Roman einer Nacht
Von Paul Nosenhayn.
25 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Sie drückte auf den Ball:
„Jach, fahre heim!"
Sokoloff schüttelte leise den Kopf und sah ihr ins Gesicht. Es war bleich: auf der Schläfe zeichneten sich feine Fältchen ab.
Wieder nahm er ihre Hand: sie war eiskalt. Wieder riß sie sich erschreckt los.
Erstaunt fragte er, indem er.ihr ins Gesicht sah: „Haben Sic Furcht vor mir, Linda?"
Sie nickte schweigend.
Er zuckte die Achseln. „Können diese zehn Minuten im Ernst den Traum einer ganzen Rächt mit einem Schlage zerstört haben?"
Sie fuhr herum und sah ihn von oben bis unten an. „Wollen Sie mich verhöhnen?"
„Ich will Sie nicht verhöhnen, Linda."
„Muß ich Ihnen wirklich sagen, warum ich mich vor Ihnen sürchte? Ilebrigen8: ich fürchte mich nicht vor Ihnen: das Wort ist sinnlos. Ich... ich... ich weih, dah Sie Fedor Sokoloff sind!"
Er nickte. „Run ja ..
„Run ja ... nun ja ... Fedor Sokoloff... das ist der Rarne eines Verbrechers!"
„Linda!"
„Rennen Sie mich nicht Linda! Wir waren ein paar Sekunden zusammen — nun, da ich sehe, dah ich das Opfer eines raffinierten Verbrechers geworden bin: nun gibt cs nur eins: diese Rachit wird ausgelöscht feiij in meinem Gedächtnis!"
„So viel kann von einem Rainen abhängen?"
Sie sah ihn mit bitterem Lächeln an. „Ach nein... das ist wieder eine Unmöglichkeit. Ich kann ja von Ihnen nicht los: das Schwerste steht mir noch bebor: mein Mann... mein Mann... ich werde meinem Manne alles sagen. Alles gestehen: dah ich im Kontinentalzuge die Dekannt- schaft eines Mannes gemacht habe, der mich mit glatten Worten eingefangcn hat, der cs verstanden hat, meine Seele gefügig zu machen, meine Gedanken einzuwiegen in gefährliche und verbrecherische Träume — der mich in seine Arme genommen hat — dem ich gefolgt wäre bis ans Ende der Welt. Wenn nicht in dieser letzten einzigen entscheidenden Minute das Wort gefallen wäre: dieser Mann ist in Wahrheit Fedor Sokoloff, jener Verbrecher, den ganz Dänemark sucht. Der sich in mein Vertrauen geschlichen hat, weil er wußte, wer ich war: der nicht meine Liebe wollte, der seinen Vorteil im Auge hatte — der mit der Frau des Polizeipräfekten Feste feierte, weil er wußte, dah er an ihrer Seite vor ihrem Manne, dem Polizeipräfekten, sicher war. Das werde ich ihm sagen — ja, das werde ich ihm sagen."
Sokolofs warf einen Blick in das Grau hinter den Fenstern, das langsam licht wurde. Die feuchte Kühle des Sortedars Sees schlug gegen die Fensterscheiben, die sich mit einer feinen perlenden Schicht bedeckten: das Auto fuhr über die Dronning Louises Drücke.
„Ich kann Sie nicht hindern — und ich will Sie nicht Hindern, Frau Linda, Ihrem Manne alles das zu sagen, was Ihr Gewissen Ihnen gebietet. Aber glauben Sie im Ernst, dah die Dinge so sind, wie Sie sie in dieser Stunde sehen?"
„Ich weiß, dah Sie Fedor Sokoloff sind!" beharrte sie zornerfüllt.
„Ja, Sie wissen, dah ich Fedor Sokoloff bin. Was wissen Sie mehr?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe Sie nicht."
„Ich meine: sind Sie sich klar darüber, was der Rarne Fedor Sokoloff bedeutet?"
„Ja."
„Vein, Linda. Mein Rarne ist ein Schlagwort — bei dem Sie sich in Wahrheit nichts denken können."
„Ich weiß, dah man Sie sucht. Daß man Sie augenblicklich festnehmen wird, wenn man Sie findet."
„Sind Sie wirklich so sehr von der Gottähnlichkeit der Machthaber überzeugt? Obwohl Sie mit einem dieser Machthaber verheiratet sind?"
„Soll das Spott sein?"
„Gewiß nicht."
„Mein Mann ist klug und gütig."
„Ich sehe, Ihr Abscheu ist tiefer, als ich geglaubt habe. Was nun, wenn ich Ihnen beweisen würde, daß Sie sich irren?“
„Daß ich mich irre? Ich weih, dah man Eie sucht, ich sage es Ihnen zum zehnten Male."
„Wenn ich Ihnen nun beweisen würde, dah alle sich irren? Dah man mich auf der Stelle freilassen würde?"
Sie wandte sich erstaunt zu ihm herum. „Ist das nun ein Trick von Ihnen? Mit dem Sie sich einen guten Abgang verschaffen wollen?"
Ein trauriges Lächeln stieg in fein Gesicht. „Glauben Sie, dah mir an einem guten Abgang gelegen wäre? Ich habe doch nur einen Wunsch: Ihnen zu beweisen, dah alle Kombinationen sinnlos sind, die sich an meinen tarnen knüpfen: dah niemand es wagen wird, Fedor Sokoloff ein Wort des Vorwurfes ins Gesicht zu sagen."
„Wenn die Dinge so liegen — wenn Sie unschuldig sind — warum haben Sie sich nicht längst zu erkennen gegeben?"
x „Gibt es dafür nur eine Erklärung: die kri- 'minelle? Besteht die Menschheit nur aus Ehrenmännern auf der einen und aus Verbrechern auf der anderen Seite? Sind nicht die tiefsten und letzten Dinge jenseits von Gut und Döse?"
Sie machte eine ungeduldige Handbewegung. „Was wollen ©i# also tun?“
„Ihnen beweisen, dah es kein ilntoürbiger ist, den Sie lieben."
„Beweisen ... beweisen ... wie wollen Sie das beweisen?"
„Ich glaube, cs gibt nur einen einzigen Weg, cs zu beweisen. Sic selbst werden ihn bestimmen, Linda."
Sie sah zu Boden, hilflos, unschlüssig. Er drückte auf den Ball des Sprechschlauches.
„Vein," sagte sie in wicdererwachendem Argwohn. „Das alles kann mich nicht täuschen. Wer sind jene Leute in der Rordfeldgasse? Warum wurden sie festgenommen? Welche Rolle spielten Sie in diesem Kreis? Warum sind Sie in Kopenhagen?"
Das Auto stoppte: der Chauffeur beugte sich lauschend zum Hörrohr.
„Die Frau Präfekt wünscht zum Schwurgericht zu fahren!"
Bruno Riebinger.
Aage Lund ging, die Hände auf dem Rücken, mit kurzen Schritten vor der Geschworenenbank auf und ab: die Augen des Vorsitzenden folgten ihm.
„Es ist, als ob sich in diesem Prozeß alles gegen die Angeklagte verschworen hätte," sagte Aage Lund kopfschüttelnd. „Ein Entlastungszeuge meldet sich: jener Bruno Riedinger. Wir warten auf ihn, alles wartet auf ihn: mit seinem Eintritt wird das ganze Gebäude der Anklage zusammenbrechen. Statt seiner trifft die furchtbare Rachricht ein: Das Schiff, mit dem er kommen soll, der Dampfer „Eva Sullivan", ist mit Mann und ..."
Der Vorsitzende unterbrach ihn. „Ob der Kronzeuge Riedinger die Angeklagte entlastet hätte, wissen wir vorläufig nicht, Herr Rechtsanwalt. Vielleicht hätte er, im Gegensatz zu Ihrer Vermutung, durch eine Aussage die letzten Zweifel an Marfa Ermolieffs Schuld beseitigt?*'
„Mitten in der Verhandlung passiert dies seltsame Malheur: die Beleuchtung versagt — man erwischt in der Eile eine andere, die Schwester der Angeklagten. In der allgemeinen Panik gerät Fräulein Ermolieff in einen Teil des Gerichtsgebäudes, aus dem sie vergeblich herauszukommen sucht ..."
„Run, nun, Herr Verteidiger:" der Vorsitzende schüttelt entschieden den Kopf. „Ich glaube, Sie werden vergeblich versuchen, dem Gericht klarzumachen, daß hier ein Zufall vorgelegen hat. Das wäre ein Zufall, dem die Angeklagte eine so große Reihe von Vorteilen verdankt hätte, daß ich skeptisch bin. Ich glaube an einen regelrechten Fluchtversuch."
„ilnö drittens," fuhr Aage Lund unerschütterlich fort, „diese nervenzermürbende Taktik meiner Mandantin, kein Wort zu sagen, was zur Aufklärung des Falles dienen kann."
Der Staatsanwalt erhob sich. „Herr Rechtsanwalt Lund hat sein Resümee gezogen, das in mancher Hinsicht auch meiner Auffassung entspricht. Ich glaube, daß die Verteidigung nach Lage der Dinge am klügsten handelt, wenn sie sich der Wucht der Tatsachen fügt; wenn sie weder von dem Zeugnis des vermutlich ertrunkenen Riedinger spricht — das sehr wohl die Vernichtung aller Hoffnungen der Verteidigung bedeuten könnte —, noch das hartnäckige Schweigen der Angeklagten ins Treffen führt, das für mich nichts anderes ist als das wortlose Bekenntnis, schuldig zu sein. Wir wollen, ich nehme das Einverständnis des Herrn Vorsitzenden, die Billigung der Herren Geschworenen als gegeben an, kurz den Fall rekapitulieren: An jenem Llbend im Grand-Hotel, in jener tiefen, durch kein Licht erhellten Rächt, hat sich ..."
Die Tür wurde aufgerissen; der Gerichtsdiener sprang hinzu, stellte eine leise Frage, wandte sich dann mit erstauntem Gesicht der Richterbank zu und meldete:
„Der Zeuge Bruno Riedinger."
Ein Flüstern, das mehr und mehr anschwoll, stieg zur Decke des Saales, schien ihn völlig zu erfüllen: wie das Brausen einer fernen Brandung steigerte sich das Gewirr der Stimmen. Alles blickte nach der Tür.
Der Eintretende war von dunklem Typ: obwohl der Ausdruck seines Gesichts gleichmütig
war, flackerten die Augen In einem seltsamen inneren Feuer: man mochte wohl bei seinem Anblick an das Gesicht eines Fanatikers denken. Vielleicht an die Züge eines Revolutionärs.
„Sie sind Bruno Riedinger?" fragte der Vorsitzende mit tiefer, betroffener Stimme; er sah dem Ankömmling mit sichtlicher Bestürzung entgegen.
„Ja, Herr Präsident."
„Können Sie sich legitimieren?“
„Hier sind meine Papiere."
Der Vorsitzende blätterte in dem Patz des Fremden und sagte dann, fassungslos mit der Hand auf den Tisch schlagend:
„Wir haben die funkentelegraphische Rachricht bekommen, daß der Dampfer „Eva Sullivan" auf der Höhe von Kullen untergegangen ist."
, „So ist es, Herr Präsident. Ich gtaube, bah die meisten Passagiere ums Leben gekommen sind. Ich hatte das Glück, mit einer jungen Dame zusammen gerettet zu werden: ein Motorschoner brachte uns nach Helsingör. Aber ich wußte, daß das Leben eines Menschen auf dem Spiele stand: man stellte mir in Helsingör ein Flugzeug zur Verfügung."
Der Richter neigte anerkennend den Kops; dann blickte er im Saal umher.
„Ist jemand hier, der diesen Herrn kennt?" Riemand antwortete.
„Fräulein Ermolieff, kennen Sie Herrn Riedinger?"
Die Angeklagte schüttelte den Kopf.
Riedinger blickte zu ihr hinüber; alles sah auf Marfa Ermolieff, deren Gesichtsausdruck sich seltsam veränderte.
„Will Fräulein Ermolieff im Ernst bei der Behauptung bleiben, daß sie mich nicht kenne?" fragte Riedinger langsam, mit einer Stimme, die fast traurig klang.
Fühlbares Schweigen legte sich über den Raum. Aller Augen ruhten aus der Angeklagten.
Sie stand plötzlich auf und sagte mit leiser Stimme:
„Ich habe die Unwahrheit gesagt. Ich kenne diesen Herrn. Es ist Bruno Riedinger."
Das Gesicht des Vorsitzenden erhellte sich. „Herr Riedinger — Sie haben gehandelt wie ein Mann. Wenige würden die Rervenkraft aufgebracht haben, mitten in einer so furchtbaren Katastrophe an Ihre Pflicht gegen einen Mitmenschen zu denken. Es gereicht Ihnen zur Ehre, daß Sie nach alledem, was Sie in diesen letzten Stunden erlitten haben, vor uns stehen. Fühlen Sie sich kräftig genug, auf die Fragen zu antworten, die Ihnen das Gericht stellen wird?"
„Ich hätte eine Ditte, Herr Präsident."
Der Vorsitzende sah ihm ins Gesicht, er überflog die Gestalt des vor ihm Stehenden mit einem prüfenden Dlick; er sah in sein bleiches Gesicht, in seine Augen, in denen noch der Schrecken der Unglücksnacht lag.
„Dringen Sie Herrn Riedinger einen Sessel."
„Dcvor ich auf den eigentlichen Fall eingehe, muß ich Sie etwas Wichtiges fragen. Sie heißen Druno Riediüger — wenigstens lautet Ihr Paß auf diesen Ramen. Auch der Ermordete hieß Druno Riedinger. Wie hängt das zusammen? Ist das eine zufällige Ramensgleichheit? Das wäre, wie ich bemerken machte, einigermaßen unwahrscheinlich."
(Fortsetzung folgt.)
schön
rfW’fr
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Henkels Putz-und Scheuerpulver putzt und scheuert alles.
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