Ausgabe 
12.4.1929
 
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Rr. 85 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 12. April 1929

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in der Außenpolitik sucht. Sehr wichtig und be­merkenswert ist in dieser Hinsicht auch der Ver­trag mit Italien, der im Mai 1928 abge­schlossen wurde. Auch er ist als ein Erfolg der türkischen Diplomatie zu werten, die die fran­zösisch-italienische Rivalität im Mittelmeer zu dem eigenen Sicherheitszweck der neuen Türkei wohl auszunutzcn verstand. Um die Freund­schaftsbeziehungen zu Italien gewissermaßen auch persönlich zu unterstreichen, wird der Leiter der türkischen Außenpolitik, Ruschdi-Veh, nach neue­sten Pressenachrichten in nächster Zeit Rom be­suchen und sich von dort aus übrigens auch nach Deutschland begeben.

Steinkohlen- förderung 1928.

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Die soeben veröffentlichte Statistik der Stein- kohlensörderung der Hauptproduktionsländer für das Jahr 1928 zeigt folgendes Bild:

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Tschechoslowakei Saargebiet Kanaba Südafrikanische Union Niederlande

Punkt, der nicht nur wirtschaftliche, son­dern auch militärische Bedeutung besitzt. Um so größer war die Verblüffung und Entrüstung der Sowjetpresse, als die Türket sich irn Iuni 1926 sich mit England über diesen Punkt in dem Mossul-Abkommen einigte. Seither vermochte weder die vielbesprochene demonstrative Zusammenkunft Ruschdi-Beys mit Tschitscherin im September 1926 in Odessa noch die Wiedererneuerung des türkisch-afghanischen Freundschaftsvertrages am 25. März 1928 eben­sowenig wie der türkisch-persische Vertrag vom 14. Mai 1926 darüber hinwegzutäuschen, daß die neue Türkei in erster Linie nur Sicherungs- zwecke, aber keine Offensivbündnisse

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um die Volkssitte behandelte. Aus einer Tränen- saat von 142 Missionsgräbern ist heute eine blühende Kirche von 50 000 Gliedern mit 35 eingeborenen Pfarrern und 1700 Taufen allein im letzten Jahr entstanden. Der Abend wurde mit einer Abendandacht von Stiftsdechant Kahn, Lich, geschlossen.

Der zweite Tag brachte nach einer Morgen­andacht von Professor Keller, Friedberg, einen auf langjährigen und persönlichen For­schungen beruhenden Vortrag von Kirchenrat i. R. Wissig, Bad-Rauheim, überDas Sterben einer lebendigen Kirche in den Tagen des Boni­fatius und ihr Auferstehen in Luthers Katechis­mus". Werk und Wollen des Bonifatius er­schien an Hand der von dem Redner übersetzten Briefe des Apostels der Deutschen in ganz neuem, noch ungewohntem Licht, die Blütezeit der iro-schottischen Kirche, die im 13. Iahrhun- dert unterging, wurde in Vertretern wie Adelbert und Clemens lebendig. In Kürze werden die Forschungen des Vortragenden in einem Buche Winfrid Bonifatius, ein Charakterbild aus sei­nen Briefen gezeichnet" der Öffentlichkeit zu­gänglich gemacht. Der Vortrag wurde mit großem Beifall ausgenommen. Die Konferenz wurde dann mit einem Schlußwort des Leiters und mit Gesang geschlossen.

Jan Welzl, Eskimohäuptling, erzählt...

Seit einigen Wochen weilt ein sonder- » barer Gast in Prag. Er hat 28 Iahre unter den Polareskimos gelebt. Gegen­wärtig zählt er 60 Iahre.

Ich bin im Iahre 1868 in Hohenstadt in Währen geboren. Ich bin Tscheche und heiße Ian Welzl. Hier ist mein Paß. Ich habe in meiner Iugend und später erst recht nicht viel Bücher g elesen, aber, wenn Sie es wissen wollen, Sehnsucht nach fernen Ländern hatte ich schon als Kind. Mit 14 Iahren kam ich zu einem Schlosser bei Hohenstadt in die Lehre. Ich habe schon damals Tschechisch und Deutsch gesprochen. Mit 16 Iahren bin ich ausgewandert: ich kam zu Fuß bis nach Genua, in eine Eisfabrik. Als ich 20 war, ging ich zurück nach Hause und wurde Soldat bei der Artillerie. Ich habe drei Iahre gedient Meine Mutter war in Hohenstadt, und 1893 bekam ich die Rachricht, daß sie gestorben ist. Ich bin hingefahren und habe da gesehen, daß man die sterbende Frau total ausgeraubt und ausgeplündert hat. Es war nichts dageblieben. Das hat mich so geärgert, daß ich mir vorge­nommen habe, so weit zu gehen, als mich meine Füße nur tragen können. Ich hatte irn ganzen vier Kreuzer in der Tasche. Da ging ich also, ich war damals 25 Iahre alt, immer zu Fuß, zuerst nach Wien, dann nach Graz und bis Triest. Italienisch sprechen konnte ich schon von meinem früheren Aufenthalte tn Italien her. Von Triest ging ich weiter zu Fuß nach öem bekannten Genua. Wovon ich lebte? Wie eben Wanderburschen leben: vomFechten'. Aber ich bin nie belästigt worden, ich war immer ein anständiger Mensch. In Genua blieb ich genau acht Tage. Dort habe ich mich auf einem eng­lischen Dampfer, er hießEiffei Tower , als Kohlenzieher eingeschifft. Das Schiff ging nach Barcelona, dort wurde Ladung genommen und von da nach Baltimore in den United States. Hier hat der Dampfer abgeladen und fuhr nach Galvestone in Texas, um dort Baumwolle aufzu­nehmen. Dann ging es nach Wladiwostok, das zaristische Arsenal stellte dort Sprengbaumwolle her. Ich blieb nicht auf Deck, sondern suchte mir noch am selben Abend Arbeit auf dem Lande. Man brauchte gerade Leute für eine Reparatur

Kirche und Schule.

Nieder-Wöllstädter-Konferenz.

)( Kloster Arnsburg, 10. April. Gestern und heute fand hier bei guter Beteiligung aus allen drei Provinzen die Riederwöll- städter Konferenz statt. Sie wurde am Rachmittag durch Pfarrer Lenz, Gießen, eröff­net, der zunächst der im letzten Iahre verstorbe­nen Mitglieder, der Pfarrer Lic. Dr. Bert, Weisenau, Pfarrer S ch u st e r , OHanu, und Ka - pesser, Pfiffligheim, gedachte und betonte, daß die Konferenz auch heute noch am alten Ziel der Vertiefung und Verinnerlichung des bib- lisch-evgl. Christentums auf dem Boden der Kon­föderation festhalte und deshalb sich mit Kirchen­politik nicht befasse. An Stelle der in letzter Stunde verhinderten Redner sprach der Vor­sitzende über das vorgesehene ThemaWesen und Werden einer lebendigen Kirche in unseren Tagen". Eine sehr lebhafte und anregende Aus­sprache ergänzte die vorgetragenen Thesen. Am Abend sprach Pfarrer und Missionar Groh, Langd, auf Grund einer 26jährigen Tätigkeit als Missionar in interessantem Vortrag über Die hundertjährige Missionskirche auf der Gold­küste", indem er den Raturboden der Kirche, die Entstehung der ersten Gemeinden, ihre finanziel­len Verhältnisse, die Organisation und den Kampf

Amerika kamen hin, um Iagd auf den Walfisch zu machen. Ich hatte eine Eskimohöhle unter der Erde, man heizt dort mit Moos. Meine Pro­fession war Sagen und Fischen. Rach drei Iahren machte ich mir ein kleines Geschäftchen auf und tauschte Lebensmittel gegen Felle. Die Lebens­mittel bezog ich von den Walfischfängern. Bald darauf kaufte ich mir selbst einen Walfischfänger, nahm einen Eskimokapitän auf und ging auf Walfischjagd. Es dauerte nicht lange, und ich war ein wohlhabender Mann. Das Geld, das ich bekam, verwendete ich zur Anlage großer Silber­fuchsfarmen. Die Farmen überlieh ich den Es­kimos und vereinbarte mit ihnen, daß sie mir dafür weiße Füchse liefern. Mit den Fellen trieb ich Handel nach allen Teilen der Welt, nach London, Paris, Leipzig. Bald daraus war ich Häuptling des Eskimostammes und zwei Iahre später Oberrichter der Indian Justice. Mit den Eskimokapitänen war ich schon bekannt und wurde von ihnen auf ihren Polarreisen mitgenommen. Diese Expeditionen sind dazu bestimmt, um zu jagen oder um das tote erfrorene Wild, das von den Polarstürmen erschlagen wurde, aufzuneh­men. Bei der ersten Expedition kamen wir bis zu 84° 17" nördlicher Breite: wir erlegten dabei Seehunde und Walrosse im Werte von 600 000 Dollar. Die zweite Expedition führte nach dem Franz-Ivsef-Land bis , zu 85° 63" nördlicher Breite. Ich erinnere mich, daß wir dort an zwei verschiedenen Stellen große, blanke Meteorsteine gefunden haben. Die dritte Expedition war im Iahre 1911 und stand unter der Führung des Kapitäns Iwanoff, das ist ein großer Forscher im hohen Rorden, und führte uns bis zu 86° 47". An dieser Expedition hoben sich 86 Mann mit 130 Schlitten und 1400 Hunden beteiligt. Die Deute an erfrorenen Tieren betrug über 2 Millionen Dollar. Irn Iahre 1911 ging ich dann mit einer Expedition über den vereisten Ozean nach Alaska, um Gold zu graben. Zwei Iahre war ich dort. Wir hatten Gold für 40 000 Dollar gefunden, aber die Kosten waren viel größer. Es war eben baä Goldfieber. Acht­undzwanzig Iahre habe ich mit den Eskimos als ihr Häuptling und Oberrichter gelebt. Immer war ich allein, ganz allein. Wie ein Einsiedler. Brave Leute, die Eskimos. Auf Diebstahl steht der Tod. Rur darf der Eingeborene nicht den giftigen Fusel trinken, den dieblind tigers herein- paschen. Wenn er sich daran berauscht, wird er mordwütig. Ich habe als Häuplling dieblind tigers unnachsichtlich verfolgt und war dafür ba-»

auf einem Kriegsschiff nach Port Arthur. Dort bin ich drei Monate geblieben. Dann ging es wieder retour nach Wladiwostok. Ich fand Ar­beit bei der transsibirischen Eisenbahn am Bai­kalsee als Brückenbaukonstrukteur. Sieben Mo­nate war ich dabei. Dann nahm ich die Richtung zurück nach Irkutsk. Da hatte ich schon 3000 Rubel Ersparnisse. Ich beabsichtigte eine Reise durch Transsibirien zu machen, taufte mir Pferd und Wagen, Lebensrnittel, Munition und Ge­wehre, fuhr über Krasnojarsk, kreuzte den Fluh Lena und kam in die Wüste Urda. Fünfund­zwanzig Tage bin ich gereift. Ich gelangte nad) Witimsk und kreuzte den Fluh Witim. BeiOlek- minst geriet ich in die großen Urwälder. Marza und Josef, war das ein Leben! In Iakusk blieb ich zwei Tage. Eine wundervolle Stadt noch all dem Uebrrstandenen. Ringsherum verläuft eine Mauer. Ich könnte sogar die JahreszcM nennen, die darauf steht. Dann zog ich nach Srednyi-Kolymsk, wieder durch schauerliche Ur­wälder. Rächt für Rächt wurde ich von Wölfen angefallen. Um mich zu schützen, muhte ich häufig den Wald in Brand stecken. Lebensmittel hatte ich genug. Ich bin nämlich beim dortigen Gouverneur gewesen und habe ihm von meiner Reise erzählt. Er gab mir eine Ladung voll mit Lebensmitteln. Wild, Johannisbrot und Manna kann man immer haben, nur Salz, Pfeffer und Gewürze muß man mitführen. Ich zog nach Werchojansk und kreuzte den Fluß Iana, dann kam ich über Rishnij-Kolijnsk nach der Insel Koliutschin und nahm die Richtung über die Bucht von St. Lorenz nach der St. Lorenzinsel. Hier tauschte ich schon Pferd und Wagen gegen vier Renntiere und Schlitten aus. Da leben fchon Eskimos. Weiter ging es nach der Deringstrahe und der Däreninsel. Da war schon der offene Ozean, und ich muhte auf einen Walfischfänger warten, damit er mich nach der Reusibirischen Insel bringe; die liegt am 78. Grad nördlicher Breite. Hier beginnt mein Geben unter den Eskimos. Die Insel hatte 11 Kilometer im Um­fang; der Eskimostamm zählte 700 Köpfe. Es war eine ganze Gruppe von Inseln da, doch waren nicht alle bewohnt. Auf der Insel wurde ich an­sässig und begann an den Walfischreisen teilzu­nehmen. Auf der ersten Reise erbeuteten wir elf Walfische. Als wir zurückkamen, zahlte mir der Kapitän 9000 Dollar in Sachwert aus. Wir waren 47 Tage ausgewesen. In jener Gegend sind 70 Tage Sommer und Tag, der Rest Win­ter und Rächt. Männer aus Sibirien, Iapan,

rühmt bis nach Alaska. Vom Weltkrieg wußte ich nichts. Es ist mir nur aufgefallen, daß so wenig Lebensmittel zu uns famen. Wir luden ein Schiff voll mit Elfenbein, auch Gold, Fellen, um diese Waren in Alaska gegen Lebensmittel umzutauschen. Wir kamen ins Treibeis, das Schiff wurde von den Eisschollen zerdrückt, und wir selbst retteten uns an die Küste. Aber es war für mich eine schlechte Rettung. Ein Schwarzer, einblind tiger, überfiel mich mit feiner Bande. Es ist mir dann sehr schlecht ge­gangen. Man hat mich bei der Behörde als Spion falsch beschuldigt, und diese Bande ist schuld daran, daß ich statt in meine Heimat auf der Reuen Sibirianischen Insel nach Hamburg gebracht wurde.

O, ich kann vieles erzählen. Mir kommen die Gedanken einer nach dem andern. Ich habe zwei komplette Mammutgcbeine gefunden und kann genau beschreiben, wo sie liegen. Die kleinste Rippe wiegt über 300 Pfund, ein gewöhnlicher Zahn 45 Pfund, ein Backenzahn 90 bis 120 Pfund. Ich habe Kieselsteine mit Radiumhärchen ge­sehen, mit denen leuchtet man wie mit einer richtigen Lampe. Ich habe auf meiner Polar­expedition am 27. August 1911 um 2 Uhr früh, Polarzeit, eine schreckliche Sonnenfinsternis er­lebt. Das Feuer der Sonne verzog sich über die ganze Polaraegend und es wurde so heiß, daß man in die Eisberge flüchten muhte, um nicht zu ersticken. Die ganze Gegend war blutrot, lind nachdem das Feuer langsam wieder in die Sonne zurückgegangen war, kam der Mirage (Luft­spiegelung), die Welt wurde verkehrt, der Rorden stand im Süden und der Süden stand im Rorden, das Wasser war oben und die Eisberge zeigten» mit der Spitze nach dem Ozean. Als das erste Sonnenlicht wiederkam, setzte ein furchtbarer Schneesturm ein, der uns in wenigen Minuten ganz und gar überschüttete. Wir muhten mit den Rudern in der Hand kämpfen, damit die Hunde nicht erstickten. Um fünf Uhr früh war heller Sonnenschein. Von alldem kann ich erzählen. Ich besitze auf meiner Insel in der Grotte Felle und Mehl, Früchte, Zucker, Kaffee, Tee, Elfen­bein und ungefähr 9 Zentner Gold. Das Gold gehört nicht mir, das haben weiterfahrende Leute mir zum Aufheben gegeben. Ich gehe unbedingt wieder zurück. Ich bin ein Sohn der Wüste. Was soll ich hier? Dort habe ich meine Frei­heit. Was ich schieße, das gehört mir. Es ist ein großartiges Leben.

ein Mrzehnt türkischen Aationalkampfes

Von (S. Mulden.

nach Asien zurückschob, damit keineswegs etwa eine Rückkehr zu alt-orientalischen Tradittonen, sondern umgekehrt eine Europäisierung seines Landes einleitete. Aber seine bahnbrechende Rolle im nahen Orient erklärt sich durch die­selbe Idee, wie die Sunhatsens im Fernen Osten: die europäische Vormacht in Asien durch öle eigenen Kulturmittel Europas zu brechen. Rur wurzelte Sunhatsen, bei all seinem reformatorischen Streben, Immer noch in der alten guten chinesischen UeberUeferung und diese mäßigte und veredelte auch seine Reuerungs- beftrebungen. Bei Mustapha-Kemal dagegen, dem alten Revolutionär noch aus der jungtürkischen Zeit her, der in Paris zu Fühen europäischer Professoren sah, dessen Hah gegen das alte Re­gime durch die Erlebnisse des Weltkrieges, wie oben angedeutet, noch vielfach gesteigert wurde, bei ihm bricht der Reformeifer rücksichtslos durch. Abschaffung des Sultanats und des Kalifats, Befreiung der Frau, Verweltlichung des Schul­wesens, Abschaffung des Fez, der ja auch ein wichtiges religiöses Symbol ist, Verbot der reli­giösen Sekten und Mönchsorden, Trennung von Staat und Religion, Europäisierung der Schrift das sind die wichtigsten Aeuherungen dieses ungestümen Reformeifers, dessen Tempo freilich nach dem Aufstand der Kurden sowie nach der Aufdeckung des Attentats auf Kemal sich, gleich­sam als Gegenschlag, noch besonders steigert.

Interessant ist es aber, zu beobachten, wie, Hand in Hand mit all diesen äußeren Reformen, sich auch die innere Ideologie ihrer Anhänger umwandelt. Weist man die Ver­treter der neuen Türkei (auch die amtlichen) darauf hin, daß der Sitz der Türkei immerhin Asien ist, und daß dies für die neue Türkei ja noch mehr zutrifft als für die alte, so er­widern sie: Was sind denn auch die heutigen Völker Europas denn anderes als Sprötzlinge Asiens? Die Sitten und Gebräuche, die heute abgeschafft werden, erklären sie aber nicht für nationaltürkische, sondern von außen hinzu- getragene Beimischungen zum ur­sprünglichen Islam. Insonderheit ist ihnen das Kalifat eine Einrichtung arabischen Ursprungs, die ins Türkentum eingedrungen war, heute aber abgetan ist. Wir wissen auf der anderen Seite, wie sehr von Vertretern der pan- islamischen Bewegung, die sich gerade in arabisch- sprechenden Ländern rekrutiert, diese Abschaffung des Kalifats nicht nur aus religiösen, sondern auch aus politischen Gründen den Führern des modernen Türkentums verübelt wird. Aber die Unabhängigkeit der neuen Türkei ist diesen Führern, mit Kemal Pascha an der Spitze, das oberste Gebot in jeder Hinsicht, und das Prinzip desfara da se beherrscht unentwegt auch ihr politisches Handeln.

Dies hat sich während des nun zurückliegenden Iahrzehnts besonders auch auf dem Gebiete der türkischen Außenpolitik ausgeprägt mit ihrem Hauptstreben, die ausländischen Beziehun­gen der neuen Türkei allseitig zu sichern, doch unter Vermeidung irgendwelcher ernstlicher aus­wärtiger Engagements bzw. unter Eingehung nur scheinbarer Bündnisse. Dies gilt in erster Linie von den Beziehungen zu dem neuen Rußland, das durch das Aufgeben althergebrachter zaristi­scher Aspirationen auf die Beherrschung Kon­stantinopels und der See-Engen sich die aufrich- tige Bundesgenossenschaft der neuen Türkei zu erlaufen und dies in den Freundschaftsverträgen der Iahre 1921 und 1925 zu besiegeln bemüht war. Denn die neue, zur Freiheit strebende Türkei erschien den Politikern im Kreml zugleich als Vorkämpferin Asiens gegen Öte Weltmächte; zumal, trotz des Lausanner Frie­dens, ein sehr wunder Punkt namenllich im Ver­hältnis zu England blieb: der Streit um die Be­herrschung der Oelfelder von Mossul, ein

Als Kemal Pascha vor zehn Iahren den Kampf um die Freiheit der Türkei begann, war es keineswegs die Eingebung eines plötzlichen Entschlusses, sondern die Tat eines Patrioten, der die Zerstückelung seines Vaterlandes nicht mehr mitanzusehen vermochte. Wohl hat der Einzug der Griechen in Smyrna am 15. März 1919, unter dem Schutze britischer Kriegsschiffe, Kemals Gefühlen den letzten Anstoß zur Tat gegeben und so den Auftakt zu seinem allmäh­lichen Aufstieg zum Diktator der Türkei gebildet. Allein diese ganze Entwicklung ist in den Erleb­nissen des Weltkrieges und noch mehr des Rach­kriegs verwurzelt.Ich lebte nur dem einen Ge­danken: die Türkei, die in Schmutz und Schande versank, e m p o r z u h e b e n," so erzählt Kemal von sich selbst aus jener Zeit der Vorbereitung. Immer mehr verliert er den Glauben an die Pforte, an Konstantinopel, an den Sultan; er bemüht sich, den Kronprinzen Wahid-Eddin, den er auf der Reise nach Deutschland begleitet und der im Iuli 1918 den Thron der Türkei besteigt, für seine Pläne zu gewinnen, ja ihn an die Spitze der türkischen Armee zu stellen. Aber in dem neuen Herrscher findet er dieselbe Säten- und Willenslosigkeit, die ihm, Kemal, in dem bis­herigen Sultan so verhaßt ist, und als die Pforte am 30. Oktober 1918 auf dem englischen Schiff Agamemnon" im Hasen von Mudros den Waffenstillstand unterschreibt, warnt er alle maß­gebenden Stellen:Ich bin überzeugt, daß das Ottomanische Reich bereit ist, sich dem Feinde auszullefern, und zweifle nicht daran, daß die Folge davon die Besetzung der ganzen Türkei sein wird und daß der Tag nicht mehr fern ist, da der Feind die türkische Re­gierung ernennen wird."

Demgegenüber besteht sein Plan in der Ver­wirklichung der Prinzipien Wilsons, aber ge­mäß den strategischen Umständen.Armer Wil­son," heißt es in den gleichen Erinnerungen: er begriff nicht, daß man durch keine Prin­zip i e n Grenzen verteidigen kann, die sich nickt durch Gewehre, durch Gewalt, Ehre und Würde verteidigen lassen." Schon auf dem Kongresse in Siwas tritt er für die Beschränkung der Ver­teidigung der Türkei auf ihre ethnographischen Grenzen in diesen Grenzen aber für eine be­dingungslose Verteidigung ein.Ich bekenne, daß ich die Grenzen der Türkei gemäß den humani­tären Grundsätzen von Wilson festlegen wollte, eben auf diese Grundsätze gestützt, bestand ich auf der Anerkennung der Grenzen, die durch die türkischen Gewehre gezeichnet und erledigt waren." Da der Zerfall des Ottomanischen Deiches nicht mehr aufzuhalten war, sollte wenigstens das ethnographische Kerngebiet des Türkentums Kleinasien um jeden Preis gerettet werden. Darum befiehlt Kemal entgegen einer Weisung Ismeth Paschas den Zutritt zum Hafen von Alexandrette den Eng­ländern mit Waffengewalt zu verwehren, muh aber noch weichen; und darum beginnt er dann im März 1919 auf eigene Faust in Ana­tolien den nationalen Widerstand zu organisieren, der ihn schließlich zur Erreichung seiner strategischen Ziele führt. 1920 muß sich ihm in Kilikien ein großes französisches Heer er­geben. 1922 werden die Griechen aus Smyrna vertrieben und im August 1923 steht Kemal Pascha in Lausanne England und Frankreich als ebenbürtiger Kontrahent gegen­über.

War es aber ein Rovum in der bisherigen Geschichte der Türkei, daß nun allen Vormund- schaftsplänen der Westmächte ein Ende gemacht wurde, so besteht das besondere Kennzeichen der nun beginnenden Epoche der neuen Türkei nicht weniger auch in ihrer völligen inneren Um­wandlung. Es berührt eigenartig, daß Ke­mal, der die Hauptstadt der neuen Türkei weiter

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Insgesamt ist, gegenüber dem Vorjahre, als Aus­druck der Weltsteinkohlenkrise, ein Rückgang der Produktion der wichtigsten Länder in der Höhe von 30 Millionen Tonnen festzustellen. 80v.H. dieses Rückganges entfällt aus die Vereinigten Staaten , von Amerika. Eine erwähnenswerte Mehrförderung I weisen nur die Niederlande, Polen und die Sowjet- I Union auf.

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