Nr. 86 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 13. April (926
Fori mit dem ListenwahlWem!
Von Dr. Alfred Vrodauf.
Der Verfasser hat bis zu den Maiwahlen 1928 dem Deutschen Reichstage als Mitglied der demokratischen Rcichstagsfraktion ange- hört. Die jetzt so oielfod) erhobene Forde- rung nach einer Aenderung des Wahlsystems bat er schon damals in Wort und Schrift aufgestellt.
Wir stehen in Deutschland in einer Krise des Parlamentarismus. Zehn Monate sind seit den letzten Reichstagswahlen vergangen, der neue Reichstag hat schon fast ein Drittel der durchschnittlichen Lebensdauer seiner drei Vorgänger hinter sich, und eben erst ist es möglich geworden, eine Parteikoa- lition, die eine feste Regierungsmehrheit darstellt, zusammenzubringen. Die Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, sind letzten Endes eine Folge des W a h l s y st e m s mit seiner dezentralisierenden, parteizersplillernden Wirkung. Wenn solchen ge- radezu blamablen Vorgängen bei den Versuchen der Regierungsbildung, wie wir sie nicht bloß im Reich, sondern auch vielfach schon in den deutschen Ländern gesehen haben, für die Zukunft vorgebeugt werden soll, so muß vor alleni an die Wahlreform heran- gcganaen werden, die schon deswegen kommen muß, weil dos, was wir jetzt in Deutschland „Wahl" nennen, genau besehen, recht wenig mit einer Wahl zu tun hat, wenn man darunter Führer- auslese durch das Volk versteht.
Was wir jetzt in Deutschland Wahl nennen, ift in Wirklichkeit nur ein Zerrbild von einer Wahl. Bei einer wirklichen Wahl darf e r st die A b - st i m m u n g am Wahltag ergeben, wer in das Parlament einzieht. Das war der Fall bei den Rcichstagswahlen vor dem Krieg. Wohl gab es schon damals eine Anzahl Wahlkreise, wo der Ausgang der Wahl mit großer Wahrscheinlichkeit vor- auszusehcn war, immerhin waren auch in solchen Kreisen Ueberraschungen nicht ausaeschlossen. Bei dem geltenden Listenwahlsystem ist zum großen Teil schon der Aufstellungsakt entscheidend für die Zugehörigkeit zum neuen Parlament: bei etwa 300 der Kandidaten, die bei Reichstags- wählen auf die Lifte gesetzt werden, bedeutet die No- Minderung auf der Liste tatsächlich schon die Ernennung zum Abgeordneten. Wer von einer großen Partei auf eine der ersten Stellen ihrer Wahlkreis- liaste gesetzt wird, ist faktisch damit schon „ge- wählt", ohne daß er bei der Wahlbeweaung einen Finger zu rühren brauchte. Beispielsweise steht bei der stärksten Partei, der sozialdemokratischen, in fast allen Streifen schon durch die Nominierung fest, daß die ersten drei bis vier der Liste dem neuen Reichstage wieder anaehören werden, der Wahltag bringt nur die Entscheidung darüber, wie viel von den nachfolgenden auf der Liste noch in den Reichstag einziehen werden.
Was wir jetzt „Wahl" nennen, „ist in Wirklichkeit nur eine amtliche Zählung der einzelnen Parteien, verbunden mit Ernennung der Abgeordneten durch die Parteiinstanzen." Der Wähler trifft nicht die Entscheidung für eine Person — die Kandidaten können sich ja bei dem Umfang der Wahlkreise nur in einem kleinen Bruchteil der Orte vorstellen — sondern für eine Partei. Dabei wird es für ihn mit dem Wachsen der Zahl der Parteien, einer ganz natürlichen Folge eben des zersplitternd wirkenden Systems, immer schwerer, die einzelnen Parteien nach Wesen und Zielen auseinander zu halten. Die Versammlungsmüdigkeit, die bei jeder neuen Wahl immer mehr in die Erscheinung tritt, ist nur eine Folge des unpopulären Wahlsystems. Als weitere Folge hat sich auch mel- fach schon eine starke Wahlmüdigkeit gezeigt, so bet den letzten Reichstagswahlen in Württemberg, wo nur 60 v. S). der Wähler an die Urne traten. Reges Interesse an Wahlversammlungen und an der Wahl selbst werden weitere Kreise erst dann wieder nehmen, wenn sich wieder in kleinen Wahlkreisen nicht Listen, sondern Einzelkandidaten gegenüberstehen iverden, die dann auch
Zeitseele.
Von Rudolf G. Binding.
Die Zeit ist nüchtern und wach. Durch un- g eh euere Erschütterungen und Ernüchterungen sind die Menschen wie au« dem Schlafe oder einem Zustand der UmDämmerung in ein Helles nnd grelles Licht gerissen. Alle Schleier sind gefallen. Die Zeit hat nicht nur tu geistigen Schichten Angst vor Illusionen. Sie will Klarheit selbst auf die Gefahr hin, daß ihr eigenes sich enthüllendes Antlitz hart, unschön, retzlos in dieser Klarheit erscheine. Sie steht der Wirklichkeit ehrlicher und sogar empfänglicher gegenüber als andere Zeiten. Wir. die wir aus dem großen Kriege heimkamen, gestehen uns, daß wir vor diesem Letzten erst ehrlich wurden. Die Ehrlichkeit der Zeit ist auf dem Schlachtfeld geboren.
Ucbcrall ist aufgerissener nackter Grund. Das Leben hat offenbar keine Tiefe. Man tst sehr losgelöst. Die Vergangenhell tst nicht das worauf diese Zeit ruht. 'Siefc Zeit hat das Merkmal, keine Dergangenhell zu haben. Sie fußt nicht, wurzelt nicht. Die Betrachtung der Vergangenheit ist wie die Betrachtung des Schauplatzes eines abgeschlossenen Dramas. Es ist fast, als ob eine andere Menschheit darin agiert.
Ein großes Bedürfnis nach Uinnittelbarswr Teilnahme an den menschlichen Dingen besteht. (Dies drückt sich selbst in Aeußerlichem aus: 'n Demonstrationen, großen Empfängen, Belustigungen, Kino, illustrierten Blättern.) Eine Lust, ;a cm gewisser Stolz großer gemeinsamer Gebundenheit durch taufend Strähnen des gemeinsamen Schicksals, selbst des gemeinsamen Tages ist wach. Isolierung, Absonderung, Zurückgezogenheit hat etwas Lächerliches bekommen, als stehe sie notwendig gegen das allgemeine Beste. Diese Gebundenheit ist tiefer und seelischer als die eines Sozialismus, ist feine Forderung (wie dieser) sondern aus dem Leben selbst geboren.
Der Mensch steht unter dem Andrang der Technik, unter der Drohung der Maschine. Die Zeit lächelt dazu. Sie wird nur äußerlich davon berührt. Wunder der Technik verlieren bald die Qualität des Wunders. Sie werden an den Ort gewiesen, wohin sie gehören" in den Gebrauch : dem Leben dienend, nicht cs bestimmend.
ht der Lage sind, sich wenigstens in der überwiegenden Zahl der Orte des Wahlkreises den Wählern oorzustellen.
Man lieft und hört oft, daß in Deutschland der „P a r t e i k l ü n g e l" herrsche. Hierin liegt ein Stück Wahrheit, insofern, als bei dem Listenwahl- fnftem die Abhängigkeit des Abgeordneten vom Mehrheitswillen der Partei und von den Führern eine größere ist, als bei dem System der Persönlichkeitswahlen.
Wenn der Reichstag als ganzes und die einzelnen Abgeordneten, und dasselbe gilt für die Landtage, heute, wo doch die Macht der Parlamente gegen früher ungleich größer ift, ganz offenbar geringeres Ansehen genießen, als früher, so ist das auch mit eine Folge der Unpopularität des Wahlsystems, bet dem die persönliche Fühlung zwischen Abgeordneten und Wöhlern verloren gehen mußte.
Die großen Wahlkreise mit der Listenwahl sind eingeführt worden, um dem Prinzip der Der- hältniswahlen Rechnung zu tragen. Wenn dieses Prinzip bei uns bis zum Tüpfelchen über dem „i" durchgeführt ift, so kann kein Zweifel mehr bestehen, daß dies zum Schaden des Parlamentarismus geschel)en ift. Soll das parlamentarische Systeni richtig funktionieren, so darf keine große Vielheit von Parteien bestehen. Die restlose Durchführung des Derhältnisgedankens führt aber gerade zu immer größerer Par ° teienzerfplitterung. Wir haben es schon wiederholt gesehen, wie Leute, denen es nicht gelang, auf einer der Listen der schon vorhandenen Partei einen guten Platz zu bekommen, einfach einen „neuen Laden" aufmachten und mit eigenen Listen auf den Plan traten. Für Stimmzettel und ihre Verbreitung braucht ja nicht gesorgt zu werden, weil wir den amtlichen Stimmzettel haben und mit diesem leider keine Kautelen gegen einen Mißbrauch geschaffen worden sind. Das Land mit dem ältesten Parlamentarismus, England, hat die Verhältniswahl nicht eingeführt und ist bei kleinen Wahlkreisen mit Persönlichkeitswahl Der»
Die Hast ist kein Merkmal unserer Zeit. Die Schnelligkeit ist es. Deshalb wird Langsames veraltet, gerät in ein faschcs Tempo.
Die, welche von zersetzenden Strebungen der Zeit reden, wissen freilich selten, was zersetzt ist. Zersetzt werden können nur Substanzen. Es erweisen sich Dinge als Fiktionen, Konstruktionen, Wesenlosigkeiten. Inhaltlosigkeiten, die keine oder nie eine Substanz hatten.
Lösung der Religion aus dem Staat bedeutet Lösung der Religion aus dem Leben. Dinge lösen sich aus dem Leben, wenn sich das Leben entfernt.
Völker sind vorgeschrittener, unbefangener, duldsamer, verständiger und innerlicher verbunden als die Ordner ihrer Beziehungen. Der Friede oder die Frieden, die die Beziehungen der Völker ordnen sollten, wurden leider nicht von denen abgeschlossen, die aufeinander geschossen hatten, d. h. also von solchen, die sich gelten ließen, sondern von Diplomaten und Staatsmännern voll der alten Befangenheiten mit den alten Mitteln der Verträge. S'ch gelten lassen' ist mehr, als sich vertragen. Denn es. ist aus die Dauer nützlicher als politischer Ruhen. Einander-gelten-lassen ist zugleich Erziehung zu innerer Sicherheit, zu innerer Größe, zu innerer Höhe, die eben weiß, daß man auch dem anderen etwas gilt. Hieraus beruht das Eigengewicht (Glück) eines Volkes! auf Verträgen beruht nur das relative, zeitweilige Gewicht (Prosperität und politische Machtstellung).
Dies ist ein Merkmal, aber zugleich auch ein Brandmal der Zeit, jener seltsam sengende Stempel des geringeren Wertes, den man den Völkern aufdrückt, obgleich sie es längst nicht mehr verdienen.
Alle Dinge sind fragwürdig geworden. Was nicht fragwürdig erscheint, danach hat man nur noch nicht gefragt. Auch das Bewußtsein der Menschen ward fragwürdig. Erschütterungen und Erwachen haben skeptisch gemacht. Der Zweifel ist Weisheit geworden.
Die Kühnheit der großen sicheren Geister, der großen Gläubigen wird vermißt: das ist eines der gewaltigsten Zeichen der Zeit. Das Gefühl der Gebundenheit und Verbundenheit aller menschlichen Dinge auf fragwürdigem Grunde — dieses »Relativitätsgefühl des Lebens" - setzt
blieben, dort funktioniert der Parlamentarismus nach wie vor, in Deutschland ist man aber in einigen Ländern, so in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg, schon auf den Hund gekommen, und im Reich ist es nicht well davon.
Die Erkenntnis, daß der Proporz das parlamentarische System lahmlegt, wird sich in Deutschland schon noch durchsetzen. Jetzt wird die Zweidrittel-Majorität zur Abänderung der die Verhältniswahl vorschreibenden Derfasiungsbestimmung noch nicht zu erreichen sein. Aber es müßte möglich werden, daß wenigstens die gröbsten Mängel des gegenwärtigen Wahlsystems beseitigt werden. Der frühere Reichsinnenminister Dr. Külz hatte bekanntlich einen Entwurf ausgearbei- tet, der unter Beibehaltung des Systems der Zu- fammenrechnung von Stimmen innerhalb größerer Einheiten die bestehenden großen Wahlkreise in Unterkreise zerlegte und für diese nur die Aufstel- lung von Einzelpersönlichkeiten, nicht von Listen zuließ. Wenn es Dr. Külz nicht gelang, seinen Ent- wirf an den Reichstag zu bringen, so lag das daran, daß sich schon in der damaligen Regierung der Widerstand auswirkte, der bisher immer im Reichstag vorhanden war. Zwar gab es wohl in allen Parteien Abgeordnete, die für eine Reform eintraten, im allgemeinen konnte man aber fest- stellen, daß sich die Abgeordneten, namentlich ihre Führer, nicht von dem Wahlsystem trennen wollten, das ihnen den Eingang ins Parlament verschafft hatte. Kommt keine Reform zustande, dann ist die Entwicklung der Dinge vorauszusagen: Immer mehr Parteien, immer größer die Zahl der Wahlvorschläge, immer größer die Schwierigkeit für den Wähler, sich über Wesen und Ziele der vielen Parteien zu informieren, immer größer die Unlust, an diese Informierung überhaupt heranzutreten, immer größer die Schwierigkeit in den Parlamenten, daß sich feste Mehrheiten zusammenfinden. Und am Ende steht derBankrattdesParlamen- tarismus, van dem wir wahrhaftig schon nicht mehr weit entfernt sind!
sich der Gläubigkeit, der Erfülltheit der Menschen. entgegen. Das Relativitätsgeseh, die großartigste Schau der Welt im physikalisch-mathematischen Sinn, ist zugleich im Sinn der Seele der Zeit.
Der menschliche Geist, auf nichts mehr fußend, wird schweben müssen. Er schickt sich dazu an. Das Lebensbcwußtsein eines Menschen der Zeit ist unbewußt bereits das einer Schwebe, die fast der eines auf seinen Fittigen im Raume ruhenden Vogels gleicht.
Nie Wölfe.
Von Liesbet Dill.
Auf der Durchreise durch Frankreich stieg ich in Lyon aus, der alten Stadt zwischen Rhone und Saone, wo die schönen Seiden gemacht weben, bas römische „Lugdunun'", berühmt wegen seiner blutigen Aufstände 1793 gegen die Jakobiner, bei denen die Flüsse vom Blut rot gefärbt wurden... Wenn ich nicht irre, hat Lyon unter Konrad II. einmal vorübergehend Den Deutschen gehört. Im 14. Jahrhundert tarn es erst wieder an Frankreich zurün. . Davon sind einige Spuren zurückgeblieden, denn der Hausknecht in meinem Hotel sprach deutsch und fragte, ob ich auch aus Straßburg sei, denn da war auch er her...
Ich betrachtete mir Die schöne Stadt mit den weißblau rauschenden Flüssen, den stolzen Brücken und den wundervollen Kirchen. Dann suchte ich einen Rastplatz, eine Konditorei. Aber das ift, in diesen südlichen Ländern nicht so einfach. In den „Cafvs" bekammt man alles, nur keinen Kaffee: in Konditoreien bekommt man die köstlichsten Kuchen, aber keinen Stuhl. Man ißt sie stehend oder nimmt sie mit. In den Tavernen, wo der Kaffee in den Biergläsern kredenzt wird, sitzt man an kleinen Marmor tischen auf offener Straße. Die vorüber fahrenden Straßenbahnen und Autos schleudern Staubwolken auf unsere Tische. Endlich fand ich doch einen Tisch am Fenster in der Ecke.
Eine Dame saß schon am Tisch. Hager, in Trauer, Witwe eines Advokaten. Sie bestellte eine Tasse Milch und eine „brioche". Wegen ihres Magens etwas schwach.
„Sie sind Amerikanerin?" eröffnete sie die Unterhaltung. Als sie hörte, ich käme aus Deutschland, machte sie große, schwarze, runde Augen. Aus Deutschland. Himmlischer Gott! So weit war ich gereist, um Lyon zu betrachten!
seS Bündnisses, das man jetzt nach dem ersten Vierteljahrhundert in England und Frankreich so lebhaft unterstrich, bewirkt und verschuldet zum allergrößten Teil die Erstarrung und Stagnation, in der sich die große Politik Europas nun schon feit mehreren Jahren befindet, zum Schaden Europas und, wir wiederholen es, zur Gefahr für seine_ Befriedung.
Wen glaubt Chamberlain darüber täusche,' zu können, wenn er sich gleichzeitig überraschend und demonstrativ mit Mussolini trifft? Die italienische Presse sah etwas Bedeutungsvolles darin. Die französische kommentierte die Begegnung dahin, daß das französisch-englische Bündnis, gerade weil es so friedlich sei, herzliche Beziehungen zu Dritten nicht ausschlösse. Aber im Ernst kann kein Einsichtiger daran zweifeln, daß der Trick eines solchen Freundschaftsbesuchcs. den Chamberlain nun zum dritten Male gegenüber Mussolini anwandte, Italien in der großen Politik nicht einen Sch ritt vorwä r t s bringt. Er bedeutet nicht die geringste Veränderung in der Lage, die eben gezeichnet wurde, und erinnert Italien nur daran, daß es der englisch-französischen Verbindung gegenüber und durch sie gefesselt ist und daß es durch sie geradezu machtlos, mindestens mattgeseht ist. Und damit ist es auch gehindert und gehemmt, sich neue und andere Orientierungen zu suchen. In den Jahren nach dem Krieg, als das möglich war, hat es den Weg dazu nicht gefunden. Heute drückt das englisch-französische Bündnis, das Frankreichs Vorherrschaft in Europa sichert, auch die italienische Außenpolitik in Erstarrung und Stagnation.
In dem amerikanischen Botschafter in Paris, Myrron T. Herrick, ist ein überzeugter Anhänger des Gedankens gestorben, daß in diesen englisch-französischen Konzern, in Krieg wie in Frieden, auch die Vereinigten Staaten gehörten. So ist dieser Todesfall, der das in Aussicht stehende Revirement in der ameritani- schen Diplomatie beschleunigen wird, vor allem für Frankreich ein großer Verlust. Denn schwerlich wird und kann sich ein neuer amerikanischer Botschafter in Paris, so stark dessen Einfluß fast auf alle dort beglaubigten Diplomaten immer wirkt, so ohne Einschränkung auf den Standpunkt Frankreichs stellen, wie das Herrick getan hat. Dagegen spricht die Einstellung Hoovers und spre^n vor allem die Interessen Rordamerikas selbst. Es steht unter Hoovers Präsidentschaft vor dem Problem, den friedlichen Ausgleich mit den älteren Staatsgebilden Europas, d. h. in erster Linie mit England zu finden. Es verfügt dafür über eine gewaltige, wie man in Genf sagt, „potentielle" Wacht. Aber es verfügt dazu noch nicht über die Klarheit und Sicherheit der weltpolitischen Orientierung und der dazu nötigen Methode und Praxis. Erst wenn die Union dazu gekommen sein wird, wird Europa — vorausgesetzt, daß es überhaupt Den Weg friedlicher Weiterentwicklung gehen kann, — wirklich au« der heutigen Stagnation und Erstarrung seiner großen Politik herauskommen.
Graf C o u d e n h o v e, der Begründer der Pan- europäischen Bewegung, hat an Hoover zu Ostern einen offenen Brief gerichtet. Er bittet Amerlla um moralische Unterstützung und aktive Sympathie zur Erleichterung und Beschleunigung der Einigung Europas. Wie soll der amerikanische Präsident das machen? Mit einem Europa, das von sich aus so wenig oder nichts tut, zu einer Verständigung und Einigung zu gelangen? Das Hindernis im tiefsten ist doch eben wieder, daß Frankreich und England zusammenhalten, um die jetzige Ordnung, die sog. Ordnung der Pariser Friedensschlüsse zu konservieren, und daß vor allem wir und die anderen Besiegten mit dieser Ordnung nicht in einem Frieden, der dauern soll, leben können. Darum aber führt die Mitarbeit Rordamerikas, wie wir täglich mehr sehen, nicht zur Erleich-- terung einer Zusammenfassung Europas, wie Coudenhove sie konstruiert und erträumt, son- Seit dreißig Jahren lebte sie in dieser Stadt. Sie reifte niemals.
„Jamais", sagte sie streng, denn die Welt da draußen gefiel ihr nicht mehr. Besonders die Jugend. Sie hob Die Augen gen Himmel, während sie ihren trockenen Kuchen in d:' Milch brockte. ..Eine Jugend ohne Moral, ohne Gewissen, ohne Glauben. Kleider 6is_ an d.c Kn:e und darunter nichts, nichts..." Sic erkundigte sich, wie es bei uns aussähe. ob wir auch schone Gegenden hätten und was wir im Winter machten?
Ich sagte: dasselbe wie im Sommer... Aber es sei doch so außerordentlich kalt dort unten... Oh, dafür giot es ja Ocfcn, sagte ich.
„Uno die Wolfe?" fragte sie schaudernd...
./Wie meinen...?"
Run, die Wölfe... die kamen doch in Deutschland im Winter bis in Die Dörfer und in strengen Wintern sogar bis in die Städte. Jawohl, das hatte sie gehört... und deshalb dachte sich die Dame aus Lyon das Leben in Deutschland nicht ohne Lebensgefahr...
Ein alter Lschorote stirbt.
Das Gran Chaco, das vor kurzem einen Krieg zwischen Bolivien und Paraguay ynauf-ubeickwö- ren drohte, wurde von einer deutschen Expedition erforscht. Ihr Leiter, der Münchener Professor Dr. Hans Krieg, berichtet Darüber im Aprilheft von Delhagcn & Klasings M vnatshe ft e n. Aus den vielen fesselnden Einzelheüen seiner Darstellung ift mit am. eindrucksvollsten, was er in einem Dorf von Tfd)orote'3nDinncrn erlebt Hal. Er kommt in eine abseitsstehende Hütte, einen düsteren Raum, Dem Löcher im Gczweigc der Wand ein dämmerig fahles Licht geben. Die Hütte ist leer. Sie hat nur etwa Drei Meter im Durchmesser. In Der Mitte sitzt auf Dem LehmboDen ein nackter alter Indianer. „Er sieht." fährt Krieg fort, „gegen mich her mit weit offenen Augen, die ganz ohne Ausdruck sind. Er sieht mich, er muß mich sehen, aber er beachtet mich nicht. Keine Falte seines zerknitterten Gesichts bewegt sich. Er hockt majestätisch Da mit gekreuzten Beinen. Die Arme hängen schlaff herab, daß die Knöchel sich lose auf Den Boden stützen. Dor ihm steht eine Kürbissd-ale mit Wasser. Nie habe ich ein Bild solch würdevoller Resignation gesehen. Und Die Würde war unbewußt, selbstoer- ftänblid). Und wir sagen pedantisch: sie haben eine primitive Kultur! Beschämt zog ich mich zurück und winkte den anderen ab. .Was hat er9* fragte ich Den begleitenden Indianer. ,Er stirbt/ sagte Der ganz einfach."
Sie Entente cordiale und die Mächte.
Außenpolitische Umschau.
Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. CR.
Am 2. April hat man in London und in Cannes das 25jährige Bestehen der feg. „Entente c o r d i a I e", des englisch-französischen Bündnisses mit betonten Kundgebungen gefeiert. Die Damalige Verbindung (Der eigentliche Tag ist der 8. April 1904) war tatsächlich, wie heute die Pariser Presse sagt, eines der wichtigsten Ereignisse im Beginn Des 20. Jahrhunderts. Eingeleitet durch das englisch-französische Bündnis von 1902 und gefolgt von Der englisch-russischen Verständigung von 1907 wurde und war sie tatsächlich das Kernstück der englischen Einkreisungspolitik gegen Deutschland. Aber der Erinnerungstag ift keineswegs nur eine historische Erinnerung. Er bezeichnet auch eine Realität allerersten Ranges in den Staatenbeziehungen Europas, der Welt überhaupt von heute.
Immer wieder kommen wir Daraus, zurück, auf Diese Wiederbelebung der zwischen Kriegsende und 1926 zurückgetretenen und gelockerten Entente seit etwa dem Frühsomn'er 1927 zu ihrer heutigen Festigkeit, za Der intimen Zusammenarbeit zwischen Chamberlain und Driand, die überall zu spüren ift. Wir kommen immer wieder Darauf zurück, weil uns scheint, als fei man sich in Deutschland immer noch nicht überall und durchgängig dieser harten Tatsache und ihrer Folgen ganz bewußt.
W'r glauben, daß unter den englischen Staatsmännern nach Kriegsende am ehesten Lloyd George und sicherlich Lord Curzon sich darüber klar waren, daß der Weg für die englische Politik nun von Frankreich to eg -
führen müsse zu neuer und anderer Orientierung. 2lber Die englische Politik hat dazu Die Kraft und Die Fähigkeit nicht gesunden, und am allerwenigsten die des konservativen Kabinetts seit 1924. Chamberlain hat wohl allen Ernstes geglaubt, eine Art „Entente ä t r o i s“ — zwischen England, Frankreich und Deutschland — als neue Gliederung mitschaffen zu können. Und Darüber ift er Dahingekommen, daß jene Gespräche der Drei Außenminister heute gar nichts mehr bedeuten, daß die englisch- französischen Beziehungen in die alte Vorkriegsbahn zurückgeglitten sind und daß Damit die englische Politik — ohne Erfolg verteidigt sich Chamberlain gegen diesen Vorwurf — im Kielwasser Frankreichs schwimmt!
Fragen wir gar nicht, warum die englische Politik sich so entwickelte, halten wir uns vielmehr Die Tatsache vor Augen, daß dieses Bündnis toieDer in voller Kraft besteht und Die europäischen Staatenbeziehungen beherrscht? Die andere Seite nennt diese Konstellation „Die einzige solide Grundlage, auf der ein versöhntes Europa aufgebaut werden könne!" Es ist also auch nach Dem „Temps". aus dem Dieser Sah stammt, noch nicht wieder auf gebaut! Unsere Meinung ist, daß ein solches Bündnis Das größte Hindernis für Versöhnung und Wiederaufbau in Europa ist und daß eine schwere Gefahr für Europas Frieden ebenso in ihm liegt wie in den gleichen Staatenbeziehungen vor Dem Weltkriege. Warum, das bleibe heute unerörtert. Die Wiederbelebung und Existenz die-


