein wird. Philipp der Zweite, nein Philipp Snowden ist gemeint, die unver­

kennbare Ähnlichkeit entschuldigt wohl die Ver­wechselung Philipp Snowden aber ist der festen Ueberzeugung, daß alles weitere Gerede überflüssig sei, nun sein Standpunkt fest- stünde. Er will keine weiteren Opfer mehr brin­gen. Chäron, fein weihbärtiger, behäbiger Ge­genspieler, Ehrenbürger zahlreicher französischer Provinzstädte, derzeit Finanzminister, desglei­chen. Portugal, Rumänien, Griechenland alle sind sie an ihrer .Opfergrenze" an­gelangt Lind selbst der ewig stumme kleine Adatschi, Präsident des Dölkerbundsrates, den die ältesten Genfer Stammgäste bisher nur schweigen und lächeln sahen, steht plötzlich mit der mannhaften Erklärung auf, die Opfer, die Japan gebracht hätte, seien unerträglich. Rur von den Opfern Deutschlands hat bis­her noch kein Mensch gesprochen...

liarben jährlich zahlen soll, das reiche England fühlt sich durch deutsche Sachlieferungen be­droht I Dr. Eurtius hat den Engländern einmal eine Rechnung aufgemacht und ihnen gezeigt, wie groß der Kapitalverlust, aber auch der Verlust unseres Handels gewesen ist. Wir können eben nur in Sachlieferungen zahlen. Auch Herr Snowden sollte eigentlich einsehen, datz in Bar­geld so ungeheuerliche Summen aus der deut­schen Wirtschaft nicht hrrauszuholen sind. Will er die Sachlieferungen stoppen, dann wird er eben die deutschen Zahlungen kappen müssen. Aber damit ist er ja auch wieder nicht ein­

versuchte die technischen Schwierigkeiten der Räu­mung vorzuschieben und die endgültige Klärung der Räumungssrage hinauszuziehen. Er betonte sehr stark, die nach feiner Auffassung bestehende Gefahr, daß der Polittsche Ausschuß infolge des vorgeschrittenen Standes der Ver­handlungen zu einem praktischen Ergebnis gelan­gen würde, bevor der Finanzausschuß zum Abschluß gekommen fei. Hierdurch würde sich nach französischer Ansicht die Gefahr einer Prä­judizierung der finanziellen Ber- handlungen ergeben. Von französischer Seite wird somit nach wie vor mit großer Hartnäckig­keit die Auffassung vertreten, daß ein e n b g u l - tiger Räumungsbeschluh von dem Ergebnis derfinanzielle nV erlaub- langen der Konferenz abhänge. Dri-- and wies darauf hin, datz der Polittsche Aus­schuß in feinen Arbeiten schon weit vorgeschritten sei. Briand beklagte sich darüber, wie schwer die Desahungstruppen unter dem letzten rheinischenWintergeli tte n hätten und daß eine Räumung im Winter für die Truppen klimatisch unzuträglich sei.Es liegt in Ihrer Hand, den Truppen einen zweiten Winter im Rhei nlande zu ersparen", antwortete schlagfertig der deutsche Außenminister. Allgemeine Heiterkeit war die Antwort und der Vorsitzende Henderson klopfte den neben ihm sitzenden Briand mit einem jovialen Lachen auf die Schulter.

Stresemann

erklärte mit größter Entschiedenheit, daß eine Annahme des Voung planes für Deutschland ohne eine völlige und sofortige Räumung völlig undenk­bar fei. Die Räumung fei kein finanziel­les Geschäft mit Leistung und Gegenleistung, sondern eine Forderung der völkerrechtlichen Ethik. Die Welt würde das Ergebnis dieser Kon­ferenz nach dem politischen Ergebnis beur­teilen. Dieser ausgedehnte Dialog zwischen Strese- mann und Briand wurde von

Henderson

mit der Bemerkung abgeschlossen, daß die Aus­sprache zwischen Stresemann und Briand diese Fragen nicht gefördert habe. Aus biefem Grunde mache er den Vorschlag, daß die Hauptdelegierten der vier an der Räu­mung beteiligten Mächte, England, Deutsch­land Frankreich und Belgien, Dienstagnachmll- Eag 'um 4 Uhr am Sitz der englischen Abordnung zu einer Privat e n Be­sprechung zus ammentreten sollten. Be­vor die Verhandlungen im politischen Ausschuß weitergeführt würden, fei es notwendig, daß zwischen den vier Hauptbeteiligten eine grund­sätzliche Einigung über das Datum und die Durchführung der Räumung er^elt werde. In dieser Besprechung solle ferner daru^r be­raten werden, ob ein ober zwei Ausschüsse für die Räumung des Rheinlandes zu ernennen, ob sie auch politische Weisungen erhalten sollten und welches Datum für den Beginn der Räu­mung in Aussicht zu nehmen sei.

Der englische Aaunmngsentschluß Ohne Rücksicht auf das Ergebnis der Haager Konferenz.

London, 13. Aug. (WTD. Funkspruch.) Der diplomattsche Korrespondent des »Daily graph" erfährt von maßgebender Seite, daß die brittschen Desatzungstruppen Ende dieses Jahres aus dem Rheinlande zurück­gezogen sein werden, und zwar vhne Ruck - sicht auf das Ergebnis der Haager Konferenz. Dieser Beschluß fei den alliier-

Oer Fall Snowden.

Drahtbericht unsere« »-Sonderberichterstatters.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Den Haag, 12. Aug. 1929.

Cs ist anzunehmen, daß Philipp Snow­den in den nächsten Wochen alle guten Konferenzgeister mögen uns davor bewahren, datz Monate aus diesen Wochen werden der meistzitterte Staatsmann beider Kontinente sein wird. Die Engländer jubeln ihm in einer Ein­mütigkeit zu, wie sie feit Lloyd Georges Khaki- wahlen keinem brittschen Sterblichen zuteil ward. Die Franzosen hassen ihn, wie eben nur diese Nation tigretine, um des Tigers Clemenceau Wort über seine eigenen Landsleute zu wieder­holen, zu hassen vermag. Selbstle docteur Schacht", gewiß für die Franzosen der 3nbe- griff alles Dösen auf Erden und jener Mann zugleich der ganz bestimmt die Alleinschuld am Weltkrieg trägt, man wird es ihm schon ein­mal Nachweisen selbst er ist populär unter den französischen Delegierten im Haag, an der un­beschreiblichen, sagen wir es höflich: Unpopulari­tät gemessen, deren der britische Schahkanzler sich unter seinen lieben Bundesgenossen vom an­deren Ufer des Kanals erfreutEr ist ein Erzverräter!" sagte mir mit allem Pa- Hos sittlicher Entrüstung (schlietzlich geht es ja auch um beinahe achtundvierzig Millionen Goldmark, man hat also allen Anlaß, die fitt- liche Entrüstung zu strapazieren) einer der her­vorragendsten sranzösischen Konferenzteilnehmer. Uns Deutschen erscheint der sehr ehrenwerte Mister Snowden natürlich, wie alles andere auf der Weit, vom Preiskegeln bis zur Schaffung Paneuropas als ein Problem, mit bemrnan sich weltanschaulich auseinandersehen muh. Was gelegentlich in der denkbar weltfremdesten Art geschieht Da war gestern in einem großen und sonst sehr gescheiten Blatt zu lesen, der britische Schahkanzler fei »Stecken und Stab der deutschen Vertreter. Er hat, nach die» fer freundlichen Auffassung, die einzige bren­nende Sehnsucht, uns Deutschen die Kastanien aus dem Feuer von Briands Rede herauszuholen. Was aber ist die Wahrheit über diesen my­steriösesten und zweifellos interessantesten Zell­

ten Regierungen und der deutschen Regierung entweder schon mitgeteilt worden oder werde ihnen unverzüglich mitgeteilt werden, möglicherweise im Haag durch Henderson per­sönlich. Rach Ansicht, maßgebender englischer Juristen würde die Zurückziehung der britischen Mitglieder derRhein- landkommission die legale Existenz der Kommission vernichten, denn nach der Rhein­landkonvention könnten der französische und der belgische Kommissar ohne ihre britischen Kolle­gen sich nicht als Rheinlandkommission be- zeichnen.

Giesjemr Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

vruck und Verlag: vrühl'sche Untoerfltäts-Bufy und Zteindruckerei K Lange in Metzen. Schriftlettung und Geschastrstelle: Lchnlstratze 7.

verstanden.

England

und die Reparationskohle.

Zn Italien kerne Konkurrenz.

Haag, 12. Aug. (WTD.) Die heuttge Dor. mittagsfitzung des Finanzausschusses behandelt« die Frage der Sachlieferungen. Reichs­minister Dr. C u r t i u s und der italienische Dele­gierte Pirelli machten dazu längere Aus-