Nr. 135 Zweites Blatt
Mittwoch. 12. Juni 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Für den Büchertisch
Lyrik und Epos
müssen
Neue Kriegsbücher
Tier- und Menschenseele aufblitzt, oder in »Baracke 26“ ein Capriccio von Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung auf uns losläht — immer ist man gefesselt und angeregt. Und wenn man das ganze Buch in sich ausgenommen hat, legt man es nachdenklich und betroffen von seiner menschlichen Gesinnung aus der Hand.
logisch höchst reizvolle Geschichte von den »Erweckten in Königsberg“, jener pietistischen Sekte aus der Zeit Kants, erzählt, ob er uns im „Bedenklichen Kauf“ einen geschriebenen Alfred Kudin von grausigem Humor schenkt, ob er uns in der „Hunderache“ ein Rachtstück aus der „Rätezeit“ malt, in dem das Geheimnis von
nicht erreicht. Wir nennen „Der Irre“, „Verwandlung“, „Die kleine Mutter“. Die auffallendste Erscheinung in diesem Buche ist Erich Kästner. Ein entschiedenes 5ormtalent. Er hat einen ganz unsentimentalcn, aggressiven, oft satirischen und nicht selten verletzenden Ton, der allervi;ig3, historisch gesehen, über Wedekind zu Heine zurückführt ; seine Art ist am besten mit dem Berliner Ausdruck „keß" bezeichnet. Seine Verse haften lange im Ohr, haben aber mit reiner Lyrik eigentlich nichts mehr gemein. Eines der besten Gedichte im ganzen Bande stammt von einem bisher unbekannten Dichter, Karl Ludwig Skutsch: es heißt „Jede Rächt". Von Adolf Georg Bar- t e l nennen wir „Pan hebt den Fuß", von D a r t u s ch e k den „Choral des Einsamen“. Sehr wirr und oft unverständlich die Proben von Be° Haim-Schwarzbach und expressionistische Gebilde von D o b 6. Von den beiden Frauen
— Gerhart Hauptmann: Die Blaue Blume. Mit einem Essay „Hauptmann als Versdichter" von Hans von Hülsen. Reclams Llniversal-Dibliothek Rr. 6970. Geheftet 40 Pf., gebunden 80 Pf., in Ganzleder 5 Mk. (158.) — Dieses schon vor einigen Jahren entstandene Versepos Gerhart Hauptmanns war bisher so gut wie unbekannt (es ist lediglich früher in einer Auflage von 140 Exemplaren als Luxusdruck hergestellt worden). Hans von Hülsen, dem wir schon verschiedene Studien über Hauptmanns Dichtkunst verdanken, und der auch seinen äußeren Lebensweg in einer kürzlich in der Llniversal» Bibliothek erschienenen Biographie dargestellt hat, gibt im Anhang einen Heberblid und eine Analyse aller Versdichtungen Hauptmanns. Heber die Entstehungsgeschichte aeä vorliegenden Werkes sagt er; „In dem schönen, in Bozen verlebten Frühling des Jahres 1923 ist Gerhart Hauptmann die kleine Dichtung „Die Blaue Blume“ erwachsen, die nun als eine Probe seiner Verskunst — eine Probe, nicht mehr — dem „Bahnwärter Thiel“, jener frühen erzählerischen Probe folgend, in die Universalbibliothek eingeht. Unschwer erkennt man hinter dem durchsichtigen Schleier in dem Felseneiland Leute, das der Dichter-Demiurg mit seinem kleinen, „gedankenschnell dienenden“ Führer durchwandert, um die Schatten geliebter Frühvollendeter zu treffen — den Bruder, die erste Gattin, einen Freund —, unschwer erkennt man das paradiesische Capri, auf dem der Jüngling einst, vor (Sonnenaufgang, den Traum seines Prome- thiden im Geiste Lord Byrons geträumt hat. Mit dem frühesten Werk des jungen Hauptmann teilt dies Werk des Alters die Form, die acht- zeilige Stanze, in der Tasso die „Gerusalemme liberta“ besang.
— Anthologie jung ft er Lyrik. Herausgegeben von Willi Fehse und Klaus Mann. Geleitwort von Rudolf G. Binding. 166 Seiten 8°. Reue Folge. Gebrüder Enoch Verlag, Hamburg. — (143) — Dies ist die zweite Auflage der seinerzeit ausführlich bei uns besprochenen Sammlung, die von Stefan Zweig eingeleitet wurde: diesmal schrieb Dinding das Vorwort: gut und nachdenklich, aber nicht so leidenschaftlich an die Sache hingegeben und nicht von so programmatischer Haltung wie jene Einführung von Stefan Zweig. Bei Binding macht am tiefsten Eindruck eine kleine Bemerkung, welche besagt, daß die hundert Gedichte dieses Bandes aus siebentausend eingegangenen Gedichten aus- gewählt wurden. Siebentausend! Richts kann die gegenwärtige lyrische Situation besser kennzeichnen als öiefe Zahl. — Die jungen Dichter dieses Bandes sind namentlich großenteils schon bekannt, Richt aus der ersten Auflage, aber aus anderen neuerdings erschienenen Anthologien. Der begabteste auch in dieser Sammlung ist für unser Gefühl wiederum Manfred Hausmann, obwohl er die besten Stücke in der von Reel am herausgegebenen Sammlung künstlerisch hier
dieses' Bandes scheint Martha S a a l f e l d das stärkste Talent zu sein. Von Ossip Valenter die „Herbstlichen Stanzen" und „Die.
Erlebnis von allgemeiner Gültigkeit steht. Mit Entschiedenheit abzulehnen sind aber Romane, wie der vorliegende, in denen das große Thema zum Vorwand genommen wird, um politische oder volkswirtschaftliche Privatmeinungen daran zu demonstrieren. Dies eben gab ja den Büchern von Renn und Remarque ihre Größe und Gültigkeit, daß sie sich von jeglicher Politik und aller Tendenz fernhielten, und daß ihre Einzelaussage gewissermaßen eine Stimme im großen Chor der Namenlosen blieb und im Schicksal einer überwältigenden Allgemeinheit legitimiert wurde. Der vorliegende Roman wird in maßloser Ueberschätzung vom Verlage als Gegenstück zu „3m Westen nichts Neues angekündigt. Davon kann in feiner Weise die Rede sein. Chemnitz will, wie er im Vorwort sagt, das Kriegsgeschehen in seiner Totalität darstellen. Das gelang ihm so wenig, wie es Remarque oder sonst jemandem vor ihm gelungen wäre. Der Verfasser ist einfach dem Riesenvorwurf nicht gewachsen. Er scheitert daran — wenn man einige halbwegs gelungene Szenen der großen Augustschlacht 1918 ausnehmen will — vollkommen; vor allem schon sprachlich. Das Buch ist in einem unmöglichen Deutsch geschrieben, das von Entgleisungen und Stilblüten strotzt. Nur eine ganz klare, schlichte, sachliche Diktion konnte dem übermenschlichen Erlebnis gerecht werden. Hier aber versagt fast auf jeder Seite ein hilfloser Wortschwall vor der Aufgabe einer großen Gestaltung.
— <5i e g e r t, Ger h ar d, Kriegstagebuch eines Richtkanoniers. Leipzig. K. F. Koehler. Steif kartoniert 3.85 Mk. Ganzleinenband 5.50 Mk. (147) — Der aktive Soldat ging als Glied des großen Heeres ins Feld, mit der Selbstverständlichkeit, wie es 1914 die Dolks- stiinrnung forderte. So rollt der Gefreite Siegert mit feinem Geschütz in Feindesland, lernt die Verwüstungen des Krieges kennen, fühlt das Herannahen des entscheidenden Tages, an dem er zum erstenmal beweisen soll, daß er auch im feindlichen Feuer seinen Marrn stehen kann. Die Aufregungen der Kämpfe, das Stilkhalten im feindlichen Feuer, die übermenschlichen Anforderungen des Dor- uni) Rückmarsches stellen immer neue Ansprüche an Herz und Gemüt des deutschen Soldaten, der, friedlich von Ratur, bewußt seiner Pflicht gegen das Vaterland, erträgt, was ertragen werden muh. Die Vernichtung einer französischen Batterie innerhalb weniger Minuten, der rasende Galopp durch ein brennendes Dorf, die Schilderung eines Schlachtfeldes, schließlich die Abwehr eines Alpenjägerangriffes auf die Geschütze aus nächster Entfernung sind in dem Buch spannend geschildert.
— Wilhelm Michael: InfantristPer- h o b ft I e r. Mit bayerischen Divisionen im Weltkrieg. 360 Seiten 8°. Kart. 4, Leinen 6 Mark. Rembrandt-Verlag, Berlin. — 230. — Dieses Werk ist innerhalb der immer zahlreicher auftretenden Kriegsbücher am zweckmäßigsten etwa auf einer mittleren Linie zwischen Renn und Remarque einzuordnen. Es ist nicht so trocken, so nüchtern, so erschreckend sachlich und temperamentlos wie die Schilderung von Renn; aber es erreicht auch weder die grandiose Geschlossenheit des menschlichen Erlebnisses noch die künstlerische Reife des Buches von Remarque. Michael verfolgt vor allem eine ausgesprochene und sehr energisch geäußerte Tendenz mit seinen Erinnerungen: er wendet sich gegen ein falsches Heldenideal und eine unwahre Glorifizierung des Frontsoldaten ..., „aber wir wollen auch nicht, daß man uns mit vollen Hosen durch die Geschichte zerren darf, gar wie ein Trottel gleich dem Soldaten Schwejk." Dies erklärt sich wiederum aus der Gesamteinstellung des Verfassers; er empfindet den Frontsoldaten als einen gleichsam in ein versunkenes Jahrhundert verwandelten Menschen, als Landsknecht gewissermaßen, und er findet sich mit dem Kriege ab, ohne so .furchtbar darunter zu leiden, wie etwa Remarque und andere. Denn er ist ein guter, tüchtiger, schneidiger Soldat, Infantrist mit Leib und Seele, als Vize und Offizier noch immer dem gemeinen Muskoten innerlich mehr verbunden und zugetan, als der neuen Würde, deren Verantwortlichkeit er gleichwohl begreift und in bewußtes Handeln umsetzt. 3m Ganzen ist die Darstellung zersplittert und episodisch, künstlerisch und menschlich ungleich, kein großes, innerlich geschlossenes Werk; dazu enchält es zuviel Unwichtiges, nur Persönliches (ohne Gemeinschaftsgeltung), sicherlich auch manche Uebertreibungen und Kraßheiten ... Dennoch steigert auch dieses Buch sich in einigen Kapiteln zum Range eines wichtigen und durchaus des Lesens werten Dokumentes aus dem großen Kriege.
— Walter Chemnitz: Das schwarze Schicksal. Roman. 254 Seiten 8°. Brosch. 3,50 Mark, Seinen 5 Mark. Verlag Deutscher Wille, Berlin-Birkenwerder. — 207. — Die gegenwärtig bestehende Hochkonjunktur für Kriegsbücher führt nachgerade zu sehr bedenklichen Erscheinungen. Daß das große Thema spezialisiert wird, daß nach dem Frontsoldaten im ureigentlichen Sinne, nach dem Infanteristen im ersten Graben auch die Artilleristen, die „Pflasterkästen", die Schipper mit ihren Erlebnissen und Eindrücken sich zum Wort melden, mag noch hingehen, solange hinter dem Buch ein starkes, eigenes und übers Privat« hinausreichendes
Reiseliieraiur.
— Kasimir Edschmid, Das große R e i s e b u ch. Von Stockholm bis Korsika. — Don Monte Carlo bis Assisi. Deutsche Buch- gemeinschaft Berlin SW 68 (146). — Der Leser sieht, wie in Monte Carlo gespielt wird, er erfährt über den ungeheueren Luxus in Rizza eine Menge, er lernt St. Moritz während der Saison kennen. Er wohnt einem italienischen Pserderennen bei, das der umbrische Adel veranstaltet, und lernt Stockholm kennen. Die deutsche Landschaft bei Wetzlar mit Goethes Erinnerungen ist nie so romantisch, der Bamberger Dom nie so wuchtig, Bayreuth nie so graziös, die bayrischen Seen sind nie so schön geschildert worden. Der Schwarzwald, Rothenburg, Würzburg, die Lahnstädte und die Dogesen sind mit ergreifendem Cinsühlen hingemalt. Am Schluß des Buches, das ganz Europa durchwandert, steht ein großes Bekennen zu Deutschland. Dieser Gedanke geht durch alle Kapitel des Bandes: ob Edschmid das Schicksal der Goten in Ravenna oder eine Kirche in Arles betrachtet, überall verfolgt er die deutsche Geschichte mit Liebe und Wehmut. . , _
— Fritz Löwe, Fahrten durch Ror- wegens Märchenwelt. Berlin, Pontos. Der lag G. m. b. H., 94 Abb. und eine Karte. Ganzleinen 7 Mk. (235) — Fritz Löwe genießt als Reiseschriftsteller in der deutschen und ausländischen Lesewelt Ruf. Rachdem er viele Jahre Rorwegen durchstreift hat, berichtet er in diesem Buche von seinen Eindrücken im Land der Mitternachtssonne. Das fesselnde Buch kann als Musterbeispiel lebendiger, anschauungsvoller Schilderung gelten. Es bedeutet ein warmherziges Bekenntnis zur Schönheit der norwegischen Ratur und der wohltuenden Gastfreundschaft der Bevölkerung. Den Unzähligen, die alljährlich eine Rordlandreise machen, wird es ein vortrefflicher Begleiter, denen, die die Raturschön- heiten Rorwegens kennen, eine liebe Erinnerung
— Thüringer Wald. Rördliches und südliches Borland, Oberes Saaletal, Thüringisches Vogtland. Mit 23 Karten, 24 Plänen und zwei Rundsichten. Bearbeitet unter Mitwirkung des Thüringerwald-Dereins und des Rennsteigvereins. 26. Auflage. 1929. In Leinen 4,50 Mk. („Meyers Reisebücher“). Bibliographisches Institut AG. in Leipzig. — (273) - Dieser Band weist außer einer gründlichen Durcharbeitung des alten Stoffes eine Erweiterung des behandelten Gebietes auf, und zwar durch Einfügung neuer Zugangswege von Süden und Rordwesten her, mit den dazugehörigen Stadtbeschreibungen wichtiger Plätze. Den Bedürfnissen der mit eigenem Auto reisenden Besucher des Thüringer Waldes wurde durch Angabe der Autowege sowie der Parkplätze und Reparaturwerkstätten aller größeren Orte entsprochen. Dem Wintersport ist ein besonderer, ausführlicher Abschnitt der Einleitung gewidmet. Der Wanderer findet eine ausgiebigere Berücksichtigung der Wandettvege des Thüringerwald-Vereins, die den touristtschen Wert des Bandes erhöht.
— Meyers Reisebücher: Allgäu, Bodensee, Bregenzer Wald und Schwäbische Alb. 3. Auflage. 1929. Mit 15 Karten, 11 Plänen, 7 Grundrissen und 3 Rundsichten. In Leinen 5 Mk. Verlag Bibliographisches Institut A-G., Leipzig, CI (275).
Die neue Auslage dieses Führers zeigt eine bedeutende textliche Erweiterung. Zu den als Eingangspforten beschriebenen Städten München, Augsburg und Ulm gesellt sich Stuttgart, die modernste Stadt Süddeutschlands. Außerdem wurde auch eine touristisch brauchbare Führung durch die in dem Dreieck Stuttgart—Lllm—Bodensee sich ausbreitende Schwäbische Alb, eins der reizvollsten Wandergebiete unserer Mittelgebirge, neu eingefügt. Auch die ursprünglichen Reisegebiete des Bandes weisen eine gründliche Reubearbeitung auf. Das gute Kartenmaterial wurde zweckmäßig erweitert. Die Benutzung der Pläne aller größeren Städte ist durch die Beigabe von Stratzenverzeichnissen erleichtert. Die neue Gebietserweiterung des in Text und Karte auf den neuesten Stand gebrachten Führers wird vielen Erholungsreisenden erwünscht sein.
Romane.
— Klaus Gustav Hollaender, Martin KressandersParadies. Ein Roman. In Leinen gebunden 7 Mk. Verlag von Albert Langen in München (137). — Der junge Martin Kressander, Weltwanderer aus innerstem Beruf, trifft tief im ilrtoalö Brasiliens, am Vcchura, einen todkranken Amerikaner neben einem fast Wahnsinnigen. Selbstverständliche Hilfeleistung bringt ihn in die äußerste Gefahr. Seine inbta- nischen Ruderer verlassen ihn aus Furcht vor dem „bösen Geist“, dem Irren. Dieser stiehlt das einzige Kanu und verschwindet. Unsäglicher Kampf mit den giftigen Gefahren des Urwaldes und des steigenden Flusses hebt nun an. Martin Kressander und sein Gefährte werden endlich, schon halb verttert, von einer Expedition unter Leitung eines prachtvollen Mädchens, der Tochter des Amerikaners, aufgefunden. Leben und Freude winken noch einmal. Aber nicht zu ihnen führt Martin Kressanders Weg. Eine geheimnisvolle Verbindung von Seele zu Seele mit einem kranken jungen Iudenmädchen klingt wie eine Stimme aus einer anderen Welt an fein Ohr und führt ihn in die europäische Heimat zurück. Aber dort muß Martin Kressandev erleben, daß auch dieses Wunder nur einen Ruß in seine eigne Einsamkeit bedeute. Freilich geht es dann bem_ in das Schweigen des lockenden Urwaldes Zurückgekehrten erst am Todestor auf, daß sich Paradiese nicht erwandern lassen.
— Otto Stoessl: M e n sch e n d ä m m e- r u n g. Novellen. 306 Seiten 8°. Umschlag- und Einbandzeichnung von Robert Haas. Geh. 6. Leinen 8,50 Mk. Verlag Albert Langen, München 1929. (136.) — Die im vorliegenden Bande vereinigten zehn Erzählungen des vor allem als Erzähler bekannt gewordenen Wiener Hofrats Dr. jur. Otto Stoessl zeichnen sich vor allem durch die Besonderheit der literarischen Erfindung, die Eigenart und die pshchologisierende Haltung der Fabel aus. Ob er uns, mit dem langen Atem des geborenen Epikers, die Psycho
Fischer von Peschiera" eine lobende Erwähnung finden. — Im übrigen macht auch diese Anthologie — Gott sei dank — noch nicht den Eindruck, als ob das „Geständnis einiger Dichter" (von Kästner) Gemeingut der jungen lyrischen Generation werden wollte; das fängt so an:
„Wir sollten lieber mit Effekten handeln!
Das Dichten ist, weiß Gott, nicht mehr modern. Ach, auf fünf Füßen durch die Reuzeit wandeln, ist kein Beruf für Herrn ...“
— Bänkelbuch. Neue deutsche Chansons. Her- ausgeaeben von Erich Singer. 212 Seiten kl. 8°. E. P. Tal & Co., Verlag, Wien, Leipzig, 1929. — 231 — Das hübsch ausgestattete Bändchen erweist ich als eine zeitgenössische Fortsetzung der „Deut- chen Chansons", jener verbreiteten Anthologie, in >er sich Bierbaum, Dehmel, ßiliencron, Wedekind, Arno Holz und andere Brettlsänger der älteren Generation ein Stelldichein gaben. Die 3dee ist die gleiche geblieben; die Namen haben sich gewandelt: hier finden sich Hans Adler, Csokor, Hermann Hesse, Franz Hessel, Erich Kästner, Kerr, Kiabund, Lichtenstein, Walter Mehring, Erich Mühsam, Schickele, Erich Singer, Theobald Tiger, Betthold Viertel und Konrad Weichberger zusammen; von der alten Garde nur Wedekind. Der Herausgeber bedauert, daß es feinen Verführungskünsten nicht gelungen sei, den prinzipiellen Widerstand der Herren Joachim Ringel- natz und Bert Brecht zu beseitigen. Die fehlen also. Aber der Band ist auch so noch abwechslungsreich genug. Der Ton ist, im Vergleich zu den „Deutschen Chansons", minder literarisch, dafür aber schärfer und sachlicher geworden. Es weht ein kräftiger Wind in diesem Büchelchen, und die Bänkellieder, Chansons, Couplets und Gassenhauer sind fast alle ungeheuer angriffsluftig, frech, witzig, schonungslos und oft von einer schon unlyrischen Deutlichkeit. 3n seiner Gesamthaltung ist das Bändchen übrigens ein nicht uninteressanter Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Lyrik und des lyrischen Dichters im 20. Jahrhundert.
Aus fremden Literaturen.
— Knut Hamsun, Das letzte Kapitel. Autorisierte ilebe.tr agur.g aus dem Ror- wegischen von Erwin Magnus. (Dolksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G.m.b.H.» -Berlin-Charlottenburg 2.) — 184 — Sanatorium und Sennhütte sind die gegenständlichen Symbole der großen Kontraste, aus deren Empfindung heraus Knut Hamsun in diesem Werk Haß und Liebe, Unfälle und Verbrechen, unüberbrückbare Gegensätze und unauflösliche seelische Verbundenheit zu einem Epos der Menschheit gestaltet hat. (Halbleder gebunden, 3,70 Mk.)
— Barbra Ring: Anne Karine Corvin. Erzählung. Einzige berechtigte ilebersehung aus dem Rorwegischen von Cläre Greverus M j ö c n. 161 Seiten 8°. Umschlag- und Einbandzeichnung von Olaf Gulbransson. Geh. 3, Leinen 5 Mk. Verlag von Albert Langen in München. (201) — Anne Karine Corvin, auf einem einsamen Gut ausgewachsen und von Mannsleuten, Vater und Onkel, mehr zum Jungen als zum Mädel erzogen, soll sich doch endlich etwas Schliff in der „Welt" holen und beträgt sich in der kleinstädtischen Gesellschaft ebenso wie daheim in Feldern und Ställen. Die Geschichte dieses jungen Mädchens — das sich bald als ein vollendetes enfant terrible mit zweifelhaften Manieren entpuppt — erweist sich als eine harmlose ilnterhaltungsware von recht gezwungenem und altbackenem Humor. Es ist ernstlich zu erwägen, ob ein Verlag wie Langen nicht besser daran getan hätte, statt eines neuen Liebersetzungswerkes, woran ja nachgerade kein Mangel herrscht, einen tüchtigen jungen einheimischen Autor an die Oeffentlichkeit zu bringen. Es gibt ihrer genug, die darauf warten und die Wichtigeres vorzubringen haben als Dcrbra Ring.
— Ra dcliffe Hall: Quell der Einsamkeit. Deutsch von Eva Schumann. Gebunden 10 Mk. 476 Seiten, 8°. Paul List, Verlag, Leipzig. — 212. — Dieses in England beschlagnahmte und öffentlich verbrannte Buch behandelt eins der heikelsten Probleme des Eros in der Form des Romans. Ob eine Uebertragung ins Deutsche als unabweisbare Notwendigkeit zu betrachten ist, muß zweifelhaft bleiben, obwohl das Thema ein großes und verzweigtes Gebiet berühtt, das gerade bei uns heute mehr denn je im Brennpunkt des Interesses der gebildeten Welt steht und noch immer, teils leidenschaftlich, teils sachlich diskutiert wird. Der bekannte englische Sexualpsychologe H. Havelock Ellis hat dem Roman ein empfehlendes Vorwort geschrieben, in dem auf die psychologische und soziologische Bedeutung des Wertes hingewie- fen wird.
Verschiedenes.
— Prof. D r. Rudolf Reinhard: Weltwirtschaftliche und politische Erdkunde. 6. Auflage. Mit 212 Kartenskizzen und graphischen Darstellungen. In Ganzleinen geb. 7,80 Mark. Verlag Ferdinand Hirt, Breslau. — 228. — Die 6. Auflage des vorliegenden Buches, das seit mehr als einem Jahr auf dem Büchermärkte fehlte, ist in stark erweiterter und umgearbeiteter Form erschienen. Die Darstellung ist auf den neuesten Stand gebracht und durch zwei neue Abschnitte ergänzt worden, durch ein kurzes einleitendes Kapitel über die Grundlagen der Wirtschaft und eine Darstellung der Fruchthaine und Rebengelände der Erde. — Die Textskizzen — Karten, Lagepläne, Diagramme — sind in modernen Darstellungsformen gegeben. Ihre Zahl wurde erbeblich vermehrt. Aus engsten Zusammenhang zwischen Text und Skizze wurde Wert gelegt. Die Darstellung ist bei aller Knappheit flüssig und lesbar.
— Häuptling Büffelkind Langspeer. Eine Selbstdarstellung des letzten Indianers. 268 Seiten 8° mit acht Bildtafeln. Deutsch von Dr. Hans Rudolf K i.e d e r. Gebunden 10 Mark. Paul List Verlag, Leipzig CI. — 209. — Mit diesem Buche tritt ein wirklicher Indianer vor uns. Es ist fein Roman und keine romantische Erfindung, sondern eine lebendige Darstellung des vielfarbigen Jn- dianerlebens von der Geburt im Tipi bis zum Singen des Sterbeliedes, und von den Tagen des freien Umherstreifens auf der endlosen Prärie bis zum letzten hoffnungslosen Kampf gegen den weißen Eindringling. Wir erleben das Heranwachsen eines Knaben im Zeltdorf, die Spiele, Jagden, Kämpfe, die geheimnisvollen religiösen Feiern, — dann die Verwirrung und Zersetzung, die der Weiße in dieses Dasein bringt, bis schließlich der Knabe, der zum Krieger erzogen wurde, in der Missionsschule schreiben und graben lernt.
— Riekammers Landwirtschaftliche Güteradreßbücher, Band VI 2. Regierungsbezirk Kassel mit Waldeck (Provinz Hessen-Rassau, 2. Teil) herausgegeben im Auftrage der Landwirtschaftskammer Kassel nach amtlichen Quellen und auf Grund direkter Angaben der Landwirtschaft. Verzeichnis sämtlicher Rittergüter, Güter und Höfe des Reg.-Bezirkes bis zur Größe von etwa 15 Hektar herab. Mit einer mehrfarbigen Karte. Geheftet 12 Mk., gebunden 15 Mk. Leipzig C 1, 1929. Verlag von Riekammers Adreßbüchern G. m. b. H. — (762) Das hiermit erstmalig erscheinende, auf Grund amtlicher Unterlagen und direkter Angaben der zuständigen Behörden sowie der einzelnen Landwirte aufs sorgfältigste bearbeitete Adreßbuch gibt genaue Auskunft über den gesamten landwirtschaftlichen Grundbesitz, unter besonderer Berücksichtigung auch des mittleren und kleinen Besitzes, die Gesamtfläche und den Flächeninhalt der einzelnen Kulturen, den Diehstand, alle industriellen Anlagen und Fernsprechanschlüsse, Besitzer, Pächter und Verwalter, Post-, Telegraphen- und Eisenbahnstationen, Amtsgerichte usw. Das ganze umfangreiche Matettal ist in der äußerst prakttschen Form von Tabellen so übersichtlich ungeordnet, daß jeder Interessent ohne weiteres genaueste und unbedingt zuverlässige Angaben findet. Riekammers Güteradrehbücher sind wichtige und unentbehrliche Handbücher und Rachschlagewerke für die gesamte Landwirtschaft und die mit dieser in Verbindung stehende Handels- und Industriewelt. Interessenten für das in diesen Güteradrehbüchern enthaltene, ausführliche und zuverlässige Adressen-Matettal sind außer den Landwirten selbst: landwirtschaftliche Maschinenfabttken und -Handlungen, Gütermakler, Futtermittel- und Viehhändler, Hotels und jeder Geschäftsmann.


