Ausgabe 
11.10.1929
 
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Nr. 239 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Zreitag, 11. Gttober 1929

Oie Verteilung der Vermögen in Deutschland.

Aach dem soeben amtlich veröffentlichten Er­gebnis der letzten Vermögenssteuer-Veranlagung hat das Rohvermögen in Deutschland sich um rund vier Milliarden auf 1 1 2,2 M i l l i a r- den erhöht. Drei Dermögensgruppen von insgesamt 4 Milliarden weisen allerdings einen Rückgang auf. Eo ist das landwirtschaftlich genutzte Vermögen von 26 auf 24,6 Milliar­den gesunken, und zwar hauptsächlich, weil wegen der angewachsenen Schuldenlast viele kleinere Be­triebe unter die Steuer-Freigrenze von 5000 Mk. gefallen sind. Auf ähnliche Gründe dürfen der Rückgang des Betriebsvermögens von 43,6 auf 46,1 Milliarden zurückgehen. Auch das Grundvermögen wird mit 25,3 gegen 26,5 Milliarden geringer angegeben. Diese Ver­luste werden aber ganz erheblich wett gemacht durch die Erhöhung des Kapitalver­mögens von 9,5 auf 16,2 Milliarden. Die amt­liche Statistik sieht in dieser Zunahme um mehr als 70"Prozent eine Auswirkung der allgemeinen Dessserung der wirtschaftlichen Lage, die wieder eine allmähliche Kapitalansammlung ermöglichte, was ja von allen maßgebenden Wirtschaftlern als erste Vorbedingung für die Wiedergesundung der deutschen Volkswirtschaft bezeichnet wird. Aber es gibt noch noch sehr viele Kapitalisten in unserem verarmten Deutschland. Dann von der mehr als 62,4 Millionen umfassenden deutschen Wohnbevölkerung waren überhaupt nur 2,4 Millionen vermögens st euerpflich- t i g, also im Besitze eines irgendwie gearteten Wertes von über 5000 Mark. Es hat sich sogar ein Rückgang der Vermögenssteuerpflichtigen ergeben, der aber wohl namentlich auf die Zu­sammenlegungen von Betrieben gebucht werden must. Die Masse der Vermögenssteuerpflichtigen, und zwar sowohl natürliche wie juristische Per­sonen, findet sich mit mehr als zwei Millionen in der Desihsklasse bis 30 000 Mark, wie über­haupt erfreulicherweise der anonyme Besitz zahlenmäßig noch sehr beträchtlich hinter dem lelbstverantwortlicher Persönlichkeiten zurück­steht. Der Erfolg dieser Tatsache zeigt sich darin, dast namentlich die größeren Vermögen angewachscn sind. So sind dienatürlichen Per­sonen" mit einem Vermögen von 30 000 bis 100 000 Mark und die mit einem solchen von 100 000 bis eine Million jeweils um rund 2000 erhöht. Unb auch die Millionäre, also Per­sonen, deren Vermögensbesitz einen Wert von mehr als einer Million Mark repräsentiert, sind von 2335 auf 2465 angewachsen, so dast wir innerhalb von zwei Jahren in Deutschland 130 neue Millionäre fest stellen können.

Bär und Walfisch.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Eng­land und Rustland sollen wieder ausgenommen werden, zunächst nur in der Form der gegenseiti­gen Vertretung durch Botschafter, während die Regelung aller sachlichen Streitpunkte und damit auch die Möglichkeit einer neuen Wieder­auseinandereinigung der Zukunft Vorbehalten bleibt. Die englischen Konservativen schreien Ver­rat', formell mit Recht. Denn Henderson hat in diesem Abkommen seinen früheren Standpunkt verlassen, die Russen haben sich mit ihrer Forde­rung durchgesetzt, dast die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen die Voraussetzung für alles Weitere sei, während Henderson seine gegenteilige Meinung hat fallen lassen. Wenn aber jetzt die konserva­tive Presse in London von einerKapitulation vor Rußland" spricht, dann ist dieser Sah wohl mehr aus dem Sprachgebrauch der deutschen Presse übernommen. Sachlich jedenfalls hat Hen­derson auf nichts verzichtet, er rechnet vielleicht auch damit, daß, wenn er in der Form nach­gibt, die Russen späterhin tatsächlich zu größerem Entgegenkommen bereit sein werden.

Der russisch-englische Gegensatz, der um die Jahrhundertwende noch die europäische Politik

Musik.

Von Hugo von Hofmannsthal.

Dort, in jenen Grenzmarken, wo sich das neue und alte Europa berühren, an diesem Grenzstrich zwischen römischem, deutschem und slawischem Wesen, war die Musik entstanden, die deutsche Musik, die europäische Musik, die wahre, ewige Musik unseres Zeitalters, die volle Erfüllung, natürlich wie di« Ratur, unschuldig wie sie. Aus den Tiefen des menschlichsten der deutschen Stämme hervorgestiegen, trat sie vor Europa hin, schön faßlich wie eine Antike, aber eine christ­liche, gereinigte Antike; unschuldiger als die erste. Aus den Tiefen des Volkes war das Tiefste und Reinste tönend geworden; es waren Töne der Freude, ein heiliger, beflügelter, leichter Sinn sprach aus ihnen, kein Leichtsinn, seliges Gefühl des Lebens; die Abgründe sind geahnt, aber ohne Grauen, das Dunkel noch durchstrahlt von innigem Licht, dazwischen die Wehmut wohl denn Wehmut kennt das Volk, aber kaum der schneidende Schmerz, niemals der Einsam­keit starrendes Bewußtsein.

Richt länger in diesen Zeiten blieben die Ra­tionen eine Einheit in sich, wie wir uns die Alten denken oder die großen Völker des Orients, wie ein einziger metallener Stab das ganze Volk, einen vollen Ton gebend unterm Hammerschlag des Schicksals; am wenigsten sie, die zerklüftete von Anbeginn, die deutsche. Myriaden Seelen lösen sich von der innigen Gemeinschaft und blei­ben, Gelöste, ihr doch schwebend verbunden: un­antiken Gepräges, die neueren Menschen, Vor­väter uns und Brüder zugleich, denn wir sind für dieses Geschlecht wiederum, was sie für ihres waren: die Geistigen; nicht die Blüte der Ration, wer wagte das zu sagen ohne Scham? auch nicht das Herz, aber doch wohl ihr Flü­gel, mit dem sie sich wagt über den Abgrund der Sonne entgegen. Richts war würdig an ihnen, zu bestehen, wofern sie sich abtrenntcn im Letzten von der Wesensart des Volkes, und doch war Vereinzelung ihnen auferlegt. Furcht­bar war und ist ihr Geschick, an ihnen aber hängt doch das Geschick der Ration und sie sind die Erbvollstrecker der Jahrhunderte. Hin- und her­geworfen zwischen großem Stolz und Schwach­mut, zuzeiten dünken sie sich Göttersöhne Schöpfer; das ungeheure, fast lästerliche Wort dünkt ihnen nicht zu groß, die Fülle zu malen,

beherrschte, hat ja viel von seiner aktuellen Be­deutung verloren. Damals haben die klügsten Leute in Deutschland eine Verständigung zwischen dem russischen Bär und dem englischen Walfisch für ausgeschlossen erklärt, weil beide Länder mit ihrer ausgesprochen imperialistischen Politik im näheren und ferneren Asien unmittelbar auf» einanderstiehen. Bis sie sich dann beide doch zur Riederkämpfung Deutschlands vertrugen.

Durch die Revolution schied Rußland zunächst als Gegner Englands aus, der Bolschewismus hat aber, was er machtpolitisch nicht mehr er­reichen konnte, p r o p a g a n d i st i s ch zu er­reichen versucht. Er war durch diese neue Form des Kampfes für die Engländer in China, in Indien, in Persien wie in Arabien ein schar- fer Gegner geworden. Deshalb glaubten die Engländer besser damit zu fahren, sich mit den Russen zu vertragen, bis der Sinowjeff-

Brief die Arbeiterregierung stürzte und den Konservativen den Anlaß zum Bruch gab. Sie haben sich aber doch dabei verrechnet, sie sind aus dem russischen Geschäft heraus­gedrängt. Der englische Handel wünscht sehn­lich, daß er aus Rußland nicht ganz ausgeschaltet wird, während die russische Politik in der Aner­kennung durch England den Sprung nach Washington sieht und wohl auch englische Kredite erhofft. Die Engländer wieder wollen sich politisch in Rußland eine Rückendeckung für die kommenden Flottenverhandlungen sichern. Po­litik und Geschäft greifen also bei beiden Kontra­henten stark in einander über und haben es ge­raten erscheinen lassen, nun einmal eine gütige Einigung zu versuchen. Vielleicht gelingt es, denn die Russen haben mit ihrem Petroleum eine Waffe in der Hand, die England fürchtet.

Das Schreckgespenst der deuischen Wirischastshegemonie.

Was Lord Isothermere auf einer Oeutfchlandreise sah. Gefährliche Folgerungen.

In drei ausführlichen Aufsätzen hat der bekannte englische Zeitungsherr Lord Rothermere in seinem Hauptblatt, derDaily Mail", soeben die Eindrücke wiedergegeben, die er auf Grund einer 1 41 ä g i g e n Autofahrt durch Deutschland von dessen Verhältnissen empfan- gen hat. Eine 14tägige Schnellfahrt ist selbstver­ständlich eine viel zu kurze Zeit, als dast man er­warten könnte, daß ein mit den Verhältnissen ganz unoertrauter Ausländer sich in dieser Zeit ein eini­germaßen richtiges Bild machen kann. Ader Lord Rothermere ist nicht der erste beste, sondern seine Zeitungen haben seit 15 Jahren diejenigen englischen Bevölkerungskreise mit Nachrichten und geistiger Nahrung gespeist, denen schärfste Deutschfeindlich­keit der Anfang und das Ende aller Dinge war. Wenn derselbe Lord Rothermere jetzt in derDaily Mail" Ansichten äußert, die zum Teil doch wesent­lich anders lauten als bisher, so verdient diese Darstellung trotz der vielfachen Unrichtigkeiten der Schilderung doch immerhin erhebliche Be­achtung.

Im ersten Aufsatz, der am 7. Oktober erschien, stellt der Verfasser fest, daß Deutschland tatsäch­lich Frieden wünsche, einfach aus dem Grunde, weil es durch den Krieg seine, nach des Verfassers Ansicht natürlich imperialistischen, Ziele nicht erreicht habe. Die deutsche Industrie mache ungeheure Fortschritte und suche sogar die Zusammenarbeit mit dem alten Feinde Frankreich. Im Ausbau seiner wirtschaftlichen Macht suche Deutschland eine neue Art der Welt­herrschaft zu erreichen, und es sei im Grunde sehr zufrieden damit, daß die Verbündeten ihm die Waffenrüstung abgenommen hätten. Wenn man den Deutschen heute die allgemeine Wehrpflicht wie­der erlauben würde, würden sie sie vermutlich glatt ablehnen. Der Verfasser mahnt seine Landsleute, vor diesem neuen wirtschaftlichen Deutschland noch mehr auf der Hut zu sein als vor dem einstigen militärischen, und für die britische Ausfuhrindustrie beginne jetzt r ft der wirkliche Kampf mit diesem gefährlichen Gegner.

Der zweite Aufsatz, am 8. Oktober, war besonders bemerkenswert durch die schon gemeldete Forderung Rothermeres, England möge den Deutschen d i e Mandate über Togo und Kamerun zu­rück g e b e n. Allerdings begründet der Lord sei­nen menschenfreundlichen Vorschlag damit, daß England an diesen Kolonialfetzen bisher keine Freude erlebt habe, sondern dabei nur Geld zu­setze.

Im dritten und letzten Deutschland-Artikel Lord Rothermeres heißt es, in Deutschland seien wenig Anzeichen für individuellen Reichtum zu finden, aber auch sehr wenig für tatsächliche Armut. Die einzige Bevölkeningsgruppe ohne genügend Geld zur Befriedigung ihrer wirklichen Bedürfnisse sei

die berufsmäßige Mittelklasse. Das ge­samte deutsche Volk arbeite mit der ihm eignen planmäßigen Tatkraft für ein großes Ziel, die völ­lige Wiederherstellung der Wohlfahrt des Landes, die, wie man in Deutschland hoffe, zur indu­striellen Vorherrschaft in Europa füh­ren werde. Nicht für materiellen Gewinn allein werde gearbeitet, sondern um das Land als wirt­schaftliche Macht wieder groß zu machen. Lord Rothermere beschreibt dann sehr ausführlich die seiner Meinung nach großen Fortschritte der deutschen Industrie sowie den hohen Stand der Ge­sundheitspflege, Kinderfürsorge usw. Es heißt dann: Die unangreifbare Tatsache des fortschreitenden deutschen Wohlstandes macht es nur allzu wahr­scheinlich, daß die Geschichtsforscher nach 50 Jahren feststellen werden, daß dieSiegerim Waffe n- kampf die Besiegten im Kampf um die Mär 11 e waren, daß wir durch die Entwaffnung Deutschlands von dessen Rücken eine Last nahmen, die wir selbst behielten, und dast, während wir un­sere Stärke in unlohnenden Mandaten in Asien und Afrika und mit der Erhaltung einer weit kostspieli­geren Waffenrüstung als vor dem Kriege zersplit- terten, die Deutschen in der Lage waren, die m ä ch- t i g ft e i n b u ft riefle und wirtschaftliche Ma ch t Europas aufzubauen. Die Artikelreihe schließt mit einer eindringlichen Mahnung an Eng­land, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die englische Wirtschaft dem deutschen Wettbewerb gegenüber zu stärken, wozu auch die Regierung mit allen Mit­teln beitragen müsse, sonst könne es dazu kommen, daß die Engländer bei diesem Kampfe kei- nenPlatz an der Sonne" mehr finden durften.

Diese Schlußfolgerungen sind schon deswegen außerordentlich bemerkenswert, weil der konserva­tive Pressemaanat heute bereits mit aller Deutlich­keit die Gefahr der Wirtschaftsrivali­tät zwischen Deutschland und England herausarbeitet. Was heute in einer von dieser Seite überraschenden Ruhe und fast freundlicher Art fest- gestellt, kann morgen das Material z u einer neuen Hetze bilden. Das Bild, das Lord Rother­mere von Deutschland auswirft, mag im ganzen schmeichelhaft sein. Es hat aber zweifellos starke Nachteile, wenn nach den zahlreichen übertrie­benen Feststellungen über die wirtschaft­liche Erholung Deutschlands, die in England seit einigen Jahren an der Tagesordnung sind, nun auch in einem so ausgedehnten publizistischen Rahmen die deutsche Wirtschaftsgefahr an die Wand gemalt wird.

Daten für Samstag, 12. Oktober.

322 v. Ehr.: der griechische Redner Demosthenes auf Äalauria gestorben; 1492: Kolumbus entdeckt Amerika; er land t auf Guanahani (Westindien);

die sie in sich tragen; bann aber stürzen sie toieber bahin wie Ikarus. Das Stumme, Un­gesellige ber Ration, in ihnen warb unb wirb es zur glühenben Qual. Sie verzehrten sich im Gefühl ber unmittelbaren Fülle. Mitten unter ben Menschen waren sie einsam wie bie Eremiten. Ihrem Drang zu genügen, kam Werther, ber maßlos ßiebenbe, Fault, ber maßlos Begehrende: für sie warf Schiller Gestalt auf Gestalt in bie Welt, bie bem Gesetz ber Welt bas Gesetz bes eigenen einzelnen Herzens entgegenfteilte, unb heiß in kühnen Reben hochsinnig Gestalt bie Gestalt überbieten; für sie horchte Herber, begabt mit maßloser Gewalt bes Ohres, in bie Jahrhunderte unb in bie Völker. Aber ihrem Drang war ber Werther unzulänglich, ber Faust gab ihnen nicht bas Letzte; über Herders Ohr ging ihre Begierbe hinaus, bas Unhörbare zu erhorchen, unb Schil­lers Gestalten waren bie Berebsamkeit ihrer Träume, nicht ber Rerv ihrer Taten. Denn biefer Berebsamkeit letztes Ziel war Politik, unb banach ftanb ihnen nicht im Tiefsten ber Sinn, dazu waren sie zu unreif unb zu überreif immer toie­ber. Sie ringen um bas lebenbige Wort unb um bie lebenbige Tat, sehnen sich nach bem Unerreichlichen: baß bas Wort unb bie Tat eines sei. Mozarts Klänge waren ihren brangvollen Herzen zu erhaben in ihrer Harmonie, unb zu irbisch sriebvoll. Sie wollten ben Rebner, ber ihr Zerklüftetes in eins brächte unb bas Ueber- maß ber Empfindungen reinigte unb heiligte; ben Priester, ber ihr Herz hinauftrüge vor Gott wie ein verdecktes Opfergefäß; den Wortführer aber wie sage ich es? sie wollten ben Priester ohne Tempel, ben Wortführer gewaltig wie Moses unb boch beschwerten, behinberten Mun- bes; sie wollten ben Rebner, bas Unsägliche zu sagen. Ihre ganze Inbrunst ging auf bas, was unerfüllbar schien. Da rief ber Genius ber Ration noch einen: da trat Beethoven hervor.

Er trat herein in Haydns unb Mozarts Welt, wie Abam hereintrat zwischen bie vier Ströme des Parabieses. Er glich ben Engeln unb war nicht ihresgleichen, frommen, aber störrischen Ge­sichts; er war ber erste Mensch. Sein Verhältnis zur Musik war nicht mehr unschulbig, es war wissend. Das singende, gleichsam mit Menschen- ftimme sprechende Orchester unter seinen Händen fang nicht mehr reinen Wohllaut, verklärte Har­monie ber Schöpfung: es fang eigensinnig des einzelnen Menschen Lust und Weh. Jeder Musik­

satz war ein Thron der Leidenschaft. Ihm war Brust unb Stimme gegeben, bas Heilige aus seinen geheimen Wohnsitzen zu rufen, unb er rief es zu sich, bem Einsamen, mit ihm zu ringen unb mit ihm zu spielen. Einsam führte er ein tönenbes Gespräch mit bem eigenen Herzen, mit ber Geliebten, mit Gott, ein stockenbes Gespräch, oft ein erhaben-verwirrtes. Aus unzerbrochenem, im Aufruhr noch frommem Gemüt ward er der Schöpfer einer Sprache über der Sprache. In dieser Sprache ist er ganz: mehr als Klang und Ton, mehr auch als Symphonie, mehr als Hym­nus, mehr als Gebet: es ist ein nicht Auszu­sagendes: eines Menschen Gebärde ist darin, der dasteht vor Gott. Hier war ein Wort, aber nicht das entweihte der Sprache, hier war das le­bendige Wort und die lebendige Tat, unb sie waren eins.

Sein Werk ist nicht volkstümlich unb wollte es nicht sein. Aber es ist barin bas, was vom Volk emporsteigt in bie einzelnen unb bort aufs neue Wesen wirb, so wie bas ganze Volk ein Wesen ist, barum kann sich zwar bas Volk in seinen Werken nicht erkennen, aber bie einzelnen, bie vom Volk abgelöft sinb unb zu ihm gehören, können ihr unb ihres Volkes Wesen in ihm erkennen. Dem Mann aus bem Volk gleichen!), hatte er eine unzerbrochene, unzerklüftete Seele, Aber er hatte, was bas Volk als ganzes nicht kennt unb was bie vielen nicht kennen, bie bas Wort meist trüglich im Munde führen! geistige Leibenschaft, unb aus ihr machte er ben Sih der Musik.

Für ewig hat das Volk der Deutschen, das späteste in Europa, das neugeborene aus dem Grab eines dunkeln Iahrhunderts, seine Stimme gewonnen, und ihr Wohllaut fließe ewig durch die aufeinanderfolgenden Geschlechter hin und sei gesegnet und das Volk erkenne in ihm den innersten Klang seiner frommen und freudigen Seele.

Gießener Ferienkurse.

Die Reihe der im Programm ber Gießener Fe­rienkurse vorgesehenen künstlerischen Abendveran­staltungen beschloß gestern im Großen Hörsaal der Universität Fräulein Lieselotte Fuhrmann vom Stadtheater mit einer VorlesungM e i st e r deut­scher Pros a". Die mit Geschmack unb literarischem Verstänbnis zusammengestellte Vortragsfolge brachte

1855: der Dirigent Arthur Nikisch in Szent-Miklos geboren; 1896: der Komponist Anton Bruckner in Wien gestorben; 1924: das Zeppelin-Lustschiff L. Z. 126 verläßt Friedrichshafen zur Fahrt nach Amerika.

Obersorsimeister i. R. Augst t.

Wiederum ist eine schmerzliche Lücke in ben Reihen ber hessischen Forstbeamten entstauben. Vor einigen Tagen ist Oberforstmeister i. R. Gubtoiq Augst zu Friebberg an ben Folgen einer an fich ungefährlichen Operation im Katho­lischen Schwesternhaus zu Gießen im Alter von 67 Iahren verstorben. Kaum zwei Iahre hat er ben durch das Altersgrenzengeseh am 1. Dezember 1927 herbeigeführten Ruhestand erlebt, der ihn noch vollkommen rüstig an Körper und Geist aus der über alles geliebten amtlichen Tätig­keit gerissen hatte.

Ludwig Augst war geboren am 14. August 1862 zu Assenheim als Sohn des dortigen Kammerrats Augst. Er besuchte das Gymnasium zu Darmstadt, nach bestandener Reifeprüfung im Herbst 188a die Universitäten Gießen und München zum Studium der Forstwissenschaft. Rach in Gießen bestandenem Schluhexamen im Frühjahr 1884 unb nachfolgendem Vorbereitungsdienst für den höheren Forstdienst, sowie nach bestandenem Staatsexamen im Mai 1886 wurde der junge Forstakzessist, außer in zwei Standesherrschaften. in elf verschiedenen Oberförstereien beschäftigt unb am 1. Iuli 1892 mit 30 Iahren als Ober­förster ber Oberförsterei Altenstadt mit bem Sitz in Heldenbergen angestellt. Rachdem ber Sitz der Obcrforfterei im Frühjahr 1902 von Helben­bergen nach Friebberg verlegt unb Lubwig Augst im Iahre 1914 infolge Reuorganisation von mehreren Oberförstereien, bei ber ber größte Teil seines Dienstbezir'es der Oberförsterei Fried­berg zugeschlagen wurde, zum Amtsvorstand der letzteren ernannt worden war, hat er hier, wie in seinem ersten Amtssitz eine ungemein segens- und erfolgreiche amtliche und außeramtliche Tätig­keit entwickelt. Im Iahre 1922 erhielt er die Amtsbezeichnung Forstrat".

Seinem schönen Amte mit glühender Begeiste­rung anhängend, durch äußere Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue und besondere Begabung ausge­zeichnet, seinen Untergebenen ein wohlwollender, an ihren Sorgen teilnehmender Vorgesetzter hat er in 36jähriger vorbildlicher dienstlicher Tätig­keit die »hm anvertrauten Waldungen in erfolg­reichster Weise betreut. Den umfangreichen staat­lichen Güterbesitz hat er durch den Ankauf ber Gräflich Altleiningen-Westerburgschen Standes- herrschaft Ilbenstabt zu Siedlungszwecken ver­mehrt unb außerbem auch bie arbeitsreiche Stel­lung eines Landamtmannes für ben Kreis Frieb­berg übernommen. Da hierburch ber Kreis seiner bienstlichen Aufgaben eine erhebliche Erweiterung erfuhr, erfolgte im Iahre 1924 seine Ernennung zum Oberforstmeister.

Oberforstmeister A u g st war burch seine amt­liche Tätigkeit in der ganzen Wetterau bekannt unb in allen Bevölkerungskreisen hochgeschätzt. Sein freunbliches, zuvorkommenbes Wesen, bas neben bem pflichttreuen Beamten auch ben wohl- wollenden, hilfsbereiten Menschen immer hervor­treten ließ, Hot ihm hierbei zahlreiche Freunde erworben.

Sein vorbildliches Wirken wurde von seinen vorgesetzten Behörden gewürdigt unb anerkannt, u. a. burch Verleihung bes Ritterkreuzes 1. Kl. Philipps bes Großmütigen am 25. Rov. 1910.

Reben seiner amtlichen Tätigkeit unb seinem unermüblichen Wirken hinsichtlich ber Förderung ber Forstwirtschaft in Praxis unb Wissenschaft hat Ludwig Augst als langjähriges Vorstands­mitglied des Hessischen Oberförsterverbandes eifrig unb erfolgreich mitgearbeitet an allen Bestrebun­gen zur Hebung unb Förderung des Beamten­standes, dem er als treues, kameradschaftliches Mitglied angehörte. Außer seinem reichen und anstrengenden amtlichen und beruflichen Wirken ist er jedoch auch seinen Pflichten als Staats- und Mitbürger in vollem Maße gerecht geworden. Er war langjähriges und tätiges Mitglied der frü-

im ersten Teil Proben von Lessing, Kleist unb Gott­fried Keller; von Lessing hörte man einige Tier­fabeln (Der Rangstreit der Tiere",Die Geschichte des alten Wolfes",Der Schäfer unb die Nachti­gall"), von Kleist aus den ErzählungenDas Erd­beben von Chili", von Keller den bitteren Ausklang der schönen Novell?Romeo und Julia auf dem Dorfe". Der zweite Teil des Abends war einigen Meistern der neueren und neuesten Literatur Vor­behalten: hier vernahm man zunächst eine kurze Probe aus NietzschesZarathustra", dann denNar­ren" aus den Kriegsnovellen Liliencrons, eine kurze Probe aus dem Vagabundenbrevier von Waldemar Bonseis, den Schluß der NovelleKarl und Anna" von Leonhard Frank, und zuletzt aus Hermann HessesWanderungen" das ernste KapitelBäume". Die Vortragende las mit einem sympathischen, büh­nenmäßig geschulten Organ, doch im übrigen mit einer erfreulichen Zurückhaltung und sachlichen Hin­gegebenheit, wie man sie bei Schauspielern im Dor- tragssaale nicht immer findet.

Die stärksten und besten Eindrücke des Vortrages hinterließen die gut gegliederte und wirksam gestei­gerte Erzählung Liliencrons und die Novelle von Frank; es war zu erwarten, daß diese letztere Probe der Vortragenden, die seinerzeit bei der Urauffüh­rung des SchauspielsKarl und Anna" die weib­liche Hauptrolle gespielt hat, besonders liegen würde. Die Zuhörerschaft dankte mit lebhaftem Beifall.

Hochschulnachrichien.

Professor D. Karl Barth in Münster hat ben an ihn ergangenen Ruf auf ben Lehrstuhl ber systematischen Theologie unb Dogmen­geschichte in ber evangelisch-theologischen Fakul­tät ber Universität Bonn als Rachfolger bes Geh. Konsistorialrats O. Ritschel, zum 1. April 1930 angenommen. Professor Dr. jur. et rer. pol. Emil fieberet in Heidelberg hat ben Ruf auf ben Lehrstuhl ber Soziologie in Frank­furt a. M. als Rachfolger von Professor F. Oppenheimer, abgelehnt. Der Bibliotheks­rat Dr. jur. ct phil. Erich Auerbach.an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin ist in gleicher Eigenschaft an bie Universitätsbibliothek in Marburg verseht worben. Der Biblio­theksrat Dr. Max Zobel v. Zabeltitz an der Universitätsbibliothek in Marburg wurde in gleicher Eigenschaft an die Universitätsbibliothek in Berlin verseht.