Nr. 61 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 15 März 1929
Aus der Wett des Films.
Geheimnisse derIllmfinanzierung
Die in Hollywood verlorenen Millionen.
Don (Samuel Goldwyn, Lyef der Metro- Gold wyn-Mayers Film Corp, Hollywood.
Man hält sich viel über die beim Filmgeschäft zu gewinnenden Vermögen auf. spricht aber wenig von den verlorenen Millionen der mit nicht imderechtig.em Optimismus für die junge Industrie kämpfenden Pioniere. Mein Ehrgeiz, die größten Talente der Schauspieltunst, die Damen von bestem Klang in der Künstlerwelt für den Film zu gewinnen, war die Ursache der größten Rückschläge in meiner Verufslaufbahn.
Als ich noch in der Lafky-Gesellschaft — die ich zusammen mit meinem Schwager Jesse L. Las ky gegründet habe — arbeitete, genoß die Schauspielerin und Sängerin Mary Garden einen besonderen Ruf in der Dühnenwelt Ich gab mir deshalb alle Mühe, sie für uns zu gewinnen. Vei den Engagementsverhandlungen zeigte es sich sehr deutlich, daß Fräulein Garden zwar Line Zweifel an ihrem Talent zum Filmen hatte, wohl aber, offen gesprochen, Zweifel daran, ob ich ihr ?l«nug dafür bezahlen könnte. Ich muh schon agen, daß ich diese Zweifel lange selbst hegte: sie bestand nämlich auf 153 000 Dollar Gage für 10 Wochen Arbeit. Alle meine Kollegen waren trotzdem der Ansicht, daß man sie engagieren müsse, so daß ich schließlich in dem erhebenden Bewußtsein, Fräulein Garden allen anderen sie umwerbenden Filmdarstellern weggeschnappt zu haben, meinen Äamen unter den Kontrakt setzte. Ihre erste Dolle sollte »Thais" sein, eine Figur, mit der sie ihre größten Bühnenerfolge errungen hatte. Wenn auch das Stück in Amerika noch nicht veröffentlicht worden war, so mußten doch ausländische Derlagsrechte erworben werden, sür die ich Anatole France, dem Verfasser, runde zehntausend Dollar zahlte. Mich tröstete nur die Annahme, daß allein schon die französischen Vorführungen des Films mich überreichlich entschädigen würden: eine Annahme, die, wie sich später herausstellte, leider wenig gerechtfertigt war.
Also begannen wir. »Thais" zu drehen. Ich durchlebte damals so ziemlich die unangenehmsten Tage meines Lebens. Außer den finanziellen Scherereien, den technischen Schwierigkeiten und den ewigen Klagen der Drehbuchautoren, der Regisseure und der mehr oder weniger temperamentvollen Schauspieler hatte ich nun auch die schwere Sorge, ob sich das kostspielige Experiment mit Mary Garden bezahlt machen würde.
Beständig mußte ich zwischen der Primadonna und ihrem Regisseur vermitteln. Ratürlich kämpfte sie erbittert gegen jede Abweichung des Drehbuchs vom Originaltext, besonders in der Sterbeszene. Die Filmauffassung, die das Weib Thais über die Heilige Thais triumphieren lieh, schien ihr eine unerträgliche Verfälschung zu sein, und sie konnte sich kaum entschließen, überhaupt die Rolle zu übernehmen. Äoch größer wurde aber ihre Wut und ihr Schmerz, als wir zu den effektvollen Schlußszenen kamen: sie fühlte sich in ihrem Künstlertum auf das tiefste verletzt. „Ich wußte es ja!" rief sie. „Ich. die große Thais, soll wie ein Schlangenmensch sterben!" — Rach vielen so stürmischen Auftritten wurden wir schließlich doch mit dem Film fertig. Obgleich ich seine Mängel genau kannte, hoffte ich doch noch, Mary Gardens Dame würde einen durchschlagenden Erfolg herbeisühren. Meine Hoffnung wurde schmählich enttäuscht.
So unglücklich auch mein erster Versuch aus- ge allen war. die Vühnenhandlung dem Film anzupafsen. so war das doch noch ein Kinder- spiel im Vergleich mit dem Kontrakt — 250 000 Dollar Gage! —. den die Laskv Famous Players« Gesellschaft mit Caruso abschloß. Ich war bei der Uraufführung eines der beiden auf Grund dieses Vertrages hergestellten Filme in Grau- manns Theater in Los Ange'es. Die Ausnahme des Films war noch viel schlimmer als die der unglückseligen „Thais"! Rach zwei Tagen mußte er vom Spielplan abgesetzt werden, und genau denselben „Erfolg" hatte er in allen anderen
He mlehr aus Dem Almparadies.
Conrad Deidts
erstes Interview in seiner Heimatstadt. Don Siegfried Ascher.
Berlin, Anfang März.
Einem ausgestöberten Ameisenhaufen gleicht das sonst so ruhige Luxushotel. Pagen schwirren durch die große Halle, und selbst die würdig beherrschten Empfangsherren scheinen ein wenig außer Fassung zu geraten. Erwarten sie doch alle einen Gast, dessen Damen die Welt kennt: Conrad Veidt. Unaufhörlich schrillt das Telephon. Dlumenspenden werden herangeschleppt. Endlich ruft ein Alarmzeichen durch das Haus, denn „Conny" ist da. Mager, gebräunt und von dem stürmischen Empfang etwas mitgenommen, geht er durch die Halle, und selbst dem mitleids- fofen Journalisten wird es nicht leicht, den An- kömmling im Fahrstuhl 3u überfallen, um ein Interview zu verabreden. Bald ist die Mertelstunde verstrichen, die dem ermüdeten Künstler »um Ausruhen bewilligt worden ist, und das erste Interview, das Conrad Veidt nach lahrelanger Abwesenheit in seiner Heimatstadt gibt, nimmt seinen Anfang. . . ,
„Ihr Erscheinen beweist mir. daß amerikanisches Tempo auch in Deutschland zu inöen ist. so begrüßt der Filmstar seinen hartnäckigen 45.r- folger. „Lange habe ich mich nacy dem -tag gesehnt. an dem ich Deutschland Wiedersehen wurde. Mehr als zweieinhalb Jahre lebte ich fast ununterbrochen in Amerika, gute Freunde, wie 3 a n n i n g 6 und Lubitsch, haben mich vor dem Heimweh bewahrt. Aber In der letzten Zeit spürte ich, daß ich nach Europa, vor allem nach Deutschland reisen müsse. Ich sage es offen, daß ich hierher gekommen bin, um neue Anregungen uni) neue Energien zu sammeln. Hollywood ist ein Paradies, in das jeder gern öurückkehren wird, der längere Zeit dort gelebt hat. Aber es fehlt der Kampf, das Ringen um neue Ideen. Da alle bekannten Filmschauspieler in Holly' tooob beträchtliche Summen verdienen, macht sich Konkurrenzneid wenig bemerkbar. Gewiß verdienen Künstler mit durchschnittlich bekannten
Städten. Uebrigens fiel auch ein Versuch unserer Konkurrenz mit der schönen Lina V a v a l e r i nicht viel besser auS. Das alles überzeugte uns natürlich nicht von der Richtigkeit der Theorie, daß erstklassige Schauspieler immer erstklassige Filmschauspieler sind.
Trotz meinet schon reichlich kostspieligen Erfahrungen mit Mary Garden sollte ich doch noch traurigere mit einer anderen Dühnengröhe machen — mit Maxime Elliott. Lange, aufreibende Verhandlungen waren nötig, um sie für uns zu gewinnen, und mit größter Sorgfalt gingen wir an die Herstellung des Films. Irvin C o b b und Roi Cooper Megrue. anerkannte Autoritäten auf diesem Gebiet, schrieben daö Drehbuch: Alan D w a n, unser begabtester und erfolgreichster Regisseur, übernahm die Spielleitung: Hugo D a l l i n. der bekannte Maler, besorgte d'e künstlerische Ausstattung: und trotz alledem wurde der „Gegen die Uebermacht" getaufte Film ein unerhörter Mißerfolg. Riemals wurde ein Gold- Wyn-Film so von der Kritik heruntergerissen. Wir verloren dadurch nicht nur Unsummen an dem Film selbst, sondern muhten als Folge der Renommeeschädigung eine solche „ Flaute" durchmachen, daß wir andere, bereits angefangene Filme nicht mehr fertigzustellen wagten.
Je beliebter der Star ist, um so heftiger tobt der Kampf um „sein" Drehbuch, und um so mehr Kapital muß der Unternehmer daransehen. Zunächst muß er — den Ratschlägen seiner Fachleute folgend — ein Manuskript für einen bestimmten Star erwerben: es ist aber hundert zu eins zu wetten, daß der Star dann seine Dolle ablolut nicht spielen will, nachdem et sich das
Manuskript durchgesehen bat Um die schöne Heldin dann doch umzustimmen muß man oft nicht nur unendlich viel Takt aufwenden, sondern auch viel kostbare Zeit und — viel Geld!
Größte Schwierigkeiten hatte ich in dieser Hinsicht mit Pauline Frederick, mit der ich sonst allerdings nur die besten Erfahrungen gemacht habe. Wenn ich mit erheblicher Mühe ein Filmmanuskript ausfindig gemacht hatte, das mir für sie besonders geeignet schien, sagte sie nach dem Durchblättern regelmäßig: „Das mag ich nicht!" Auf meine in aller Unschuld und in Möglichst harmlosem Ton herausgebrachte Frage: „Was mögen Sie denn daran nicht?" hatte sie stets einen Grund zur Hand: aber allmählich kam ich doch dahinter — der Star hatte nämlich eine merkwürdig tiefe Abneigung gegen alle Manuskripte. die nicht von ihrem Gatten Willard Mack, Vern Leiter unserer Manufkriptabteilung, stammten. An sich ist das ja wohl begreiflich nur fürchte ich, daß ich für die Komik der Sache nicht recht empfänglich war. Gerade damals hatte ich nämlich mit einer großen, produktiven Arbeit anfangen können, nachdem ich lange Wochen hindurch mit ansehen mußte, wie mein Unkostenkonto infolge der sehr materiell begründeten Launen meines StarS immer erschreckendere Ziffern erreichte: ich fühlte mich so unbehaglich wie jemand, der im Taxi auf der Straße wartend hält und die Taxameteruhr ständig steigen sehen muh.
Ueber alle diese Mißerfolge ist aber reichlich Zeit vergangen, und ich habe es gelernt, in philosophischer Ruhe und lächelnd der Unsummen zu gedenken, die ich beim Filmen verlor.
Mine Wmiansbch» als Serbredjerbarfleller.
Don ton Chaney.
Oft richten die Leute, die mich im Atelier in Hollywood besuchen, die Frage an mich, wie und weshalb ich dazu kam, mich auf die mimische Darstellung von Verbrechertypen zu spezialisieren und meinen Damen mit allem, was bizarr, geheimnisvoll und grotesk im Menschen ist. zu verbinden. Es scheint mir manchmal, als wären diese Leute in Sorge, ich könnte meine schauspielerischen Fähigkeiten auch einmal im praktischen Leben anwenden, wenn ich ihnen auf ihre besorgte Frage, ob ich den scheinbar abschüssigen Pfad, auf dem ich wandle, weiter zu verfolgen gedenke, die ihnen schamlos erscheinende Antwort gebe: »Selbstverständlich, weshalb nicht?"
Ich habe meinen Ruf mit der Eigenart meiner Filmkunst begründet und beabsichtige auch, diesen Ruf aufrechtzuerhalten und womöglich noch zu vertiefen. Das Publikum muh in Spannung gehalten werden: es muß sich bei jedem neuen Fi m fragen, was wird Lon Chaney jetzt wieder bringen? Tatsächlich ist das Spannungsmoment eine der wichtigsten Voraussetzungen meines Erfolges.
Wie ich zu meiner FUmlaufbahn kam?
Ich habe einfach viel gelesen, besonders Do- vellen und Kurzgeschichten, das Material der internationalen Magazine, die heute auch in Deutschland so beliebt geworden sind. Dabei stellte ich fest, daß diese Publikationen Erzählungen enthielten, die spannende und mit dem Schleier des Geheimnisvollen umwobene Vor- §änge schildern. Wenn — so sagte ich mir — die
Zerleger der Magazine, die doch die Psyche des Publikums genau kennen, herausgefundcn haben, daß abenteuerliche Erzählung beliebt ist, so wird das Filmpublikum wahrscheinlich einen ähnlichen Geschmack haben.
Der Autor oder der Darsteller in einem Verbrecher- oder Detektiv-Film befindet sich dazu noch dem Romanschriftsteller oder Dovellisten gegenüber in einer ungleich günstigeren Lage. Der Leser kann nämlich die Tatsache, daß das Buch sich in seinem Besitz befindet, dazu aus- nutzen, die letzten Seiten des Buches zuerst zu lesen, die ersten Kapitel nur zu überfliegen. Er nimmt also den Schluß vorweg. Ich be-
haupte natürlich nicht, daß alle Leser von spannenden. fesselnden Geschichten so verfahren; der wirklich raffinierte Leser wird es sicherlich vorziehen, die Spannung sich zu erhalten und abzuwarten, wie die Geschichte ausgeht. Die Möglichkeit. den Ausgang vorweg zu nehmen, besteht indessen fraglos für den Buchleser, während sie beim Filmtheaterbesucher nicht gegeben ist. Das Publikum bleibt bis zum Schluß im unklaren und daher in der Spannung; es weiß nie, welche Ueberraschung der Fabel eine neue Wendung gibt
Dachdem ich also zu der Ueberzeugung gekommen war, daß das große Publikum einen so unersättlichen Hunger nach dem Abenteuerlichen. Bizarren und Ungewöhnlichen, nach der Dachtseite des menschlichen Lebens hat, und daß es sich weitgehend für die Motive und Handlungen von Verbrechern und Sonderlingen interessiert, entschloß ich mich, der Darstellung der außergewöhnlichen und geheimnisvollen Seite deS menschlichen LebenS meine filmschauspielerische Karriere zu widmen.
Von jeher besah ich starkes Interesse für Äri- minalpsychvlogie. Dieses Interesse habe ich auch bekundet durch ein gründliches Studium der großstädtischen Unterwelt, in der der Abschaum und AuSwurs der Metropolen in Schlupfwinkeln, verfallenen Baracken und unter Brückenbogen haust. Meine Beobachtungen waren nur dazu angetan, den außergewöhnlichen Anreiz, den dieser eigentümliche Ausschnitt des menschlichen LebenS auf mich ausübte, zu vergrößern.
Man hat mich oft gefragt, tote ich es möglich mache, mich sozusagen in wenigen Augenblicken zu verwandeln und mich bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Dun, das ist keineswegs so einfach, wie es manchmal erscheinen mag. Meine Charakterisierungen verlangen vielfach eine ganz verschiedene Technik nicht nur im Spiel, in der Bewegung und Haltung, sondern auch in der mimischen Geste. Kaleidoskopartig muh ich meine Dolle oft wechseln, ohne mich etwa besonderer Tricks bedienen zu dürfen. Ich erschien einmal als Buckliger, bann als geheimnisvoller Chinese, einmal als brutaler Marinesergeant,
Damen nur Summen, die gegenüber den ungeheueren Einkünften der weltberühmten Film- größen nicht sehr hoch erscheinen. Trotzdem herrscht aber in Hollywood keine erbitterte Rivalität — und dadurch fehlt leider jene gespannte Atmosphäre. die den Künstler zwingt, fein Bestes herzugeben, um feinen Platz an der Sonne zu behaupten."
Vorsichtig und zögernd geht Conrad Veidt auf dio Frage ein, ob die amerikanischen Regisseure es verstanden hätten, seine eigenartige Persönlichkeit zu erfassen. Er gibt zu, daß ihm vielleicht größere und dankbarere Aufgaben hätten gestellt werden können, wenn es in den Filmateliers von Hollywood andere Autoren gegeben hätte. Wenn man bedenkt, daß fein amerikanisches Debüt gerade in einem Kostümsilm erfolgte, und daß Conrad Veidt während seines Aufenthaltes in Amerika nur in drei Filmen gespielt hat, muß man zu der Ueberzeugung kommen. daß die Amerikaner es nicht verstanden haben, die besonderen künstlerischen Fähigkeiten dieses Schauspielers zu entwickeln. „Ich muh gestehen, daß ich mit Spannung der deutschen Uraufführung des Films „Der Mann, der lacht" entgegensetze. Seit dem Mai vorigen Jahres ist dieser Film in Amerika mit großem Erfolg gespielt worden, und auch in England hat man ihn gut aufgenommen. Daß dieser Film erst jetzt nach Deutschland kommt, mag seine Ursache darin haben, daß Filme, die mit besonders großen Kosten hergestellt werden, in Amerika erst einige Wochen in soa. Uraufführungstheatern zu erhöhten Preisen laufen, bevor sie in den Durchschnittskinos gespielt werden. Selbstverständlich verzögert sich dadurch der Verleih nach Europa. Mein dritter Film, der den Titel „Erich der Große" führen wird, ist erst vor kurzer Zeit fertiggestellt worden. Ich spiele darin einen berühmten Varietekünstler. Äeser Film ist — im Gegensatz zu den Filmen, in denen ich bisher mitwirkte — nicht stumm: er ist als S p r e ch f i l m aufgenommen worden, und das sogar zweimal, in englischer und in deutscher Sprache." Wenn Conrad Veidt immer wieder die Großzügigkeit der amerikanischen Produzenten betont, so spricht das mehr für feinen
Charakter als für die Persönlichkeiten, die er verteidigt. Gewiß ist es großzügig, wenn ein Filmproduzent seinen Star lieber fünf Monate unbeschäftigt bezahlt, als daß er ihn zwingt, eine Rolle zu spielen, die dem Künstler nicht liegt. Jeder Freund der Filmkunst aber wird bedauern, daß man eine solche Kraft überhaupt fünsMonate brach liegen läßt, statt dem Künstler geeignete Aufgaben zuzuweifen.
Ehrlich begeistert ist der temperamentvolle Schauspieler. wenn er von den großen Erfolgen ber ruf- fischen Filme spricht. Zwar stimmt er der politischen Tendenz, die all diesen {filmen innewohnt, nicht zu; doch erkennt er neidlos den Fortschritt an, den die Kunst durch die Werke russischer Filmregisseure erfahren hat. Es bedarf vieler Fragen, um aus dem Künstler endlich ein Geständnis herauszulocken. „Wenn mich in meinen sechs Urlaubs- monoton, die ich in Europa verbringen will, ein sehr befähigter russischer Regisseur auffordern würde, eine dankbare Rolle unter seiner Leitung zu spielen, und wenn ich die Gewähr hätte, daß dieser Fllm auch in den Nebenrollen mit guten Kräften besetzt würde, bann würde ich mich dieser Aufforderung nicht verschließen," erklärt Conny endlich. „Wunderbar wäre es, wenn sehr kapitalkräftige amerikanische Produktionsfirmen russische Regisseure nach Hollywood verpflichten und ihnen große Summen zur Ausführung künstlerisch wertvoller Filme zur Verfügung stellen würden. Trotz bolschewistischen Tendenzen haben die russischen Filme in einem großen Teil der Neuyorker Presse begeisterten Widerhall gefunden, so daß die Erfüllung meines Wunsches vielleicht nicht sehr fern liegt."
Daß Hollywood ein Paradies ist, in dem es sich leben läßt, wenn man über größere Einkünfte ver- fügt, ist bekannt. Trotz allen Lobesworten. die Conrad Veidt über die Filmstadt äußert, kommt man aber zu der Ansicht, daß sich die prominenten Filmstars dort ein wenig langweilen, wenn sie nicht gerade in ihren Ateliers arbeiten. Gewiß ist es schön, ein großes Haus, einen herrlichen Garten, einen Tennisplatz und ein Schwimmbad zu besitzen. Man kann aber nicht ständig Tennis spielen ober schwim- men. Wie sehr muß ber frühere Reinhcirbtschüler bas Theater in Hollywoob vermißt haben! Es mag für ihn nur ein gelinder $roft. gewesen fein, daß
dann als Zirkuskünstler ober als russischer Revolutionär usw. Manche meiner Doppelrollen stellten mich vor sehr schwierige Aufgaben. In einem Stück hatte ich zunächst einen armen, verkrüppelten Geistlichen oarzustellen, ber In selbstloser Hingabe in einer armen Gemeinde Im Eastend von London tätig ist, und bann wieder die Verwandlung in einen vierschrötigen brutalen Vertreter der Londoner Verbrecherwelt. In dieser Vielseitigkeit meiner Rollen liegt meint Stärke. Im Anfang meiner Laufbahn habe ich jahrelang vergebens darauf gewartet, diese meine DerwandlungSkunst zeigen zu dürfen. Hätte mich damals ein Regisseur darum ersucht, zur besseren Durchführung meiner Rolle mit irgendein Glied meines Körper« abzuhacken, ich glaube beinahe, ich hätte eS getan. Der Ehrgeiz hatte mich an ber Gurgel. So lernte ich alle Kniffe, um mich außerordentlich schnell auS einem respektablen Menschen in ein menschliches Scheusal verwandeln zu können. Mit heißem Eifer, denn e* erfordert lange und mühsame Vorarbeit, einen Verbrecher oder einen mysteriösen Sonderling überzeugend darzustellen, habe ich mit Mühe gegeben, mich fo zu benehmen, wie lein auf sich haltendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft eS tun würde. Ich habe jede Art von Gewalt gegen die göttliche Form im Menschen unternommen, den menschliche Raffiniertheit sich nur auSdenken kann. Innerlich bin ich oft für meine Sünden gestorben. AIS Lohn für meine Selbstopferung wage ich nur zu hoffen, daß mein wahres Ich sich durch die überzeugende Darstellung solcher Typen ein Plätzchen in ber Gunst des PubllsiunS verschaffte.
Meine starke mimische AuSdtuckSsähigkeit verdanke ich In einem besonderen Sinne meinen Eltern. Beide waren nämlich taubstumm. Dieser älmftanb zwang unS als Kinder, alle unsere Gemütsbewegungen durch daS Spiel ber Hände und durch eindringliche Mimik auSzudrücken. Die Kunst der Zeichensprache, die ich schon als Knabe virtuos beherrschte, bedeutete für mich späteichin eine große Hilfe in meiner Filmlaufbahn. 3m „Glöckner von Rotte Dame" z. B. muhte ich mich während mehrerer hundert Meter Film nur auf die Ausdrucksfähigkeit meinet Hände 6e- schränken.
In allen meinen Darstellungen habe ich mich stets bemüht, hier und da eine Rote menschlicher Gröhe einzufügen, selbst bei ben abscheulichste» Beispielen menschlicher Gestaltung. Der „Glöckner von Dotre Same* ist äußerlich zweifellos ein Scheusal in Menschengestalt, häßlich und anstoßend, aber er besitzt bte Seele eines liebenswerten KindeS. In dem Film „Der Mann dar die Backpfeifen bekam" war die von mir gespielte Hauptrolle, ber Clown, ein innerlich gebrochener Mann, aber ihn umgab ein rührende*, entwaffnendes Pathos. Diese Rote habe ich erst durch mein Spiel hereingebracht. Trotz ber moralischen und geistigen Beschränktheit, wÄche meine Filmcharaktere meist zeigen, suche ich doch immer die Sympathie der Zuschauer zu gewinnen, indem ich irgendeinen versöhnenden Zug oder eine heroische Rote in die Rolle hineindichte, wrr selbst den größten Schurken d-m Zuschauer wenigstens für Augenblicke sympathisch zu machen. Dur wenn echt menschliche Gefühle in der Da»- ftellung zum Ausdruck kommen, wird — so meint ich — der Film auch den Zuschauer menschlich packen.
Berliner Filmprennären.
„Der Adjutant deSZaren".—„Die Stator
Berlin, Anfang März.
Der Mensch will sich nach des Tages Last und Mühe unterhalten, wenn er zum Film geht. Das Auge will etwas sehen, das Herz sich freuen; ein wenig aufregend darf es auch fein, also trägt Spannung zur Schaulust bei, und da» Ganze wird interessant. Sind bann noch schöne Menschen im Spiel, unb ist es umrahmt von Glanz, Fülle und Reichtum, bann ist alles erfüllt.
Strichewski hat mit feinem Fllm „Der Adjutant des Zaren" noch mehr gegeben als bic-
man vom Filmparadie« in einigen Stunden mit dem Flugzeug San Franzisko erreichen kann. Mit Segcifterung spricht Conrad Veidt von der einzigen geistigen Anregung, die die Prominenten in Hollywood besitzen; von der riesigen Arena, die als Musikhalle bient. 25000 Zuhörer können in diesem Amphitheater ber Musik lauschen. Eine besondere Freude wurde ben brutschen Künstlern zuteil, als Bruno Walter bas Orchester dirigierte, bem 120 Künstler angehören. Dreimal wöchentlich finden große Konzerte statt; sonst bietet Hollywood aber wenig Abwechslung, denn die anftrengenbe Arbeit nimmt alle Kräfte in Anspruch. „Erst in den Filmateliers von Hollywoob habe ich gelernt, was intensive Arbeit bebrütet", erzählt Tonrad Veidt. „Selbst ber berühmteste Star muß pünkttich zur angesetzten Stunde geschminkt und im Kostüm ber Rolle im Aufnahmeraum erscheinen. Unpünktlichkeit wird nicht gebulbet! Es kommt bisweilen vor, baß sich Filmkünstler 24 Stunden keine längere Ruhepause ?onnen„ Wenn man dann nach Hause kommt, ist man reilid) völlig zerschlagen; man hat keinen Eimr mehr für die Schönheit seines Heims unb verzichtet gern auf gesellschaftliche Veranstaltungen." Selbstverständlich wird in Hollywoob viel Sport getrieben, und Conrad Veidt wird feinen deutschen Freunden ein Ballspiel vorführen, bas er von i)ou= glas Falrbanks gelernt hat, mit dem er sehr befreunbet ist. Nach dem erfinderischen Schauspieler wirb bieses Ballspiel „Doug" genannt
3n diesen ersten Stunden seines Berliner Aufent- hattes geht ein Hagel von Telephonanrufen auf den Künstler nieder; Freunde und Bekannte warten in ber Hotelhalle unb lassen sich melden, so daß die Unterredung ost unterbrochen wird. Filmdirektoren, Journalisten, Photographen unb Zeichner harren mit Sehnsucht bes Augenblicks, in dem Conny fein Zimmer verläßt, um bis Hotelhalle aufzufuchen. Aber auch bann kann er sich nicht in Ruhe photographieren lassen, benn unten wartet schon ein bekannter Theaterbirektor, der Conrad Veidt für die Sprechbühne gewinnen will. Jede Minute bes Künstlers ist besetzt, selbst bie späten Nachtstunden müssen für wichtige Besprechungen heranaezogen werden. Mit leisem Schuldbewußtsein verläßt mars dos Zimmer des Dielgeplagten, bem die geopferten Stunden vielleicht empfindlich fehlen werde».


