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Aus der Provinzialhaupistadi.

Gießen, den 13. Juli 1929.

Dorbeifahrende V Züge.

Don meinem Schlafzimmerfenster aus kann ich Va der Ferne die Eisenbahnschienen sehen. Jeden ^bend, zwischen zehn und elf. wenn ich mich zur Ruhe begeben will, und am offenen Fenster roch die kühle Rachtluft einatme, fahren kurz Hintereinander zwei Schnellzüge vorbei. Ich höre as rauschen in der stillen Dacht, warte und 16alb erscheint ein Lichtkegel, dann die leuchtenden -Dogen. Einzelne Köpfe sind erkennbar schon M alles vorüber. Wie eine feurige Schlange verschwindet der Zug im Dunkel.

Wie oft schon habe ich diesen nächtlichen Zugen --.achgeschaut, ohne an Desondereszu denken, ohne irgendein bestimmtes Gefühl. Wenn über die Därmen Sommernächte kommen, steigt doch eine Helfe Unruhe in mir auf, die sich von L,ag zu Tag steigert. Reisesehnsucht, stelle ich ziern- I!ich sachlich fest, als ob ich Arzt Ware und unich soeben untersucht hätte. Ja, und mein Ur- Diub beginnt doch erst in fünf Wochen! Also zunächst ins Bett. Morzen ist auch noch ein -Xag. Aber ich höre das Rauschen des Schnell­zuges auch am Tage, sehe im Geiste die hell- ar^uchteten Wagen, in jeder Pause, die mir Sic Arbeit läßt. Ich greife zu meinen Lieb- Ulngsbüchern. Komme ich erst zu den Roman­tikern, dann wird es schlimm. Oder glaubt jemand, Daß uns die Verse von Eichendorff die Reile- sfrhnsucht vertreiben?

Es schienen so golden die Sterne, am Fenster ich einsam stand und hörte aus weiter Ferne ein Posthorn im stillen Land. Tas Herz mir im Leib entbrennte, da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte, in der prächtigen Sommernacht! ' Wohl gibt es kein Posthorn mehr, wohl ist mancher Zauber, von dem uns die Romantiker erzählen, verschwunden, für immer; aber heute laben wir doch für vieles einen sehr schonen Ersah. Ich denke mir das Reisen im O-Zug tausendmal angenehmer als das Fahren in einer »berfüllten Postkutsche über holperige Straßen. "Ind wenn ich Lichter wäre, würde ich dem M-Zug einen Gesang widmen, der die Eichendorfs- ßhen Gedichte vom Posthorn, von verschlafenen Brunnen, Marmorbildern usw. in den Schatten ^teilen sollte. .

3a, es ist eine Lust, mit solchen Zugen zu fahren! Wenn man Glück hat und irgendwo um Fenster ankommen kann, hat man sein Lese- »ischchen, kann von Zeit zu Zeit hinausschauen auf die deutschen Lande, wird mehrmals daran erinnert, daß wir im Speisewagen auch für Einser leibliches Wohl sorgen können, und wenn fric Rächt kommt, stehen uns weiche Betten zur Verfügung. Will man keinen Gebrauch davon machen, tarnt man auch in seinem Abteil schla- ßen. Man wird selten gestört. Das Licht kann »msgeschaltet werden. Am Morgen aber kann man sich wieder vorschriftsmäßig waschen Mas haben wir doch für schlimme Zeiten im Hrieg und in der Rachkriegszeit in unseren L-Zügen mitgemacht! dann kommt schon der Kellner und fragt, was wir wünschen. Ist das «icht romantisch? Wie im Schlaraffenland?

Ich habe einen Freund, dem geht es ebenso fcie mir. Wenn er denReisekoller", wie er ^ich ausdrückt hat, nimmt er seine Aufgabensamm­lung vor (er ist Mathematiker) und rechnet an einigen Gleichungen mit recht viel Unbekannten Return, oder geht an ein Kreuzworträtsel, das er gestern nicht lösen konnte. Reulich hat er sogar ausgerechnet, welchen Gewinn seine Lebensver­

sicherungsgesellschaft hätte, wenn er hundert Jahre alt würde. Rach einigen Stunden hätte er Ruhe, sagt er. Aber am andern Tag wirds wieder kommen. Ich kenne das.

Am schlimmsten aber war mein Heimweh nach den Bergen oder der rauschenden See, als ich dieser Tage zufällig am Bahnhof Zeuge ward, wie eine Schar Kinder nach einem Erholungsheim an der Ostsee abreiste. Die Ansammlung von Menschen lockte mich an, und als ich hinzutrat, sah ich die Eltern und die Kinder mit Ruck­säcken. Schliehkörben usw. Aus den Augen der Kleinen leuchtete ein hoffender, freudiger Glanz. Was werden wir alles erleben! Für manche mag es die erste größere Bahnfahrt gewesen fein. Tief bedrückt standen einige Mütter da. Gaben sie doch ihr einziges für sechs Wochen hini All die Gedanken, die sie sich in den letzten Tagen gemacht hatten, sie stürmten noch einmal auf sie ein. besonders auch, weil etliche red­selige Damen es nicht lassen konnten, so ein wenig wehleidig zu tun. Werden sie auch glücklich an­kommen? Wird keins herausfallen oder beim Oeffnen der Türen gequetscht werden? Ach Gott, und in Berlin? Dann waren wieder einige, me die begleitenden Pflegerinnen mit Fragen be­stürmten, andere hörten hin, und die Unruhe ward immer größer . . .

Da lief der Zug ein. Ein besonderer Wagen ein ganz neuer O-Zugwagen war für die Kinder vorgesehen. Auf beiden Seiten ver­schlossen. Die Mütter atmeten auf. Es konnte keins verloren gehen. Hinein stürmten die Kin­der. Sie hingen am Fenster, jubelten, einige guckten scheu, sie waren vom Lande. Dann san­gen sie. Die Pflegerinnen gingen von einem Ab­teil zum anderen. Sie waren alle glänzend un­tergebracht.

Dann fuhr der Zug ab. Tränen in den Augen der Mütter, Freude in den Gesichtern der Kinder. Mit Hurra und Hallo zogen Knaben und Mädchen in die Weite ....

Ich wäre am liebsten mitgefahren, ilnfc an diesem Abend half mir kein Buch, keine Zeit­schrift. Die Unruhe, die Reisesehnsucht hatte sich so fest eingekrallt, daß ich immer wieder an diese jubelnden Kinder denken muhte.

Ach, wer da mitreifen konnte in der prächtigen Sommernacht!

Doch Geduld muß man haben, der Sommer ist noch nicht zu Ende, und warten können!, hat einst einer an dieser Stelle geschrieben. Ich will es ihm nachtun. Ich. will die paar Wochen noch warten und will jeden Abend die vor- beifährenden Züge betrachten und denken: In dreißig Tagen ... in zehn Tagen . . . in drei Tagen habt ihr mich als Fahrgast I R. K.

Bornotizen.

Tageskalender für Samstag. Schützenfest: Rheinisch-humoristischer Abend, 20 Uhr. B. s. B. Monatsversammlung 20.30 Uhr im Vereinshaus. Kavallerie-Verein: Mo­natsversammlung 20.30 Uhr. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Hotelgeheimnisse",Von Hessens Hauptstadt ins Weserland (Kulturfilm)',Die Helden an der Spritze".

Tageslalender für Sonntag. Missionsfest, 9.30 Uhr: Gottesdienst in der alten Friedhofskapelle. Schützenfest: nachmittags Konzert, Luftballon-Aufstieg, abends: Großes Militärkonzert, Feuerwerk, Zapfenstreich, Tanz. Lichtspielhaus Bahnhofstraße:Hotelgeheim­nisse",Von Hessens Hauptstadt ins Weserland , Die Helden an der Spritze".

StadttheaterGießen. Am Dienstag, 16. Juli, wird nach längerer Pause, wie uns aus dem Stadttheaterbureau geschrieben wird, eines der bekanntesten Lustspiele von Roderich Bene»

dix,Die zärtlichen Verwandten", wieder aufgeführt werden. Benedix, der selbst Schauspieler war, ist einer der produktivsten Dra­matiker gewesen. Seine Stücke bildeten früher den Stamm des Luftspielrepertoires und sind zum Teil in 13 Sprachen überseht worden.

Fertigstellung weiterer Rvt- wohnungen bei der Margarethen­hütte. In den nächsten Tagen werden bei der Margarethenhütte weitere zweiunddreißig Rot­wohnungen so weit fertiggestellt fein, daß sie in Kürze bezogen werden können. Insgesamt sind dort in den letzten Jahren, mit den jetzt zu be­ziehenden, dreiundneunzig Rotwohnungen entstan­den. Wie man von maßgebender Stelle hört, reicht aber diese Zahl noch nicht aus, und man beabsichtigt, weitere Rotwohnungen zu errichten.

** Die Museen sind am morgigen Sonntag von 11 bis 13 41hr geöffnet.

** Oberhessischer Kun st Verein. Die Gleiberg-Ausstellung ist morgen Sonn­tag, 14. Juli, von 11 bis 13 Ähr zum letztenmal geöffnet.

** Born Schützenfest. Die Festleitung veran­staltet heute abend in der Valkshalle einen rheini- schen Abend. Der Stimmungsfänger Carl chauth, vom Mainzer Karneval her bekannt, wird mit rhei­nischem Sang und Humor einen großen Teil des Programms bestreiten. Am Sonntag findet als Ab­schluß des sportlichen Teils zwischen zwei ausge- wahlten Konzerten die Preisverteilung des 30. Ver­bandsschießens statt. Nachmittags wird Elvira Wil- fon, mit den Füßen am Ballon hängend, auf dem Festplatz einen Freiflug unternehmen. Die Füllung des Ballons fängt um 3 Uhr an. Die Musik wird nicht, wie irrtümlich in der Anzeige vom Freitag mitgeteilt wurde, von der Kapelle des hiesigen Ba­taillons ausgeführt, sondern von der Kapelle Topp. Den Zapfenstreich bestreiten die Kapellen Weller, Topp und Krengel unter Leitung des Dirigenten Weller. Ein Brillant-Feuerwerk leitet zum Tanz über. Der Juxplatz bietet Gelegenheit zur Unter­haltung. (Siehe heutige Anzeige.)

"DieSchußzeit fürCnten inHessen. Der hessische Minister des Innern hat auf Grund des Artikels 29 des Iagdstrafgesehes den Beginn der Schuhzeit für Enten für das laufende Iagd- jahr auf den 15. Juli festgesetzt.

Die ehern. Angehörigen des Ins.- R e g. 2 5 (von Lühow), sowie von dessen Kriegs­formationen (Res. 25, Landwehr 25 und 6. Ula­nen: beabsichtigen, sich zu einer Gießener Orts­gruppe zusammenzuschließen. Eine morgen, Sonn­tag. nachmittag zu diesem Zweck 'stattfindende Besprechung soll sich auch mit der Teilnahme am Lützow-Appell in Rastatt Anfang August beschäftigen. (Räheres in der heutigen Anzeige.) " DieBerufsaussichten für Chemi­ker. Der Verein Deutscher Chemiker hat sich, wie er mitteilt, kürzlich eingehend mit der Frage der Berufsaussichten für Chemiker beschäftigt. 2m Zusammenhang mit den Erörterungen über die Ueberfüllung in den akademischen Berufen ist mehrfach davon die Rede gewesen, daß die Zu­kunftsaussichten für den Chemiestudenten recht erfolgreich seien. In der Mitteilung des Vereins Deutscher Chemiker heißt es zu dieser Frage u. a.: Eine aus Hochschullehrern, Leitern chemischer Werke und angestellten Chemikern zusammen­gesetzte und hierfür berufene Kommission kam nach eingehender Beratung zu der Feststellung, daß zur Zeit noch eine starke Berufsüberfüllung besteht. Es ist zu erwarten, daß diese in den nächsten Jahren zurückgehen wird, sofern die allgemeine wirtschaftliche Lage Deutschlands sich befriedigend gestaltet. Insgesamt bietet bei diesen Verhältnissen die Chemie interessierten jungen Leuten voraussichtlich befriedigendere Aussichten, als es in den letzten Jahren der Fall war. Das

erhebliche Mittel erfordernde Studium der Chemie sollte indessen nur dann gewählt werden, wenn eine solche besondere Eignung vorhanden ist. Eine Abwanderung der Chemiestudiercnden von den großen, oft überfüllten Hochschulen nach den kleineren wird nicht nur als im Interesse gleich­mäßiger Verteilung der Studierenden, sondern auch im Interesse der Studierenden liegend er­achtet, da der kleinere Kreis von Schülern eine mehr persönliche Ausbildung erleichtert.

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Die Wetterlage.

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Wettervoraussage.

Die herrschende Druckverteilung tiefer Druck im Rvrden und Osten, hoher Druck im Westen hat in Deutschland eine Zufuhr kühler Luft her­beigeführt. Sie verursacht bei ihrem Aufgleiten auf die kontinentale Warmluft allenthalben Be­wölkung. Auch wird vielfach Neigung zu Ge­witterstörungen dabei bestehen. Die Tempera­turen erfahren einen geringen Rückgang. Das westliche Hoch greift jedoch immer mehr nach dem Festlande über und wird später wieder mehr Aufheiterung bringen.

Wettervoraussage für Sonntag: Zunächst noch wolkiges Wetter, später wieder mehr aufheiternd, vorübergehend leichte Abküh­lung, Reigung zu Gewitterstörungen.

Wettervoraussage für Montag: Meist heiteres, wolkiges und meist trockenes Wetter.

Lufttemperaturen am 12. Juli: mittags 25 Grad Celsius, abends 18,8 Grad; am 13. Juli: morgens 18,7 Grad. Maximum 25,6 Grad, Minimum 12,8 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 12. Juli: abends 24,8 Grad; am 13. Juli: morgens 18,2 Grad Celsius.

Verantwortlich für Politik: i.V. Ernst Blumschein.

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Nochmals-

Es gißt nach wie vor