Ausgabe 
11.2.1929
 
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Nr. 35 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag,!'. Februar (929

Wo steht die deutsche Wirtschaft?

Anter dem Omck von Zinslast und Mangel an Eigenkapital. Wo bleibt die Derwaltungs- *cform? _ Statt Steuersenkung neue Lastensteigerung. Auf dem Wege rücksichtsloser Sparpolitik im öffentlichen Haushalt zum Ausgleich des Defizits!

Der Deutsch« In dust rie- und Han­del Stag erörterte auf seiner letzten Sitzung aus Grund eine- Berichtes des Ersten geschäfts- führenden Prä.idialmi.'gliedes, Dr. Hamm, die finanzpolitische Lage, insbesondere im Hinblick auf den neuen Rrichshaushaftüvoranschlag. Die Erörterung war. ohne die Fortschritte der deutschen Wirtschaft zu verkennen, getragen von einer außerordentlich ernsten und be­sorgten Stimmung um den Fortgang der deutschen Volkswirtschaft, insbesondere unter dem Desichtspunlt des Kapitalmangels, aus dem In Z' ammenhang mit dem Mangel an einer dem Äo la. aufbau und der Kapitalanziehung genügen i>e.. Rente und den Schwierigkeiten des Absatzes überaus ernste Besorgnisse hinsichtlich der Aufrechterhaltung einer W i rt- schaftSaktivibät und e t n e d Beschäfti- aungsgr adeS abgeleitet werden, wie sie für die B« chästigung der deuischen Arbeitskraft un­erläßlich sind. Die lebhafte Erörterung fand in der folgenden Entschließung ihren Hie» verschlag:

Die gegenwärtige Wirtschaftslage Deutschlands wird gelenn-eichnet durch einen Zustand tief» greife nder Unsicherheit der weiteren Entwicklung. Insbesondere liegt die Unsicherheit der reparationspolitischen Entwicklung schwer auf der deutschen Volkswirtschaft; entgegen dem Deist und Wortlaut des Dawes-Planes irtüHen die Reparationen statt aus wirtschaft- tichen Ueberschüs seu der Arbeitsleistung des Lan­des auS ausländischen Krediten be­glichen werden, dies nicht zuletzt deshalb, weil im Widerspruch zu den Voraussetzungen des Reparationsp.ai.es wie zu den Programmsätzen der 'De.twirtschaftskonferenz nach wie vor. zum erheblichen Teil in steigendem Maße, der Auf­nahme deutscher Arbeitserzeugnisse auf dem Weltmarkt nicht oder nur schwer üdersteigliche Hemmnisse e^tgegenge'>ßt werden.

Cu einem anderen großen Teil folgt die un- sichere Lage der deutschen W.rttchast aus dem Wangelder notwendigen kapitalisti­schen Ausrüstung, die für jede moderne Wirtschaftsführung unentbehrlich ist. Die Der- fotaung mit in- und ausländischem Fremdkapital steht unter bet Dorausbelastung eines gegenüber anderen Ländern fast aufS Doppelte ge­steigerten Zinssatzes, der wesentlich durch die zusätzlichen Kreditbedürfnisse der Reparations- last bedingt ist. Die Wiederherstellung eigener Kapitalkraft hat noch lange nicht die not­wendige Stärke erreicht. Vielmehr dauert der Schwund an notwendigstem Kapital unter dem Druck einer Steuerlast und eineS Sozialauf- wandeS. die außer Verhältnis jur inne­ren Leistungsfähigkeit der Wirt­schaft stehen, bei vielen für die Aufrecht­erhaltung der deutschen Wirtschaft lebenswichtigen Betriebe fort. Die auch durch andere Grunde besonder» erschwerte Lage der Landwirt­schaft zeigt zeitlich am ersten und inhaltlich am schärfsten bie Unerträglichkeit dieser Kapital­armut und Zinsbelastung. Auch die Zahlung hoher Löhne und eine günstige Gestaltung sonsti­ger Arbeitsbedingungen ist auf die Dauer nur möglich, wenn die Betriebe in sich selbst wiederum genügend Kapital an* sammeln können. Andernfalls wird für alle ent Betriebe, die nicht besonders günstige Der- hältnüfe aufweisen, es allmählich unmöglich, in der Detriebsausstattung und -erneuenmg den Anforderungen der Zeit zu entsprechen und den Kampf um den Absatz zu bestehen. Sie Folge dieser Verkettung von Ursachen ist die drückend

schwere Arbeitslosigkeit, durch die zur Zeit nicht allein aus konjunkturellen und jahres­zeitlichen Gründen mehr als ein Zehntel der im ArbeitSverhä.tnis erwero5tätigen Bevölke­rung aus dem Produktionsgange au-geschaltet ist. Es ist daher eine für Aufstieg oder Aiedergang der deutschen Wirtschaft entscheidend wichtige Aufgabe der nächsten Jahre, daß weitere Ein­griffe in die Wert erzeugende Kapitalsubstanz vermieden werden und die Privatwirtschaft wie­der zu ausreichender Kapitalbildung kommt; dem­entsprechend erscheint es als erste Pllicht aller Dirtschaftsbetriebe. einzeln für sich wie im Zu- fammcntoit.'en zusammengehöriger Betriebe jede mögliche Ko stenersparnis und Höch st e Wirtschaftlichkeit an'ustreben. Diese Be­mühungen werden aber aufs schwerste gehemmt, ja vereitelt, wenn die öffentlichen Gewalten immer noch steigende Anteils der Er­träge und der Vermögen für ihre Zwecke beanspruchen. Ist der Zuschutzbedarf der öffent­lichen Verwaltungen bereits von 1925/26 auf 1923/29 um rund 23 Prozent gestiegen, fo droht er nach dem eben vorgelegten Reichshaushalls­voranschlag für 1929 und anderen Merkmalen noch weiter anzuwachsen.

Es ist dringend notwendig, auf diesem Wege Einhalt zu tun und Entlastungen heroeizufühven. Leider fehlte bisher ein erschöpfender Uebrrblick über die Zusammenhänge der öffentlichen Fi­nanzen, insbesoirdere eine ausreichende Vergleich­barkeit wie auch eine klaoe Teilung der Vevant- worlungen. Wenn schon auch durch eine rasche Reform der Verwaltung nicht sofort Summen in Grötzenordnungen zu erübrigen sein werden, wie sie der Generalagent für Reparationszah­lungen in seinem letzten Berichte vor Augen zu haben scheint, und wenn schon die überaus großen sachlichen und geschichtlichen Schwierigkeiten, die sich der längst gebotenen umfassenden Re­form der Verwaltung der öffent­lichen Angelegenheiten eittgegrnftellen, nid# zu verleimen sind, so mutz nun um so mehr die endgüllige Berri.ri.gung dieser Fragen und die Wiederherstellung cLjc: wirksamen f.nair,tei­len Verantwortung aller Beteiligten angestrebt werden. Insbesondere ist zu fordern, daß die Voraussetzungen für einen entschiedenen Fort­schritt zum endgültigen Finanzausgleich in diesem Jahre endlich mit aller Klarheit geschaffen werden.

SS ist ferner dringend erforderlich, daß von Reich. Ländern und Gemeinden im kommenden ReichshauShaltsja t drr überaus ern­sten Lage Rechnung getragen und alle Kraft daran gesetzt wird, statt neuer La sten - steigerung Entlastungen zu bringen. Die in Aussicht genommenen Aenderungen bet ReichshaushaltSordnung werden begrüßt, können aber nicht genügen. Vor allem kommt eS darauf an, datz die zuständigen Manner der Regierungen und Verwaltungen endlich überall die entsagungs­vollen Pflichten der Einschränkung der öffentlichen Haushalte höher stellen als die der Schaffung neuer, aber nicht uner­läßlich notwendiger Einrichtungen. Da­neben erscheint es aber auch notwendig, die Er­füllung dieser verantwortungsvollen Aufgaben durch geeignete Selbstbeschränkun­gen des parlamentarischen Aus­gabenbewilligungsrechtes zu erleich­tern: es ist deshalb dringend zu wünschen, daß auf einem der verschiedenen hierfür vorgeschla- gegen Wege oder durch Vereinigung mehrerer die notwendigen Sicherungen im Reich, La ndern und Gemeinden umfas­send geschaffen werden.

Mit besonderem Rachdruck ist ferner gerade m diesem Jahre es erforderlich, daß mit dem Wesen des Haushalts als des für ein Jahr b i n» denden Einnahmen- und Ausgabenplanes ernst gemacht und nicht durch Gelegenheits- a e s e tz e im Laufe des Jahres erneute Lasten aus die Vollswirtschaft gelegt werden, wie es überhaupt geboten erscheint, durch eine gewisse Pause in der Schaffung neuer Gesetze, soweit sie nicht der Ausführung begonnener Ar­beiten und notwendiger Dereinfachungspläne dienen, die Bewältigung der bereits aufgenom­menen Arbeiten zu gewährleisten und Frist für das Einleben der Gesetze zu geben.

Waren die dargelegten Erfordernisse feit län­gerer Frist von allen Seiten beobachtet worden, so würde es nicht dazu gekommen fein, datz der neue Reichshaushaltsvlän zwischen Ausgaben und den nach ben bestehenden Gesetzen sich er­gebenden Einnahmen keinen Ausgleich auf­weist. Wenn, um diesen Ausgleich zu erleichtern, das Reich sich einen Anteil an Ueber- weisungssteuern vorweg sichert, so er­scheint dies in der besonderen gegenwärtigen Lage gerechtseriigt, wie es zugleich notwendig ist, daß endlich gemäß reichsrechtlicher Verpflich­tung, an die Senkung der Realsteuern gegangen wird.

Die Rache detz Kapellmeisters.

(a) Deuyork.

Das amerikanische Konzertpublikum hat (gleich dem europäischen!) die üble Gewohnheit zu fpät zu kommen und zu früh zu gehen. Diese jeden musikalisch empfindenden Menschen maßlos stö­rende Laklloste.eit wollte sich der Leier des Philharmonischen Orchesters in Philabel h.a, Leo­pold S t o l o w s k i. nicht länger gefallen lassen, und er zerbrach sich den Kopf darüber, wie er ben Konzertbesuchem eine stilgemähe Lektion er­teilen könnte. Anläßlich eines Iubiläumskonzerts fand das Publikum bei Beginn der Veranstaltung statt des vollbesetzten Orchesters nur den Diri­genten, den Konzertmeister und den Eellisten vor. Die Erschienenen gaben ihrem Unwillen lebhaft Ausdruck, doch ließ sich StokvwM dadurch nicht im geringsten stören. Mit der unschuldigsten Miene der Welt hob er den Taktstock in die Höhe, gab daS Zeichen und die sage und schreibe zwei Musiker begannen mit dem Vortrag der .Phan­tasie" von Lekeu. In gewissen Zeitabständen erschienen dann die übrigen Philharmoniker auf dem Podium, nahmen alS wäre dieS die natürlichste Sache auf Erden nonchalant ihre Plätze vor den bereitgestellten Rotenpulten ein und nahmen die Einsätze des Kapellmeisters entgegen, DaS letzte Thema der Komposition spielt« bereits das ordnungsgemäß besetzte hun- dertköpfige Orchester. Im weiteren Verlauf de« Abends verlief dann alles «inwandfv«. Als letztes Pxogrammstück jedoch war dieAbschieds­symphonie" von Haydn angesetzt, ilnb siehe da: die Musiker standen nacheinander auf, als wären sie des Spielens müde geworden. Sie verpackten vor dem Auditorium sorgfältig die Instrument« und entfernten sich. Zuguterletzt spielten nur noch zwei Geiger im Orchesterraum. Die Besucher Der» stauben Die doppelte Belehrung und konnten nicht einmal Einwände erheben. Das EröffnungS- stück begann nämlich in der Tat mit einem Geigen- und Eellosolo, und Meister Haydns Sym-

Wenn aber auch hiermit der Ausgleich nock nicht erreicht ist imb die Reichs vegterung des halb wesentliche Erhöhungen bestehender Steuern vvifchlägt, so widerspricht dies aufs Schärfste den eingangs dargelegten Erfordernissen der Volkswirtschaft: denn diese Summen werden unmittelbar oder mit «bat dem Kapital auf­bau der Wirtschaft entzogen. Ctoie- sehen davon, daß hiernach auch für die 'Reichs regierung irgendwelche neuen Qtcuererböf)trugen höchsten« nur al« Sondermaßnahmen für dieses besondere Aotjahr in Betracht komme,' sollten, ist es daher von, vollswirtschaftlichen Standpunkt auö geboten, ben Ausgleich im Reichs­haushall nicht durch neue Steuern, sondern, fr schwer dies auch fein mag. durch Ersparun­gen, sei'S auch unter Einschrmcknng oder Zurüc! stellung mancher Aufgaben, zu erzielen, zumal auch die bereits wiederholt betonten sonstigen Bedürfnisse der Vollswirtschaft auf dem Gebiete des Einkommensteuertarifs, der Kapllalbesteue- tung wie der steuerlichen Berücksichtigung von Abschreibungs» und Erneuerungsbedarf unver­ändert fortbauern und Berücksichtigung verlangen.

In diesem Zusammenhang ist endlich nicht cin- zusehen. warum bei einer üeberlaftung der ge­werblichen Wirtschaft, wie sie unleugbar besteh', steuerliche Vorrechte der erwerbs- wirtschaftlichenDetriebe der öffent­lichen Hand weiterhin aufrecht erhalten und diese Betriebe nicht mit den privatwirtschaftlichen Betrieben, mit denen sie im Wettbewerb stehen, steuerlich gleichmäßig behandelt wer­den sollen. Es erscheint deshalb notwendig, die Steuergesehe mit Beschleunigung dem Erfordernis der steuerlichen Gleichstellung der erwerbswiri- schäftlichen Betriebe der öffentlichen Hand mit den privaten Betrieben anzupassen.

phonie beenden ebenfalls zwei Solvviolknen: Der Dirigent Stokowsli hat keine einzig« Roteunter- schlagen". Seit diesem denkwürrügen Konzert soll sich das Publikum von Philadelphia generell ge­bessert haben...

Scheidung durch Adoption.

(v) Budapest.

Der biedere Budapester Gastwirt Johannes Rernes, Besitzer einer kleinen Kneipe in einem Vorort der ungarischen Reichshauptstadt, weih bis heute nicht recht, wie er zu der Ehre gekom­men ist. der Vater eines waschechten, italieni­schen Grafen zu werden. Er ist es trotzdem ge­worden, wenngleich er weder seinen feudalen Adoptivsohn, iwch irgendeinen anderen leibhafti­gen Grafen jemals zu Gesicht bekam.

Sein großes Glück vermittelte ein schlichtes Zeitungsinserat- ,Sie können ohne Mühe und Arbeit fünfhundert Pengö verdienen. Bedin­gung: unverheiratet, kinderlos und nicht vor­bestraft." Fünfhundert Pengö etwa 350 Reichsmark sind ein schönes Stück Geld für einen armen Kneipenwirt, der nicht einmal an den besten Sonntagen soviel einnahm, und so bat Meister Reines einen seiner Freunde, der eine schöne Handschrift hatte, eine Bewerbung für ihn zu schreiben und an bie betreffende Zeitung zu schicken Zwei Tage später erschien ein gar feiner Herr In der Kneip«, besah sich den Bewerber und fragte ihn, ob er bereit wäre, einen ausländischen Herrn zu adoptieren Rach- dem der Anwall versichert hatte, baß Remes auf keinen Fall in Konflikt mit den Gesetzen käme, war dieser gern bereit, den Ausländer zu seinem Sohne zu ernennen. Der feierliche Mt ging denn auch in aller Form vor sich, den Soyn" vertrat dabei der Anwall, der Kneipen­wirt erhielt seine fünfhundert Pengö und durfte sich nunmehr brüsten, der Herr Papa des Gra­sen Eduardo Monzarini--Dvrgvnde zu sein. Er war mit diesem Geschäft restlos zufrieden. Der Anwalt nicht minder, unb der edle Graf konnte

Geschichten ans aller Welt.

Honorä Daumier.

Zur 50. Wiederkehr seines Todestages.

Don Dr. Elisabet Bernhard.

Ein junger Zeichner von 22 Jahren, Sohn eines G.a,ecmeisters Daumier in Paris, kommt 1830 zu Philipon, dem Hausausgeber der Pariser po.irischen WochenschriftCaricature. Er wird Mitarbeiter, später auch für die 1832 gegründete illustrierbe TageszeitungCharivari, und zeich- «ri politisch« Karikaturen, mit einer erstaun- llchen Sicherheit der Linienführung, mit einer Keckheit der Auffassung und einer Menschen- kenntnis, wie sie nicht aus der Erfahrung stammt, sondern dem Genie eigentümllch ist. Balzac, der dama.s mit ihm zusanrmen in der Redallion derCaricature tätig ist, sagt von Daumier: Dieser Bursche da hat etwas von Michelangelo im Blut.

Er wandert auf sechs Monate ins Gsfängins, da eine seiner politischen Lithographien unlieb­sames Aussehen erregt hatt Diese kurze Unter» brechung ändert ntcM an seiner Tätigkeit und seiner lünstte.ischsn Einstellung. Er zeichnet wei­ter, beobachtet die Abgeordneten^ und Minister in den Kammer Sitzungen, die Bürger auf den Straßen und im Hawe, sein schneller 03lief und sein kritischer Geist faßt alles, was die Zeichnung dann auf den Stein bannt. Die Frische und Schärfe der Arbeiten aus seiner frühen Zeit haben nichts von dem Tastenden und Suchenden eines Anfängers. Er kann zeichnen uni) er kann sehen, und so nimmt er irgendeine künstlerische Aufgabe und meistert sie scheinbar mühelos.

Es ist erstaunlich, mit welchem Ungestüm und mit welcher Sicherheit zugleich ein Künstler wie Daumier auf die Höhe zucilt und sie sein ganzes Leben hindurch nicht verläßt. Es ist kein lang­samer Ausstieg und kein allmählicher Abstieg in feinem Schassen bemerkbar, nur die Art des Könnens wandelt sich und die Technik. Oßenn man die Ma.se seiner lithographischen Produk­tion verfolgt er hat vierzig Jahre lang etwa acht biS zehn Lithographien monat.ich veröffent­licht, und sein zeichnerisches Gesamtwerk füllt drellinddreißig umfangreiche Bände der Pariser Rationa.'bchliothek so ist man überwältigt von dem Reichtum und der Fülle seiner Persönlichkeit.

Aeuherlich ist sein Leben einfach und beschei- btn. Er ist Journalist, muß zeichnen, waS ver­

langt wird, und er bleibt dabei, di« politische und menschliche Komödie darzustellen, wie es fein großer Zeitgenosse Balzac im Roman getan hatt Don Daumiers äußeren Erlebnissen wissen wir kaum etwas; seine inneren Erlebnisse sind in seinem Werk. Bertels sagt m seinem Buch über Daumier: »Er wohnte im altfrän­kischen Paris, auf der Seine-Insel 6t. Louis, wo so viele Künstler wohntem Er guckte aus seinem Fensterchrn auf die Seinequais und die fernen Giebel. Er liebte den Tabak und daS Theater, und von seiner Frau weiß man nur, daß er sie hatte."

Dieses äußerlich so einfache Leben birgt ehre späte und große Leidenschaft. Als viele Jahre seiner zeichnerischen Tagesarbeit hinter ihm lie­gen und er anfängt, ein wenig müde von dem Stoang des Alltags zu werden, wird der Maler Daumier geboren.

Der Maler Daumier ist erst die Vollendung des Künstlers in ihm. Er fängt mit vierzig Jahren an zu malen, und ev malt bis zu feinem Tode, ohne Kompromisse, ohne Publikum, ohne Auftraggeber. Die Karikaturen muß er von nun ab zeichnen, um zu leben, als Broterwerb und auch weil seine Vart berühmt und populär ist. In der Malerei gibt es für ihn keine Kon­zessionen; es ist eine Liebe, die ihn ganz be­herrscht und immer größer, immer tiefer wird. Er malt, was er in seinem Atelier von feinem Fenster aus sieht. Wäscherinnen, die Wäsche spülen oder tragen, Leute aus dem Volk, die Vorbeigehen, Hausfrauen, die Einkäufe machen, Spaziergänger, eine Gruppe, die etwa- beob­achtet, Jongleure und Seiltänzer. Trinker und Altkleiderhändler, einen Auflauf von Menschen, einen Zusammenstoß.

Oder er interessiert sich für die Gruppierung von einigen Menschen im Innenraum, die plau­dern, ftdjen, sitzen, beobachten. Die Handlung ist immer leidenschaftlich bewegt, sie reißt die be­teiligten Personen in ihrer Bewegtheit zusammen, sie betont die Spannung, das Dramatische, das Effektvolle. Daumier ist viel mehr Dramatcker als Erzähler. Alles Leben im Bilde konzen­triert sich um eine zentrale Bewegung, die wie­derum Ausdruck eines inneren Erlebnisses ist. Bei denKupferstichsammlern zum Beispiel, die ihn oft zur Darstellung verlockt haben, ist das Hingerissensein, die Begeisterung der allen Män­ner bei der Betrachtung des Kupferstiches in immer erneuter Bewegung bet Körper wieder-

gegeben. Der eine hält da« Blatt und fein Rücken ist ganz gebogen, damit er daS Bild besser betrachten kann. Der zweite, in einer überanstrengten Bewegung, reißt sich herüber, um ja keine Einzelhell zu verlieren. Das Unbequeme seiner Stellung betont die Erwartung und die freudige Spannung des Betrachters. Beim drit­ten ist der Ausdruck des Sehens so konzentriert, so hing: leben, daß der Beschauer vor diesem kleinen Daumierschen Aquarell im Louvre den künstlerischen Rausch der brei Greise Vie ein elementares Erlebnis empfindet.

In erster ßinle ist Daumier Künstler, und nicht Psychologe. Aber well er den Körper be­obachtet und seinen Ausdruck, versteht er auch das Seelische. Er erlennt eS intuitiv, eS ist fein künstlerisches Temperament, das ihn sehend machtt ßiite Einzelheit, eine bestimmte Bewegung, ein beftimmter Ausdruck, führt ihn zur Gesamt­darstellung des Menschen. Wenn er sich als Zeichner vor allem für das Groteske interessiert, und wenn ihn das Häßliche und Lächerlich« reizt, so ist es hauptsächlich deshalb, well es größere Wögllchkeiten deS Ausdrucks bietet

Was Daumier malt und worauf eS ihm an- kommt, ist die 2ebenSenetgie, wie sie sich in allen Erscheinungen des Daseins äußert. 11 nb feine Teamik. vom Zeichnerischen her geschult, beglei­tet dieses Spiel mit großartigen Massen von Licht und Dunkel. Er hat die Art des zeich­nerischen Sehens, wie er die ilmriffc gibt, aber diese Linienführung dient nur zur Umrandung, die Darstellung des Körperlichen ist entschei­dend. Es steckt ein Plastiker in Daumier. und vielleicht wäre er für spätere Zellen auch auf diesem Gebiet ein Führer geworden. Er hat es nicht mehr versucht Die ständige Erfolglosigkeit, die Gleichgültigkeit, die man seinem malerischen Werk entgegenbringt, haben fein Schicksal ver­hängnisvoll bestimmt. Er malt, weil Malen der letzte und tieffte Ausdruck seines Weset cs ist, aber es liegt nun jene wunderbare Einsamkeit und Gröhe über seinen späteren Werken, die nichts mehr von der unruhigen Erwartung und dem stürmischen Wollen des Karikaturenzeichners verrät.

Ein Jahr vor seinem Tode erlebt der nun sieb­zigjährige Daumier die erste Gesamtausstellung feine# malerischen Werkes. Das Publikum ver­steht eS nicht, in diese große und eigenartige Kunst, die so ganz anders ist als die verschiedenen Schulen und Richtungen deS 19. Jahrhunderts.

eknzudringen. Daumier stirbt arm, fast blind, ohne Erfolg. Er wird auf Staatskosten beerdigt.

Sein malerischer Werk wird in alle Winde verstreut. Meist von Privatsammlern gekauft, wechselten seine Bllder häufig den Besitzer, viel« gingen verloren und sind noch nicht wieder auf- getaucht. Die großen Museen besitzen nur einige wenige Gemälde und Aquarelle von ihm. ES ist noch nicht sehr lange her. daß man das malerische Genie DaumierS entdeckte, dem seine Zeitgenossen fremd und teilnahmslos gegenüberstanden.

Hochschulnackrichlen.

Es find folgende Ernennungen erfolgt: der o. Professor Dr. jur. Eberhard Druck in Bres- l a u ist zum ordentlichen Professor an der Hixt* versllÄ Frankfurt a. M. und der a. o Pro­fessor Dr. Hermann Kantorowicz in Frei­burg i. B. zum ordentlichen Professor an bat Universität Kiel ernannt worden. Prof. Bruck übernimmt in Frankfurt den Lehrstuhl für deut­sches bürgerliches Recht alS Rachfolger von Pros. M. Pagenstecher, Prof. Kantorowicz ist der Kieler Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozeß als Rachsolger Radbruchs übertragen worden. Der ordentliche Professor an der Staatlichen Akademie zu Draunsberg, Dr. Phili-pp Funk, scheidet auf seinen Antrag zum 1. April 1929 aus dem Preußischen Staatsdienst aus. Gr übernimmt den durch die Emeritierung des Geh. RateS H. Stufe an der Universität Freiburg L D. erledigten Lehrstuhl der Geschichte. Der Letter der Zentrale für private 5ürft>rae in Franks urt a. M., Dr. jur. Wilhelm Pollig- feit, ist zum Honorarprofessor in der rechts­wissenschaftlichen Fakultät der borrigen Universi­tät ernannt worden.

Die Ernennung des o. Professors 5>r. Harry Mahnc von der Universität Bern zunr ordent« lichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität Marburg ist erfolgt; ihn' wurde in Marburg der durch bie Emeritierung des Geh. Rates G. Elster erledigte Lehrstuhl der neueren deutschen Sprache und Literatur über­tragen.

Zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls der Psy­chiatrie an der Universität zu Bonn (an Stells bed Geheimen Medizinalrats A. Westphal) ist ein Ruf an Prof. Dr. Georg Stertz in Kiel ergangen.