Ausgabe 
13.4.1929
 
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Nr. 86 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 13. April (926

Fori mit dem ListenwahlWem!

Von Dr. Alfred Vrodauf.

Der Verfasser hat bis zu den Maiwahlen 1928 dem Deutschen Reichstage als Mitglied der demokratischen Rcichstagsfraktion ange- hört. Die jetzt so oielfod) erhobene Forde- rung nach einer Aenderung des Wahlsystems bat er schon damals in Wort und Schrift aufgestellt.

Wir stehen in Deutschland in einer Krise des Parlamentarismus. Zehn Monate sind seit den letzten Reichstagswahlen vergangen, der neue Reichs­tag hat schon fast ein Drittel der durchschnittlichen Lebensdauer seiner drei Vorgänger hinter sich, und eben erst ist es möglich geworden, eine Parteikoa- lition, die eine feste Regierungsmehrheit darstellt, zusammenzubringen. Die Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, sind letzten Endes eine Folge des W a h l s y st e m s mit seiner dezentralisierenden, parteizersplillernden Wirkung. Wenn solchen ge- radezu blamablen Vorgängen bei den Versuchen der Regierungsbildung, wie wir sie nicht bloß im Reich, sondern auch vielfach schon in den deutschen Ländern gesehen haben, für die Zukunft vorgebeugt werden soll, so muß vor alleni an die Wahlreform heran- gcganaen werden, die schon deswegen kommen muß, weil dos, was wir jetzt in DeutschlandWahl" nennen, genau besehen, recht wenig mit einer Wahl zu tun hat, wenn man darunter Führer- auslese durch das Volk versteht.

Was wir jetzt in Deutschland Wahl nennen, ift in Wirklichkeit nur ein Zerrbild von einer Wahl. Bei einer wirklichen Wahl darf e r st die A b - st i m m u n g am Wahltag ergeben, wer in das Parlament einzieht. Das war der Fall bei den Rcichstagswahlen vor dem Krieg. Wohl gab es schon damals eine Anzahl Wahlkreise, wo der Aus­gang der Wahl mit großer Wahrscheinlichkeit vor- auszusehcn war, immerhin waren auch in solchen Kreisen Ueberraschungen nicht ausaeschlossen. Bei dem geltenden Listenwahlsystem ist zum großen Teil schon der Aufstellungsakt entschei­dend für die Zugehörigkeit zum neuen Parlament: bei etwa 300 der Kandidaten, die bei Reichstags- wählen auf die Lifte gesetzt werden, bedeutet die No- Minderung auf der Liste tatsächlich schon die Ernen­nung zum Abgeordneten. Wer von einer großen Partei auf eine der ersten Stellen ihrer Wahlkreis- liaste gesetzt wird, ist faktisch damit schonge- wählt", ohne daß er bei der Wahlbeweaung einen Finger zu rühren brauchte. Beispielsweise steht bei der stärksten Partei, der sozialdemokratischen, in fast allen Streifen schon durch die Nominierung fest, daß die ersten drei bis vier der Liste dem neuen Reichstage wieder anaehören werden, der Wahltag bringt nur die Entscheidung darüber, wie viel von den nachfolgenden auf der Liste noch in den Reichstag einziehen werden.

Was wir jetztWahl" nennen,ist in Wirklichkeit nur eine amtliche Zählung der einzel­nen Parteien, verbunden mit Ernen­nung der Abgeordneten durch die Parteiinstanzen." Der Wähler trifft nicht die Entscheidung für eine Person die Kandidaten können sich ja bei dem Umfang der Wahlkreise nur in einem kleinen Bruchteil der Orte vorstellen sondern für eine Partei. Dabei wird es für ihn mit dem Wachsen der Zahl der Parteien, einer ganz natürlichen Folge eben des zersplitternd wirkenden Systems, immer schwerer, die einzelnen Parteien nach Wesen und Zielen aus­einander zu halten. Die Versammlungsmüdigkeit, die bei jeder neuen Wahl immer mehr in die Er­scheinung tritt, ist nur eine Folge des unpopulären Wahlsystems. Als weitere Folge hat sich auch mel- fach schon eine starke Wahlmüdigkeit gezeigt, so bet den letzten Reichstagswahlen in Württemberg, wo nur 60 v. S). der Wähler an die Urne traten. Reges Interesse an Wahlversammlungen und an der Wahl selbst werden weitere Kreise erst dann wieder neh­men, wenn sich wieder in kleinen Wahlkrei­sen nicht Listen, sondern Einzelkan­didaten gegenüberstehen iverden, die dann auch

Zeitseele.

Von Rudolf G. Binding.

Die Zeit ist nüchtern und wach. Durch un- g eh euere Erschütterungen und Ernüchterungen sind die Menschen wie au« dem Schlafe oder einem Zustand der UmDämmerung in ein Helles nnd grelles Licht gerissen. Alle Schleier sind gefallen. Die Zeit hat nicht nur tu geistigen Schichten Angst vor Illusionen. Sie will Klar­heit selbst auf die Gefahr hin, daß ihr eigenes sich enthüllendes Antlitz hart, unschön, retzlos in dieser Klarheit erscheine. Sie steht der Wirk­lichkeit ehrlicher und sogar empfänglicher gegen­über als andere Zeiten. Wir. die wir aus dem großen Kriege heimkamen, gestehen uns, daß wir vor diesem Letzten erst ehrlich wurden. Die Ehr­lichkeit der Zeit ist auf dem Schlachtfeld geboren.

Ucbcrall ist aufgerissener nackter Grund. Das Leben hat offenbar keine Tiefe. Man tst sehr losgelöst. Die Vergangenhell tst nicht das worauf diese Zeit ruht. 'Siefc Zeit hat das Merkmal, keine Dergangenhell zu haben. Sie fußt nicht, wurzelt nicht. Die Betrachtung der Vergangen­heit ist wie die Betrachtung des Schauplatzes eines abgeschlossenen Dramas. Es ist fast, als ob eine andere Menschheit darin agiert.

Ein großes Bedürfnis nach Uinnittelbarswr Teilnahme an den menschlichen Dingen besteht. (Dies drückt sich selbst in Aeußerlichem aus: 'n Demonstrationen, großen Empfängen, Belustigun­gen, Kino, illustrierten Blättern.) Eine Lust, ;a cm gewisser Stolz großer gemeinsamer Ge­bundenheit durch taufend Strähnen des gemein­samen Schicksals, selbst des gemeinsamen Tages ist wach. Isolierung, Absonderung, Zurückgezo­genheit hat etwas Lächerliches bekommen, als stehe sie notwendig gegen das allgemeine Beste. Diese Gebundenheit ist tiefer und seelischer als die eines Sozialismus, ist feine Forderung (wie dieser) sondern aus dem Leben selbst geboren.

Der Mensch steht unter dem Andrang der Technik, unter der Drohung der Maschine. Die Zeit lächelt dazu. Sie wird nur äußerlich davon berührt. Wunder der Technik verlieren bald die Qualität des Wunders. Sie werden an den Ort gewiesen, wohin sie gehören" in den Ge­brauch : dem Leben dienend, nicht cs bestimmend.

ht der Lage sind, sich wenigstens in der überwie­genden Zahl der Orte des Wahlkreises den Wählern oorzustellen.

Man lieft und hört oft, daß in Deutschland der P a r t e i k l ü n g e l" herrsche. Hierin liegt ein Stück Wahrheit, insofern, als bei dem Listenwahl- fnftem die Abhängigkeit des Abgeordneten vom Mehrheitswillen der Partei und von den Führern eine größere ist, als bei dem System der Persön­lichkeitswahlen.

Wenn der Reichstag als ganzes und die einzelnen Abgeordneten, und dasselbe gilt für die Landtage, heute, wo doch die Macht der Parlamente gegen früher ungleich größer ift, ganz offenbar geringeres Ansehen genießen, als früher, so ist das auch mit eine Folge der Unpopularität des Wahlsystems, bet dem die persönliche Fühlung zwischen Ab­geordneten und Wöhlern verloren gehen mußte.

Die großen Wahlkreise mit der Listenwahl sind eingeführt worden, um dem Prinzip der Der- hältniswahlen Rechnung zu tragen. Wenn dieses Prinzip bei uns bis zum Tüpfelchen über demi" durchgeführt ift, so kann kein Zweifel mehr bestehen, daß dies zum Schaden des Parlamentarismus geschel)en ift. Soll das parlamentarische Systeni richtig funktionieren, so darf keine große Vielheit von Parteien bestehen. Die restlose Durchführung des Derhältnisgedankens führt aber gerade zu immer größerer Par ° teienzerfplitterung. Wir haben es schon wiederholt gesehen, wie Leute, denen es nicht ge­lang, auf einer der Listen der schon vorhandenen Partei einen guten Platz zu bekommen, einfach einenneuen Laden" aufmachten und mit eige­nen Listen auf den Plan traten. Für Stimm­zettel und ihre Verbreitung braucht ja nicht ge­sorgt zu werden, weil wir den amtlichen Stimm­zettel haben und mit diesem leider keine Kautelen gegen einen Mißbrauch geschaffen worden sind. Das Land mit dem ältesten Parlamentarismus, England, hat die Verhältniswahl nicht eingeführt und ist bei kleinen Wahlkreisen mit Persönlichkeitswahl Der»

Die Hast ist kein Merkmal unserer Zeit. Die Schnelligkeit ist es. Deshalb wird Langsames veraltet, gerät in ein faschcs Tempo.

Die, welche von zersetzenden Strebungen der Zeit reden, wissen freilich selten, was zersetzt ist. Zersetzt werden können nur Substanzen. Es erweisen sich Dinge als Fiktionen, Konstruk­tionen, Wesenlosigkeiten. Inhaltlosigkeiten, die keine oder nie eine Substanz hatten.

Lösung der Religion aus dem Staat bedeutet Lösung der Religion aus dem Leben. Dinge lösen sich aus dem Leben, wenn sich das Leben entfernt.

Völker sind vorgeschrittener, unbefangener, duldsamer, verständiger und innerlicher ver­bunden als die Ordner ihrer Beziehungen. Der Friede oder die Frieden, die die Be­ziehungen der Völker ordnen sollten, wurden lei­der nicht von denen abgeschlossen, die aufeinan­der geschossen hatten, d. h. also von solchen, die sich gelten ließen, sondern von Diplomaten und Staatsmännern voll der alten Befangenhei­ten mit den alten Mitteln der Verträge. S'ch gelten lassen' ist mehr, als sich vertragen. Denn es. ist aus die Dauer nützlicher als politischer Ruhen. Einander-gelten-lassen ist zugleich Er­ziehung zu innerer Sicherheit, zu innerer Größe, zu innerer Höhe, die eben weiß, daß man auch dem anderen etwas gilt. Hieraus beruht das Eigengewicht (Glück) eines Volkes! auf Ver­trägen beruht nur das relative, zeitweilige Ge­wicht (Prosperität und politische Machtstellung).

Dies ist ein Merkmal, aber zugleich auch ein Brandmal der Zeit, jener seltsam sengende Stem­pel des geringeren Wertes, den man den Völkern aufdrückt, obgleich sie es längst nicht mehr ver­dienen.

Alle Dinge sind fragwürdig geworden. Was nicht fragwürdig erscheint, danach hat man nur noch nicht gefragt. Auch das Bewußtsein der Menschen ward fragwürdig. Erschütterungen und Erwachen haben skeptisch gemacht. Der Zweifel ist Weisheit geworden.

Die Kühnheit der großen sicheren Geister, der großen Gläubigen wird vermißt: das ist eines der gewaltigsten Zeichen der Zeit. Das Gefühl der Gebundenheit und Verbundenheit aller menschlichen Dinge auf fragwürdigem Grunde dieses »Relativitätsgefühl des Lebens" - setzt

blieben, dort funktioniert der Parlamentarismus nach wie vor, in Deutschland ist man aber in eini­gen Ländern, so in Sachsen, Thüringen, Mecklen­burg, schon auf den Hund gekommen, und im Reich ist es nicht well davon.

Die Erkenntnis, daß der Proporz das parlamen­tarische System lahmlegt, wird sich in Deutsch­land schon noch durchsetzen. Jetzt wird die Zwei­drittel-Majorität zur Abänderung der die Verhält­niswahl vorschreibenden Derfasiungsbestimmung noch nicht zu erreichen sein. Aber es müßte mög­lich werden, daß wenigstens die gröbsten Mängel des gegenwärtigen Wahlsystems besei­tigt werden. Der frühere Reichsinnenminister Dr. Külz hatte bekanntlich einen Entwurf ausgearbei- tet, der unter Beibehaltung des Systems der Zu- fammenrechnung von Stimmen innerhalb größerer Einheiten die bestehenden großen Wahlkreise in Unterkreise zerlegte und für diese nur die Aufstel- lung von Einzelpersönlichkeiten, nicht von Listen zuließ. Wenn es Dr. Külz nicht gelang, seinen Ent- wirf an den Reichstag zu bringen, so lag das daran, daß sich schon in der damaligen Regierung der Widerstand auswirkte, der bisher immer im Reichstag vorhanden war. Zwar gab es wohl in allen Parteien Abgeordnete, die für eine Reform eintraten, im allgemeinen konnte man aber fest- stellen, daß sich die Abgeordneten, namentlich ihre Führer, nicht von dem Wahlsystem trennen wollten, das ihnen den Eingang ins Parlament verschafft hatte. Kommt keine Reform zustande, dann ist die Entwicklung der Dinge vorauszusagen: Immer mehr Parteien, immer größer die Zahl der Wahlvorschläge, immer größer die Schwierigkeit für den Wähler, sich über Wesen und Ziele der vielen Parteien zu informieren, immer größer die Unlust, an diese Informierung überhaupt heranzutreten, immer größer die Schwierigkeit in den Parlamen­ten, daß sich feste Mehrheiten zusammenfinden. Und am Ende steht derBankrattdesParlamen- tarismus, van dem wir wahrhaftig schon nicht mehr weit entfernt sind!

sich der Gläubigkeit, der Erfülltheit der Men­schen. entgegen. Das Relativitätsgeseh, die groß­artigste Schau der Welt im physikalisch-mathe­matischen Sinn, ist zugleich im Sinn der Seele der Zeit.

Der menschliche Geist, auf nichts mehr fußend, wird schweben müssen. Er schickt sich dazu an. Das Lebensbcwußtsein eines Menschen der Zeit ist unbewußt bereits das einer Schwebe, die fast der eines auf seinen Fittigen im Raume ruhen­den Vogels gleicht.

Nie Wölfe.

Von Liesbet Dill.

Auf der Durchreise durch Frankreich stieg ich in Lyon aus, der alten Stadt zwischen Rhone und Saone, wo die schönen Seiden gemacht we­ben, bas römischeLugdunun'", berühmt wegen seiner blutigen Aufstände 1793 gegen die Jako­biner, bei denen die Flüsse vom Blut rot ge­färbt wurden... Wenn ich nicht irre, hat Lyon unter Konrad II. einmal vorübergehend Den Deutschen gehört. Im 14. Jahrhundert tarn es erst wieder an Frankreich zurün. . Davon sind einige Spuren zurückgeblieden, denn der Haus­knecht in meinem Hotel sprach deutsch und fragte, ob ich auch aus Straßburg sei, denn da war auch er her...

Ich betrachtete mir Die schöne Stadt mit den weißblau rauschenden Flüssen, den stolzen Brücken und den wundervollen Kirchen. Dann suchte ich einen Rastplatz, eine Konditorei. Aber das ift, in diesen südlichen Ländern nicht so einfach. In den Cafvs" bekammt man alles, nur keinen Kaffee: in Konditoreien bekommt man die köstlichsten Kuchen, aber keinen Stuhl. Man ißt sie stehend oder nimmt sie mit. In den Tavernen, wo der Kaffee in den Biergläsern kredenzt wird, sitzt man an kleinen Marmor tischen auf offener Straße. Die vorüber fahrenden Straßenbahnen und Autos schleudern Staubwolken auf unsere Tische. End­lich fand ich doch einen Tisch am Fenster in der Ecke.

Eine Dame saß schon am Tisch. Hager, in Trauer, Witwe eines Advokaten. Sie bestellte eine Tasse Milch und einebrioche". Wegen ihres Magens etwas schwach.

Sie sind Amerikanerin?" eröffnete sie die Unterhaltung. Als sie hörte, ich käme aus Deutschland, machte sie große, schwarze, runde Augen. Aus Deutschland. Himmlischer Gott! So weit war ich gereist, um Lyon zu betrachten!

seS Bündnisses, das man jetzt nach dem ersten Vierteljahrhundert in England und Frankreich so lebhaft unterstrich, bewirkt und verschuldet zum allergrößten Teil die Erstarrung und Stagnation, in der sich die große Politik Europas nun schon feit mehreren Jahren be­findet, zum Schaden Europas und, wir wieder­holen es, zur Gefahr für seine_ Befriedung.

Wen glaubt Chamberlain darüber täusche,' zu können, wenn er sich gleichzeitig überraschend und demonstrativ mit Mussolini trifft? Die ita­lienische Presse sah etwas Bedeutungsvolles darin. Die französische kommentierte die Begeg­nung dahin, daß das französisch-englische Bünd­nis, gerade weil es so friedlich sei, herzliche Be­ziehungen zu Dritten nicht ausschlösse. Aber im Ernst kann kein Einsichtiger daran zweifeln, daß der Trick eines solchen Freundschaftsbesuchcs. den Chamberlain nun zum dritten Male gegenüber Mussolini anwandte, Italien in der großen Po­litik nicht einen Sch ritt vorwä r t s bringt. Er bedeutet nicht die geringste Verän­derung in der Lage, die eben gezeichnet wurde, und erinnert Italien nur daran, daß es der englisch-französischen Verbindung gegenüber und durch sie gefesselt ist und daß es durch sie geradezu machtlos, mindestens mattgeseht ist. Und damit ist es auch gehindert und gehemmt, sich neue und andere Orientierungen zu suchen. In den Jahren nach dem Krieg, als das möglich war, hat es den Weg dazu nicht gefunden. Heute drückt das englisch-französische Bündnis, das Frankreichs Vorherrschaft in Europa sichert, auch die italienische Außenpolitik in Erstarrung und Stagnation.

In dem amerikanischen Botschafter in Paris, Myrron T. Herrick, ist ein überzeugter An­hänger des Gedankens gestorben, daß in diesen englisch-französischen Konzern, in Krieg wie in Frieden, auch die Vereinigten Staaten gehörten. So ist dieser Todesfall, der das in Aussicht stehende Revirement in der ameritani- schen Diplomatie beschleunigen wird, vor allem für Frankreich ein großer Verlust. Denn schwer­lich wird und kann sich ein neuer amerikanischer Botschafter in Paris, so stark dessen Einfluß fast auf alle dort beglaubigten Diplomaten immer wirkt, so ohne Einschränkung auf den Standpunkt Frankreichs stellen, wie das Herrick getan hat. Dagegen spricht die Einstellung Hoovers und spre^n vor allem die Interessen Rordamerikas selbst. Es steht unter Hoovers Präsidentschaft vor dem Problem, den friedlichen Ausgleich mit den älteren Staatsgebilden Europas, d. h. in erster Linie mit England zu finden. Es ver­fügt dafür über eine gewaltige, wie man in Genf sagt,potentielle" Wacht. Aber es ver­fügt dazu noch nicht über die Klarheit und Sicherheit der weltpolitischen Orientierung und der dazu nötigen Methode und Praxis. Erst wenn die Union dazu gekommen sein wird, wird Europa vorausgesetzt, daß es überhaupt Den Weg friedlicher Weiterentwicklung gehen kann, wirklich au« der heutigen Stagnation und Erstarrung seiner großen Politik herauskommen.

Graf C o u d e n h o v e, der Begründer der Pan- europäischen Bewegung, hat an Hoover zu Ostern einen offenen Brief gerichtet. Er bittet Amerlla um moralische Unterstützung und aktive Sym­pathie zur Erleichterung und Beschleunigung der Einigung Europas. Wie soll der ame­rikanische Präsident das machen? Mit einem Europa, das von sich aus so wenig oder nichts tut, zu einer Verständigung und Einigung zu ge­langen? Das Hindernis im tiefsten ist doch eben wieder, daß Frankreich und England zu­sammenhalten, um die jetzige Ordnung, die sog. Ordnung der Pariser Friedensschlüsse zu kon­servieren, und daß vor allem wir und die anderen Besiegten mit dieser Ordnung nicht in einem Frieden, der dauern soll, leben können. Darum aber führt die Mitarbeit Rordamerikas, wie wir täglich mehr sehen, nicht zur Erleich-- terung einer Zusammenfassung Europas, wie Coudenhove sie konstruiert und erträumt, son- Seit dreißig Jahren lebte sie in dieser Stadt. Sie reifte niemals.

Jamais", sagte sie streng, denn die Welt da draußen gefiel ihr nicht mehr. Besonders die Jugend. Sie hob Die Augen gen Himmel, wäh­rend sie ihren trockenen Kuchen in d:' Milch brockte. ..Eine Jugend ohne Moral, ohne Ge­wissen, ohne Glauben. Kleider 6is_ an d.c Kn:e und darunter nichts, nichts..." Sic erkundigte sich, wie es bei uns aussähe. ob wir auch schone Gegenden hätten und was wir im Winter machten?

Ich sagte: dasselbe wie im Sommer... Aber es sei doch so außerordentlich kalt dort unten... Oh, dafür giot es ja Ocfcn, sagte ich.

Uno die Wolfe?" fragte sie schaudernd...

./Wie meinen...?"

Run, die Wölfe... die kamen doch in Deutsch­land im Winter bis in Die Dörfer und in stren­gen Wintern sogar bis in die Städte. Jawohl, das hatte sie gehört... und deshalb dachte sich die Dame aus Lyon das Leben in Deutschland nicht ohne Lebensgefahr...

Ein alter Lschorote stirbt.

Das Gran Chaco, das vor kurzem einen Krieg zwischen Bolivien und Paraguay ynauf-ubeickwö- ren drohte, wurde von einer deutschen Expedition erforscht. Ihr Leiter, der Münchener Professor Dr. Hans Krieg, berichtet Darüber im Aprilheft von Delhagcn & Klasings M vnatshe ft e n. Aus den vielen fesselnden Einzelheüen seiner Dar­stellung ift mit am. eindrucksvollsten, was er in einem Dorf von Tfd)orote'3nDinncrn erlebt Hal. Er kommt in eine abseitsstehende Hütte, einen düsteren Raum, Dem Löcher im Gczweigc der Wand ein dämmerig fahles Licht geben. Die Hütte ist leer. Sie hat nur etwa Drei Meter im Durchmesser. In Der Mitte sitzt auf Dem LehmboDen ein nackter alter Indianer.Er sieht." fährt Krieg fort,gegen mich her mit weit offenen Augen, die ganz ohne Aus­druck sind. Er sieht mich, er muß mich sehen, aber er beachtet mich nicht. Keine Falte seines zerknitter­ten Gesichts bewegt sich. Er hockt majestätisch Da mit gekreuzten Beinen. Die Arme hängen schlaff herab, daß die Knöchel sich lose auf Den Boden stützen. Dor ihm steht eine Kürbissd-ale mit Wasser. Nie habe ich ein Bild solch würdevoller Resignation gesehen. Und Die Würde war unbewußt, selbstoer- ftänblid). Und wir sagen pedantisch: sie haben eine primitive Kultur! Beschämt zog ich mich zurück und winkte den anderen ab. .Was hat er9* fragte ich Den begleitenden Indianer. ,Er stirbt/ sagte Der ganz einfach."

Sie Entente cordiale und die Mächte.

Außenpolitische Umschau.

Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. CR.

Am 2. April hat man in London und in Can­nes das 25jährige Bestehen der feg.Entente c o r d i a I e", des englisch-französischen Bünd­nisses mit betonten Kundgebungen gefeiert. Die Damalige Verbindung (Der eigentliche Tag ist der 8. April 1904) war tatsächlich, wie heute die Pa­riser Presse sagt, eines der wichtigsten Ereignisse im Beginn Des 20. Jahrhunderts. Eingeleitet durch das englisch-französische Bündnis von 1902 und gefolgt von Der englisch-russischen Verständigung von 1907 wurde und war sie tatsächlich das Kernstück der englischen Einkreisungspolitik ge­gen Deutschland. Aber der Erinnerungstag ift keineswegs nur eine historische Erinnerung. Er bezeichnet auch eine Realität allerersten Ranges in den Staatenbeziehungen Europas, der Welt überhaupt von heute.

Immer wieder kommen wir Daraus, zurück, auf Diese Wiederbelebung der zwischen Kriegsende und 1926 zurückgetretenen und gelockerten En­tente seit etwa dem Frühsomn'er 1927 zu ihrer heutigen Festigkeit, za Der intimen Zusammen­arbeit zwischen Chamberlain und Driand, die überall zu spüren ift. Wir kommen immer wie­der Darauf zurück, weil uns scheint, als fei man sich in Deutschland immer noch nicht überall und durchgängig dieser harten Tatsache und ihrer Fol­gen ganz bewußt.

W'r glauben, daß unter den englischen Staats­männern nach Kriegsende am ehesten Lloyd George und sicherlich Lord Curzon sich darüber klar waren, daß der Weg für die eng­lische Politik nun von Frankreich to eg -

führen müsse zu neuer und anderer Orien­tierung. 2lber Die englische Politik hat dazu Die Kraft und Die Fähigkeit nicht gesunden, und am allerwenigsten die des konservativen Kabinetts seit 1924. Chamberlain hat wohl allen Ernstes geglaubt, eine ArtEntente ä t r o i s zwischen England, Frankreich und Deutsch­land als neue Gliederung mitschaffen zu können. Und Darüber ift er Dahingekommen, daß jene Gespräche der Drei Außenminister heute gar nichts mehr bedeuten, daß die englisch- französischen Beziehungen in die alte Vorkriegs­bahn zurückgeglitten sind und daß Damit die eng­lische Politik ohne Erfolg verteidigt sich Cham­berlain gegen diesen Vorwurf im Kiel­wasser Frankreichs schwimmt!

Fragen wir gar nicht, warum die englische Politik sich so entwickelte, halten wir uns viel­mehr Die Tatsache vor Augen, daß dieses Bünd­nis toieDer in voller Kraft besteht und Die eu­ropäischen Staatenbeziehungen beherrscht? Die andere Seite nennt diese KonstellationDie ein­zige solide Grundlage, auf der ein versöhntes Europa aufgebaut werden könne!" Es ist also auch nach DemTemps". aus dem Dieser Sah stammt, noch nicht wieder auf gebaut! Unsere Meinung ist, daß ein solches Bündnis Das größte Hindernis für Versöhnung und Wiederaufbau in Europa ist und daß eine schwere Gefahr für Europas Frieden ebenso in ihm liegt wie in den gleichen Staatenbeziehungen vor Dem Weltkriege. Warum, das bleibe heute un­erörtert. Die Wiederbelebung und Existenz die-