Ausgabe 
12.1.1929
 
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Dams, welche Ich hn Äuge, bester gesagt, tm Ge- dächtnis habe, ist Mrs. Eva M. Kohler aus Lünen- bürg, 'jIodq Scotia, und die Gattin eines kanadi­schen Handelsschiffskapitäns, besten Dreimastschoner ich wahrend des Krieges versenkte. Daran war nun eben die edle Miß schuld, und wäre ich selbst nicht so unendlich glücklich verheiratet, dann würde ich mit elnftimmcn in den Ruf unserer verknöchertsten Junggesellen: Das kommt davon, wenn man auf Frauen hört! Also, die drei Segel des Schoners waren von meinemSeeadler"' aus gesichtet wor­den, nur wußten wir nicht, halten wir einen Geg­ner oder Neutralen vor uns. Wir dippten unsere ehrliche" norwegische Flagge vorsichtshalber zum Gruße. Ohne Erfolg. Der Kerl grüßte nicht wieder. 3d) wußte, was der Skipper drüben dachte: Mensch, du wirst doch nicht )o ne olle chinesisch- norwegische Dschunke wiedergrüßen. Der Uebcrmut des Burschen war um so größer, do er sich auf seiner Hochzeitsreise befand, zusammen mit seiner Gattin natürlich! Mit der aber hatte er nicht gerechnet. Sic schlich heran und sagt«: Männe, du mußt doch wiedergrüßen! Och, den ollen Kasten? Aber du mußt!, ließ sich wieder die Schöne Der» nehmen, das erfordert doch deine Galanterie und deine Etikette! Der schwache Gatte gab endlich brummend nach, dippte seine kanadische Flagge und hatte dos zweifelhafte, nein, das unzweifelhafte Vergnügen, nach einigen Böllerschüsten aus unserer dicken Bertha" ä la Gulaschkanone erschreckt mit den Seinen auf unser gastlid)es Schiff überzusie» Mn, um dort seinen Honigmond auszukosten. Aber nun erst der weibliche Einfluß an Bord desSee­adlers"! Sie hätten meine Jungs sehen sollen! Jeder Mann an Bord war plötzlich ein Scheik. Ja- woll! Jeden Tag hätten Sie hören können: Wo liegt denn zum Deubel mein Rasierpinsel, bei Gott, ich kann dock) nid)t unrasiert an Deck gehen! Man schrie förmlich nach Haarschneidern, Kleider­bürsten wurden zum erstenmal verlangt. Es war zum Davonlaufen! Die ganze Mannschaft rauft sich vor Verlangen nach ästhetischem Aussehen die Haare, blos weil eine Frau an Bord war, die noch dazu einem andern gehörte! Blos, um Effekt zu machen, wenn sie riefen, .Halloh! Hau du ju du? (how do you do) it will be good weather tomorrow." Das war eine Erfahrung, eine sehr gute! Id) nahm ein anderes Schiff, die gefangene Mannschaft kam an Bord, mit ihr der Kapitän und eine Dame. Ah, rief ich,der Käpten und sein reizendes Frauchen, die müssen ne Extra» kabine kriegen!" Bald darauf sichtete ich einen neuen Fang. Da kam der eben versorgte Käpten zu mir und sagte weinend:Um Gottes Willen, ha sitzt mein Schwager als Kapitän drauf Na, das Macht doch nichts, freu'n Sie sich doch!" Ach nein, ich bin zwar verheiratet, aber die Dame ist nicht meine Frau, sondern meine Freun- bin." Nur so viel verrate ich, die Sache lief schief aus für dcn getreuen Gatten. Schlußfolgerung: 1. Der Mann ist Wachs in den Händen seiner Gattin, diese versteht es aber auch, Eindruck zu machen (siehe ,,Seeadler"-Besatzung); 2. es gibt kaum etwas, was den Frauen nicht über ihre Ehe­leute hinterbrocht würde (siehe Käpten Nr. zwo)... Diese Erzählung sei aber nur ein kleiner, gut­gemeinter Scherz, die Moral trifft nicht immer zu, glaube ich. Nun Hobe ich Ihnen aber genug erzählt über meine zweite Fahrt insßanb her unbegrenz­ten Möglichkeiten": wenn meine Fahrt auch fürder­hin erfolgreich verläuft, sollen Sie es erfahren. Bis dahin rufe ich ollen meinen deutschen Freunden und Landsleuten im Geiste und im treuen Gedenken ein aufrichtigesOp Wedderfehn", zumindest aber Op Wedderlesen"! zu, der bütsche Eikboom stecht noch!

Dölkerversöhnung.

M':t den folgenden Antworten deS Herrn Professor Dr. Messer auf die in Nr.6 des©. X vom 8. Januar und Nr. 8 des G. QI." vom 10. Januar veröffentlichten Ausführungen der Herren Dr. Mees- mann und Pro essor Dreher schließen wir die Diskus ion über dieses Thema.

Lieder Herr Dr. Mcesmann!

Zunächst ein theologisches Privatissimum!

Es gibt zwei Schwerter!

Don der « i n e n Art waren die Seitengewehre, die wir alsEinjährige" im Jnf.-Degt. Nr. 118 vor fast 43 Jahren in derPutzstunde" blcrnk rieben, dabei eifrig mitemander philosophierend.

WaS JefuS von dieser Art Schwerter hielt, hat er gesagt, a.s Petrus dem Knechte Malchus das Ohr cttchieb:Stecke dein Schwert in die Scheide!" Schon dir alten Christen haben das ausgefaßt alsAechtung des Krieges". Was inzwischen Kirchen an kriegerischen Taten voll­bracht oder verschuldet haben, daS mögen sie selber verantworten.Kirche" undJesus" ist doch nicht ganz dasselbe! Was aber den Geist 3cfu und den Geist echten Christentums angeht, so halte ich eS dock lieber mit dem evan­gelischen Landesbischof Tolkien (Pazifismus und Christentum gehören zusammen") und mit dem Münchener Kardinal Faulhaber, der in seiner Suvesterpredigt aussprach:Nur der Friede, nicht der Krieg ist vom Geiste Christi"..

2lber das Wort 2esu. das Sie anführen, daß erdas Schwert bringe"?!

Nun, damit meinte er daS Schwert der zweiten Art. das geistig« Schwert, so wie Sie es jetzt gegen mich geschwungen haben. Mit vollem Necht, wenn Ihr Gewissen es Ihnen gebot! And dieses Schwert wollen wir auch weiter führen. Das wäre einfauler Friede", der uns hinderte, in sachlichem Kampf«, selbst Freunden gegenüber, unsere Heb«Zeugung zu vertreten! And solcher Kampf braucht auch Freundschaft gar nicht zu stören.

Also über diezwei Schwerter" sind wir nun wohl einig.

Aber einig sind wir auch und das wird Sie vielleicht überraschen in der Beurteilung französischer Politik.

Das wird Sie überraschen, sage ich: denn in Gießen wie in Queckborn und anderswo wird eS recht v.e.« geben, die von denPazifisten" die naive Dorstellung haben:sie halten es für notwendig, das deutsche Dolk in Ketten und Knechtschaft zu legen" (um Herrn Pfarrer Schick. Queckborn, zu zitieren). Dielleicht kann man sogar aus der sehr umfangreichen pazifistisd)en Litera­tur Aeußerungen zur Stützung dieser Dorstellung aufspüren. Warum soll es nicht auch unter Pa ifisten"Langgeohrte und Kurzcp-üugte" geben ? l

Older aus der 2 d e e des Pazifismus folgt das mit nichten?

Nein, gerade wer der Idee des Friedens auf­richtig dient in Politik und Erziehung und beide sollten eines Geistes sein! Herr Pfarrer! der kann mit aller Entschiedenheit den politischen Führern Frankreichs sagen:Euer Wort ist Friede", aber euer Tun istKrieg"! Habt doch keine Angst vor uns euer kriegerisches Gebaren stammt ja doch nur aus der Olngst! wir planen keinen Llebersall auf euch, wir rüsten auch nicht heimlich und wir werden dafür sorgen, daß die nicht mehr vor Gericht gestellt werden, die heimliche Kriegsvorbereitungen, di« das deut­sche Gesetz verbietet, an's Licht ziehen!"

Daß es aber auch in Frankreich Menschen gibt, die ehrlich für den Frieden eintreten, bleibt eben doch Tatsache. Sie, verehrter Herr Doktor, vorsichern zwar, vom Geiste der Der- söhnung sei dortnicht s" zu spüren. Olber die Erklärung der hundert und mehrintellektuellen" können Sie nicht auS der Welt schaffen. Hnb wenn Sie mirdie Durchsicht der amtlichen französischen Schul- und sLesebücher empfehlen", so bitte ich Sie. in der «Frankfurter Zeitung" Nr. 637 vom 15. Dezember 1928 (2. Morgenblatt) die Mitteilung darüber nach^ulesen, wie kräftige und erfolgreiche Bemühungen gerade von fran­zösischen Lehrern gemacht werden, die französi­schen Schulbücher von allem, was Dölkerhah schürt, zu reinigen. Auch darf ich Sie verweisen auf einen Artikel, den ein vortrefflicher Kenner französischer Verhältnisse. Prof. Dr. Hermann Platz, Bonn, in meiner MonatsschriftPhilo­sophie und Leben" (im Novemberheft 1928) ver­öffentlichte überAuseinandersetzungen zwischen französischer und deutscher Jugend".

Olber das alles sehen die Vertreter der Politik von gestern und vorgestern nicht. Sie sehen auch nicht, daß diese Politik, deren Weisheit darin gipfelt:Willst du Frieden, so rüste zum Krieg!", die Dölker zu der ungeheurlichen Katastrophe deS Weltkriegs geführt hat. Sie sehen endlich nicht, daß das starre Festhalten an dem alten Geist in Politik und Erziehung zu einer neuen Katastrophe führen muß, die ge.ab«,u Döllervernichtung be­deutet. Die am 4. und 5. Januar in Frankfurt tagend« Dersammlung der internationalen Kon­ferenz über denGiftgaskrieg" hat ja darüber ein erschütterndes Material zusammengebracht,

M8 auch denen ernst zu denken geben sollte, die aJ'Realpolitiker" den Dienst an der Friedens­idee (als an einer in sich wertvollen und sittlich gebotenen Ausgabe) wie eine leereIdeologie" verspotten zu können meinen.

Nun, ich weiß mich mit vielgepriesenen Der- tretern deutschen und christlichen Geistes einig in bet Schätzung solcherIdeologie". Ich bin auch der UcberjMgung, wenn wir Deutsche der unae- heuvenS'nn.o.igleit" des W:lttriegcs nachträglich Sinn geben" wollen, so kann daS nur dadurch geschehen, daß wir aL DoÜ di« Führung über­nehmen in der Fortentwick.ung per Menschheit aus der Periode der Politik der Angst. deS Arg­wohns und des Kr.egsgeist.es in die Periode deS DertrauenS, der Aufrichtigkeit und der 'Verständi­gungsbereitschaft. Sie,er zugleichnationale" wie intemationa.e" Pazifismus entspricht durchaus edelstemdeutschen Wesen"; denn ec gibt dem Dolle, was des Dolles, und der Menschheit, was der Menschheit ist. An solchemdeutschen Wesen" kann wirklich auch dieWelt genesen".

Sie verehrter Herr Doktor, wollen freilich auch den Okrtre^rn des Pa'ifismus meiner Art, also einesnationalen" Pa.isiSmus im Sinne z. D. Stresemanns, das Wort verbieten, bis die französichen Politiker sich gebessert haben.

verleihen Sie. da glaube ich mich doch auf Pädagogik etwas besser zu verstehen. Es gibt nämllch auch eine Pädagogik von Doll zu Doll. Für diese gilt aber derselbe Grundsatz tote für die Pädagogik von Mensch zu Mensch: man darf nicht abwarten bis der ander« sich bessert, man muß mit der Besserung selber an­fangen.

A.S Pädagoge muß man auch etwas von P s y ch o l o g t c verstehen. UnöTiefenpsycho­logie" ist gegenwärtig Trumpf. Nicht mit An­recht!

Aber was da von Queckborn aus an tiefen­psychologischer Deutung der Folgen meines Der- haltens geboten wird, das geyt ja noch well über Freud und Adler hinaus! 3 d) soll es sein, der die Gegner in ih.em bösen Derhalten gegen uns zu bestärken gre:gnet ist", der wahre Diener an bet 5rieben8ue fei Herr Schian!

Können Sie das g.auben? Ober verstehe ich den Herrn Pfarrer falsch?

Mit freundlichem Gruß Ihr

August Messer.

SehrgcehrterHerrProfessorDreher!

Zu Ihren geschichtlichen Betrachtungen möchte ich nur g r u n ü f ä tz l i ch bemerken, daß auch für den Vertreter der Dotteroersohnung hinsichttich alles Vorangegangenen lediglich leitend sein kann die Idee der ge s ch i ch t l i ch c n Wahrheit.

Enticheidend für den ® e i ft der Politik und der Erziehung, also für unsere Stellung zurZukunft, können ober historische Tatsachen alssolchenicht fein, vielmehr ist maßgebend, wie wir sie aus inner­sten weltanschaulichen Ueberzeugungen, Wertschätzun­gen und Zielsetzungen heraus Deuten und bewerten.

Ihre Weltanschauung nun erweist sich als eine naturalistische durch den Satz, daßnach un­einigem Gesetz jedes kraftvolle Volt sich ausdehnt in der Richtung des geringsten Widerstände»". Wenig, stens ist da»naturalisttzch" gedacht, wenn Sie Damit fagen wollen, daß auch das Menschen, und Völker- leben lediglich durch Naturgesetze beherrscht werde und so alles Geschehen, auch die politischen Hand- iungen der Staatsmänner und Völker, noturnot- wendig sich vollziehen.

Wenn das aber wirklich Ihre Uederzeugung ist, bann hat es doch eigentlich keinen Sinn mehr, poli­tisches, ja überhaupt menschliches Handeln m o r a lisch zu bewerten, da alle sittliche Beurteilung die Möglichkeit anderer Entscheidung, also menschliche Freiheit vorausfetzt. Dann hat es auch keinen Sinn, daß wir, wie Sie verlangen,für Wahrheit und unser gutes Recht" eintreten, denn das wäre ja nur leere .Ideologie"; nie und nirgends gilt dann R echt" in der Welt, sondern nur Mach t.

Mit dieser naturalistischen Grundeinstellung würde in Ucbereinftimmung stehen die grundsätzliche Forde- rung an unsere Politik und Erziehung: Hauptziel beider muß (ein, daß rotr möglichst bald wieder zur Macht gelangen, und dazu ist jedes taugliche Mittel recht. Moralische Bedenken sind dabei völlig auszu- schalten.

Ich bin mir wohl bewußt, sehr geehrter Herr Profesior, daß bei der Entscheidung für eine natura­

listische oder idealistische Weltanschauung außer« theoretische Faktoren, vor allem Wert schäl- ' z u n g und Glaube, eine Rolle spielen und daß darum logische Beweisführung nicht Ent- scheidendes zu leisten vermag.

Beiläufig bemerkt: ob Sic selbst die hier skiz­zierte naturalistische Weltanschauung voll bewußt vertreten und in allen Punkten als Die Ihre aner­kennen, ist für meine Darlegungen nicht von wesent- licher Bedeutung. Nicht fetten trifft man bei Men. schen weltanschauliche Ueberzeugungen, die genau besehen nicht miteinander harmonieren. Jeden« falls aber habe ich häufig bei den ausgeprägten Geg­nern einer Friedens, und Versöhnungspolitik auch deutlich jene naturalistische Grundeinstellung beob­achtet.

Damit verbindet sich denn auch in der Regel ein tiefer Unglaube gegenüberdem Guten" im Menschen und gegenüber der Zukunft. Egoistisches Mad)tstreben beherrscht die einzelnen wie die Völker, und das wird immer so bleiben diese Grundauf- fassung dürfte doch auch aus Ihrer Bemerkung sprechen, daß an dem Ringen der Staaten um Macht fein Kriegsächtungsakt etwas ändern -könne".

Auch hier möchte ich freilich wieder fragen, was es für einen Sinn hätte, in einer so ^anzmoral­infreien" Weltjenseits von gut und bos für Wahr­heit und Recht" einzutreten?!

Ich meinerseits bekenne mich zu einer idealisti­schen Weltanschauung im Sinn eines Kant und Fichte. Dos schließt nicht aus däs ehrliche Bestreben, den relativen Wahrheitsgehalt Naturwissenschaft, licher Betrachtunqsweise (auch der Menschen und Völker) anzuerkennen. Das schließt aber ein: die Wert, sckätzung von Ideen, auch der Rechts- und Friedens­idee und den Glauben, daß in steigendem Maße sich Menschen in allen Völkern vermöge ihrer Freiheit in den Dienst solcher Wertideen stellen werden, um diese Ideen in der Welt immer mehr auch zur Macht zu verhelfen. Dieses Bekenntnis zum Idea­lismus, zur Freiheit und zur Friedensidee laßt es zugleich als Pflicht erscheinen, bei der sittlichen Bewertung geschichtlicher Vorgänge zu zeigen, wie leider bis jetzt vielfach die moralischen Werte und Normen in der Politik nur als Aushängesch'ld und Maste gedient haben, wie es aber unsere und unserer Nachkommen Aufgabe fei, mit der Anerken- nung des Moralischen auch in der Polttik e r n st zu machen.

Dazu werden wir srellich nie kommen, wenn wir nicht auch ernstmachenmltFriedens-und Versöhnungsgei st inderErziehung. Zu diesem aber steht es freilich Im schneidenden Gegensatz, wenn ein Erzieher die Vergangenheit lediglich nach Tatsachen durchsucht, die geeignet sind, unsere sitt­liche Entrüstung gegen andere Völker xu erregen; wenn er erklärt:Wir haben nichts zu sühnen, wir haben nichts gutzumachen", wenn er Sätze ausspncht wie den:Das deutsche Volk wird vor aller Welt wie ein räudiger Hund behandelt, weil es sich feige treten, anspeien und beschuldigen läfct* .

Das Bekenntnis zum Idealismus und zur Frie« densidee läßt endlich nicht nur zu, sondern fordert als sittliche Pflicht dasselbe, was Sie, sehr geegter Herr Professor, verlangen:ein mannhaftes Ein­treten für Wahrheit und unser gutes Recht".

Die ganz entscheidende Frage um die sich im Grunde die gesamte Aussorache gedreht hat V bt nur: w i e und mitwelchenMitteln dieses Ein­treten erfolgen soll.

Es gibt nur zwei Wege: eine Politik und eine Erziehung, die darauf letzten Endes hinausgebt, durch neuen firieg die alte Machtstellung Deutsch­lands wieder zu erringen und die olles Morollscke und alle Friedensversicherungen nur benutzt, diese innere Einstellung aus Macht und Krieg zu ver­hüllen, solange es nötig scheint. Ober eine Politik und eine Erziehung in ehrlicher Friedensgesinnung, getragen von dem Glauben an eine Bersittlichung auch der Völkerbeüehungen.

Ich habe mich für den z w e i t e n Weg entfdyeben, nicht nur, weil er der Weg des deutschen Idealism"s ist, sondern auch, weil ich überzeugt bin. daß der erste zumUntergang des Abendlandes" führen werde.

Mit vorzüglicher Hochachtung

August Messe».

AuS dem Amisverkündigrrnqsblaii.

*DasAmtsverkündigunasblatt Nr.2 vom 11. Januar enthält: Gebühren für die Prüfung von Mineralwasserapparaten. Allgemeine Stra- ßenverkehrsordnung. Buchmachergehilfe Sally Loeb.

Die gefilmte Krebszelle.

Don Dr. Hugo Berliher.

Der bekannte dänische Forscher Dr. F i s ch e r hat soeben In der Berliner Universität einen aussehenerregenden Dortrag über die neue­sten Ergebnisse der Krebsfor­schung gehalten. Unser Mitarbeiter, derben Gelehrten auch in seinem Berliner Labora­torium besucht hat, schildert hier die von Fischer beobachteten merkwürdigen Söorgänge im Zellgewebe.

Nur ungern übergab der amerikanische Forscher Karret ein Päckchen der Post, das einen Teil sei­ner Lebensarbeit nach Europa tragen sollte. Das kleine Paket enthielt ein winziges Stück vom Binde­gewebe eines Hühnerherzens, einen Haufen Zellen, die Earrel in den fünfzehn Jahren, die er sie ge­hegt und gepflegt hatte, ähnlich lieb geworden waren, wie einem Gärtner eine besonders gut ge­lungene Topfpflanze. Das Paket mit dem eigen­artigen Inhalt landete in einem kleinen Häuschen, das in Dahlem neben dem Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Biologie steht, und in dem Dr. Albert Fischer aus Kopenhagen seit drei Jahren die Krebszelle und ihre Lebensbedingungen als Gast der Kaijer- Wilhclm Gesellschaft erforscht. Die zwischen zwei Glasplättchen eingeschlofsene Hühnerzelle fanb dort ein freundliches Heim. Sie wurde immer wieder von einem Nährboden zum anderen verpflanzt, und heute ift sie ungefähr 17 Jahre alt. Das Huhn, dem sie einst angel)orte, zierte wohl längst die Mittags­tafel eines amerikanischen Bürgers, aber die Zelle aus dem Herzen lebt noch immer weiter, und an­läßlich ihrer 2629. Ueberpflcmzung wurde ihr sogar die Ehre einer kinematographischen Aufnahme zu­teil.

In dem Laboratorium des stillen Gelehrten, der den Besucher mit weltmännischer Freundlichkeit empfängt und ihm bereitwillig alles zeigt, werden die Lebensäußerungen gesunder und erkrankter Zellen verfolgt, um auf diese Weise der Ursache und dem Wesen der Krebskrankheit auf die Spur zu kommen. Es ist ganz eigenartig, daß sich die Kulturen von Körperzellen ebenso wie die von Bakterien auf geeigneten Nährböden züchten lassen und dort dauernd weiter wachsen. Die Zellen werden entweder in einem Hohlraum zwischen dün­

nen Glasplättchen eingeschlosien, die man rasch unter das Mikroskop bringen kann, oder man zieht sie in kleinen Kulturgläschen von länglich geboge­ner Form. Bei gewöhnlicher Temperatur kann man sie einen Monat ruhig ihrem Wachstum überlassen, bei höherer müssen sie jedoch nach zwei bis drei Tagen geteilt und neue Stücke der Zellenkultur auf einen neuen Nährboden überpflanzt werden. Aehn- lich wie nach der Zinseszinsrechnung ein bei Christi Geburt angelegter Pfennig sich inzwischen zu un­geheuren Weltkörpern aus Gold verzinst hätte, so wurde eine Zellenkultur, wenn man sie sich unge­stört entwickeln ließe, in wenigen Jahren die Gröhe eines gewaltigen Körpers erteilen.

Die Krebsforschung mar in den letzten dreißig Jahren namentlich von der Bakteriologie beein­flußt-, man glaubte, daß ein Erreger die Ursache der Krankheit sei, doch scheint nunmehr bewiesen zu sein, daß dies nicht der Fall ist. Die Behandlung der Krebskrankheit ist bei der Unsicherheit unserer Kenntnifse natürlich noch ganz empirisch. Man kann ihrer Entstehung nicht vorbeugen, weil man nicht weiß, wodurch sie heroorgerufen wird. Es ist nur bekannt, daß die Krebszelle durch chemische, physikalische ober parasitäre Reize entartet ift. Die beschriebene Technik, tierische Gewebezellen außer­halb des lebenden Tieres zu zückten, und der durch Warburg erfolgte Nachweis, oaß wie bei der Gärung die Krebszelle ohne Sauerstoff leben könne, Hal der Forschung jedoch eine große Förde­rung gebracht. Man untersucht im Laboratorium bösartige Zellen aller Art, Hühnersarkom, Ratten- und Mäusecarcinom. Das erste dauernd verpflanz­bare Hühnersarkom konnte vor etwa sechs Jahren In Kulturen gezüchtet werden. Preßt man diese Zellen aus, und filtriert bann den Preßsaft, so er­halt man eine Flüssigkeit, die bei Hühnern tödliche Geschwülste erzeugt. Bei dieser Geschwulst sehen wir unter dem Mikroskop zwei verschiedene Zell­arten wachsen: einerseits B'.ndegewebszellen, an­dererseits Wanderzellen, die sich wie Amöben be­wegen. Diese Wanderzellen sind die Tröger der bösartigen Eigenschaften, die sie durch Jahre hin­durch nicht verlieren. Auch die Zellen der bösarti­gen Säugetiergeschwülste behalten dauernd ihr« krankmachenden Eigenschaften: feit zwei Jahren ist man in der Lage, diese Zellgruppe ebenfalls unbe­grenzt weiter zu züchten. Man konnte an einem solchenStamm" von Zellen genau die Wachs­

tumsgeschwindigkeit messen, die mit Schwankungen von nur fünf Prozent dauernd gleich bleibt.

Der Nährboden für die Zellen des Mäusekrebses ist ein Gemisch von Ratten- und Hühnerplasma mit Hühnerembryonalextrakt. Es ist nur besonders merkwürdig, daß die Zellen in einem Medium weiter wachsen, das ganz anderen Tieren entnom­men ist von den Mäusen konnte man wegen ihrer Kleinheit nicht genug davon bekommen. Auch der von Mäusen gewonneneStamm" ruft bei der Einimpfung in gesunde Tiere stets tödliche Erkran­kungen hervor. Alle Beobachtungen sprechen nun dafür, daß diele Todesfälle nicht auf Bakterien au- rückzuführen sind. Wenn die wirkliche Ursache Der Entstehung der ersten Krebszelle in einem Organis­mus vorläufig nicht bekannt ift, so ist es von be­tonterer Wichtigkeit zu erfahren, wie sich der Krebs Im Körper ausdehnt. Ist die Krebszelle einmal ge­bildet worden, so kann der Krankheitsprozetz nicht mehr zum Sttllstand gebracht werden. Das Wach­sen der normalen, gefunden Zelle hängt sehr von den sie umspülenden Körperflüssigkeiten oder, im Laboratorium, vom Nährboden und seiner Zu­sammensetzung ab. Die normale Zelle kann von Plasma und Serum allein nicht leben; sie gedeiht nur dann im Körper, wenn außerdem genügend Nährstoffe vorhanden sind. Die Krebszelle dagegen ist bei der Nahrungssuche anspruchloser und kann ihre Zellensubstanz notfalls allein aus dem Blut­serum aufbauen. Gesundes Gewebe gibt an Krebs­zellen, mit denen es in Berührung kommt, Stoffe ab, die die Wachstumsgeschwindigkeit der Krebs­zellen beschleunigen. Diese überwuchern alle nor­malen Gewebe, sind aber andererseits gegen Schä­digungen wenig widerstandsfähig und sterben bald ab, nachdem sie ringsum zur Bildung unzähliaer anderer Krebszellen Anlaß gegeben haben. Die kranken Zellen haben auch die Eigenschaft, Eiweiß In seine Bestandteile zu spalten und dadurch in so­genannten proteolytischen Erscheinungen den Nähr- baden zu verflüssigen. Sie wachsen viel rascher als die normalen Zellen im Organismus nur bei der Wundheilung hat das gesunde Gewebe eine größere Wachstumsgeschwindigkeit.

Mit diesen Tatsacken machte Dr. Fischer so- eben in einem großen Vortrag in der Berliner Universität bekannt. Am Schluß seiner Rede hatte er noch eine besondere Ueberraschung vorbereitet: die kinematographische Vorführung

des Wachstums gesunder und kran­ker Z e l le n. Die Aufnahmen waren umgekehrt wie bei der Zeitlupe, durch eine starke Beschleuni­gung der Geschwindigkett zustande gekommen, also durch eine ArtZeitraffer . Im Aufnahmeapparat waren durch ein Mikroskop in 60 OOOfad/er Der- tzrößerung die Zellkulturen vom Filmstreifen in Abständen von 5 bis 120 Sekunden ausgenom­men worden, oft in mehrtägiger Arbeit und nun rollte der Film mit einer Geschwindigkeit von 16 Bildern in der Sekunde ab. In der linken unteren Ecke hatte man einen weißen Sekundenzeiaer mit- vhotographiert, der sich mit rasender Geschwindig­keit drehte und so einen Maßstab für die urirkUcye Aufnahme geschwindigkeit gab. Es war ein auf­regendes Schauspiel, als man zuerst Stückchen eines Huhnerherzens sah, das, langst vom Tier getrennt, auch noch unter dem Mikroskop rhythmisch zuckte und pulperte. Man sah Zellen verschiedener Tiere, Zellen, die aus der Iris, dem Epithel, der Milz, den Milchdrüsen heraucgeschnitten waren. Sie waren dauernd in starker Bewegung, wuchsen an allen Rändern weiter. An einzelnen Stellen schnürte sich eine große Zelle In der Mitte nb, und plötzlich waren es zwei geworden. Ein ewiger Kampf, ein Schieben, Drängen, Stoßen, Zerren der einzelnen Bestandteile herrschte tri den Kulturen. Manche Zellen dehnten sich plötzlich aus, wurden lange, spindelförmige Gebilde und zerrisien dann In der Mitte.

Nur das Auge des Forschers kann das Bild der gesunden von dem der kranken Zelle mtt Mühe un­terscheiden. Das lleat daran, daß unsere optischen Hilfsmittel noch nicht scharf genug sind, um die feinen Unterschiede zwischen beiden Arien bemerken zu können.

HochschrUnachrichten.

Der ordentliche Professor für indogermanische Sprachw.ssenfchaft an der Universität Königs­berg Dr. Ernst S i t t i g ist auf seinen Antrag zum 1. April 1929 aus dem preußischen Staatsdienst ent­lassen worden. Professor Sittig übernimmt den Lehr­stuhl für vergleichende Sprachwissenschaft und Sia- w.stik in Tübingen und hat bereits seine Er­nennung zum Ordinarius in der Tübinger Philosoph" schen Fakuttät erhalten.

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