Aus der Provinzialhauptstadt
Gießen, den 11. November 1929.
Mannebesuch in Gießen.
Am heutigen Montag kommt mit dem Eilzuge aus Richtung Kassel um 20.21 Uhr eine Abordnung von Offizieren und Mannschaften des Linienschiffes „Hessen" in Gießen an. Die Abordnung steht unter Führung des Kapitän- leutnants Müller, ferner gehören ihr noch Unteroffiziere und Mannschaften an. Der Besuch soll dazu dienen, die Verbindung zwischen dem Hessenlande und seinem Paten, dem L i n i e n s ch i f f „H e s s e n", immer enger zu gestalten. Die Marinegäste werden am Gießener Bahnhof von Vertretern des Garnisonkommandos und von den Mitgliedern des Gießener Marineoereins empfangen und in die Stadt geleitet werden. Die Gäste werden durch unser Bataillon untergebracht und bewirtet. Am morgigen Dienstag werden sie von Mitgliedern des Warineoereins durch die Stadt geführt, wo ihnen die Sekenswürdigkeiten gezeigt werden sollen. Morgen abend wird sich dann ein geselliges Beisammensein mit Vertretern unseres Bataillons, der hiesigen Behörden und dem Marineverein in dessen Bootshaus an der Wißmarer Straße, in der Nähe der Militär-Schwimmanstalt, anschließen. Am Mittwochmorgen verlassen die Gäste mit dem Zuge 9.57 Uhr unsere Stadt, um zunäcyst nach Frankfurt a. M. weiterzufahren. Der Besuch der Seeleute von der „Hessen" wird in unserer Stadt herzlich willkommen sein.
Neubestellung von Beisitzern der Schlichtungsausschüsse.
Dom Staatlichen Schlichtungsausschuß für die Provinz Oberhessen wirb uns mitgeteilt:
Die dreijährige Amtszeit der D e i s i h e r läuft in einigen Wochen >ab. Wiederbestellung ist zulässig. Die Beisitzer werden durch den Minister für Arbeit und Wirtschaft bestellt. Die Grundlage für die Bestellung bilden Dorschlags- l i st e n. die von den Berufsoereinigungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer einzureichen sind, und zwar beim Schlichtungsausschuß. (Siehe Bekanntmachung im „Gießener Anzeiger" vom Samstag.)
Für den Begriff der „wirtschaftlichen Vereinigung" sind die Grundsätze des Arbeitsrechts maßgebend.
Die Schlichtungsbehörden haben zum Abschluß von Gesamtvereinbarungen (Tarifverträgen, Betriebsvereinbarungen) Hilfe zu leisten.
Beisitzer können nur deutsche Reichsangehörige sein, die das 24. Lebensjahr vollendet haben, und im Bezirk des Schlichtungsausschusses ihren Betriebssitz, oder mangels eines solchen, ihren Wohnsitz haben, oder beschäftigt sind.
Arbeitgeberbeisitzer dürfen nur Arbeitgeber sein. Den Arbeitgebern stehen gleich Dorstandsmilglieder und gesetzliche Vertreter von juristischen Personen und von Personengesamtheiten des öffentlichen und des privaten Rechtes, Aufsichtsratsmitg'icder mit Au nähme der vom Betriebsrat entsandten, öffentliche Beamte nach näherer Anordnung der zuständigen obersten Reichs- oder Landesbehörde. Geschäftsführer und Betriebsleiter, soweit sie selbständig zur Einstellung von Arbeitnehmern in den Betrieb, oder die Betriebsabteilung berechtigt sind, oder soweit ihnen Prokura, Handlungsvollmacht oder Generalvollmacht erteilt ist, und satzungsmäßige Vertreter oder bevollmächtigte Angestellte wirtschaftlicher Vereinigungen von Arbeitgebern.
■ Arbeitnehmerbeisitzer dür en nur Arbeitnehmer sein. Den Arbeitnehmern stehen fatzungsmäßige Vertreter oder bevollmächtigte Angestellte wirtschaftlicher Vereinigungen von Arbeitnehmern gleich.
35 Fortsetzung.
Nachdruck verboten
Liebe in Ketten.
Vornan von Hans Mitteweider. Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale).
Beide eilten zu dem Wagen, und Berty selbst nahm das Steuer. Sie hoffte, daß sie ihren Gatten auf der Baustelle finden würde, und lenkte das Gefährt dorthin.
Aber sie erschrak, als sie den Platz fast erreicht hatte und schon von weitem ihren Gatten allein dort stehen sah.
„Altberg! — 11 nö Turnau ist nicht bei ihm!" stieß sie betroffen hervor.
Altberg icim ihnen entgegen. Als der Wagen hielt tief er: „Sucht ihr Felix?"
Berty nickte, sie brachte keine Antwort hervor.
Sfcr 22"am lachte.
„Sa, ja, so geht es bei jungen Eheleuten! Felix war hier, er hatte ganz vergessen, daß er Sie zu mir hatte bringen wollen, Bodenstein. Er sagte mir, daß Sie meine Frau getroffen hüllen unv mit ihr gegangen wären, lind dann — ha» haha —, ich sehe noch, w e beglückt er aussah, dann rief er: .Desto besser. Altberg! Dodenstein wird dich daheim erwarten, ich aber kann in- zwischen wie e.r umkehren. Sch möchte nicht lange fortbleiben. Schicke mir deine Frau und Boden- stern — und du selbst sollst auch mittommen/ — er fdrt und ward nicht mehr gesehen!
r lachte behaglich, verstummte aber, als
£.ln.e cPrau- ohne ihm ein Wort zu erwidern, den Anlasser m Tätigkeit setzte, als sie den Wagen wendet« und in voller Fahrt davonjagte.
»2lanu! murmelte Altbecg, aufs höchste über- rascht. „Wo brennt's denn?"
Ehe er je loch eine Antwort auf diese Frage sac E-Dageu schon seinen Blicken ent» schwanden.
Berty und Dodenstein hatten nur einen Blick miteinander getauscht, als sie hörten, daß Felix Turnau schon heimgesahien war. Sie allein wuß- ten doch — oder ahnten wenigstens —, was auf tan Spie.« stand. Sie wußten, daß sie alles auf- bleten muß en um nicht zu spät zu kommen.
Wortlos saßen sie da, und Berty bemühte sich, das Aeußerste aus der Maschine herauszuholem Dabei rang sich aus ihrer Seele immer wieder nur bie eine Bitte:
„Herrgott laß uns nicht zu spät kommen!" Aber sie kamen doch zu spät!
Felix Turncm hatte wirklich ganz vergessen g«. habt, daß er Dodenstein zu Altberg hatte bringen und ihm den Stand der Arbeiten auf dessen Gute zeigen wollen.
Er wollte nur heim, heim zu feiner Käthe, und die Zeit des Alleinseins mit ihr, bis die Altbergs kamen, auszunützen, um ihr seine Beichte abzulegen, ihr zu sagen, was Ssolde von Klet- ten von ihm verlangt hatte.
Für Arbeiter und für Angestellte sind getrennte Vorschlagslisten au.zuslellen. Bei der Berufung sollen die verschiedenen Teile und die hauptsäch.i^en Gewerbezweige. Berufsarten und Betriebsarten des Bezirks berücksichtigt werden. Die Vorschlagslisten der wirtschaftlichen Vereinigungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sollen diesem Erfordernis Rechnung tragen.
Die Uebernahme des Beisitzeramtes kann ab- lehnen: 1. wer das 65. Lebensjahr vollendet hat: 2. wer bui'a) Krankheit oder Gebrechen verhindert ist. das Amt ordnungsmäßig zu führen,- 3. wer durch andere ehrenamtllche Tätigkeit für die Allgemeinheit so in Anspruch genommen ist. daß ihm die Uebernahme Ides Amtes nicht zugemutet werden kann; 4. wer in den letzten drei Sahren vor der Berufung als Beisitzer eines Schlichtungsausschusses tätig gewesen ist; 5. öffentliche Beamte aus Verlangen ihrer vorgesetzten Dienstbehörde.
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•• Geographisch-heimatkundlicher Einführungsturius. Das he,sisck)e Kultusministerium veranstaltet in den Tagen vom 2. bis 15. Dezember für die Mitglieder amtlicher heimatkundlicher Arbeitsgemeinschaften einen Einführungskursus in die Beschäftigung mit der geographischen Heimatsorschung. Der Lehrgang wird von Studienrat Dr. Knieriem geleitet und findet für Lehrer aller Schulgattungen in Bad-Rauheim statt. Ministerialrat Dr. Müller vom hes,ischen Landesvermessungsamt wird über „Die amtlichen Plan- und Kartenwerke und ihre Bedeutung für den heimatkundlichen Unterricht" sprechen und die Füyrung durch die mit dem Lehrgang verbundene Ausstellung des hessischen Lanoesvermessungsamtes übernehmen. Sn Theorie und Praxis ves geographisch- heimatkundlichen Lehrausflugs wird Dr. Michel (Frankfurt a. M.) einfuyren, während Dr. Kniertem (Dad-Rauheim) Probleme der Stadtgeograpyle erörtern uno an Beispielen Bad-Rauheims erläutern wird.
**DieSchützengesellfchaftl926 feierte am Samstagabend im Saale der Liebigshöhe ihr 3. Stiftungsfest, verbunden mit Fahnenweihe. Der Verein wurde am 27. Oktober 1926 mit einer Mit- gliederzahl von 12 gegründet, mit der Absicht, dem Zimmerstutzenschießlport zu huldigen. Eist später wurde der Wunsch laut, einen größeren Schießstand Zu besitzen, um auch auf größere Entfernungen und mit scharfer Munition schießen zu können. Dieser Wunsch ist inzwischen durch das Entgegenkommen der Stadt, die das erforderliche Gelände pachtweise zur Verfügung stellte, in Erfüllung gegangen. Die Schützengesellschaft verfügt über einen 8770 qm großen Schießstand, der, mitten im Wald liegend, drei Stände je 300 Meter, fünf Stände, je 175 Meter und fünf Stände je 100 Meter hat. Im nächsten Jahre sollen noch ein Pistolenstand (35 Meter), zwei Kleinkaliberstände je 50 Meter und ein laufender Wildstand (80 Meter) gebaut werden. Im vorigen Monat hielt die Gesellschaft unter starker Beteiligung hiesiger und auswärtiger Schützen ihr Eröffnungsschießen auf dem neuerbauten Schießstand ab, wobei sehr schöne Resultate erzielt wurden. Auch in bezug auf die Mitgliederzahl hat sich der Verein günstig entwickelt; sie beträgt heute mehr als 100. Das Verhältnis zu dem hiesigen Schützenverein und zu den benachbarten Schießsportvereinen ist in jeder Hinsicht harmonisch. Dies zeigt sich auch bei der am Samstagabend auf der Liebigshöhe abgehaltenen Veranstaltung. In der Begrüßungsansprache gab der Vor- sitzende der Gesellschaft, Ed. G o n d n e r, einen Rückblick über das abgelaufene Vereinsjahr, das außerordentlich arbeitsreich aber auch erfolgreich gewesen sei. Er wies auf die Bestrebungen der Gesellschaft hin, die sich auch die Ausgabe gestellt habe, die Ju-
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„Sch muß es ihr sagen, gleich!" dachte er. „Sie liebt mich so innig, daß ich kein Geheimnis vor ihr haben darf. Sch muß es ihr sagen, und sie wird mir-verzeihen..."
Ein heißer Zorn gegen Ssolde von Kletten brannte in ihm. Aber er war auch zornig über sich selbst, weil er die Versucherin nicht von sich gewiesen, weil er ihr seine Verachtung nicht ins Gesicht geschleudert, weil er an Küthe gezweifelt Halle.
Tald hatte er den Schloßhof erreicht, stoppt« und sprang heraus, um dann durch die Halle zu eilen, die Treppe empor. Er konnte nicht sch ell genug u Käthe komn en. Ohn a zuklopfcn toie er es sonst stets tat, riß er die Tür ihres Zimmers auf.
. Betroffen schaute er in den Raum. Es war eine bittere Enttäuschung für ihn, daß er Käthe nicht darin vorfand, wie er als sicher angenommen hatte.
Vielleicht war sie in einem der Rebenrüume? Er durchschritt diese Räume, fand aber Käthe nichll
Ratlos kehrte er in das erste Zimmer zurück. Er wußte nicht mehr, wo er Käthe suchen sollt«. Schon wollte er klinge.n, um die Zofe herbeizurufen und nach ihrer Herrin zu fragen, da kam ifrm ein anderer Gedanke, den er sogleich in die Tat umsetzen wollte.
„Sch müßte heute abend auch Klausen zum Essen bitten, da er nun doch einmal da ist," dachte er. „Aber ich möchte ihn nicht am Tische haben. Bur wir Freund« wollen beisammensihen. Der Fremde würde stören — und Käthe mag ihn mcht recht. Sch werde ihm sagen, daß Altberg ihn erwartet ..."
Und schon lief er durch den Gang hinüber nach dem Seitenflügel, wo Klausens Zimmer lag. Sns- geheim hoffte er, daß er bei seiner Rückkehr Küthe in ihrem Zimmer finden würde; er dacht« nur an sie.
Da hörte er einen Schrei, der seine Füße an den Boden bannte.
Cs war der Hilferuf eines Weibes!
Aber er lüchelte über sich selbst, weil er einen Moment geglaubt Halle, die Stimme Käthes zu erkennen.
„So verliebt bin ich, daß ich überall ihre Stimme zu hören meine!" dacht« er noch.
Da erscholl der Ruf zum zweiten Male. Dies- mal war jeder Srrtum ausgeschlossen.
Das war Käthes Stimme gewesen! Und sie befand sich in höchster Rot!
Seli? Turnau schüttelte den Schrecken, der ihn lahmen wollte, von sich ab und hastete weiter.
Da erklang der dritte Hilferuf! Er kam aus dem Zimmer dort, dessen Tür weit offenstand, aus dem Zimmer des Sngenieurs.
„Mein Gott!" murmelte Felix Turnau. ®^nJ!«nrVr in Oeffnung und sah alleS. „Schuft! schrie er.
Klausen hatte ihn gesehen, da er der Tür zugekehrt stand. Er hatte die Arme sinken lassen und war einen Schritt zurückgewichen. Er war
gend für den Schießsport zu interessieren. Die Kapelle Topp erfreute durch zahlreiche musikalische Darbietungen, wobei das Flötensolo von Herrn Kehrmann besonders heroorgehoben zu werden verdient. Sehr eindrucksvoll gestaltete sich die Weihe der neuen Fahne der Gesellschaft durch den Bezirks- Vorsitzenden für Hessen und Nassau (3a. Kramer (Biedenkopf). Dieser übermittelte zunächst die Glückwünsche des Bezirksoerbandes Hessen und Nassau, sowie des Deutschen Sckützenbundes, um dann in seiner Weiherede darauf hinzuweisen, daß die Fahne das Symbol der Ehre und Treue sei, die verbunden sein müßten mit der Liebe zum Verein und seinen Idealen. Sein Hoch galt der Schützengesellschaft, dem Schützenwesen und unserem deutschen Vaterland. Recht stimmungsvoll wirkte das Weihelied: „Heilig ist der Herr" von Schubert, vorgetragen vom Quar= tettoerein (Leitung Musiklehrer Leib), der auch durch andere im Laufe des Abends gesungene Chöre angenehm auffiel. Nach Dankesworten des Vorsitzenden an die Stifterinnen und Stifter der neuen Fahne übermittelten Glückwünsche unter Ueberrci» chung von Fahnennägeln bzw. Geschenken, Stein- bruchbesitzer Nickel (Ober-Widdersheim) für die Schützengesellschaft Nidda, Kaufmann W e y e l für den Schützenoerein Gießen, Gustav Rühl für den Kellneroerein und den Verein Uferkritik. Außerdem wurde vom Gaubezirk ein Fahnennagel gestiftet. Im Lauf« des Abends warteten Tanzlehrer B ä u l k e und seine Partnerin Frl. Spieß mit reizenden Tanz Vorführungen auf. Mit einem schön verlaufenen Ball fand die Veranstaltung ihren Abschluß.
** Der Kavallerieverein e. D. Gießen hielt im Kath. Vereinshaus sein diesjähriges Winterfest, verbunden mit 23. Stiftungsfest, ab. Eingeleitet wurde das Fest — so berichtet man uns — durch einen von der Kapelle Weller sehr gut zu Gehör gebrachten flotten Husarenmarsch. Ein Prolog „Mein Vaterland", von Fräulein Wlordareck sehr gut gesprochen, fand großen Beifall. Hierauf folgte bi« Ai sprach« des ersten Dorfitzenven, Hugo Hartmann. Mit warmen kameradschaftlichen Worten begrüßte er die Kameraden und die zahlreich erschienenen Gäste. Sein besonderer Gruß galt den erschienenen beiden Ehrenmitgliedern, Leutnant a. D. Knobel und Herrn K u t s ch r a t. Ersterer hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz seines hohen Alters von 85 Jahren dem Feste beizuwohnen. Anschließend an die Ansprache wurde mit Begeisterung das Deutschlandlied gelungen. „Der Traum des Malers", welcher durch den Reigen mit farbenwechselndem Licht vorgeführt wurde, brachte für die Theatervorsührung die schönste Einleitung. „Die Reitschule", eine humoristische Sz'ne, erntete wegen des flotten Pferdematerials mit den schmucken Reiterinnen großen Beifall. Hierauf folgte die Darbietung „Leutnants Geburtstag", die von den Herren des Bundes der Kolonialfreunde ausgezeichnet vorgetragen wurde. Bei dem folgenden Lustspiel „Landsturm zweites Aufgebot" lagen sämtliche Rollen in sehr guten Händen, alle Mitwirkende brachten ihr Können mit bestem Schneid und Talent dar. Sämtliche Darbietungen fanden reichen Beifall. Zum Schluß des Programms spielte die Kapelle ein Liederpotpourri und den Marsch „Alte Kameraden". Rach eine kleinen Pause folgte der Tanz als Abschluß des schönen Festes.
Oberhessen.
Kreis Büdingen.
Nidda. 8. Nov. In aller Kürze wird Iu- stizinspektor I. Dapper unser« Stadt verlassen um nach Gießen überzusiedeln, wo er bereits seit längerer Zeit dienstlich beschäftigt ist. Mit seinem Weggang erleidet das musikalische Le- b en unseres Ortes einen fühlbaren Verlust. Fast
sehr blaß, aber seine Augen funkelten noch in höchster Erregung.
Käthe wankte. Sie verstand nicht, daß et sie freigab. Da sah sie feine Blicke nach der Tür gerichtet. Sie erblickte ihren Gallen, sah fein entstelltes Ceiicht und wollte zu ihm eilen.
»Cott sei Dank — Felix!" rang es sich über ihre Lippen.
Liber ehe sie noch einen Schritt tun konnte, wankten ihre Kn.e. Und sie wäre zusammengebrochen, wäre Fe.ix nicht hinzugesprungen und hätte sie mit beiden Armen umschlungen. Schluchzend barg Käthe das Gesicht an seiner heftig wogenden Brust.
„Felix," hauchte sie.
„Sie verlas en dieses Haus auf der Stelle!" sagte Turnau, sich mühsam zur Ruhe zwingend. „Das Weitere wird sich finden."
Da kam Berndt Klausen zu sich. Er erkannte, daß er sich durch feine Leidenschaft zu einer Torheit hatte verleiten lassen, di« nicht wieder gutzumachen war.
Aber was hakte er denn verloren? Er reckte sich trotzig auf und kreuzte di« Arme übet di« Brust.
Befehl, das Haus zu verlassen, muß ich mich fügen,“ sagte er, sich mit allen Kräften jur Ruhe zwingend. „Sie werden mir jedoch wohl gestatten, daß ich bad, was mein eigen ist, mit mir nehme ..."
»3ch werd« so lange warten!" erwiderte Felix Turnau kühl.
Da lächelte Berndt Klausen.
„Darf_ ich Sie bitten, es mir zu geben!“ Verständnislos schaute Turnau ihn an.
..Die umschlingen das, was mein eigen ist, als wollten Sie es mir verweigern," fuhr Klausen höhnisch fort.
Dann aber schrie er plötzlich auf:
-Sie sind herbeigeeilt wie «in Wahnsinniger, als die Frau dort, die sie umschlungen halten, um Hilfe schrie — Sie weifen mir ihretwegen die Tür — aber nicht eher werd« ich gehen, als bis sie mit mir geht ...“
„Sie sind wahnsinnig geworden!"
„Sch denke nicht daran. Mein 'Geist ist jedenfalls klarer als der Shre. Sch weiß, was mein ist. Sie aber wissen es nicht ...“
Felix Turnau wußte nicht, was er denken sollte. Gr fürchtete wirklich, daß der Mann vor ihm geisteskrank war.
Da schrie dieser ihm hohnlachend ins Gesicht: „Die Frau, die Sie da liebevoll an sich pressen ist meine grau, Herr von Turnau!"
Einen Moment starrte Felix Turnau ihn vollkommen fassungslos an. Dann aber lächelte er. Er hatte sich also nicht geirrt, als er diesen Mann für wahnsinnig hielt.
Gr umschlang Käthe sorgsam, beugte sich zu ihr nietet und fragte:
-Kannst du mit mir gehen, Liebste?“
Er wollt« sie hinausführen, doch schon stand Berndt Klausen dicht vor ihm und rief:
-3ch ersuche Sie, sofort meine Frau aus Shren Armen zu lassen, Herr von Turnau!“
Zwei Jahrzehnte betätigte er sich mit Eifer und ge. oiegenem Können sowohl auf dem Gebiete der tonalen, wie der instrumentalen Musik. Als langjäh. riger Chorleiter des Männergesangver- eins „Sängerkranz" brachte er verschiedent- lich größere Singspiele zur Aufführung und ent. wickelte den Chor zu einem geschmeidigen Klang- körper. Erfolgreich leitete er auch mehrere Jahre die Gesangvereine von Unter-Schmitten und Eichelsdorf. Dem Niddatalsünger- bund, in dessen Vorstand er als zweiter Bundesdirigent wirkte, war er während langer Jahre eine wertvolle Stütze. Die katholische Kirchen- gemeinde verliert in dem Scheidenden ihren Organisten und dem Chorleiter des Kir- ch e n ch o r s. Als Dirigent der Feuerwehrkapelle, an deren musikalischem Ausstieg er be- sonderen Anteil hatte, stellte er sich öfters in den Dienst der Wohltätigkeit und trug zur Ausgestaltung festlicher Veranstaltungen bei. In kleineren Snftrumentaltörpern wirkte er gleichfalls mit. Mit Bedauern sieht man allgemein in ihm einen Mann scheiden, der mit dem gesellschaftlichen, gesanglichen und musikalischen Gemeindeleben so stärk oerwur- zelt war.
Kreis Friedberg.
WSR. Friedberg, 9. Rov. Der Arbeiter Qinfmann, der vor einigen Tagen in der Transformatorenstation des äleberland- Werks an der Gießener Straße verunglückt war, ist seinen schweren Verletzungen und Brandwunden im Bürgerhospital erlegen.
Wirtschaft.
Geldmarkterleichterung.
Di« Entwickelung des Geldmarktes in der vorigen Woche hat die Erwartungen, die man an die Ermäßigung des Diskontsatzes der Deutschen Reichsbank knüpfen konnte, nicht in vollem Umfange erfüllt. Sowohl am kurzfristigen, als auch am Termingeldmarkt war eine leichte Versteifung festzustellen, obwohl der letzte Reichsbankausweis .eine geringe Belastung des Lombardkontos aufzuweisen hatte. Demnach hat sich dis nach der Discontermüßigung zu erwartende Verflüssigung am Geldmarkt nicht in dem Maße durchgeseht, daß von einer dauernden Geld- verflüssigung gesprochen werden kann.
Diese Entwicklung hängt anscheinend damit zusammen, daß sich am Geldmarkt doch eine Zuspitzung des Bedarfs gezeigt hat, die bisher die erwartete schnelle Erleichterung am Geldmarkt nach dem Ultimo verhindert hat. Dies ist um so auffälliger, als der Bedarf der Wirtschaft nach wie vor gering geblieben ist, und auch der Bedarf der Börse infolge der Entwicklung der Börsenkurse sich verringert hat. Rach alledem ist damit zu rechnen, daß sich in den folgenden Wochen die Verflüssigung des Geldmarltes doch durchsetzen wird. Denn die Verflüssigung auf den ausländischen Geldmärkten und der Kurssturz auf dem deutschen Effektenmarkt haben in Verbindung mit dem Konjunkturrückgang in Deutschland wesentliche Voraussetzungen für eine Entspannung der deutschen Geldmarktlage geschaffen, und der Druck, der in der Berichtswoche sich auf dem deutschen Geldmarkt geltend gemacht hat, ist nur rein zufälliger Ratur, so daß sich die internationale Entwicklung doch schließlich auch auf dem deutschen Geldmarkt geltend machen muß. Man muh auch berücksichtigen, daß die Sähe am Geldmarkt auf die Dauer kaum der Bewegung auf dem Wechselmarkte widerstehen können, zumal sich auf dem Wechsel- Markt die tatsächliche Lage des Geldmarktes zeigt, die auf die Dauer auf den Tagesgeld- und Termingeldmarkt nicht ohne Einfluß bleiben kann.
Da schaute sich dieser um. Er mußte Käthe einstweilen zu einem Stuhle geleiten, damit er die Arme frei bekam, um den Srrfinnigen dort unschädlich zu machen.
Doch Berndt Klausen hatte aus einer Tasche ein Papier gerissen und hielt es ihm entfaltet vor die Augen.
„Sie halten mich immer noch für wahnsinnig, Herr von Turnau, weil ich diese da mein« Frau nenne. Dille, lesen Sie, was hier steht — es ist der Trauschein, durch den bestätigt wird, daß Käthe Fernau in London meine Frau wurde!“
Felix Turnau stand regungslos da. Er hörte, wie Käthe verzweifelt weinte, er wußte nicht mehr, was er überhaupt denken sollt«. Tlnwill- kürlich blickte er auf das Dokument, das Berndt Klausen ihm entgegenhielt. Aber er tonnte kein Wort lesen, sah nur, daß es wirklich ein Trauschein war; er kannte diese Dokumente.
Berndt Klausen aber sagte höhnisch:
»Sch werde Shnen vorlesen, was hier steht!"
Er wandte das Blatt um. Er wollt« seinen Triumph auskosten. Da aber richtete sich Käthe mit verzweifelter Anstrengung auf.
»Komm mit fort von hier, Felix!" bat sie mit verfugender Stimme. „Richt aus seinem Munde sollst du es hören. Sch selber will dir alles sagen ..."
Sie schaute ihn an, angstvoll flehend und doch voll unbefchreiblicher Liebe.
Felix Turnau aber las in ihren Augen nur Die Angst. Er griff sich mit beiden Händen an die Stirn und stöhnte:
«Himmel, was be< eatet das alles?"
„Äichts anieres, als ich sagte!" erwiderte Klausen. „Sehen Sie sie doch an! Sieht sie nicht aus wie das verkörperte böse Gewissen? — Unb toenn Sie noch einen Beweis wollen, sehen Sie her! Kennen Sie diesen Ring!"
Er hob die rechte Hand, an deren kleinen Finger der Terlobungsring Käthes funkelte.
„Felix!" schrie Käthe auf.
Sie wankte zu ihm und sank vor ihm zu Boden. Flehend umllammerte s e ihn.
«Felix — oh, mein Felix!" stöhnte sie auf.
Roch immer faßte er das alles nicht.
„Er — spricht die Wahrheit?" murmelte er. „Du warst seine Frau?"
. »War? — Sie ist es noch! Sie ist Shre Gattin geworden ..."
„Weil ich ihn für tot hielt! Felix, ich ..."
Weiter kam sie nicht. Die Sinne drohten ihr zu schwinden. Und als Felix Turnau merkte, wie sich ihre Arme um ihn krampften, bückte er sich und hob sie empor.
„Käthe!" kam es fast schluchzend über seine Lippen.
Unö als Berndt Klausen höhnisch auflachte, übermannte Turnau der Zorn. Mit wenigen Schritten erreichte er di« Ottomane an der einen Wand, lieh die Bewußtlos« auf sie niedergleiten und wandte sich dem Sngenieur zu.
(Schluß folgt)


