Ausgabe 
13.4.1929
 
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Aus -er Provinzialhauptstavt.

Gießen, den 13. April 1929.

Gedanken beim ersten Schulgang meines Zungen.

Deine ersten sechs Jahre, mein lieber 3imge, hast du völlig dir, deiner Freiheit, deinen kind­lichen Spielen, in die wir unS so oft eingelassen haben, gelebt es liegt eine gewisse Tragik darin, daß der Mensch an diese schönste, unbe­kümmertste Zeit seines Lebens nahezu jede Er­innerung verliert, sechs Jahre haben wir dich und deine Schritte betreut und behütet, gerührt vom Hilflosen, das uns oft aus ängst­lichen Augen anflehte und im schützenden Mantel unserer Liebe Zuflucht suchte: nun greift das Leben nach dir, das auch in den reizendsten Ber- Neidungen trügerische und grausame Leben, das an den Grenzen des geheiligten Bezirks deiner Kindheit auf diesen Augenblick gewartet hat, das Leben, das du neugierig und unter vielen, manchmal kaum zu beantwortenden Fragen stau­nend betrachtet hattest. Der Staat legt seine Hand auf dich, um dich in steigendem Mähe die sanfte Gewalt seiner Ordnungen und Ver­ordnungen fühlen zu lassen. Die Zuckertüte, die du stoh nach Hause trägst, ist nur ein süßer Betrug, den die Erwachsenen erfunden haben, um euch den Uebergang vom Spiel zum Ernst schmackhaft zu machen.

Dieser erste bedeutende Schritt in deinem Da­sein. dieser Schritt inS Leben, in den Zusammen­hang mit fremden Menschen, ist zugleich der erste Schritt, den du von unS fort tust. Die Schule Wird dich entwickeln, du wirst zu dir er­wachen, der Mensch, der sich in dir erhebt, wächst seinen dir und uns noch unbekannten Zielen zu, Steigungen werden stark werden in dir und dich beherrschen, Aeigungen, hinter denen wir zurückbleiben, weil sich deine raschere Jugend mit ihnen verbündet und nicht mit uns. Ab­trünnig wirst du von uns werden und mußt es, um das Gewicht, vielleicht die Last deiner Zu­kunft auf dich nehmen zu können. Auch dieser Schmerz steht uns noch bevor. Wir müssen uns mit ihm abfinden. Immer wieder erfüllt sich das Schicksal der Väter nach den Worten des Dichters:

Liebt man denn einen Vater \ Geht man nicht, wie du von mir gingst, Härte im Gesicht, von seinen hilflos leeren Händen fort?

Legt man nicht leise sein verwelktes Wort in alte Bücher, die man selten liest?

Fließt man nicht wie von einer Wasserscheide von seinem Herzen ab zu Lust und Leide? Ist uns der Vater denn nicht das, was war; vergangne Iahre, welche fremd gedacht, veraltete Gebärde, tote Tracht, verblühte Hände und verblichnes Haar? Unb war er selbst für seine Zeit ein Held, er ist das Blatt, das, wenn wir wachsen, fällt, llnb seine Sorgfalt ist uns wie ein Alp, und seine Stimme ist uns wie ein Stein, wir möchten seiner Rede hörig sein, aber wir hören seine Worte halb.

Das große Drama zwischen ihm und uns lärmt viel zu laut; einander zu verstehn, wir sehen nur die Formen seines Munds,

aus ümen Silben fallen, die vergeh'n. So sind wir noch viel ferner ihm als fern, wenn auch die Liebe uns noch weit verwebt, erst wenn er sterben muh auf diesem Stern, sehn wir, daß er auf diesem Stern gelebt.

Du wirst Kameraden haben, gute und schlechte, du wirst Lehrer haben, mit und ohne Verständ­nis für deine Fehler, Unarten und Torheiten, dein kleines Herz wird zusammenzucken, wenn ungewohnte und unnötige Strenge den kindlichen Dau deiner Träume zerstört. Es fällt der Reif in die Frühlingsnacht. Du wirst wissend werden, du wirst nicht arglos bleiben, sondern wachsam werden, auf der Hut sein gegen Riedertracht und Tücke, die dir heuchlerisch Fallen stellen. Gegen Unduldsamkeit verhärte dein Herz, aber halte es offen für die leidende Kreatur, die Irrenden und Verirrten, die Strauchelnden und Gestrau­chelten, die Darbenden und Hungernden, alle, die vom Schicksal gezeichnet und geschlagen sind. Liebe die Tiere und schütze sie.

Wir wollen Kameradschaft miteinander halten; der wilde Befehl, der wie eine Fanfare durch unsere Iugend gellte:

Und wenn dir einst von Sohnespslicht, mein Sohn, dein alter Vater spricht, gehorch ihm nicht! gehorch ihm nicht! wird für uns keine Geltung haben, weil er auf der Seite des älteren Partners den Mangel an Verständnis für die Forderungen des jüngeren vorausseht; wir find durch unsere Eltern belehrt, die sich zwar unsere Leistungen gefallen liehen, aber jede Weltanschauung, die ihnen ungewöhn­lich und wesensfremd erschien, verwarfen.

Vielleicht ist es voreilig, über solche Fragen der Zukunft, die dunkel und verhangen vor uns liegt, zu reden, aber was wären die Entwürfe der Menschen ohne die Hoffnung auf Verwirk­lichung?

Und nun geh, mein Sohn, im Massenaufmarsch der zahllosen anderen Wichte, deinen ersten Gang zur Schule, deinem Sternenschicksal entgegennach dem Gesetz, wonach du angetreten". H.

Geheimrat von Hahn.

Am 1. April ist Geheimrat von Hahn in Darmstadt nach langjähriger Tätigkeit im Staats­dienste und zuletzt als Vorsitzender der Hessischen Brandversicherungskammer auf Grund des Al- tersgrenzegesehes in den Ruhestand getreten. Mit ihm verlieh ein Mann den öffentlichen Dienst, der sich um das Hessenland und seine Bevölke­rung in vielfacher Weise verdient gemacht hat. Rach dem Abschluß seiner Studien war Herr v. Hahn zunächst bei verschiedenen Kreisäm­tern, u. a. auch in Schotten und Friedberg, tätig. Im Frühjahr 1904 kam er als Kreisrat nach Heppenheim, wo er bis zum Rovember 1918 sehr erfolgreich wirkte. Bei der staatlichen Um­wälzung im Rovember 1918 schied Herr v. Hahn aus dem unmittelbaren Staatsdienste aus und übernahm dann das Amt des Vorsitzenden der Hessischen Brandversicherungskammer. In die­ser Eigenschaft, die ihn in Feuerwehrangelegen­heiten mit den breitesten Devölterungsschichten im ganzen Hessenlande in Berührung brachte, aber auch als erste führende Persönlichkeit auf dem Arbeitsfelde des Roten Kreuzes und der Alice-Frauenvereine, sowie als Vorsitzender des Landesverbandes der Obst- und Gartenbauver­

eine in Hessen konnte Geheimrat v. Hahn eine sehr segensreiche Tätigkeit entfalten, die ihm dankbare Anerkennung in allen Schichten der hessischen Bevölkerung brachte. Myn darf wohl hoffen, die vortreffliche Mitarbeiterschaft des weithin beliebten Herrn auf dem Gebiet seiner bisherigen ehrenamtlichen Betätigung auch fer­nerhin genießen zu können.

Bornotizen.

TageskalenderfürSamstg. Gießener RuderklubHassia" 1906: Frühjahrshauptversamm­lung im Bootshaus, 20.30 Uhr. G. D. 2(.: Mo­natsversammlung im Hotel Hopfeld, 20.30 Uhr. Bürgervereinigung Giehen-Sachsenhausen: Jahres­hauptversammlung imFischerhof", 20 Uhr. Bund der Kolonialfreunde: Monatsversammlung im Kaufmännischen Bereinshaus, 21 Uhr. Neichsbund der Zivildienstberechtigten: Monatsoersammlung in derStadt Lich", 20.30 Uhr. Verein der Elsaß- Lothringer: Hauptversammlung im Hotel Köhler, 20.15 Uhr. Verein ehemaliger Leibgardisten: 9. Stiftungsfest um 20 Uhr im Katholischen Vereins- haus. Lichtspielhaus, Bahnhofstr.:Die Alpen". Astoria-Lichtspiele:Ist Eddy Polo schuldig?". Wiesecker Lichtspielhaus:Das Ladenmädel".

Tageskalender für Sonntag: Stadt­theater:Der Mustergatte", Fremdenvorstellung, 19 bis 21 Uhr. Bienenzüchterverein Gießen und Umgegend: Versammlung im HotelHindenburg" 15 Uhr. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Früh­vorstellung 11.15 Uhr:Die Alpen"; 15, 17, 19 und 20,30 Uhr:Jahrmarkt des Lebens", ferner Der Sprung in den Tod". Astoria-Lichtspiele: Ist Eddy Polo schuldig?"

Stadttheater Gießen. Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die morgige FremdenvorstellungDer Mustergatte von Avery Hopwood beginnt um 19 Uhr. Er­mäßigte Preise. Das erfolgreiche englische Lust­spiel wird hiermit zum letztenmal gegeben. Georg KaisersOktobertag" hatte einen ganz hervorragenden Presseerfolg. Sämtliche Zeitungen loben nicht nur das interessante, dichterische Stück, sondern vor allem auch die Aufführung. Der große Schauspieler-Erfolg wird dem Umstand zu­geschrieben, daß das Gießener Stadttheater sämt­liche Rolle ideal besetzen konnte. Das Kaisersche Drama wird am Dienstag, 16. April, das erste­mal wiederholt. In Vorbereitung befindet sich Hanns IohstsThomas Paine", Spielleitung Intendant Dr. Prasch.

Hallo Theater! Aus dem Stadt­theaterbureau wird uns geschrieben: Bei dem Mimennachtspuk auf der Bühne des Stadtthea- ters am Samstag, 20. April, wird ein Einakter von Dr. Karl Ritter, dem Dramaturgen des Theaters, uraufgeführt werden.

Die Deutsche Büh ne für Volks- Hygiene veranstaltet am nächsten $Ritttoodj in der Turnhalle am Oswaldsgarten die Auffüh­rung eines Aufklärungsschauspiels überDie weihe Pest". Näheres in der heutigen Anzeige.

Reue Kreisschulräte. Der Minister für Volksbildung und Kultus hat den Rektor an der Volksschule zu Wieseck, Dr. Georg Rein, zum Stadtschulrat beim Stadtschulamt in Mainz ernannt, den Rektor an der Volksschule zu Gießen, W. Loos, zum Kreisschulrat beim Kreisschulamt Groß-Gerau, und den Lehrer an

ver Volksschule zu Mainz, Friedrich Hcr- senzahl, zum Kreisschulrat beim KreiSschul» amt Schotten.

* Die neuen Abeschützen t n Gießen. Zu Beginn des neuen Schuljahres treten 270 Knaben und 265 Mädchen (bei Beginn des verflossenen Schuljahres 1928 waren es 330 Knaben und ebenfalls 265 Mädchen) In die Gießener Volksschule ein. Für die Einschulung dieser Kinder sind 11 (im Vorjahre 14) Ele­mentarschulklassen erforderlich.

"Die Aufnahme in die Volksschule. Am nächsten Montagvormittag von 9 bis 10 Uhr werden in der Pestalozzischule die bisher noch nicht angemeldeten Knaben und Mädchen in die Volksschule ausgenommen bzw. ärztlich untersucht. , _ ,

** Der Unterricht in unseren Schu­len, auch in den höheren, wird nach dem Ao- lauf der Osterferien am kommenden Dienstag, 16. April, wieder ausgenommen.

** Oberhessischer Kunstverein. Auf die derzeitige Ausstellung der Künstlergruppe Iung-Westfalen, die in Rr. 76 desGieß. Anz.' vom 2. April bereits eine eingehende Besprechung gefunden hat, sei nochmals hingewiesen und chr Besuch empfohlen. Die interessante Kollektion, welche die Arbeiten von sieben westfälischenKünst- lern auf dem Gebiet der Malerei und Plastik umfaßt, ist bereits in einer Anzahl größerer Städte gezeigt worden und hat dort gute Auf­nahme gefunden.

Die Museen sind am morgigen Sonntag von 11 bis 1 Uhr bei kleinen Preisen geöffnet.

** Detten-Ausklopfen ufto. nach der Straße zu ist verboten! Das Polizeiamt teilt mit: Das Ausklopfen, Ausschütteln, Abkeh­ren usw. von Teppichen, Dettwerk, Kleidungs­stücken, Staubtüchern und ähnlichen Gegenständen nach Straßen, öffentlichen Plätzen und Vorgärten zu ist gemäß §366 Ziffer 8 des Reichsstrafgesetz­buches und Artikel 292 des Polizeistrafgesetzes verboten und strafbar. Die Polizeibeamten sind angewiesen, jede Zuwiderhandlung zur Anzeige zu bringen.

** Der Wochenmarkt beginnt vom näch­sten Dienstag ab um 7 Uhr und endigt um 13 Uhr. A _

* Autobusverbindung nach dem Gleiberg wird von morgen an eingerichtet. Interessenten seien auf die heutige Anzeige hin­gewiesen.

(Hteitere Lokalnachrichten im 3. Blatt.)

Lprech stunden der Redaktion

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