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Samstag, U. Mai 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Ur. 109 Drittes Blatt

Wandern und weisen Bäder und Sommerfrischen.

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Ieht saucht der Dampfer heran. Seine Flanken sind breit. Das Schaufelrad wälzt in langsamen Umdrehungen seinen Eisenrumpf/ vorwärts, und die riesigen Schleppkähne schwingen ruhig hin­terdrein. Sie schlingern stark in dem trächtigen Wasser, und ihre magern Wimpelstangen ragen hoch auf in die Luft.

Die Sonne wäscht noch das letzte Licht in den Wellen . . . und versinkt dann in der grauen Abendluft. Die Farben am obersten Nand des Dampfers leuchten lebendig. Bunte Ninge sind den schwarzen Schornsteinen aufgemalt.

Der Stichkanal teilt sich in zwei Arme, die sich kurz vor Karlsruhe wieder vereinigen. Der Dampfer fährt etwas über die Kanalmün­dung hinaus dann stockt er. Halbnackte, kupfer­braune Körper kommen an Deck der Frachtkähne. Einige Nufe werden weitergegeben. Der Schlep­per kuppelt los und langsam steuern die toten Schiffe von der Strömung getrieben in den Kanal ein.

Ich lasse sie an mir vorüberziehen.

Die Ladelast sitzt ihnen tief im Gedärm und drückt ihre schwimmenden Bäuche ins Wasser. Die Kajüten des ersten Kahns sind eisengrau gestrichen. Die vielen Leiterchen, Kisten und Kasten schauen aus wie die verjüngten Festun­gen und Barrikaden einer Filmstadt. Das zweite Wasser-Lasttier ist grasgrün. Es scheint mit Ba­salt geladen zu sein, ist kahl, wie cs einem Stein­schiff zukommt. Der letzte Schleppkahn gleicht einem schwimmenden Gebirge. Er ist mit Koh­len gefüllt. In großen, gehäuften Hügeln türmen sie sich sinster über Deck. So tief sinken die Plan­ken ins Wasser, dah das Nah über Bord ge­spült wird. Alle drei Schiffe steuern nun ohne Dampf selbständig durch die Hafenanlagen, wo die elektrischen Krähne ihre Nasen wie Riesen­flugzeuge vorstrecken: zum Start der Arbeit. Es geht vorbei an Kohlcnanlagen. Holzstapeln, ge­teerten Schuppen, riesigen Kieshausen; Trans-

Drausten am Rhein hat der Schleppdampfer kehrt gemacht und nimmt nun die Bergfahrt auf. Nur die Form des grohen Rumpfes bleibt übrig. Oberhalb des Decks ist im Abenddunkel nichts mehr zu sehen. Ohne Schornsteine und Takelwerk sieht das Schiff aus wie eine Galosche des Glücks, die langsam dahintreibt. . .

leihen dieser Stadt überdies ein Gepräge, doS man nie mehr vergißt.

Beginnen wir nun einmal von hier aus einen kleinen Streifzug quer durch den schönen Oben* Wald! Steigen wir hinauf zum Bergschloh Mu- tenburg, werfen wir noch einen letzten Blick auf die zu Fühen liegende reizende Stadt. Dann aber hinein in den wunderbaren Wald! In vollen Zügen atmen wir die würzige Luft. Ein dreistündiger Marsch sührt uns in ein üppige« Wiesental, in dem das hübsche Städtchen Amor­bach liegt. Es könnte manches erzählen vom Ritter Götz von Berlichingen. von wilden Söld­nerscharen und frommen Mönchen, aber heute haben es der landschaftliche Reiz, das milde, durd) die bewaldeten Höhen ringsum sehr ge­schützte Klima, seine jodhaltige Stahlquelle, die reichen Ausflugsmöglichkeiten zu einem fried­lichen, bayerischen Höhenluftkurort gemacht. Un­ter den Sehenswürdigkeiten fei besonders die be­rühmte Orgel in der Abteikirche mit ihren 3000 Pfeifen und 30 Glocken erwähnt.

Wir wenden uns nach einer ausgiebigen Rast dem anmutigen Ottcrbachtol zu, besuchen im Borübergchen die seltsame alte Kapelle St Amorsbronn, unter deren Steinfliehen die wundertätige Quelle gluckst, die eineheil­kräftige Wirkung auf den Ehesegen" verspricht, und stürzen uns dann wieder in das Dunkel der Wälder, in das die Sonne Helle, zitternde Krin­gel wirst. Stundenlang wandern wir Über Tal und Höhen, in tiefer, meist nur von Bogelstimmen unterbrochener Einsamkeit. Bereinzelt steckt ab und zu ein nettes Dorf im Grün. Endlich taucht Bk i ch e l st a d t, das altertümliche Hessen- städtchen, auf. Es liegt in einem freundlichen Talkessel und bildet seiner grohen Borzüge we­gen einen beliebten Sommerfrischenaufenthalt. Als eine der ältesten Niederlassungen im Oden­wald ist es geschichtlich äußerst interessant. So wohnte z. B. im Einhardshos der Ratsschreiber und Biograph Kaiser Karls deS Grohen. Daher in der Nähe, zu Steinbach, die Einhardsbasilika. Auf dem Marktplatz steht als seltenes Kurio­sum das eigenartige Holzbauwerk des Rat­hauses, mit Spihdach und Glöckchen, ein Ueber- bleibsel aus dem 15. Iahrhundert. Sehens­wert ist ferner die ebenfalls aus dem 15. Iahr­hundert stammende Kirche, das dortige Oden­waldmuseum, die alte Burg, das nahe Schloß I Fürstenau. Bon Michelstadt aus machen wir uns

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singt Heinrich Seidel. Nun, cm herrliches, überaus lohnendes Wandergebiet ist der schöne Odenwald, einer der reizvollsten Punkte der deutschen Landschaft und voll von Erinnerungen an Sage und Geschichte. Prächtige Laub- und Nadelwälder schmücken seine Höhen, entzückende Städte und Dörfer, alljährlich das Ziel von tau­send und aber tausend Ausflüglern und Kur­gästen. liegen in diesem Berglande verstreut, altersgraue Ruinen gemahnen an eine reich­bewegte Vergangenheit. Einst bildete nämlich dieses Gebiet einen Bestandteil des großen rö­mischen Reiches, wie die vielen aufgefundencn Hünen- und Hügelgräber beweisen. Bielen wird es ja bekannt sein, daß auch die Nibelungen­sage zum Teil im Odenwald spielt; ein Gedenk­stein bei Grasellcnbach bezeichnet noch heute die Quelle, an der Siegfried Hagens tödlichen Speer empfangen haben soll. Im Mittelalter war der Odenwald der Schauplatz allerlei kriegerischer Ereignisse. Zahlreiche Fehden, wie der Bauern­krieg, der 30jährige Krieg, die Franzosenkriege, reichten auch bis in seine stillen Täler, und viele Schlösser, Burgen, Wälle und Türme sind noch stumme Zeugen davon. Am lebendigsten wird diese Erinnerung in dem malerisch am Main ge­legenen bayerischen Städtchen Miltenberg, das von der Miltenburg und dem Engelsberg überragt wird. Ueberall finden wir hier Spuren des Rittertums, insbesondere der weltberühmte Marktplatz mit demSchnatterloch" ist ein alt­deutsches Juwel, dem sich wohl nur Rothenburg ob der Tauber würdig an die Seite stellen kann. Die roten Sandsteinbrüchc in Miltenberg und das glitzernde Band des gewundenen Mains vcr-

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Oer schöne Odenwald.

Don Hede LinSmayer.

Wer sich krank und elend glaubt Hub wem die Seele eingestaubt: Der nehme seinen Wanderstab Lind geh die Welt bergauf, bergab!"

Am Karlsruher Gtichkanal.

Don Dr. Karl Witter.

In der dunstigen Absndluft des Rheins hockt ganz in der Ferne eine stille Gruppe von köhlen- schwarzen Kästen. Nur die dünnen Rauchfahnen zeugen von Leben.

Während von der Stadt her schon Lichter flim­mern. ist am offenen Rhein beinahe noch Tag. Westlich schwindet die Sonne, während auf der anderen Seite des Flusses der Mond mit dem zarten Gelb einer Ananasscheibe im Himmel liegt. Rechts und links säumen Pappeln und Weiden die ilferränber. Aber bas Clement bes Was­sers scheint weit ins Lanb hineinzubringen. Im milchigen Dunst schwimmen bic Büsche davon und die Poppelstämme enden schon kurz vor dem Boden und sind im Rebel wie abgeschnitten.

Rasch kommt die Gruppe aus dem Rhein draußen näher. Es sind Schiffe, die den Talweg (flußab) fahren . . . Rotterdam, Köln, Koblenz, Mannheim.

Wie starre Gerüstbauten ragen sie jetzt aus dem Wasser. Ich stehe an der Ostseite des Flusses, da wo der Karlsruher Stichkanal in ihn einmündet. In der Ferne ist die Maxauer Drücke wie ein Gürtel über das Wasser gelegt. Die Sonne wird von den Wellen gierig zer­rissen. Der letzte Streifen Mattgold wankt über bic Fläche. Der Rhein zieht, wäscht, schluckt Onbaucrnb . . . und bas Gras an ben Ufern steht wilb und zersaust. Es leben in ihm tausend Dlumenköpfe, Stauben und Rohrpfeifen: wilber Rampfer, Spitzwegerich, Nachtschattengewächse, Schafgarben, Primeln. Saure unb süße Gräser ragen durcheinander, unb bet Winb hat sie oft am Schopf.

Im Weichbilb (meint man) kommen vier Schiffe nebeneinanber aus der Rheinlandschaft dem Be­schauer entgegen. Bald aber erkennt man einen Dampfer, ber die Schlepplast von brei Fracht­

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