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Nr. 60 Zweites Blatt Eichener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 2. März 1929
Stalins Zweifrontenkrieg.
Hm Kulakentum und Bauernkurs. — Kaserne und Dorf.—Oer Skalp Bucharins.
Don unserem p.-Berichterstatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI Riga, März 1929.
Hinter den festaeschlossenen Vorhängen der Partei im Kreml herrscht Hochspannung. Kaum Lar Trotzki „erledigt", kaum waren die 1600 seiner Anhänger den weiten Weg nach Sibirien gewandert, den viele, sehr viele von ihnen schon von früher her kannten, als er noch „ein Ehrenweg für jeden aufrechten Revolutionär" war. da tauchte eine neue „Gefahr" auf. Dicht etwa für den Staat, der vor der Hand noch von den agitatorischen Früchten des Litwinowproto- kolls zehrt, sondern für die Partei. Dei der Struktur des Sowjetstaates ist das aber gleichbedeutend auch mit der stärksten Einwirkung auf die Grundlagen des Staates, zumal, wenn, wie es jetzt der Fall ist, fast alle prominenten Mitglieder der Regierung des Sowjetstaates so oder so an der Auseinandersetzung beteiligt sind.
Als B u ch a r i n vor Wochen unerwartet von Stalin in einen dringenden Urlaub geschickt wurde, wurde gemunkelt, es sollte ernste Zerwürfnisse mit dem allmächtigen Diktator Stalin gegeben haben. Man war in Kreisen der Partei, die in der Regel über die Stimmungen im Kreml sich gut unterrichtet gezeigt haben, auf die Fortsetzung dieser „Diskussion" außerordentlich gespannt, als die Aktion gegen die Trotzkisten einen Strich durch die Rechnung zu machen schien. Zugleich war aber auch der Presse und den Dach- riebtenträgern in Moskau ein neues Betätigungsfeld gegeben. daS eine Zeitlang von diesem Gebiete ablenkte, da alle Welt sich nur noch mit der Verbannung Trotzkis befaßte. 06 der eiskalte Fanatiker mit dem Asiatengesicht, der Kaukasier Tschungaschwili-Stakin. aber gleich ganze Arbeit zu machen beabsichtigt, ob der Vorsitzende der Komintern ihm neuen Grund zur Unzufriedenheit gegeben bat oder ob die inneren Mißerfolge so katastrophal sind, daß eine neue Ablenkung der Aufmerksamkeit für die ständig wachsende Zahl der Unzufriedenen im eigenen Lager notwendig ist? Man kann bei der Undurchsichtigkeit der inneren Parteiverhältnisse, bei der straffen Zusammenfassung des Dachrichtenapparates und der Presse, bei der Gleichzeitigkeit der zunehmenden Parteikrise und der wachsenden Verschlechterung der inneren Lage im Staat nur schwer Ursache und Wirkung auseinanderhalten. Man kann dies um so weniger, als es noch keinem gelungen ist. bei diesem Kampf, der sich mit wachsender Zähigkeit in dem Jahrfünft seit der Thronbesteigung Stalins abspielt, in der Seele dieses ehemaligen Priesterschülers Josef Wissarionowitsch Dschun- gaschwili zu lesen, der heute von der ganzen Welt gekannt, gehaßt und gefürchtet, aber von keinem geliebt wird. Man kann nur Tatsachen mitteilen, die von Mund zu Mund weiter- gegeben werden, die sogar gelegentlich der Feier der Roten Armee und der Tagung der Kommpartei Moskaus, des wichtigsten bolschewistischen DayonS, auch Eingang in die große Parteipresfe gefunden haben.
Anläßlich des Kongresses schrieb das parteiamt- l'chc Blatt, die „Prawda", daß die »Hydra der FraktionsbUbllNg", die viele schon für endgültig beseitigt hielten, in Wahrheit noch längst nicht tot fei, daß sie im Gegenteil in der letzten Zeit wieder fredjer ihr Haupt erhebe und daß selbst in den leitenden Kreisen der Partei Abweichungen von dem Kurs des wahren Leninismus festgestellt worden seien. Das Blatt bekannte offen, daß neue Versuche der rechtsopportunistischen und friedliebenden Elemente unternommen worden sind, den Kampf gegen die Kulaken einzustellen, die Industrialisierung zu hemmen und damit in den Zentralkurs der Partei Verwirrung hineinzubringen. Der Verlauf des Par
teitages brachte dann auch eine volle Bestätigung für den neuen Kampf, den Stalin feinen Gegnern von rechts angekündigt hat. Da einem Bucharin von dem Lecker des Kongresses, Molotow, der rechten Hand Stalins, das Wort nicht gegeben wurde, als er feine Dorfpolitik rechtfertigen wollte, da mit ebenso eindringlichen wie unmißverständlich drohenden Worten die b e r ü ch t i g t e G P U an die Wand §imalt wurde, da man es geschickt verstand, das ubiläum der Roten Armee propagandistisch auszuschlachten und das Recht einer Auslegung — und der richtigen Auslegung! — des Leninismus für sich in Anspruch zu nehmen, wurde zum mindesten die Blamage einer öffentlichen Spaltung auf einer Parteikonferenz vermieden.
Ohne Zweifel hat Stalin damit den ersten erfolgreichen Schritt in der Bekämpfung der neuen Richtung unternommen. Aber ebenso unzweifelhaft ist die Gefahr, die für ihn, und in erster Linie für ihn persönlich, besteht, noch längst nicht beseitigt worden. Der anertannte Theoretiker des Kommunismus, Bucharin, operiert mit dem Einwand, daß cs zu Lebzeiten eines Lenin nicht zu einer so katastrophalen Zuspitzung der inneren Lage gekommen wäre. Darin erblickt er den besten Beweis für das Versagen der Stalinschen Politik, die die Sowjetunion in eine Lage gebracht hat, aus der sie nur noch durch rechtzeitiges und enticheiden- des Herumwerfen des Steuers retten könne. Er fordert deshalb Einsteellung der kulakenfeindlichen Politik, Aussöhnung mit dem Dorfe, und zwar mit allen Schichten des Bauerntums, entscheidendes Bremsen der kostspieligen und bisher^fo gut wie ergebnislosen Industrialisierung und Selbstbesinnung der Sowjetunion auf die Grundlagen ihrer Staats- und Volkswirtschaft, die landwirtschaftliche Produktion. Es handelt sich hier in der Tat um „Abweichungen von der Generallinie der Partei", aber, zumal für den Außenstehenden, nur um geringfügige Abweichungen, die ihren Kern eigentlich nur in der Methode haben. Ilm mehr allerdings, um weit mehr handelt es sich für den Selbstherrscher im Kreml, für den Diktator Dschungaschwili-Stalin. Für ihn ist es ein Kampf um das Prestige, ein Machtkampf, der durch keinen Kompromiß beigelegt werden, bei dein es nur Vernichtung ober vollkommene eigene Niederlage geben kann. Die Mittel, mit denen auch dieser Kampf ausgefochten wird, sind auf beiden Seiten die gleichen: unterirdische Wühlereien und Intrigen, d. h. das, was man hier in dem Sanzmelwort „Propaganda" zusammenfaßt, bis zu persönlicher Beschimpfung und Verleumd ing. So wurde dieser Tage ein Brief Stalins an Bucharin verbreitet, in dem cs heißt, daß sie beiden die eigentlichen Spitzen der Partei seien, während die anderen Mitglieder des Politbüroa nur von ihnen „mitge- schleift" würden. Als Stalin von dieser Veröffentlichung seiner vertraulich gemachten Sleufcerung erfuhr, ließ er seinerseits eine Unterredung zwischen Bucharin und Kamenew zirkulieren, die sehr wenig schmeichelhafte Aeußerungen über ihn — otafin — enthielt.
Diese Preisgabe vertraulicher und intimer Aeußerungen sieht man in Moskau zwar als ein zulässiges Kampfmittel an; sie vermag aber nirgends den Eindruck zu verwischen, daß es d e r todkranke Körper der Sowjetuni on ist, auf dem dieser Kampf der Parteigrößen ausgetragen wird. Gerade die ernste innere Lage, die Bucharin weitgehend auszunuhen versteht, hat ihm, verschiedenen Anzeichen zufolge, bereits eine Gefolgschaft gesichert, deren Größe für den Entschluß Stalins, endlich zuzuschlagen. maßgebend gewesen ist. Denn in der Tat hat die „Zentralrichtung" den Einwänden Bucharins bisher nur den Hinweis enkgegenhalken können, daß die neue
Medizinisches Kolleg 1940.
Von Or. V. Hermann.
„Meine Damen und Herren!
Vor zwei Minuten bin ich durch Funkspruch vom Allantischen Ozean her konsultiert worden, und da es sich um einen recht interessanten Fall handelt, mochte ich Ihnen Gelegenheit geben, ihn in allen Einzelheiten kennenzulernen. Die Dame kam vor kurzem wegen Herzbeutelentzündung mit beginnenden Verwachsungen zu mir, und ich riet ihr zur sofortigen Lösung der Verwachsungen durch Iontophorese. Ehe sie sich jedoch zu diesem Eingriff entschloß, wollte sie noch die Maho-Heart-Association konsultieren und nahm gegen meinen ärztlichen Rat das Frühflugboot nach Deuyork. Wie mir der Bootsarzt funkt, hat ein Sturm über der Atlantik die Patientin so mitgenommen, daß der Eingriff kaum mehr hinausgeschoben werden kann. Der Kollege vom Flugboot „F 87" ist gerade dabei, den augenblicklichen Zustand der Patientin drahtlos zu registrieren."
Der Professor drückt auf einen Knopf.
„Sie sehen auf Leinwand I das Funkblld unserer Patientin. Ihr Gesicht ist blaß und eingefallen, und der schlechte Allgemeineindruck läßt einen schweren Kollaps vermuten. In der Gegend der Herzspitze sehen Sie, dem Herzschlag entsprechend, die Vorwölbungen und Einziehungen der Brustwand, die auf Herzbeutelverwachsungen Hinweisen. Tafel H zeigt Ihnen graphisch die Pulsübermittlung. Wenn Sie sich einen Augenblick still verhalten oder sich Ihres Mikrophons bedienen wollen — für die Herren, die es vergessen haben, stelle ich den Lautsprecher ein — so können Sie genau alle akustischen Phänomene des Herzens wahrnehmen, die Ihnen bei dieser Krankheit bekannt sind. Beobachten Sie bitte auf Leinwand i die Herzgegend, während Sie die Herzgeräusche anhören.
Die Fernm^ssung zeigt 35,7 Grad, also eine Kollapstemperatur, infolge Versagens der Herz- kraft. Auch ich bin darum der Meinung, daß nur ein rascher Eingriff lebensrettend wirken kann. Der Schiffsarzt gab mir aber zu verstehen, daß er die Herzoperation — und das ist begreiflich — noch nie ausgeführt hat. Ich habe ihm darum sofort den betreffenden Operationslehrfilm funken lassen — Sie können ihn auf der Projektionsflache an Ihren Plätzen verfolgen — um ihn noch einmal genau zu orientieren. Außerdem habe ich dem Kollegen zugesagt, den Eingriff von hier aus zu leiten.
Sie sehen, die Operationsvorbereitungen sind schon beendet, und die Darkosetablette wirkt bereits. Die Großeinstellung des Farbenfunk 5 auf die Herzgegend wird uns die Beobachtung und Regie der Herzbeuteloperation erleichtern."
Der Professor begibt sich an seinen Sender und leitet, das Operationsfeld auf der Leinwand beobachtend, jeden Handgriff, jeden Schnitt. Ligatur und Daht, während der Pulsregistrator ihm die Kontrolle über den Allgemeinzustand der Pallentin ermöglicht.
In der letzten Bank des Hör'aals aber stellt eine gelangweilte Studentin auf Welle 715 Paris ein und hört — sich leise in den Hüsten wiegend — den neuesten Schlager vom „Lapin agile .
Laßt hören, Mister!
Don Friedrich Koch-Wawra.
.chall!" rief eine Stimme aus dem Gebüsch, und ein Gewehrlauf im Blätterwerk gebot nochmals und einbr.ngl.ch: Halt! Ein ftachsbärtiger Mann trat auf mia) zu, ein sogenannter Oid-timer, w,e es in Texas noch Diele gibt.
„Ich bin der Shells John Rosamund. Yes, Sir, Shells von Boxville."
„3u dienen, Mister Rosamund!"'
„Landstreicher, was?"
„Rein, Tourist!"
„Anyhow, Tourist, kommt nur mit! Diese Stadt braucht Arbeiter für ihre Basaltbrüche. Acht Tage Arrest werden Euch gut tun, Master! Acht Tage — das ist die Taxe für Touristen Eurer All."
Ich stand vor dem Friedensrichter von Boxville.
„Euer Name, Mister?"
„Fred Koch."
„(Euer Berus?"
Ja, welchen Beruf hat man so als Bindestrich- Tourist? Die berühmte innere Stimm: hieß mich sagen: „Pianist."
„Wollt Ihr das Auge des Gesetzes anlügen, Mister? Dann gibt's hoppelten finnftr
„Keineswegs, Euer Ehren. Es stimmt: Pianist."
Seine Ehren stand auf und ging voran. Hinterher der Sheris mit dem Karabiner. Der Richter führte mich in seine Wohnung, schloß die gute Stube auf und zeigte aufs Klavier.
„Laßt hören, Mister!"
In dem Zimmer tickte eine Wanduhr. Aus einem Serviertisch lagen goldene Drangen und flammend- rot. Aepsel. Es roch nach Frieden und Recht und Wohlbehagen. Ich legte meine Hutruine unter den Serviertisch und setzte mich ans Klavier. Und ehe
Opposition gegen die von der Parteimehrheit al- richtig anerfdnnte Richtung verstößt. Die M i ß- erfolge, die Bucharin ihr aber zum Vorwurf macht, können indessen nicht abgeleugnet werden. Und diese Mißerfolge haben bis in die Reihen der Arbeiterschaft und der Partei hinein eine Unzufriedenheit geschaffen, von der man sich im Ausland nur deshalb vielfach einen falschen Eindruck macht, weil die politische Indifferenz des russischen Dauern eben alle Begriffe übersteigt. Der Kampf gegen den sogenannten Wulaken, der in Wahrheit nicht mehr eine öestimmte Dauernschicht darstellt, sondern als Degriss für alle der gegenwärtigen Richtung unfreundlich Gesinnten gilt und deshalb propagandistisch so weitgehend Verwendung findet, ist soweit Mode geworden, daß unter seiner Flagge auch die unsinnigsten Maßnahmen durchgeführt werden. So notorisch auf der einen Seite allerdings die Sowjetfeindlichkeit der oberen Dauernschicht ist, so fest steht es aber auch auf der anderen Seite, daß die Zwangsmaßnahmen gegen das Dors, die unsinnige Getreideerfassung auf dem GPU-Wege und nicht zuletzt die als stärkste Gefährdung jeder eigenbäuerlichen Produktion drohende neue Landwirtschafts st euer den Dauern so erbittert gemacht haben, daß er heute ganz allgemein von dem Kommunismus nichts mehr wissen will. Lediglich der Unorganisiertheit der bewußteren Dauern- schichten dürfte es Stalin zu verdanken haben, daß ihm von dieser Seite nicht schon mehr Schwierigkeiten bereitet wurden als dies tatsächlich der Fall ist. Aus der anderen Seite haben es die leitenden Parieikreise aber auch verstanden, sich nicht nur endgültig die Reste der Intelligenz zu entfremden, sondern auch in den Kreisen der Arbeiterschaft und des städtischen Fabrikproletariats eine (Stimmung zu erzeugen, die die Gefahr einer Explosion schon längst in den Bereich der realen Möglichkeit gerückt hat.
Die radikale und alles bisher an Stalin Gewohnte übertreffende „Säuberung", die gegenwärtig durchgeführt wird, hat eine Erbitterung ausgelöft, die als ein ernstes Symptom angesehen werden muß. Nach einer Mitteilung Molotows auf dem Kongreß der Moskauer Partei sind in einzelnen Gouvernements 16, 21, ja bis zu 25 v. H. aller Angestellten entlassen worden. Bei der Verstaatlichung särnllicher Betriebe in der Sowjetunion bedeutet das eine unabsehbare Vermehrung der Beschäftigungslosen, der von der Partei Verfehmten, der Menschen und Bürger zweiten Grades. Auch auf die Hochschulen und Universitäten hat sich diese Säuberungswut erstreckt. So sind allein in den Leningrader Hochschulen einige hundert Studenten entlassen worden, die ihrer Abstammuna nach nicht „einwandfreie Proletarier sind. Alles, was aud) nur Verbindung mit „Besitzern" aufrechterhält, verfällt unweigerlich der Verdammung und vermehrt damit das Heer der Rechtlosen, aber auch das der Unzufriedenen. Dies im Zusammenhang mit der katastrophalen Wirtschaftskrise und der zunehmenden Inflation stellt eine Gefahr dar, die zwar erkannt wird, die man aber — durch die Bekämpfung der neuen Rechten allem Anschein nach zu bannen hofft. Dabei glimmt es aud; in der Roten Armee, dem bisherigen .Hart der Weltrevoluticm". Es ist offenes Geheimnis, daß der Kampf innerhalb des Kommandos um den richtigen Bauernkurs an Schärfe und Ausdehnung jeden Tag zunimmt, daß ein einflußreicher Kreis die bäuerliche Entfremdungspolitik Stalins nicht mehr milmachen will, ja, daß Woroschilow selbst mit den Grundsätzen Bucharins sympathisiert. Verliert Stalin aber erst die Stütze in der zu über 70 v. H. mit Bauernsöhnen durchsetzten Armee, dann entsteht für ihn eine Lage, die außerordentlich kritisd) werden muß. Ohnehin wird die Säuberung, die sich auch auf die Notarmisten erstreckt, mit sehr scheelen Blicken verfolgt.
Es scheint demnach, daß alle Voraussetzungen für ein Gelingen des Bucharinschcn Unternehmens gegeben sind. Es hieße aber, nicht mit den gegebenen Tatsachen rechnen, wenn man etwa einen Sturz
meine Hände noch wußten, was sie taten, hallte der polnische Tanz Inner Scharwenkas durch das stille R.chterhaus. Ich spielte die Rhapsodie und den Pil- gerdjor, das Lied von Fräulein Hase und den Ra- detzkimarsch von Vater Strauß. Seine Ehren saß auf dem Sofa und klatschte dem Sheris den Takt auf die Schenkel.
Als ich geendet hatte, gaben mir die Behörden von Boxville die Hand. Der Richter hieß mich zum Abendbrot dableiben und zeigte mir das Badezimmer. Ich spielte die Rhapsodie vierhändig mit der Dame des Hauses, schnitt Papiermännchen für das Kind, erzählte dem Sheris deutsche Witze und der alten Schwiegermutter die Wunderkuren von Schäfer Ast. Als die' richterliche Whiskyflasche gegen Mitternacht geleert war, schenkte mir Seine Ehren einen Dollar.
»Ihr seid allright, Mister. Der Sheris wird Euch den Weg zum Bahnhof zeigen. Wie Ihr weiterkommt, ist Eure Sache. Um zwei Uhr kommt der Güterzug nach dem Osten hier durch. Jedenfalls laßt Euch hier nicht wieder blicken! Good bye, Mister!"
Mit dem Erzgüterzug aus Arizona fuhr ich in derselben Nacht „back East“. Und während der Erz- güterzug von 200 Achsen fein eifernes Lied über die Steppe klirrte, faß ich fröstelnd in einer Ecke und sah den blauen Tag dämmern. Und ich dachte: Die guten Eltern daheim haben doch Recht gehabt, als sie mich immer wieder ans Klavier zerrten und einen dicken Musiklehrer daneben stellten. „Wer weiß, wozu du's noch brauchen kannst! Es kann einmal dein Brot sein."
Das Libretto ist schuld!
Das letzte Heft der bei Oesterheld & Co., Berlin W15, erscheinenden Zeitschrift „Die Szene" beschäftigt sich mit der gegenwärtig vielfach diskutierten Krisis der Operette. In einer Umfrage wurden die folgenden Punkte zur Dis- kussion gestellt:
Ist die Operette als Gattung noch gültig? — Ist ihre Krisis au ihre musikalische Form zurückzuführen? — Ist das übliche Operettenlibretto unbrauchbar geworden? — Ist der Darstellungsstil. selbst in seinen modernisierenden Varianten, den gegenwärtigen Forderungen nicht mehr entsprechend?
Ans die Umfrage haben zahlreiche Fachleute — Komponisten, Schaus-ie'e.-. Theaterdirektoren und Kritiker — geantwortet. Die folgende, temperamentvolle Meinungsäußerung ist den Darlegungen des bekannten Komponisten Jean Gilbert entnommen:
Stalins von einem lag Aum anderen erwarten sollte, Bucharin soll zwar die Unterstützung nicht nur R y • kows, des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, sondern aud), was weit wesentlicher ist, die Tomskis, des Vorsitzenden der roten Gewerkschaften, genießen. Bisher haben diese beiden Fül)rer aber unbedingte Zurückhaltung geübt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß sie in dem vorläufigen Ab warten das bessere Teil erblicken werden. Denn gegenüber einem Stalin exponieren sich selbst so unbedingte Führer nur bann, wenn sie ihrer Sache absolut sicher sind. Und Stalin ist unzweifelhaft der Härtere und der Stärkere. Zudem hat er — wenigstens vorläufig — die GPU noch fest in der Hand. Gelingt es also Bucharin nicht, noch rechtzeitig Hilfskräfte zu mobilisieren, so dürfte Stalin — wenn auch der unterirdische Zweifrontenkrieg gegen ihn fortgesetzt werden wird — auch hier wieder Sieger bleiben. Und er wird neben dem Skalp Trotzkis und so vieler anderer auch den eines Bucharin zu seinen Trophäen zählen, während bas Land hungert, und cs im Gebälk des Sowjetstaates immer vernehmlicher kracht ... _______________
Hessische evangelische Fürsorgetagung in Frankfurt.
§ Frankfurt a. M., 11. März. Heute fand in Frankfurt a. M. im Bahnhofsheim (Gutleutstraße) die diesjährige Hauptversammlung des Hessischen Verbandes evangelischer Vereine und Anstalten für Fürsorgeerziehung statt. Eine stattliche Anzahl von Geistlichen, Richtern, Vertretern städtischer Jugendämter, einzelner Fürsorgeanstalten, sowie mehrere Schwestern nahmen an der gut besuchten Versammlung teil. Auch der evangelische Reichserziehungsverband hatte von Berlin eine Vertreterin entsandt, ebenso war das Hessische Landeskirchenamt vertreten.
Der langjährige Vorsitzende, Dekan a. D. Röschen, begrüßte die Anwesenden und gab einen Lieberblick über die Entwicklung des Fürsorgeverbandes in der Zeit von 1925 bis 1929.
Als besonders verdientes Mitglied wurde Kreisdirektor Wolff, Worms, einstimmig zum Ehrenmitglied deS Vorstands ernannt.
In trefflicher Weise, oft mit Humor gewürzt, erstattete Dekan Mahr, Eppelsheim, den Jahresbericht über das abgelaufene Jahr, der von der im Verband geleisteten angespannten Arbeit ein beredtes Zeugnis ablegte.
Dach kurzer Aussprache ergriff Oberstaatsanwalt Dr. May, Darmstadt, das Wort zu seinem mit lebhaftem Interesse aufgenommenen Vortrag über „Iugendgerichtsgeseh und Iugendfürsorg e“. In eindringlicher Weise setzte der Redner auseinander, wie wichtig es fei, daß die Justiz feit Jahren die Dotwendig- feit besonderer Behandlung von Straftaten Jugendlicher erkannte, und daß dieser Erkenntnis im Iugendgerichtsgesetz Ausdruck gegeben wurde, dessen Schaffung man nicht dankbar genug begrüßen tonne. Für die praktische Arbeit ergaben sich viele wertvolle Hinweise, vor allem wurde betont, wie sehr es bei der Iugend- gerichtsbarkeit sowohl, wie Jugendfürsorge auf die Persönlichkeit des Richters und Fürsorgers und ihr Verständnis für den Jugendlichen ankomme. Persönlichkeiten sind hier alles. Der Vorsitzende stattete dem Vortragenden den herzlichen Dank der Versammlung ab, die mit lebhaftem Beifall quittiert hatte.
Dach einigen geschäftlichen Erörterungen fand die Veranstaltung ihr Ende.
Daten für Mittwoch, 13. Marz.
Sonnenaufgang 6.20 Uhr, Sonnenuntergang 18 Uhr. — Mondaufgang 7.25 Uhr, Monduntergang 20.44 Uhr.
1781: der Architekt Karl Friedrich Schinkel in Neuruppin geboren; — 1860: der Komponist Hugo Wolff in Windischgrätz geboren.
„Jawohl! — es gibt eine Operettenkrise. — Und warum? — Dicht weil schlechte Zeiten sind, nicht Kinokonkurrenz oder Theatermüdigkeit! — Dein — nur weil wir Komponisten seit 10 Jahren immer denselben Quatsch komponieren müssen! — Immer wieder die umgedrehte Lustige Witwe, die 100 mal veränderte keusche Susanne, die Situationen der Polnischen Wirtschaft!... Weich' ein Blödsinn wird in den heutigen Operetten oft geredet, wie dumm, wie einfallsarmI — Wie oft habe ich gepredigt: Kinder, schafft Deues — andere Situationen, andere Sprache, andereWihe! — Wir Komponisten sind machtlos! Wir müssen dieses Zeug nun mal komponieren, weil wir vom Komponieren leben und nichts besseres zum Komponieren bekommen... Merlen Sie. daß ich eine Wut habe und mich freue, einmal so öffentlich meinem Komvonistenherzen Luft machen zu können? Der alte 15jährige Schlendrian muß auf» hören. Dor der Lustigen Witwe, die bahnbrechend war, gab es schon einmal so eine operettenfaule Zeit. Auch da wartete man auf Deues! Jetzt ist es wieder so! Ich warte, warte schon so lange —! Wenn Sie wüßten, was ich so in jedem Jahr alles an Textbüchern zu lesen bekomme — wenigstens 100 Stücke — und wie bin ich oft empört über diesen Unsinn und über die geistige Armut durch die ich mich hindurchlesen muh! — Weich' ein Unterschied klafft heute in der Sprache allein zwischen den modernen Lustspielen und der Operette! — Das Publikum will das eben nicht mehr, und deshalb die Krisis! —. Es gibt noch einige hervorragende Librettisten, ich nenne sie aber nicht mit Damen — ich werde mich hüten —. Es soll jeder Librettist, der dieses lieft, glauben, ich hätte gemeint, er gehört mit zu den hervorragenden. Es sind aber zu wenig — um der Krisis ab&uljelfen — darum neue Leute heraus! — Junge Talente her — schreibt Operetten. — damit könnt ihr soviel Geld verdienen, daß ihr euch bald sorgenlos höheren Aufgaben zuwenden könnt! Ich will gerne wie bisher weiter alles lesen — hoffentlich finde ich dann bald etwas, was die Operette wieder in die Höhe bringt."
Hochschulnachrichten.
Die Ernennung des außerordentlichen Professors Dr. Theodor K a l u z a von der Universität Königsberg zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Universität Kiel als Dachsvlger des verstorbenen Professors E. Steinitz ist erfolgt.


