Den Lesern des ,,Giessener Anzeiger“ glauben wir zu dienen, wenn wir ihnen nachstehend Kenntnis geben von dem Inhalt eines Artikels, der in der Essener Volks-Zeitung, dem führenden Blatt des rheinisch-westfälischen Industriereviers, erschienen ist und der sich mit dem heute im Vordergrund des Interesses stehenden Problem der Gasfernversorgung beschäftigt.
Das Gesamtinteresse des deutschen Steinkohlenbergbaues an der Gasfernversorgung.
Es ist ein eigen Dina um das I n te r e s | e d c r b r e i- 1eren deutschen Oeffentlichkeit für Angele, genheiten des Bergbaues und der Berg, ar bet ter. Im allgemeinen begnügt man sich mit dem behäbigen Bewußtsein, daß es in einigen unangenehm Verlusten Gegenden Deutschlands einen mehr oder minder großen Reichtum an Volksvermögen in Gestalt von Stein- tohle gibt, und freut sich, daß man selber weder in den rauchgeschwärzten Revieren leben muß, noch auch sonst unmittelbar von den Gefahren des Bergbaues in seiner Existenz abhängig ist. Ab und zu versteigt sich die Teilnahme der Oeffentlichkeit am Tun und Treiben der Berg, leute zu einer meist platonisch bleibenden, von durchaus unangebrachtem Mitleid mit unserm Berufsstand durchmischten Hochachtung. Ja, als die Franzosen ihre Hand ■Rad) der Ruhr ausstreckten, konnte man sogar stolz hören, „daß Deutschland sich auf seine westfälischen Bergleute verlassen könne. An den Eisenköpfen der Ruhrleute würde sich Frankreich wohl die Zähne ausbeißen." Ungeachtet der durch den Ruhrsrevel von Frankreich erreichten Zerrüttung unseres Wirtschaftslebens, ist es dann ja tatsächlich auch so gekommen.
Das gewiß sehr ehrende Vertrauen der Allgemeinheit haben die Bergarbeiter doll gerechtfertigt.
Das war als man die zähe Widerstandskraft des Ruhrreviers nötig hatte. Gehen aber die Dinge ihren regel- mäßig geordneten Gang, so erwartet, man, daß unsere Bergleute hübsch fleißig Kohle picken, sich mit ihren zähen Stammeseigenschaften durch die schweren Zeilen tapfer durchbeißen und nach Möglichkeit die öffentliche Aufmerksamkeit recht wenig für sich in Anspruch nehmen. Deutschland ist so sehr dadurch verwöhnt, daß die Kumpels an der Ruhr in guten Zeiten munter und in schweren Zeiten still verbissen arbeiten und — /schweigen, daß nachgerade bergbauliche Interessen nicht mehr die ihnen, wegen der Bedeutung des deutschen Bergbaues als Grundlage der Volkswirtschaft, gebührende Beachtung finden.
Und der Kumpel arbeitet und schweigt weiter und wir alle, die wir hier im Revier direkt oder indirekt von der Steinkohle leben und unsere Existenz auf das Gedeihen des Bergbaues aufgebaut haben, wir arbeiten auch und schwei. aen auch. In heutigen Zeiten, wo man sich in der Oef- sentlichkeil daran gewöhnt hat, nur das zu beachten, was durch amerikanisch aufgezogene Propaganda die Vorüber, gehenden zur Beachtung zwingt, ist es aber nicht gut, so zurückhaltend in der Wahrung seiner Interessen zu lein. Bei diesem Verfahren kommt es nämlich so, daß Diuge, die ganz einschneidend das Wohl und Wehe unseres Steinfohlenbergbaues berühren, unb von deren' Entscheidung somit das Gedeihen der wirtschaftlichen Grundlage der ge. samten Volkswirtschaft abhängt, nicht von diesem Gesichts- punkt aus in der Oeffentlichkeit beurteilt werden, sondern eine Behandlung erfahren, die
von Triebkräften gelenkt wird, die mit dem Interesse der Bergleute gar nichts zu tun haben und ihnen häufig direkt zuwiderlaufen.
Ein typisches Beispiel hierfür ist die Behandlung der Gasfernversorgung in der deutschen Oeffentlich- keit. Die Gasfernversorgung ist als Plan bekanntlich der Ausfluß wohldurchdachter Üeberlegungen, die sich damit befaßten, wie dem leidigen S o r t e'n p r o b l e m, durch das der Steinkohlenbergbau in seiner Rentabilität so außerordentlich schleckt beeinflußt wird, beizukommen sei. Als ,,Sortenproblem" bezeichnet der Bergmann bekanntlich die Tatsache, daß bestimmte Kohlensorten, deren An- fall durch die Technik des Fördervorganges unvermeidlich ist, auf dem Markt nicht zu solchen Preisen abgeseht werden können, daß der Erlös dieser Sorten die mengenmäßig darauf entfallenden Förderkosten deckt. Das hat zur Folge, daß mit den ungedeckten Förderkosten dieser notleidenden Koylensorten unsere bestgekauften, hochwertigen Stück- i.nd Nußkohlen belastet werden müssen. In dem Kamps nun, den unsere Steinkohle gegen die ausländische Konkurrenz nicht nur auf dem Weltmarkt, sondern schon mitten in unserm Vaterlande zu kämpfen hat, ist diele preisliche Belastung der an sich gut marktgängigen Kohlensorten darum von so verhängnisvoller Auswirkung,
weil wir infolgedessen mit diesen unfern höchstwertigen Produkten die uns von unfern Wettbewerbsgegnern aufgezwungenen Kampfpreise nicht halten können.
Dies hat jur Folge, daß zur Vermeidung eines unver. wertbaren Anfalles an notleidenden Sorten bzw. zur Vermeidung der Belastung der konkurrenzfähigen besten Sorten mit ungedeckten Förderkosten der ersteren die G e- samtförderung Deutschlands an Steinkohle in einem Maße eingeschränkt werden muß, das an sich der Möglichkeit, unsere besten Sorten aozusttzen, keineswegs entspricht. Mr müssen uns also gute Geschäfte
in den marktgängigen Sorten von der Konkurrenz weg schnappen lassen, weil wir für die bei der För- derung dieser marktgängigen Sorten in unvermeidlich hohem Prozentsatz anfallenden notleidenden Sorten keine wertentsprechende Verwendungsmöglichkeit haben. Ganz besonders erschwerend fällt bei diesem Problem noch ins Gewicht, daß keineswegs immer dieselben Sorten marktgängig bzw. notleidend sind, sondern daß hierin dauernd mehr oder weniger einschneidende Verschiebungen a u f t re t e n können.
Zahlenmäßig kann man über die Bedeutung des Sorten- Problems sich einen Begriff machen, wenn man erfahrt, daß die seit einer langen Periode am schwersten notleidende Kohlensorte des Ruhrbergbaues die Fettfeinkohle ist, deren Anfall zum 45 bis 50 Prozent, je nach der Struktur der Flöze und der Voraussetzung in den Förderanlagen und Fördereinrichtungen, unvermeidlich ist. Man kann sich vorstellen, daß em Produktionszweig nur schwer florieren kann, wenn rund 50 Prozent seiner Erzeugung unter Wert verkauft werden müssen.
Der Betrieb einer Zeche bringt einen beträchtlichen eigenen Wärmeverbrauch mit sich, den man bisher, weil die teckniscken Voraussetzungen zu einer andern Verwendung dieses edelsten Brennstoffes der Steinkohlenzechen nicht gegeben waren, durch das Koksofengas deckte, das in gewaltigen Mengen bei der Kokserzeugung der Fett- kohlenzechen als Nebenprodukt anfällt. Da dieses Koksofen- gas brennstofftechnisch außerordentlich hochwertig und seine Verwendung für nahezu jeglichen Wärmeprozeß sehr bequem ist, steht außer Frage, daß in der Volkswirtschaft hierfür außerhalb der Kohlenreviere große Absatzmöglichkeiten sich bieten, wenn dieses Gas den Ver- brauchsorten in Rohrleitungen zugeführt werden wird. Die technische Durchführung dieser Maßnahme begegnet keinerlei Bedenken mehr, nachdem in Amerika schon seit langer Zeit ausgedehnte Ferngasleitungen das Land überspannen und nachdem auch der Ruhrberabau schon seit nahezu zwei Jahrzehnten mit gutem Erfolg benachbarte Industriegebiete (im Bergischen Land usw.) mit Kokereigas versorgt.
Mit dem Sortenproblem hangt die Fern- gasversorgung insofern zusammen, als die nm* fassende Verteilung des Kokereigases in entfernt gelegenen Verbrauchsgebieten die Möglichkeit ergibt, in den bisher mit Gas beschickten Feuerungen der Bergwerksbetriebe selbst die jeweils schwer absetzbaren Kohlensorlen als Ersatz zu verwenden.
Dadurch wird der Markt von diesen notleidenden Sorten entlastet, und, da die Verwendung im Wärmebedarf des Zechenbetriebes selbst eine durchaus wertentsprechende Anwendung dieser schwer absetzbaren Kohlensorten be- deutet, wird der Bergbau auch der Notwendigkeit enthoben, nicht gedeckte Förderkosten dieser Sorten den gut absetzbaren Kohlensorten aufzuladen. Diese Sorten erhalten da- her eine weit größere Anpassungsfähigkeit an die Notwendigkeiten des Konkurrenzkampfe^geaen auslän- dische Steinkohle. Die Durchführung der Maßnahme bedingt nicht, daß jetzt die Zechenfeuerungen so eingerichtet würden, daß ausschl'eßlich nur feste Brennstoffe ver- braucht werden können, sondern die technischen Einrichlun- gen gestatten, zu jeder Zeit nach Belieben irgendwelche Sorten fester Brennstoffe, ebensowohl aber auch Koksofen- gas, aus minderwertigen Sorten erzeugtes Schwachgas, oder endlich das an vielen Stellen zur Verfügung steyende Gichtgas der Hochöfen zu benutzen. Es dürfte einleuchten, daß die hierdurch erreichte Umstellungsfähigkeit den Berg- bau befähigt, sich den konjunturbedingten Anforderungen des Marktes mit einer Schmiegsamkeit anzupassen, deren Fehlen die vorher geschilderten Auswirkungen des Sorten- Problems zur Folge hatte. Die so gedachte und in Angriff genommene markttechnische Umstellung des Bergbaues wird also eine Lösung des schwer auf b e r Nen 1 a- b 111t ä t des Steinkohlenbergbaues I a ft e n» den Sorten Problems ergeben und trägt in günstigster Form dem volkswirtschaftlichen Grundsatz Rechnung, daß es richtig ist, das höchstwertige Produkt zu transportieren, das minder marktwertige aber an Ort und Stelle oder in der Nähe zu verbrauchen.
In vielen Fällen kommen aber zu diesen ganz allgemein- bergbaulichen Gesichtspunkten, die die Durchführung der Gasfernversorgung dringend notwendig machen, noch Umstände hinzu, die in Hinsicht auf den schon erwähnten Existenzkampf des deutschen Bergbaues gegen die englische und holländische Konkurrenz von großer Bedeutung sind.
Die frachtgünstig an großen Wasserwegen, z. B. an der internationalisierten Nheinstraße gelegenen
süddeutschen Kommunen gehen nämlich in immer weitergreifendem Umfang dazu über, englische Kohle zur Gaserzeugung zu benutzen oder aber minde*
stens, die von der englischen Konkurrenz zwecks Eroberung des süddeutschen Absatzmarktes eingeräum* ten Dumpingpreise gegen die Ruhrkohle auszuspielen und dadurch unfern Bergbau zu zwingen, dorthin Kohle zu Preisen zu liefern, die mit der Wirtschaftlichkeit des Bergbaues nicht mehr vereinbar sind.
Wenn der Bergbau sich zu solchen Derlustlieferungen entschließt, so geschieht es nut, um Absatzgebiete im eigenen Lande nicht kampflos preiszugeben und um die mit der Förderung der Kohlen beschäftigten Zechen wenigstens in Betrieb halten zu können.
Daß solche Verhältnisse nur für eine bestimmte und durch die allgemeine Armut Deutschlands besonders eng begrenzte Zeit tragbar sind, liegt wohl ebenso auf der Hand, wie auch die Folgerung, daß bei derartig unvorteilhaften Geschäften an eine Besserung der Lage der Bergarbeiterschaft auf die Dauer nickt zu denken ist. In Preußen ist die Landesregierung bestrebt, einen Einfluß auf die Städte dahingehend auszuüben, diesen volkswirtschaftlich schädlichen ausländischen Kohlenbezug zu unterlassen. Das kann aber doch nur bei rein kommunalen Gasanstalten von Erfolg sein, während bei gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen, wie z. B. der Frankfurter Gasgesellschaft, eine Einwirkung von Regierungsseite in dieser Richtung von vornherein aussichtslos er|cheinen muß. Dann bedenke man aber, daß die meisten süddeutschen Städte gar nicht dem Lande Preußen angehören und somit der an sich sehr begrüßenswerten Aktion sowieso entzogen sind. Welch ungeheure Bedeutung für den Bergbau somit der Anschluß Süddeutschlands an die vom Ruhrgebiet und von Aachen aus dorthin geplante Gasfernversorgung hat, bedarf hiernach keiner Erläuterung mehr.
Mit der Kohle können wir in Deutschland Bei unserer schwer belasteten Wirtschaft die englische Konkurrenz nicht zurückdrängen. Wohl aber bietet sich die Möglichkeit, dies Ziel durch die Gasfernversorgung zu' erreichen.
Es ist einwandfrei erwiesen, daß es wirtschaftlicher ist, Kokereigas durch ein Röhrensystem nach Süddeutschland zu leiten, als dort an Ort und Stelle Gas erzeugen zu wollen. Selbst die hochmodernen Frankfurter Gaswerksanlagen, die noch dazu durch ihre Verbindung mit den RWE.-Zechen ganz besonders billige Kohlen einzukaufen in der Lage sind, liegen mit ihren Gasgestehungskosten, wie aus einer ausführlichen Denkschrift der Hessischen kommunalen Gasgesellschaft zu ersehen ist, um mehr als 1,5 Rpf. über dem Preis, zu dem das Ruhrgebiet dort an Ort und Stelle das Gas frei städtischem Gasbehälter abzugeben bereit und in der Lage ist. Hier ist also der Punkt, wo der deutsche Bergbau mit aller Gewalt den Hebel an« setzen muß, um sich auf dem süddeutschen Mar >t gegen die englische Koh le halten zu können. Gelingt es dem Bergbau nicht, gegen die vielfach rein persönlichen ober zum mindesten lokalen Jnterefsen seine Lebensnotwendigkettem durchzusetzen, so steht zu befürchten, daß nach und nach der süddeutsche Markt immer mehr Domäne der englischen Konkurrenz wird. Was dies bedeutet, wird man wohl feinem Bewohner des R uhraebie ts auseinandersetzen rnüsien. Bei der Gasfernversorgung nach Süddeutschland handelt es sich um die nackte Frage, ob die Behauptung der deutschen Brennstoffe in Süddeutschland die Aufrechterhaltung des Ruhrbergbaues in. seinem schon heute scharf eingeschränkten Umfang ermöglicht, ober ob der Verlust des süddeutschen Absatzgebietes zu immer weiterem Zecken- sterben Veranlassung gibt, wodurch über große Teile unseres Bergarbeiterstandes mit ihren Familienangehörigen und damit über das ganze mit dem Bergbau so eng verschlungene Wirtschaftsleben des RuhrgebieteS neue Rot kommen würde.
Wir hier im Ruhrgebiet haben uns auf Grund der schon seit fast zwei Jahrzehnten durchgeführten Versorgung mit Kokereigas um den erbitterten Kampf deS Bergbaues um Durchführung der Gasfernversorgung bis- her weniger gekümmert. Angesichts der im Vorstehenden geschilderten Sachlage scheint es aber dringend geboten, durch immer wiederholte Klarlegung der Verhältnisse bet jeder Gelegenheit dafür Sorge zu tragen, daß in diesem Falle endlich einmal den berechtigten Interessen des Bergbaues an der Ruhr im vollen Umfang Rechnung getragen wird.
besteht die Gefahr, daß infolge des zurückhaltenden Schweigens des Ruhrgebietes wieder einmal kleinliche Eigeninteressen obsiegen in einer Angelegenheit, von der das Wohl und Wehe der im Ruhr- gebiet angesiedelten vielen Millionen Menschen gant einschneidend beeinflußt werden kann.


