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mpf-undtatN \iW .uftkämpfe siegr. dürr hat, fliegt am Sonnte. Juli, ab 3 Uhr, zum große
Nr. 161 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 12. Juli 1929
Oie Agonie der Entente cordiale.
Don unserem L. K-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Paris, Anfang Juli 1929.
Seitdem in England die Arbeiterregierung ans Mutier kam, find die französisch-englischen Be» ehungen in einen Abschnitt getreten, den man nicht anders als Agonie der Entente cordiale ! b-ezeichnen kann. Bier Jahre lang hat sich die britische Außenpolitik streng an die Frankreichs gehalten. (Sin Mann von der mittelmäßigen staatsmännischen i Begabung Chamberlains unterlag dem Ein» |lu§ des sehr viel geschickteren Briand, dem es c genllich niemals Mühe machte, die englische Poli» tüf ins französische Geleise zu schieben. War doch C7id) der einflußreichste Minister des Kabinetts Äaldwin, Churchill, ein ausgesprochener Fran- ?, isenfreund und krasser Deutschenfeind.
Die Politik Chamberlains, dem man in England I gpnz offen seine Abhängigkeit von Frankreich oor- urarf, hat zur Niederlage seiner Partei und Regie» r ung sehr viel beigetragen. Sogar in England beleckte man das Wort, das Chamberlain beim Ab» ! schluß des Flottenabkommens aussprach: „Ich ilebeFrankreich wie eine schöneFra u". Cer Erfolg hat es ja bestätigt, daß die Einbe» j Eichung dieser außenpolitischen Fragen in den Wahlkampf ein geschickter Schachzug der Arbeiter- ptirtei war, und es sind in der Zeit des Wahlkamp- fc5 für englische Verhältnisse außerordentlich harte Worte über die „englische Außenpolitik zu Frank- i r-lichs Gunsten" gefallen.
Nun sind Wahlparolen, zumal außenpolitische, 4 g ewiß nicht bindend für die Regierungspolitik c.mer Partei. Man soll sich deshalb in Deutsch- I Icinb nicht zu viel von dem Wechsel in England I v irsprechen. Fest steht nur, daß die Arbeiterregie- rning den ernstlichen Versuch gemacht hat und weiter imachen wird, aus der französischen Abhängigkeit herauszukommen. Das weiß u ii) das fürchtet man in Frankreich, und deshalb hort die französische Presse nicht auf, dem Kabinett Qlacdonald vorzuwerfen, es sei deutschfreundlich. Davon ist natürlich keine Rede: die neue englische Regierung ist weder deutschfreundlich noch fron» z«senfeindlich, sie will nur eine unabhängige I Politik treiben, die von gewissen Prinzipien u ad auch von einigen im Wahlkampf übernom- menen Verpflichtungen der Arbeiterpartei diktiert t ifL Denn so einfach, wie das auf dem europäischen | Festlands geschieht, wirft eine zur Macht gelangte englische Partei ihr Programm nicht über Bord.
Schon heute ist zu spüren, daß die derzeitige englische Regierung die Absicht hat, die Entente öU liquidieren, ohne deshalb auf die französische Freundschaft verzichten zu wollen. Ob ihr dies gelingt, ist natürlich eine andere Frage. Jede englische Regierung, von welcher Partei sie auch gebildet sein mag, hat nämlich scharf zu unterscheiden zwischen den Fragen, die das britische Weltreich direkt oder wenigstens indirekt an- gehen und denen, die keine Berührung mit ihm haben. Sn jenen Fragen ist jede Regierung streng an die Tradition und an die Entscheidung der Aemter gebunden, in diesen hat sie volle Handlungsfreiheit. Man macht sich kaum eine Bor- slellung von der Allmacht des Foreign Office und der englischen Admiralität. Ohne diese beiden Stellen darf auch der mächtigste Premierminister nichts unternehmen. Roch vor kurzem haben wir ja das bezeichnende Beispiel erlebt, daß eine diskrete Mißbilligung der amerikanischen Reisepläne Macdonalds durch das Foreign Office ihn auf diese Sdee verzichten lieh. Sn britischen Lebensfragen ist dieses Kabinett wie alle seine Borgänger völlig ohnmächtig,
und weder bei der Abrüstung zur See, noch in der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Sowjetruhland kann Macdonald ohne Admiralität oder Auswärtiges Amt etwas anfangen.
Aber all die anderen vielen Probleme, die die britische Weltmacht nicht sonderlich berühren, stehen Herrn Macdonald offen. Zu diesen gehört, so seltsam es auch klingen mag, die „Entente cordiale“ und die „Freundschaftliche Zusammenarbeit“ mit Frankreich. Dazu gehört auch die Rheinlandräumung, die Minorilätenfrage, ein Teil der Balkanpolitik, die polnische Frage und an sich auch die Abrüstung zu Lande. Gerade dies waren ja die Probleme, in denen Herr Chamberlain so gern auf Briands Spuren wan- düte. Es ist z. D. kein Geheimnis, daß das Projekt der famosen Versöhnungskom- mission im Rheinland, d. h. natürlich der Kontrollkommission, von Chamberlain ausgearbeitet worden ist. Andererseits läßt sich auch nicht verheimlichen, daß die neue englische Regierung gerade zu diesem Punkte in Paris die Erklärung abgab, sie fühle sich an diesen Plan des früheren englischen Außenministers nicht gebunden und halte eine Kontrollkommission über das Sahr 1935 hinaus für nicht notwendig. Eine Tatsache, die man in Deutschland beachten sollte.
Ebenso macht das „Foreign Office“ Herrn Macdonald keine Vorschriften in der Frage der vorzeitigen und schleunigen Gesamt- räumung des Rheinlandes, für die mitunter ja auch die Regierung Baldwin eingetreten war, die sie aber stets nur gemeinsam mit Frankreich vornehmen wollte. Macdonald hat erklären lassen, er werde räumen, auch wenn die Franzosen zu bleiben wünschten ...
Sn der Minderheitenfrage kann Frankreich, das hat sich schon in Madrid gezeigt, nicht mehr wie bisher auf eine englische Unterstützung für seine eigene Gefolgschaft, für Polen und die Kleine Entente, rechnen. Ob freilich diese veränderte Haltung Englands nach der einmal gefallenen Entscheidung von Madrid irgendeinen Vorteil für die Wahrung der Rechte der Minderheiten wirklich bringen wird, bleibe dahingestellt. Seden- falls ist England nicht mehr wie zu Chamberlains Zeiten der Vorkämpfer des Gedankens einer Aufsaugung der Minderheiten.
Die diplomatischen Vertreter Englands auf dem Balkan werden in Zukunft nicht mehr die diplomatischen Aktionen ihrer französischen Kollegen zu unterstützen brauchen. Die Kleine Entente ist in den Kreisen der neuen englischen Regierung nicht beliebt. Ebenso freie Hand hat Macdonald in allen Problemen der deutsch- polnischen Grenze. Dies ist umso wichtiger, als die öffentliche Meinung Englands in der polnischen Frage schon immer Verständnis für deutsche Argumente gezeigt hat.
Rur .in der A b r ü st u n g s f r a g e ist die Situation komplizierter. Die englische Admiralität hat sich nun einmal dazu entschlossen, die französische Landabrüstungsthese zu unterstützen gegen eine vorbehaltlose Anerkennung der englischen Flottentheorie durch Frankreich. Daran ist nichts zu ändern. Wenigstens vorläufig nicht. Rur wenn England mit den Vereinigten Staaten zu einer Übereinkunft in der Flottenfrage gelangt. fällt die Rotwendigkeit einer Rücksichtnahme auf Frankreich in der Frage der ausgebildeten Reserven' und des lagernden Kriegs- inaterials fort. Wird ein Marine-Abkommen mit den U.S.A abgeschlossen, dann kann es aller
dings geschehen, daß der Vertreter Englands in der vorbereitenden Abrüstungskommission von neuem auch die Verminderung ausgebildeter Reserven und lagernden Kriegsmaterials fordert Smmerhin hat hierüber zunächst noch die Admiralität zu entscheiden.
Aber man sieht, daß es viele europäische Fragen gibt, in denen die Abkühlung der englisch-französischen Freundschaft zutage treten kann. Und wenn die Arbeiterregierung zwei Sahre am Ruder bleibt, dann ist es sehr wohl möglich, daß die Agonie der Entente cordiale deren Tod herbeigeführt hat.
Erhebung eines Kirchnotgeldes in Hessen.
WER. Der letzte evangelische Landeskirchentag hat, um den neuen Voranschlag der Kirche wenigstens teilweise zu decken, die Erhebung eines Kirchnotgcldes beschlossen. Es handelt sich dabei um einen festen Betrag von
jährlich 2 Mark, der von jedem Kirchenmitglied über 25 Sahre ohne Unterschied erhoben werden soll. Die Erhebung tarm nicht einheitlich erfolgen, vielmehr sind hierfür folgende Bestimmungen getroffen: Alle diejenigen, die auch ohne Rotgeld kirchensteuerpflichtig sind, da diese Einkommensteuer bezahlen, erhalten das Rotgeld mit der übrigen Kirchensteuer in einem Betrage angefordert. d. h. also: Die Kirchensteuer ist um 50 Pfennige (bei Verheirateten um 1 Mk.) für das Ziel erhöht. Die nicht kirchensteuerpflichtigen 25 Sahre alten Evangelischen und ferner die in Mischehe mit Andersgläubigen oder Ausgetretenen lebenden Ehefrauen erhalten das Rotgeld durch einen besonderen Zettel angefordert. Hm Härten zu vermeiden, haben die Kirchensteuerkommissionen das Recht, Rachlässe des Rotgeldes eintreten zu lassen. Befreit sind alle diejenigen, die in öffentlicher Fürsorge stehen. Durch das Kirchnotgeld werden etwa 400 000 Mk. aufgebracht, so daß der evangelischen Landeskirche weiterhin immer noch eine beträchtliche Schuldenlast verbleibt.
Darf man zu Obst Wasser trinken?
Von Dr. med. W. Schweishelmer.
Die Volksmeinung sagt: es ist nicht gut, zu rohem Obst Wasser zu trinken. Solche Ansichten sind stets wert, genauer untersucht zu werden. Volksansichten sind oft mit Aberglauben und merkwürdigem Beiwerk verbrämt, aber meistens steckt irgendein reeller Kern, ein Erfahrungswissen dahinter.
Von A e r z t e n wird die Frage nicht einheitlich beantwortet. Grundsätzlich ist es wohl so; bei nicht zu großen Obstmengen und nicht zu großen Wassermengen — wenn man an beide Mengen gewöhnt ist —, bringt der gemeinsame Genuß im allgemeinen keinen Schaden. Es ist an und für sich nicht gut, wenn zuviel O bst auf einmal genossen wird, ohne daß sich der Körper allmählich daran gewöhnt hat. Der Magen kann dadurch eine Ueberdeh- nung erfahren, die Tätigkeit des Darmes überlastet werden. Schon die normale Menge Obst regt ja die Darmtätigkeit an, ein Hauptvorteil seiner Wirkung.
Obstgewöhnte Menschen, zumal in Obstgegenden, können sehr große Mengen ohne den geringsten Schaden genießen. Es werden hier aber zuweilen Fehler begangen, wenn eine neue Obstart wieder auf den Markt kommt. Zahlreiche Verdauungsstörungen nach Obstgenuß, namentlich bei Kindern, beruhen denn auch nicht auf verdorbenem oder unreifem Obst, sondern auf einem Uebermaß.
Wird nun dazu noch Wasser genossen, so steigt die Ueberdehnung des Magens. Das ist aber bei den einzelnen Obstsorten recht verschieden. Gerade Versuche der neuesten Zeit haben erkennen lassen, daß Ob st bei Wasser- zusah eine hohe Quellfähigkeit besitzt, also das Wasser aufsaugt und dabei noch an Umfang zunimmt. Der Würzburger Pharmakologe Walther Gros hat das in interessanten Untersuchungen festgestellt. Es wurden beispielsweise Aepsel, Kirschen, Pflaumen, Stachelbeeren, Erdbeeren in grob verkleinertem Zustand bei Zimmertemperatur und bei einer Brutschrank- Wärme von 37 Grad Celsius mit Wasser versetzt und die Quellungsverhältnisse beobachtet. Es zeigte sich, daß dabei Kirschen am stärksten auf quollen, ihr Volumen nahm um 60 bis 100 Prozent zu. Dunkelrote Herzkirschen hatten nach einstündigem Stehen mit Wasser um 100 Proz.
ihres Volumens zugenommen. Sauerkirchen, kleine schwarze Kirschen, um 60 bis 90 Proz. Auch Stachelbeeren quollen in starkem Matze auf, während die übrigen genannten Fruchtarten wenig Wasser aufnahmen, Aepfel beispielsweise nur 10 bis 20 Proz. Als praktische Folgerung ergibt sich: man wird zu Kirschen und Stachelbeeren keine gröheren Wassermengen geniehen. Denn dasselbe, was im Laboratoriumsversuch auftritt, ist auch im Magen und Darm zu erwarten. Die Früchte quellen auf, bewirken einen abnorm großen FüllungSzustand des Magens, Magenbeschwerden stellen sich ein. daS Zwerchfell wird hochgedrängt und daraus können unangenehme Atmungs- und Herzbeschwerden entstehen. Auch der Darm wird zu allzu rascher Tätigkeit angeregt, es kommt zu Durchfällen.
Schlecht verträgt sich auch Wasser mit unreifem Obst. Unreifes Obst ist ja nicht unmittelbar giftig, manche Kinder vertragen eS sogar ganz gut, aber es enthält Stoffe, die zur Reizung der Derdauungsorgane führen und auf diefem Wege Krankheit Hervorrufen. Vermutlich find die Fasern des unreifen Obstes für den Darm besonders wenig verdaulich. Eine häufigere Ursache von Verdauungsstörungen ist verdorbenes Obst; es kommt, unter dem Einfluß der am verdorbenen Obst angesiedelten Pilze, zu abnormen Gärungsvorgängen im Körper und von da ausgehend zu Darmstörungen und wohl auch zu allgemeinen Dergiftungserschei- nungen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Bier und O b st sich im allgemeinen schlecht vertragen; instinktiv merkt das der Körper, d. h. es ästeht kein Appetit auf diese Zusammenstellung. Ob die Hesebestandteile des Bieres sich mit dem Obst nicht vertragen, oder was sonst die Ursache des Richtzusammenstimmens ist, ist noch nicht geklärt.
Die Frage, ob man zu Obst Wasser ohne Schaden trinken darf, ist also nicht einheitlich zu beantworten. Vor übermäßigem Trinken von Wasser nach Obstgenutz wird man sich hüten, namentlich bei Kirschen und Stachelbeeren. Dagegen kann es nicht schaden, wenn Wasser einige Zeit vor dem Obst genossen wird: es hat dann den Magen schon wieder verlassen, bis die Früchte kom-
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Roman von Edgar Wallace.
25 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Er schlenderte zum Zimmer hinaus und durch ben Gang nach dem gemeinsamen Wohnraum. Diese armen Menschen hatten Anrecht auf eine Erklärung, und er gab ihnen diese, indem er ben Fall genau und einfach auseinandersetzte. Alle, auch diejenigen, die sich am lautesten beschwert hatten, stimmten ihm bei.
Larry hatte seine kurze Ansprache beendigt und lehnte in tiefen Gedanken versunken an der Wand des Korridors, als er eine Treppe höher Lärmen und einen Schrei hörte. Sn wenigen Sähen flog er die Treppe hinauf. Als erster erreichte er den Treppenabsatz, und was er sah, lieh sein Herz ungestüm schlagen.
Langsam, Stufe für Stufe, schritt Diana Ward ouf ihn zu. Sh re Bluse hing in Fetzen und lieh eine schneeweiße Schulter sehen. Sn einer Hand hielt sie einen schweren Smith-Wesson- Revolver, und auf ihrem blassen Gesicht lag ein triumphierendes Lächeln.
Einen kurzen Augenblick lang starrte Larry sie an, dann sprang er ihr entgegen und ritz sie in seine Arme.
„Mein Liebling!" sagte er mit gebrochener Stimme. „Wein Liebling! Gott sei Dank, dah Sie wieder da sind!"
24.
Diana war nach dem anderen Ende des Saales geschlendert und prüfte die Leinwand der rauhen 2aken zwischen ihren Fingern. Das Gefühl der Hausfrau war in ihr sehr stark entwickelt, und .auch ihren früheren Beruf als Krankenschwester 'rette s'-- noch ein besonderes Snteresse an der ■art und Weise, wie diesen armen, blinden ‘Bettlern — denn es waren ja fast nur Bettler — ein l»enig Bequemlichkeit verschafft wurde. Sie hatte gehört, wie der Vorsteher Larry bat, das Fen- (tcr zu offnen, und blickte gedankenlos dorthin, els sich die Tür des Schrankes hinter ihr geräuschlos öffnete und ein barfüßiger Mann leise heraustrat. .
Das erste, was Diana zu Bewußtsein kam, i»at, daß ein feuchtes, weiches Leder sich über ihr Gesicht legte und daß sie emporgehoben wurde. Der Schreck raubte ihr einen Augenblick lang die Besinnung, und in diesem Augenblick wurde sie in den Schrank hinein- und durch die dahinterliegende Mauer hindurchgezogen. Beide Türen — denn die Rückseite des Schrankes war, wie Larry zuerst angenommen hatte, eine bewegliche Tür — öffneten sich nach außen. Larry konnte nicht wissen, datz diese zweite Geheimtür
aus Steinen bestand und durch einfaches Beklopfen nicht als solche zu erkennen war.
Sie hörte oas leichte Schnappen der Tür, als diese sich schloh, befreite ihr Gesicht von dem nassen Leder und schrie, Unb wieder legte sich eine Hand, groß genug, um ihr ganzes Gesicht zu bedecken, auf ihren Mund, und sie wurde weiter durch die Dunkelheit gezerrt. Eine andere Tür öffnete sich — man stieß sie vorwärts — das elektrische Licht wurde eingeschaltet, und zum erstenmal erblickte sie ihren Entführer. Sprachlos vor Schreck wich sie in die äußerste Ecke zurück.
Er war außergewöhnlich groß, großer als irgend jemand, den sie je gesehen hatte. Er- war mindestens sieben Fuß hoch, wie sie annahm, und von entsprechender Breite. Seine Kleidung bestand aus Hemd und Hose. Füße und Arme waren nackt, und seine behaarten muskulösen Oberarme verrieten enorme Kraft. Sein rotes, rundes Gesicht war eigenartig nichtssagend.
Wasserblau waren die Augen, die bewegungslos blieben, wenn er sprach; eine graue Mähne fiel unordentlich nach hinten über feinen Kopf, der dicklippige, große Mund war von einem struppigen Bart bedeckt, dessen Farbe eine schmutzige Mischung von Grau und Gelb war, die riesenhaften Ohren standen beinahe im rechten Winkel vom Kopf ab — entsetzt starrte sie ihn an, diese Schrecken erregende Kreatur, die kaum noch etwas Menschliches an sich hatte.
„Sieh mich mal gut an, Kleene, datz du mich ooch wiedererkennst", meckerte er. (Kein anderes Wort konnte sein schrilles Lachen besser beschreiben.) „Wo is denn nu dein Schietzeisen?'' höhnte er. „Warum schießt du denn nicht auf den ollen, armen Säte — ich wette, er hat dir doch alles von mir erzählt?"
Sie wußte, er meinte Larry, gab aber keine Antwort. Shre Augen durchsuchten den Raum nach irgendeiner Wafte, aber die getünchten Wände waren kahl, und nicht ein einziges Möbelstück befand sich in dem Zimmer. Das einzige Fenster war ein schmaler, langer Streifen aus dickem Glas in der Rähe der Decke, und an jeder Seite war ein Wandventilator angebracht. Sie durchsuchte ihre Handtasche, fand aber auch dort nichts. Sie hatte nicht einmal Hutnadeln, die ja auch diesem Scheusal gegenüber nutzlos gewesen wären.
„Du suchst wohl was, womit du mich umbringen kannst, was?" kicherte er wieder. „Sch höre doch, was du machst. Ru, seh dich jeduldig hin, kleenes Frauenzimmer! Für dich kommt noch 'ne feine Zeit, und feen Mensch will dir was tun.“
Zu ihrer Erleichterung machte er keine Anstalten, sich ihr zu näHern, aber schon seine nächsten Worte sagten ihr, dah die wirkliche Gefahr nur aufgeschoben war.
„Du sollst ja ganz hübsch sein,“ gluckste er. „Unb wer was für ’n hübsches Gesicht übrig hat.
würde ’n ganze Masse für dich jeben. Es wundert mich eegentlich, daß — SSE dich nich für sich jenommen haben, aber weeste, Kleene, für Frauen und Heiraten und so was haben — SSE leenen Sinn, darum hat ooch der olle Sale dich jekriecht."
Er meckerte wieder, und bei diesem Ton lief es dem jungen Mädchen eiskalt über den Rücken. Er hatte die Angewohnheit, vor dem Wort „sie“ anzuhalten und das Wort so zu betonen, als ob es in feinem Snnem mit großen Buchstaben geschrieben stünde.
„Sch kann dich nich sehn, und so macht's mir nischt aus, ob du hübsch bist, Kleene. Und wenn du ooch ’n Gesichte hättest wie die da oben —" er wies mit dem Daumen nach der Decke — „det würde mir nischt ausmachen."
„Sie werden niemals aus dem Haus herauskommen." Sie hatte sich klargemacht, dah es besser war, sich unerschrocken zu zeigen. „Mr. Holt ist im Rebenhaus, und in der Zwischenzeit ist das ganze Grundstück schon umzingelt worden."
Sein Kichern wurde lauter.
„Es gibt hier mehr als zehn Ausgange," sagte er verächtlich. „Aus dem Grunde haben — SSE's ja gekooft. Da gibt's 'ne Höhle unterm Keller, da kannste Meilenlang Inofen. Keen Mensch kann dich uffhalten, bloß Ratten gibt's. Ratten haben Lauseangst vor Blinden."
Sn all feinen ordinären Worten lag eine Art merkwürdiger, kindlicher Einfachheit, die schlecht zu seinem abschreckenden, riesenhaften Aeuhern paßte.
„Früher oder später wird man Sie doch fassen," sage sie ruhig und fügte dann, einer plötzlichen Eingebung Folge leistend, hinzu: „Lew ist schon festgenommen worden."
Er war im Begriff, den Raum zu verlassen, aber bei diesen Worten fuhr er mit verzerrtem Gesicht herum.
„Lew!" brüllte er. „Er hat Lew geschnappt!"
Dann blieb er eine Zeitlang still, bis er in ein dröhnendes Gelächter ausbrach, das die Wände zu erschüttert schien.
„Lew wird ihnen ’ne Masse erzählen können! Wie kann er denn Lew was fragen, wenn Lew nich weeh, wo er is ober mit wem er spricht? Er kann ja nich lesen unb nich schreiben. Sie würben ihn ja kalt gemacht haben für ben gemeinen Streich, ben er ihnen jeschpielt hat. Er war ja doch bas Cuber, bet bas Stück Papier in die Tasche von dem Kerl gesteckt hat, den sie um die Ecke jebracht Ham."
„Das wissen wir sehr gut," sagte sie furchtlos, und ihre^ Worte schienen auf Sake Eindruck zu machen.
„Das habt ihr doch raudgefunben?“ sagte er. „Aber Lew hat nischt verklappt. Er würde schon längst kalt und steif sein, bloß — Sie wollten keene toten Kerls rumlieg'n haben. Sch und Lew
haben ihn die Stufen runtergeschleppt bis ans Wasser," sagte er und nickte mit seinem riesigen Kopf. „Sch kann dir das ruhig erzählen, denn ich kenne das Gesetz. Sch kenne es ganz genau. Old Sake kannst du nischt lehren."
Sie wunderte sich, was er wohl mit seiner Prahlerei, das Gesetz zu kennen, meinte.
„'ne Frau kann nid) gegen ihren Mann aussagen," fuhr er boshaft lächelnd fort. „Darum .kann ich dir ja ooch alles erzählen, kleenes Mädchen."
„Eine Frau!" stammelte sie verstört. Die Vorstellung einer solchen entsetzlichen Möglichkeit Uetz ihr Herz stillstehen.
„Mrs. Sale Bradford," grunzte er. „Sa, Kleene, Bradford heeß ich, und Ehrwürden wird uns gut und richtig verheiraten."
„Sie Rarr!" brach sie in Wut und Angst los. „Denken Sie denn wirklich, dah irgend jemand mich mit einem Grausen wie Sie verheiraten könnte? Glauben Sie denn wirklich, ich würde still und ruhig an Shrer Seite stehen und nicht in alle Welt hinausschreien, was ich von euch allen weih? Sie müssen wahnsinnig sein." Er schob seinen unförmigen Kopf nach vorn, und mit jedem Wort wurde seine Stimme leiser unb leiser, bis sie in einem heiseren Flüstern erstarb:
„Es gibt noch Schlimmre als ich im Haus, unb vielleicht wirste nischt mehr gegen mich haben, kleene Frau, wenn be mich nich mehr sehn kannst. Vielleicht biste blind wie ich und doof wie Lew." Er hielt inne, und sie schrak weiter zurück, hielt sich mit zitternden Händen an der Wand. „Unb stumm dazu, wenn de uns verpfeifen willst!" brüllte er in plötzlicher Wut. „Es gibt nischt, was ich nich tue, wenn — Sie mir das sagen."
Die Tür öffnete und fchloh sich. Sie hörte, wie ein Schlüssel herumgedreht wurde, wie ein Riegel sich vorschob, und blickte auf. Er war gegangen. Halb ohnmächtig sank sie auf den Boden. Sie rief all ihre Energie zu Hilfe, senkte den Kopf ganz tief, bis sie allmählich das Blut zurückströmen fühlte, unb kam mühsam toieber auf bie Fühe.
Aber all ihre Willenskraft war nicht imftanbe, bas Zittern ihrer Hänbe zu besiegen, unb mehr wie zehn Minuten, in benen sie sich zwang, in bem Raum auf unb ab zu laufen, vergingen, bis sie sich etwas beruhigt hatte. Sie wußte, es war keine leere Drohung, bie biefer Mensch ausgestohen hatte. Er würde ohne Gnade sein, wenn sein unbekannter Führer dies befehlen würde. Wenn sie es wünschten, würde er erbarmungslos Sagend und ihre Schölcheit zertreten, ohne Zögern und Gewissensbisse den letzten Lebenshauch ersticken. Unbarmherzig würde er verstümmeln, foltern. Sie muhte ihre Gedanken zusammenreißen, klar denken — schnell denken, (Fortsetzung folgt).


