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Nr. 134 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Dienstag, 11. Juni (929

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Die Illustrierte

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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GietzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Der Anleihe-Mißerfolg.

Don unserer Berliner Redaktion.

Die vom Reichsfinanzminister Hilferding auf­gelegte Drcihundertmillionenanleihe hat nicht ein­mal die bescheidenen Hoffnungen erfüllt; insge­samt sind nur 1 77,7 Millionen gezeich- n e t worden, ein Betrag also, der gerade aus­reicht. um die Kassennöte des Reiches einen Monat hindurch aus der Welt zu schassen. Fragt man sich nach den Gründen dieses Mißerfolgs, dann gibt es darauf verschiedene Antworten. Richtig ist unzweifelhaft, daß diejenigen Kreise bei uns, die noch über ein Bankguthaben ver­fügen, kein Zutrauen zum Leiter unserer Reichs­finanzen haben. Ein gewichtigerer Grund ist aber das absolute Fehlen größerer Kapita­lien in Deutschland. Wäre Geld im Lande vor­handen, dann wäre auch die Anleihe voll ge­zeichnet worden, zumal sie mit zahlreichen Bor­zügen ausgestattet worden ist, die doch einen starken Anreiz abgegeben hätten. Die Steuer­befreiungen haben jedoch nichts genützt. Dieses Anleiheergebms ist aber auch ein schlagender Beweis dafür, daß die deutsche Wirtschaft in den Rachkriegsjahren keine Lieber sch üsse abgeworfen hat, daß vor allem auch die Repa­rationen entweder aus der Substanz oder mit Hilfe von ausländischen Anleihen geleistet wurden.

Es entsteht nun die Frage, wie sich die Kassenlage des Reiches in der nächsten Zeit gestalten wird. Bekanntlich hat der Reichsfinanzminister vom Dankenkonsortium auf die neue Anleihe einen Dorschuß von 120 Millionen Mark genommen. Die erste am 12. Suni fällige Rate der Anleihe aber beträgt 40 Prozent des Gesamtaufkommeirs, das macht etwas mehr als 70 Millionen Mark. Somit ist die Reichs­finanzverwaltung nicht in der Lage, den sogenannten Lieberbrückungskredit zurückzu- z ah len. Schon diese Feststellung genügt, um zu erweisen, daß die Hilferdingsche 500-Millionen- Anleihe ein Fehlschlag war, ganz abgesehen von den schweren Schädigungen, die dem Kremt des Reiches, der Länder und Gemeinden sowie schließlich der gesamten Wirtschaft zugeführt wor­den sind. Der Reichsfinanzminister hat auf dem Magdeburger Parteitag der Sozialdemokratie ge­sagt, daß die 500-Millionen-Anleihe nur eine ganz vorübergehend eR otmahn ahme sei und daß er die Reichsfinanzen schon wieder in Ordnung bringen werde. Bei der jetzigen ßuge der Dinge sieht das nicht so aus. Die nächste Folge ist doch wahrscheinlich die, daß Hilfermng sich wieder mit den Danken um irgendeine Kredit­verlängerung in Verbindung sehen muh. Man weiß, daß die Danken einem solchen Wunsche keine gesteigerte Sympathie entgegenbringen wer­den. Es sieht also so aus, als ob ein Ende dieser finanzpolitischen Schwierigkeiten noch nicht ab» zusehen ist. . .

Deshalb erscheint es dringend geboten, daß der Reichstag sich mit dieser Angelegenheit vor seinem Auseinandergehen nochmals ausgiebig be- schästigt. Die jetzigen Haushaltsberatungen haben ohnehin einen recht fragmentarischen Charakter denn das ganze vielberusene Gleichgewicht steht doch bestenfalls auf dem Papier und kann nur mit Hilfe des sicherlich zu erwartenden Rach­tragshaushalts hergestellt werden. Angesichts der jetzigen Schwierigkeiten der Kassenlage und der Mehranforderungen durch die Erwerbslosenve^ sicherung sowie angesichts der Tatsache daß auch im ordentlichen Haushalt, der augenblicklich zur Beratung steht, die Einnahmen allzu optimistisch, die Ausgaben aber häufig allzu knapp angeseht sind, muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß im Herbst der Finanzminister mit Rachforde­rungen, wahrscheinlich sogar mit Steuererho- Hungen kommt. Auch ist vor der Illusion zu warnen als ob die etwa durch die Inkraft­setzung des Boungplanes ersparten 400 Millionen Mark in diesem Finanzjahr für den Ausgleich des Haushalts ernsthaft in Frage kamen, von den fo dringend notwendigen Steuersenkungen ganz zu schweigen. Wahrscheinlich wird diese Summe restlos im Kassendefizit ver ^D^r Äsparteiliche Fraktionsführer, Dr. Scholz hat in einer Rede beweglich darüber Klage geführt, daß die Sparabslchten der Deut­schen Dolkspartei nur auf geringen WiderhaU bei den übrigen Parteien gestoßen sind. Sicherlich ist das Sparprogramm, das das berühmte Streich- quintett des Reichstages aufgestellt hat, keine ideale Lösung, vor allem schon deshalb nicht, weil man sich dabei nur an da s nächst­liegende gehalten hat und allen irgendwie grundsätzlichen Entscheidungen peinlich aus dem Wege gegangen ist. Schließlich aber lassen sich solche Entscheidungen nicht umgehen, denn es wird sich sehr bald zeigen, daß ein Forlwursteln im bisherigen Stile ein Ding der Llnmog- l i ch k e i t ist, wenn man nicht von vornherein die wirtschaftliche Durchführung des Dvungplanes in Frage stellen will. Diejenigen Parteien, die sich jetzt für dessen Annahme einsetzen, haben vor allem die Verpflichtung, der Werte schaffenden deutschen Wirtschaft die Freiheit der Schaffensmöglichkeit wieder zu geben. Die Erkenntnis dieser Rotwendigkeit aber ist offenbar bisher noch nicht in die Reihen aller Reichstagsfraktionen eingedrungen.

Industrie und ^oungplan.

Die Einsetzung eines Reichskommissars gefordert.

Berlin, 10. Juni. (Priv.-Tel.) Ein Berliner Mittagsblatt brachte die Nachricht, daß in den

Der König von Aegypten besucht die Äeichshauptstadi.

Berlin in Erwartung des Königsbesuchs.

Festlicher Schmuck vom Lehrter Bahnhof bis zum Prinz-Albrecht-Palais.

Berlin, 10. Juni. (WB.) Der Besuch König Fuads von Aegypten bedeutete für die Berliner eine Sensation, die für manche noch dadurch er­höht wurde, daß sie mit dem König auch den Reichspräsidenten zu sehen bekamen. Schon in den frühen Morgenstunden setzte der Z u - stromderSchaulustigen nach den St.. h:n» zügen ein, über die Kön-g Fuad seinen Einzug in die Reichshauptstadt ha..en sollte. Dom Lehr­ter Bahnhof vis zum Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstrahe hatte man eine Banner- st r a ß e geschaffen. Don rund 160 hohen Masten, die über die ganze Strecke verteilt sind, und die im Halbkreis den Vorplatz des Lehrter Bahn­hofs, das Brandenburger Tor und den Pariseir Platz schmücken, wehen die Farben des Reichs mit einem stilisierten Reichsadler und die grüne Fahne Aegyptens mit dem weihen Halbmond und drei weihen Sternen.

Das Brandenburger Tor selbst zeigt die schwarzrotgoldenen und die schwarzweihen Farben des Reichs und Preuhens. Alle öffent­lichen Gebäude Berlins haben die Flaggen ge- hiht, ebenso in der Llinaebung des Platzes der Republik und der Wilhelmstrahe, die Palais der ausländischen Vertretungen, die großen Hotels usw. Schon von 9 Llhr ab begann, während sich die Reihen der Zuschauer auf den Bürgersteigen immer mehr vergrößerten, die Aufstellung der Reichswehrformationen zum Spa­lier vom Brandenburger Tor bis zum Prinz- Albrecht-Palais. Starke Kommandos der Schutz­polizei hielten die Zehntausende zurück, die na­mentlich am Brandenburger Tor und am Pariser Platz der Ankunft des Königs harrten.

Am Lehrter Bahnhof, dessen Umgebung in weitem Umkreis abgesperrt war, marschierte bald nach 9 Uhr d i e Ehrenkompagnie der Wachttruppe, eine badische Kompagnie mit Musik, auf und nahm mit der Front zum Bahnhof Aufstellung, während etwas seitwärts eine Schwadron des Reiter-Regiments 4 sich po­stierte. Gleichzeitig fuhr an der tiesgelegenen Rampe des Kronprinzenufers eine Batterie des Artillerie-Regiments 3 auf. Die Bahnhofs­halle selbst war reich mit schwarzrotgoldenen und ägytischen Fahnen geschmückt und an der Stirnseite an dem nach dem Mittelbahnsteig zu gelegenen Portal waren Bahnsteig und Treppen reich mit Blumen und Lorbeerbäumen dekoriert. Oie Ankunst Königs Fuads. Der Reichspräsident begrüßt den König

am Lehrter Bahnhof.

Gegen 10 Uhr traf im Sonderzug in Beglei­tung des Reichsministers a. D. Dr. Rosen, des deutschen Gesandten in Kairo v. S to hrer so­wie seines Ehrendienstes und seines Gefolges auf dem mit den ägyptischen und deutschen Reichsfarben festlich geschmückten Lehrter Bahn­hof ein. Kurz vorher hatte sich der R e i ch s - Präsident in Begleitung des Staatssekretärs Dr. Meißner und -feinet persönlichen Adju­tanten, Oberstleutnant v. Hindenburg, auf dem Bahnhöfe eingefunden, wobei die vor dem Bahnhof aufgestellte Militärkapelle das Deutsch­landlied spielte, während die Ehrenkompagnie präsentierte. Ferner hatten sich zur Begrüßung des ägyptischen Königs sämtliche Mitglieder der königlich ägyptischen Gesandtschaft sowie deutscher­seits Reichskanzler Müller, Reichstagspräsi­dent Löbe, der preußische Ministerpräsident Braun und eine Reihe von Reichsministern, weiter der Ehef der Heeresleitung und der Chef der Marineleitung, Oberbürgermeister Dr. Böß und Herren des Auswärtigen Amtes eingefunden. Als erster entstieg dem Zuge der König, der sogleich vom Reichspräsidenten begrüßt wurde. Rach dem Verlassen des Bahnhofes wurde der König von den Mitgliedern der ägyptischen Ko­lonie begrüßt, worauf er mit dem Reichspräsi­denten die Front der Ehrenkompagnie abschritt,

während die Musik die ägyptische Königshymne spielte und eine Batterie der Reichswehr 21 | Salutschüsse abfeuerte. Hierauf bestieg der König mit dem Reichspräsidenten den bereitstehenden Wagen und fuhr, von Kavallerie eskortiert, durch die geschmückten Feststratzen zum Prinz-Al­brecht - P a l a i s, wo er vom Chef des Proto­kolls, Vortragenden Legationsrat Graf Tatten- bach, begrüßt wurde.

BesuchbeimReichspräsidenien

Berlin, 10. Juni. (WB.) Der König von Aegypten stattete heute um 15,30 Uhr dem Herrn Reichspräsidenten einen Gegen­besuch ab. Reichspräsident v. Hindenburg be­grüßte in der Vorhalle des Hauses den König und geleitete ihn in den Gartensaal, wo die Umgebung des Reichspräsidenten Aufstellung ge­nommen hatte. Rach Vorstellung der Begleitung führte der Herr Reichspräsident den König in sein Arbeitszimmer und verweilte hier mit ihm in längerer Unterhaltung. Gegen 16,30 Uhr ver­abschiedete sich der König, vom Reichspräsidenten wieder bis an die Schwelle des Hauses begleitet. Ein zahlreiches Publikum begrüßte den König in herzlichster Weise. Anschließend begab sich der Reichskanzler in das Palais Prinz Alb­recht, um dem König seinen Besuch abzustatten. Der König und der Reichskanzler, verweilten in längerem Gespräch. Um 17 Uhr empfing der König das Diplomatische Korps unter Führung feines Doyens Runtius P a c e l l i.

Oas Festessen.

Trinksprüche der Staatsoberhäupter.

Berlin, 10. Juni. (WTB.) Der Herr Reichs­präsident gab heute zu Ehren des Königs von Aegypten ein E s s e n, zu dem u. a. die Chefs der in Berlin beglaubigten diplomatischen Missionen, der Reichskanzler, der Reichstagspräsident, die Reichs­minister sowie der preußische Ministerpräsident mit ihren Damen geladen waren. Der König führte Frau o. Hindenburg zu Tisch; zu seiner Lin­ken saß der Herr Reichspräsident.

Bei der Tafel brachte der Herr Reichspräsi­dent einen Trinkspruch aus, in dem er u. a.

ausführte: Aegypten gehört zu den ältesten Kultur­ländern der Erde, und die deutsche Geisteswissen­schaft hat es daher für eine ihrer vornehmsten Auf- gaben gehalten, durch Erforschung der ägyptischen Kultur und Vergangen­heit zur Vertiefung der Kenntnisse über die Ent­wicklung der Menschheitsgeschichte beizutragen. Bei diesen Bestrebungen hat die deutsche Wissenschaft in Aegypten ständig verständnisvolle Förderung und Unterstützung gefunden. Gerade diese Tatsache hat wesentlich dazu beigetragen, die stets ungetrübten Beziehungen zwischen den beiden Völkern besonders freundschaftlich und herzlich auszugestalten. Zu der Verbundenheit der gemeinsamen Interessen auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften gesellt sich der glückliche Umstand, daß beide Völker auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete einander ergänzen. Mit Genugtuung stelle ich fest, daß der deutsche Kaufmann in Aegypten dank der ihm dort gewähr­ten Gastfreundschaft an dem bemerkenswerten wirt- fchaftlichen Aufschwung des Landes, der in erster Linie dem Fleiß und der Arbeit des ägyptischen Volkes zu verdanken ist, tätigen Anteil nimmt Nachdem der Reichspräsident auf das Wohl Aegyp­tens und feines Herrschers getrunken hatte, antwor­tete König Fuad in französischer Sprache mit Worten des Dankes für den ihm bereiteten Empfang und fuhr fort:

Der warme Empfang, den Ihre schöne Hauptstadt mir bereitet, bewegt mich um so mehr, als ich hierin ein neues Zeichen der Freundschaft erblicke, welche unsere beiden Länder so glücklich verbindet. Nichts ist mir angenehmer, Exzellenz, als bei dieser Ge­legenheit Deutschland in der Person seines erhabenen Staatsoberhauptes auszudrücken, wie sehr mein Volk und ich selbst von den Gefühlen der Dank­barkeit durchdrungen sind für die Bemühungen, welche Ihre Gelehrten ständig dem Studium und der Erforschung der mehrere Jahrtausend alten Geheim­nisse der ägyptischen Kultur gewidmet haben, und wie gern wir ihre weise und wertvolle Mitarbeit in den verschiedenen anderen Zweigen der Kunst und Wissenschaft begrüßen. Mit Vergnügen stelle ich fett, daß der im Wiederaufschwung begriffene deutsche Handel zu der geistigen Verbindung zwischen Aegyp­ten und Deutschland ein willkommenes wirtschaft­liches Band hinzufügt.

Venezolanische Vanden überfallen Lurarao

Willemstad ((Euracao), 10. Juni. (WTB.) (Eine bewaffnete Bande, die, wie man annimmt, aus venezolanischen Rationalisten bestand, landete Samstag abend am fiai von Willemstad. (Es kam zu einem Kampf, bei dem mehrere Polizei- beamte getötet wurden. Die Angreifer bemäch­tigten sich sodann des amerikanischen Dampfers 2H a r a c a i 6 o und brachten den holländi­schen Gouverneur von (Euracao und den Stadtkommandanten von Willemstad a l s Geisel an Bord. Sodann fuhren sie mit dem Dampfer ab und landeten an der venezolanischen Lüste. Die holländischen Beamten wurden dort w i e- der freigelassen und sind gestern abend mit dem DampferMaracaibo" wohlbehalten wieder in Willemstad eingetroffen. Der L o l o n l e r a t von (Euracao, der gestern noch im Hinblick auf den Ueber- sall auf Willemstad zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentrat, ein telegraphisches Ersuchen an die niederländische Re­gierung um unverzügliche Entsen­dung von militärischer Hilfe gerichtet. Auch der amerikanische Konsul in Willem­stad sandte sofort ein dringendes Telegramm nach Washington, in dem die unmittelbare Absendung amerikanischer Kriegsschiffe gefordert wird, von denen sich einige in der Panama-Kanalzone im Karaibischen Meer befinden.

Was tut Holland?

Keine politischen Folgerungen.

Haag, 10. Juni. (WTB.) Der holländische Minister des Aeuhern, Beelaerts van

B l o k l a n d , hatte heute eine Besprechung mit dem Kolonialminister über den Lieberfall auf Willemstad und die politischen Folgerungen. Auf Fragen von Pressevertretern erklärte der Außen­minister, daß man es hier mit einem Putsch von unverantwortlichen Elementen zu tun habe, weshalb die niederländische Re­gierung nicht beabsichtige, die Regierung von Venezuela für den Lieberfall und seine Folgen verantwortlich zu machen. Es verlautet jedoch in amtlichen Kreisen, daß die niederländische Re­gierung von der Regierung Venezuelas die Be­st r a f u n g der an dem Lieberfall beteiligten venezuelanischen Banden verlangen werde. Ent­sprechende politische Schritte seien eingeleitet wor­den. Der venezuelische Gesandte im Haag stat­tete heute dem Außenministerium einen Besuch ab, wo er mit einem höheren Beamten des Ministeriums eine eingehende Aussprache hatte. Niederländische Kreuzer gehen in See.

Amsterdam, 10. Juni. (WTB.) Der hollän­dische PanzerkreuzerHertog Hen­drik", der im Zusammenhang mit dem Besuch der königlichen Familie in Amsterdam im hiesigen Hafen eingetroffen war, hat heute plötzlich und unerwartet Amsterdam verlassen. Wie verlautet, haben die Marinebehörden Vorberei­tungen getroffen, um denHertog Hendrik" für den Fall eines Ersuchens des Kolonialministe­riums unverzüglich nach Riederländisch- W e st i n d i e n in See gehen zu lassen. Heute abend noch wird der holländische Kreuzer K a r t e n a e r" von Rotterdam aus mit einer Abteilung Marineinfanterie in See gehen, um sich so schnell wie möglich nach Cura^ao zu begeben.

Kreisen der rheinisch-westfälischen Industrie die Anregung aufgetaucht sei, die Reichsregierung möge die Einsetzung eines besonderen Reichskommissars zur Reparations­frage in Erwägung ziehen und ihn mit dik­tatorischen Befugnissen für die Ge­sundung der öffentlichen Finanzen und der öffentlichen Wirtschaft aus- statten. Dieser Kommissar solle die Möglichkeit haben, diejenigen steuerpolitischen und sozialpoli­tischen Maßnahmen zu veranlassen, die als not­wendig anerkannt werden und die im Parlament keine Mehrheit finden. Wie wir aus parlamen­tarischen Kreisen erfahren, ist diese Rachricht in ihrem Kerne richtig. Die Industrie stellt sich damit grundsätzlich auf den Standpunkt einer Mitwirkung an der Ausführung des Voung- planes, falls dieser in Kraft gesetzt wird. Sie ist aber anderseits der Auffassung, daß es zu diesem Zweck dringend starker Reformen auf Wirtschafts- und sozialpolitischen Gebiet bedürfe. Auf der anderen Seite geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß Reichs- regierung und Paralment sich mit allen Kräften

gegen eine solche diktatorische Regelung von Wirtschaftsfragen zur Wehr sehen werden.

Oer Giinnes-Prozeß.

Die Vernehmung des Privatsckretars von Waldow.

Berlin, 10 .Juni. (WTB.) Im Stinnes- Prozetz hielt der Vorsitzende dem Angeklagten von Waldow Widersprüche zwischen seinen jetzi­gen und früheren Aussagen vor, insbesondere in bezug auf Stinnes' Beteiligung bei dem Anleihegeschäft. Der Angeklagte hatte wäh­rend seiner LIntersuchungshaft Stinnes schwer be­lastet. Der Angeklagte widerruft nun die diesbezüglichen früheren Aussagen und erklärt, der ihn vernehmende LIntersuchungsrichter habe ihm während der Llntersuchungshaft mitgeteilt, Stinnes habe für ihn, den Angeklagten von Waldow, schwer belastende Aussagen gemacht. Cs sei ihm sogar gesagt worden, Stinnes wolle ihn vergiften. Er habe also unter dem Eindruck gestanden, daß Stinnes ihn ver­

nichten wollte, und unter diesem Eindruck hab« er auch die Stinnes belastenden Aussagen ge­macht. Rachdem er aber erfahren habe, daß Stinnes in Wirklichkeit ihn gar nicht be­lastet habe, habe er, der Angeklagte von Wal­dow, seine damaligen, vom Haß gegen Stinnes diktierten Aussagen zurückgenommen. Rechtsanwalt Dr. Alsberg erklärt, daß der Angeklagte von Waldow in einer systematischen Weise vom LIntersuchungsrichter gegen die an­deren Angeklagten verhetzt worden sei. Ange­klagter von Waldow bekundet, Kriminalkommis­sar R a s s o w haben auf belastende Aussagen für Stinnes gedrungen und wiederholt gesagt: Wissen Sie nicht noch was Belastendes für Herrn Stinnes; es reicht noch nicht zur Verhaf­tung." Staatsanwaltschaftsrat Berliner bittet, diese Vorwürfe gegen abwesende Beamte bis zu ihrer Zeugenvernehmung zurückzuftellen. Zufam» menfassend erklärt der Angeklagte von Waldow. daß er sich nicht für schuldig halte. Er sei der Ansicht, daß S ch r a n d t, von dem er sich aufs schwerste betrogen fühle, an fei­ner Stelle auf die Anklagebank gehöre.