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Aus der Provinzialhauptstadt

Dieben, den 12. Dezember 1929.

Wie man sich das Leben versüßt.

Ja, das ist schon eine große Kunst. Jeder be­müht sich auf seine Weise in ihr, und das Wie und Wodurch sind so mannigfach und bunt, wie das ganze Leben selbst. Wer um Weihnachten nimmt dies Bestreben feste, begrenzte Formen an. Unb es sind die Hausfrauen und die Konditoren, die wissen, was verlangt wird und was man von ihnen erwartet: und infolgedessen herrscht Hoch­betrieb aus der ganzen Linie bei ihnen.

Wenn sich zwei Hausfrauen jetzt um die Weih­nachtszeit begegnen (oder wenn mehrere von ihnen tatsächlich noch die unwahrscheinliche -Zeit zu einem Kaffeekränzchen haben sollten), dann fragen sie kaum:Wie geht es Ihnen?", sondern Werden Sie auch Christstollen backen?" Uni) dann tauschen sie' im Verlaufe dieses brennend aktuellen Themas ihre Erfahrungen, und wenn sie sehr befreundet sind, vielfach auch ihre Rezepte aus. Jede Familie hat ihr eigenes, und jede natürlich das beste. Jedes besteht aus Mehl, Milch, Fett, Zucker, Rosinen, Mandeln und -Zitronat und der treibenden Kraft, der Hefe. Und trotzdem schmecken alle Stollen bei allen Menschen anders. Das erscheint geheimnisvoll. Aber vor Weihnachten ist das Geheimnisvolle gerade das Ratürliche.

Außer dem Stollen wird noch vieles andere in häuslicher Kunst hergestellt, um das Leben zu versüßen. Da ist das kleine Gebäck, vielfach Spekulatius genannt, an innerem Gehalt und äußerer Form weit mannigfacher, als der solide Stollen. Und hier ist die Hausfrau nicht allein auf sich selbst gestellt. Hier treten die Kinder als helfende, störende, in ihren Augen aber immer ungeheuer wichtige, Hilsstruppen ein. Es gilt auszustechen. Richt einander. Dehülel Rein, die vielen Formen der Sterne und Herzen, der Kringel und Weihnachtsmänner, der Häschen und anderen Tiere. Auch Marzipan wird ge­backen, schlichte Kartoffeln und prunkvolle Herzen mit Zuckerguß, und Quittenörot wird hergestellt Brot und Kartoffeln alles süß um Weihnachten.

Doch nicht jede Hausfrau form oder mag backen. Und es gibt ja außerdem auch noch einzelstehende weibliche Wesen, nicht zu vergessen die gesamte Männerwelt, die sich selbst, oder schenkend anderen das Leben versüßen wo en. Und für sie waren und sind die Zuckerbäcker und Konditoren in eifriger Tätigkeit. Man steht vor den Auslagen und bewundert, wählt, schwankt und möchte am liebsten von allem kaufen. Die zahllosen Päckchen Rürnberger und Thorner Leb­kuchen, die weißbepuderten Stoll n, das Königs­berger Marzipan, die Torten mit bunten Früch­ten, die geradezu künstlerisch verziert -sind. Tannenzap en aus Scho ola?e, Ma r nm, Pfeffe.'- nüsse mit weißem, rosa oder gar keiren Guß, Honigkuchenherzen mit Schokolade überzogen, Pflastersteine, Weihnachtsmänner mit gütigem Lächeln und grasgrünen Tannenbäumen, Herren mit bedeutungsvollen InschriftenIch licke Dich", oderDein für ewig". Wahrhaftig, wer bei der (hier angedeuteten) Fülle nicht das Seine her- aussindet, dem ist einfach nicht zu helfen.

Ratürlich braucht man Zeit und Geld zum Vacken und Kaufen. Das weiß ich wohl. Und weiß ebenfalls, daß jeder klagt, kein Geld und keine Zeit zu haben. Trotzdem aber wird, in diesem Jahre genau wie in allen andern, ge­backen und gekauft, und wenn das geheimnisvoll erscheinen sollte, erinnere ich an das Vorher­

gesagte: um Weihnachten wird das Erstaunliche und Geheimnisvolle gerade das Ratürliche.

Und wenn dann das Fest gekommen ist, wird auf dem Kaffeetisch der (bestimmt wohlgelungene!) Stollen prangen, der festliche Tisch wird mit Tannenzweigen und Lichtern geschmückt sein, und zierlich verteilt werden Herzen und Kartoffeln, Weihnachtsmänner und Pflastersteine, Leckerli und Katharinchen, Sterne und Häschen sich auf den bunten Schüsseln friedlich miteinander ver­tragen. Der Baum wird brennen, und der Duft von Weihnachten, vertraut und fein, wird über dem Ganzen schweben. Eva v. M a s s o w.

Daten für Freitag. 13. Dezember.

Sonnenaufgang 7.57 Uhr, Sonnenuntergang 15.51 Uhr. Mondaufgang 13.50 Uhr, Mondunter­gang 3.51 Uhr.

1769: der Dichter Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig gestorben; 1797: der Dichter Heinrich Heine in Düsseldorf geboren; 1836: der Maler Franz von Lenbach zu Schrobenhausen in Ober­bayern geboren; 1863: der Dichter Friedrich Hebbel in Wien gestorben.

Gießener Wochemnarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 210 bis 220; Matte 30 bis 35; Käse (10 Stück) 60 bis 140; Wirsing 15 bis 20; Weißkraut 10 bis 15; Rotkraut 15 bis 20; gelbe Rüben 12 bis 15; rote Rüben 12 bis 15; Spinat 25 bis 35; Unter-Kohlrabi 8 bis 10; Grünkohl 20 bis 25; Rosenkohl 40 bis 45; Feldsalat 100 bis 120; Tomaten 50 bis 80; Zwiebeln 10 bis 15; Meerrettich 50 bis 80; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kartoffeln 41/» bis 5; Aepfel 10 bis 15; Birnen 10 bis 15; Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 120 bis 130; Suppenhühner 100 bis 120; Gänse 100 bis 130; Rüsse 50 bis 80; das Stück: Tauben 70 bis 90; Blumenkohl 50 bis 100; Endivien 10 bis 40; Ober-Kohlrabi 10 bis 15; Lauch 5 bis 15; Rettich 10 bis 20; Sellerie 10 bis 40; Kisteneier 17 bis 18; frische Landeier 19 bis 20 Pfennig; der Zentner: Kartoffeln 3,80 bis 4; Wirsing 10 bis 12; Weißkraut 5 bis 6; Rotkraut 10 bis 12; Aepfel 10 bis 12; Dirnen 8 bis 10 Mark.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag. Christliche Versammlung Gießen: Oeffentlicher Vor­tragVerloren Gefunden", 20.15 Uhr, Linden­platz 1. LichtbildervortragVon der Aufnahme bis zum fertigen Bild", 20 Uhr, im Caf6 Leib. Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei: Oeffent- liche Versammlung, 20 Uhr, imPostkeller". Damen-Vereinigung 1877/781928: Versammlung in derStadt Mainz", 20 Uhr. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Faschingsprinz" undDas Ge­heimnis der Carlton-Bank". Astoria-Lichtspiele: Besondere Kennzeichen" undDas rote Brandmal".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: In dem an morgigen Freitag im Stadttheater.als Erstaufführung in Szene gehenden LustspielDer Deilchenfresser" von G. v. Moser verlegt die Spielleitung das Zeitbild der Handlung in das Jahr 1890, ein Milieu, wie es uns ungefähr aus der OperetteDie Fledermaus" oder ausDie Journalisten" bekannt ist. Die Spielleitung hat Ober­spielleiter Hans Tannert, zugleich Träger der Hauptrolle des luftigen Husarenleutnants Victor v. Bernst. Es wirken mit die Damen: Heß, Jahn^ Jüngling, Koch, Scherer und die Herren: Dommisch, Haeser, Heitzig, Linkmann, Ritter, Seitz, Volk, Wah­len, Wesener und Zingel.

Einführung in das Weihnachts­konzert. Die Volkshochschule veranstaltet unter Leitung des Universitäts-Musikdirektors Dr. Temesvary eine Einführung in das Weih­nachtskonzert des Konzertvereins. Die Veran­

staltung findet im Singsaal des Realgymnasiums am Sonntag um 20 Uhr statt. Räheres in der heutigen Anzeige.

Vorträge über Friedrich Rittel­mehe r. Der zweite der angekündigten Vor­träge zur Frage:Was hat Friedrich Rittel- meyer unserer Zeit zu sagen?", findet am Frei­tag, 13. Dezember, 20.15 Uhr, statt. Lic. Ro­bert Goebel spricht zum Thema:Meditation und Selbsterziehung". Räheres in der heutigen Anzeige.

** Personalien. Durch Entschließung des hessischen Justizministers wurden der Notar Dr. Ernst Rosenberg in Gießen zum Mitglied des Disziplinarhofes für Notare für die Jahre 1930, 1931 und 1932, zum stellvertretenden Mitglied die­ses Disziplinarhofes der Notar Dr. Kurt Spohr in Gießen ernannt. Ferner ernannte der Justiz­minister die Notare Otto Jockel in Friedberg und Theodor B e i l st e i n in Grünberg zu Mitgliedern der Disziplinarkammer für die Notare der Provinz Oberhessen für die Jahre 1930, 1931 und 1932, zu stellvertretenden Mitgliedern dieser Disziplinarkam- mer die Notare Jmmo Albrecht in Gießen und Dr. Karl Brücher in Bad-Nauheim. Ernannt wurden der Polizeihauptwachtmeister auf Probe Ernst Münk zu Gießen zum Polizeihauptwacht­meister mit Wirkung vom 16. November ab, die Polizeihauptwachtmeister Hans R i e n h a r d t und Heinrich Liebermann zu Gießen zu Kriminal» Hauptwachtmeistern mit Wirkung vom 1. Dezember ab, der Gendarmeriehauptwachtmeister auf Probe Wilhelm Schäfer zu Butzbach zum Gendarmerie­hauptwachtmeister mit Wirkung vom 1. November ab. In den Ruhestand versetzt wurde der Rek­tor an der Volksschule zu Lollar, Otto Da ab, auf sein Nachsuchen vom 1. Januar 1930 ab. Versetzt wurde der Landwirtschaftsrat Dr. Wilhelm Bäumer beim Landwirtschaftsamt zu Heppen­heim in gleicher Diensteigenschaft an das Land­wirtschaftsamt zu Büdingen mit Wirkung vom Tage seines Dienstantritts an.

** Ihren 85. Geburtstag begeht am mor­gigen Freitag Frau Helene Appel, Johannes- straße 16 wohnhaft, in voller geistiger und körper­licher Rüstigkeit. Die alte Dame macht bei gutem Wetter noch stets ihre Spaziergänge.

** Straßensperrung-Aufhebung. Die Straßensperre auf der Provinzialstraßenstrecke Nieder-Ohmen Bernsfeld ist aufgehoben worden.

** D i e zweite Andacht für evange­lische Studenten findet am Freitag, 13. De­zember, 20.15 Uhr, in der Alten Friedhofskapelle, Licher Straße, statt. Diese Adoentsandacht wird von Prof. D. Dr. L. Cordier gehalten. Der Gießener Singkreis wird drei Adventslieder fingen.

* Oberhessischer Kun st verein. Bei der am 10. Dezember stattgehabten Jahresver­losung wurden unter die Mitglieder 9 Anrecht­scheine und 17 Kunstgcgenstände, insgesamt 26 Ge­winne im Gesamtwert von etwa 1200 Mk., ver­lost. Anrechtschei ne entfielen auf: K. Bän- ninaer (150 Mk.), I. Kreuter (100 Mk.), A. Wett­läufer (50 Mk.), Frau Kommerzienrat Mueller (50 Mk.), Prof. Rosenberg (50 Mk.), Dr. Binsack, Oekonomierat Hoffmann (25 Mk.), W. Hollmann (25 Mk.), Fritz Schlüter (25 Mk.). Kunst» gegen st ände gewannen: Frau Emilie Bän- ninger, Heinr. Hettler Erben, L. Habermehl, Frau L. Barthel, W. Reusch, O. Hirz, Frau Heddy Schön, W. Bücking, Dr. Werner Bock, Ernst Schmidt, Frau M. Corvinus, Pfarrer Dechtols- heimer, Professor Gundermann, Geheimrat Som­mer, Dr. Szubinski, Stadtschulrat Fischer, Frau K. Schwöbel. Die Gewinne können während der bekanntgegebenen Ausstellungszeiten im Turm­haus am Drandplah gegen Rückgabe der Scheine

in Empfang genommen, die Anrechtscheine be­reits zu Ankäufen in der derzeitigen Weih- nachtsausstellungKünstlerhilfe 1 9 2 9 verwendet werden. Die Ausspielung für letztere findet am 20. Dezember statt. Lose zu 50 Pf. sind noch immer, insbesondere an der Ausstellungskasse, erhältlich. Weiterer Absatz ist im Interesse der ausstellenden Künstler sehr erwünscht.

" Vorträge über Friedrich Ritte l- meyer. Man berichtet uns: Im ersten der an­gekündigten Vorträge zur Frage:Was hat Friedrich Rittelmeycr unserer Zeit zu sagen?" be­handelte Lic. Robert Goebel das Thema:Der Ruf der Gegenwart nach Christus". Er zeigte, wie Rittelmeycr sich einerseits bemüht, gani und gar mit dem Geiste der Zeit zu leben. Dessen Aus­wirkungen können nach drei Seiten hin charakteri­siert werden: die heutige Zeit ist durch die natur­wissenschaftliche Erziehung zu einem Sinn für die Wirklichkeit ganz b:sonders erzogen worden; sie ist zu einer b sonderen Betonung des eigenen Ich und der Persönlichkeit gekommen; sie tut in der Entfaltung der Technik einen ganz besonderen Willen zur Erdbeherrschung kund. Rittelmeyer bejaht diese gegebenen Vorbedingungen, indem er sie aber zugleich aus der Kraft eines weit­umfassenden Christentums von ihrer Echse.tigkcit und ihrer Erdgebundenheit zu erlösen sucht. Der erworbene Sinn für Erdenwirllichchit kann dann auf überirdische Tatbestände, auf die übersinnliche Welt angewcndet werden. Hierin sieht Rittcl- meher den Dienst Rudolf Steiners an der Gegen­wart, daß er eine Erkenntnisart begründet hat, welche aus der Kraft des Christentums heraus, die Wirklichkeit und die Wirksamkeit der über­sinnlichen Welt zu bestätigen und in Klarheit zu erforschen vermag. Die Jchbetonung der Zeit wird dann sinnvoll, wenn das Ich sich als bloßes Gefäß erkennt, das berufen ist, einen höheren Inhalt in sich aufzunehmen. Davon spricht das Johannes-Evangelium, wenn dort der Christus in besonderer Betonung ein göttlich erfülltes erstrahlen läßt, mit dem sich der heutige Mensch innerlich zu verbinden vermag. Der Wille zur Erdherrschaft wird dann erlöst, wenn er sich von dem christlichen Erdenziel bestimmen läßt: nicht an der Erde Raubbau treiben, sondern sie zu wandeln im Sinne der Verklärung. Das ist der Inhalt eines aus der Gegenwart errungenen, sakramentalen Christentums, auf das Rittelmeyer als Hilfe für die Gegenwart hinzuweisen sich bemüht.

** Eine neuartige Firmenlichtschrift hat das Schuhhaus Süß, Marktstraße, an seiner Geschäftshausfront nach der Mäusburg zu ange­bracht. Es handelt sich dabei um eine Neon-Licht- schrift, die in rpter Farbe,erstrahlt und in dieser Art die erste Lichtschriftanlage in unserer Stadt ist.

Berliner Börse.

Berlin, 12. Dez. (WTB. Funkspruch.) Der heu­tige Frühverkehr lag in Erwartung der Ausein­andersetzungen im Reichstage naturgemäß äußerst zurückhallend und vollkommen umsatzlos. Kurse sind noch nicht zu hören. Am Devisenmarkt nannte man London gegen Paris 123,97, London gegen Mailand 93,24, London gegen Spanien 35,05, London gegen Kabel 4,8815 zu 4,8820, London gegen Berlin 20,3913 bis 20,3940, Kabel gegen Berlin 4,1770.

Donnefeldts

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