Nr. 290 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen) Mittwoch, st. Dezember 1929
Bücher unter -em Weihnachtsbaum.
Deutsche Erzähler.
— Manfred Hausmann: Salut gen Himmel. Abenteuer eines Wanderers. Roman. 329 Seiten 8°. Geh. 5 Mark, Ganzleinen 7 Mark. S. Fischer Verlag, Berlin. (633) — Hausmann hat mit seinen früheren Arbeiten, aus die wir seinerzeit eindringlich hingewiesen haben, bereits den klaren Beweis erbracht, daß er — vor allem als Lnriker und als Erzähler — zu den stärksten und selostän- digsten Begabungen der jungen Generation gehört. Auch der neue Roman (schon durch sein Erscheinen bei Fischer In gewissem Sinne qualifiziert) bestätigt das wieder. Die Bezeichnung „Roman" trifft übrigens für das Buch „Salut gen Himmel" nicht eigentlich zu: es erweist sich vielmehr — eng anschließend an den „ßampioon" und aus der gleichen Quelle gespeist wie dieser — als eine lockere Folge von Novellen, Gesprächen, Erlebnissen und Eindrücken auf einer Wanderung vom Süden Deutschlands über viele Landstraßen, durch viele Dörfer und Städte, an vielen Menschen vorüber nach Norden, — dies alles zusammengehalten durch nichts anderes als die starke Persönlichkeit dessen, der das Buch schrieb, und durch die ganz unliterarische Wirklichkeitsfülle und Lebensnähe, die aus jedem Kapitel auf den Leser eindringt. Hier ist nichts gemacht und am Schreibtisch erdacht, sondern alles aus Anschauung, Gefühl und einer wilden Leidenschaft heraus gestaltet, — aus einer inbrünstigen Verbundenheit mit allem Geschöpf, gleichviel ob Mensch, Tier oder Baum. Das ist das Schöne an dem Buch, das macht den Leser zuversichtlich, befreit ihn vom Mißtrauen gegen literarische Mache und literarischen Betrieb. Hier findet man auch wieder den ganz eigentümlichen und unverwechselbaren Stil, der Hausmann auszeichnet, eine gesunde und sehr ursprüngliche, nicht immer besonders feine, aber stets aus dem Vollen geschöpfte Sprache, die seiner Schilderung allenthalben etwas durchaus Unmittelbares und eine natürliche Frischs verleiht. (Man sollte nicht die Nase darüber rümpfen.) Es kann hier nicht im einzelnen erzählt werden, was in dem Buch zu finden ist; wir möchten, daß cs gelesen werde; für manche mag als äußerer Anreiz dienen, daß mehrere Kapitel landschaftlich in unserer nächsten Näh«, im Hessischen sich aospielen. Aber auch der, den das nicht lockt, wird sich belohnt finden durch die Begegnung mit einem Menschen, welchem die Zartheit seines männlichen Herzens und die gestaltende Kraft seiner Phantasie die wirkliche Welt und das tägliche Leben zum tiefen Erlebnis und zu einer Schaubühne menlch. licher Abenteuer macht. (Man ist übrigens nach der Lektüre voller Erwartung, was Hausmann jetzt un- ternehmen wird; gerade die innere Verwandtschaft dieses Buches mit dem „Lampioon" läßt einen wünschen, er möchte nun einmal etwas ganz anderes angreifen und vielleicht einmal einen richtigen und leibhaftigen Roman schreiben; man traut ihm zu, daß er die Kraft und die schöpferische Eenergie yat, sich auch vor einem großen, in sich geschlossenen, objektiv gegebenen Stoff zu bewähren.)
— Richard Friedenthal: Der Eroberer. Insel-Verlag zu Leipzig. (588) — Die Raubzüge der spanischen Konquistadoren find kein Ruhmesblatt in der Geschickte der europäischen Kultur. Eine wüste Horde goldgieriger Beutemacher, der man mit der Bezeichnung Soldaten zuviel Ehre antut, wird auf ein großes, auf hoher Kulturstufe stehendes Volk losgelassen unter der Führung eines Mannes, der nicht viel besser ist als seine Solda- teska. Der Zusammenstoß ist furchtbar, die Schamröte tritt uns beute nach vierhundert Jahren noch ins Gesicht, wenn wir in dem fesselnden, auf genauen yistorischen Forschungen basierenden Roman Friedenthals von der Eroberung Mexikos durch Cortez und dem Untergang Montezumas und seines Volkes le en.
— Das Paradeis. Roman von Vcktor von Kohlencgg. Ganzleinenband 6,80 Mk. Verlag der 3. G. Cottaschen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart. (501) - Dieses Dach erzählt von dem merkwürdigen Kauz Guido Slebelrnd und seinem erdenfesten Freund Willem Puls im „Paradcis" zu Basekow in der Mark. Grebe- lind, Leutnant a. D., Regicrungsrat a D. und Doktor der Philosophie, erlebt dort draußen em robinsonhaftes Glück der Abseitigk.it und Natur» Verbundenheit. Er sucht dabei sich selbst: das innere „Paradeis" der Persönlichkeit urldBeslnn- lichkeit — und wird mitten in dem Abenteuer von Frau Dorothee ins stürm.schr Leben zurückgezogen und zu neuer fruchtbarer Lebens emem- schaft willig gemacht. 3n dem humorgcsegneten Buch findet die urewige menschliche Sehnsucht nach umfriedetem und umwehrtem Eigenleben und nach den unzerstörbaren Wanderkräfien und Herrlichkeiten der Natur köstlichen Ausdruck. Ein Buch, das beglücken kann.
— Das Spiel um Jolande. Nom an von Clara Nahka. 3n Leinen gebunden 7 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. (520) — Ein großes $cit- und Kulturgemälde gibt diesem Noman den Hintergrunds das Lebensbild der kleinen deutschen L1niv:rs't'lt5stadt und das Leben der „guten Gesellschaft" Englands, die Londoner Season, das Highlife auf Rennplätzen, Kricket- Matches, auf der Themse und bei Hofe und auf den alten puritanischen Schlössern des schotti- schen Hochlandes in einer einsamen und heroischen Landschaft. 3n dieser Umgebung entwickelt sich das wechselvolle Schicksal der schönen Jolande: Liebe und Intrige, Erfüllung und Enttäuschung umbranden sie, Feinde und Freunde erstehen chr, und ihr Leben wird hineingezogen in einen machtvollen Strom fesselnder Er:ign s.e. Geken zrchnet ist dies Geschehen durch große Lckrndrgkert und starke Spannung: das Buch ist ein echter Unterhaltungsroman. Er gibt aber mehr als nur Unterhaltung, mehr auch noch als nur wertvolle zeitgeschichtliche und kulturgeschichtnche Schilderung. Der Lebensweg Jolandes ist eine ernste Auseinandersetzung mit der inneren Lebenss.tua- tion des reichen und dazu noch schonen Mädchens von heute. Alles in allem: ein Unterhaltungsroman im besten Sinn, der viele Dorzüge und viele Werte vereint. ,
- „Wetzenähre, Rebenblatt und Tannenzapfen" von Heinrich Bechtols- heimer, Stadtpfarrer in Gießen. Broschiert 4 Mk. in Ganzleinen gebunden 5 Mk. Verlag Emil Roth, Gießen. (647) - Der Schauplatz der in diesem Buche vereinigten acht Erzählungen ist das Gebiet, wo die preußische Rheinprovli^, die Provinz Rheinhessen und die bayerische Rheinpfalz aneinandergrenzen. Wie in den früher
erschienenen Erzählungen des Verfassers „Zwischen Rhein und Donncrsberg" und..Das Hungerjahr" so wird auch hier vom dörflichen Leben, zumeist im Spiegel der großen Weltbegeben- hriten, erzählt. Dem Verfasser war es mehr darum zu tun. in spannender Weise zu erzählen, als zu schildern und xu beschreiben. Aue- dem Leben schlichter Menschen werden ergreifende Vorgänge mitgetetlt, aber auch der Humor kommt zu seinem Rechte. Das Buch eignet sich recht zur Volks- und Iugendlektüre, wird aber wie Die früher erschienenen Erzählungen des Verfassers auch gern von solcken zur Hand genommen werden, die literarisch nicht unerfahren sind und in einer Zeit, da durch das tägliche Hasten und Treiben die Nerven aufgepeitscht werden, gern einmal ruhige Zustände und ruhige Menschen auf sich wirken lassen.
— Siegfried von Vegesack: Liebe am laufenden Band. Roman. Universitas Deutsch« Verlags-Aktiengesellschaft, Berlin. (586) — Das Buch beginnt verheißungsvoll und eigenartig. Ein Künstler, der sich in der Großstadt vergeblich mit dem Eheproblem auseinanderzusetzen versucht hat, gerät — durch eine Kette von Zufällen scheinbar, in Wahrheit aber durch die führende Hand des Schicksals, das man ahnend und mächtig hinter ihnen spürt — in «ine Kolonie von Menschen, welche die Eh« auf neue Art ausprobieren. Nach einer eingehenden Prüfung wird er in den Kreis ausgenommen und versucht nun selbst mit: Liebe am laufenden Band.
„Liebe" ist schon falsch gesagt dazu jedes Gefühl, die Seele wird bewußt ausgeschaltet. Man verbindet sich und geht auseinander nach dem Bedürfnis des Körpers, man experimentiert, welche Haarfarbe, welches Temperament die besten Kinder erlieft. Eine Kollektioehe: jede ist mit jedem verheiratet und darum keine mit keinem. Bis zu dem Augenblick, wo der Held in den Wirbel der Kollektivehe gerät, hält sich der Roman auf ber Höhe, bleibt das schwebende Geheimnis von Wirklichkeit oder unterbewußtem Geschehen. Dann gleitet er ab auf das Niveau eines guten Unterhaltungsromans. Der Held erlebt an zwei Frauen, die gut gegeneinander abgewogen sind: — die eine ganz Frau und Mutter, die andere Girl und Sportsmöd.'l, — daß „Liebe" ohne Liebe für ihn nicht möglich ist, bah bei jeher Frau ein Teil seiner Seele bleibt, baß diese beiben Erlebnisse bas ganz groß« Gefühl für die Frau, vor der er in die Wintereinsamkeit flüchtete, nicht ersticken konnten. Er kehrt, zwar mit innerem Vorbehalt und durchaus immer bereit, wieder auszubrechen, zu der geliebten Frau zurück, um mit ihr die Ehe, das größte Abenteuer, zu wagen. Vegesack schneidet alte Eheprobleme an: Ehe zu dritt, freie Lieb«, russische Ehe, amerikanische Ehe, alles in flüssigem Geplauder, ganz untheoretisch; jede Theorie ist Gestalt geworden. Hinter allem steht der gute und reine Willen eines Mannes, der aus den Wirrnissen der Zeit heraushelfen möchte. Es ist schade, daß ber Roman nicht ganz hält, was er anfangs verspricht. G.Th.
Goeihe-Liieraiur.
— Der junge Goethe. Von Professor Dr. Karl Distor. 165 Seiten. Geb. 1.80 Mk. (Sammlung Wissenschaft und Bildung.) Verlag Quelle & Meyer, Leipzig. (552) — Don einem Buch über den jungen Goethe aus der Feder von Diötor darf man von vornhrreitt tocit mehr erwarten als eine Biographie im landläufigen Sinne. Der äußere 03erlauf von Goethes Leben, eine Kenntnis seiner Iugendwrrke ist vielmehr hier Voraussetzung. Das Biographische wird nur nach Maßgabe der D Deutung- h rangezogen, die es für das Derständnis des dichterischen "Werkes hat. Dem Gießener Literarhistoriker kommt es in erster Linie darauf an, die seelische und künstle- rtsche Entfaltung Go:th:s, sein HerauSwachsen aus dem Kreis seiner Zeitgenossen, sein inneres Werden und Erleben bis zur Uebersiedlung nach Weimar zur Darstellung zu bring :n. Was hier geboten wird, ist eine wahrhaft künstlerische Leistung, die an Schärfe des Ausdrucks, an Ideenreichtum und Gestaltungsvermögen kaum ihresgleichen hat. Mit wenigen Strichen zeichnet Vistor die geistesgeschichtliche Lage der Generation des Sturm. und Drangs, die siegreiche Ueberwindung der Aufklärung, deren starres System erst gelockert werden mußte, um die schöpferischen Kräfte der anstürmenden Jugend freizusehen. Das Selbstgefühl des jungen Goethe, der hinter sich eine erstarrte Dildungswe.t und vor sich die ungetanen erlösenden Taten einer neuen deutschen Poesie sah, sehen wir an der modernen Denkart Herders zu eigener Größe wachsen. Seine Erstlingswerke und seine frühen dramatischen Dichtungen stellt der Dersasser vor den Hintergrund geistesgeschichtlicher E t.vick- lung, in deren Strom der junge Goethe mitge» rissen wurde. Jede dieser knappen Besprechungen ist ein Kabinettstück meisterlicher Charait risie- rungskunst, die unter Verzicht auf alle Details nur den Wcsenskern einer Dichtung in den Brennpunkt der Betrachtung rückt. Ein umfangreiches Kapitel stellt das Weltbild des jungen Dichters und seine Zusammenhänge mit verwandten Weltanschauungen, vor allem mit Spinoza und Leibniz, dar. Den Beschluß bildet eine ausführliche
Behandlung des „Werther" und des „Faust. Der eigenartig knappe, bündige Stil des Qkr- fassers und der Schwung der Darstellung machen die Lektüre des Buches zu einem Genuß, dem sich auch der Kenner Goethes gern und mit vielfältigem Gewinn hingeben wird.
— Zwei Goethe-Studien. Don Ernst Vincent. 104 Seiten. Kart. 3,50 Mk. Verlag der Frommannschen Buchhandlung Walt. Biedermann, Jena. (719.) — Die beiden Aufsätze bedeuten eine wesentliche Förderung unserer Kenntnis von Goethes ersten Weimarer Jahren. Eine neue Deutung des Gedichts „Harzreise" beleuchtet des Dichters Ablösung vom Sturm und Drang der Jugend, die er selber im Alter durch seinen eigenen Kommentar verdunkelt hat. Goethes Beziehungen zum jungen Herzog Karl August werden aus dem tiefsten Grunde der beiden Individualitäten mit feinem Verständnis dargestellt.
— Hellmuth Freiherr v. Maltzahn: Karl Ludwig von Knebel, Goethes Freund. 258 Seiten 8° mit 21 Abb. Drosch. 5,80, geb. 7,80 Mk. Verlag der Frommannschen Buchhandlung Walter Biedermann, Jena 1929. (720.) — Der Verfasser hat auf Grund deS reichen handschriftlichen Materia.s in den Berliner und Weimarer Archiven das Lebensbild von Goethes Freund neu gezeichnet. Nach den hier geschilderten Beziehungen Knebels zur deutschen Literatur während seiner Jugendzeit wird es deutlich, warum die Herzogin Anna Amalie ihn zur Erziehung ihres Sohnes nach Weimar rief. Knebel vermittelte die Bekanntschaft Karl Augusts mit Goethe und blieb über ein halbes Jahrhundert der vertraute Freund des Dichters und Der Übrigen bedeutenden Männer des Kreises in Weimar und Jena. Seine Kenntnisse der modernen und antiken Literatur — er ist der von Goethe gelobte Uebersetzer des Properz und Cucres — machten ihn zum kundigen Berater und verständnisvollen Freund des Dichters. Sein eigenes Leben war an wechselvollen Schicksalen reich, so daß die Darstellung ein gutes Stück Kulturgeschichte des deutschen Lebens um 1800 gibt.
Kinderbücher und Zugendschristen
— Das Neu« Universum. 50. (Jubiläums-) Band. Die interessantesten Erfindungen und Entdeckungen auf allen Gebieten sowie Reiseschilberun- gen, Erzählungen, Jagden und Abenteuer. Ein Jahrbuch für Haus und Familie, besonders für die reifere Jugend. Mit einem Anhang zur Selbstbeschäftigung: „Häusliche Werkstatt". 840 Seiten mit 400 Abb Übungen im Text und 13 Bilbbeilagen. Seinen 8,50 Mark. Union Deutsche Derlagsgesellschaft Stuttgart. (690) — Wieberum berücksichtigt „Das Neue Universum" bie letzten Fortschritte ber Technik, unb mit ber Belehrung weiß «s fesselnd« Unterhaltung in seinen volks- unb länberkunblich interessanten Erzählungen, Anregung zu eigener Hanbfertigkeit zu verbinben. Auch ben Erwachsenen, bcm Vater unb ber ganzen Familie ist es eine unerschihsliche Quelle für alles mögliche zeitgemäße Wissen. Im Verhältnis zu bieten Vorzügen ist sein Preis außerorbentlich billig.
— Jungmäbchenroelt. 3. Band. Ein Jahrbuch für Mädchen von 12 bis 15 Jahren. Erzählun- gen ernsten unb heiteren Inhalts, Plaubereien über Kunst und Wissenschaft, Natur- und Kunstgeschichte, Länder unb Völker, Beruf, Sport Haus, Hof und Garten. Mit 115 Abbildungen im Tert unb 4 mehrfarbigen Kunstbeilagen. Seinen 7,80 Mark. Union Deutsche Derlagsgesellschaft Stuttgart. (689) — Was für bie brutsch« Knaben weit „Das Neue Universum" seit Jahrzehnten schon ist, soll bie jetzt im 3. Jahrgang vorliegende „Jungmäbchenroelt" für bie heran- wachsenben Töchter bis zu etwa 15 Jahren sein: ein Jahrbuch, bas alles in sich vereint, was Gemüt unb Verstand unserer heutigen Jugend an Anregungen sich wünschen. Es ift sehr hübsch ausgestattet, mit vielen unb guten Illustrationen geschmückt. Der Inhalt ist reichhaltig und interessant für bie jungen Leserinnen, im besten Sinn mobern unb von ge- sunber Aktualität.
— Edmunb Kiß: Der Freund des Rebellen. Mit 26 Bildern von Ernst Liebenauer unb einer Karte. Seinen 4 Mark. (Kamerad-Bibliothek Band 40.) Union Deutsche Derlagsgesellschaft Stuttgart. (687) — In den unwirtlichen Bergen Ma- zedonlens schwelt das Feuer des Freiheitskampfes einer zähen Minderheit gegen bie Macht eines starken Eroberers noch heute ungeminbert fort Im Elend leben zahlreiche Gemeinden ber Grenzgebiete dahin, unb ihre Blicke richten sich hilfesuchenb auf ben namenlosen Rebellen, der des Sandes Hoffnung ist.
Beim Ausbruch einer schweren Seuche ruft der Rebell seinen Freund, einen deutschen Arzt, zu Hilfe. Wie dieser durch einen wunderbaren Marsch in die Felswüsten des Prisats die Bevölkerung einer Stadt vom Hungertode rettet, wie er schließlich ben Verfolgern entrinnt, wird hier anschaulich geschildert.
— Paul Jordan: Die Meute. Aus dem Seben einer Jungengruppe. Mit einem farbigen Titelbild, einem mehrfarbigen Umschlag unb 3 ganzseitigen Textzeichnungen von A. Seckelmann. Seinen 2,50 Mark. Union Deutsch« Derlagsgesellschaft Stuttgart. (688) — Erlebnisse einer Jungengruppe. Fahrtabenteucr, Sonnenwende, Nestabenb unb Zeltnacht sind ber Inhalt; bie Jungen des Buches find nicht erdichtet, sie haben Fleisch und Blut und Seben. Darin liegt ber bejonbere Reiz und Wert des Buches, daß es mitten hineingreift in bie Wirklichkeit der neuen Jugenb.
— Grete Töbich-Fink: Sonnenprin- zeßchen. Ein« Mäbchenerzühlung. Mit einem farbigen Titelbild, 3 ganzseitigen Textzeichnungen und einem mehrfarbigen Umschlag von H. Schultze- Görlitz. Seinen 3,80 Mark. Union Deutsche Derlagsgesellschaft Stuttgart. (686) — Es ist eine Som- mergeichichle, in deren Mittelpunkt ein blondes Wiener Mädchen steht, bas im Backfischübermut au einem Mustergut viel Heil unb Unheil stiftet. Wie sich unter dem Einfluß einer eblen Frau das Harm- los lustige Wesen ber sonnigen Klari zur vertieften Herzensheiterkeil läutert, berichtet bie Erzählung.
— Armin Snab: Neue Kinberlieder für Gesang und Klavier. Kart. 2 Mark. Tanz- lieber aus den Neuen Kinderliedern für Gesang und Klavier. Mit Vorschlägen für Tanz und Spiel von Paula Poonne Herrmann. Kart. 1,40 Mark. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig unb Berlin, 1929. (622) — Die „Neuen Kinberlieder" umfassen Scherz, Tanz unb Spiel, Jahreskreislieber und Lieder ernsteren Inhaltes unter ausschließlicher Verwendung alter Volks- und Volkskinderreime. Der größere Teil der Lieber eignet sich gleichzeitig zum Tanzen und Spielen.
— Onkel Antons Kinberkalenber. 10. Jahrgang. Kartoniert 1,25 Mark. Verlag A. Anton & Co., Leipzig. (691) — Belehrendes und Unterhaltendes für Knaben und Mädchen, Märchen, Erzählungen, Gedichte, Schnurren, buntfarbige Spiel- beilage. Reich illustriert.
Aus fremden Literaturen.
— Francois M auriac: Schicksale. Roman, liebertragen von ©.Gramer. 230 Seiten 8°. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1929. (589) — In der Reihe „Romane des heutigen Frankreich", die der Insel-Verlag herausgiot, erscheint als neuester Mauriacs „Schicksale". Don den bisher erschienenen sind drei wirklich wert, daß ie uns durch die Uebersetzung vermittelt Werren: sie geben uns Einblicke in die Seelenver- assung junger französischer Menschen oder sie ind charakteristisch für die ausgezeichnete Schul« ber französischen Romankunst, die von Zola und Flaubert herkommt. Mauriacs neuer Roman gibt weder das eine noch das andere. Wohl hat auch er die Vorzüge französischer Kunst: eingehend« Seelenschilderung, gute Komposition und klaren, einfachen Stil. Aber er erhebt sich nirgends über das, was bei uns guter Durchschnitt ist, gibt nichts Einmaliges, was die Uebersetzung recht- ertigen würde. Er führt uns in die Provinz, in das tätige, von Sensation unbehelligte Leben einer Dame vom Lande. Diese ländliche, erdge- bundene Stille wird unterbrochen von einem kurzen Erlebnis; der alternden Frau entzündet ich an einem schönen jungen Menschen, den Paris lereits verdorben hat, eine plötzliche Leiden- chast. Sie kommt langsam, unmerklich und wird ihr erst bewußt als ihr ein jäher Tod den Geliebten entreißt. Sie flammt auf in heftigem Schmerz und bleibt leer zurück, ausgebrannt, lebendig tot. Gut ist die gedämpfte Haltung des ganzen Buches» es tönt kein Schrei, alles ist zart, nur angedeutet. Aber das Schicksal ist nicht eben sehr interessant die einzelnen Gestalten: bleiben uns fremd und gleichgültig. Dazu ist di« Uebersetzung vielfach nicht geglückt; kleine Unebenheiten lassen immer wieder das Original anklingen: j.Ä haben wir eine Waschschüssel und keine Wanne auf dein Waschtisch, und das französische „eile restait son esclave“ wird besser „sie war (nicht: sie blieb) seine Sklavin" übersetzt. G.Th.
— Romain Rolland: Das Leben des Ramakrishna. Rotapfel-Derlag, Leipzig. Gebunden 8,50. (653) — Hier wird In wundervoll beherrschender Fülle eine von niemandem geahnte Welt geschildert; nicht mehr ein Randgebiet, sondern des heutigen wie des ewigen Indien eigentlichstes Schöpfertum: seine Metaphysik, seine religiöse Erfahrung und Tat. Der Meister der heroischen Biographie hat sowohl in den imagi- nierten Lebensläusen wie im „Beethoven", im „Michelangelo", im „Tolstoi" stets ein von religiösem Fluidum durchdrungenes Menschentum au8 einem verwandten Blute nachgeschaffen. Diesmal endlich ist der Akzent ganz nach dem Religiösen hin verlegt, ohne daß dieser Held aus anscheinend fernster Welt seine Blutsverwandtschaft mit Rollands anderen Heroen verleugnet.
Politik und Geschichte.
— Propyläen-Weltgeschickte. Heraus- aegeben von Professor Walter Goetz, Leipzig. Band VII: Die französische Revolution, Napoleon unb bie Restauration 1789 bis 1848. Bearbeitet von Alfred Stern, Fritz Schnabel, Oskar Walzel, Heinrich Herck- ner unb Friebrich Luckwaldt. Vorzugspreis bei Subskription pro Band in Seinen 30 Mark, Halbleber 34 Mark. Propyläen-Verlag, Berlin. (640) — Eine auf zehn Bände angelegte Weltgeschichte ist heute trotz des großen Interesses auch breiter Laienschichten für historische "Dinge ein Unternehmen, zu dem Mut gehört, Mut der Herausgeber und noch mehr Mut des Verlegers. Die Zeiten scheinen endgültig vorüber, wo noch ein Einzelner es unternahm, eine Universalgeschichte zu schreiben, unb wenn wir uns schon mit einem Sammelwerk abfinden müssen, das naturgemäß an Einheitlichkeit der Auffassung, an der Geschlossenheit des großen Wurfs nicht das Letzte bieten kann, lo wollen wir dankbar fein, wenn sich wie hier die besten Kenner ihres speziellen Fachgebietes zusammengefunden haben zu einer Gesamtleistung, bie ihresgleichen sucht. Der Herausgeber Walter Goetz, des unvergessenen Karl Lamprecht Nachfolger in Leipzig, hat es außerbem oerftanben, durch grundlegende Betrachtungen, die als Einleitung zu jedem Bande gedacht sind, die großen Zusammenhänge herzustellen. Es kann ja keinem Zweifel unterliegen, daß der Weltkrieg mit seinen politischen und namentlich sozialen Folgen für bie historische Betrachtung neue Gesichtspunkte ergeben hat unb von ihnen aus eine Überprüfung unserer Einstellung zu den großen Geschehnisien der Weltgeschichte wünschenswert erscheinen läßt. So begrüßen wir es besonders, daß in dieser neuen Weltgeschichte bie früher boch oft recht stiefmütterlich behandelt« Sozialgeschichte mehr zu ihrem Recht kommt. In bem uorüegenben Banbe, ber bie Geburtsstunde des modernen Europa behandelt, schreibt Heinrich H e r ck n e r über bie großen wirtschaftlichen Umwälzungen sehr fesselnd, Alfred Stern, der berühmt« Züricher Historiker, Schnabel und Luckwalbt haben bie Darstellung ber politischen Geschichte übernommen, Oskar Walzel, der bekannte Bonner Literarhistoriker handelt über die geistigen Störungen um die Jahrhundertwende: Klassizismus und Romantik. Gradezu pompös ist die Aus» ftattung des auch buchtechnisch schönen Werks mit Bilder-, Dokumenten- und Kartenmaterial. Auch hier wieder besonders interessant und in seltener Reick- Halligkeit die Bebilderung des sozialhistorischen Abschnitts. Der Verlag setzt mit diesem Werk die Tradition seiner „Kunstgeschichte" erfolgreich fort.
— A. Kutschbach: Der Brandherd Europas. 50 Jahre Balkan-Erinnerungen mit 56 Illustrationen, in Ganzleinen geb. 10 Mark. Verlag E. Hoberland, Leipzig. (651) — Kutschbach hat sich den rauhen Balkanwind tüchtig um die Ohren wehen lassen, und das schon in einer Zeit, wo bie christlichen Balkanvölker noch um ihre nationale Unabhängigkeit gegen bie Türken im Kampfe lagen. Er hat bie vezwickten Vorgänge im europäischen Wetterwinkel mit offenen Augen geschaut unb weih heute auf Grund oefter, an Ort unb Stelle erworbener Sachkenntnis von Land unb Leuten nicht Alltägliches fesselnd zu berichten.
— Zwölf Jahre Ruhrbergbau. Aus seiner Geschichte vom Kriegsanfang bis zum Franzosenabmarsch 1914 bis 1S25, von Privatdozent Dr. Hans Spethmcrnn, Band 3: der Ruhrkampf 1923 bis 1925. Verlag Reimar Hob- bing, Berlin SW 61. (425). — Auf dieses Stan- dardwerk für die Geschichte der rheinisch-west-


